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Sechszehntes Kapitel.
Ein stiller Compagnon

Von dieser Zeit an änderte sich die äußere Lebensweise Madeleinens. Sie ward aus der stillen Stube bei Sziazziga herausgerissen in die schimmernde und glimmernde Pariser Welt. Eine kleine, aber luxuriös eingerichtete Etage in der Rue Taitbout war fortan ihr Domizil, hier lebte sie zusammen mit einer älteren Gesellschaftsdame, welche Riolle ihr eines Tages vorgestellt hatte. Hier empfing sie die Besuche dieses Advocaten, welcher jedem, der es hören wollte, erzählte, daß Fräulein Amélie Bourdon eine wohlhabende Erbin sei, die sich aus Liebhaberei der Gesangskunst widme und demnächst in der großen Oper debütiren werde. Er kam zwei bis drei Mal wöchentlich, um sich nach dem Befinden Madeleine's, nach ihren Fortschritten in der Kunst, nach ihren Wünschen und Befehlen zu erkundigen. Geld gab er ihr reichlich, sodaß Madeleine oft selbst den Ueberfluß nicht begreifen konnte, welcher ihr jetzt plötzlich zu Gebote stand. Anfangs bemühte sie sich, Herrn Riolle klar zu machen, daß sie ganz gut mit einem Viertel der Summe auskommen könne. Aber in diesem einen Punkte war der Advocat unerbittlich.

»Ich sorge für Sie, für Ihre Carrière und Ihr Glück,« sagte er ihr eines Tages, »und hatte schon einmal die Ehre, Sie auf die Nothwendigkeit der Reclame aufmerksam zu machen. Dieses Zweckes wegen habe ich Sie überall für eine wohlhabende Erbin ausgegeben und Ihnen eine ältere Gesellschaftsdame verschafft, die Ihnen als Ehrendame zur Seite steht. Die Hauptsache ist und bleibt, daß Sie in kunstfreundlichen, literarischen und höheren gesellschaftlichen Kreisen Aufmerksamkeit erregen. Sie sind schön und deshalb müssen Sie sich schön kleiden; Sie sind geistvoll, deshalb müssen Sie Ihre Thüre geistreichen Musikern und Journalisten öffnen; Sie gelten für wohlhabend, deshalb dürfen Sie mit dem Gelde nicht knickern. Die vielen Freunde, welche Sie dadurch gewinnen, das Aufsehen, welches Sie machen, wird Ihren Ruhm erhöhen, sobald Sie einmal mit Erfolg die Bühne betreten haben. Das feine und große Publikum muß auf Ihre Erscheinung vorbereitet werden. Deshalb wünsche ich, mein Fräulein, daß Sie sich nicht wie eine Nonne in die Einsamkeit zurückziehen. Sie haben Neigung zur Melancholie in Ihren großen blauen Augen, die mich erschreckt, denn Melancholie ist ein Zeichen von Schwäche, und wir müssen eben mit aller Energie arbeiten, um zum Zwecke zu kommen. Seien Sie heiter, zerstreuen Sie sich, genießen Sie das Leben ein wenig und studiren Sie dabei fleißig. Ich muthe Ihnen nichts Unehrenhaftes zu und wenn Ihnen vielleicht gar der Gedanke kommt, daß Sie auf anderer Leute Kosten leben, so bedenken Sie, daß diese Leute ihr Geld eines Tages zurückfordern werden. Sie leben also auf Ihre eigenen Kosten.«

Madeleine, welche die Welt nicht kannte, gab sich Mühe, die Logik der Riolle'schen Auseinandersetzungen einzusehen. Sie befolgte, obgleich mit innerem Widerstreben, seine Rathschläge, und studirte dabei doch eifrig. Sie brauchte sonst nur zu thun, was man ihr sagte. Ihre Ehrendame, Madame Feydeau, sorgte für ihre Toilette und putzte sie heraus, befahl, wann der Wagen zu einer Spazierfahrt in den Champs-Elysées vorfahren sollte, besorgte die Einladungen zu kleinen Gesellschaften und paßte den Dienstboten auf die Finger. Riolle gab ihr Fingerzeige, welchen Persönlichkeiten sie im Interesse ihrer zukünftigen Carrière freundlichst entgegenzukommen habe. Da gab es Directoren, Impressarii, Opernsänger, Journalisten, Staatsbeamte, Diplomaten, die in das Haus der »reichen Erbin« traten, um dort einige heiter angeregte Stunden zu verleben. Alle diese Persönlichkeiten betrugen sich zuvorkommend, artig und liebenswürdig, und niemand schien eine Ahnung zu haben, in welchem Verhältnisse Madeleine und Riolle standen. Freilich gab es einige böse Zungen, welche eine intime Liaison zwischen Beiden zu wissen vorgaben, aber weder sie noch der Advocat gaben je diesen Verleumdungen Nahrung. Sie bewahrte sich ihre Unschuld und er trat aus Klugheit in den Hintergrund. Er war Geschäftsmann und wünschte erst den Erfolg des Debüts abzuwarten, ehe er seine geheimen Pläne ausführte. So kam es auch, daß Madeleine in den folgenden sechs Monaten Riolle als einen Ehrenmann achten zu müssen glaubte, obgleich ihr seine Persönlichkeit unheimlich war.

Der Zweck, welchen Riolle verfolgte, wurde erreicht. In den Kreisen, welche sich für das Theater interessirten, sprach man häufig und bewundernd von der schönen reichen Erbin aus der Provinz, die demnächst debütiren werde. Die Urtheile über ihre musikalischen Fähigkeiten waren verschieden. Keins tadelte, die meisten stellten der jungen Sängerin ein glänzendes Prognostikon, nur einige wenige zweifelten an einem sensationellen Erfolge. Zu dieser Ansicht bekannte sich leider auch Lozes, welcher von Riolle ins Geheimnis gezogen worden war.

»Mademoiselle Bourdon wird ohne Zweifel einen Erfolg haben,« sagte Lozes eines Tages zu Riolle, der häufig kam, um sich nach den Fortschritten seiner Pflegebefohlenen zu erkundigen, »aber spannen Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch. Ich weiß nicht, welche Hoffnungen das Fräulein selbst nährt, sie spricht nie mit mir über ihre Zukunft, sie lächelt nie und es scheint mir, als ob ein tiefer Schmerz ihre Seele erfüllt, der sie blasirt und resignirt macht.«

»Entwickelt sie nicht den Eifer, welchen Sie von einer angehenden Sängerin verlangen?« fragte Riolle.

»O doch, doch, und eben deshalb sind mir ihr Wesen und ihr Charakter so räthselhaft. Einerseits diese weltscheue Melancholie, welche mehr an Verachtung alles Irdischen streift, andererseits dieser unermüdliche Fleiß in Erfüllung ihrer Aufgaben. Sie muß einen geheimen Zweck haben, der sie wider ihre Neigung zwingt, alle Kräfte anzustrengen, um eine bedeutende Sängerin zu werden.«

»Wider ihre Neigung?«

»Ja, das ist's eben. Glut und Leidenschaft scheinen ihrem Herzen fremd geworden zu sein, und deshalb fehlt ihrem Gesänge die Seele, das innere Leben. Aber wir wollen das Beste hoffen. Die Aufregung des Augenblicks, wenn sie zuerst auf den Brettern steht, wird ihr schlummerndes Herz vielleicht aufwecken.«

Herr Riolle hörte Lozes mit nachdenklicher Miene an. Einige Stunden später traf er einen seiner Clienten, den jungen Evenson, welcher in seiner Eigenschaft als Musikenthusiast in Madeleinens Salon häufig verkehrte. Er war der Sohn eines der reichsten Banquiers in New-York, dessen Vermögen auf einige zwanzig Millionen Dollars geschätzt wurde. Der junge Evenson war zu seiner Ausbildung nach Paris gekommen und war bald in den Kreisen der Geldaristokratie eine der berühmtesten Personen geworden, da es bis jetzt noch keiner Lorette gelungen war – und er hatte deren mehrere zu seinen Favoritinnen gemacht – den Grund seiner Geldbörse zu sehen. Er sprudelte förmlich das Geld aus, wie der Esel im Märchen.

»Mein lieber Mr. Evenson,« sagte Riolle, »ich komme eben von Lozes, dem Lehrer des Fräuleins Bourdon. Es war keine angenehme Nachricht, welche er mir mittheilte.«

»Sie erschrecken mich. Was ist es?«

»O, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Ich fürchte, wir hegen von den Fähigkeiten und dem Talente der Dame eine zu große Hoffnung.«

Die wasserblauen Augen des jungen Amerikaners blitzten in einem seltsamen Lächeln auf.

»Wenn das Debüt mißlänge oder auch nur kein glänzendes wäre, so daß der Director der großen Oper sich nicht verpflichtet fühlte, Fräulein Bourdon zu engagiren, dann … dann …«

»Nun … dann?«

»Dann wäre die Dame in einer sehr prekären Lage.«

»Wie? Sie, die reiche Erbin?« fragte Evenson mit einem lauernden Blicke.

»Lassen Sie mich darüber schweigen. Es ist aber so.«

»Nein, wir wollen nicht schweigen,« erwiderte der Amerikaner. »Ich will Ihnen ein Geständnis machen, Herr Riolle, aber ich hoffe Sie nicht dadurch zu beleidigen.«

»Bitte, mein Herr, reden Sie,« gab der Advocat erstaunt zur Antwort.

»Ich glaube, daß Sie mit dem Fräulein zusammen der Welt ein Märchen aufgebunden haben. Weder ist Fräulein Bourdon reich, noch sind Sie der Verwalter ihres Vermögens.«

»Wie können Sie das behaupten?«

»Ich bin der Sohn eines amerikanischen Banquiers, und Sie wissen solche Leute haben scharfe Augen. Ich habe keine anderen Beweise als meinen Instinkt. Sie stehen zu der Dame in einem anderen Verhältnis, als Sie angeben.«

Riolle wandte sich ab, da er sein Geheimnis errathen sah. Aber ein neuer Gedanke schoß ihm durch den Kopf, und mit der früheren Unbefangenheit erwiderte er:

»Und wenn es wirklich so wäre, Herr Evenson, was wollen Sie daraus folgern?«

»Kaum etwas anderes, als daß Sie bei einem Fiasko der Dame den größesten Schaden haben.«

Riolle konnte sich nicht enthalten, seinen Gefährten mit erstaunten und bewundernden Blicken anzusehen.

»Hören Sie, Herr Evenson, an Ihnen ist ein Advocat verloren gegangen. Sie haben Scharfblick und Phantasie, und wissen beide zu gebrauchen.«

Der junge Mann lächelte geschmeichelt.

»Es ist wahr. Ich war ursprünglich zum Advocaten bestimmt, aber ich habe es nicht nöthig mir durch allerhand Schliche und Kniffe mein Geld zu verdienen. Gott Lob, ich brauche auch keine Geschäfte als Impressario mit hübschen jungen Sängerinnen zu machen.«

»Sie sind in der That zu beneiden, während ich …«

Riolle beendete den Satz nicht, er seufzte affectirt auf, warf aber zugleich dem jungen Mann einen so schlauen Blick zu, daß dieser wieder lächeln mußte.

Eine Zeitlang redeten beide Herren nicht miteinander, aber in der Weise, wie sie sich gegenseitig beobachteten, lag etwas von einer geheimnisvollen Zwiesprache. Es war klar, Beide hatten sich etwas Bemerkenswerthes mitzutheilen, vielleicht gar das nämliche, aber Keiner wagte mit der Sprache herauszukommen. Endlich begann Riolle, indem er vor sich hinsah und that, als ob er in Gedanken redete.

»Wenn Fräulein Bourdon nicht einen glänzenden Erfolg hat, bin ich ruinirt.«

Der Amerikaner hatte jedes Wort verstanden und lächelte in seiner überlegenen Weise.

»Haben Sie große Summen in das Unternehmen gesteckt?« fragte er, scheinbar gleichgiltig.

Riolle überlegte. Was sollte er antworten? 60 000 Franken, 80 000 Franken oder 200 000 Franken? Endlich entschied er sich für das Letztere.

»Zweimalhunderttausend Franken.«

»Viel Geld, aber Sie haben doch Contract ohne Zweifel?«

»Contract auf fünf Jahre allerdings. Aber was hilft mir das? Das Fräulein wird mir keine 20 000 Franken als Sängerin einbringen.«

»Hm, das thut mir leid.«

Plötzlich erhob Evenson sich und sagte:

»Wir wollen uns keinen trüben Aussichten hingeben (und dabei lächelte er zum zehnten Male sehr verschmitzt), zweimalhunderttausend Franken … Hm. Leben Sie wohl, Herr Riolle. Wir treffen uns wohl heute Abend bei Fräulein Bourdon?«

»Werde nicht verfehlen, da zu sein!«

»Und nach der Gesellschaft werde ich ein Souper für Zwei im Café Anglais bestellen, ganz à part natürlich. Wollen Sie mein Gast sein?«

»Wie Sie befehlen!«

»Ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen,« sagte der Amerikaner und blinzelte mit den Augen.

Riolle heuchelte den Erstaunten. Als aber Evenson sich entfernt hatte, rieb er sich die Hände und grinste vergnügt vor sich hin.

Am Abend trafen sich die beiden Ehrenmänner im Salon Madeleinens. Mister Evenson, der stets den Liebenswürdigen spielte, war heute in unerschöpflich heiterer Laune und verfolgte die schöne Wirthin mit den schmeichelhaftesten Complimenten, die diese wohl hinnahm, aber in sehr kühler Weise erwiderte. Evenson war ihr nicht gerade so sehr zuwider wie Riolle, aber sie schien zu ahnen, daß der junge Mann nicht aus Kunstinteresse allein ihr unausgesetzt seine Aufmerksamkeiten zu Theil werden ließ. Hätte sie die verzehrenden, glutvollen Blicke gesehen, welche der Amerikaner, wenn er sich unbemerkt wußte, auf ihre schöne Gestalt richtete, so wäre ihr Benehmen gegen denselben vielleicht noch zurückhaltender gewesen. So aber duldete sie ihn um sich, nahm seine Begleitung bei Spazierfahrten an und gewöhnte sich allmählich an das etwas aufdringliche Wesen des Amerikaners, welcher sich wohl hütete seine geheimsten Wünsche und Pläne laut werden zu lassen.

Welcher Art die Letzteren waren, wird der Leser am besten errathen, wenn ich ihm mittheile, was Evenson und Riolle im Café Anglais besprachen und festsetzten. Als der Kellner nach beendetem Souper die Ueberreste der Speisen hinweggetragen und die Beiden bei einer neuen Flasche Champagner zusammensaßen, brachte Evenson das Gespräch auf Madeleine, deren Name bis jetzt noch nicht wieder erwähnt worden war.

Riolle horchte auf. Er war begierig zu erfahren, ob er am Mittage zuvor die Gedanken seines Tischgenossen richtig errathen hatte.

»Ich bin reich,« sagte Mr. Evenson, »aber zweimalhunderttausend Franken sind doch eine hübsche Summe, und ich möchte sie nicht verlieren.«

»Und wie leicht könnten Sie sie entbehren, Mr. Evenson. Aber ich, ich bin ein geschlagener Mann, wenn Fräulein Bourdon nicht reüssirt.«

»Sie machen sich unnöthig Sorge.«

»O nein,« erwiderte Riolle und seine Stimme nahm einen sentimental wehklagenden Ton an. »Ich habe eine unbestimmte Ahnung, daß ich einen dummen Streich begangen habe.«

»Er ließe sich vielleicht repariren, wenn Sie diesen dummen Streich, wie Sie sagen, jemanden anders aufbürden könnten.«

»Ich verstehe Sie nicht,« gab Riolle vorsichtig zur Antwort, und blickte wehmuthsvoll in die schäumende Flüssigkeit seines Spitzglases.

»Nun, ich will mich deutlicher erklären. Zum Exempel, es käme jemand zu Ihnen, der in seiner Dummheit ganz fest davon überzeugt wäre, daß das Fräulein große Carrière macht.«

»Oh!«

»Noch mehr, welcher selbst dann nicht verzweifelt, wenn das Debüt im Opernhause zu wünschen übrig läßt.«

»Das ist doch wohl nicht möglich,« sagte Riolle unschuldig.

»Muß das Fräulein denn gerade in Paris Carrière machen? Warum nicht in Amerika?«

Riolle gab keine Antwort, schien aber über diese Frage tief nachzudenken. Endlich sagte er:

»Ich kenne die Verhältnisse in Amerika nicht!«

»Aber ich, Herr Riolle, und ich versichere Sie, ich selbst wäre nicht ganz abgeneigt, das Experiment zu versuchen, wenn es hier fehlschlägt.«

»Oh, oh, Sie sind ein kühner junger Mann!«

Der Amerikaner lächelte und blinkte dem Advocaten in weinseliger Laune zu.

»Es ist ganz unmöglich,« sagte er langsam und kichernd, »daß eine so talentvolle und so schöne junge Dame in Amerika kein Glück macht.«

»Sie sind ein Schäker, Herr Evenson, aber ich verstehe Ihre Scherze nicht ganz.«

»Nicht? Hören Sie.«

Und Herr Evenson neigte seinen Kopf nahe zu dem Advocaten hin und flüsterte demselben etwas ins Ohr. Riolles Augen glänzten auf, aber er bezwang sich und erwiderte laut mit würdevoller Betonung:

»Herr Evenson, ich hoffe, Sie halten mich für einen ehrenhaften Mann, der stets auf der Bahn des Rechtes und der Ehrlichkeit wandelt. Ich glaube verstanden zu haben, daß Sie mir etwas Ehrenrühriges zuflüsterten.«

Evenson amüsirte sich über die Komödie, welche der Advocat mit ihm zu spielen suchte und lachte:

»Aber Sie irren sich, mein Bester. Sie irren sich gewaltig. Ich bin im Begriff, Ihnen ein ehrliches Geschäft anzubieten.«

»Nun, so sprechen Sie offen!«

»Wie viel verlangen Sie, wenn ich statt Ihrer die Verpflichtung des Contractes mit Fräulein Bourdon und selbstverständlich auch die Rechte desselben übernehme?«

»Es kommt darauf an, wann Sie dies thun wollen. Vor oder nach dem Debüt?«

»Wenn ich sofort sage, was verlangen Sie denn?«

Riolle besann sich nur eine Minute:

»Fünfmalhunderttausend Franken!«

»Will sagen eine halbe Million!« lachte Evenson auf. »Nein, so theuer will ich das Spielzeug nicht bezahlen.«

»Das ist nicht zu theuer. Bedenken Sie, was ein Erfolg einbringt. Ich erhalte von ihr in monatlichen Raten 200 000 Franken abgezahlt und außerdem 10 Procent ihrer Honorare während 5 Jahre.«

»Oder auch gar nichts, wenn sie Fiasko macht.«

»Das ist nicht zu erwarten.«

»Sie haben selbst eine derartige Befürchtung ausgesprochen. Nun, ich will Ihnen einen anderen Vorschlag machen. Da ich überzeugt bin, daß Sie für die Ausbildung der Dame keine 100 000 Franken ausgegeben haben, so biete ich Ihnen 150 000 Franken in dem Falle, daß Fräulein Bourdon nicht im Opernhause engagirt wird.«

»Und dafür?«

»Dafür trete ich in alle Ihre Rechte bezüglich der Sängerin ein.«

»Die Summe, welche Sie mir bieten, ist klein, aber ich wäre vielleicht nicht abgeneigt, das Gebot anzunehmen, wenn nicht …«

»Nun, weshalb stocken Sie? Legen Sie alle falsche Scham ab, wir sind hier unter uns.«

»Nun gut, mein Herr,« erwiderte Riolle mit Würde. »Ich sehe nicht recht ein, welches Interesse Sie an diesem Geschäfte haben. Sie sind ein reicher lebenslustiger Mann, der die Kunst liebt, wie ich unzweifelhaft glaube, aber doch wohl nicht so sehr, daß Sie sich zum Impressario einer Diva machen wollen.«

»Impressario, das ist das rechte Wort, mein Bester!« rief Evenson und stieß mit seinem Glase an dasjenige Riolles an. »Ich sehe, Sie verstehen mich. Ich will Impressario werden. Ich will Fräulein Bourdon nach Amerika führen und ihre Kunst dort in allen Städten hören und sehen lassen. Ich liebe die Kunst so sehr. Also einverstanden, nicht wahr, Herr Riolle, 150 000 Franken, wenn der Herr Director Fräulein Bourdon nicht engagirt.«

»Sie sind wirklich von einer unwiderstehlichen Ueberredungsgabe, Mr. Evenson. Ihr Amerikaner seid die schlauesten Geschäftsleute, die es giebt. Aber 150 000 Franken, sagen wir lieber 200 000 Franken.«

»Das werde ich kaum selbst verdienen.«

Riolle lächelte.

»Ich dachte, Sie hätten mir den Antrag nur aus Liebe zur Kunst gemacht.«

»Ja, aber 200 000 Franken. Es bleibt beim Alten. 150 000 Franken, Ja oder Nein?«

Die beiden Herren stritten sich noch eine Weile um den Preis, welchen der »Impressario« Evenson zahlen sollte, bis sie sich schließlich auf 180 000 Franken einigten.

»Merkwürdig,« sagte dann Riolle, »ich habe heute zwei Stempelbogen ganz zufällig zu mir gesteckt. Hier sind sie!«

»Das ist in der That eigenthümlich,« erwiderte Evenson. »Wir wollen den Kellner rufen und Tinte und Feder kommen lassen. Dann können die Contracte gleich ausgefertigt werden.«

Der Kellner kam und brachte nach einiger Zeit die gewünschten Schreibmaterialien.

In kaum einer Viertelstunde hatte Riolle einen musterhaft klaren Contract aufgesetzt, die beiden Herren copirten ihn zweimal und unterschrieben die Copien.

Als Evenson sein Papier zusammenfaltete und in die Tasche stecken wollte, sagte er zögernd:

»Noch eins muß ich Sie fragen. Wird Fräulein Bourdon diesen Contract auch zu Recht anerkennen?«

»Das lassen Sie meine Sorge sein. Sie weiß bereits, oder glaubt vielmehr, daß ich nur Mittelsperson bin, und daß ein reicher Geldmann die Kosten ihrer Ausbildung bestreitet. Dieser Geldmann sind Sie, und schon in nächster Zeit werde ich ihr diese Neuigkeit mittheilen. Oder wollen Sie es selbst thun?«

»Nein, es ist besser, ich verbleibe vorläufig in meiner bescheidenen Stellung zu ihr. Sie können aber die Wahrheit durchblicken lassen, so daß sie im entscheidenden Augenblicke nicht allzu überrascht ist.«

»O, sie wird nur freudig überrascht sein; denn wird sie sich selbst nicht sagen müssen, daß es ein ungeheueres Glück für sie ist, eine so bereitwillige Hilfe in der Noth zu finden? Und überdies glaube ich, daß Ihre Persönlichkeit ihr eine höchst sympathische ist.«

Herr Evenson lachte geschmeichelt.

»Sie sind ein Schmeichler, Herr Riolle. Ich glaube selbst, sie wird mir mit offenen Armen entgegenkommen.«

Wenn sie es nicht thäte, so wäre sie eine Närrin!«

»Auf ihr Wohl, aus das Wohl von Fräulein Bourdon!« rief der Amerikaner in weinseliger Laune. Riolle stieß lächelnd mit ihm an.

Und die beiden Herren trennten sich bald von einander, jeder einen Contract in der Tasche, in welchem der eventuelle Verkauf Madeleinens an Mr. Evenson vorgesehen und beschlossen war.

Von diesem Tage an bemühte sich Evenson, der als »stiller Compagnon« von Riolle seinem späteren Erfolge vorarbeiten wollte, in immer stärkerem Maße um die Gunst Madeleinens. Madeleine konnte sich seiner Gesellschaft nicht leicht entziehen, da sie in der That einigen unbestimmten Reden Riolles entnehmen zu müssen glaubte, daß Evenson ein Recht auf ihre Dankbarkeit habe. Im Herzen ersehnte sie ihr endliches Auftreten heran. Ihr jetziger Seelenzustand war ein nervös aufgeregter. Wenn die Stille der Nacht hereingebrochen und sie einsam in ihrem prunkvoll aus gestatteten Schlafzimmer weilte, dann pochte ihr Herz so stark, daß sie vergeblich den Schlummer suchte. Es waren immer dieselben Gedanken, welche sie quälten. Hinaus, hinaus, aus diesen beengenden Schranken der Abhängigkeit. Weg von diesen Menschen, die ihr so unheimlich geheimnisvoll Wohlthaten aufdrängten und ihren offenen Blick nicht auszuhalten wußten.

»Wird es mir gelingen, diese Fesseln abzustreifen? fragte sie sich oft. »Werde ich reüssiren? O, wenn ich doch endlich Gewißheit hätte! Dieses Warten, dieses Zögern, welche Qual!«

Je näher die Zeit heranrückte, in welcher sie zuerst die Bretter betreten sollte, desto qualvoller wurde ihre Angst. Lozes, ihr Lehrer, war in letzter Zeit stiller geworden, als früher. Niemals wieder hatte er ein ähnliches Gespräch, wie das früher mitgetheilte, angefangen, aber seitdem war seine Laune auch nicht besser geworden. Er tadelte sie nicht häufig! Was sollte er auch tadeln? Madeleine wußte selbst zu gut, daß sie ihre Lectionen in fehlerfreier Weise hersingen konnte. Aber die brillantesten Kadenzen und schwierigsten Trillerarien konnten ihrem Lehrer keinen Beifall mehr entreißen. Lozes blieb schweigsam, und diese kühle Zurückhaltung seinerseits erhöhte die Unruhe Madeleinens.

Noch ein anderer Umstand kam hinzu, die letzten Monate und Wochen dem jungen Mädchen zu verbittern. Evenson wich kaum mehr in ihren Mußestunden von ihrer Seite, und wenn er auch stets dieselbe zartfühlende Liebenswürdigkeit bewies, so hatte er sich doch eines Tages zu Worten hinreißen lassen, die Madeleine verstehen mußte auch wenn sie nicht wollte. Er hatte von Liebe gesprochen. Und sie hatte geantwortet?

Nichts.

Mit feinem Takte hatte sie das Gespräch auf ein anderes Thema gebracht, dabei aber einen Blick des Amerikaners aufgefangen, der ihr wie ein Dolchstoß bis ins Herz ging. O, hätte sie geahnt, was Evenson in jenem Augenblicke dachte, sie wäre vielleicht vor Scham in die Erde gesunken, oder hätte die Flucht ergriffen, ohne Rücksicht auf ihren Ruf, ihre Carrière und ihre Hoffnungen.

»In Amerika wirst du mir eine andere Antwort geben!«

Das war der Gedanke des Amerikaners gewesen, als er das Mädchen mit einem glühenden triumphirenden Blicke angesehen hatte.


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