Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Eine Geschichte, die man nicht zu glauben braucht

So gar weit ist es nicht, sagt ›dat Vertelln‹, das ich benutze, nicht so sehr weit ... Eine Tagereise lang und ein lustiger Traum ... dann, ja dann ist man da ... nämlich bei Krischan Simpelmann ... Immer südwärts bis zum Grenzzaun des Märchenlandes, dann links um und der Nase nach. Man erreicht eine Stadt, die durchschreitet man. Dahinter ist eine Heide. Da geht man hinüber. Dann kommt ein Wald. Hinter dem Wald ... da wohnt Krischan Simpelmann.

Krischan Simpelmann hat mal ›auf den Advokaten studiert‹ und ist so klug geworden, daß er, um die Professoren nicht zu beschämen, davon absah, Examen zu machen. So blieb er weise und dabei ledig und unabhängig.

Was ich erzähle, war einmal ... Ich weiß nicht, wann.

 

Krischan Simpelmann hatte einen Knecht, der hieß Johann, einen Hund, der hieß Hektor, eine Köchin, die hieß ... Aber mit dem Namen der Köchin wollen wir uns nicht beschweren, denn für unsere Geschichte ist er ohne Bedeutung.

Krischan Simpelmann hielt sich und seinen Johann nicht für dumm – bewahre! – seinen Vierfüßler indessen für weiser als beide. »Johann«, pflegte er zu sagen, »Hektor, der ist uns über. Es ist schade, daß er nicht sprechen kann. Wenn der reden könnte, äh, äh! – der würde erzählen!« Hektor legte bei solchem Lob seine kalte Nasenspitze in die hohle Hand seines Herrn, nieste und wedelte Staub und Papierschnitzel mit seinem schönen Schweif unter das Sofa. Johann, dummer als Hektor, aber Meister der Sprache, antwortete: »Das ist so, er ist der Klügste von uns allen.«

Johann fuhr alle Monate zur Stadt und Hektor begleitete ihn; er hatte, wenn Johann seine Gänge machte, das Fuhrwerk zu bewachen. Einmal kehrte der ehrliche Johann ohne Hektor zurück. Ich will gleich sagen, weshalb: der ehrliche Johann hatte Hektor um teuren Preis verkauft, das Geld in seine Tasche gesteckt und einen Plan ausgegrübelt, wie er seinen Herrn darum betrügen könne.

Wie treuherzig sah er aus, als er nach Hause gekommen und sein Herr nach Hektor fragte, wie treu und ehrlich sah der gute Johann aus! Eine Minute lang griente er und lachte und hustete und kratzte sich den Kopf. Eine halbe Minute lang konnte er nur herausbringen: »Es ist zu narrsch!«

»Was ist narrsch?« fragte Krischan Simpelmann.

»Ich mags kaum sagen. Was es alles gibt! – Hektor lernts Studieren.

»Was ist das für ein Drœnschnack?«

»Nichtwahr, es hört sich an ... man weiß nicht, wie mans nennen soll?«

»Johann, sprich!«

»Ja, Herr« ... und nun gings los: Hunde, kluge Hunde ... man kanns kaum glauben. Man unterrichtet sie, kluge Hunde lernen sprechen. Hohe Schulen gibts jetzt für sie, Hundeakademien. So eine ist jetzt in der Stadt. Der oberste von den Professoren sei ihm auf dem Markt begegnet. Und wie er Hektor gesehen, habe er gleich geschrien: ›Das ist einer, der kanns. Mann, wo haben sie den Hund her? Den müssen sie mir geben, der muß auf die Akademie!‹ ... Ich wollte nicht«, fuhr Johann fort, »aber der redete und redete. Ich konnte mich nicht bergen ... Schließlich habe ich Hektor weggegeben ... zur Probe auf vier Wochen. Ich mußte es, er tat Gewalt. Kosten wird es übrigens nichts, die Akademie setzt ihre Ehre darin, ihn zu bilden. Sie will aus Hektor was machen, was sich aufweisen läßt.«

Krischan Simpelmann war entsetzt. Er wollte Johann unterbrechen, aber er konnte nicht, er war zu verstört. Als er aber hörte, es sei nur auf vier Wochen und kosten werde es nichts, da erholte er sich etwas, da trat Verwunderung an die Stelle des Zorns. Und schließlich konnte er rufen: »Aber, Johann, ohne mich zu fragen?«

»Ja«, erwiderte Johann, »ich hätte es ja auch nicht getan, aber der Professor ist ein guter Freund von Ihnen. Ich sagte zu ihm: ich dürfe es nicht tun ohne meinen Herrn. Da fragte der Professor: ›Wer ist denn Ihr Herr?‹ Und da sagte ich: ,Krischan Simpelmann heißt er, und er hat auf den Advokaten studiert, und ist sehr klug‹ Da lachte der alte Professor hell auf: ›Krischan Simpelmann? Na, das ist ja mein alter, lieber Freund! Das ist ja mein lieber Krischan. Mit Krischan hab ich auf der Bierbank gesessen ... mit dem hab ich zusammen ...‹ (Johann dämpfte seine Stimme und näherte sich dem Ohr seines Herrn) ›mit dem hab' ich zusammen im Rinnstein gelegen!‹ flüsterte er.«

»Na, na«, warf Simpelmann ein, und wurde rot, »das soll Spaß sein ... und ist es auch. Aber dreist ist es doch. Wie heißt denn der Professor?«

Johann schlug sich erst vor den Kopf und dann aufs Knie. »Ja, wie hieß er noch? B.... Mit B fings an. Ich kann nicht darauf kommen, aber es wird mir einfallen. ... Warten Sie man. ... Nu, gleichviel. Er sagte: ›Grüßen Sie den man von mir, Krischan Simpelmann wird nichts dagegen haben, da wird nichts im Wege sein. In vier Wochen kriegt er seinen Hektor wieder und wie wird er ihn wieder erhalten!‹«

Was blieb Krischan Simpelmann übrig? Er fügte sich: ›Vier Wochen mag Hektor studieren. In vier Wochen sehe ich ihn wieder ...‹

 

Es vergingen vier Wochen.

»Denk an Hektor!« rief der Herr ihm nach, als Johann zur Stadt fuhr.

Johann kam aber ohne Hektor zurück. Er ging gleich zum Herrn. »Nein, Herr Simpelmann!« fing er an ... »Sie tun mir 'n Gefallen, wenn Sie auf mich und die Professoren schelten. Ich habe auf den ganzen Weg auch auf mich und die Professoren gescholten. Sie haben mir Gewalt angetan, ich habe unsern Hektor nicht mitgekriegt. Hektor, sagen die Professoren, ist ein Hund ...klug, gar nicht auszudenken, wie klug! Der müsse weiter lernen, da werde was Großes aus. Ihn jetzt wegnehmen, nein, das gehe wirklich nicht!«

Simpelmann war verdrießlich. »Johann, was du für Sachen machst! ... Es ist ja doch rein zu toll.«

»Ist es auch«, gestand Johann. »Gewissermaßen«, setzte er hinzu.

Dies Zugeständnis, war es auch eingeschränkt, besänftigte. »Hat er denn was gelernt, kann er schon buchstabieren?«

»Buchstabieren?« rief, nein, schrie Johann .... »Buchstabieren? Schön buchstabieren! Räsonnieren kann er wie 'n Advokat und predigen kann er wie 'n Pastor. Und ein Benehmen hat er, einen Anstand! Ich sagte zuletzt auch ›Sie‹ zu ihm. Und dabei ganz freundlich und einfach. Er sagte ›Johann‹ und ›Du‹ zu mir und erkundigte sich nach allen. Hoch spricht er, und Platt kann er auch schnacken. ›Zu der Wissenschaft‹, sagte er zu mir ›hab ich einen höllischen Trieb, da liegt was drin. Studieren ist meine größte Freude.‹ Dabei wies er auf seine Bücher und sagte: ›Hier wohnt mein Glück. Ich bin gutes Muts und selten übermannt mich Heimweh. Aber vorige Nacht habe ich doch viel geweint, ich mußte immer an unsern guten Krischan Simpelmann denken. Still davon!‹ Hektor wischte sich über die Augen.«

»Wischte sich über die Augen?« fragte Simpelmann verwundert. »Womit denn?«

»Nu«, erwiderte Johann, »mit der Vorderhand.«

»So ... so ... mit der Hand.« Simpelmann erstaunte.

»Gut hat Hektor es«, fing Johann wieder an. »Er aß Knochensuppe mit Reis und Klößen und trank Rotwein dazu.«

»Er trank Rotwein?«

»Ja, Rotwein ...«

»Das muß er sich bei uns abgewöhnen.«

»Ja, wenn das man geht.«

»Muß gehen!« entschied Simpelmann und kratzte sich den Kopf. »Vier Wochen mags noch hingehen, dann soll Hektor nach Haus.«

 

Und wieder verging ein Monat.

Zur nächsten Reise erhielt Johann unbedingte Order – Johann brachte Hektor nicht mit.

Er sah aus wie ein geständiger Verbrecher: »Herr, Herr was müssen Sie von mir denken! Aber hören Sie! Oder befehlen Sie? – Dann gehe ich gleich zurück! Seien Sie nur nicht zu böse! Ich konnte nicht.«

Simpelmann seufzte: »Was werde ich wieder erfahren?«

»Nichts Gutes, Herr! Hektor will nicht zurück. Hektor hat beschlossen, sein Leben lang bei der Wissenschaft zu bleiben. Die Professoren haben mir gesagt, Hektor sei klüger als sie alle, er müsse und solle Professor werden, man habe schon eine Professur der ... es war was mit Vieh ... der ... der Philosophie ... ja, so hieß es ... der Philosophie für ihn eingerichtet.«

Da wurde Krischan Simpelmann ganz wild: »Wem gehört Hektor... mir oder der Akademie?« schrie er. »Er soll nach Haus ... unter allen Umständen!«

»Ja« erwiderte der gefaßte Johann, »ich hab mir gleich gedacht, daß Sie das sagen würden. Ich will denn auch hingehen und ihn holen. Man muß sehen, wie mans anfängt. Ohne Polizei wirds schwer halten, und Kreuz und Leiden wirds auch hier geben.«

»Kreuz und Leiden?« fragte Simpelmann.

»Ja wohl, Herr... leider... leider. Hektor ist nicht mehr der alte Hektor. Ach, du meine Güte, was ist aus unserm Hektor geworden!« Johann dampfte seine Stimme und trat dicht heran. »Herr Simpelmann, ich glaub, es wäre ganz gut, Sie ließen den alten Hund, wo er ist. Darf ich sagen?«

»Was denn?«

»Ich glaube, Hektor trinkt. Heute war er jedenfalls dun und ganz verrückt. Er nötigte mich auf seine Stube. Und wissen Sie, was er da sagte? Ich mags gar nicht kund tun. Hektor ist ein Säufer und ein schlechter Kerl. Er sagte auf einmal: ›Was macht denn nun eigentlich der alte Sünder Krischan Simpelmann?‹ Da meinte er Sie mit! ›Ist der alte Kerl‹, sagte Hektor, ›noch immer son Damenfreund?‹«

Krischan Simpelmann hatte bisher gestanden. Als Johann das gesagt hatte, setzte er sich wie beklommen.

»Ja«, fuhr Johann fort, »das sagte Hektor. Und dann sagte er weiter: ›Mag der Alte die Kleine, die die Wäsche macht, de lütt smuck Dörten, mag er die noch immer gern leiden?‹ Da wurde ich zornig, ›Hektor‹, schalt ich, ›das ist nicht in Ordnung, daß Sie solche Lügen an den Tag bringen. Unser alter, ehrwürdiger Kahlkopf‹ ... ich wollte sagen ... nun. Sie wissen wohl, was ich sagen wollte. Ich kam nicht zu Ende... Hektor schrie: ›Schweig still, schweig still! Ehrwürdiger Kahlkopf...?!‹ Hektor lachte, er konnte vor Lachen nicht sprechen. Sie hätten mal hören sollen, wie er lachte.... Als er zu Atem gekommen, belferte es nur so: ›Lügen? Jawohl, schöne Lügen! Ich will dir sagen, der alte ehrwürdige Kahlkopf ist ein großer Schweinigel!‹

Da brauste ich hell auf«, fuhr Johann fort, »denn das war zu viel, da wurde ich wütend. Da wären Sie selbst wütend geworden, sich so was sagen zu lassen. – ›Professor Hektor‹, rief ich, ›lassen Sie sich das von dem ollen ehrlichen Johann sagen: das ist nicht allein nicht in Ordnung, das ist lumpig, das ist gemein! Ich bisse mir eher die Zunge ab. als daß ich so was von meinem Herrn sagte. Und so ganz aus den Pfoten gesogen! Professor Hektor, ich wollte, Sie hätten niemals die Zunge rühren gelernt, das ist zu toll, unsers guten Herrn Ruf und Ehr' ...‹

Als mir das herausgefahren war«, fuhr Johann fort, »da wurde Hektor ernst und nüchtern und lachte nicht mehr. ›Johann‹, sagte er zu mir, ›das ist viel gesagt. Ich will dies verzeihen, weils aus gutem Herzen kommt. Du meinst, was du sagst, kannst es auch nicht wissen, hast auch nichts gesehen. Bist ein Mensch, vor Menschen nimmt man sich in acht. Aber ich war ein Hund, vor dem man sich nicht in acht nimmt. Ich versichere dich, ich hab gesehen, was ich sage, und ich kann verantworten, was ich sage.‹«

Krischan Simpelmann sah vor sich nieder, seine Hand die auf der Tischplatte lag, fing an zu zittern.

Johann bemerkte es nicht, er erzählte: »›Früher‹, sagte Hektor, ›früher hat er von mir gesagt, ich sei klüger als ihr beide; mir fehle, hat er gesagt, nur die Sprache, was zu erzählen. Nun kann ich schnacken und werde schnacken, und wenn ich nach Hause komme, soll er was zu hören kriegen.. Zum Beispiel...‹«

Johann machte mit der Hand ein Sprachrohr. Krischan Simpelmann mußte sich die abscheulichste Verleumdung ins Ohr blasen lassen, die je ein Hund ausgesprochen hat. »Genug!« erwiderte der und winkte heftig ab, »ein betrunkener Hund kann viel reden.«

»Es ist zum Weinen«, beteuerte Johann und sah weich und wässerig drein.

Krischan Simpelmann hämmerte nervös mit den Fingernägeln auf die Tischplatte, erst heftig, dann weniger heftig und endlich ganz leise. Dann hämmerte er gar nicht mehr, erhob sich und stützte die Hand auf den Tisch. Und stand hoch und feierlich da.

»Einen eigenen Lehrstuhl der Philosophie?« fragte er, »Hektor wird Professor?«

»Ein ganz tüchtiger und ordentlicher«, bestätigte Johann.

Krischan Simpelmanns Rechte suchte den Brustlatz der Weste. Krischan Simpelmann war ganz Milde und Würde:

»Es sei ferne von mir, meinem Hektor Steine vor die Räder zu wälzen. Ich vergebe, ich verzichte. Hektor soll der Wissenschaft erhalten bleiben!«

Links vom Märchenland, hinter der Stadt, über die Heide hinweg, am Wald, da wohnt Krischan Simpelmann. Er hat studiert und nur deshalb kein Examen gemacht, weil er die Examinatoren nicht beschämen wollte.


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