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Sechstes Kapitel.
Gefangen!

Madeleine mußte sechs angstvolle Tage auf den Brief von Lozes warten. Endlich traf er ein, an demselben Tage, an welchem Abends die zweite Begegnung zwischen Leon und Cara stattfand. Madeleine wurde aufgefordert, gleich nach Empfang des Schreibens zu Lozes zu kommen.

Lozes empfing sie mit den Worten:

»Ich habe mit unserem Manne gesprochen und er versprach mir heute Morgen zu kommen. Vielleicht läßt er uns warten, denn er ist Italiener und dieser Menschenschlag ist unzuverlässig. Er will noch einen Menschen mitbringen, einen blödsinnigen Musiknarren, auf dessen Urtheil er mehr als auf das meinige giebt. Aber das schadet nichts, singen Sie wacker darauf los und bringen Sie vor allem Ihre schöne Stimme zur Geltung, Geschmack und Fähigkeiten können die Beiden gar nicht beurtheilen. Herrn Sziazziga so heißt unser Mann – genügt es, wenn Sie mit Ihrer Stimme das Opernhaus ausfüllen können. Schreien Sie so laut wie möglich und lassen Sie das Uebrige meine Sorge sein.«

Nach einer halben Stunde kam Sziazziga, gefolgt von einem alten kleinen eingeschrumpften Männlein. Er selbst war ungefähr ein Fünfziger, dick, groß, fortwährend lächelnd, in Figur und Benehmen ein Pedant der langweiligsten Sorte. Madeleine wurde von dieser Erscheinung nicht gerade angezogen, sie unterdrückte aber ein Gefühl des Widerwillens und erwiderte die theatralische Begrüßung des Italieners mit freundlicher schüchterner Anmuth.

»Ah, das sein die Dame?« fragte Sziazziga mit stark italienischem Accent in gebrochenem Französisch.

»Sie haben es errathen.«

Der zukünftige Mäcen Madeleinens setzte seinen goldenen Nasenkneifer auf und ging, wie ein Bär um den Stock, langsam tänzelnd um Madeleine herum.

»Sehr hübs, sehr hübs,« rief er bei jedem Pas seinem Begleiter zu, »die Figür sehr ausdrückungsvoll, viel nobelhaftes Wesen, famos in die Taille und mit gutem Chignon.«

Niemals hat ein Sklavenhändler seine lebende Waare so genau betrachtet und geprüft, wie dieser alte Italiener, und niemals hatte Madeleine eine ähnliche Demüthigung erlitten. Dunkle Schamröthe übergoß ihr Antlitz.

»Signora werden haben die Güte zu zingen ein Stück vor uns!«

Diese Aufforderung befreite Madeleine aus der peinlichsten Situation ihres Lebens. Singen, ja singen, sie war ja hier um zu singen.

» Il maëstro Maffeo, mein sehr guter Freund, wird machen das Akkompagnement zu das Gesang von Signora.«

Als das junge Mädchen ans Klavier trat, näherte sich Lozes ihr und flüsterte:

»Der kleine Herr ist nicht jener Narr, von dem ich Ihnen sagte, es ist Maffeo, einer unserer besten Kapellmeister in früherer Zeit. Singen Sie so gut Sie können; Sie brauchen nicht zu schreien.«

Madeleine fiel es wie ein Alp von der Brust, sie brauchte jetzt nur für Lozes und Maffeo zu singen, in welche Beide sie großes Vertrauen setzte.

Unter den Gesangstücken, welche Madeleine vorschlug, wählte Maffeo drei in verschiedenen Stilarten aus, damit er gut prüfen konnte. Das junge Mädchen sang so, wie Lozes ihr empfohlen hatte.

Sziazziga hörte zu, ohne ein Zeichen des Beifalls oder des Mißvergnügens zu geben, dagegen applaudirte Lozes in lebhafter Weise.

» Si si,« sagte der Italiener, »das sein sehr gut, viel Grazia.«

Maffeos Benehmen war zurückhaltend, es schien als ob er applaudiren wollte, es aber nicht zu thun wagte. Nach Beendigung des dritten Stückes glaubte Madeleine, daß Sziazziga sich äußern würde, ob er sie ausbilden lassen wolle oder nicht. Aber er that es nicht.

»Werde jetzt plaudern mit mein sehr guter Freund Maffeo und bitte Signora, zu schenken mich das Vergnügen morgen früh, Boulevard Malesherbes, mit das Vormund.«

»Ich habe keinen Vormund.«

»Ah, Sie haben einundzwanzig Jahre schon?«

»Ich bin frei und Herrin meiner selbst.«

» Diavolo, perfetto, sehr gut das sein.«

Ein Lächeln der Befriedigung flog über das breite Gesicht des Italieners.

»Denke mir angenehm, zu sehen Signora bei mich zum Dejeuner um 9 Uhr!«

Madeleine bedankte sich mit einigen freundlichen Worten und ging dann mit Lozes, der sie bis ins Vorzimmer begleitete, fort.

»Beunruhigen Sie sich nicht, mein Fräulein,« sagte Lozes, »die Sache ist so gut wie abgemacht; nur hüten Sie sich, daß Sie dem alten Fuchs in pecuniärer Beziehung nicht zu günstige Bedingungen gewähren. Auf baldiges Wiedersehen, meine liebe Schülerin.«

Punkt neun Uhr am andern Morgen befand sich Madeleine auf dem Boulevard Malesherbes. Sie hatte auch bald den Antiquitätenladen des Italieners Sziazziga gefunden, welcher sich dem Hause Nr. 17 gerade gegenüber befand. Sie trat ein und fand im Laden eine Frau sitzen, die sich fröstelnd in einen großen indischen Shawl eingewickelt und ein schwarzes Spitzentuch um den Kopf geschlagen hatte. Sie mochte wohl fünfzig Jahre sein und zeigte Spuren früherer Schönheit, welche einer Kaufmannsfrau seltsam zu Gesichte stand. Ehe sie sich diesem Berufe widmete, war sie jedoch Sängerin gewesen und noch jetzt, wenn sie sich inmitten ihres Ladens, eingehüllt in einen alten Cachemir, befand, war sie Norma oder Donna Anna.

Diese Frau erhob sich nicht von ihrem Sessel und antwortete Madeleine mit kurzen Worten, daß Herr Sziazziga in einem Zimmer des Entresols auf sie warte.

Sie fand ihren zukünftigen Herrn an einem Tische sitzen, der mit Papieren belegt war, gerade im Begriff auf ein Stempelpapier etwas niederzuschreiben.

»Ich sreibe für Ihnen, Signora,« sagte Sziazziga, »ich vorbereite unser kleine Engazement und Sie werd unterschreiben dies Papier, wenn wir haben Einigung. Mein sehr gut Freund Maffeo denken, daß Sie haben Talent, aber viel arbeiten, viel arbeiten, Signora, und viel Stunden und Lectionen, die theuer sein. Maestro Lozes nimmt ein viel Geld und er sein doch nur ein Ruin.«

Das Gesicht des Sprechenden nahm einen verzweifelten Ausdruck an, als er an die hohe Forderung von Lozes dachte.

»Ich muß geben viel. Sie müssen haben schöne Toilette, weil Sie sein so hübs, ja sehr hübs, dann ein gutes Zimmer und ein nahrhaft Essen. Das sehr nothwendig das gut Essen, sehr nothwendig. Macht alles zusammen eine große Summe für mehrere Jahre. Muß doch sein gerecht, wenn ich bekomme ein gutes Profit. Ist doch gerecht, Signora?«

»Allerdings, mein Herr …«

»Gut das. Ich will sreiben so. Bis zu den Tag, wo Sie sind engazirt zum ersten Mal, ich zahl alles, Lectionen, Toilette, Nahrung, sehr gute Nahrung, Vergnügen. Ich zahle alles sehr gut, guter als ich kann verantworten, denn ich, Signora, nicht reich sein. Muß nicht glauben, ich reich sein, nein, ich mir leihen die Hälfte des Geldes von mein sehr guter Freund Riolle. Sie werd mir bezahlen später die Hälfte von die Einnahme.«

Von Lozes gewarnt, begriff Madeleine ihre Lage und die Wichtigkeit des Augenblicks. Sie fragte schnell:

»Auf wie lange Zeit, Signor?«

»Das sein gerade die Frage, mir scheinen ehrenwerth, zu sagen zehn Jahre.«

»Also, wenn ich 40 000 Franken jährlich verdiene machen Sie in zehn Jahren ein Geschäft von 200 000 Franken.«

»40 000 Franken oh! Sagen wir 10 000 Franken und ich nix mehr verdien als 50 000 Franken. Aber das sein immer noch ungewiß. Sie müß' gefallen dem groß Publiko, Sie muß leben und sterben, was giebt mir zurück das Geld, Signora? Ist doch gerecht!«

Von dem Augenblicke des Beginns dieser Unterhaltung an war sich Madeleine bewußt, daß der Kampf zwischen ihr und dem routinirten Geschäftsmanne kein gleichartiger sei. Dennoch faßte sie Muth und fing an zu feilschen. Schließlich erreichte sie es, daß die zehn Jahre auf fünf reducirt wurden. Doch Sziazziga gab in diesem Punkte nur nach, um bei einem anderen Vortheil zu erlangen. Es wurde festgesetzt, daß Madeleine nach Ablauf jener fünf Jahre ihm noch auf weitere zehn Jahre zehn Procent ihrer Einnahme zu geben habe und ferner, daß sie ihm zweihunderttausend Franken zahlen solle, wenn sie vor Ablauf der zehn Jahre von der Bühne aus anderen Gründen denn Krankheit oder Stimmverlust Abschied nehme.

Madeleine unterzeichnete den Contract, welcher sie auf lange lange Jahre von einem Manne abhängig machte, den sie kaum kannte und dessen Benehmen ihr eher abschreckend und närrisch, als angenehm war.

»Abgemacht,« sagte der Italiener und faltete den Contract zusammen. »Signora wird sein zufrieden mit das Leben bei mir und meiner Gattin. Ich werd' Sie jetzt zeigen Ihre neue Wohnung, wenn Sie wollen haben die Güte mich zu begleiten.«

Sziazziga führte seine Schutzbefohlene fünf Treppen hoch in ein Mansardenzimmer, dessen Fenster auf den Boulevard hinaussah. Das Zimmer war nicht groß, aber ziemlich behaglich möblirt und tapezirt, sodaß Madeleine sich über die hohe Lage desselben tröstete. Ein prächtiger Flügel nahm fast ein Drittel des Raumes weg.

Nach einem einfachen Dejeuner, bei welchem wenig und nur zwischen den beiden Ehegatten gesprochen wurde, forderte Sziazziga Madeleine auf, ihn nun zu Herrn Riolle zu begleiten, der einen Theil ihrer Ausbildungskosten übernommen habe und sie kennen zu lernen wünsche.

Der Besuch bei diesem Geld- und Geschäftsmanne bestand nur in einer förmlichen Vorstellung. Der lange, hagere Herr machte dem hübschen Mädchen einige fade Complimente und flüsterte sodann leise mit Sziazziga. Unterdessen stand Madeleine stumm an einen Sessel gelehnt und gedachte nicht ohne Wehmuth der Zeit der goldenen Freiheit, welcher sie eben erst den Rücken gekehrt. Sie kam sich vor wie ein Lamm, das zum Nutzen seiner Besitzer aufgefüttert werden sollte. Doch im nächsten Augenblicke richtete sie sich schon stolz wieder auf; sie gedachte des großen Zweckes, um dessenwillen sie sich erniedrigt und konnte sogar Gott Dank sagen, daß er sie auf dem einsamen Wege soweit ohne Gefährde geleitet habe.

Ein Geräusch an der Wand schreckte sie aus ihren Gedanken. Es öffnete sich eine Tapetenthür, die sie bis dahin nicht bemerkt hatte und ins Zimmer trat eine einfach aber elegant gekleidete junge Dame, die sie auf den ersten Blick wiedererkannte. Es war Cara! Madeleinens Herz pochte stärker, denn sie erinnerte sich, daß Leon zu ihr in den Wagen gestiegen war und eine beängstigende Ahnung sagte ihr, daß diese Dame sich wie ein Dämon zwischen sie und Leon dränge.

»Ei, Cara,« rief Riolle und wandte sich um, als er das Rauschen eines seidenen Gewandes auf dem Parkette hörte.

»Ja, ich bin's, mein Herr. Und Sie auch hier, Signor Sziazziga?«

Der Italiener verzog sein breites Gesicht zu einem süßen Lächeln und ergriff die kleine ihm entgegengestreckte Hand, um sie an die Lippen zu drücken. Während dessen warf Cara halbseitwärts einen scharfen prüfenden Blick auf Madeleine, welcher diese bis ins Herz traf. Doch wandte sie sich gleich wieder den Herren zu, ohne dem Mädchen weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

»Welch Glück für armen Italiener zu sehen die Königin der Damen!«

Auch diesem Complimente schenkte Cara keine Aufmerksamkeit, sie war offenbar überrascht und ärgerlich, Herrn Riolle nicht allein zu finden. Der Italiener merkte dies und war höflich genug der Dame den Platz zu räumen. Er und Madeleine nahmen Abschied und auf dem Rückwege erzählte er ihr mancherlei von der raffinirten Kokette, welches dem unschuldigen Mädchen die Röthe in die Wangen trieb.

Gleich nachdem der lästige Besuch sie verlassen, war Cara's erste Frage, was für ein Mädchen das sei und was sie hier gewollt habe.

Riolle lächelte zynisch.

»Es ist keine Concurrentin. Ein simples Provinzmädchen, welches Sziazziga und ich in der Musik ausbilden lassen. »Aber wie schön du heute bist!«

»Ich bin nicht gekommen, um mir von dir Complimente sagen zu lassen.«

»Du wünscht also einen Rath?«

»Richtig, mein scharfsichtiger und boshafter Advokat.«

»Handelt es sich um Belehrung oder um einen praktischen Fingerzeig?«

»Um eine Personenfrage!«

»Ah, Teufel, das ist delikat!«

»Für dich nicht, der du das ganze finanzielle und commerzielle Paris wie deine eigene Tasche kennst.«

»Du schmeichelst, kleine Hexe. Was ist es?«

»Wie denkst du über das Haus Haupois-Daguillon?«

»Ah,« erwiederte Riolle und blinzelte mit den Augen, »du meinst den Sohn?«

»Ich frage dich, was du von der Firma Haupois-Daguillon hältst?«

»Ausgezeichnet. Bedeutendes Vermögen und gut consolidirtes Geschäft. Auch sehr ehrenwerth, wenn dich das interessirt.«

»Ich will keine Phrasen. Wie hoch schätzt man das Vermögen? Das allein wünsche ich zu wissen.«

»Acht bis zehn Millionen zum wenigsten. Es ist schwer, die genaue Summe anzugeben.«

»Wie viele Kinder? Zwei, nicht wahr?«

»Ein Sohn und eine Tochter. Die Letztere hat den Baron Valentin geheirathet.«

»Ein hochmüthiger und geiziger Geselle, doch, das ist mir gleichgiltig. Wie vertragen sich Vater und Sohn miteinander? Der Alte ist so ein Ehrenmann, nicht wahr, ein rechter Kaufmann?«

»Das weiß ich nicht, aber man sagt, die Mutter sei die Seele des Geschäfts.«

»O, fatal!«

»Warum, meine Schöne?«

»Weil die Kaufmannsfrauen gewöhnlich kein empfindsames Herz haben. Weißt du, ob der Sohn Associé ist und für die Firma zeichnet?«

»Ich muß gestehen, daß ich in dieser Richtung hin unwissend bin. Ich stand nie in Beziehungen zu dem Hause Haupois-Daguillon.«

Cara ließ sich in einen Fauteuil fallen und schlug das linke Bein über das rechte, so daß der kleine Fuß im zierlichen Schuh und die Hälfte der fein geformten Wade sichtbar wurde.

»Wie man sich doch täuschen kann,« rief sie ärgerlich und krümmte verächtlich die Lippen. »Ich hielt dich für einen Mann, der jeden Geschäftsmann bis in die Westentasche hinein kennt. Du scheinst auf deinen Lorbeeren ausruhen zu wollen, seitdem du dich vom Advocaten der Schauspielerinnen, Kokotten und Gräfinnen der Demimonde zum Anwalt der Finanzleute aufgeschwungen hast. Du stehst in dem Ruf, Paris wie kein Anderer zu kennen. Nun komme ich zu dir und du antwortest mir, daß du nichts weißt.«

Riolle lachte und öffnete dabei seine dünnen Lippen so weit, daß man die grauen schadhaften Zähne sehen konnte.

»Das verstehst du nicht, denn du bist ein Weib. Wenn dir eine Idee durch den Kopf fährt, mußt du auch gleich jeden Wunsch erfüllt haben. Wenn du mir gestern gesagt hättest, daß du über das Haus Haupois-Daguillon Näheres wissen willst, so hätte ich dir heute schon damit dienen können.«

»Gestern dachte ich noch nicht daran.«

»Nun, laß mir bis heute Abend Zeit und ich will deinen Wunsch erfüllen.«

»Heute Abend, das ist unmöglich, aber morgen früh werde ich wieder kommen.«

»Gut, so sei es.«

»Adieu, also auf morgen!«

»Wie, du willst schon wieder gehen?«

»Ich muß noch zu Dr. Horton.«

»Bist du krank?«

»Nein, ich gebrauche nur ein Recept.«

Und Cara ging zu ihrem Arzt, welchem sie erzählte, was ihr gestern Abend passirt sei und erhielt ein Recept. Dann ging sie noch, ehe sie nach Hause zurückkehrte, in ein Telegraphenbüreau und telegraphirte ihren Leuten in St. Germain, daß sie schleunigst nach Paris zurückkommen sollten.

Nachdem Cara diese Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, legte sie zu Hause eine verführerisch schöne Negligé- und Krankentoilette an, einen weißen Mousselinschlafrock, und frisirte ihr Haar so einfach wie möglich. Dann stellte sie eine Phiole nebst Tasse vor sich hin und erwartete Leon.

Sie wartete den ganzen Tag und fragte sich, weshalb er nicht früher komme. Sie wunderte sich. Endlich kam er um neun Uhr Abends! Cara hatte Befehl gegeben, daß nur er zu ihr gelassen würde.

Leon fand im Vorzimmer ein Kammermädchen, welches ihm den Ueberrock abzog und dann die Thür zu Cara's Wohnzimmer öffnete. Sein erster Blick fiel auf die kranke Bewohnerin, welche bleich und mit leidendem Gesichtsausdruck langausgestreckt auf dem Sofa lag.

»Ach, wie gut sind Sie, an mich zu denken,« sagte sie und reichte ihm die schmale Hand, »es ist wahrlich edelmüthig von Ihnen, mir armen und wenig interessanten Kranken einen Besuch zu machen.«

»Wie geht es Ihnen denn heute, Cara?«

»Nur leidlich, mein Freund. Sehen Sie, da steht die Arzenei, welche Horton mir verordnet hat. Ich habe auch meine Dienstboten von St. Germain hereinkommen lassen, da ich Paris nicht verlassen soll.

»Ich bin zwar kein Arzt,« erwiderte Leon, »dennoch will ich Ihnen aber Arzenei bringen. Der Unfall im Circus gestern Abend hat keine bösen Folgen gehabt. Zabette ist mit dem Schreck davon gekommen und befindet sich wohl.«

»Ach,« flüsterte Cara sentimental. »Sie sind zartfühlend wie sonst kein Mann. Ich beneide die Frau, die Sie lieben. Wie glücklich muß sie sein!«

»Ich liebe niemanden, Cara.«

»Das ist unmöglich.«

Während in dieser Weise im Salon ein Gespräch über die zartesten und delikatesten Dinge stattfand, entspann sich auf dem Vorplatz eine Unterhaltung, die gröberer Natur war. Einige Augenblicke später als Leon, war ein Mann in die Etagenthür getreten, dessen Aeußeres eher einem Mehlhändler als schmachtendem Liebhaber glich. Er war ein Gläubiger, der Wucherer Carbans, welchen das Kammermädchen Luise nur zu gut kannte.

»Ich will deine Herrin sehen,« sagte er. »Ich weiß, daß sie vom Lande zurückgekehrt ist, denn im Vorübergehen bemerkte ich Licht an ihren Fenstern.«

Luise erwiderte, daß Cara ihn augenblicklich nicht empfangen könne, aber Carbans ließ sich nicht so leicht abspeisen und kannte die Manier, bei den hartnäckigsten Schuldnern Einlaß zu bekommen.

»Deine Herrin scheint sich über mich lustig zu machen. Sehr gut, aber ich will sie sehen und ihr mittheilen, daß ich morgen wiederkommen werde, um mir eine gute Abschlagssumme zu holen. Wenn nicht, so lasse ich meine Schuld sofort durch Execution eintreiben. Verstanden?«

»Ich werde es Madame sagen.«

»Nein, ich selbst will es thun, das wird einen besseren Effect machen.«

Er sprach mit lauter Stimme und schien Lust zu haben noch lauter zu schreien, als Luise, die alle Schliche ihres Amtes gut kannte und auszunutzen verstand, den Zeigefinger auf ihre Lippen legte und leise flüsterte:

»Schreien Sie nicht so, Sie Bär. Ich kann Sie jetzt nicht vorlassen, denn es ist jemand bei Madame.«

»Desto besser. Wenn dieser jemand ernsthafte Absichten hat, wird sie mich um so eher bezahlen können.«

»Und ob es Ernst ist! Urtheilen Sie selbst.«

Luise nahm aus der Tasche des Ueberrockes von Leon ein kleines mit Silber beschlagenes Lederetui, welches aus der einen Tasche herausblickte, öffnete dasselbe und entnahm daraus eine Visitenkarte, welche sie Carbans gab.

»Finden Sie nicht, daß dieser Name gut ist?«

»Ei der Teufel,« rief Carbans und grinste. »Deine Herrin versteht's und hat Glück. Aber weshalb bezahlt sie mich denn nicht?«

»Nun, wir sind ja erst bei der Introduction.«

»Und wenn's gleich wieder auseinandergeht?«

»Das beste Mittel, um dies zu verhindern, ist jedenfalls, das Debüt des neuen Liebhabers nicht zu stören. Aber wie Sie wollen, treten Sie ein, ich hindere Sie nicht daran.«

»Nein, ich werde acht Tage warten, mein Schatz. Dann komme ich wieder, jedoch nicht einer Abschlagszahlung wegen, sondern um mein Kapital von 27 500 Franken sammt Zinsen und Unkosten zurückzufordern. Dann muß deine Herrin zahlen, wenn nicht, so beginne ich den Tanz. Du verstehst mich. Sag das deiner liebenswürdigen Gebieterin. In acht Tagen, nicht eine Stunde später! Adieu.«

Leon begnügte sich nicht mit dem einen Besuche bei Cara; dem ersten folgte ein zweiter, dem zweiten ein dritter.«

Er fand es selbst sonderbar, aber waren seine Besuche nicht ganz in der Ordnung, mußte er sich nicht nach dem Befinden der schönen Dame erkundigen? Und dann, weshalb sollte er nicht mit ihr plaudern dürfen? Sie gefiel ihm, weil sie durchaus nicht jenen Frauen glich, die er bis dahin kennen gelernt hatte.

Bescheiden, klug, unterrichtet, in leichter Weise plaudern könnend, pikant ohne ordinären Beigeschmack, schalkhaft ohne boshaft zu sein, wählerisch in ihrem Geschmacke, ausgezeichnet in ihren Manieren, war Cara in den Augen Leons eine Dame von Welt, mit welcher man reden konnte was man wollte, unter der einen Bedingung, daß man eine gewisse Grenze des guten Tones respectirte. Gerade dieses reizte Leon um so mehr, denn Cara war vom Kopfe bis zu den Füßen ein verführerisches Weib, deren bescheidenes und freundliches Wesen Wünsche weckte, welche Leon vorläufig nicht laut werden ließ.

Jedesmal, wenn Leon sie verließ, sagte er »auf Morgen« und richtig kam er am anderen Tage wieder. Am ersten Tage kam er um 9 Uhr, am zweiten um 8 Uhr, am dritten um 6 Uhr, am vierten um 5 Uhr und blieb zum Diner, welches Beide in ganz ungezwungener familiärer Weise einnahmen. An diesem Tage gefiel ihm die Unterhaltung so sehr, daß er erst um 2 Uhr Nachts fortging. Und als er dann langsam durch die öden Straßen der Weltstadt wanderte, gestand er sich, daß er vieles, sehr vieles aufopfern würde, um stets bei Cara sein zu können. Seitdem er die Nachricht von der Flucht Madeleinens erhalten hatte, war er melancholisch geworden und hatte an Nichts mehr Interesse, alles langweilte ihn, er war sich so zu sagen selbst im Wege. Heute hatte er zum ersten Male seine gute Laune wieder gefunden und vergaß die Stunden und Minuten seines Daseins zu zählen.

Wer hatte dieses Wunder vollbracht?

Cara!

Arme Madeleine! Während du in heiliger frommer Liebe entsagtest, weil philisterhaftes Vorurtheil und kaufmännischer Eigennutz dir im Namen der ehrenhaften Gesellschaft dies geboten, hatte ein Weib, das deine Tugenden nie gekannt und dessen Laster du niemals geahnt, den Kampf mit der ehrenwerthen Gesellschaft aufgenommen, die ihr weniger Widerstand leistete, als der Macht der Unschuld. Ja selbst er, Leon, der gute brave Leon mit dem warmfühlenden Herzen, ja selbst dieser, den Madeleine als das Ideal der Manneswürde liebte und verehrte, konnte die reine unschuldige Liebe vergessen, einer Neigung wegen, die ihn unwiderstehlich an ein Wesen kettete, das seine Existenz nur den Schwächen und unlauteren Begierden der Männerwelt verdankte.

In Wahrheit, das Gefühl, welches Leon für Madeleine im Herzen trug, so lebhaft und zart es auch war, schien ihm doch nicht der Art zu sein, daß er nicht eine Untreue begehen dürfte. Hinderte Cara ihn denn, der Erinnerung an Madeleine nachzuhängen? O nein, Leon glaubte das nicht. Ja, wenn er bestimmt gewußt hätte, daß er seine Cousine wiedersehen würde! Aber würde er sie je wiedersehen? Es war möglich, aber in welchen Verhältnissen? Liebte sie ihn? Liebte sie nicht vielleicht einen andern, den sie heirathen möchte oder vielleicht schon geheirathet hatte? Könnte sie ihm Vorwürfe machen, da sie doch diejenige war, welche ihn verlassen hatte?

Diese Fragen warf Leon sich vor, als er einsam durch die Straßen wanderte und endlich einen Wagen miethete, der ihn nach dem Bois de Boulogne führte. Diese Spazierfahrt benutzte er, um ernstlich und wie er glaubte kaltblütig über seine sonderbare Lage und Gemüthsstimmung nachzudenken. Um neun Uhr befahl er dem Kutscher, ihn nach dem Boulevard Malesherbes zurückzufahren.

Cara war noch nicht aufgestanden, aber Luise zögerte nicht, sie aufzuwecken, und zwei Minuten später stand die Kokotte im leichten Morgengewande und mit erstaunter Miene vor ihrem Liebhaber und rief mit zitternder Stimme ihm entgegen:

»Mein Gott, Leon, was hat sich zugetragen, daß Sie so bald wiederkommen?«

Leon lächelte nur und sie betrachtete ihn verwundert vom Kopfe bis zu den Füßen. Sein Anzug war in Unordnung gerathen, seine Füße mit Staub bedeckt.

»Wo kommen Sie denn her?«

»Aus dem Bois de Boulogne, wo ich die Nacht zugebracht habe.«

»Mein Gott!«

»Beruhigen Sie sich. Ich mußte mein Gewissen prüfen und ich habe es gethan in der Ruhe und Stille der schlafenden Natur.«

»Sie beruhigen mich nicht …«

»Ach, Cara, ich bin zu einem Entschlusse gekommen und muß ein ernstes Wort mit Ihnen sprechen.«

Und er nahm ihre Hand und zog sie zu sich heran.

»Sie sind zu zartfühlend,« sagte er, »um nicht zu wissen, daß ich gestern Abend unruhigen Gemüthes von Ihnen Abschied nahm. Diese Unruhe und Gemüthsbewegung entsprangen einem Gefühle, welches mit namenloser Gewalt mein Herz ergriff. Ehe ich mich ihm ganz überließ, wollte ich prüfen, ob es echt und wahr sei. Deshalb habe ich die ganze Nacht wachend und außer dem Hause zugebracht und nun … nun … habe ich gefunden, was ich suchte … Cara, ich liebe dich!«

Er faßte ihre Hand und wollte den Arm um ihre Hüften legen, doch Cara zuckte zusammen und deckte gleich wie mit tiefem Schmerze die Hand über ihr Gesicht. Dann blickte sie ihn trübe lächelnd mit den großen dunklen Augen an und sagte:

»Wie gerne würde ich für Sie Hortense sein und nur Hortense. Aber es kann ja nicht möglich sein, selbst für Sie, Leon, bin ich nur Cara, nicht wahr?«

»Ich schwöre dir …«

Sie ließ ihn nicht aussprechen:

»Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, mein Freund. Wie viele Andere würden schon eher zu mir gekommen sein und hätten gesagt: »Cara, Sie gefallen mir, wie viel verlangen Sie monatlich, um meine Geliebte zu sein?« Sie dagegen sind zu galant, um eine solche Sprache zu führen und heucheln lieber eine Herzensneigung, sagen, daß Sie mich lieben …«

Cara hielt einen Augenblick inne und fuhr dann in resignirtem Tone leise fort:

»Ich danke Ihnen, Leon, aber lassen Sie es mir frei heraus sagen, ich glaube, Sie betrügen sich selbst. Liebe kommt nicht so schnell, Geschmack und Laune meinetwegen, aber Liebe? Nein, mein Freund, sie kann keine ernsthafte sein.«

Wiederum betrachtete sie Leon lange mit jenem traurigen Ausdruck, welchen er schon so oft an ihr bemerkt hatte. Dann fuhr sie fort:

»Aber deshalb glauben Sie nicht, daß ich diese Liebe zurückstoße oder gar verachte. Ich bin im Gegentheil gerührt und stolz, denn ich fühle für Sie auch Sympathie und Achtung. Doch von anderer Art sind meine Gefühle für Sie noch nicht. Werde ich Sie lieben? Ich weiß es nicht. Es ist möglich, denn mein Herz ist frei und niemand von allen, welche ich vor Ihnen kennen lernte, hat je eine so zarte Sympathie in mir wachgerufen. Aber noch ist die Stunde nicht gekommen, wo ich meine Hand in die Ihrige legen kann und ich hoffe, daß Sie nicht von mir verlangen, daß ich lüge und eine Sprache spreche, die nicht aus dem Herzen kommt. Eine Kokotte würde Ihnen an meiner Stelle vielleicht verbieten, ferner von Liebe zu sprechen. Soll ich das auch thun? Nein, mein Freund, Sie kennen mich schon so lange, um zu wissen, daß ich nicht prüde bin; ich sage im Gegentheil: Sprechen Sie von Ihrer Liebe zu mir, sprechen Sie oft, sprechen Sie immer davon … und ich füge hinzu: Versuchen Sie, mich wirklich zu lieben!«


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