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Fünfzehntes Kapitel.
Die weiße Sklavin

Von der ersten Bekanntschaft Leons und Cara's bis zu dem Auftritte, der im vorigen Kapitel geschildert wurde, war fast ein ganzes Jahr verstrichen. Während dieser Zeit hatte Madeleine anfangs stille und zurückgezogen gelebt, nur ihrem Gesangsstudium lebend und dann und wann die bescheidenen Vergnügungen ihrer Wirthsleute theilend.

Lozes war mit seiner Schülerin zufrieden und gab sich der besten Hoffnung hin, in derselben dereinst eine gefeierte Sängerin zu sehen. Was Madeleine betraf, so dachte sie nur wenig an die Zukunft. Ihr Wesen war still, zurückhaltend, ruhig, und ein melancholischer Ausdruck in ihren großen blauen Augen ließ errathen, daß in ihrem Herzen Gefühle und Empfindungen schlummerten, die zu ihrem jugendlichen Alter wenig paßten. Unveränderlich hielt sie allerdings den Gedanken fest, daß es ihr dereinst vergönnt sein werde, die Schulden ihres Vaters ganz bezahlen und so des Seligen Andenken wieder in klarer Reinheit herstellen zu können. Aber keine andere Hoffnung hatte sie für die Zukunft. Wohl wohnte die Liebe in ihrer Brust, aber die schönen Träume künftigen Glücks an der Seite des geliebten Gatten waren verflogen und kehrten selbst im Schlummer nicht zu ihr zurück.

Sie liebte einen Unwürdigen. Scheltet ein junges Mädchen nicht, welches seinen Geliebten verdammt, weil er seiner vergessen hat. Die Tugend- und Sittenprediger stehen mit dem Moralkodex in der Hand da und heute verdammen sie den, welcher die Tugendvorschriften verachtet, morgen belobigen sie denselben Sünder, wenn er an seine Brust schlägt und Reue heuchelt; die Priester malen mit dicken Farben Hölle und Höllenstrafen, aber predigen gleich nachher Erlösung und Vergebung, denn die Engel jauchzen, wenn ein Sünder sich bekehrt; die praktische Welt verdammt und lobt in einem Athem, achtet und verachtet zu gleicher Zeit, und da sie am besten ihre eigenen Schwächen kennt, so entschuldigt und vergißt sie gerne, wenn der Fehlende zur allein seligmachenden Convenienz zurückkehrt, die sich so prunkvoll in den Mantel der Tugend und Religion einzuhüllen versteht. Und es giebt auch einzelne Lebenskluge, die tiefer in das wankelmüthige Menschenherz hineinblicken. Sie wissen, daß es nur Wenigen gegönnt ist, den anstürmenden Wogen der großen Meere trotzen zu können, sie wissen, daß Leidenschaft und Schwäche auch das stärkste Herz zeitweise irre machen können im Dienste der ewigen Tugenden. Moralisten, Priester, Weltkluge, die Menschheit insgesammt, sie verdammen, verfluchen, aber entschuldigen, vergeben und vergessen auch.

Nur die unglückliche und getäuschte Liebe der reinen Jungfrau vergiebt nicht. Ist die Liebe, die treue Liebe nicht ihre Welt? Bedeutet diese ihr nicht alles, was der Himmel uns Herrliches und Hohes geschenkt hat? Liebe bedeutet ihr das Leben, mehr noch die Ewigkeit, denn ohne Grenzen der Zeit und des Raumes ist das selige Gefühl, welches ihr keusches Herz höher schlagen läßt.

Madeleine war sich nicht klar bewußt, weshalb sie mit bitterem Hohne im Busen an Leon denken mußte, sie fühlte nur instinktiv, daß er einen Verrath begangen hatte, nicht an ihr, auch nicht an ihrer Liebe allein, sondern an seinen eigenen höchsten und heiligsten Gefühlen. Und wenn er diese aufgeben konnte, um in den Armen einer Buhlerin sein Glück zu suchen, war er denn noch werth, von ihr geliebt zu werden?

Ja, sie wollte ihn nicht mehr lieben, sie wollte ihn vergessen, erfuhr sie doch fast täglich von Sziazziga Neuigkeiten über die stadtbekannte Skandalgeschichte Leons und Cara's. Sie pflegte nie darauf zu antworten und that, als ob sie den Namen Haupois nie in ihrem Leben gehört hätte. Insgeheim in ihrem Zimmer aber rebellirten ihre Gedanken und in den ersten Monaten gab es dunkle Stunden, in welchen sie weinend und schluchzend auf ihrem Bette saß. Aber auch die Thränen versiegten allmählich und das Herz zuckte nicht mehr, als sie hörte, daß Leon und Cara eine gemeinsame Wohnung gemiethet hatten. Sie erfuhr das durch Sziazziga, welcher es wieder von Riolle wußte, denn beide Männer waren Liebhaber vom Stadtklatsch und konnten sich stundenlang mit demselben beschäftigen.

Madeleine ertrug ihren Gram und verbannte jede weichherzige Empfindung mit derselben Energie, welche sie auch in der Führung ihres äußeren Lebens bekundete. Es bildete sich eine Eiskruste um ihr Herz und diese schmolz auch nicht in den sanften Tönen der Musik. Dem Studium derselben und der Ausbildung ihrer Stimme widmete sie alle ihre Kraft und Zeit. Ihre Stimme wurde voller und schöner, ihre technische Fertigkeit war brillant und Lozes mußte seiner Schülerin oft unwillkürlich applaudiren. Und doch schüttelte er insgeheim den Kopf. Sein musikalischer Sinn war zu fein ausgebildet, als daß er nicht merkte, daß diesem prachtvollen Gesange etwas fehle. Die italienischen Coloraturarien sang Madeleine mit tadelloser Reinheit und Genauigkeit, und in den getragenen Kirchenarien klang ihre Stimme wie brausender Orgelklang, aber … dennoch … dennoch …

Eines Tages richtete Lozes an seine Schülerin dieselbe Frage, welche Hasse einst seiner späteren Frau Faustina vorlegte.

»Lieben Sie niemanden, mein Fräulein? Haben Sie nie geliebt?«

Madeleine erröthete und schlug ihre blauen Augen erstaunt zu ihrem Lehrer auf.

»Ich frage nicht aus Neugierde,« erwiderte Lozes, welcher sich daran gewöhnt hatte, Madeleine in der höflichsten und väterlich freundschaftlichsten Weise zu behandeln.

Madeleine schüttelte mit dem Kopfe.

Lozes zögerte einen kurzen Augenblick, dann fuhr er in leichter Verlegenheit fort:

»Musik ist kein Handwerk, welches durch eifrige Arbeit erlernt werden kann, Musik ist eine Kunst und sie ist noch mehr, lebendig gewordene Sprache des Herzens, deren Gefühle in ihr den reinsten und schönsten Ausdruck erhalten. Und weil unter diesen die Liebe die heiligste Empfindung ist, so kann man die höchste Höhe der Kunst nur erreichen, wenn man liebt, treu und wahr liebt.«

Lozes schwieg und blickte Madeleine an, welche sich von ihm abwandte und nicht antwortete. Lozes sah, daß seine Schülerin nicht geneigt war, auf das Thema näher einzugehen und war ärgerlich darüber. Er bezwang sich und fuhr in seiner Lection fort. Er war von dem besten Willen beseelt gewesen, ihr deutlich zu machen, was in ihrem Gesange noch fehle: das Herz und die Seele.

Der Zwischenfall bewirkte, daß Madeleine über die seltsame Ansicht ihres Lehrers nachdachte. Er verlangte Liebe von ihr nicht seinetwegen, nicht ihretwegen, sondern ihrer Kunst wegen. Dieser Gedanke lastete schwer auf ihrer Seele. Lieben? Ja, sie hatte geliebt, aber jetzt liebte sie nicht mehr und nie und nimmer würde sie zum zweiten Male lieben. So fest, so sicher war sie sich dieser Thatsache bewußt, daß sie ernstlich in Ueberlegung zog, ob es ihr je gelingen würde eine große Sängerin zu werden. Sie hatte sich seit einiger Zeit mehr und mehr daran gewöhnt, in diesem Punkte ganz geschäftlich zu denken. Hauptzweck blieb ihr die Bezahlung der väterlichen Schulden, und deswegen mußte sie große Summen verdienen. Lozes Worte riefen in ihr einen bangen Zweifel wach, ob sie dies je erreichen werde, und seit der Zeit schwand das feste Selbstvertrauen zu ihren Fähigkeiten und Talenten. Aber mit um so größerer Energie gab sie sich ihren Studien hin und hatte wenig Acht auf das, was um sie her passirte und gesprochen wurde.

In den ersten Monaten floß Madeleinens Leben so ruhig und gleichmäßig dahin, daß sich kaum ein Tag von dem andern unterschied. In ein näheres Verhältnis zu Herrn Sziazziga und Frau trat sie nicht. Ersterer behandelte sie stets mit derselben barocken Höflichkeit und Letztere hüllte sich in ihr kostbares Umschlagetuch und ihre Einsilbigkeit ein. Die Hausgenossen sahen sich nur zweimal am Tage, beim Dejeuner und beim Diner, und, da Madeleine Morgens gewöhnlich in der Wohnung Lozes' ihre Stunden nahm und Nachmittags auf ihrer hochgelegenen Stube ihren musikalischen Studien oblag, so wußte sie nicht, was unten in der Wohnung Sziazzigas vorging. Sie merkte nicht, daß die Frau immer einsilbiger wurde, daß Sziazziga bei der geringsten Gelegenheit aufbrauste, daß gar manche kostbare Meubles und Kunstgegenstände aus dem Wohnzimmer verschwanden, daß die Zahl der Dienstboten sich verringerte, daß die Speisen täglich weniger schmackhaft zubereitet wurden, daß mit einem Worte Stimmung und äußere Verhältnisse Sziazzigas immer gedrückter und ärmlicher wurden.

Madeleinens Aufmerksamkeit war zu stark auf ihre eigene Zukunft gerichtet, als daß sie auf jene äußeren Symptome eines allmählichen Verfalls hätte achten können. Eines Tages – es war ungefähr ein halbes Jahr nach ihrer Flucht aus dem Hause ihres Onkels – bat Lozes seine Schülerin, ihm in sein Arbeitscabinet zu folgen. Hier angekommen, sah er sie mit seinen kleinen Augen scharf an und sagte:

»Mein Fräulein, Sie kennen ohne Zweifel die Veränderung, welche in den Verhältnissen Sziazzigas vor sich gegangen ist.«

Madeleine blickte erstaunt auf.

»In Sziazzigas Verhältnissen? Ich kenne dieselben nicht.«

»Hat er Ihnen keine Andeutungen gemacht?«

»Nicht die geringsten.«

»Sie wissen also gar nichts?«

»Ich versichere Ihnen, nicht das geringste. Aber Sie erschrecken mich, Ihre Miene ist so ernst und unruhig.«

»Sziazziga, mein Fräulein, gilt allgemein als ein reicher Mann.«

»Und ist er nicht reich?« fragte Madeleine fast erschreckt.

»Seit drei Wochen schuldet er mir das Honorar für Ihre Lectionen. Da ich mit ihm verabredet hatte, daß er mir wöchentlich dasselbe bezahlen sollte, so schrieb ich ihm gestern einen höflichen Mahnbrief. Darauf erhielt ich eine Antwort, die ich in meinem Leben nicht erwartet hätte. Er bat mich, noch ein Vierteljahr auf das Geld warten zu wollen, oder …«

»Oder?« fragte Madeleine, als Lozes innehielt.

»Oder mit den Lectionen aufzuhören, denn er sei augenblicklich nicht in der Lage seinen Verpflichtungen nachzukommen.«

Madeleine zuckte ein wenig zusammen und blickte ängstlich zu ihrem Lehrer auf.

»Was haben Sie beschlossen?« fragte sie endlich schüchtern.

»Ich habe mich noch nicht entschlossen,« erwiderte Lozes, »und deshalb rede ich mit Ihnen, und frage Sie, ob Sie Näheres über Sziazzigas Verhältnisse wissen.«

Madeleine schüttelte traurig den Kopf.

»Dann werde ich mich anderswo erkundigen und Ihnen vorläufig die Lectionen weiter geben, bis ich Gewißheit habe. Aber Sie selbst werden gut thun, sich mit Ihrem Patrone auszusprechen, denn Sie werden am meisten darunter leiden, wenn das eintrifft, was ich fürchte.«

»Und was fürchten Sie?«

»Daß Sziazziga über kurz oder lang Bankerott macht. Sie müßten sich in diesem Falle nach einem neuen Protector umsehen, weil Ihre Studien noch lange nicht beendet sind und ich nicht in der Lage bin, gratis Unterricht zu ertheilen.«

Das junge Mädchen, welches so plötzlich seine sicher geglaubte Existenz bedroht und alle Hoffnungen auf die Zukunft zertrümmert sah, verfiel in eine nervöse Aufregung und zitterte heftig.

»Es thut mir leid,« fuhr Lozes fort, und ein Hauch von Mitleid war wirklich in seiner Stimme zu hören, »Sie so sehr erschreckt zu haben. Aber Sie sind ein starkes Mädchen und werden diesen Schlag verwinden und ich werde Ihnen, so gut ich kann, hilfreich zur Seite stehen. Vielleicht findet sich schnell ein anderer Patron, der die Kosten Ihrer Ausbildung bestreitet.«

Madeleine stand auf. Heute war sie nicht geneigt, die Lection zu nehmen. Lozes entließ sie und das Mädchen eilte schnell nach Hause. Als sie die Treppe zum Entresol hinaufstieg, hörte sie im Geschäftszimmer ihres Patrons lautes und heftiges Sprechen. Sie unterschied die Stimmen Sziazzigas und Riolles, dazwischen wurden bisweilen die kreischenden Töne der Frau vernehmbar. Zitternd blieb Madeleine an der Thüre stehen und zögerte hineinzutreten, wie sie vordem beabsichtigt hatte, um Sziazziga zur Rede zu stellen.

Keine fünf Minuten vergingen, als die Thüre plötzlich heftig aufgerissen wurde und der Advocat Riolle, mit dem Hute auf dem Kopfe und einen heftigen Fluch ausstoßend, herausstürmte und die Treppe hinabstieg. Er hatte Madeleine nicht beachtet, welche nun in die offene Thüre trat und ins Zimmer blickte.

Sziazziga saß mit zurückgelehntem Kopfe in einem großen altväterischen Lehnstuhl und keuchte. Sein Gesicht war dunkelblau unterlaufen und seine Arme hingen schlaff an der Seite hinab. Ihm gegenüber saß die Frau starr und fast unbeweglich wie eine Leiche, fest in das große Umschlagtuch gehüllt. Als Madeleine eintrat, wandte sie ihren Kopf um und richtete ihre glanzlosen Augen auf das Mädchen, welches in Mitten des Zimmers stehen blieb.

Sziazziga erholte sich allmählich.

»Es ist vorbei,« stöhnte er, »dies Schuft hat mich ruinirt.«

»Oh,« kreischte die Frau plötzlich, ohne sich zu bewegen, »Gott soll verfluchen diesen Elenden.«

»Wird nicht helfen armen Sziazziga,« sprach der Italiener leise vor sich hin, und mit einem plötzlichen Rucke erhob sich das kleine Männchen aus dem Lehnstuhl. Er blickte Madeleine einen Augenblick an, ohne zu grüßen, und trippelte im Zimmer auf und ab. Schon war Madeleine im Begriff das Zimmer zu verlassen, als der sonderbare Mann sich plötzlich zu ihr wandte und ein Gesicht zeigte, welches wieder die normale Gesichtsfarbe und sogar den lächelnden Ausdruck von früher angenommen hatte.

»Signora bitten arm Italiener Platz zu nehmen auf das Stuhl.«

Er begleitete die Aufforderung mit einer verbindlichen Geste, gleichsam als ob er seiner Pflegebefohlenen die freudigste Nachricht mitzutheilen im Begriff stand. Dann fuhr er fort:

»Sehr unangenehm zu haben heiß Blut. Wir Italiener immer aufbrausend und heftig, aber gleich wieder kalt Blut. Signora um Entschuldigung bitten, aber böse Erfahrung gemacht in letzten Wochen mit mein gut Freund Riolle. Er verspielt haben mein ganzes Vermögen an der Börse, ich jetzt arm sein wie Kirchenmaus.«

Sziazzigas Gesicht verdüsterte sich wieder und die Zornesader an seiner Stirn schwoll an, aber gleich darauf, als er in das erschreckte Antlitz Madeleinens blickte, legte sich seine Miene wieder in die gewohnten Falten und in derselben höflich verbindlichen Weise wie vorher fuhr er fort:

»Sehr fatal für armen Italiener, nichts behalten als ein Paar Franken. Muß verkaufen Laden, Geschäft, Haus, Möbeln, Alles, und dann einmiethen in klein Haus in der Vorstadt. Sehr traurig, sehr traurig.«

»Ich bedaure Ihr Unglück von Herzen,« sagte Madeleine, und gerührt von dem Benehmen des alten Mannes, welcher so siegreich gegen seinen Gram ankämpfte, reichte sie ihm die Hand, welche Sziazziga ergriff und mit einer graziösen Verbeugung an seine Lippen führte.

»Grazia Signora. Sie ein so schöne Stimme haben, die in Seele dringt und ruhig macht das Herz und die Brust. Dank Ihnen, dank Ihnen.«

Es entstand eine kleine Pause, während welcher Sziazziga sich wieder in seine düsteren Gedanken vertiefte und Madeleine in großer Verlegenheit bald hier bald dorthin blickte. Sie fürchtete sich, Sziazziga zu fragen, wie er über ihre Zukunft denke, aber dieser mochte in ihren Augen lesen, was sie nicht auszusprechen wagte.

»Bin heute so arm wie Signora,« sagte er, »noch viel mehr arm, denn besitz keine so gute Stimme, mit der Signora verdienen kann viel Geld. Hab' in letzten Wochen nicht bezahlen können mehr Herr Lozes, welcher nimmt erschrecklich viel Geld für sein Unterricht, und in Zukunft kann nicht geben mehr ein Sou. Signora muß sich wenden an Herrn Riolle, welcher mit unterschrieben hat das Contract. Er sein geblieben reich und muß sorgen für Signora. Hier will geben Sie die Adresse von dem Ehrenmann, welcher ruinirt andere Leut und selbst wird Millionär, Signora muß gehen zu ihm. Ich nicht mehr sprecken mit ihm ein Wort.«

Er überreichte Madeleine eine Karte, und das junge Mädchen erhob sich, um auf ihrem Zimmer ruhig zu überlegen, was zu thun sei. Als sie sich verabschieden wollte, sagte Sziazziga:

»Will Signora nehmen einen Rath von armen Bankerotter? Gut. Geben nicht aus Händen der Contract und wenn Ehrenmann Riolle will nicht zahlen weiter, droh Signora mit Gericht. Versteh Signora, mit Gericht. Riolle sehr viel Furcht haben vor Gericht.«

Madeleine bedankte sich und stieg zu ihrer Wohnung empor. Es dauerte eine lange Zeit, ehe sie Ruhe zur Ueberlegung gefunden hatte. Die Lage, in welche sie gerathen, war eine schlimmere als sie selbst ahnte, denn, wenn sie auch einen instinktiven Abscheu gegen den frechen Advocaten, in dessen Hände sie jetzt gegeben war, hatte, so ahnte sie doch nicht im Entferntesten, wessen der Mensch fähig war. Deshalb entschloß sie sich auch schnell und rasch, die Dinge hinzunehmen, wie sie waren. Daß sie das sichere Heim bei dem ihr liebgewordenen, wenn auch höchst wunderlichen Sziazziga aufgeben sollte, fiel ihr schwer aufs Herz, als sie daran dachte, aber ihre Hauptsorge blieb doch, daß Riolle sich weigern möchte, ferner die Kosten ihrer Ausbildung zu bezahlen. Nach dem Dejeuner, welches sie mit Sziazziga und Frau unter lautloser Stille eingenommen hatte, machte sie sich auf den Weg zu Riolle. Sie fand den Advocaten in derselben Situation, wie Cara ihn schon mehrfach getroffen hatte. Er saß an seinem Schreibtisch und blickte sich mit einem zynischen Lächeln um, als er Kleiderrauschen hinter seinem Rücken vernahm.

Der Advocat hatte Madeleine seit ihrem ersten Besuche nicht wieder gesehen und erkannte dieselbe daher nicht gleich.

»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« fragte Riolle.

»Mein Name ist Amélie Bourdon,« erwiderte Madeleine, die sich diesen Namen, wie der Leser erinnern wird, bei Lozes zugelegt hatte.

»Bourdon? Bourdon? … Ah, Sie sind's, mein Fräulein. Bitte, nehmen Sie Platz … ich stehe sofort zu Ihrer Disposition.«

Und Riolle setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, drehte Madeleine den Rücken zu und schien sich mit Schreiben zu beschäftigen. Aber heimlich schweiften seine Blicke nach einem Spiegel hinüber, in welchem er mit Hilfe eines zweiten seinen Besuch genau beobachten konnte. Riolle hatte sofort errathen, aus welchem Grunde Madeleine ihn aufsuchte, und suchte nun schnell zu überlegen, welche Position er einnehmen sollte. Die schöne stolze Gestalt des Mädchens, welches sinnend im Sessel saß und in ihr Schicksal ergeben auf die Gunst einer Unterredung mit ihrem Patron wartete, imponirte dem Letzteren, aber zugleich trat ein hämisches Lächeln auf sein Gesicht.

»Es ist immer etwas zu verdienen mit diesem schönen Kinde,« murmelte Riolle vor sich hin, »auch wenn sie ein glänzendes Fiasko macht.«

Dann wandte er sich mit einem schnellen Ruck auf dem Drehstuhl um und begann die Unterhaltung:

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie einen Augenblick warten ließ.«

»Ich habe Zeit, mein Herr, und wenn ich jetzt noch störe, will ich …«

»O, durchaus nicht. Es ist auch ebensogut, daß wir sofort die Angelegenheit, welche Sie herführt, in Ordnung bringen. Nicht wahr, Sie kommen mit einer ganz bestimmten Frage auf den Lippen?«

»Allerdings, ich kann es nicht läugnen. Herr Sziazziga hat mir mitgetheilt, daß er die Bedingungen unseres Contractes nicht mehr erfüllen könnte und da Sie …«

»Da ich denselben mit unterzeichnet habe, wollen Sie sich jetzt an mich halten? Sziazziga hat sehr leichtsinnig gehandelt, Sziazziga hat Verpflichtungen übernommen, die er schon damals nicht einzuhalten hoffen durfte und nun sitzt er in der selbstverschuldeten Patsche. Ich gestehe ganz offen, mein Fräulein, hätte ich den Charakter dieses leichtsinnigen Menschen damals besser gekannt, ich hätte mich niemals dazu verführen lassen, einen Contract zu unterzeichnen, der mir so schwere pekuniäre Opfer auferlegt.«

Madeleine blickte erstaunt zu dem Advocaten auf, der über Sziazziga so verdammend urtheilte, während dieser doch behauptet hatte, von Riolle betrogen worden zu sein. Der Advocat las in den Augen des Mädchens deren Gedanken.

»Natürlich wird Ihnen Herr Sziazziga auch das Märchen aufgebunden haben, daß ich ihn betrogen und ruinirt habe. Als ich heute Morgen bei ihm war, überschüttete er mich mit Vorwürfen. Und weshalb? Weil ich die dumme Gutmüthigkeit hatte, einige größere Börsengeschäfte zu vermitteln, die er durchaus trotz meines Abrathens entriren wollte. Sie schlugen fehl und ich bin nun das arme Opferlamm, welches seine Sünde tragen soll. Dieser alte Italiener ist allmählich kindisch geworden, früher war er ein ruhiger zufriedener Mann und stand mit Umsicht seinem guten Geschäfte vor. Darauf fiel es ihm plötzlich ein, den großen Herrn zu spielen, an der Börse zu spekuliren, Häuser zu kaufen und wieder zu verkaufen, Sängerinnen auszubilden u. s. w. u. s. w. Ich rieth ihm immer ab. Ich sagte zu ihm: Sziazziga, Sie sind ein guter, tüchtiger Geschäftsmann und haben sich als solcher ein hübsches Vermögen gewonnen, mischen Sie sich daher nicht in Dinge, von denen Sie nichts verstehen. Aber er hörte ja nicht und ich bemühte mich vergeblich, ihm mit Rath und That zur Seite zu stehen. Ich bin schuldlos, ganz schuldlos an seinem Unglücke und außerdem noch geschädigt worden, denn er schuldet mir eine größere Summe, die ich niemals erhalten werde. Jetzt liegt mir auch noch dieser Contract auf dem Halse und ich wünschte wohl, daß ich mich mit Ehren aus diesem Handel ziehen könnte.«

»Mein Herr, das werden Sie nicht thun, ich würde …«

»Beruhigen Sie sich, schönes Kind,« unterbrach sie Riolle und sah scharf und zudringlich hinüber, »ich bin ein Ehrenmann und halte auch diejenigen Verpflichtungen, die ich ohne Nachtheil lösen könnte. Es wäre mir ein Leichtes, nachzuweisen, daß ich von Herrn Sziazziga leichtsinnig verführt worden bin, daß der Contract keine Geltung mehr hat, da der eine Concurrent ihn eigenmächtig aufgelöst, und kein Mensch würde mich schelten, wenn ich so thäte, im Gegentheil es sehr vernünftig finden.«

Madeleine machte eine unruhige Bewegung, aber Riolle fuhr fort, sein Opfer zu quälen.

»Jedermann kennt meine Verhältnisse. Es sind nicht die glänzendsten, da ich nur eine kleine Kundschaft, habe und häufig auch von dieser betrogen werde, weil ich zu gutmüthig bin. Ach, Sie wissen nicht, mein Fräulein, wie schlecht die Menschen sind. Im Unglück klagen und lamentiren sie, versprechen alles, und wenn man ihnen aus der Klemme geholfen hat, dann vergessen Sie schnell den Dank. Ich bin nicht reich, ich verdiene mir nur auf rechtliche Weise ein gutes Einkommen, von dem ich bequem leben kann. Es war deshalb lehr leichtsinnig von mir, daß ich mich von Sziazziga verführen ließ, die Verpflichtung, Sie ausbilden zu lassen, zur Hälfte zu übernehmen. Ich habe schon schwer an den Ausgaben der verflossenen sechs Monate, wo Sziazziga die Hälfte bezahlte, zu tragen. Hier habe ich die Rechnungen noch liegen. Lozes nimmt 30 Franken für eine Lection. Sie erhalten täglich zwei, das macht monatlich über 1500 Franken und halbjährlich 9000 Franken. Es ist ein wahres Sündengeld, und, wenn ich Anverwandte hätte, würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und von dem Contract auch meinerseits zurücktreten.«

»Aber, mein Herr, ich werde Ihnen später alle Ausgaben zurückerstatten und Sie werden außerdem noch einen Gewinn haben.«

»Geben Sie mir eine sichere Garantie?«

»Herr Lozes ist mit mir zufrieden und zweifelt nicht daran, daß ich in einem halben Jahre schon ein gutes Engagement antreten kann.«

»Herr Lozes ist Ihr Lehrer und eitel genug, um die extravagantesten Hoffnungen zu hegen. Ich denke viel nüchterner. Ihr Erfolg als Sängerin muß ein sensationeller sein, Sie müssen sich mit einem Male an die Seite der Patti schwingen, wenn ich Hoffnung haben soll, meine Ausgaben wiedererstattet zu sehen.«

»Ich studire fleißig, ich vergeude keinen Augenblick …«

»Das ist Ihre Pflicht, mein Fräulein. Sie müssen fortan, wenn ich weiter für Sie sorgen soll, stets im Auge behalten, daß ich dies nicht aus gewinnsüchtigen Absichten thue, sondern Ehren halber und aus persönlicher Zuneigung zu Ihnen. Sie sind ein so vortreffliches, edles, junges Mädchen, eine so schöne Erscheinung, daß ich Ihr Glück von Herzen wünsche,«

Madeleine wußte nicht, was sie auf diese Complimente erwidern sollte, sie fühlte instinktiv aus denselben eine gemeine Drohung heraus, aber konnte nicht ergründen, worauf Riolle abzielte. Sie erröthete leicht. Riolle fuhr fort:

»Ich will's versuchen, Ihr Glück zu erzwingen, Ihnen Reichthum und Ehre zu verschaffen, und mein einziger Lohn dafür soll später sein, daß Sie Jedermann sagen: Nächst Gott und mir selbst, habe ich mein Glück dem armen gutmüthigen Riolle zu verdanken!«

»Sie sind sehr gütig, mein Herr.«

»Nun aber zur geschäftlichen Angelegenheit. Ich übernehme also alle Verpflichtungen, welche der Contract mir und Sziazziga auferlegt hat und wir werden einen neuen Contract schließen. Wie ich die Ausgaben alle bestreiten soll, weiß ich noch nicht. Ich rechne, daß ich mindestens 30-40 000 Franken zahlen muß, ehe Sie ein gutes Engagement haben.«

»Mein Herr, ich werde mich einschränken …«

»Gut, gut, aber es darf nichts versäumt werden, was zu Ihrem Erfolge beitragen kann. Die Reclame kostet Geld und ohne diese bricht sich auch das Beste nicht Bahn in dieser schlechten Welt. Ich meine nicht die Reclame im groben Sinne, diese kostet am wenigsten: man bezahlt einigen Zeitungsschreibern und Klakören ein Butterbrot, damit Basta; aber schon vor Ihrem Auftreten muß die ganze Welt wissen, daß Sie existiren, daß Sie ein Stern sind, welcher im Begriff ist aufzugehen. Alles das muß meine und meiner Agenten Sorge sein. Ich werde mich mit einem Geldmann in Verbindung setzen müssen, der für die nöthigen Mittel sorgt und dem gegenüber ich natürlich bindende Verpflichtungen eingehen muß. Sie verstehen mich, nicht wahr?«

Madeleine hatte wohl die Worte Riolles gehört, aber den Sinn nicht ganz verstanden. Sie verstand nicht, welche Art der Reclame er meine, sie wunderte sich darüber, daß Riolle sich noch mit einem anderen Manne in Verbindung setzen wolle, da er doch, wie Sziazziga oft versichert hatte, ein reicher Mann sei. Aber Sziazziga konnte sich irren und dies Anerbieten, welches Riolle ihr machte, schien so uneigennützig, daß Sie zu allem, was der Advocat vorschlug, ihre Einwilligung gab, obgleich eine geheime Furcht ihre Seele bedrängte. Immer und immer wieder dachte sie an den Hauptzweck ihres Lebens. Als daher Riolle fortfuhr und zum Schluß von einem neuen Paragraphen sprach, in welchem sie sich verpflichten sollte, bis zur Rückzahlung von 60 000 Franken und der schon festgesetzten Procente ihrer Gage in jeder geschäftlichen und persönlichen Angelegenheit, die auf ihre Bühnencarrière Bezug hatte, den Anordnungen Riolles Folge zu leisten, zögerte Madeleine nicht, auch hierzu »Ja« zu sagen. Der Advocat setzte einen neuen Contract auf und unterschrieb denselben. Dann hielt er den Contract dem jungen Mädchen hin, welches unter Herzpochen ihren angenommenen Namen darunter setzte.

Es war geschehen und so schnell, daß Madeleine nicht zum klaren Bewußtsein ihres Handelns gekommen war. Als ihr der Advocat später eine schnell angefertigte Kopie in die Hand gab, sagte er:

»Und nun, mein Fräulein, werde ich zuerst dafür sorgen, daß Sie eine andere Wohnung erhalten, eine größere und schönere als bisher, in welcher Sie sich durchaus ungenirt bewegen können. Sziazziga hütete Sie wie eine Nonne. Von diesem Zwange sollen Sie befreit werden.«

Riolle sagte dieses mit einem lauernden Blicke und einem zynischen Lächeln um die Lippen, aber Madeleine verstand den geheimen Sinn seiner Rede nicht und antwortete nur, daß sie seinen Anordnungen Folge leisten werde, wenn gleich es ihr schwer würde, Sziazziga, welcher sich gegen sie stets liebenswürdig benommen habe, zu verlassen.

»Auf Wiedersehen also, Sie werden schon in den nächsten Tagen von mir hören. Auch Lozes werde ich benachrichtigen, damit Sie ruhig Ihren Unterricht fortsetzen können.«

Als Madeleine das Zimmer verlassen hatte, verzog sich Riolles Gesicht zu einem häßlichen Grinsen, er überlas den Contract noch einmal und als er an den neuhinzugekommenen Paragraphen kam, wurde sein Lachen noch widerlicher.

»Sechszigtausend Franken!« murmelte er vor sich hin, »ist eine große Summe, und ehe sie diese abgezahlt hat, läuft noch viel Wasser vom Berge hinunter. Bis dahin ist sie mein und muß mir, ohne daß sie es weiß, das Dreifache einbringen.«

Er steckte den Contract in die Tasche, nahm Hut, Ueberrock und Stock und verließ seine Wohnung, um einem seiner Spießgesellen die Nachricht von dem glücklichen Geschäft zu bringen und für Madeleine eine Wohnung zu suchen.


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