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Fünftes Kapitel.
Madeleine

Der alte Opernsänger Maraval hatte Leon die Wahrheit berichtet, als er von dem Besuche Madeleinens erzählte.

Diese hatte sich ihm als Mademoiselle Harald vorgestellt und ihn gebeten, sie als Sängerin für die Bühne auszubilden. Die vortrefflich und mit schöner Stimme vorgetragene große Arie aus dem »Freischütz« war dem ehemaligen Sänger sympathisch zu Herzen gegangen, aber trotzdem konnte er nicht umhin, die Bitte des Mädchens abzuschlagen.

»Mein liebes Kind,« hatte er gesagt, »Sie scheinen ein großes Vertrauen in mich zu setzen und ich will dies nicht täuschen. Obgleich ich Sie erst seit wenigen Minuten kenne, habe ich doch schnell errathen, daß Sie ein junges wohlerzogenes Mädchen sind, das voller Unschuld ist und die Welt noch nicht kennt. Das springt in die Augen, und ich sage es frei heraus, ohne Ihnen schmeicheln zu wollen. Hören Sie aber nun auch das an, was Ihnen weniger angenehm ist. Ihr musikalisches Talent scheint groß zu sein, Ihre Stimme ist stark und klangvoll, und deshalb ist es möglich, daß Sie sich nach weiteren Studien zu einer respektablen Bühnensängerin ausbilden könnten, aber es ist ebenso wahrscheinlich, daß Ihre Stimme sich trotz aller Uebungen nicht weiter entwickelt und dann würde sie für eine Bühne ersten Ranges nimmermehr genügen. Ich halte es für meine Pflicht, Sie außerdem auf die großen Schwierigkeiten und Hindernisse aufmerksam zu machen, welche Sie zu überwinden haben werden, ehe Sie das Ziel erreicht haben. Das Leben eines Sängers, besonders aber einer Sängerin, ist das elendeste, welches sich denken läßt. Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe. Blicken Sie nur um sich! Sehen Sie sich nur die Verhältnisse an, unter welchen ein erstes Auftreten ermöglicht wird, nicht blos bei kleinen Bühnen, sondern auch bei großen und angesehenen. Zehn Jahre gehen darüber hin, ehe die Debütantin sich eine gesicherte Position erobert, und selbst die befähigtsten Sängerinnen machen hiervon keine Ausnahme. Viele der letzteren bleiben für ihr ganzes Leben in einer untergeordneten Stellung. Das ist traurig, aber noch gar nichts gegen die Demüthigungen und Leiden, welche ihnen durch Ihre Rivalen bereitet werden. Eifersucht, Neid und Verleumdung bewerfen auch das größte Genie und die reinste Unschuld mit Schmutz, und sich dagegen zu vertheidigen ist sehr schwer. Sie werden dies am wenigsten können, denn gerade die Tugenden, welche Ihre Seele schmücken, sind ebenso viele Schwächen, wenn es den Kampf mit der Konkurrenz gilt. Ehrenhaftigkeit, Bildung und gute Erziehung, was gelten die im Strudel des Bühnenlebens? Nichts, und wenn Sie dieselben zu bewahren glauben, so täuschen Sie sich. Haben Sie schon über das Publikum nachgedacht, diesen vielköpfigen Tyrannen, der voll von frivolen Launen steckt? Kennen Sie die Kritik, welche ihre Urtheile mit Posaunenbacken in die Welt bläst und doch nichts von der Kunst versteht? Ah, diese Herren Recensenten, ihre Unkenntnis wollte ich ihnen noch verzeihen, aber daß sie bestechlich und feil sind, wie die Dirnen auf der Straße, das schändet sie für ewige Zeiten. Ich bin jetzt seit zehn Jahren von der Bühne abgetreten, habe Ehre und Ruhm genossen, wie kaum ein anderer und dennoch hätte ich sie entbehren mögen, wenn mir zugleich die Demüthigungen erspart geblieben wären, welche mir von dem Publikum und der Kritik angethan wurden, sobald ich nicht nach ihren Pfeifen tanzen und singen wollte. Mein liebes Kind, ich möchte Ihnen so gerne die Augen öffnen und Sie von einem Wege zurückhalten, der Sie dem Elende in die Arme führt. Denn das Theater ist das Elend. Wir Männer setzen uns eher darüber weg, aber die Frauen sollten den Brettern, welche die Welt bedeuten, fernbleiben. Sie sind schön, reizend und geistvoll, verheirathen Sie sich, denn Sie sind es werth, geliebt zu werden und wieder zu lieben. Ich weiß nicht, ob ich Sie zu meiner Meinung bekehrt habe, aber ich erkläre Ihnen, daß ich Ihnen keine Stunde ertheilen werde. Ich weigere mich ausdrücklich. Folgen Sie lieber meinem Rathe, verheirathen Sie sich und sicher werden Sie mir in einigen Jahren dafür dankbar sein.«

Madeleine hatte dem alten Herrn aufmerksam zugehört, aber nicht ohne Herzklopfen, und als er geendet hatte, zwang sie sich vergeblich zu einem höflich-freundlichen Lächeln. Ihre einzige Erwiderung war eine leichte Verbeugung. Maraval begleitete sie bis zur Thüre und sagte gleichsam tröstend:

»Nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich frei und ohne Rücksicht gesprochen habe. Sie brauchen meinem Rathe nicht zu folgen, ich bin weder Ihr Vater, noch Ihr Vormund, sondern nur ein Ihnen ganz gleichgiltiger alter Griesgram, der bisweilen wünscht, seine trüben Ansichten vom Leben seien nur Hirngespinste. Leben Sie wohl, mein Fräulein.«

Als Madeleine das Haus und den Garten Maravals verlassen hatte, ging sie einige Schritte und blieb dann rathlos stehen. Wohin nun gehen? Was anfangen? Einen solchen Empfang hatte sie nicht vorhergesehen! Die Weigerung Maravals, sie zu unterrichten, obgleich er ihr das Talent nicht absprach, erschien ihr wie eine Grausamkeit und sie fühlte sich versucht, den alten Herrn zu hassen. Aber nein, ihr sanftes Herz und ihr klarer Verstand sagten ihr, daß Maraval von seinem Standpunkte aus nur allzuwahr gesprochen hatte. Konnte er denn wissen, was sie bewog, die stille gesicherte Stätte in der Familie ihres Onkels aufzugeben und nach den Lorbeeren der Kunst zu streben? Lorbeeren? Wollte Madeleine Lorbeeren ernten? O ja, sie wären ihr willkommen gewesen, aber die Hauptsache blieb doch das Geld, das schöne runde Geld. Nur dieser Gedanke beherrschte Madeleinens Geist, so seltsam diese Habsucht bei dem einfachen jungen Mädchen auch erscheinen mochte.

Als Madeleine zuerst daran dachte, das Haus des Onkels heimlich zu verlassen, waren es zwei Umstände, welche sie in diesem Beschlusse bestärkten. Sie hatte ihren Onkel gebeten, die mißlichen Geschäftsangelegenheiten ihres Vaters zu ordnen. Dies war auch geschehen, doch wie sie bald darauf durch den Brief einer alten Dame in Rouen erfuhr, welche dem Vater zehntausend Francs geborgt hatte, nach jenen kaufmännischen Principien, die der Staatsanwalt so sehr perhorreszirte. Auch Madeleine glaubte die Ehre ihres Vaters im Grabe noch geschändet, als sie erfuhr, daß die Gläubiger nur ein Dritttheil ihrer Forderungen erhalten hätten. Umsonst war ihr Bitten und Flehen, dem ehrenhaften Sinne ihres seligen Vaters gerecht zu werden, der Onkel, durch und durch Geschäftsmann, verwies seiner Nichte endlich das fortwährende Zurückkommen auf diesen Gegenstand. Hatte er denn überhaupt eine Verpflichtung irgend welcher Art, die Schulden seines Bruders zu bezahlen? That er nicht schon über und über genug, wenn er mit Einwilligung der Gläubiger Theilzahlungen machte? Und nun kommt das kleine unvernünftige Geschöpf, die Madeleine, und will ihn, den Inhaber der Firma Haupois-Daguillon, zwingen, daß er dummer sentimentaler Rücksichten wegen den Gläubigern noch einige Zehntausende nachwerfe! Dummheit! Narrheit! Mädchen sollen sich nicht in Geschäfte mengen, die sie nicht verstehen. »Mein verstorbener Bruder,« sagte er häufig, »hinterläßt jetzt ein ebenso ehrenwerthes Andenken, als wenn er niemals Schulden gemacht hätte. Das kennst du nicht, mein Kindl«

Madeleine sah bald ein, daß sie den kaufmännischen Sinn ihres Onkels nicht umwandeln könne und sann darüber nach, wie sie ihrerseits die Forderungen der Gläubiger befriedigen könne. Aber wo hernehmen? Sie hatte selbst kein Vermögen, war abhängig von ihrem Onkel und wenn sie auch ihr Taschengeld zusammensparen wollte, niemals auch nur annähernd hätte sie eine so große Summe zusammen häufen können. In ihrem kleinen Kopfe arbeiteten die Gedanken. Endlich sah sie ein, daß es nur zwei Mittel gäbe, zu ihrem Zwecke zu kommen, sie mußte sich an einen reichen Mann verheirathen, oder einen Beruf ergreifen, der goldene Berge versprach.

Eine Heirath, eine erzwungene Heirath, und wenn auch die edelsten Motive diesem Zwange zu Grunde liegen, welch ein Gedanke für ein zartfühlendes, gebildetes, keusches Mädchen! Und nun gar, liebte Madeleine ihren Vetter nicht? O gewiß, sie hatte es sich hundert Mal gesagt, sie hatte tausend Mal sich eingestanden, daß sie nur ihn heirathen wolle und, falls er sie ausschlüge, eine alte Jungfer werden wolle. Nein, eine reiche Heirath, mit einem Manne, den sie nicht liebte, nicht wieder lieben konnte, das war unmöglich, das hätte Madeleine nie übers Herz bringen können. Also sann sie desto angestrengter über das zweite Mittel nach und endlich verfiel sie auf den Gedanken, eine Sängerin zu werden, die oft an einem Abend eine größere Summe zusammensingt, als mancher ehrliche Mann in einem Jahre verdienen kann. Aus dem blauen Himmel herab kam ihr dieser Gedanke nicht. Sie hatte einigen Grund zu glauben, daß sie es in der musikalischen Laufbahn zu etwas bringe, denn häufig hatten die Künstler und Kunstfreunde, welche ihr elterliches Haus besuchten, ihr Talent bewundert und scherzhaft bemerkt, an ihr ginge eine zweite Patti verloren! Vorwärts, vorwärts! Ihr Herz pochte, die kleinen Hände ballten sich fest zusammen und mit dem Trotze eines jugendlichen, vor nichts zurückschreckenden Willens sagte sie eines Abends zu sich selbst: »Es muß geschehen.« Und ihr Entschluß stand fest und wurde von Tage zu Tage mehr bestärkt, seitdem sie von ihrem Onkel und ihrer Tante wiederholt angegangen wurde, sich mit dem höflichen und doch so unverschämt dareinblickenden Herrn Saffroy zu verloben, der als erster Aufseher im Geschäfte des Herrn Haupois Aussicht hatte, mit der Zeit ein wohlhabender Mann zu werden. O, wie haßte sie diesen Menschen, der ihr vertrauliche Blicke zuwarf, überall und stets lächelte, fade Complimente machte und ganz so that, als ob seine Hochzeit mit der Nichte der Firma Haupois-Daguillon bereits festgesetzt sei.

Mit einem einzigen Schritte entledigte sie sich aller Zudringlichkeiten und jeglicher Bevormundung. Sie that diesen Schritt aus der Hausthür ihres Onkels hinaus und zwar mit dem vollen Bewußtsein und Verständnis, welchen Gefahren sie entgegenging. Als Tochter eines Gerichtsbeamten hatte sie einen Blick in die Nachtseiten der menschlichen Gesellschaft gethan, hatte Elend und Sorge, wenn auch nicht an sich selbst, so doch bei anderen erfahren und war daher weit von dem Glauben entfernt, daß ihr dieselben fortan erspart bleiben würden. Entbehren und entsagen aber wollte sie, wenn nur ihr innigster Wunsch erfüllt würde, dereinst mit selbsterworbenem Gelde das Andenken ihres Vaters rein zu waschen.

Und nun stand sie wieder vor der Hausthüre Maravals und selbst die geringen Hoffnungen, welche sie gehegt hatte, zerrannen wie eitel Dunst.

Aber Madeleine war ein starkes Mädchen. Jedes Andere wäre vielleicht nach dieser Niederlage in das Haus des Oheims reuig zurückgekehrt oder hätte in trostlosem Jammer die kleine Bodenkammer in der Vorstadt aufgesucht, wo Madeleine sich einlogirt hatte. Die Tochter des Staatsanwalts von Rouen beschloß sofort zu handeln; je länger sie zögerte, desto schneller zehrte sich ihr kleiner Geldvorrath, der kaum 1000 Franken betrug, auf.

»Will Maraval mich nicht unterrichten, so findet sich in dieser großen Stadt vielleicht ein anderer,« sagte das Mädchen tröstend zu sich selbst. »Wie hieß doch jener Gesangslehrer, von welchem mir Herr Vaulens in Rouen so viel Gutes zu erzählen wußte! – Mir fällt sein Name nicht ein, aber wenn ich ihn lese oder höre, werde ich ihn wieder erkennen.«

Das Mädchen, welches langsam die Avenue de Villiers hinabgeschritten war, blieb stehen und blickte sich nach einem Lesecabinet um. Dort war eins, sie trat ein, ersuchte um das Adreßbuch, welches der bescheidenen Bittstellerin gerne geliehen wurde, und nach fünf Minuten schon wußte Madeleine, was sie wissen wollte: »Lozes, Rue Blanche.«

»Vorwärts zu Lozes,« ermuthigte das Mädchen sich selbst und mit schnellen energischen Schritten, die weder Furcht noch Hoffnung verriethen, eilte sie in der Richtung des Triumphbogens hinweg.

Die Gesangsschule von Lozes war in einem Hofe der Rue Blanche gelegen und befand sich in einem Raume, welcher früher einem Photographen als Atelier gedient hatte. Man trat direct vom Hofe in dieses Atelier ein, ohne von irgend jemand empfangen zu werden. Madeleine passirte ein kleines Vorzimmer und war im Begriff durch eine Thür in den Saal einzutreten, als sie stockte. Im Hintergrunde stand ein großer, derbknochiger junger Mensch, der mit wahrer Stentorstimme die große Rigolettoarie herausbrüllte, so daß der Widerhall sämmtliche kleinen Nippfiguren, die verschwenderisch auf allen Tischen und auf dem Kamine standen, erzittern machte. Vor ihm saß in einem bequemen Sessel ein Mann, der sich nachlässig in einen Schlafrock eingehüllt hatte. Es war ohne Zweifel Lozes, der eine Stunde gab und jetzt nicht gestört werden dürfte. Er sah bereits drohend mit seinen großen hellen Augen herüber, so daß Madeleine zurückwich und sich im Vorzimmer auf eine Bank setzte, um zu warten. Dort hatten zwei ältere Damen in auffälliger, aber ganz abgetragener Toilette Platz genommen, deren Aufmerksamkeit sofort durch die elegante und liebliche Erscheinung Madeleinens in Anspruch genommen zu werden schien.

»Wollen Sie von dem großen Herrn Lozes unterrichtet werden, Mamsell?« fragte die eine mit leiser Stimme. Madeleine antwortete mit kurzem Kopfnicken.

»Dann müssen Sie warten, denn er liebt eine Unterbrechung seiner Stunde nicht.«

Auch die andere Frau begann Madeleine mit Fragen zu bestürmen, die sie ebenfalls nur mit Gesten beantwortete. Endlich unterbrach die harte Stimme von Lozes das Gespräch der Frauen:

»Ruhe da in dem Winkel der Mütter! Halten Sie das Maul, wenn's beliebt!«

Sofort trat Stillschweigen ein und Madeleine konnte den Fortgang der Lection beobachten.

Der Herkules sang oder sagen wir lieber schrie:

»Courtisans, verfluchte Rotte,
Gebt meine Tochter mir zurück!«

Lozes sprang aus und schrie:

»Zum Teufel mit Ihnen. Nennt man das Singen? Sie brüllen wie ein Stier auf der Schlachtbank. Langsamer, leise und mit mehr Gefühl! Vorwärts, noch einmal!«

Der Schüler begann noch einmal, aber Lozes, in Wuth gebracht, stieß ihn heftig mit der Faust in die Seite und unterbrach ihn mit einem derben Fluche.

Der Herkules, welcher zehn Mal so stark als Lozes war, fing an zu weinen und plärrte:

»Ich kann nicht, ich kann nicht, das liegt so in meiner Natur …«

»Gut! Sie sind ein Ochse! Machen Sie, daß Sie fortkommen und brüllen Sie mit den Kühen um die Wette! Allons! Wer kommt nun?«

Aus einer Ecke des Saales trat sofort ein junges Mädchen von ungefähr sechszehn Jahren auf Lozes zu, welches sehr elegant gekleidet und über und über am Halse, an den Armen und Händen mit Gold und Edelsteinen bedeckt war. Im Augenblicke, als sie sprechen wollte, rief Lozes:

»Sag' doch, mein Kind, habe ich dir nicht schon mehrmals bemerkt, daß du mir bei Beginn der Stunde einen Kuß geben sollst?«

Das junge Mädchen schien von dieser Zumuthung durchaus nicht überrascht, neigte sich vor und berührte die rasirte bläulich schimmernde Backe des Lehrers mit ihren Lippen. Madeleine erschrak, ein Schauder rieselte durch ihren Körper. Wenn sie auch diesen Menschen küssen sollte!

Die Stunde begann, wurde aber bald unterbrochen.

»Das geht noch nicht!« rief Lozes. »Höre aus und setze dich auf jenen Stuhl. Kreuze die Arme auf den Rücken und athme dann so stark wie du kannst! Das wird deine Lunge stärken! Vorwärts, ein anderer!«

Auf das junge Mädchen folgte ein Tenor, der sich ebenfalls der Zufriedenheit des Meisters nicht zu erfreuen hatte. Auf ihn folgten noch einige andere Schüler und Schülerinnen. Endlich war die lange Reihe derselben erschöpft und nun trat Madeleine in den Saal ein. Sie ging gerade auf Lozes zu, der sie mit neugierigen Blicken betrachtete, denn Madeleinens Wesen und Benehmen stach ganz besonders von demjenigen seiner übrigen Schülerinnen ab. Sie stand jetzt ganz nahe vor ihm, grüßte leicht und nahm allen ihren Muth zusammen.

»Ich möchte gerne aufs Theater gehen,« sagte sie mit einer Stimme, die trotz aller Anstrengungen zitterte, »und wünschte von Ihnen vorbereitet zu werden.«

Lozes blieb in seinem Fauteuil sitzen und betrachtete das Mädchen, ohne ein Wort zu sagen. Dann machte er ihr ein Zeichen, einige Schritte zurückzutreten und sagte in brüskem Tone:

»Nehmen Sie den Hut und Paletot ab!«

Madeleine gehorchte, zu Allem entschlossen.

»Gut,« sagte er, mit den Augen blinkernd, nicht übel, nicht übel!«

Und als sie unter seinen frechen Blicken erröthete, fügte er hinzu:

»Sie wissen wohl, daß Sie hübsch und niedlich sind, nicht wahr? Sie haben etwas von Ophelia, der unglücklichen Geliebten Hamlets, und das kommt nicht häufig vor. Gehen Sie auf und ab, ich bitte darum.«

Madeleine ging einige Schritte vorwärts.

»Gut; die Brust mehr heraus und die Schultern zurück! So geht's! Nun, was können Sie denn eigentlich?«

Madeleine erzählte, daß ihre Familie ruinirt und sie deshalb gezwungen sei, sich selbst zu ernähren. In der Provinz hätte sie von einigen Kunstenthusiasten Gesangunterricht erhalten.

»O, o!« rief Lozes. Kunstenthusiasten in der Provinz! Das kenne ich, die werden Ihnen was Rechtes gelehrt haben. Singen Sie eine Arie. Können Sie etwas aus Traviata?«

»Ja, mein Herr.«

»Vorwärts!«

Madeleine sang und Lozes hörte aufmerksam zu. Nach Beendigung des Gesanges fragte er:

»Wann wollen Sie anfangen?«

»Sie nehmen mich also als Schülerin an?«

»Mit offenen Armen. Vergessen Sie nicht, daß ich, Lozes, Ihnen sage, daß Sie eines Tages eine große Sängerin sein werden.«

»O, mein Herr, Sie schmeicheln mir …«

»Natürlich nur, wenn Sie fleißig und aufmerksam sind, denn Natur ohne Kunst bedeutet nichts.«

»Ja, Herr Lozes,« antwortete Madeleine erfreut, »ich will alles thun, was Sie sagen, ich will arbeiten vom frühen Morgen bis zum späten Abend und verspreche Ihnen, daß Sie nie eine fleißigere und aufmerksamere Schülerin gehabt haben sollen.«

»Wenn dies wahr ist, werden Sie nach achtzehn Monaten debütiren können, und zwar als eine Schülerin von Lozes, der diesen wichtigen Schritt mit Aplomb in Scene zu setzen versteht. Die Esel des Conservatoriums werden einsehen lernen, was ich aus einer begabten Schülerin machen kann.«

Madeleine, ermuthigt durch das freundliche Entgegenkommen des Herrn Lozes, begann demselben nun schüchtern auseinanderzusetzen, daß sie natürlich vorläufig nicht in der Lage sei, die Stunden zu bezahlen, aber später ihre Schuld abzahlen werde.

Lozes Gesicht verlängerte sich. Er ließ Madeleine nicht aussprechen und rief:

»Ah, meine Kleine, solche Experimente mache ich nicht, dazu habe ich keine Zeit. Für Sie taugt das auch nicht und es ist besser, wenn Sie gleich bezahlen. Ich will Ihnen einen Tag Bedenkzeit geben. Fünfhundert Franken monatlich sind nicht viel und wenn Ihre Familie auch ruinirt ist, so wird es Ihnen doch nicht schwer fallen auf andere Weise diese Summe aufzubringen. Sie sind jung, hübsch …«

Obgleich Madeleine sich vorgenommen hatte, alles über sich ergehen zu lassen, konnte sie doch nicht umhin, beide Hände vor ihr Gesicht zu drücken. Die Scham gewann die Oberhand über den festen Willen. Dann ging sie einige Schritte zurück. Lozes rührte sich nicht in seinem Sessel, aber es schien, als ob das Bild der beleidigten Unschuld dennoch einen Eindruck auf sein Herz machte. Als Madeleine die Thüre fast erreicht hatte, rief er sie zurück und sagte:

»Ich sehe schon, so geht es nicht. Fatal, sehr fatal, mein Fräulein! Ich möchte Sie gerne zur Schülerin haben. Wahrhaftig, es ist mein Ernst!«

Madeleine blieb stehen und schlug die großen blauen thränenerfüllten Augen zu dem alten Komödianten auf, während dieser sich von seinem Sessel erhob und langsam im Zimmer auf und abging. Endlich blieb er vor dem Mädchen stehen.

»Mein Fräulein, ich sinne darüber nach, ob Ihnen nicht geholfen werden kann. Ich habe einen Plan gefaßt, der sich vielleicht ausführen läßt. Es giebt hier einen alten reichen Herrn, der bisweilen die Ausbildung talentirter Kunstjünger übernimmt, natürlich nur unter der Bedingung, daß seine Schützlinge ihm später die Auslagen und Kosten zehnfach ersetzen. Es wird Ihnen theuer zu stehen kommen, sehr theuer …«

»O, ich bin zu jedem Opfer bereit …«

»Gut. Wir sprechen später mehr davon. Ich will Ihnen schreiben, sobald ich den Herrn gesprochen habe. Wie war Ihr Name doch und wo wohnen Sie?«

Madeleine war klug genug, sich jetzt einen dritten Namen zu geben.

»Amelie Bourdon, mein Herr, Rue des Fleurs 12.«

»Gut. Sie werden in einigen Tagen von mir hören. Leben Sie wohl!«

Madeleine verbeugte sich und eilte hinweg. Als sie erschöpft und müde auf ihrer Bodenkammer in der Rue des Fleurs angekommen war, dunkelte es bereits. Sie setzte sich auf den einzigen hölzernen Stuhl, welcher ihr gehörte und verhüllte das Gesicht mit ihren Händen. Sie mußte über die vielfachen Erfahrungen dieses Tages nachdenken. Dann trat sie vor das Bild ihres verstorbenen Vaters, welches als einziger Schmuck an der kahlen Wand hing, und sagte mit gefalteten Händen:

»Es wird mir gelingen, mein Vater, ich werde arbeiten um deinetwegen und dir alles Gute vergelten, was du mir gethan hast.«

Als sie im Begriff war, sich zu entkleiden, fiel ein kleines goldenes Medaillon aus ihrem Busen. Sie hob es auf und öffnete dasselbe. Das Bild zeigte ihr die Züge Leons, welche sie mit Wehmuth betrachtete. Der silberne Mond schien über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser und beleuchtete das schöne bleiche junge Mädchen, dessen Augen sich wieder mit Thränen füllten.

»Niemals soll ich dir angehören, niemals, aber die Ehre meines Vaters wird gerettet werden.«

In diesem Augenblicke gedachte auch Leon seiner verschwundenen Geliebten. Inmitten des Kreises seiner Bekannten und Freunde saß er und starrte stumm und trübe vor sich hin. In dem strahlend erleuchteten Clubsaale ging es lebendig her. Hier spielten einige junge Herren Karten, dort wurde einigen Champagnerflaschen der Hals gebrochen und mit dem gefüllten Glase trat ein blonder Adonis in Frack und weißer Halsbinde auf Leon zu:

»Es lebe Cara!« rief er.

Leon blickte auf.

»Cara, weshalb Cara?« antwortete er.

»Heuchler! Heute Mittag sah ich dich mit dieser Circe im Wagen fahren! Und just denkst du an sie! Läugne es nicht. Hurrah, Leon und Cara sollen leben! Und wie werdet ihr leben, wie die Fürsten. Selbst dieser männerfressenden Sirene wird es schwer werden, den Erben der Firma Haupois-Daguillon ganz aufzuessen!«

»Leon Haupois und seine Geliebte Cara sollen leben. Hoch, hoch, hoch!« riefen die Stimmen durcheinander.

Leon krümmte verächtlich die Lippen und trank keinen Tropfen. Er fühlte sich sicher in seiner Liebe zu Madeleinen und dennoch – einige Tage später saß er an dem Krankenbette des armen Landmädchens von Montmorency, wie der Leser bereits weiß und versprach beim Weggehen wieder zu kommen, bald wieder zu kommen, schon am nächsten Tage! Schwachheit, dein Name ist – Mann!


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