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Neunzehntes Kapitel.
Eine Krisis

Als Leon an dem Morgen, welcher der Vorstellung im Opernhause folgte, aufwachte, fand er sich sorgsam in Decken gehüllt auf dem Sopha im Salon liegen. Cara, in ein geschmackvolles Negligée gehüllt, saß neben ihm und sah bleich und angegriffen aus. Der junge Mann konnte sich nicht gleich der Ereignisse des vergangenen Abends erinnern, und als Cara nun mit thränenvollen Augen zu ihm aufblickte, nachdem sie vor dem Sopha hingekniet war, blickte er sie mit großen Augen erstaunt an.

»Endlich, endlich, mein Geliebter, schlägst du die Augen wieder auf. Ich kann meine Blicke wieder in die deinigen versenken. Gott sei gelobt, daß diese schreckliche Nacht vorüber ist.«

Sie küßte ihn, und als er sprechen wollte, bat sie ihn zu schweigen und sich zu schonen.

»Bin ich denn krank gewesen?« fragte er.

»Fühlst du dich nun wieder besser?«

Leon warf die Decken ab und erhob sich von dem Sopha. Ein leichter Schwindel befiel ihn, aber er ging schnell vorüber und bald gewann Leon auch die Herrschaft über seine Gedanken wieder.

Erschreckt blickte er plötzlich Cara an, denn er erinnerte sich nun deutlich, daß er sie am gestrigen Abend ohne Abschied verlassen habe. Noch hatte dieses Weib eine so große Macht über ihn, daß er ihren Unwillen fürchtete.

»Woran denkst du?« fragte Cara und schlug die Augen schmerzvoll zu ihm auf.

»Ich … ich … weiß nicht, Hortense; ich dachte, daß du mir zürntest, weil ich gestern Abend …«

»Zürnen?« gab Cara in resignirtem Tone zur Antwort. »Ich habe nicht das Recht, dir zu zürnen, wenn ich auch Ursache hätte. Ich liebe dich, Leon, o wenn du wüßtest, wie sehr! Ach, nur das Eine verlange und hoffe ich, daß du diese Liebe nicht von dir stößt. Schlage mich, züchtige mich, aber verstoße mich nicht. Im Namen Gottes, vor dem wir uns Liebe geschworen haben, verlasse deine Gattin nicht.«

Die zarte Gestalt Caras wurde von einem convulsivischen Zittern befallen und während ihren Augen unaufhaltsam Thränen entstürzten, schwankte sie auf Leon zu, fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee.

Leon war verwirrt, verlegen, gerührt. Er zog die Geliebte zu sich empor und küßte sie auf die Stirne.

»Wie kommst du auf diese bösen Gedanken?« fragte er leise und stockend, denn sein Gewissen war nicht ruhig.

Cara entwand sich seinen Armen und suchte die Thränen zu trocknen. Dann bat sie Leon, sich zu setzen und sie ruhig anzuhören. Leon folgte ihrem Wunsche.

»Leon,« begann Cara, »seitdem wir von unserer Hochzeitsreise zurückgekommen sind, hat sich ein Schatten zwischen unsere Herzen gedrängt, der sie trennt. O, erwidere nichts, wir wollen uns keine Vorwürfe machen. Die äußeren Verhältnisse, in welchen wir leben, sind recht geeignet dazu, unsere Laune zu trüben. Bis zum gestrigen Tage glaubte ich, daß dieser Schatten vorübergehend sei, aber gestern! Du liebst mich nicht mehr, du liebst eine Andere.«

Leon machte eine Bewegung, aber Cara fuhr schnell fort:

»Es ist vielleicht eine alte Liebe, welche in dir plötzlich wieder erwacht ist, denn ich merkte dein plötzliches Erschrecken, dein Staunen, deine Aufregung, als gestern jene Debütantin zum ersten Male die Bühne betrat. Von diesem Augenblicke an mißachtetest du mich und hattest nur Augen und Ohren für sie, für dieses Fräulein Bourdon. Ich will nicht fragen, in welcher Beziehung du zu ihr stehst; ob du gestern Abend ihre Bekanntschaft erneuert hast, während ich schlaflos die langen Stunden der Nacht auf dich wartete, endlich in einen fieberhaften Schlaf fiel, aus dem ich erst durch dein Stöhnen und Seufzen hier im Salon erweckt wurde.«

Leon senkte das Haupt. Er suchte vergeblich nach Worten, um seine Verlegenheit zu verbergen. Endlich erwiderte er und suchte sorglose Gleichgiltigkeit zu affectiren, was ihm aber schlecht gelang:

»Ich kenne die junge Dame, Hortense, und sah sie gestern nach langer Abwesenheit unerwartet wieder.«

»Und du liebst sie?«

»Ich liebe sie? Nein. Ich liebte sie einst, aber sie stieß meine Liebe zurück.«

»Eine Komödiantin weigerte sich, deine Liebe zu erwidern?«

Leon runzelte die Stirn.

»Sie war nicht immer Komödiantin und sie ist auch jetzt keine Komödiantin der gewöhnlichen Art.«

»Ah! Diese Worte sagen mir, daß du sie noch liebst. Man spricht nicht so rücksichtsvoll von einer Dame, die man einst geliebt und jetzt vergessen hat. Was gedenkst du zu thun?«

»Was ich zu thun gedenke?« fragte Leon erstaunt zurück.

»Nun ja! Du hast die Dame gestern wiedergesehen, du wirst die Absicht haben, sie noch häufiger wieder zu sehen, ihr vielleicht nochmals deine Liebe zu gestehen! Nicht wahr? Aber hast du bedacht, was das für Folgen für unser Verhältnis haben kann?«

»Ich versichere dich, Cara …«

»Versichere nichts, was du nicht bestimmt weißt. Ich spreche jetzt nicht von mir, sondern von dir. Du liebst eine Andere mehr als mich, du wirst dich nicht damit begnügen, sie aus weiter Entfernung platonisch zu verehren, sondern dich ihr aufs neue nähern. Sie wird dich erhören, Leon, ich weiß es, denn deinen Schwüren kann kein Weib widerstehen. Habe ich es doch selbst erfahren und alles dahingeopfert, um nur mit und bei dir leben zu können.«

»Aber du redest in den Tag hinein,« erwiderte Leon ärgerlich, »du siehst sehr schwarz. Ich werde ihr niemals wieder von Liebe sprechen. Sie hat mich verstoßen, ehe ich dich kennen lernte und die Liebe zu dir ließ mich Jene vergessen.«

»Und deshalb hast du auch wohl nie mit mir über Fräulein Bourdon gesprochen?«

Der junge Mann fühlte sich getroffen. So offenherzig er auch sonst stets gegen seine Geliebte gewesen war, das tiefste Geheimnis seines Herzens hatte er ihr nie mitzutheilen gewagt. Er versuchte zu lächeln, als er erwiderte:

»Man spricht mit seiner Braut nicht über vergangene Liebschaften.«

»Ich habe dir nichts aus meinem früheren Leben vorenthalten,« sagte Cara vorwurfsvoll.

»Es ist wahr, ich that vielleicht Unrecht. Aber wollen wir uns jetzt mit Vorwürfen die schönen Stunden trüben? Laß uns dieses Gespräch beendigen. Ich sage dir noch einmal, daß du dich beruhigen kannst. Ich bleibe dir treu. Komm, Hortense, laß dich umarmen!«

Cara wehrte seine Zärtlichkeiten mit trüber Miene ab.

»Ich wollte, ich hätte dich nie kennen gelernt, Leon,« sagte Cara.

Leon unterbrach sie mit einer halb ärgerlichen, halb zärtlichen Bewegung. Er bedeckte ihren Mund mit Küssen, schlang seinen Arm um ihre Hüften und suchte in alter Weise Liebe zu heucheln. Das Gewissen schlug ihm dabei, aber er war doch froh, als Cara endlich ihr gewohntes Benehmen wieder annahm und sogar über ihre Schwarzseherei lächeln konnte.

Als sich die Liebenden scheinbar ganz wieder versöhnt hatten, warf Cara die Frage auf:

»Ohne Hintergedanken spreche ich jetzt mit dir, Leon! Hast du Fräulein Bourdon gestern Abend noch persönlich gesehen?«

»Nein.«

»Ich glaube dir und will nicht fragen, wo du gestern bis spät in die Nacht geweilt hast. Wirst du sie aber doch besuchen?«

»Du inquirirst schon wieder, Hortense, das ist nicht hübsch.«

»O, ich wünschte, du erkundigtest dich nach ihr, nach ihrem Befinden, nach ihren Verhältnissen, welche nicht die besten sein werden.«

»Ich will aufrichtig sein. Gestern Abend hatte ich die Absicht, heute Morgen habe ich sie aufgegeben. Wäre sie mir freundlich entgegen gekommen, so hätte ich nicht gesäumt, ihr meine Aufwartung zu machen.«

»Und wer ist sie eigentlich? Ist Bourdon ihr wirklicher Name?«

»Wie kommst du zu dieser Frage?« erwiderte Leon in leichter Verlegenheit.

»Nun, Komödiantinnen nehmen häufig einen falschen Namen an. Aber wenn du die Frage nicht beantworten willst, so zürne ich dir deshalb nicht. Hat die Dame noch Eltern? Ist sie wohlhabend?«

»Zwei Fragen auf einmal!«

»Du weichst mir aus. Ich frage aus Neugierde. Ich möchte wissen, wie ein junges Mädchen ohne Eltern und ohne Vermögen zur Bühne gehen kann!«

»Warum nicht?«

Cara zuckte die Achseln.

»Wenn das so leicht wäre, würden wohl viele arme hilflose Mädchen diesen Weg einschlagen. Gemeiniglich ist derselbe aber nur durch allerlei Opfer zu erkaufen.«

Cara kam ihrem Ziele näher. Sie hatte die Absicht, das Herz Leons auf die grausamste Art zu prüfen, indem sie seine Eifersucht zu erregen suchte. Wenn ihr dies gelang, so hatte sie die Gewißheit, daß Leon die schöne Unbekannte noch liebe, und konnte dann bewußt darauf hinarbeiten, Fräulein Bourdon zu verleumden, während sie jetzt noch im Dunkeln tappte.

»Ich verstehe davon nichts,« erwiderte Leon und stand vom Tische auf. »Fräulein Bourdon existirt für mich nicht mehr, und ich will auch nicht wissen, was sie jetzt ist, und in welchen Verhältnissen sie lebt.«

»O, es wird mir leicht werden, darüber authentische Erkundigungen einzuziehen,« sagte Cara, »wenn du dich doch vielleicht dafür interessiren solltest.«

»Wie, du könntest Erkundigungen einziehen?«

»Ja. Gestern Abend trat ein Bekannter von mir, der Advocat Riolle, in meine Loge, als du fort warst, und machte mir einige Andeutungen, daß er näheres über Fräulein Bourdon wisse.«

»Ei. Und welcher Art waren diese Andeutungen?« fragte Leon unruhig.

»Wie gesagt, ich habe denselben nichts Bestimmtes entnehmen können. Aber wenn du willst, werde ich ihm heute noch einen Besuch machen und zweifle nicht …«

Leon ging mit großen Schritten unruhig im Zimmer auf und ab, bisweilen scheue Blicke auf Cara werfend, die ruhig zu ihm empor sah. Es kam ihm nicht ungelegen, daß Cara die Absicht hatte, ohne ihn auszugehen. Ihre Gegenwart war ihm peinlich; denn, obgleich er sich theils aus Furcht, theils aus Mitleid zu neuen Zärtlichkeiten gegen sie hatte hinreißen lassen, verzehrte ihn doch eine bange Sehnsucht nach Madeleinen. Er gestand sich selbst nicht ein, daß er diese noch liebe und erklärte seine eigene Unruhe aus der Neugierde, wie und in welchen Verhältnissen seine Cousine jetzt lebe und was für einen Grund sie habe, ihn abzuweisen. Der gestrige Vorfall an der Hinterthür des Opernhauses hatte ihn zwar anfangs furchtbar erregt, aber heute Morgen bei ruhigerer Ueberlegung sagte er sich, daß Madeleine ihn nicht erkannt habe. Mit Haß gedachte er jedoch des Mannes, welcher ihm den Faustschlag versetzt hatte.

Alle diese Gedanken durchschwirrten schnell sein Gehirn, als er im Zimmer auf- und abging. Wenn er Cara die Erlaubnis gab, sich bei Riolle nach Madeleine zu erkundigen, so konnte er selbst ungenirt anderweitig Erkundigungen einziehen. Er trat auf Cara zu und, indem er ihre Wange streichelte, sagte er lächelnd:

»Du scheinst mir in der That neugieriger zu sein, als ich selbst.«

»Nun, was das betrifft …«

»Ihr Frauen seid alle neugierig! Gestehe es nur. Gehe hin und erkundige dich.«

»Du erlaubst es also?«

»Gewiß, um dir einen Beweis zu geben, daß ich deinen Argwohn nicht fürchte.«

Cara beeilte sich nicht allzusehr, den Besuch bei Riolle zu machen. Sie wollte Leon merken lassen, daß ihr die Angelegenheit ziemlich gleichgiltig sei. Drei Tage verstrichen, während welcher Beide das gewohnte Leben fortsetzten, so gut es ging. Eine ungemeine Reizbarkeit Leons belehrte jedoch Cara, daß es nun nothwendig sei, vollständige Klarheit zu erlangen, wenn nicht die geheime Kluft zwischen ihm und ihr immer größer werden sollte. Sie ahnte nicht, daß Leon verschiedene Male unter guterdachten Vorwänden allein ausging und dann vergebliche Versuche gemacht hatte, bei Madeleine vorgelassen zu werden. Auch Herrn Byasson hatte er einen Brief geschrieben und demselben von dem Wiederfinden Madeleinens in Kenntnis gesetzt, mit dem Bemerken, daß es ihm zu seinem größten Leidwesen unmöglich gewesen sei, Madeleine zu sehen und zu sprechen. Auf diesen Brief hin war Byasson zu dem Ehepaare Haupois geeilt und hatte sodann den Besuch bei Madeleine gemacht.

Am dritten Tage hatte Cara endlich ihren Entschluß ausgeführt. Als sie von Riolle zurückkam, empfing sie Leon mit den Worten:

»Nun? Hast du endlich deine Neugierde befriedigt?«

»Ja.«

»Nun, erzähle!«

»Fräulein Bourdon hat weder Eltern noch Verwandte; hier in Paris wenigstens nicht.«

»Das wußte ich!«

»Sie ist auch arm, blutarm!«

»Das ließ sich denken. Und weiter?«

»Das ist alles.«

»Mehr hast du nicht erfahren?«

»Ja, noch etwas, aber ich weiß nicht, ob dir die Neuigkeit angenehm ist. Wenn du die Dame früher geliebt hast, wie du selbst mir zugestanden, so möchte ich dir den kleinen Aerger wohl ersparen.«

»Deine Worte sind dunkel. Erkläre dich deutlicher,« erwiderte Leon dringend, denn ein ungewisses Etwas in Caras Wesen ließ ihn ein Unheil ahnen.

»Du willst es also wissen?«

»Ja, ja!«

»Nun, Fräulein Bourdon hat sich auf eine sehr einfache Weise die Mittel ihrer Ausbildung zu verschaffen gewußt.«

»Nun, wie beim? Du spannst mich auf die Folter!«

Cara spielte mit Leon, wie die Katze mit der Maus. Das, was sie ihm jetzt sagen wollte, war der Prüfstein, ob sie die frühere Geliebte Leons noch zu fürchten habe, oder nicht.

»Man spricht eigentlich nicht gerne davon.«

»Sprich, sprich endlich!« drängte Leon.

»Fräulein Bourdon war früher die Maitresse meines Bekannten Riolle und ist jetzt Mr. Evensons Geliebte.«

Leon zuckte zusammen, sein Gesicht erbleichte plötzlich und ein zorniger Blick schoß aus seinen Augen.

»Das ist nicht wahr, das ist eine Verleumdung!« rief er wild aus.

Cara erschrak heftig.

»Ich versichere dich …«

»Sprich nicht, wenn dir dein Leben lieb ist. Madeleine kann nicht so tief gesunken sein. Und du, Cara, willst dir einen schlechten Scherz mit mir machen.«

Leon ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, heftig gestikulirend und wilde Flüche ausstoßend. Immer, wenn er in die Nähe Cara's kam, wich diese zurück. In solchem wilden Zorne, in solch schreckhafter Aufregung hatte sie ihn noch nie gesehen. Fast bereute sie, Leon die Wahrheit gesagt zu haben, denn sie glaubte aus Riolle's Reden allerdings das Gesagte vernommen zu haben, aber Leon ließ ihr keine Zeit, ihre Gedanken zu sammeln.

Er stellte sich plötzlich vor sie hin. Alle Muskeln in seinem bleichen Gesichte schienen zu zittern und mit drohendem Tone sagte er zu ihr:

»Gestehe, daß du gelogen hast, Cara.«

Cara ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

»Ich habe nicht gelogen, Leon.«

»Wer hat dir's denn vorgelogen?«

»Ich weiß nicht, ob er mich belogen hat. Ich sprach mit Riolle.«

»Und was erzählte er?«

»Die junge Dame sei seit Jahresfrist von ihm und dem Amerikaner Mister Evenson unterstützt worden. In den letzten Monaten vor ihrem Debüt habe sich das Verhältnis zwischen den Letzteren und Fräulein Bourdon sehr intim gestaltet. Sie habe eine elegante Wohnung in der Rue Taibout inne gehabt und dort die Besuche ihres Gönners öffentlich empfangen. Jetzt gedächten Beide miteinander nach Amerika auszuwandern.«

Leon hatte sich aufs Sopha gesetzt und fragte nicht weiter. In seinen Mienen drückte sich ein hoher Grad von Entschlossenheit aus. Daß das Gehörte eine bodenlose Verleumdung sei, war seine feste unumstößliche Ueberzeugung. Endlich fragte er:

»Wo wohnt dieser Advocat Riolle?«

Cara sah ihn erschrocken an.

»Willst du ihn besuchen?«

»Ja.«

»Weshalb?«

»Um ihn für seine Verleumdung zu züchtigen.«

»Um Gottes Willen!«

»Willst du mir nun seine Adresse nennen?«

Cara schwieg. Sie überlegte, welche Folgen es für sie haben könne, wenn sie Leon die Adresse Riolles mittheile. Endlich in der Ueberzeugung, daß Leon auch ohne ihre Hilfe leicht den bekannten Advocaten ausfindig machen würde, nannte sie Straße und Haus.

Leon stand auf und entfernte sich durch die Zwischenthür in seine Wohnung. Cara wagte nicht, ihn zurückzuhalten. Einige Zeit darauf hörte sie ihn die Etagenthür öffnen und die Treppe hinuntersteigen. Es geschah dies gerade um die Mittagszeit. Cara erwartete, daß Leon in einigen Stunden zurückkehren würde und beunruhigte sich anfangs nicht; als aber drei, vier, fünf Stunden vorübergingen, als es schließlich Abend wurde, vermochte sie ihre Ungeduld nicht zu bekämpfen.

Da läutete es plötzlich an der Etagenthür. Sie eilte hinaus und sah, wie ein Kommissionär dem Kammermädchen einen Brief überreichte. Sie riß diesen an sich. Es war Leons Handschrift. Schnell öffnete sie das Couvert und überflog, während sie mitten im Zimmer stand, die wenigen Zeilen. Mit einem Schrei stürzte sie zusammen. Der Brief war folgendermaßen abgefaßt:

 

»Wir werden uns nicht wiedersehen. Die baaren Auslagen, welche du gehabt hast, um mich zu fangen und zu betrügen, sollen dir von meinem Vater ersetzt werden, falls ich selbst morgen nicht mehr unter den Lebenden sein werde.

Leon Haupois.«

 

Was hatte Leon dazu bewogen, so schnell mit Cara zu brechen? Als er seine Wohnung verließ, hatte er den festen Entschluß gefaßt, sich über die Verhältnisse Madeleinens noch heute Licht zu verschaffen. Seine anfängliche Heftigkeit hatte einer eisigen Ruhe Platz gemacht, der Ruhe der Verzweiflung. Er sah sich von Madeleine zurückgewiesen und hatte keine Hoffnung, je ihre Liebe wieder zu gewinnen. Aber gerade aus der hartnäckigen Weigerung Madeleinens, ihn wiederzusehen, schöpfte er die Ueberzeugung, daß sie unschuldig sei. Wenn er es sich auch nicht laut bekannte und dessen klar bewußt wurde, so fühlte und ahnte er doch, daß Madeleine ihn verachte, weil er gleich nach ihrem Verschwinden ein so entehrendes Verhältnis mit einer Kokotte angeknüpft und schließlich diese sogar geheirathet habe. Als die Erinnerungen an seine erste Liebe stärker und stärker in ihm aufstiegen und das reine unschuldige Bild Madeleinens in seiner Phantasie immer wiederkehrte, da erschien ihm sein jetziges Leben schaal und ekel, da konnte er es nicht begreifen, daß ein Weib wie Cara je über ihn hatte Macht bekommen können. Es überkam ihn die trübe Stimmung eines Sterbenden, welcher in wenigen Augenblicken ein ungetrübtes klares Bild seines Lebens erschaut und seine Schwächen, Fehler und Verbrechen in ihrer nackten Schrecklichkeit vor Augen sieht.

Diese Gedanken überkamen ihn jetzt mit nie vorher gekannter Macht. Er konnte sich ihrer nicht erwehren und vor Allem schauderte er zurück vor seiner Unmännlichkeit, vor seiner moralischen Schwäche, durch welche Cara einen so großen Einfluß über ihn gewonnen hatte. Ein Gefühl der Verachtung seiner selbst übermannte ihn zeitweise. Mit Energie suchte er sich desselben zu erwehren und es gelang ihm, als er den festen Entschluß faßte, von nun an selbst wieder Mann zu werden und sich nicht von den Launen eines Weibes regieren zu lassen.

Eine Stunde lang war er in den Straßen von Paris planlos umhergewandert, bis er endlich die Kraft und die Energie in sich fühlte, einen entscheidenden Schritt zu thun. Zwei Aufgaben stellte er sich: Erstens, Madeleine, die offenbar von den Netzen der Verführer umstellt war, die Augen zu öffnen und sie zu retten, und Zweitens, bei der ersten Gelegenheit, die sich darbot, das Verhältnis mit Cara zu lösen.

Zuerst suchte er Riolle auf. Die Unterredung, welche er mit diesem hatte, dauerte kaum eine halbe Stunde. Der Advocat wies die Beschuldigung, daß er sich gerühmt habe, der Geliebte des Fräuleins Bourdon gewesen zu sein, mit Entrüstung zurück und fragte, wer dieselbe erhoben habe? Leon nahm keinen Anstand, Cara zu nennen. Riolle fuhr auf und sprach in so zynisch-widerwärtigen Worten von derselben, daß Leon ihn darauf aufmerksam machte, er, Leon Haupois, sei der Geliebte dieser Dame. Riolle horchte auf und, in der richtigen Vermuthung, daß Leon in naher Beziehung zu Fräulein Bourdon stände, häufte er noch die Beweise gegen Cara und brachte so viele Beweisstücke des zügellosen Lebens dieser »Dame« bei, daß Leon sich zu schämen anfing, je mit ihr in Berührung gekommen zu sein. Er war plötzlich für alle Verdächtigungen und Anklagen, welche Cara betrafen, merkwürdig empfänglich geworden. Als Riolle die Wirkung seiner Reden auf Leon gewahr wurde, ging er zum Lobe Madeleinens über. Er schilderte ihre Verhältnisse im letzten Jahre ziemlich wahrheitsgetreu, strich sich selbst als einen Mann heraus, der aus purer Uneigennützigkeit der angehenden Sängerin Unterstützung geliehen hätte, und ging dann zur Schilderung der letzten Vorgänge über. Er verschwieg wohlweislich das stillschweigende Uebereinkommen, welches er schon vor dem Debüt mit Evenson abgeschlossen hatte und sprach nur davon, daß dieser ehrenwerthe Gentleman und gewaltige Musikenthusiast freiwillig die Kosten der weiteren Ausbildung des Fräuleins übernommen habe, natürlich gegen Erstattung der Kosten, die er, Riolle, bis dahin gehabt habe.

»Und wer ist dieser Mister Evenson?« fragte Leon, welcher dem Advocaten mit kalter Ruhe zugehört hatte.

»O, Mister Evenson ist einer der ehrenhaftesten und reichsten jungen Leute, die hier in Paris leben. Er hat sich mir immer von der vortheilhaftesten Seite präsentirt.«

»Wenn ich mich recht erinnere,« erwiderte Leon, dem trotz der scheinbaren Offenheit das versteckte Wesen des Advocaten nicht entgangen war, »wenn ich mich recht erinnere, ist Mister Evenson einer der ›Löwen‹.«

»Löwe?« fragte der Advocat scheinbar erstaunt zurück. »Was verstehen Sie darunter?«

»Einen Lebemann, der das Geld zum Fenster hinauswirft und seiner galanten Abenteuer wegen berühmt ist.«

»Ich habe ihn nie von dieser Seite kennen gelernt und glaube es deshalb nicht, obgleich ich zugestehen muß, daß ich in den Kreisen der goldenen Jugend nie verkehrte.«

»Haben Sie die Güte, mir seine Adresse aufzugeben?«

»Seine Adresse?« gab Riolle zurück und blickte mißtrauisch zu seinem vis-à-vis hinüber. »Ich fürchte fast, mein Herr, Sie führen gegen meinen ehrenwerthen Freund etwas Schlimmes im Schilde. Ich weiß nicht, ob ich es wagen darf …«

»Ich wünsche dem Herrn weder etwas Schlimmes noch etwas Gutes bis jetzt, aber ich erfülle nur eine Verwandtenpflicht, wenn ich mich darnach erkundigte, welchen Umgang Fräulein Bourdon frequentirt.«

»Sie sind verwandt mit Fräulein Bourdon? Diese Dame sagte mir doch, daß sie eine Waise sei und in Paris niemanden kenne.«

»Das mag sein! Meine Cousine, Fräulein Madeleine Haupois, hatte Gründe ihren Namen zu verheimlichen, da sie gegen den Willen ihres Onkels den Beruf einer dramatischen Sängerin erwählte.«

»Ah! Das ist eine überraschende Neuigkeit!«

Riolle wollte noch einige weitere Fragen thun, aber Leon unterbrach ihn und fragte aufs neue nach der Adresse Evensons. Einen Augenblick überlegte der Advocat, ob er Rede und Antwort stehen solle. Die Entdeckung, daß Fräulein Bourdon so nahe verwandt mit dem reichen Handlungshause Haupois-Daguillon sei, bewog ihn, so offen und ehrlich, wie es ihm überhaupt möglich war, zu handeln, um allen späteren Verdächtigungen und dem Mißtrauen Leons auszuweichen. Das Geschäft mit Evenson war abgeschlossen und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Weshalb sollte er also vorsorgliche Theilnahme für einen Mann verrathen, dessen geheimen Plänen mit Fräulein Haupois man offenbar auf der Spur war! Riolle zögerte nicht, den Wunsch Leons zu erfüllen und dieser Letztere empfahl sich sofort dem Advocaten mit einem kalten Adieu.

Als der junge Mann das Haus Riolle's verlassen hatte, trat er in einen der vielen Vergnügungsgärten inmitten der Stadt ein und suchte einen stillen, einsamen Laubgang auf, in welchem er wohl eine halbe Stunde in Gedanken versunken umherwandelte. Aus den Worten Riolles ging nicht deutlich hervor, daß Mister Evenson gegen Madeleine einen unehrenhaften Angriff im Schilde führe, aber die versteckte Art und Weise des Advocaten hatte doch im hohen Grade sein Mißtrauen erweckt. Und war die Handlungsweise Evensons nicht mehr als zweifelhaft? Er, ein Löwe der Metropole, ein berüchtigtes Mitglied der jeunesse dorée, als Beschützer des reinen unschuldigen Engels! Offenbar hatte Madeleine in ihrer Unschuld keine Ahnung, wessen Händen sie sich freiwillig überliefert hatte. Wie war es möglich, sie, ohne directe Beweise vorzuzeigen, von der Gefahr, in welcher sie schwebte, überzeugen zu können?

Nach einer Weile angestrengten Nachdenkens gedachte Leon seine Schritte direct nach der Wohnung Evensons zu richten und diesen zur Rede zu stellen, aber nach weiterer Ueberlegung ging er von diesem Entschlusse wieder ab. Evenson würde einfach alles abläugnen, wie auch Riolle eben gethan hatte. Es war dem Manne auf keiner Weise beizukommen.

Umsonst mühte sich Leon ab, einen Ausweg aus der Verlegenheit zu finden. Er dachte an Byasson, er wollte ihm nochmals schreiben, ihn auf die Gefahr aufmerksam machen und bitten, daß er Madeleine sofort aufsuche. Leon sträubte sich dies selbst zu thun. Das schroffe Benehmen Madeleinens hatte seinen Stolz verletzt und wer weiß, ob er nicht nochmals von ihrer Thüre abgewiesen würde. Sein Herz pochte bei diesem Gedanken und doch sagte ihm das Gewissen, daß es seine Pflicht sei, selbst noch einmal einen Versuch zu machen.

»Es muß geschehen,« sagte er zu sich selbst, »und jedes Zögern kann die Gefahr nur vergrößern. Es ist schon schlimm genug, daß die Leute von einem Verhältnisse zwischen Madeleine und dem reichen Lüstling Evenson sprechen, als ob es wirklich bestehe.«

Mit schnellen Schritten verließ Leon den Garten und eilte an den nächsten Standplatz der Droschken. In eine derselben setzte er sich und gab Befehl, ihn nach der Rue Taibout zu fahren.

Hier angelangt, lohnte er den Kutscher ab und stieg langsam die Treppen zu Madeleinens Etage hinauf. Auf der obersten Treppenstufe vor der Etagenthür blieb er einen Augenblick stehen und schöpfte Athem, ehe er läutete. Als nach einer Weile nicht geöffnet wurde, obgleich er lautes und heftiges Sprechen in der Etage hörte, läutete er stärker. Es kam niemand.

»Das ist merkwürdig,« murmelte Leon, »sollte Madeleine mich vom Fenster aus gesehen haben und mir den Eingang aus diese Weise verweigern?«

Er faßte den Thürklopfer an und bemerkte zu seiner freudigen Ueberraschung, daß die Thür nicht ins Schloß gefallen war. Er trat schnell in die Etage ein und befand sich aus einem halbdunklen Corridor. Die Stimmen, welche er vordem nur in einem gedämpften Tone hatte reden hören, klangen jetzt laut und deutlich.

»Was war das?«

Er hörte deutlich die wohlbekannte Stimme Madeleinens, die in heftigem befehlenden Tone sprach. Eine Männerstimme antwortete. Es schien Leon, als ob dieselbe ein wenig lalle und zwischendurch heftige Flüche ausstieß. Mit angehaltenem Athem lauschte der junge Mann, ehe er weiter zu gehen wagte.

»Entfernen Sie sich,« hörte er Madeleine in drohendem und doch ängstlichem Tone ausrufen. »Kommen Sie mir nicht nahe. Ein Schritt noch und ich öffne das Fenster und schreie um Hilfe.«

»Das wirst du nicht thun, mein Täubchen,« lallte der Mann … »reizende Nachtigall …«

Es erhob sich im Zimmer ein Tumult, es klang, als ob ein Stuhl umgerissen wurde und ein schwerer Körper dumpf zu Boden fiel. Gleich darauf schrie Madeleine auf und ein wildes Lachen drang an Leons Ohr. Dieser hielt seine Ungeduld nicht länger zurück. Er eilte dem Geräusche nach und stand bald vor einer Stubenthür, deren Griff er erfaßte.

»Zu Hilfe, zu Hilfe!« rief Madeleine.

Ein Druck mit der Hand, ein Stoß mit dem Fuß und die Thür sprang weit auf.

Der Anblick, welcher sich Leon darbot, war derart, daß er sofort wie ein wilder Tiger auf einen Mann zustürzte, der Madeleine um die Taille gefaßt hatte und sich mit allen Kräften bemühte, des Mädchens Hand von dem Fensterhaken loszureißen. Madeleine erblickte den Neuhinzugekommenen zuerst, in demselben Augenblicke, wo ihre Kraft erlahmte und ihr Körper willenlos in einen Sessel fiel. Der Mann stieß einen Freudenschrei aus, aber er beendete denselben nicht, weil Leon ihn an der Schulter faßte und mit einem gewaltigen Schlage rückwärts zu Boden streckte.

Dann wandte sich Leon zu Madeleine, die ohnmächtig und bewußtlos geworden war. Aber er hatte keine Zeit sich ihr zu nähern oder sie gar wieder ins Bewußtsein zu bringen, denn Mr. Evenson hatte sich wie der Blitz erhoben und packte seinen Gegner von hinten. Jetzt entstand ein wildes Ringen; die muskulösen Arme des wuthentbrannten Amerikaners preßten Leons Brust zusammen, so daß er kaum athmen konnte. Leons Linke war gefesselt, mit der Rechten aber versetzte er dem Amerikaner aufs neue einen heftigen Schlag ins Gesicht, so daß diesem das Blut aus Nase und Mund strömte und seine Arme Leon losließen. Beide Gegner standen sich nun wieder gegenüber und maßen einander mit wuthentbrannten Blicken.

»Wer sind Sie?« rief endlich Evenson mit halb erstickter Stimme. »Wie können Sie sich hier eindrängen?

»Das frage ich Sie!«

»Ich habe Ihnen nicht Rede zu stehen, ich befinde mich hier in meiner Wohnung.«

»In der Wohnung des Fräuleins Bourdon,« erwiderte Leon, der zuerst seine Ruhe wieder gewann.

»Sehr wahr, mein Herr, aber Fräulein Bourdon gehört zu mir und ich habe dieser Dame das Logis gemiethet.«

»So sind Sie Mr. Evenson?«

»Zu dienen, mein Herr.«

»Ah, ich suchte Sie. Mein Name ist Leon Haupois und diese Dame hier ist meine Cousine. Sie werden einsehen, daß Ihre Gegenwart hier jetzt überflüssig ist.«

»Und wenn ich nicht gehe?«

»So werden Sie mich nicht hindern, daß ich aus dem Fenster um Hilfe rufe. Was dann erfolgt, mögen Sie sich selbst zuschreiben.«

Evenson, der offenbar betrunken war und in diesem Zustande auch das abscheuliche Attentat auf Madeleine gemacht hatte, lachte laut aus.

»Wahrhaftig, Sie drohen mit der Polizei. Rufen Sie dieselbe, ich werde sie ruhig erwarten. Es wäre doch merkwürdig, wenn ein wildfremder Mensch mir in meiner Wohnung vorschreiben dürfte, was ich thun und lassen soll. Ich hingegen befehle Ihnen, auf der Stelle diese Wohnung zu verlassen.«

»Ich werde es thun, aber nicht ohne meine Cousine.«

»Ihre Cousine?« lachte Evenson auf. »Fräulein Bourdon hat weder Eltern, noch einen Cousin, sondern nur einen Herrn und dieser bin ich.«

»Ein Wort noch, mein Herr, und ich werde das Fenster öffnen. Ich denke, Sie sind jetzt so weit abgekühlt, um einzusehen, daß Ihr Benehmen dem Gesetze verfällt, welches ein derartiges Attentat, wie Sie es beabsichtigten, mit einigen Jahren Zuchthaus bestraft.«

Evenson warf sich in einen Sessel und holte keuchend Athem. Er überlegte offenbar, was er antworten solle. Unterdessen beschäftigte sich Leon mit Madeleinen, die nach wenigen Minuten die Augen öffnete und erstaunt um sich sah. Als sie zuerst Evenson und dann Leon erblickte, kam ihr das Geschehene wieder ins Gedächtnis. Sie blickte mit einem tiefen Gefühl des Dankes zu Leon auf und schauderte zusammen, als Evenson sie zynisch und roh ansah.

»Nun, mein Täubchen, haben Sie sich von Ihrem Schreck erholt? Warum wollten Sie sich nicht fügen, als ich es Ihnen befahl? Habe ich nicht das Recht dazu …«

»Schweigen Sie!« rief Leon empört aus und erfaßte einen schlanken, mit Blei beschwerten Stock, der auf dem Tische lag.

Evenson brummte etwas in sich hinein.

»Laß uns diese Wohnung verlassen,« flehte Madeleine und erhob sich vom Sessel, indem sie sich an die hochaufgerichtete Gestalt Leons anklammerte.

»Ja, meine theure Cousine,« erwiderte Leon, und indem er den Amerikaner im Auge behielt, führte er Madeleine aus dem Zimmer hinaus in einen Nebenraum. Er schloß die Thüre hinter sich zu.

»Fühlst du dich kräftig genug, Madeleine, dich anzukleiden, so thue es. Ich habe nur noch ein kurzes Wort mit Herrn Evenson zu sprechen und dann führe ich dich hinaus.«

Madeleine nickte nur mit dem Kopfe und Leon begab sich wieder ins Wohnzimmer, wo sich Evenson noch befand.

»Mein Herr,« sagte Leon in kaltem ruhigen Tone, »mein Zeugnis würde hinreichen, um Sie ins Zuchthaus zu bringen. Ich werde dies nicht thun, da es mir daran liegt, daß nicht die ganze Welt erfährt, welch frevelhaftes Spiel Sie mit meiner Cousine, Madeleine Haupois, getrieben haben. Sie haben dem guten Rufe des Fräuleins Bourdon schon Schaden genug zugefügt und es giebt Leute, welche aus dem Prozeß, welcher Ihnen gemacht würde, neuen Stoff zu Verleumdungen gegen dieselbe schöpfen würden. Das kann unserer Familie nicht gleichgiltig sein.«

»Ah, dachte ich mir's doch,« sagte Evenson. »Nun werden Sie vernünftig. Wahrlich, ich könnte allerliebste Geschichten von Ihrer angeblichen Cousine erzählen, die seit fast einem Jahre auf meine Kosten lebt und das Leben genießt, und als Dank dafür mir nicht einmal ein Küßchen gewähren will.«

»Es ist gut,« erwiderte Leon, der nur mit Mühe seinen Zorn unterdrücken konnte. »Ihre verleumderische Zunge werde ich auch ohne Polizei zu zähmen wissen. Ich werde Ihnen heute noch meinen Secundanten schicken, und ich denke, morgen Mittag um diese Zeit hat einer von uns den Mund auf ewig geschlossen. Nun steht es in Ihrem Belieben, hier zu bleiben oder sich anderswo hinzubegeben. Haben Sie nur die Güte mir mitzutheilen, wo mein Freund Sie auffinden kann.«

Evenson erhob sich und antwortete kurz:

»Rue de Berry Nr. 17.«

»Es ist gut. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

Leon verbeugte sich und ließ den Amerikaner allein.

Als er im Nebenzimmer wieder zu Madeleinen herantrat, fand er diese schon fertig angekleidet zum Ausgehen. Er bot ihr den Arm, ohne ein Wort zu sagen, und unbehelligt von Evenson stiegen Beide die Treppe hinunter und verließen das Haus.

Leon überlegte eine Weile, wohin er Madeleine führen sollte, endlich rief er einen Fiaker und gab ihm die Wohnung von Herrn Byasson als Ziel an. Stumm und in Gedanken versunken saßen Leon und Madeleine nebeneinander in dem geschlossenen Wagen. Der Rückschlag der gewaltigen Aufregung machte sich bei Beiden geltend und ehe sie Zeit fanden, sich gegenseitig auszusprechen, hielt auch schon der Fiaker vor dem Hause Byasson's.

Der Concierge erwiderte auf Leons Frage, daß Herr Byasson soeben zu seiner Wohnung hinaufgestiegen sei.

Groß war das Erstaunen des alten Herrn, als er Leon und Madeleine Arm in Arm in sein Zimmer treten sah.

»Wie? Sehe ich recht?« rief Byasson aus. »Sie, Leon, mit Madeleine.«

»Mein lieber alter Freund,« erwiderte Leon. »Es sind Verhältnisse eingetreten, die meine Cousine zwangen, ihre Wohnung zu verlassen. Sie ist in Folge dessen obdachlos und ich möchte Sie daher ersuchen, Fräulein Madeleine vorläufig in Schutz zu nehmen.«

Byasson's Miene nahm einen immer erstaunter werdenden Ausdruck an, da er Leon so feierlich sprechen hörte.

»Wollen Sie mir nicht erklären, weshalb …«

»Jetzt nicht, Herr Byasson. Ich bin gezwungen, mich augenblicklich zu entfernen und außerdem weiß ich auch nicht, ob es Fräulein Madeleine angenehm ist, daß ich länger in ihrer Nähe verweile.«

»O Leon!« rief Madeleine aus und blickte mit ihren großen blauen Augen erschreckt zu ihm auf.

Leon sah es, er zitterte am ganzen Körper und suchte doch dabei sich hoch aufzurichten … aber nur für einen Moment, im nächsten Augenblick öffnete er unwillkürlich die Arme und umfaßte den schlanken Körper Madeleinens, die ihren Kopf an seiner Brust barg.

»Madeleine, Madeleine,« rief Leon aus, »du liebst mich noch! O warum, warum hast du mir das nicht früher gestanden, als ich an deine Thüre anklopfte? Jetzt ist es zu spät, zu spät.«

Er machte sich aus der Umarmung los, und als sie nun mit Thränen in den Augen vor ihm stand, da streckte er beide Hände nach ihrem Kopfe aus und drückte einen Kuß auf ihre weiße Stirne.

»Lebe wohl,« flüsterte er, »lebe wohl. Wenn ich jetzt sterben soll, so sterbe ich glücklich in dem Bewußtsein deiner Liebe und in der Hoffnung, daß Gott mir meine Sünden verzeihen werde.«

Ehe Madeleine und Herr Byasson ein Wort erwidern konnten, eilte Leon zur Thüre hinaus, und wie vor einem unsichtbaren Verfolger fliehend, stürzte er die Treppen hinunter und lief auf die Straße. Hier im Menschengewühle mäßigte er seine Eile.

Eine halbe Stunde später trat er in den Salon seines früheren Freundes Henri Clergeau. Dieser lag langgestreckt auf dem Sopha, mit der Lectüre eines Romans beschäftigt, und wollte seinen Augen nicht trauen, als er Leon erblickte.

»Ich komme zu dir, Henri,« sagte Leon, »obgleich ich weiß, daß du mir zürnst.«

»O, ich habe dir nie gezürnt, Leon, ich bedauerte dich allerdings …«

»Nun, du hattest vielleicht Recht. Aber laß uns jetzt nicht davon sprechen. Ich komme in einer wichtigen Angelegenheit, die keinen Aufschub erduldet. Bist du bereit mir einen Freundschaftsdienst zu leisten?

Der Ton von Leons Stimme war so ernst, sein Aussehen so bleich und erregt, daß Clergeau sofort errieth, um was es sich handelte.

»Laß hören, Leon. Erzähle mir alles und sei versichert, daß ich dir deine Bitte nicht abschlage.«

Leon athmete auf. Mit wenigen Worten machte er seinen Freund mit den Ereignissen dieses Tages bekannt.

»Ich gehe sofort,« sagte Henri Clergeau. »Willst du mich hier erwarten?«

»Ja! Und ich habe dich noch um eine Gefälligkeit zu ersuchen.«

»Sprich!«

»Erlaube mir, daß ich hier in deiner Wohnung den Abend und den Theil der Nacht zubringe, ehe wir zum Rendez-vouz-Platze gehen. Ich bin jetzt obdachlos. Zu Cara gehe ich nicht zurück und meine Eltern sowohl wie Madeleine dürfen nicht ahnen, was ich im Begriffe bin zu thun. Ich habe noch einige Briefe zu schreiben, einen an Cara, der heute noch besorgt werden kann, und zwei an meine Mutter und Madeleine. Wenn ich sterben sollte, mein Freund, überbringe ihnen dieselben.«

Clergeau drückte Leon gerührt die Hand.

»Du wirst nicht sterben, Leon, du mußt leben bleiben und das Glück genießen, welches dir jetzt aufs neue erblüht.«

Leon seufzte auf. Er schüttelte den Kopf. Es überschlich ihn wie eine Todesahnung, aber er raffte sich in männlicher Weise auf:

»Gehe jetzt, Henri, und bringe mir bald Bescheid, wann und wo ich meinen Gegner treffen werde.«


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