Wilhelm von Kügelgen
Jugenderinnerungen eines alten Mannes
Wilhelm von Kügelgen

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Kurioses Zeug

In dem geräumigen Wohnzimmer meiner Mutter stand ein schönes Bild, das, auf einigen Stufen erhöht, den mittleren Teil der Hauptwand fast bis zur Decke füllte. Es war dies eine Kopie des berühmten Dresdner Raffael, die mein Vater unlängst vollendet und der Mutter geschenkt hatte. Diese Kopie wurde damals dem Originale gleichgestellt. Es schien dasselbe, nur ohne die Mängel, welche Zeit und frühere Verwahrlosung hinzugetan hatten. Große Summen waren schon vor der Vollendung dafür geboten worden, allein mein Vater wollte sich nicht davon trennen; es sollte das Palladium seines Hauses werden, und unter dem himmelreinen Auge dieser Mutter Gottes sollten seine Kinder heranwachsen. Auch knüpfen sich sehr selige Kindererinnerungen an dieses Bild, unter dem wir saßen und das ich anzublicken pflegte, wenn die Mutter am Sonntagmorgen aus der Heiligen Schrift vorlas und uns aufmerken lehrte auf die Worte unseres Erlösers. Seinen vollen Zauber entfaltete es indessen erst am Weihnachtsabend, wenn die vielen Kerzen brannten und das magisch beleuchtete, wie von innerem Licht durchglühte Bild zu leben schien.

Dieses herrlichen Anblicks erfreuten wir uns zuerst im Jahre 1809, da Volkmanns und Senff den ersten Weihnachten mit uns verfeierten. Die ganze kleine Gesellschaft schien die Augen nicht wieder abwenden zu wollen, und fast hätte es notgetan, uns Kinder zu erinnern, daß es heute noch andere Interessen für uns gab.

Unterdessen wir uns nun unseren Tischen nahten und die Herrlichkeiten in Augenschein nahmen, mit denen man uns beschenkt hatte, wurde Senff vermißt. Man hörte aber, daß er gebeten habe, ihm nicht zu folgen, und siehe da! – als die Kerzen des Lichterbaumes im Ersterben waren – da flogen plötzlich die Flügeltüren auseinander, und ein Lichtmeer strahlte uns entgegen. Senff hatte den Fußboden des großen Vorsaales dicht besetzt mit Hunderten von kleinen Lampen, die er aus Nußschalen gebildet und zu einem riesigen Halbmond vereinigt hatte. In die Höhlung dieses Türkensterns, der wie Pontius ins Kredo in unseren Weihnachtsabend paßte, hatte er die kunstvoll gefertigten Geschenke aufgestellt, die er für uns Kinder gearbeitet hatte: für mich einen Prachtschild mit silbernem Adler, für Alfred einen nicht minder schönen Löwenschild. Der Effekt den Ganzen war sehr überraschend, doch noch nicht genügend für Senffs Erfindungsgabe.

Als man sich satt gesehen, schlug der ideenreiche Künstler der Gesellschaft vor, ihm nach dem Hinterhause zu folgen. Dort befand sich ein zweiter Vorsaal, der zu den Gemächern meines Vaters führte, und hier hatte Senff auf der Diele aus kleinen von Papier gemachten Häusern, Palästen und Moscheen die Stadt Konstantinopel aufgebaut. Man konnte nichts Saubereres sehen als diese Papierstadt. Dichtgestreuter weißer Sand bezeichnete das Land, blauer das Meer, das von kleinen Schiffen belebt war.

Nachdem nun Senff eine skizzenhafte Erklärung der hervorragendsten Punkte gegeben, bemerkte er, daß Konstantinopel häufig abzubrennen pflege, und damit legte er einen Zunder unter das erste Haus der Vorstadt Pera. Bald brach die Flamme aus, ergriff das nächste Gebäude und die ganze Straße, verzweigte sich nach anderen Straßen, sprang in die Brunnen; die mit Spiritus gefüllt waren, und verbreitete sich über die ganze Stadt. Zuletzt wurde das Serail ergriffen, dessen zahlreiche Türmchen als Miniaturfeuerwerk aufsprühten, die Vorstellung mit Knalleffekt beschließend.

Auf solche Weise wußte unser Lehrer uns stets neuen Stoff zuzuführen, denn natürlich waren wir begierig, alles nachzumachen, von den kleinen Nußlampen an bis zu den kleinen Schiffen und Papiergebäuden. Die Festungen und Städte, die wir für unsere Kriegsspiele bis dahin nur als Grundrisse verzeichnet hatten, erhoben sich jetzt zu allen Dimensionen des Raumes, und wir nahmen zu an mancherlei Kenntnis und Geschicklichkeit.

Die Töpfer

Auch im Freien wurden wir zu zweckmäßigen Übungen angehalten. Unsere Spaziergänge mit Senff waren weglose Entdeckungsreisen durch die Wälder, welche den Ortssinn übten, wir badeten, kletterten, liefen Schlittschuh und Stelzen. Freilich geht es mit manchen dieser Dinge wie mit den Näkeschen Fischgerichten, ja wie mit allem in der Welt, das schmackhaft gemacht werden soll: es muß aus eigenem Vermögen etwas Salz, das heißt etwas Täuschung, hinzugetan werden. So zum Beispiel stelzten wir nicht schlechthin wie die Marschbauern, sondern unsere Stelzen waren Pferde und wurden als solche ordentlich abgewartet, in die Schwemme geritten, gestriegelt und geliebt. Daß dergleichen Pferde aus zwei unzusammenhängenden Hälften bestanden, störte nicht im geringsten. Wir selbst waren auch nichts weniger als Knaben, sondern große Herren und Ritter, die gegeneinander turnierten. Auf einzelner Stelze hüpfend, gebrauchten wir die andere als Lanze und suchten uns damit gegenseitig umzustoßen. Überhaupt erlangten wir große Geschicklichkeit, wir liefen, sprangen und tanzten auf unseren Stelzen fast so flink und sicher wie zu Fuße. Aber der beste Schwimmer ertrinkt, sagt man, und der beste Fechter wird erstochen. So konnte es denn geschehen, daß auch ich mit meiner Stelzerei beinah den Hals brach.

Die Straßenjugend hatte auf der winterlichen Promenade vor unserem Hause eine Glitschbahn eingefahren, oder – mit dem technischen Ausdruck – eine Schinder ausgerissen, die mich natürlich auf den Einfall brachte, meinem Gaul das Schindern beizubringen. Einen Anlauf nehmend, sprang ich frisch auf die Bahn; aber anstatt gleichmäßig fortzugleiten, fuhren die langen Stelzenbeine nach verschiedenen Weltgegenden auseinander, das Gerüst schlug unter mir zusammen und ich dermaßen aufs Eis, daß die Besinnung augenblicklich weg war.

Die Frau des benachbarten Töpfermeisters Thomas hatte im Fenster gesessen und mich stürzen sehen; sie eilte heraus, nahm mich in die Arme und trug mich der nicht wenig erschrockenen Mutter zu; denn ob ich tot oder lebendig sei, war auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Ich erholte mich indessen schnell und war bald so weit genesen, daß ich der Frau Nachbarin persönlich meinen Dank abstatten konnte. Da wurde denn gleich große Freundschaft geschlossen, und von dieser Zeit an verfehlte ich nicht, die Töpfersleute häufig zu besuchen. Es waren freundliche Menschen; aber mehr noch zog mich die Werkstatt an, wo keineswegs bloß Töpfe, sondern auch Köpfe und mannigfaltige andere Kunstwerke gefertigt wurden. Die schönen, aus weichem Ton geformten Arabesken, Löwen, Greife, Sphinxe und niedlichen Gewandfiguren nach antiken Mustern gefielen mir fast besser als die Bilder meines Vaters, wenn sie so überraschend fertig und wohlgeboren, wie die Minerva aus dem Haupt des Jupiter, aus ihrer klumpigen Form hervorgingen.

Daß mein Bruder, sobald er von diesen Wundern hörte, mich zu begleiten pflegte, ist selbstverständlich. Wir gingen wie andere ernste Arbeitsleute in der Werkstatt ein und aus, und während die Töpfer töpferten, kneteten wir nicht minder allerlei Kuriosa aus ihrem Ton, wobei wir nicht allein ihre Mienen und Gebärden nachzuahmen strebten, sondern auch alle Werkzeuge beanspruchten, deren jene sich bedienten. Für solche Teilnahme luden uns die guten Leute denn auch wohl sonntags zu ihrer Mahlzeit ein. Dann war im Töpferhause alles neu und anders, die Werkstatt geschlossen, in Flur und Zimmer weißer Sand gestreut, und selbst der Meister Thomas – an Werkeltagen von seinen Tonklumpen wenig unterschieden – erschien im veilchenblauen Frack mit buntgeblümter Weste und weißer Binde. Er war ein korpulenter, etwas schnaufender Mann, der mir in seinem Staate den vollkommensten Respekt einflößte.

Es mochte sein, daß die Obersachsen damals das gebildetste Volk in Europa waren, wenigstens hielten sie sich selbst dafür, und wirklich zeichnete sich der Bürgerstand, vorzugsweise der Dresdner, durch angeerbte Urbanität und eine Höflichkeit aus, die, sooft sie auch von den Barbaren verlacht ward, im Grunde doch jedermann wohl tat. Unsere Töpfersleute aber konnten in jeder Beziehung als Sachsenspiegel gelten, daher meine Mutter uns ohne Sorge mit ihnen verkehren ließ. Nicht nur mit Fremden, sondern auch untereinander benahmen sie sich aufs wohlanständigste; nie hörte man ein unbemessenes Wort, und der ganze Hausstand zeugte nicht nur von Wohlstand, sondern auch von althergebrachter, guter Zucht und Ordnung.

Vor jeder Mahlzeit wurde von der Hausmutter laut gebetet. Dann erst setzte man sich, und verspeiste zwar die meisten Gerichte auf nächstem Wege, gleich aus der Schüssel, aber doch mit solcher Sauberkeit, daß mich kein Ekel ankam. Dazu sah man's den Leuten an, daß ihnen der Bissen, den sie in den Mund schoben, nichts weniger als selbstverständlich war, sie ihn vielmehr als Gottes Gnadengabe respektierten. Besondere Ehrfurcht wurde dem Brote gezollt, welchem man eine Art von Heiligkeit beizulegen geneigt schien. Kugeln daraus zu drehen oder es sonst zur Belustigung zu kneten, galt für den heillosesten Frevel, daher mir, als ich gelegentlich in diese Sünde verfiel, eine ernste Rüge zuteil ward. Zum Kneten, sagte mir Frau Thomas, wäre der Ton; das liebe Brot aber sei eine Gabe Gottes, nicht zum Spielen, sondern zur Notdurft und Nahrung des Leibes. Wer es nicht achte, zeige, daß er satt sei; den Satten aber werde Gott auch andere Speise entziehen und sie den Hungrigen geben.

Diese Rede beschämte mich nicht wenig und machte auf mich daher so tiefen Eindruck, daß ich sie nicht vergessen habe. Frau Thomas würde zwar nicht gescholten haben, wenn ich die Kugeln aus Wachs gedreht und hernach weggeworfen hätte, obgleich man mehr Geld für Wachs zahlt als für Brot; auch hatte sie nichts dagegen, daß ich meine Knallbüchse mit Stücken roher Kartoffeln lud, die sie mir zu diesem Zweck selbst lieferte, obgleich Kartoffeln doch auch zur Notdurft und Nahrung des Leibes dienen. Es ist aber weder der Geldwert noch die Genießbarkeit, die dem Brote diesen Nimbus gibt, sondern die Idee, die wir, seitdem man das Vaterunser betet, damit verbinden, die hohe Idee nämlich des Inbegriffs aller von Gott zu erbittenden leiblichen Bedürfnisse, zu welchem Brote Luther sogar «fromm Gemahl, gut Regiment und gute Nachbarn» zählt.

Jahrelang bin ich bei meinen lieben Thomaschristen ein und aus gegangen, bis der Tod auch ihr Familienleben sprengte. Ich habe dort nur Dankenswertes genossen und fühle mich daher auch jenem Stelzensturz verpflichtet, der mich zu ihnen führte, wie ich denn überhaupt die Erfahrung gemacht habe, daß sogenannte Unfälle häufig weiter nichts sind als die Eintrittspreise zu großen Freuden. Zunächst war es ein anderer, nicht minder halsbrechender Sturz, dem ich das Vergnügen meiner ersten Fußreise verdankte.

Der Sprachlose

Unser Hauswirt mußte Gelegenheit gehabt haben, sehr wohlfeil Holz zu kaufen, denn in dem Gärtchen hinter seinem Hause stand ein reicher Vorrat für viele Jahre aufgeklaftert. Dies öde Gärtchen, ohnedem schon ein Bild des verfluchten Ackers, hatte damit den höchst denkbaren Grad von Ödigkeit erreicht. Aber Kinder und Wahnsinnige fragen wenig nach dem Aussehen der Wirklichkeit, die ihrer schöpferischen Phantasie doch nur zur Unterlage dient, unwirkliche Luftschlösser daran aufzubauen. So vertrug auch ich mich prächtig mit jenen Holzstößen, die ich nicht hätte missen mögen und die mir unendlich mehr Genuß gewährten als elegante Blumenrabatten und alles, was man sonst zum Schmuck der Gärten rechnet. Ich kletterte daran herum, überstieg sie wie Gebirge oder sah sie für Schlösser und Kastelle an, die man stürmen und verteidigen konnte.

Von der höchsten dieser Burgen hatte ich förmlichen Besitz ergriffen. Sie lehnte sich an die Gartenmauer und reichte bis unter die Kronen der alten Linden des Nachbargartens, die ihr Laubdach darüber breiteten. Unter diesem Blätterdache, vor aller Welt versteckt, verträumte ich die genußreichsten Stunden, hörte aus nächster Nähe die Maikäfer im Gezweige brummen und roch den süßen Duft der jungen Lindenblüten.

Als ich nun eines schönen Nachmittags, dort oben im labendsten Laubschatten sitzend, mir aus der reichlich vorhandenen Kiefernrinde ein Schiffchen schnitzte, bemerkte ich über mir etwas, das einem Neste glich. Um besser sehen zu können, schob ich mich weiter rückwärts, und immer weiter, bis ich, in völligem Vergessen meiner Situation, dem Rande des Holzstoßes so nahe kam, daß der Schimmel plötzlich alle war. In einer Hand das offene Messer, in der anderen das angefangene Rindenschiffchen, schlug ich hintenüber und stürzte etwa sieben Fuß tief gerade auf den Rücken.

Durch Gottes gnädige Bewahrung hatte ich nicht den Hals gebrochen. Ich sprang sogleich wieder auf und wollte auf den Schreck tief aufatmen – aber die Respirationswerkzeuge versagten ihren Dienst. Nach mehrmaligen vergeblichen Anstrengungen, Luft zu schöpfen, erfaßte mich eine Höllenangst. Ich lief zu meinem Bruder, der im verfallenen Lusthäuschen hockte und Maikäfer aufmarschieren ließ, ihm meine Not zu klagen; aber ich vermochte keinen Laut hervorzubringen und mühte mich mit verzweifelten Gestikulationen fruchtlos ab, nur einigermaßen verständlich zu werden. Darüber war der Kleine, der keine Ahnung von meinem Unfall hatte und alles für Narrenteiding hielt, dermaßen aufgeheitert, daß er sich fast überschlug vor Lachen. Um ihn zum Ernst zu zwingen, war ich in meiner Todesangst schon nahe daran, ihm in die Haare zu fahren, als endlich das Hindernis zu weichen schien und ich mit Mühe einige Luft bekam. Oh! besser hat mir nie ein Labetrunk geschmeckt als dieser halbe Kubikzoll Lebensluft, für den ich ja gern alle meine Papiersoldaten hingegeben hätte.

«Ich bin von der Burg gefallen», sagte ich. Da merkte der Kleine auf und wurde nun ebenso teilnehmend, als er vorher lustig gewesen war, rieb mir auf mein Verlangen auch den Rücken aus Leibeskräften, bis die Respiration sich wenigstens insoweit hergestellt hatte, daß der Gang ins Haus und die Treppen hinauf unternommen werden konnte.

Der herbeigerufene Arzt verlangte fortgesetzte Bewegung in freier Luft, und schon am nächsten Morgen machte Senff sich mit uns und den Volkmannschen Kindern auf den Weg nach dem etwa drei Meilen entfernten Tharandt. Von dieser kleinen Reise ist mir wenig und doch sehr viel geblieben, die Erinnerung nämlich einer ungewöhnlichen Glückseligkeit. In der Tharandter Gegend wanderten wir unausgesetzt umher, zwischendurch an schönen Punkten lagernd, bis meine Beklemmung nach vier bis fünf sonnigen Frühlingstagen ziemlich spurlos verschwunden war und wir zu unserer gewohnten Lebensordnung nach Dresden zurückkehrten.


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