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Drittes Kapitel.
Eine »dieser« Damen

Es war an einem Sonnabend, als der Circus in den Champs Elysées eine außergewöhnliche Festvorstellung angekündigt hatte, zu Ehren eines gewissen Otto, welcher unter dem nom de guerre »Herkules der neuen Zeit« sich bereits in früheren Jahren die Gunst der Pariser erobert hatte. Einige Zeit war er drüben in Amerika gewesen und nun zurückgekehrt. Man sah in jenen Kreisen, die dem Kultus des modernen Zigeunerthums ergeben sind, sowie auch im größeren Publikum dem Wiederauftreten des »Unübertrefflichen« mit besonderer Spannung entgegen, da er nicht allein kam. Seit vierzehn Tagen waren die Mauern von Paris mit buntfarbigen großbedruckten und illustrirten Plakaten bedeckt, auf welchen zwei Gestalten in der Lust schwebend dargestellt waren. Die eine große muskulöse war das mehr oder weniger getreue Conterfei Otto's. Aber wer stellte die zarte, schlanke Figur dar, welche der Coloß mit den Händen auffangen zu wollen schien? Nun, wer anders als Zabette; Zabette, von welcher Paris bereits seit zwei Monaten sprach und einflußreiche »gutunterrichtete« Zeitungen schrieben. Aber soviel auch über den neuen »Stern« gesprochen und geschrieben worden war, so wußten doch nur wenige Eingeweihte, in welcher Branche Zabette »arbeitete«. An diesen Namen knüpfte sich ein räthselhaftes Etwas, welches in der nimmermüden Phantasie eines Impressario's geboren und die allerbeste der Reclamen war. Einige Zeitungen brachten die Nachricht, daß Zabette ein junger Kreole sei, welchen Otto in Amerika aufgegriffen und zu seinem Schüler gemacht habe. Einige Tage später erzählten andere Zeitungen, daß dieser junge Kreole, obgleich er Männerkleidung trage, in Wirklichkeit ein junges Mädchen sei, welches aus grenzenloser Liebe zu Otto ihrem reichen Vater entlaufen sei. Seit acht Tagen war es eine brennende Frage in Paris geworden: Ist Zabette ein Mädchen oder ein Jüngling, Mann oder Weib? Das genügte, um das Wiederauftreten Ottos und das Debüt Zabettes zu einem »Ereignis« zu machen, neben welchem selbst politische Begebenheiten an Interesse verloren. Um zwei Uhr waren bereits alle Plätze des großen Circus für den Abend vergeben gewesen, um halb neun Uhr war der Circus gefüllt bis auf den letzten Platz, doch, daß ich nicht lüge, die »vornehme Welt«, welche die theuren Ränge gemiethet hatte, war noch nicht vollständig vertreten. Die Vornehmen kommen immer spät.

Die Vorstellung begann mit den gewöhnlichen Exercitien und Springereien, die sich in allen Kunstreiterbuden in Deutschland, Frankreich, Spanien oder wo sonst gleich bleiben: Jupiter, in Freiheit dressirt und vorgeführt von Loyal (dem sehr ehrenwerthen Director), Entrée comique der Gebrüder Lee, Clowns of first rate, darauf Jeanne d'Arc, Scene zu Pferde, dargestellt von Fräulein Luise Loisset.

Herrliche Luise! Sie hätte Schauspielerin werden sollen und ich wundere mich, daß kein Theaterdirector ihr Talent zu würdigen weiß. Sie stellte die jungfräuliche Erretterin Frankreichs mit einer Verve dar, die unter den erschwerenden Umständen, daß die Scene sich auf dem nackten Rücken eines Pferdes abspielte, doppelt bewunderungswürdig war. Wie graziös fiel sie auf die Knie und blickte mit entzückten Augen nach der Galerie empor, wo die heilige Jungfrau ihr erschien, während das Orchester die Polka aus »Pariser Leben«: »Ich werf mich in den Strudel etc.« aufspielte. Wie inbrünstig, fromm und begeistert drückte die Darstellerin der Jeanne ihren Degen auf die decolletirte Brust und trieb daneben mit kräftigen Hop hops und Hep heps das Pferd zu schnellerem Galopp an. Dem Ideale aller Dichter aber näherte sie sich, als sie den persönlichen Kampf mit dem englischen Heere begann, welches gegen diese verzweifelt und wüthend um sich hauende Jungfrau in kurzem Röckchen und Tricotpantalons absolut nichts ausrichten zu können schien. Ehe die englischen Truppen noch den Circus betraten und dem Publikum sichtbar geworden waren, hatte Jeanne d'Arc sie schon besiegt. Sie kam, sah und siegte. Das Publikum auf den billigen Plätzen applaudirte und die Blicke mancher Männer glühten in höherer Begeisterung für die patriotische Jungfrau.

In einer der Vorderlogen saßen zwei junge Herren, welche der Leser sofort wieder erkennen wird: Leon, der Erbe derer von Haupois-Daguillon und Henri Clergeau, von der wohlrenommirten Seidenwaarenfirma Clergeau, Siccard und Dammartin. Es muß mit Beschämung zugestanden werden, daß diese beiden gebildeten jungen Leute durchaus keine religiöse Pietät zeigten, denn während Jeanne d'Arc den unsichtbaren König mit der unsichtbaren Krone im unsichtbaren Dome zu Rheims krönte, drückte Leon sein Augenglas auf die Nase und lorgnettirte die Zuschauer in jener lässig-blasirten Weise, auf welche der echte Pariser bei dem großen Könige » Chic« ein Patent genommen hat.

»Glaubst du wohl,« sagte Leon zu seinem Freunde, »daß ich einen so voll gefüllten Saal nicht betrachten kann, ohne die leise Hoffnung zu hegen, daß ich irgendwo dem lieblichen Gesichte meiner Cousine begegne?«

»Bist du der Meinung, daß sie in Paris weilt?«

»Es sind bestimmte Anzeichen vorhanden. Die Polizei hat eine Spur gefunden. Ein Sergeant sah ein Mädchen, welches der Beschreibung nach Madeleine sein konnte, in das Haus des früheren Opernsängers Maraval eintreten. Ich eilte sofort zu diesem und der alte freundliche Herr gab mir auch in liebenswürdigster Weise Auskunft. Die Dame, erzählte er, habe sich Mademoiselle Harald genannt und sei zu ihm gekommen, um bei ihm dramatischen Gesang zu studiren. Er habe ihr aber abgerathen, das schlüpfrige Parkett der Bühne zu betreten. Das Mädchen sei sodann fortgegangen, ohne eine nähere Adresse zu hinterlassen.«

»Nun und du glaubst, daß Mademoiselle Harald …?«

»Madeleine war. Ich möchte fast darauf schwören und seitdem ist es mein eifrigstes Bestreben, die Spur zu verfolgen, doch bis jetzt vergeblich.«

»Ist Madeleine musikalisch?«

»O, ich glaube, ein jeder muß von ihrem Gesange entzückt sein, auch Maraval sprach sich sehr lobend über ihre Stimme aus, doch scheint er trotz seines Ruhmes und schnell erworbenen Reichthums böse Erfahrungen gemacht zu haben, weil er der Bühne frühzeitig Valet gesagt hat und allen Anfängern den Lebenslauf eines Bühnenkünstlers schwarz in schwarz malt. Dafür ist er bekannt.«

»Es ist doch eigen,« fuhr Leon nach einer kleinen Weile, während welcher er aufmerksam das Publikum lorgnettirt und Jeanne d'Arc unter den Beifallsrufen der Menge hatte abtreten sehen, »es ist doch eigen, daß Madeleine gerade an jenem Tage und in jener Stunde bei Maraval in der Avenue de Villiers ihren Besuch machte, während auch wir beiden dort lustwandelten. Wären wir eine Minute früher oder später bei Maravals Hause vorübergegangen, hätten wir meine Cousine wahrscheinlich gesehen.«

»Oder wenn Cara uns nicht entführt hätte!«

»Cara! Richtig, es war an jenem Tage, ich hatte es fast vergessen. Hast du die sentimentale Madame seitdem wieder gesehen?«

»Nein! Aber, bei Gott, wenn man vom Wolfe spricht, ist er nicht weit entfernt. Blicke dort drüben hinüber. Nein, nicht nach rechts, nach links, dort wo der Eingang zu unserer Loge sich befindet. In der That, sie ist es! Welch' ein schönes Weib!«

Leon blickte hinüber und sah eine Dame am Eingange stehen, die ganz in Weiß gekleidet war, und zwar mit einer Eleganz und so geschmackvoll, daß diejenigen, welche sie nicht kannten, sie für eine Dame der höheren Aristokratie halten mußten. Es war wirklich Cara, welche angelegentlich mit der Logenschließerin discutirte.

»Ich glaube, sie wünscht einen der Plätze in unserer Loge,« sagte Leon.

»Soll ich ihr ein Zeichen machen? Sie wird uns unterhalten.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob sich Henri Clergeau und rief:

»Kommen Sie, Madame, Sie finden in unserer Loge noch einen Platz frei.«

Cara beantwortete diese Einladung mit einer leichten Handbewegung und einem freundlichen Lächeln. Dann schlüpfte sie in wenigen Augenblicken einer glatten Schlange gleich herab und nahm den Platz, welchen Clergeau ihr anbot, so schnell und leise ein, daß niemand dadurch in seiner Aufmerksamkeit gestört wurde.

»Das ist eine Frau, die durch ein Nadelöhr schlüpfen kann,« sagte Leon leise.

»Ja und mit Grazie,« erwiderte Henri ebenso.

In der That war es unmöglich, Geschwindigkeit und Anmuth in harmonischerer Weise mit einander zu verbinden, als Cara es that. Nicht nur ihre Lippen schienen zu lächeln, als sie sich durch die Reihen des Publikums hindurchwand, nein, auch ihre Arme, ihre schmiegsame Taille, ihre ganze elfengleiche Figur. Sie reichte Henri Clergeau die Hand und begrüßte Leon mit einem leichten, halb vertraulichen, halb vornehmen Kopfnicken.

»Ich begehe doch keine Unschicklichkeit, wenn ich diesen Platz einnehme?« fragte sie.

»O, wie können Sie so etwas denken. Diese Plätze sind zu unserer freien Disposition, wir haben sie gemiethet, um unsere Garderobe darauf legen zu können und ungenirt vor fremden Leuten zu sein.«

Das Gespräch kam bald in Fluß und Cara plauderte in ihrer freundlichen Weise so allerliebst, daß Leon den Blick nicht von ihr wenden konnte. Er lauschte auf den sanften und harmonischen Klang ihrer Stimme und bewunderte die vornehme Zurückhaltung in ihren Manieren und Gesten und den sanften Aufschlag ihrer Augen. Während er sie beobachtete, sprach sie meist mit Henri Clergeau, ohne die Stimme laut zu erheben oder gezwungen zu lächeln. Mit einem Worte, ihr Benehmen war gesellschaftlich, dezent, liebenswürdig, wie dasjenige einer wirklichen Dame von Welt.

Unterdessen hatte die erste Abtheilung der Vorstellung ihr Ende erreicht und es wurden nun Vorbereitungen für die zweite, in welcher Otto und Zabette auftreten sollten, getroffen. Man spannte über den Raum der Arena hinweg ein großes starkes Netz, welches die Gefahr eines zufälligen Sturzes der Gymnastiker illusorisch machen sollte.

Die Unterhaltung zwischen Cara und den beiden Herren wandte sich dem Auftreten Otto's und Zabette's zu und Leon bemerkte mit innerem Vergnügen, daß Cara der Frage »Ob Mann, ob Weib?« hinsichtlich Zabette's gar keine Aufmerksamkeit schenkte, während rings herum im Publikum Damen und Herren ihre Lorgnetten und Operngucker putzten, um später das räthselhafte Wesen einer genauen Okularinspection unterwerfen zu können. Cara sprach von Otto mit einer ungeheuchelten Verachtung.

»Sie lieben ihn nicht?« fragte Leon.

»Ich gestehe, daß ich ihn verabscheue. Er hat eine meiner Freundinnen, die arme Emma Lajolais, ins Grab gebracht, nachdem er sie ruinirt hatte und sie, eine Märtyrerin ihrer Liebe zu ihm, unaussprechbare Qualen ausgestanden hatte. Ah, es ist für eine Frau das größte Unglück, sich von der Liebe unterjochen zu lassen.«

»Das ist nicht tröstlich für uns Herren,« warf Henri Clergeau dazwischen.

»Ich spreche von der Liebe zu einem Manne, welcher ihrer nicht würdig und ein gemeines, brutales und grobes Geschöpf ist wie Otto. Ja, wenn der Mann ein gutes und braves Herz, einen ausgezeichneten Geist und ehrenwerthen Charakter besitzt, dann giebt es wohl kein größeres Glück für eine Frau auf Erden, als zu lieben und wieder geliebt zu werden. Für eine Stunde dieses Bewußtseins, geliebt zu werden, würde sie ihr ganzes Leben opfern!«

»Eine Stunde nur? Das ist nicht lange,« sagte Clergeau auflachend.

»Es giebt viele Menschen, die nicht einmal diese Stunde kennen,« erwiderte Leon ernst.

Ein dankbarer Blick aus den großen dunklen Augen traf Leon.

»Die liebende Frau,« sagte Cara, »kann diese Stunde zur Ewigkeit machen. Haben Sie niemals erlebt, daß Sie nach der Uhr sahen und später wieder und bemerkten dann, daß der Zeiger nur wenige Minuten vorgeschritten war? Sie war stillgestanden, freilich, das ist leicht erklärlich, aber unterdessen haben Sie, ohne sich dessen bewußt zu werden, eine große Spanne Zeit verlebt. Nun, es scheint mir, daß die Liebenden auf gleiche Weise die Zeit stillstehen lassen können. Tage, Monate, Jahre verrinnen, ohne daß sie es bemerken. Kann man glücklicher sein, als wenn man sein Dasein in solchem kurzen Traume verlebt? Doch was plaudere ich, da tritt Otto in die Manège. Wie alt er geworden ist!«

»Und da ist auch Zabette!«

Als die beiden Gymnastiker in der Arena erschienen, rief das Publikum Bravo und klatschte, zugleich richteten sich alle Operngläser auf das Paar. In dem Lärme des Beifalls unterschied man einzelne Stimmen, welche sich widersprachen:

»Es ist ein Mann!«

»Nicht doch, es ist eine Frau!«

Otto erschien fast lediglich nur in fleischfarbene Trikots gehüllt und nahm sofort eine Körperstellung an, welche das Spiel seiner Muskeln deutlich sehen ließ. Er stemmte die Arme in die Seiten und hob die Brust hervor, und indem er vorwärts ging, blickte er triumphirend zum Publikum hinauf, als wollte er sagen: »Bewundert mich!« Zabette dagegen forderte die Bewunderung nicht so keck heraus, aber die schlanke Gestalt im grauen silberblitzenden enganschließenden Gewande entzückte das Publikum.

Zwei Seile wurden von der Decke herabgelassen und die beiden Gymnastiker hielten sich an denselben fest. In der nächsten Sekunde schon saßen Beide hoch oben über den Köpfen der Zuschauer auf ihren Trapezen in der Nähe des großen Gaskronleuchters. Nun fingen sie an zu »arbeiten« und machten ihre Sache vortrefflich, Otto entwickelte eine ungemeine Kraft, wenn er den Körper Zabette's mitten im Fluge auffing und Zabette schien der Schwerkraft zum Trotz von einem Trapez zum anderen wie ein Vöglein zu fliegen, dabei stets Anmuth und Anstand in allen ihren Bewegungen bewahrend.

Zwei oder drei Male, wenn das luftige Spiel einen besonders halsbrecherischen Charakter annahm, wandte Cara den Kopf weg und lehnte den Rücken zurück. Da sie vor Leon saß, so berührten ihre Schultern dann die Kniee des jungen Mannes und das eigenthümliche Haarparfüm Cara's duftete ihm in nächster Nähe entgegen.

Die beiden Gymnastiker ernteten Beifall und Kränze, und bereiteten sich jetzt vor, zum Schlusse ein ganz außerordentliches Effektstück darzustellen. Otto hing sich mit den Füßen an ein Trapez, welches sich ungefähr in der mittleren Höhe des Circus befand, während hoch und fast senkrecht über ihm Zabette mit dem Kopfe nach unten an einem anderen Trapez schwebte. Zabette sollte sich hinabfallen lassen und von Otto aufgefangen werden.

Das Orchester, soeben noch einen lustigen Walzer spielend, verstummte plötzlich, als Zabette einen Schrei ausstieß, um den Beginn des Schauspiels anzuzeigen. Athemlos lauschte die Menge und jedes Auge war auf die schlanke Gestalt, die einem Engel gleich hoch oben schwebte, gerichtet. Da noch ein Schrei und Zabette ließ sich los. Der Körper schoß herab, Otto streckte ihm seine muskulösen Arme entgegen. War es Zufall oder Unaufmerksamkeit, Otto's Hände faßten die schlanke Taille Zabette's anstatt der Füße, glitten ab und ließen den Körper fallen, welcher schwer auf das Netz fiel, von diesem aber aufs neue emporgeschnellt wurde und unter einem schrecklichen Geschrei der Zuschauer in die Arena hinabfiel. Zabette blieb bewußtlos an der Barrière liegen. Allgemeines Entsetzen drückte sich auf allen Gesichtern aus und mehrere Stalldiener eilten in die Arena.

Cara hatte sich plötzlich nach hinten geworfen und lag auf dem Schooße Leons, welcher sich über sie beugte. Inmitten des Lärmens und der Verwirrung achtete niemand auf die seltsame Lage dieser halbbewußtlosen Dame. Man lief hin und her, schrie, heulte, weinte, während Zabette weggetragen wurde, man wußte nicht, ob todt oder lebendig.

Langsam hob Cara ihren Körper empor. Ihre Augen starrten erschreckt umher, ihr Gesicht war bleich und ihre Lippen zitterten.

»Sind Sie unwohl?« fragte Leon.

»Ja, ich habe mich so sehr erschrocken.«

»Wollen wir hinausgehen?«

»Die frische Luft wird mir wohlthun,« flüsterte Cara.

Leon stieg zu ihr hinab und gab ihr den Arm, um sie die Treppe hinaufzuführen. Der runde weiche Arm Cara's lag schwer in dem seinigen. Nur mit großer Anstrengung schien die Dame den Ausgang erreichen zu können. Als sie im Foyer angekommen waren, mußte Leon sie um die Hüfte fassen, so schwach und hinfällig waren die Bewegungen seiner Begleiterin. Er führte sie bis an das Portal, wo die frische Abendluft kühlend hineinstrich. Cara nahm auf einem Sessel Platz, schien sich aber noch nicht erholen zu können. Sie sprach mit leiser Stimme:

»Der Fall dieses unglücklichen Geschöpfes hat mich wirklich furchtbar erschreckt, aber es wird nicht von Bedeutung sein. Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, mein Herr, und möchte Ihnen ungern länger beschwerlich fallen, aber wenn Sie mir noch einen Fiaker besorgen wollten, so würde ich Ihnen sehr dankbar sein.«

Henri Clergeau, welcher soeben hinzugetreten war, lief nach dem naheliegenden Halteplatz der Fiaker, während Leon bei Cara blieb, die das Sprechen sehr anzugreifen schien. Sie lehnte sich in den Sessel zurück und athmete mühsam.

Henri Clergeau kam bald mit dem Wagen zurück. Leon beugte sich über das schöne Weib und sagte in höflich mitleidiger Weise:

»Wir werden Sie nach Hause bringen, Madame. Geben Sie mir Ihren Arm.«

»O nein,« erwiderte Cara, »ich will Sie nicht länger in Ihrem Vergnügen stören. Ich bin nicht schwer krank.«

Aber der schmerzvolle Ton widersprach ihren Worten und fast unwillkürlich nahm sie den angebotenen Arm und ließ sich zum Wagen führen. Da in demselben nur zwei Plätze waren, so mußte Einer der beiden Herren zurückbleiben. Leon, ohne daran zu denken, daß Henri die Dame schon länger kannte, als er, und ohne eigentlich zu wissen, was er that, lediglich der Eingebung des Augenblicks folgend, setzte sich neben Cara, die den Oberkörper sogleich in die Rücklehne fallen ließ. Ein genauer Beobachter hätte bemerken können, daß Cara's Hände leise die Bewegungen Leons dirigirt hatten.

Henri Clergeau verbeugte sich, schloß die Wagenthür von außen und rief dem Kutscher zu:

»Boulevard Malesherbes 17!«


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