Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Kaspar

»Herein!« – Und in mein Sprechzimmer trat eine Erscheinung mit dem gelassenen Wesen unserer nordischen Bauerfrauen.

Ihr Anliegen war eine Klage. Die Nachbarin hatte das Gerücht im Dorfe verbreitet, daß sie eine Hexe sei, und von diesem Verdacht wünschte sie sich vor Gericht zu reinigen.

Ein nicht gewöhnlicher Fall: die Augustsonne eines Jahres das die Zeit rasch abhaspelte, um mit dem neunzehnten Jahrhundert zu Ende zu kommen, warf ihr Licht auf die Rolläden meiner Fenster, und eine so lieb und nett aussehende Frau begehrte meinen Rechtsbeistand, zu beweisen, daß sie keine Hexe sei.

Freilich! Ein Körnchen Wahrheit lagert auch die trübste Verleumdung ab, und vor zehn bis zwanzig Jahren mochte die Frau Grete mit ihren schönen, dunklen Augen in gewissem Sinne eine Hexe gewesen sein. Aber gegenwärtige Klage war aller Empfindsamkeit bar: jetzt sollten diese fröhlichen Augen es verschuldet haben, daß die Nachbann sich eine Woche vergeblich bemüht hatte, gelbe Butter aus weißer Milch zu schlagen. Sie konnte nicht ›abbuttern‹, und das beruht immer auf ›bösem Blick‹.

Ein ›kluge‹, in Zaubereien wohlerfahrener Mann hatte das herausgekriegt, und am folgenden Mittag, zwischen zwölf und ein Uhr, begann das Räuchern und Beschwören, stillschweigend und bei verschlossenen Türen, der unbekannten Hexe zur unerträglichen Qual. Nun mußte sie sich unter irgend einem Vorwande einstellen, und der bei Hexen gebräuchlichste ist das Leihen eines Hausrats. Alles war eingetroffen, denn Frau Grete war erschienen. Vorschriftsmäßig hatte sie dreimal das Haus umkreist, bevor sie an die verschlossene Tür gepocht. Und als sie Einlaß erhalten, hatte sie von der immer gefälligen Nachbarin ein Mehlsieb erbeten. Ihre schwarze Hauskatze hatte sie begleitet. Als sie das Anliegen vorbrachte, spann und schnurrte Mieze um ihre Röcke. Es war kein Zweifel mehr, sie war eine Hexe schlimmster Art. Und mit entsetztem Gesicht gewährte die Nachbarin das heimlich dreimal bekreuzte Sieb.

Sobald sich die Tür hinter der Unholden geschlossen, ging die Nachbarin an die Säuberung ihres Heims. Einen Besen, den Stiel voran, warf sie aus der großen Dielentür, heilige Asche aus Eichenholz hinterdrein, ferner eine Handvoll Salz und etwas Kartoffelschale. Sie bekreuzte die Schwelle der Haustür und der Küchentür, rief den Heiland Jesus Christus und alle guten Geister an, wobei sie dreimal auf den Herd spuckte. Und dann strömte sie das grausige Geheimnis frisch und warm in den Busen ihrer Nachbarin aus.

Daß der Zauber gebrochen durch die Entlarvung der Hexe und Säuberung des Heims gebrochen war, unterlag gar keinem Zweifel. Und so verhielt es sich. Während die Mutter den Ruf der Grete als Hexe begründete, hob ihre Tochter unter Furcht und Freude schöne gelbe Butter aus der so lange widerspenstig gewesenen Butterkanne, hob sie mit einem großen schwarzen Schleef. Dann flog es von Haustür zu Haustür, die Dorfstraße entlang, daß Grete eine Hexe sei.

»Wundert mich gar nicht«, erklärte die runzelige Maleen, »wundert mich nicht im geringsten. Man siehts ja ihrem Auge an. Das funkelt und blitzt wie Katzenaugen im Mai.«

»Nun weiß man doch, woher so eine das Geld nimmt zu Mieder und Rock«, bemerkte die schmierige Gesche. »Es ist Hexengold, aus den Ladenkassen der Kaufleute heraus fliegt es in die Hand der Unholden zurück.« »Es ist doch gut« zog Anna das Fazit, »daß es kluge Leute gibt, die Hexen fest machen können.«

»O wie gut«, wiederholte der Chor und wendete sich dem klugen Mann des Dorfes den eine Schar Verehrerinnen umringte, zu.

»Mit Gottesfurcht und Gottvertrauen kann man es weit bringen, kann man die Höllenmächte bezwingen. Gott ist in den Schwachen mächtig«, erwiderte der Belobte salbungsvoll. Er löste sich von der Gruppe und ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, die Dorfstraße entlang, um sich von den auf den Türschwellen hockenden Weibern nach Herzenslust bewundern und beglückwünschen zu lassen.

Er war doch ein großer Mann, der kluge Klaus.

 

Noch lange saß ich im Sorgenstuhl und ersann mir nach persönlichem Gefallen die Geschichte zu meinem Fall. Und von dem kleinen Satan, der mich verlassen hatte, wandte ich mich anderen Teufeln und Hexenmeistern zu.

Spuk- und Teufelsgeschichten höre ich gern. Ich erkenne in dieser wunderlichen Vermummung den schönen naiven Heidenglauben meiner Vorfahren. So oft ich seinen spärlichen Spuren begegne, bade ich mich in dem frischen Odem des alten deutschen Waldes, worin Wodan gnädig die Opfer unserer Väter entgegennahm.

›Kommst du, alter Freund?‹

Richtig, da kommt sie, die Seele meiner besten Jugendbekanntschaft – Kaspar Wulf kommt als Geist.

Nicht allen Geistern wird im Himmel gestattet, zu spuken, zumal am hellen Tage; Kaspar aber bekommt Urlaub, so oft er will. Wenn er mich besucht, macht er von dem Vorrecht der Geister, durch verschlossene Türen zu schreiten, Gebrauch; unhörbar, schattenhaft, auf groben Holzklötzen. ›Recht so, wir wollen plaudern, von alten Zeiten wollen wir sprechen, von deinem Erdenwallen und von den schwarzen Künsten, die du triebst. Setz dich, alter Freund!‹

Kaspar läßt sich behaglich in meinen weichsten Sessel gleiten und stützt sein Geisterkinn in eine schemenhafte Hand. Sein Leib ist Strahlenleib, die von guter Hand gestickte Schutzdecke des Stuhls scheint hindurch, ich erkenne das Muster. In dem Garten der ewigen Bienenstöcke (Kaspar war ein sehr irdischer Bienenwirt) hat er sein gutmütiges, von den seinen Falten der Schalksschläue durchzogenes Gesicht behalten.

So plaudern wir, das heißt: ich plaudere von seinen alten Streichen, er nickt dazu und bei den besten Stellen kichert er geschmeichelt in sich hinein. Die Spukpolizei des Jenseits hat ihre Launen, das Sprechen ist dem lieben Gespenst im Diesseits verboten.

 

Die Augustsonne meinte es ebenso ehrlich wie heute und schien auf heiße Erntefelder herab; da kam ich als junger Knabe zum ersten mal in die Hütte des Erzzauberers Kaspar.

Er besaß nahe bei unserem Gehöft eine kleine Räucherkate (von dem Giebel wieherte der alte, heilige Pferdekopf herab) und einen dicht eingehegten Garten, worin er ausgedehnte Bienenzucht und Obstkultur betrieb.

Oberflächlich betrachtet, konnte unser Held das richtige Abbild des arbeitsamen, bäurischen Junggesellen gelten, der der alten, den Hausstand führenden Lene gegenüber seine Unabhängigkeit zu wahren wußte, daher – zuweilen, nicht zu oft – länger in der Schenke bei Schnaps, Bier und Karten verweilte, als die mit ehelicher Erlaubnis beurlaubten Ehemänner. Das Unterscheidende sah man dieser untersetzten Gestalt mit dem ruhigen Wesen nicht an den Rockschößen an. In dem Gesicht, wo heitere Verschmitztheit durch gelassene Züge brach, lag das Faustische, Dämonische. Denn er hatte eine nähere Beziehung zur Geisterwelt gesucht und endlich mit Hilfe des altbewährten Zauberbuchs »Faustens Höllenzwang« gefunden.

Daß Kaspar ein Zauberer sei, galt für eine ausgemachte Sache. Aber ob es gute, ob böse Geister seien, ob es gar der Leibhaftige sei, mit dem er verbunden, darüber hörte man verschiedene Meinungen. Diejenigen, die der Ansicht waren, daß Kaspar seine Seele verschrieben habe, beriefen sich auf eine bogenförmige Narbe am rechten Nasenflügel, die eine mit scharfer Kralle geritzte Verwundung sein konnte. Das sei das Kennzeichen derjenigen Hexenmeister, die dem Bösen verfallen, der Hieb der Teufelskralle, gewissermaßen sein Handschlag, wenn ein Bündnis zustande gekommen. Es geschehe nicht, zu verletzen, sondern um ein Zeichen aufzudrücken. Der Schlachter bezeichnet ja auch die zunächst für fette Weide bestimmte Ware.

Aber Kaspars Wesen sprach nicht für diese Auffassung. Er ging wie ein Unschuldiger einher. Wenn man andeutete, daß der Fliegen- und Insektengott ihm mehr Macht über seine Geschöpfe gegeben habe als andern Bienenwärtern, dann lächelte er seiner, als man dem alten Kerl hätte zutrauen sollen. Und Tatsache war, daß er besonders reiche Honigernten hatte. Er nahte sich den Bienen ohne Schutzmaske, sie bedeckten scharenweise seine lederartigen Hände, bis er sie abschüttelte. Die letzten pflegte er mit linder Hand abzusammeln und auf die Trallen vor dem Eingang zum Mutterstock zu setzen. Wenn er aus dem Bienengehege schritt, gab ihm ein dichter Schwärm summendes Geleite, bis er abwinkte. Dann tanzte die Schar gehorsam nach den heimischen Stöcken.

In den langen, schattigen Reihen seiner Obstbäume bogen sich die Aste unter strotzenden Früchten. Aber wie lebhaft auch die Dorfjugend die Ansicht betätigte, daß ein maßvolles Naschen verbotener Frucht mehr Sache des Mutes als des Unrechtes und ohne Zweifel lobenswert sei, wenn man sich nur nicht ertappen lasse: Kaspars Früchte blieben unangerührt, sintemal man überzeugt war, daß er Apfeldiebe durch Zaubersprüche binden könne.

Man wußte ferner, daß Kaspar zuweilen als Katze, zuweilen als Werwolf umgehe und andere Leute zu Pudeln machen könne. Auf offener Landstraße rief er Überschwemmungen als Augenblendwerk hervor.

Kaspar machte aus seinen Künsten kein Hehl. Wenn er an die komischen Szenen bei den Überschwemmungen dachte, schüttelte er sich vor Lachen. Wenn so ein gespenstischer Strom den Weg entlang schäumt, zieht alles Stiefel und Strümpfe aus, einige lassen sogar die Hosen fallen und gehen nackt im bloßen Hemd. Die Frauenzimmer schürzen sich bis übers Knie. Die langsam durch das vermeintliche Wasser watenden Zugtiere recken die Hälse, schnauben und sind gierig und durstig, aber das. gespenstische Naß kriecht vor ihren Nüstern in den Erdboden zurück.

Wenn Kaspar wollte, dann konnte er auch Zaubertränke geben, die jeden vor den Leuten und namentlich vor dem andern Geschlecht schön und angenehm machten. Und wenn er selbst, so sagte er, nur ein Tröpfchen nahm, dann grämten sich viele Herzchen um den Zaubermann.

Aber Kaspar mußte doch wohl einen maßvollen Gebrauch davon machen. Wohl behauptete jemand hier und dort, daß er eine Katze gesehen, die er für Kaspar gehalten, die sicherlich auch Kaspar gewesen sei, aber an dem Nachweise fehlt es noch immer. Auch wurde von diesem und jenem gesagt, daß er in erbärmlicher Lage mit gefülltem Obstsack als Apfeldieb im Banne von Kaspars Sprüchen auf dem Baum betroffen worden sei, aber unzweifelhafte Bestätigung lag auch hier nicht vor. Kaspars Andeutungen, die die Vorgänge im allgemeinen zu bestätigen schienen, vermieden vorsichtig alle Einzelheiten. Niemals endlich hat man in Erfahrung gebracht, daß jemand bei einer von Kaspar hervorgerufenen gespenstischen Überschwemmung mitbeteiligt gewesen sei, und keine junge Dirne hat sich darauf besinnen können, daß der alte Kaspar ihr begehrenswert erschienen wäre.

In hilder Erntezeit half er bei meinem Vater aus. Ob der Gewinn aus der Arbeit des Hexenmeisters gerade groß gewesen, darf ich bezweifeln, denn wo sich nur die Gelegenheit bot, bildeten sich um Kaspar hinter Knicken und am Grabenrand Gruppen, die, auf Harken und Forken gestützt oder am Grabenrand sitzend, an des Hexenmeisters unheimlich beredtem Munde hingen.

Was hülfe es, damit hinterm Berg zu halten, daß auch ich meine Pflicht vergessen habe? Stimmte Kaspar die Unterhaltung auf den Gespensterton, so erinnerte ich nur noch dunkel, daß man den Roggen einernten müsse, bevor er Brot gebe, daß man das Heu bergen müsse, bevor es als Winterfutter Verwendung finden könne.

Unter Kornblumen und Roggengarben tat Kaspar mit seiner Zauberei groß. Er verstand sich auf die im Verkehr mit Gespenstern üblichen Umgangsformen aus dem ff, die waren ihm geläufig. Er wußte, daß man einem Geiste nicht die Hand reichen dürfe, sondern höchstens den Rockzipfel. Die Geisterhand versengt, was sie berührt, wie ein aus dem Kohlenfeuer gezogenes weißglühendes Eisen.

Einmal, so erzählte er, hatten er und seine Haushälterin Not mit einem verbrannten Zipfel seines Kollers. Das war der Händedruck des verstorbenen Jochen, der als Knecht auf unserm Hof gedient hatte, dort verstorben war und nachher in den Mitternachtsstunden als Geist bei den Ställen und Scheunen umging, namentlich in dem hinter der alten Scheune befindlichen Holunder- und Tannengebüsch, wo der Kehrichthaufen von Töpfen und Glasscherben aufgehäuft war. Kaspar fragte den Geist schließlich, warum er hier herumspuke, über welche Frage der arme Jochen sich so erfreut zeigte, daß er sich mit Geisterhand eine Zähre der Rührung aus dem Auge strich. Er erschien in der alten Gestalt und Kleidung, trug die rote geflickte Weste, die er immer beim Futtern getragen hatte, und die blaue Futterschürze mit den Messingbändern. Der Mond aber schien durch Körper, Weste und Schürze hindurch.–Der verstorbene Krischan Popp, hat Jochen geantwortet, den er häufig in der Ewigkeit treffe, habe ihn bei dem lieben Gott wegen dreizehn Schillinge verklagt, die Krischan einmal bei ihrem Erdenwallen auf der Neudorfer Korngilde an Grog für ihn ausgelegt habe. Das Urteil sei dahin gegangen, daß er die Bezahlung dieser Schuld zum Kirchenarmenblock in Neudorf veranlassen und so lange spuken solle, bis diese Sache geordnet sei. Kaspar würde ihm die Ruhe geben, wenn er den Betrag für ihn zum Block einlege. Das versprach denn der gutmütige Kaspar zu tun, fragte dabei nicht einmal nach Deckung. Zur Bekräftigung forderte Jochen den Händedruck. Der erfahrene Kaspar reichte ihm aber nur den Zipfel seiner Jacke, der unter dem Griff der Geisterhand mit lebhafter, blauer Flamme verbrannte.

»Aber noch zweimal suchte mich der Geist in meinem Hause auf...« So weit war die Erzählung vorgeschritten, als die Gruppe auseinanderstob mit dem Rufe: »Der Bauer, der Bauer!« Die ernste Gestalt meines Vaters war durch das Hektor der Koppel aufgetaucht, und wir harkten und forkten, als wenn vom Wetter die Rede gewesen wäre. Ruheloser kann auch Jochens Geist nicht vor Berichtigung der dreizehn Schillinge gewesen sein, als ich war. Was hatte der Geist wohl von Kaspar weiter gewollt?

Schon auf dem Heimwege wurde meine Neugier befriedigt. Ich lag mit dem Hexenmeister zusammen im Roggenstroh der letzten schwankenden Fuhre. Er kaute mit ruhigem Schelmengesicht an einem Halm. Das erste Mal habe der nur zur Gespensterstunde spuken dürfende Jochen ihn verfehlt, weil auch er die Neudorfer Korngilde besucht habe, das zweite Mal habe er ihn im Bett angetroffen. Jochen habe den vergeßlichen Kaspar an die Ausführung seines Versprechens zu erinnern sich erlauben wollen. Damals habe denn auch Jochen von ihm die endgültige und auch prompt eingelöste Zusage, die Sache am folgenden Tage zu besorgen, erhalten. Bei der nächsten Wäsche sei Kaspars Haushälterin aus Ärger und Erstaunen nicht herausgekommen, als sie Kaspars Hemd mit abgesengtem Vorderzipfel in der Wäschelade fand.

Seitdem war Kaspar ein Gegenstand meiner Furcht und meiner Verehrung; aber Liebe und Verehrung überwogen meine Furcht. »Meine schwarze Kunst«, versicherte Kaspar, »ist eine Gott wohlgefällige. Die mir verliehene Macht stammt von guten, nicht von unsauberen Geistern her«.

Ich besuchte ihn so oft, wie ich konnte, und weidete mich im Dunstkreis dieses gutgearteten Faust.

Als echter Hexenmeister besaß er ein Heer von Katzen. Wenn ich sein verräuchertes Häuschen durch die Dielendoppeltür unter dem sächsischen Pferdekopf betrat, empfingen sie mich mit Miauen, die braungeräucherte Bodenleiter lebhaft herunterkollernd. Dabei schnellte ab und zu der Gedanke in mir auf, ob wohl alle Tiere ehrliche Katzen seien, oder ob es nicht vielmehr dem Hexenmeister gefallen habe, Katzengestalt anzunehmen. Aufmerksam lauschte ich auf den Schritt der Geschwänzten (man kann nämlich das Schuhwerk ihres Trägers heraushören). Aber an Leichtfüßigkeit ließen sie nichts zu wünschen übrig, ihre Sprünge waren bis zur Unhörbarkeit leise und sanft. Und in der Stube traf ich denn auch den Hexenmeister in Person auf seiner großen, dunkel gestrichenen, immer verschlossenen Lade.

»Am liebsten sitze ich hier«, pflegte er zu sagen, wenn er mich einlud, hinter dem Ofen auf dem kunstvoll gedrehten Lehnstuhl, worauf ein buntes, stark verblichenes Stuhlkissen lag, Platz zu nehmen. Und ich saß dort gern; wie prächtig konnte man die Arme auflegen und mit den Händen die schön geschweiften Ausläufer (man nennt sie Kröpfe) umfassen! Wie oft habe ich die betrachtet! Sie sahen so wunderlich aus, so dunkel, so schwarz, als seien sie verbrannt und versengt. Fragte ich Kaspar: »Weshalb?« so machte er ein ernstes und wichtiges Gesicht und wich aus.

»Am liebsten sitze ich hier«, wiederholte er und nahm auf seiner Lade Platz, »denn meine Truhe verschließt das Buch, das alle Siegel löst, Faustens Höllenzwang. Es ist nicht gut, daß Unkundige das Buch lesen. Man kommt an Stellen, wo Erscheinungen auftreten, deren Schrecklichkeit Nichteingeweihten den Verstand kostet. Da ist zum Beispiel ... Keine Namen nennen«, unterbrach er sich, »es ist gegen unser Gesetz.«

Seine Katzen waren groß und glutäugig. Und alle hörten ihm aufs Wort. Es waren gehorsame Tiere. Auch mit mir freundeten sie sich an. Schnurrend rieben sie sich an meinen Waden, und wenn ich sie streichelte, spannen sie mit aufgerichteten Schwänzchen und betrachteten die Feuerfunken, die aus ihren weichen Pelzen knisterten.

»Es gehört viel Verstand dazu und Unerschrockenheit«, beteuerte Kaspar, »zu meiner Kunst. Und wer nicht Geistesgegenwart besitzt, befasse sich nicht damit.«

Dies darzulegen, erzählte er sein Abenteuer mit dem Geist des Mörders Franz Moor. Franz Moor hatte vor vielen, vielen Jahren in einem kühlen, von Erlen bewachsenen Grunde, den die Landstraße nach der Stadt durchschnitt, einen Schneider erschlagen und war dafür, wie sichs gebührte, auf demselben Fleck durch die Schärfe des Schwertes gerichtet worden. Lange Zeit zeigte noch der auf einen Pfahl genagelte Kopf der Nachwelt zum heilsamen Abscheu seine weißen, bleckenden Zähne und seine gebleichten Knochen, bis Wind und Wetter, die ehrsamen Raben und endlich eine humane Polizei beseitigten, was noch übrig war. Der Armesündernagel war aber nicht mehr da, wahrscheinlich von einem Verehrer der edlen Hexerei gestohlen, wie denn jedem Fachmann bekannt ist, daß der von Einem, der es mit dem Hexen ernst nimmt, gar nicht zu entbehren ist.

Die Augen des Erzählers zwinkerten listig nach seiner Truhe; ich war nicht mehr im Zweifel, wer der... Finder, will ich sagen, des unheimlichen Nagels war.

Aber seitdem, so lautete der Vortrag weiter, ritt der Übermut den Franz Moor, und den friedlichsten Passanten der Landstraße spielte er die ärgsten Possen. Er machte die Pferde scheu, indem er in Gestalt eines Pudels, dem ein Feuerstrahl aus den Nüstern ging, im Wagengleise liegend, die schnaubenden und sich bäumenden Pferde anknurrte. Bald hockte er mit Zentnerschwere auf Fuhrwerken der Reisenden oder auf den Schultern der Fußgänger. Bald lag er im Graben in Gestalt eines verunglückten, unschuldigen Kalbes, das nach Hilfe blökte. Und wenn mitleidige Seelen sich Stunden hindurch abgemüht hatten, das kleine, wunderlicherweise wie Blei gewichtige Geschöpf aus dem Sumpf zu ziehen, lachte das Kalbsgeschöpf aus voller Kehle, daß der Retter davonstob.

Diesen Geist hat Kaspar, als er mit dem Fuhrwerk meines Vaters Obst und Gemüse nach der Stadt gefahren und am dunklen Herbstabend durch den Erlengrund zurückgekehrt war, in Übermut zum Mitfahren eingeladen, welcher Aufforderung der nicht ganz vollständige Franz (seinen Kopf hat er nämlich unterm Arm getragen) nachgekommen ist.

Unbequem war es ... ja ... aber meinen Kaspar hat es nicht geniert. Als gewiegter Hexenmeister hat er gewußt, wie man die Herren der Hölle behandelt. Nachdem er die schnaubenden Rosse durch ein versöhnliches Brr! beruhigt, ist er abgestiegen, hat ein Rad von der Achse gelöst und auf den Wagen gelegt. Nach Geisterregel und Geistergesetz mußte nunmehr das gefoppte Gespenst anstatt des Rades die Achse tragen.

Reichlich zwei Stunden hat die wunderliche Fahrt, nicht zum Vergnügen des armen Franz, gedauert. Das Lachen ist ihm vergangen, sein jämmerliches Gestöhn und Geächze ist vom Hintergestell erklungen. Und wenn der Wagen durch die tief ausgefahrenen Geleise und Regenpfützen gestoßen und geschaukelt hat, ist ein herzzerbrechendes Schluchzen und Weinen erklungen. Kurz und gut, der Zustand des Gespenstes ist bei ihrer Ankunft ein so erbärmlicher gewesen, daß Kaspar den armen Geist zur Erholung nach seinem Häuschen eingeladen hat.

»Dort in der Ecke, junger Freund, auf dem Lehnstuhl, dort, wo du jetzt sitzest, saß Franz. Just so, wie du, legte er die Arme auf die Lehne und versengte mit seinen Höllenhänden die Kröpfe. Auf demselben Kissen saß er drei Tage lang und drei Nächte.«

Mit gesträubtem Haar sprang ich von meinem Sitz. Die ›Dönschentür‹ schlug ich hinter mir zu, daß es dröhnte. Aber noch auf der dunkeln Diele hielt mich der Hexenmeister am Westenknopf, um mir mitzuteilen, daß der Geist nicht habe weichen wollen, daß der Höllenzwang ihn, Kaspar, vollständig im Stich gelassen habe, als er den lästigen Eindringling vor die Tür zu setzen entschlossen gewesen sei, und daß es erst dem geistlichen Zuspruch des verstorbenen Pastors Schmidt nach eindringlicher, dreitägiger Beschwörung gelungen sei, den Geist zum Verlassen des Lokals zu bewegen. Aber über die Grenze seines Pfarramts, die durch den Pulser Viert laufe, habe auch der Priester keine Gewalt gehabt. So sei denn nur übrig geblieben, das Gespenst an der Gemarkungsgrenze, im Weidengebüsch eines Sumpfes einzubannen.

 

Diese Geschichte verleidete mir den Hexenmeister. Ein Gefühl des Grauens packte mich, wenn ich seine Räucherkate sah. Und selbst als ich gefaßter geworden, erschien Kaspar mir nicht mehr in günstigem Licht. Entweder, so folgerte ich, ein ganz entsetzlicher Mensch, oder einer, der sich herausnimmt, unpassenden Spaß zu machen.

Ich zog Erkundigungen ein. Die Wahrheit war nicht zu ermitteln. Es hatte seine Richtigkeit damit, daß der Geist des besagten Franz vor fünfzig Jahren seinen Wohnsitz vom Ellernbrook nach dem Pulser Viert verlegt hatte. Das war geschehen, als man die Chaussee durch seinen alten Wohnsitz gebaut und die Erlenbüsche mit Stumpf und Stiel ausgerodet hatte. Alte Weiber, die ich befragte, fanden den Entschluß unter diesen Umständen begreiflich und für ein Gespenst auch verständig. Von Franz Moors Besuch bei Kaspar wußte kein Mensch, auch die dreitägige Bannung durch den verstorbenen Pastor Schmidt war allen unbekannt. Die Annahme, daß man es mit einer Erfindung Kaspars zu tun habe, war kaum abzuweisen.

Es hatte ihm gefallen, mir was aufzubinden. Ich ging nicht mehr zu ihm. Trafen wir uns zufällig, so sprachen wir über Ernte, Wetter und dergleichen. Und allmählich gewöhnte ich mir ein überlegenes Lächeln an, wenn von Geistern und Hexen die Rede war. Schließlich aber begab ich mich doch noch mal wieder nach Kaspars Burg. Geschah es auch im Auftrage des Vaters, eine Bestellung auszurichten, so hatte ich doch auch selbst, ehrlich gestanden, wieder Sehnsucht nach dem Hexenhaus und seinem Meister.

Es war ein sonniger Herbsttag. Ich suchte den Meister im Garten und trat durch die offene Pforte in den von seidenen Herbstfäden übersponnenen Frieden ein. Es roch nach Brombeeren, die an Sträuchern hingen, nach würzigem Öl der Nüsse, die an breitblattrigen Haseln in zierlichen Schalen bräunten. Von Obstsorten reiften nur noch wenige der Sonne entgegen. Die Südwand des Hauses war mit Wein bedeckt, schwere Trauben kochten in der Herbstsonne in sattem Grün. Lustige Ranken kletterten auf moosigem Strohdach kühn zur First hinan.

Bei dem Nachbarn wurde Flachs aus der Sonne gebrochen. Eifriges, fleißiges Knattern; im Garten selbst aber war es ruhig und still. Nur ab und zu flog ein leises, hackendes Geräusch durch die Laubgänge. Der Buntspecht suchte die Bäume im Garten ab. Der Bienen schläfriges Gesumm quoll über die Umzäunung ihres Geheges, und ein irgendwo gemurmeltes Gespräch schlug leise, gleichmäßige Wellen.

Diesem Gespräch ging ich nach und fand die alte, zahnlose Lene. Sie war allein und redete mit sich selbst. Vielleicht murmelte sie Hexensprüche, vielleicht lobte sie die Rüben, die sie am Griff der roten Karre klopfend abstäubte.

Im Garten war Kaspar nicht, also hinein ins Haus!

Die Dielentür stand sperrangelweit offen, aber die Kate schien leer. Die Herbstsonne zeichnete den Türrahmen in hellem Glanz auf dem Lehmestrich; gegenüber schwelte auf dem Sachsenherd ein Holzfeuer. Der blaue Rauch, strich aus den Öffnungen des Schwibbogens, an der von Ruß glänzend schwarz gewichsten Bretterbodendecke entlang an einigen einsamen Würsten vorbei, zum größten Teil aus der Dielentür, zum kleineren durch Bodenluke und Heuboden aus dem Giebel. Das Häuschen schmauchte sein Nachmittagspfeifchen in aller Behaglichkeit. Die leuchtenden Augen meiner geschwänzten Freunde auf dem Heuboden sah ich durch die Luke, als ich über die Diele schritt.

In der Stube war niemand. Nur eine Katzenseele. Ein mir unbekanntes, großes Tier, eine Katze mit blutroter Zeichnung am Kopf. Sie drückte sich lauernd in die Ecke. Und blinzelte. .. boshaft ... spöttisch, ... als ob sie Mühe habe, etwas Belustigendes zurückzudämmen. Die alte Wanduhr ging – tick... tack – räusperte sich, rasselte und schlug die zweite Nachmittagsstunde. Und hinter dem Beilegeofen noch immer der gespenstische Stuhl mit der versengten Lehne.

An der alten Ladentruhe, mir fiel die Ähnlichkeit mit einem Sarge auf, steckte der Schlüssel, und auf dem Deckel lag aufgeschlagen ein in schwarzer Tintenteufelsfarbe gebundenes Buch, die am Nasenbügel mit Garn umwundene Hornbrille des Meisters als Lesezeichen darin – kein Zweifel: Faustens Höllenzwang, das Geheimnis aller Geheimnisse!

Ich schlug es auf, mit Grauen. Ich las mit Grauen, aber ich las ... Die Brille lag in dem Kapitel von der Verfassung des Höllenreichs ... Gewöhnlich hält man den Teufel für einen unumschränkten Selbstherrscher. Ich bin auf Grund der mir gewordenen Offenbarung in der Lage, dieser grundfalschen Ansicht entgegenzutreten. Luzifer führt freilich den Titel Kaiser, ist eigentlich aber nur der Vorsitzende eines Dreimännerkollegiums, in dessen Händen die ,Exekutive' liegt. Beelzebub und Astarot sind Beisitzer. Und selbst die Gewalt dieser drei Herren ist durch eine ständische Vertretung der Untertanen stark beschränkt. Die Uniform hat auch in der Hölle den Vorrang, das Militär ist Stütze und Fels der Ordnung, man kann, staatsrechtlich ausgedrückt, die Hölle vielleicht als Militärmonarchie bezeichnen.

Hinter der Verfassung kam das Hauptstück ,Beschwörungen'. Darin kam ich nicht weit, denn an der Spitze stand eine Warnung, die mich hinderte. Wer weiterlesen wolle, durfte das nur unter Bedingungen so verwickelter Art tun, daß ich sie nicht erfüllen konnte. Und wenn mans auch nur an einem Pünktchen fehlen lasse, dann ...

Ich verzichtete ganz gern, mir war schon bei der Verfassung nicht mehr recht. Die Haare taten mir weh und kamen, ohne daß ichs befahl, in die Höhe, im Rückgrat war es auch nicht in Ordnung. Und in der Stube... die Luft, wie war alles so schwer und drückend und schwül...!

Wie war es so schwül und so wunderlich! Und was ist das? .. Lachte da jemand?

Am Ofen das schwarze Tier, es leckt die Pfoten und blinzelt mich an. Wie es in dem Katzenauge blitzt und glüht! Blutfleck auf dem Schädel. Da lacht es wieder, und – o Grauen! – im Katzenkopf erkenne ich die Züge des Meisters, sehe am Nasenflügel den Handschlag des Bösen.

Nun war kein Halten mehr. Hinweg, hinweg, die Diele entlang, zum Hause hinaus! Das Ungeheuer ist langsambedächtig aus dem Wege geschritten, und – schauderhaft! – es geht in Holzpantoffeln, deutlich höre ich das Aufschlagen der Klötze.

Und über meine wahnsinnige Flucht ergoß sich hinter mir ein lautes, aus dem Kehlkopf an den Gaumen hinaufgestoßenes Kichern. Ich kannte dies Lachen, Kaspars wohlbekanntes, feines, überlegenes Wiehern. Ich sah mich um: nun lehnte der Hexenmeister in menschlicher Gestalt über die Halbtür und winkte und lachte.

Der verborgenste Kuhstall unserer vielverschlungenen Ställe und Scheuern nahm mich auf. Dort rupften unschuldige, mir wohlbekannte Kälber, wovon ich ganz sicher wußte, daß sie das seien, wofür sie sich ausgaben, nämlich Kälber und nichts als Kälber, harmlos und genügsam ihr Heu. Den ganzen Tag wagte ich mich nicht hervor, schüttete Stunde auf Stunde den ehrlichen Tieren grünes Gras und graues Heu. Aber wie oft ich auch die Futterdiele mit meinen Schritten maß, beständig hörte ich hinter mir das spöttische, tief aus dem Kehlkopf kommende Kichern. Und als ich mir ein Herz faßte und mich umwandte, empfing ich von unsichtbarer Hand einen fühlbaren Katzenkopf. Der Schmerz war kein eingebildeter, wenn auch die vermeintliche Unsichtbarkeit auf Irrtum beruhte. Denn hinter mir stand im hellen Zorn der über mein Ausbleiben erboste Vater: »Also hier finde ich dich, Faulpelz!«

Ja, guter Kaspar, so pflegtest du deinen jungen Freund zu foppen. Aber wir wurden doch wieder gute Kameraden und sind es noch jetzt. Im Dorfe verstand uns niemand, wir aber verstanden uns.

So soll es, wenn ich mal folge, auch im ewigen Immenhagen sein! »Nicht wahr? Her mit der Hand, alter Kerl!«

Ich streckte meine Rechte aus, aber das gute Gespenst faßte sie nicht. Es war unwillig über seinen ungelehrigen Schüler, strich über die Teufelsnarbe und wies auf das breite Lineal meines Schreibpults.

Ich verstand. Das Lineal reichte ich ihm als verlängerten Arm, unter seinem Drucke verflackerte es in blauer Flamme.

Im Büro wurde es laut. Der Vorsteher verhandelte mit einem Bauern über einen von ihm gewünschten schleunigen Arrest. Seines Schuldners Bienenstöcke und Obsternte sollten gepfändet werden. Gefahr sei im Verzüge!

Kaspar schüttelte sein Gespenstergesicht, sah mich mitleidig an, erhob sich, schlürfte unhörbar zur Tür und verschwand durch die eichenen Bohlen.

Honiggeruch erfüllte mein Zimmer den ganzen Tag.


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