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Vierzehntes Kapitel.
Die Hochzeit

Cara war nicht unvorsichtig genug, um frühzeitig auf ihren Lorbeeren auszuruhen und gemüthlich zu warten, bis es Leon gefiele, bei Gelegenheit die stillschweigend beschlossene Ehe zu verwirklichen. Sie hatte ihm die Einwilligung fast mit Gewalt entrissen und hatte nun eine geheime Furcht, daß er nach ruhiger Ueberlegung sich doch noch anders entschließen könnte. Auch stand zu erwarten, daß seine Eltern sich wiederum einmengten, sei es, daß sie selbst nach Amerika kämen oder einen gewandten Geschäftsmann schickten. Unter diesen Umständen durfte sie keine Minute Zeit verlieren und die Vorbereitungen zur kirchlichen Trauung nicht verzögern. Sie wußte, daß eine solche in Amerika sich schnell und leicht bewerkstelligen ließe, aber sie wußte nicht, welche Schritte in solcher Angelegenheit zu thun seien. In Paris hatte man ihr gesagt, daß Geburts- und Taufschein die einzig nothwendigen Papiere seien. Verhielt es sich so? War es möglich, daß die Zeit zwischen dem Aufgebot und der Hochzeit abgekürzt werden konnte? Sie wollte darüber Gewißheit haben und ging schon früh am anderen Morgen, als Leon noch im Bette lag, aus. Auf seine Fragen antwortete sie, daß sie nur einige Minuten abwesend sein würde, ihre Seele verlange danach, Gott zu danken.

In der That trat Cara in die ihrem Hotel am nächsten liegende katholische Kirche ein, aber anstatt daselbst zum Gebet auf die Knie niederzusinken, ging sie in die Sacristei und fragte nach einem Priester, welcher Französisch sprechen oder wenigstens verstehen konnte. Sofort wandte sich ein Priester zu ihr, welcher im Begriffe war, ein Chorhemd in den Schrank zu hängen und erwiderte auf Französisch mit einem stark fremdländischen Accent, daß er zu ihrer Verfügung stände.

Er bat sie, ihm in die Kirche zu folgen. Er glaubte, daß es sich um eine Beichte handle, aber sie hielt ihn mit dem Bedeuten zurück, daß sie lediglich eines Rathes bedürftig sei, und erzählte dem Priester eine wohlüberlegte Geschichte.

Sie und ihr Bräutigam seien nach Amerika gekommen und müßten sich beeilen, nach dem Westen weiter zu reisen. Aber vorher wollten sie sich gerne von der Kirche zusammengeben lassen, wenn es schnell und ohne langen Aufschub geschehen könne. Andernfalls müßten sie New-York verlassen, ohne den Segen der Kirche empfangen zu haben und das würde ihnen sehr schmerzlich sein. Sie wünsche deshalb zu wissen, ob es nicht möglich sei, daß die Heirath sofort nach dem Aufgebot folge. Die nothwendigen Kosten würde sie sogleich erlegen und außerdem der Kapelle der heiligen Jungfrau ein Geschenk machen, welches dem geleisteten Dienste entsprechen sollte.

Cara, welche fürchtete, daß der Priester sie nur halb verstände und außerdem glaubte, daß sie einem großen Widerstande begegnen würde, sprach lange und eindringlich und betonte immer wieder, daß ihr Heil davon abhinge, noch vor ihrer Abreise getraut zu werden. Der Erfolg übertraf alle ihre Erwartungen, denn der Priester willigte sofort ein, sie gleich jetzt einzusegnen, wenn sie die nöthigen Papiere zur Hand hätte. Sie glaubte schlecht gehört zu haben, oder vom Priester falsch verstanden worden zu sein, und wiederholte ihre Erklärungen. Der Mann Gottes hörte ihr geduldig zu und wiederholte dann seinerseits, was er soeben gesagt hatte. Sie warf beiläufig hin, daß sie fürchte, eine solche Ehe sei nicht giltig, aber er versicherte sie, daß die Heirath im Gegentheile unlöslich sein würde. Sie könne sich mit ihrem Bräutigam einfinden, wann sie wolle, heute schon, und wenn Beide gebeichtet hätten, könne die Trauung ohne Umstände vor sich gehen. Zeugen brauche sie auch nicht mitzubringen, der Küster und ein Chorknabe könnten dieses Amt versehen.

Wenn nicht ein Priester so zu ihr gesprochen hätte, würde Cara geglaubt haben, daß man sich über sie lustig mache, aber unter bewandten Umständen konnte sie an dem Ernste des Sprechenden nicht zweifeln. Es blieb ihr also nur übrig, aus dem, was sie gehört hatte, so schnell wie möglich Nutzen zu ziehen; sie bedankte sich bei dem Priester mit dem Versprechen, bald mit ihrem Bräutigam zurückzukommen.

Ehe sie ihr Hotel wieder aufsuchte, kaufte sie bei einem Juwelier zwei einfache Gold-Ringe, einen für sich und einen größeren für Leon.

Im Hotel angekommen, befahl sie dem Kutscher draußen zu warten und stieg dann schnell zu ihrem Zimmer hinauf. Leon saß ruhig und eine Cigarrette rauchend auf dem Sopha.

»Willst du nicht deinen Frack anziehen, Leon?« fragte Cara.

»Warum das? Dieser Gehrock sitzt mir viel bequemer.«

»Weil wir uns verheirathen wollen und du dich doch in diesem Rocke nicht trauen lassen kannst.«

»Verheirathen! Trauen lassen!« rief Leon lachend aus.

Cara's Gesicht nahm einen ernsthaften Ausdruck an, und würdevoll theilte sie ihm mit, was der Priester der Franziskanerkirche ihr soeben gesagt hatte. Sie würden von demselben erwartet und sie hätte versprochen, vor Ablauf einer halben Stunde mit ihrem Bräutigam zurückzukommen.

Während sie sprach, wechselte sie schnell ihr Kleid und legte eine schwarze Toilette an.

»Nun?« fragte sie.

»Aber eine solche Heirath ist absurd,« sagte Leon etwas ärgerlich, »sie ist von vorneherein ungiltig.«

»Was geht das dich an? Beunruhige dich deshalb nicht. Willst du nun das, was du mir gestern versprochen hast, schon heute zurücknehmen? Dann hatte ich allerdings Unrecht, deinen Worten Glauben zu schenken, aber sage nicht, daß diese Heirath absurd ist. Wenn sie es wäre, brauchtest du gewiß keine Furcht zu haben, denn sie bindet dich ja nicht für immer; wenn sie es nicht ist, wie ich hoffe und glaube, warum verweigerst du mir, was du gestern versprochen hast?«

Leon hatte darauf nichts, oder besser gesagt sehr vieles, zu erwidern, aber er schwieg.

Die Ceremonie nahm wenig Zeit in Anspruch. Leon und Cara unterzeichneten dann einen Eheschein, ein alter achtzigjähriger Küster und ein Chorknabe von 14 Jahren thaten als Zeugen das nämliche, der Priester setzte ebenfalls seinen Namen unter die ihrigen und Leon und Cara waren – verheirathet.

In einem Traume hätten die Ereignisse sich nicht schneller folgen können!

War es möglich?

Leon schüttelte noch stundenlang in begreiflichem Erstaunen den Kopf. Ihm erschien diese Ehe wie eine Komödie, da er die Ungiltigkeit derselben kannte. Um aber Fräulein Hortense, seiner angetrauten Ehegattin, wenigstens einen reellen Vortheil zu sichern, bat er sie nach dem Dejeuner mit ihm auszufahren. Er befahl dem Kutscher nach dem Broadway Nr. 145 zu fahren.

»Was wollen wir dort?« fragte sie.

»Das wirst du sehen,« erwiderte er lächelnd.

Der Wagen hielt vor dem Büreau einer Lebensversicherungsgesellschaft stille und dort versicherte Leon sein Leben zu Gunsten seiner Gattin, Madame Hortense Binoche, mit 50 000 Dollars. Als er die erste Prämie bezahlt hatte, zeigte er Hortense seine Börse, in welcher sich nur noch wenige Bankbillets befanden.

»Das ist mein ganzes Vermögen,« sagte er lachend und erzählte ihr, was ihm bei seinem New-Yorker Banquier passirt sei.

»Was der Frau gehört,« sagte sie, »gehört auch dem Manne. Theilen wir also einträchtlich zusammen, und da ich eine genügend große Summe bei mir habe, so sitzen wir Gott Lob nicht auf dem Trocknen. Laß uns eine Reise machen und die großen Seen von Kanada besuchen. Diese Reise ist amüsanter als die gewöhnliche Tour der Neuvermählten nach der Schweiz oder nach Italien.

Drei Tage nach der Abreise Leons und seiner Gemahlin kam Frau Haupois-Daguillon in New-York an und stieg in demselben Hotel, wo ihr Sohn gewohnt hatte, ab. Sie hatte in Paris alles liegen und stehen lassen, nur um ihren Sohn aus den Händen Cara's zu retten, aber sie kam zu spät. Abgereist nach dem Westen! Mit Mylady! Frau Haupois wollte ihnen sofort nachreisen. Aber wo sollte sie ihren Sohn suchen?

Die Reise der alten Dame war aber nicht ganz unnütz und überflüssig. Mit Hilfe des Consuls, an welchen sie Empfehlungen hatte, und eines sehr thätigen und intelligenten Geschäftsmannes erfuhr sie noch vor ihrer Rückreise nach Europa, daß Leon in der Franziskanerkirche von dem Priester O'Connor mit Fräulein Hortense Binoche getraut worden sei.

Verheirathet? Er, mein Sohn? Verheirathet mit diesem Weibe? Mit einer Kokotte?

Die alte Frau fiel bei dieser Nachricht fast in Ohnmacht, raffte sich aber auf und fuhr schnell entschlossen mit dem nächsten Packetboote nach Havre zurück.

Unterdessen befanden sich Leon und Cara auf der Hochzeitsreise. Sie hielten sich drei Monate in Kanada auf und niemals hatten die dortigen Bewohner zwei Neuvermählte gesehen, die sich zärtlicher geliebt hätten. Jedoch gab es Stunden, wo der junge Ehemann düster und sorgenvoll war; die Frau dagegen war stets lustig und guter Dinge. Alles gefiel ihr und entzückte sie.

Endlich schifften sie sich von Quebeck nach Glasgow ein, und nach einer kurzen Vergnügungstour in den schottischen Hochlanden kehrten sie nach Paris zurück.

Eine grausame Ueberraschung erwartete hier die beiden Ehegatten. Der Concierge ihres Hauses in der Rue Auber übergab Leon einen ganzen Stoß gestempelter und vollgeschriebener Papiere. Aus der Lektüre derselben ging hervor, daß Herr und Madame Haupois-Daguillon beim Seinetribunal eingekommen waren, die Ungiltigkeit der Ehe zwischen ihrem Sohne Leon Haupois-Daguillon und einer gewissen Hortense Binoche gerichtlich zu bestätigen. Diese Heirath sei in New-York (Vereinigten Staaten von Amerika) in der Franziskanerkirche vor einem gewissen katholischen Priester O'Connor geschlossen worden, aber ohne vorhergegangene gesetzliche Publikationsfrist und ohne Einwilligung der Eltern des Bräutigams. Nach dem Artikel 182 des Code civile sei die Ehe als ungiltig zu betrachten.

Leon packte die Papiere zusammen und trug sie sofort zu seinem Advokaten Nicolas, um zu fragen, was er thun solle. Der Advokat sagte ihm, daß alle Schritte zur Aufrechterhaltung seiner Ehe umsonst sein würden und kein französischer Gerichtshof zögern würde, die Ungiltigkeit einer solchen Ehe auszusprechen. Es sei deshalb das Beste, sich mit den Eltern zu verständigen und nach Beobachtung der gesetzlichen Formen eine neue Ehe zu schließen.

Als Leon nach seiner Wohnung zurückkehrte, erblickte er auf dem Madeleineplatze eine Dame, die ganz in Schwarz gekleidet war und den Boulevard überschritt, um in die Kirche einzutreten. Diese Dame hatte in ihrer Gestalt und in ihrem Gange eine frappante Aehnlichkeit mit seiner Mutter: dieselbe Haltung, dieselbe Taille, denselben Gang. Es konnte nur Frau Haupois sein, und doch war es ja nicht möglich und die Erscheinung nur Einbildung, denn seine Mutter trauerte nicht.

Für wen sollte sie trauern?

Er betrachtete sie aufmerksam. Ein Wagen fuhr vorüber und die Dame mußte einen Augenblick stille stehen. Dabei wandte sie ihren Kopf ein wenig nach der Seite, auf welcher Leon stand.

Sie war es! Ein Zweifel war nicht möglich. Ja, ja, sie war es! Aber was bedeuten die Trauerkleider?

Instinktiv und ohne sich zu bedenken, lief Leon mit großen Sprüngen über den Fahrdamm und hatte seine Mutter in dem Augenblicke eingeholt, als sie die ersten Stufen der Kirchentreppe hinaufsteigen wollte.

»Mutter!« schrie Leon mit fast erstickter Stimme.

Frau Haupois wandte sich um und als sie Leon in nächster Nähe erblickte, wich sie unwillkürlich zurück.

»In Trauer,« rief er, »du bist in Trauer? Für wen?«

Einen Augenblick betrachtete sie ihn, dann antwortete sie in schmerzlich wehmüthigem Tone:

»Für meinen Sohn!«

Und Madame Haupois stieg mühevoll die große Marmortreppe hinauf, ohne sich umzusehen, ihren Sohn in einem Zustand namenloser Verzweiflung stehen lassend.


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