Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Wenn einer abstehende Ohren hat

Johann war der ewige Kuhknecht auf Twisselmannshof, kurz gewachsen, seine Beine nicht lang, da ließ sich leicht Schritt halten, nur Fritz, der jüngste aller Twisselmänner. konnte es nicht, der war selbst dazu zu klein.

Johann Kuhknecht wollte nach den Wiesen hinunter, Fritz hielt er an der Hand, Fritz lief im Zuckeltrab neben ihm her.

Bei Lischen Lindemanns Kate, genannt Ziegelkate, sahen sie die junge Eignerin im Schatten des Apfelbaumes und im Glanz weißroter Apfelblüten am Sodschlengel, wie man bei uns eine Brunneneinfriedigung nennt, Stange und Ziehbaum tief hinabgedrückt.

Als sie des Kuhknechts ansichtig wurde, ließ sie den Baum in die Höhe gehen, den leeren Schlüssel der Stange am Haken einschnappen, lachte und sagte: »Johann, denk doch mal! Ist mir niemals passiert, heute aber fällt mir der Eimer in den Brunnen und ich kann ihn nicht wiederkriegen, bin schon eine halbe Stunde dabei, ich weiß nicht, was ich machen soll. Der Grapen muß zu Feuer, und ich habe kein Wasser. Ein paar mal denk ich, nun wirds, aber immer glippt er wieder ab.«

»I, Lischen«, antwortete Johann, ließ Fritz los, krempelte die Ärmel auf und spuckte in die Hände. »Den müssen wir holen, das sollte doch mit dem Satan zugehen, wenn wir den nicht kriegen könnten!«

Er und Lischen sahen beide über das Geländer in den Schacht. »Sieh, Johann, da nach dem grünen Moosstein hin, da schwimmt er. – Si.. si.. das ist recht, ... T... t. . das wird ... t. ... das Seel glippt wieder ab. – Aber nu! Ja, das mein ich, so muß man es machen. Da hast du ihn. – Mit Mannsleut, das ist doch eine andere Sache.«

Johann sah stolz aus, er bog sich tief hinein und zog Eimer und Stange herauf. »Man weiter nichts«, prahlte der kleine Mann. »Den wollten wir schon kriegen.« Er nahm den vollen Eimer aus dem Schlüssel, hakte die Stange auf und gab das Gefäß der wieder und wieder dankenden Lischen.

Aber der Eimer stand gleich darauf auf dem Rasen, und Lischen und Johann schnackten. So gar eilig schien es mit dem Essenkochen doch nicht zu sein, Lischen und Johann schnackten sich fest. Fritz hatte während der Hilfeleistung versucht, von hinten über den Sodschlengel zu sehen, es war nicht gegangen, er konnte nicht reichen, der Boden fiel dort nach den Büschen zu ab. Nun stand der Kleine aber vorne auf dem Trittstein und sah in den aus großen Findlingen aufgesetzten Sod. Oben wuchs Brunnenkresse, nachher sah man nur Steine und Moos bis unten hin, wo das Wasser aufglänzte. Und zwar ruhig aufglänzte, denn die von Johann geschlagenen kleinen Wellen hatten sich bereits gelegt, und das Wasser war eben und glatt wie ein richtiger Spiegel.

Lischen und Johann schnackten und schnackten sich fest, da rief Fritz, noch immer in den Brunnen hineinsehend: »Wat hev ik vör grote Ohrn!«

Lischen sah flüchtig hin und sprach weiter, Fritz rief es noch mal, da antwortete sie: »Lütt sünd se jüst ni, awer dat geit doch na.«

»Nä, kiek mal her, Lischen, int Water sünd se na mal so grot.«

»Wenn du son grote Ohrn hest, denn nimm di man vör den swarten Kerl in acht«, warf Johann hin, und gleich darauf sahen drei Menschen in den Brunnen hinab, und das tiefe, dunkle Wasser spiegelte drei Gesichter wieder.

Links von Fritz war das Gesicht von Johann Kuhknecht, nicht mehr jung, aber gut und gutmütig, tief im Mützendeckel sitzend, wildes, durch keine übertünchte Höflichkeit und durch kein Kämmen gebändigtes Haar darunter hervorquellend. Zur rechten Hand ein junges, frisches, fröhliches, hübsches, Gesicht, mit braunen Augen und braunem Haar, kleine, eng ansitzende Ohren und allerliebste Grübchen in den Backen. In der Mitte unser Fritz: rote, frische, gesunde Backen, blaue Augen und sehr helles Haar. Eggert Schneider hatte ihn erst beim Kopf gehabt, das heißt: das Haar mit der Schneiderschere kahl weggeschoren, nun war es kaum zu sehen. Die Ohren waren nicht klein und lagen nicht eng am Kopf, nun er kahl war, standen sie noch weiter ab, und die Sonne, die glatt und genau am blanken Dach der Ziegelkate vorüberstrich, um Fritz Twisselmanns Kopf zu treffen, schien hindurch. Da wurden sogar die feinen Blutadern im Läppchen sichtbar, und unten im Brunnen sahen sie ganz rot und noch mal so groß aus, wie sie waren.

»Jung, Fritz«, rief Lischen, »geh rasch weg, sonst kommt der große, schwarze Kerl und zieht dich in den Sod.«

»Ach, was sollte er man nicht«, prahlte Fritz, trat aber vom Trittstein und Brunnen zurück.

Es ist ein alter Volksglaube, daß auf dem Grund der Brunnen große, schwarze Männer wohnen, die immer auf der Lauer liegen, kleine Kinder hineinzureißen. Gefährlich ist es besonders für die mit abstehenden Ohren, denn danach greifen sie am liebsten. Einige Mütter kleben und binden die Ohrläppchen daher auch gleich am Kopf fest, damit sie sich besser gewöhnen.

Der Eimer Wasser stand noch immer auf dem Rasen, blieb aber jetzt nur noch kurze Zeit, denn Johann und Lischen waren im Begriff, ihren Schnack zu beenden. Und Fritz wartete auf den Abschied, beide Hände an den Ohren. Und dann nahm Lischen ihren Eimer, und Johann und Fritz gingen weiter.

Sie kamen an Nissens Hofstelle vorbei. Ein gelber Köter Packan bellte sie an, Fritz wollte schreien, Johann aber sagte, er habe immer geglaubt, daß Fritz ein Junge sei, nun aber sehe er, daß er darin verkehrt gewesen und daß er ein kleines Mädchen an der Hand habe. »Mach ihn man bang«, riet er, »dann läuft der große gelbe Hund weg.« Da trat Fritz sehr stark mit dem Fuß auf die Erde, und Packan war nicht mehr hinter ihm.

Das kam freilich nicht von dem festen Blick und von dem festen Tritt des kleinen Fritz (Packan hat es nicht mal gesehen) sondern es kam davon, daß Packan ein Hund von Charakter und einer von festen Grundsätzen war. Grundsatz aber war es bei ihm, die an seinem Hof vorbeigehenden Fremden nicht weiter als bis zum zweiten Prellstein wegzubellen. Er war schon dabei gewesen, den Stein zu beschnuppern, als Fritz auch ein Charakter wurde und den Tritt trat.

 

Im ganzen Dorf webte um diese Zeit der Duft der Heuernte; wo die Wiesen nahe waren, schwoll er immer stärker an. Und die Luft füllte sich mit den Gerüchen der Sättigung und der Freude. Noch waren die Knicke hoch, allmählich aber wurden sie dünn und niedrig, dann hörten sie ganz auf, und dafür kamen Gräben. Johann und Fritz waren auf den Wiesen, und wie nach Lösung einer Spiralfeder schnellte ihr Blick über die schier unübersehbare Ebene hinweg.

Fritz wußte nicht genau, ob es hier unten schon mal gewesen sei, jedenfalls war ihm alles neu. Neu und so ganz anders als zwischen den Hecken und Wällen. Alles so weit und frei, der Himmel so hoch und die Sonne so golden. Nicht weiter, als ein Großer werfen kann, ging ein Storch im Gras und fing Frösche, zwei andere flogen stolz und ruhig mit scharf ausgezackten Flügeln nach Abend hin. Andere große Vögel, sie sahen grau aus und Johann nannte sie Fischreiher, wateten in einem Morast, nicht so nahebei wie der Storch, der die Frösche jagte, aber noch gut zu erkennen. Und überall in der Luft ein Geschwärm und Gezirp. Nach der Gegend hin, wo abends die Sonne untergeht, ein dunkler Rand, wie Johann Kuhknecht erklärte: das große Reitmoor, das bis an die Häuser von Oldenbüttel reiche. Die geraden, grünen Wiesen ringsum, und an allen Enden und Ecken der grünen, geraden Wiesen Menschen und Leben und Arbeit, Gespanne und Wagen zum Heuladen, Schnitter zum Mähen und hier und da bunte Herden.

»Das ist Jungvieh«, erklärte Johann. »Einige Wiesen legt man gleich in Weide für das Jungvolk, die andern sind für die Milchkühe, aber die kommen erst her, wenn das Heu weg ist und das Ettgrön wächst.«

»Dor is en gans Regiment Kerls«, rief Fritz. Nach Süden hin sah man ein Dutzend Mäher und viele weiße Mädchenschürzen hinterdrein. Die weißen Hemdärmel der Mäher führten die Sensen in Takt und Schlag, so taten auch die Rechen der Dirnen.

Johann geberdete sich, als ob ihm alles gehöre. »Dat sünd uns' Lüd, sünd all Twisselmannslüd«, erklärte er stolz. »Kiek, Fritz, dat is de Au!«

Fritz sah nur einen langen Strich – weit weg und endlos, nach Mitternacht hin sich verlierend.

Von dem tiefen ... tiefen Fluß, der durch das Wiesenland läuft, hatte der junge Knabe viel gehört und immer wie von etwas Unheimlichem und Gefährlichem. Peter Grön war darin ertrunken und Mars Mordhorst auch. Er konnte nicht einsehen, inwiefern der dunkle Strich ein Fluß sein könne.

Die Au sei, erklärte Johann, an beiden Seiten mit Schilf und Binsen bewachsen, da seien Kattkühlen (Rohrkeulen) und Wasserrosen dazwischen, und der tiefe Strom trage große Schiffe. »Sieh, Fritz, da ist eines, es hat rote Segel auf.«

So war es. Es wird ein Torfewer gewesen sein, aber es war ein Schiff mit voller Takelage und vollen Segeln. In der Einsamkeit der Wiesen, in die Luft aufgereckt, nahm es sich riesenhaft aus und tat, als ob es fliegen wolle. Etwas Ähnliches hatte der junge Knabe noch niemals gesehen, deshalb war sein Herz noch mehr für alle Wunder und Sagen, die Johann ausstreute, empfänglich. Moor- und Wasserfrauen sind hier überall in den Gräben, in den Moorkuhlen und in der Au. Kleine Jungs können sich nur in acht nehmen, zumal die mit weitabstehenden Ohren da greifen sie nach hin, just wie die Sodmänner tun.

»Was sie mit den kleinen Knaben machen? – Ja, erst haben die es gut, die Frauen halten viel von Kindern und küssen sie fast tot. Aber allmählich, wie sie groß wachsen, werden sie schwarz. Und wenn sie groß und schwarz geworden sind, dann kommen sie als Sodleute in die Hausbrunnen und müssen selbst nach kleinen Kindern, die weitabstehende Ohren haben, greifen.«

Gläubig und halb ungläubig hörte Fritz zu. Er wollte wissen, wie die Frauen aussähen.

»Daß sie naß sind, kannst dir wohl denken, an Haar und Augen sind sie braun und dunkel, Zeug haben sie gar nicht an, sonst aber sehen sie ganz nett aus as .. as ... (Johann suchte nach einem Vergleich) ... nu as und so auf ne Art wie Lischen Lindemann.«

›Wie Lischen Lindemann, das ist nicht schlimm‹, dachte Fritz. ›Lischen hat einen süßen Mund und Kuhlen hat sie in den Backen, und von ihr geküßt werden, das geht an. Wenn das wahr ist, dann kann es so arg bei den Weibern im Grund nicht sein.

»Kattkühlen wachsen immer da, wo es anfängt tief zu werden«, erklärte Johann, »und die Frauen sorgen dafür, daß sie da sind, damit kleine Jungs hineinwaten, die sie dann beim Bein oder bei den Ohren fassen können. Und mit den Blumen im Wasser ist es auch nicht anders. Und wenn es anfängt im Schilf zu rauschen und zu sausen, das ist nichts als Locken der Moorfrau im Grund. Und das alles ist List von den Weibern im Wasser.«

»Sehen sie alle aus wie Lischen Lindemann?«

»Ja, das tun sie wohl, das heißt: so auf die Art.«

»Das ist fein!« antwortete Fritz.

»Ja, das ist wohl so weit gut, nur ein kleiner Unterschied ist dabei, ihre Arme und Beine und Hände und Füße sind anders als bei Lischen. Das sind keine wie bei Menschen, sondern so wie bei Fröschen!«

Fritz sah den alten Johann entsetzt an. »Son Arme und Beine, wie Poggen haben?«

»Ja, das ist so. Naß sind sie und glitschig und dann mit Schwimmhaut zwischen den Fingern und Zehen, und so auch das andere all. Und das kriegt ein Junge, der Sodmann wird, auch.«

Das Kind machte eine angewiderte Miene. »Ba.. pfui!« sagte es.

»Ja, so is dat.« Der gleichmütige Johann griff in die Westentasche, holte eine Blechschachtel hervor und entnahm ihr eine Prise Kautabak. Und schob sie mit einer Ruhe in seinen Mund, als sei bei dem, was er erzähle, nichts zu verwundern.

»Das kann ich nicht glauben.«

»Dann läßt du es bleiben. Ich sollte nicht wissen, wie das mit den Moorweibern ist?«

»Dann will ich mit ihnen gar nichts zu tun haben.«

»Da tust du auch sehr klug an.«

 

Fritz Twisselmann mußte recht lange neben Johann Kuhknecht hertraben, und schließlich taten ihm die Beine weh. Erst hielt der Weg sich auf einem festen, zu beiden Seiten von Gräben eingefaßten Damm, dann kroch man durch Schlagbäume und ging an einem kleinen Moor vorbei, an dessen Ausläufern Wollgras wuchs. Das sah hübsch aus. »Da ist Watte hingeweht!« rief Fritz. Darauf kam ein schmaler Fußsteig, der durch langes, noch nicht gemähtes Gras führte. Dieser Steig endigte an einer Bretterhütte, und die Bretterhütte stand dicht an der sogenannten Au.

Je weiter sie in die Ebene hineingeschritten waren, um so höher war die Sonne heraufgekommen, um so höher und leuchtender war der Himmel geworden, klein und immer kleiner aber Fritz Twisselmann. Was er sah und hörte: es waren lauter Wunder, und »ringsum sah er sich von Wundern umgeben.« Und weil er sich von lauter Wundern umgeben sah, wunderte Fritz Twisselmann sich über nichts mehr.

Die Tageshitze erwärmte die von der langen Trockenheit ausgedörrte Wiesenfläche, ließ die Luft in den Hitzwellen wie in einem Hohlspiegel zerfließen und die Gegenstände, die man in der Ferne sah, auch. »Dat is de Hitt, de spelt«, erklärte Johann. Fritz sah es zum ersten mal, und bei einer spielenden Wärme konnte er sich nicht viel denken. Es war ein Ding mehr, das sich nicht in seine Verstellungen einfügte, er ließ es dabei, er peinigte Johann nicht einmal mit einem Warum.

Und in den Wärmewellen webte nach Morgen hin ein Wald in Duft, ebendaher schlug etwas Dumpfes, Pochendes an Fritzens Ohr. Das wenigstens kannte er: »Dat bullert, Johann!« Aber auch das stimmte nicht. »Nein«, erklärte Johann, »das ist kein Gewitter. Das ist die Artillerie, die macht Manöver auf dem Kamp bei Rendsburg.« Und wieder fielen die kurzen, unwirschen Schläge. Und wieder hatte Johann recht, denn keine Wolke stand an dem in Sonne und Licht und blauer Luft webenden Himmel.

Ein Wunder war auch vor allen Dingen der breite Fluß. Für den Kleinen war das Bild neu und war es auch groß. Wie der Strom seine Wogen wälzte, wie diese inmitten der breiten Schilf- und Binsenstraße aufglänzten, wie sie sich in geschmeidigen Windungen in dem nimmer aufhörenden Wiesental, soweit man sah, herumwarfen! Wunder ringsum. Im blauen Himmel unsichtbare, Honigwaben verheißende, Freude und Sättigung summende Insektenschwärme, und die Luft so still und ruhig. Als Johann sein Pfeifchen anzündete und ein Streichholz am Knie rieb, brauchte er nicht einmal das Flämmchen zu schützen.

So fest schlief der Wind, und doch rauschte die Flußfrau in Schilf und Rohr und wiegte ein paar Rohrkeulen ganz sachte hin und her. Fritz fühlte wohl den Versucher, aber er griff nach seinen Ohren und beschloß zu überwinden, beschloß, Kattkühlen Kattkühlen sein zu lassen und Wasserrosen und Binsen ebenso, er hatte keine Lust, Sodmann zu werden.

»Merkst was?« bemerkte Johann und ließ den Deckel seiner Pfeife einknipsen. »Sie wollen was von dir, die Weiber da unten.«

»Da können sie lange lauern«, antwortete Fritz.

»Natürlich. Und ich bin ja auch in der Nähe.«

Quer durch die Wiese zog sich eine alte Einfriedigung, dazu bestimmt, einen Teil für die Herde abzusperren, die demnächst die Nachweide haben wird. Johann holte Beil und Hammer und Bohrer und Kneifzange und Nägel aus der Hütte und fing an, die aus der Lage gewichenen Latten wieder zurecht zu rücken.

Erst stand Fritz dabei und sah zu, dann fing er an zu gähnen und legte sich nieder. Der Marsch war für seine jungen Glieder zu lang gewesen. Da brachte Johann ihn nach der Hütte und schob ihm seine eigene Jacke unter den Kopf. »Schlaf, mein Jung«, sagte er, »damit du nachher wieder frisch bist! Der Weg zurück ist noch ebenso lang wie her.«

 

Durch eine Dachfuge fiel ein feiner Sonnenstrahl; von so hellem Gold hatte Fritz es noch nie gesehen, und auch die Ätherstäubchen, die darin kreisten, noch niemals so durchsichtig duftig und blau. Und Johann nagelte Latten, das hörte er, die Hammerschläge klangen kraftvoll zu ihm her. Fritz fühlte sich köstlich allein, fühlte sich in der Hütte so vollständig Herr und Eigner seiner Person, sein Wünschen und sein Wollen war in angenehmer, zerfließender Lösung. Und dabei hatte er das Gefühl, daß Johann ganz nahe sei und nicht zulassen werde, daß ihm ein Leid geschehe.

Nun fingen auch die Kanonen wieder an, das gab so viel zu denken, von der Au her kam ein Geräusch, wie wenn ein Stein hineingeworfen worden sei, in Schilf und Binsen rauschte es wieder auf; und dann wurde es ganz still. Fritz vernahm nur noch das Sausen und Singen der Sommerwärme vor seinen Ohren ...

Die waren groß und standen weit vom Kopf, und Sodmann und Moorfrau greifen danach .....

Das war das letzte, was er dachte. Fritz Twisselmann schlief.

 

Er hatte noch nicht lange geschlafen, da steckte Lischen Lindemann ihren Kopf zur Tür herein und kam dann selbst in voller Person, eine gelbe Wasserrose im Haar.

»Gib sie mir!« rief Fritz, er war halb wach.

»Komm mit nach der Au, da sind ganz viele. Da hab ich diese auch gepflückt.«

»Und ich habe dich im Wasser plumpsen gehört.

»Siehst du!«

»Sind da auch Kattkühlen?«

»Ein ganzer Berg. Komm man mit!«

»Auch Binsen?«

»Ein Wald voll, und groß und dick sind sie wie zwei Peitschenstiele.«

»Hältst mich fest, daß die Wasserweiber mir nichts tun können?«

»Ich laß dich nicht los!«

»Ist es ganz gewiß?«

»So gewiß ich Lischen Lindemann heiße.«

»Dann will ich.«

»Das ist recht, komm man!«

Wie sie ins Freie traten, dachte und sagte Fritz noch mal: »Meine Ohren!«

Aber Lischen lachte ihn aus. »Ich schlag die alten Weiber auf die Froschhände.«

Aber noch war Fritz bedenklich. »Johann sagt, Moor- und Wasserfrauen sehen aus wie du. Bist du auch wirklich Lischen von der Ziegelkate?«

Lischen lachte und lachte, daß Fritz Twisselmann anfing, sich über seine Dummheit zu schämen.

»Bin ich denn ein Pogg? Hab ich denn Froschhände und Froschfüße?« Und sie umarmte den Knaben und küßte ihn.

»Du riechst nach Fischen!«

»Red nicht!«

»Und dein Rocksaum ist ganz naß.

»Hab ja die Rose gepflückt, hab ja im Wasser geplanscht. Da soll man wohl naß werden.«

Als sie aus der Hüttentür geschritten waren, gingen sie nahe an Johann Kuhknecht vorbei. Johann Kuhknecht hämmerte noch immer; Johann Kuhknecht sah sie aber nicht.

Und als sie am Flußufer standen, verbeugten sich Schilf und Ried, und im Strom schnellte hier und da etwas Weißes, etwas Strahlendes, etwas an einen jungen Frauenleib Gemahnendes auf.

»Soll ich mal was sagen, Lischen?«

»Sag!«

»Ich hab eine Wasserfrau gesehen, sie hatte ein weißes Gesicht und eine weiße Haut und das Haar hing ihr naß und lang und schwarz im Nacken herab.«

Lischen lachte wieder, aber es war ein ganz anderes Lachen als das bei der Ziegelkate und als das eben gehörte. Und weil es so fremd klang, wäre Fritz gern am Ufer geblieben, aber Lischen zog ihn, und so wateten sie ins Wasser hinein. Erst war es seicht, und klar und kühl lief es über Fritz Twisselmanns Fuß.

Was war das? Er sah, daß er nackend war. Und auch Lischen hatte nichts mehr am Leib.

»Lischen, du hast ja gar kein Zeug an!«

Ihre Füße waren bis zum Leib im Wasser, die sah er nicht, und die Arme hielt sie hinterm Rücken.

»Was soll ich mit Zeug im Wasser? Ich bin doch ein Wassermensch.«

»Weh, o weh, du bist nicht Lischen Lindemann!«

»Ich bin die, die ich bin, und nun hab ich dich und nun lasse ich dich nicht.«

Fritz Twisselmann fühlte nasse, kalte Hände an seinen Ohren, Fritz Twisselmann fühlte sich von nassen, kalten, glitschigen, fischigen Froscharmen umschlungen.

»Hurra!« schrie das Fischweib. »Ich hab ein Menschenkind, das lasse ich nicht wieder, hurra, hurra! Ich habe wieder was zu küssen und zu herzen.«

Er wollte schreien, aber Lippen, die nach Fischen und Fröschen und Binsen und Tang schmeckten, küßten ihn. Er dachte ans Ufer zu springen und wegzulaufen, aber es ging nicht, denn er sah sich mitten im Strom und in der Tiefe.

Er war mitten in der Tiefe, und um ihn herum regte sich die Ungestalt vieler Glieder, um ihn herum war fischiges, fettiges Auflachen und Gluhern. Das kam von den Flußfrauen, von denen eine ganze Menge umherschwamm. Und alle wollten ihn streicheln und alle wollten ihn küssen. Fritz Twisselmann wollte schreien, konnte aber nicht, denn immer hing ein fischig stinkendes Fischfräulein an seinem Mund.

Er hatte keinen Mund mehr, den Mund hatten sie ihm gestohlen, er hatte kaum noch Augen, um sich zu schauen. So viel aber sah er: im Grund ging es tief hinab, ihm schien, ebenso tief, wie der Himmel hoch ist. Und in dem tiefen umgestülpten Himmel wimmelte es ganz schwarz von Ungetier. Aber zuletzt sah er, es waren Menschenkinder wie er, kleine und große, und alle mehr oder weniger schwarz mit einem Ansatz von Schwimmhaut zwischen Fingern und Zehen, einige als Sodmänner allenfalls schon verwendbar, andere noch zu jung und zu klein. Und sie schossen von unten herauf und wollten alle nach Fritzens Ohren greifen. Und die Wasserfrau, die ihn geholt hatte, sagte, das seien nichts als Übungen, da brauche er nicht bange zu sein.

Aber da war ein angehender Sodmann mit einem alten Gesicht und einer bekannt klingenden Stimme, der griff, daß es weh tat.

»Da brauchst du dich nicht darum zu bekümmern«, sagte die Wasserfrau, »das meint er gar nicht so.«

Fritz Twisselmann aber glaubte ihr kein Wort mehr, Fritz Twisselmann schlug die Froschweiber auf Arme und Hände, ja er schlug sie sogar auf den Mund, er riß sich los und riß sich nach oben und wollte schreien und schrie und – erwachte.

»Junge, ja!« Johann Kuhknecht stand in der Hütte an Fritz Twisselmanns Lager. »Junge, du hast aber 'n Schlaf. Da muß man ja die Ohren halb abreißen, ehe es fleckt. Aber nun komm flink, nun wollen wir nach Haus.«

 

Auf seine geträumten Heldentaten war Fritz Twisselmann so stolz, daß er sich nicht einmal vor Packan fürchtete und schon vor der Nissenschen Hofstelle fest auftrat. Packan respektierte das und wagte sich nicht von der Diele.

Lischen Lindemann war, als Fritz und Johann an der Ziegelkate anlangten, bei der Bleiche, setzte aber die Gießkanne hin und schnackte ein wenig.

Fritz schnoberte mit krauser Nase an ihren Röcken herum, ob sie auch nach Fischen rieche und ob der Rocksaum wohl naß sei. Aber weder das eine noch das andere. Sie war doch wohl die echte Lischen, die braune, die mit Kuhlen in den Backen.

»Fritz, was bis du für ein süßer Junge!« Sie hob den Kleinen in die Höhe und küßte ihn auf den Mund.


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