Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Ein Butenmensch

Wie ist der Wiesenplan so weit und luftig, wie duftet das Heu, wie ist der Rasen so grün! Und von lebendigen Punkten braun gesprenkelt erscheint er, wenn die Ernte abgefahren ist und die Kühe hinausgetrieben sind.

Sultan einer Herde ist der Stier. Und im Frauenharem brummt und eifert er wacker umher. Er hat Nerven und Ehrgeiz und kann es schwer ertragen, daß auf der andern Seite des Grabens Kühe weiden, die einem andern Stall zugehören. Der Nachbarsultan ist in gleicher Lage. So stehen die beiden Haremsmonarchen am Graben und brüllen sich an und schimpfen sich in ihrer Bullensprache dumme Jungen, ›denen die Nässe hinter den Ohren noch nicht getrocknet sei durch den Staub der Erfahrung.‹ So drückte sich der selige Glasbrenner einstmals aus.

In trockenen Zeiten flimmert die Hitze über der Steppe und lügt am Himmel eingebildete Seen und trügt eingebildete Wellen unserm Auge vor. Das Grabenwasser hat sie rein ausgetrunken. Wo sonst der Springstaken grundlos im blasigen Moor versank, kann sich jetzt ein Viehsultan hinein und auf der anderen Seite wieder herausarbeiten. Von Moor und Schmutz bedeckt, aber unzähmbaren Mut ›in zottiger Hochbrust‹, steht er auf feindlichem Gelände und senkt die Stirn und kratzt und wirft Rasenstücke hinter sich und über sich und verkündet dem Nachbar tosend, er müsse ihn für eine feige Memme halten, wenn er sich jetzt nicht stelle.

Der denkt nun gar nicht daran, sich zu drücken. Noch einmal brüllen sie sich ihre Verachtung ins Gesicht, dann stoßen die Dickköpfe wie Ambosse aufeinander.

Nachmittags kommt der Hirt. »Holla! Was ist das für einer?« Er weidet friedlich neben dem rechtmäßigen Sultan. »Wer ist das? Das ist nicht unser, das ist Hans Vollerts Bulle, der ist ausgestiegen. Warte mal, Schlingel!«

Es ist auffallend. Die Kämpfer, sie bluten beide, aber jetzt sind sie friedlich. Sie haben ihre Kräfte gemessen, sie sind miteinander fertig, sie sind gewissermaßen Freunde geworden: ›sie sind miteinander auf der Weide gewesen.‹

Wenn zwei Knechte, die sich schon lange rieben, schließlich aneinander geraten und sich verprügeln, so sagt man: ›sie kamen zusammen auf die Weide.‹

»Laß sie man«, spricht der Bauer, »das ist das beste. Nun wird Ruhe werden. Laß sie man mal zusammen auf die Weide kommen.«

Ich erinnere mich noch ganz gut, wie Thies Scheel und August Böteführ zusammen auf die Weide gekommen sind. Ich selbst habe es freilich nicht erlebt, aber Hinrich Heuk, dessen Vater das Erntebier ›eingenommen‹ hatte, hat es in der Schule erzählt. Wir wunderten uns, und das ganze Dorf wunderte sich, daß August Böteführ Sieger geblieben war. Groß und stark war er wohl, aber blöde und ungewandt, und Thies Scheel war ein Schlanker.

Aber, was war mit August Böteführ?

Am Wald lag eine kleine Kate mit moosgrünem Dach. Im Giebelhuck wohnte ein Eulenpaar und zu ebener Erde der Weber Jochen Steen. Jochen Steen starb; die Eulenfamilie sah dem Wegfahren des Sargs mit großer Gemütsruhe zu.

Das war im Herbst gewesen, als der Wald sein bestes braunes Kleid trug. Für einige Zeit blieb die moosgrüne Kate ganz leer. Ein Pfahl am Hecktor tat kund, daß sie von Gerichts wegen verkauft werden solle. Dem Eulenvater war das einerlei, er war der Meinung, daß sein Wohnungsrecht auch als ein im Grundbuch nicht eingetragenes wirksam bleibe.

Der Winter ging vorüber, die Nachtigall im Apfelbaum und die im Wald fingen an zu schlagen und von Liebe zu schwärmen. Das Unterholz war schon grün, aus den Wipfeln rauschte die Verheißung zukünftigen, vollen, gesättigten Laubes.

Und mitten im Nachtigallenschlag kam ein Flüttgutszug quer durch den Wald. Das war der Neubauer, der die Kate gekauft hatte. Die Dorfleute holten ihn und seine Sachen vom nächsten Bahnhof ab. Das war in der Gegend der Brauch, im übrigen nahm man an ihm nur mäßigen Anteil. Denn der Neubauer war ein Butenmensch.

Ein Butenmensch ist kein Vollmensch, wenn auch immer noch besser als ein Städter. Eigentliche Vollmenschen sind nur die aus dem Dorfe, im abgeschwächten Sinne die aus dem Kirchspiel und was so am Wege zur Stadt liegt. Was weiter her kommt, ist Butenmensch. Und der Neubauer kam unverantwortlich weit her, jenseits der großen Eisenbahnen, wo die Seen anfangen, aus dem Distrikt der Adligen, der lebendigen Barone und Grafen, die man bei uns noch niemals gesehen hat, auch nicht zu sehen verlangt, an deren Dasein man kaum glaubt.

Der Neubauer und seine Frau saßen auf einem kleinen, dünnspeichigen Wagen. Sie sahen einfach und arbeitsam aus. Hinter ihrem Wagenstuhl auf einem Strohsack saß ihr Sohn, August Böteführ.

Die Neubauer haben Namen gehabt, die bei uns ganz ungebräuchlich gewesen sind. Rudolf und Emma haben sie geheißen. Aber das ist uns nur halb zum Bewußtsein gekommen. Sie sind in der alten Kate gar nicht warm geworden. Mit ihnen ist ein Würgengel eingezogen, den die Fuhrleute nicht, wohl aber die Augen der Eulenmutter im Giebel, denen die Sehergabe für die Ideen der Dinge im verhaßten beißenden Tageslicht gegeben ist, gesehen haben. ›Hu, hu‹, hat sie gesagt, ›das ist nichts Gutes!‹ Und war auch nichts Gutes, es war eine Krankheit. Und die Krankheit hat die beiden fleißigen Neubauern, die Butenmenschen, aufs Lager geworfen. Es ist ein Mann mit einem dicken Mantel, der Doktor ist durchs Hecktor gefahren, es ist eine Schwester der Frau aus dem Adeligen zugereist gekommen, die Kranken zu pflegen, und schließlich sind zwei rote Leiterwagen auf die kleine Hofstelle gebogen. Und die Leiterwagen haben zwei schwarze Sarge und einen weinenden Knaben aufgenommen und sind dann aus dem Hecktor hinaus und in den Wald hineingefahren.

Nun hat sich das Gericht wieder der moosgrünen Kate angenommen. Es ist lange darüber gesprochen worden, ob sie verkauft oder verpachtet werde. Sie wurde, um dem richtigen Erben für alle Fälle erhalten zu bleiben, verpachtet.

Der kleine Junge erhielt in dem Bauern Klaus Pries einen Pflegevater und Vormund, Klaus Pries wollte ihn zur Einsegnung bringen. Die Leute sagten: »So gut, wie eine Waise aufgehoben werden kann, ist er aufgehoben – Klaus Pries ist ein guter Mann.«

Klaus Pries war wirklich ein guter Mann, und eines Tages brachte Frau Pries den Knaben zur Schule.

Es war eine einklassige Dorfschule. Der Lehrer bejahrt, ein bißchen bequem – eisgrau, eine gutmütige Seele. Siebzig Kinder mögen es gewesen sein, Knaben und Mädchen zusammen, die hatte er unter seiner Obhut. Durchweg waren sie blond, nur wenige von bräunlichem Schlage, ganz schwarz nur die von der Familie der Scheel.

In unserer Schule haben wir alle, wenn man das Bild gelten lassen will, dünne, gewöhnliche, gewissermaßen blonde Namen. Auch die der Erwachsenen sind blond. Jörn heißen sie und Johann und Hans und Peter und Hinrich und Mars und Klaas und Thies oder ähnlich, ganz hausbacken, höchstens noch Timm und Jochen. Die Steffen, die Stoffer, die Bartel, die Jens, die Hödt streifen schon die Grenze des Erlaubten. Was darüber hinausgeht, ist ganz gewiß von Übel. Es liefen da zwar einige herum, die Friedrich und Heinrich hießen, ja sogar ein Gottfried. Die wurden aber auch danach angesehen. Die Namen waren zu fein, zu hochdeutsch, zu städtisch, da lag Hochmut und Besserseinwollen, da lag Pose und Dünkel darin. Die entfernten sich von der schlichten Knickhagennatur unseres Dorfes. Otto, Emil, Rudolf, Wilhelm – so was kam nicht vor. Und wenn sie jemals auftauchen sollten, nun, dann wird man diese ›Bunten‹ behandeln, wie sies verdienen.

Als der Neue abgeliefert wurde, saß der Schulmeister dort, wo er meistens saß, wenn er nichts Besonderes zu tun hatte, in der Ecke an der Tür nach seinem Zimmer, und tat das, was er meistens in den ruhigen Stunden seines Lehramts tat, er rauchte.

»Sieh«, sagte der Schulmeister, »da kommt unser neuer Kamerad.« Er streckte, ohne sich zu erheben, die Hand aus. »Komm mal her. Nun, wo setzen wir dich hin? Was kannst du und was weißt du? Sag mal das Vaterunser auf!«

Der Junge wollte anfangen, konnte aber nicht, die Silben mußten sich erst durch einen Krampf in Schlund und Kiefer hindurcharbeiten; er stotterte vor Verlegenheit, wobei das »Va« zu einem Wechselbalg von sechs Silben wurde.

Die mitleidslose Klasse lachte hell auf. »Still!« befahl der Lehrer. »Ihr sollt euch schämen«, fügte er hinzu, als eine kleine Kicherwelle auf die mittleren Bänke hinüberschlug.

Das Vaterunser verlief just nicht glänzend, aber der Lehrer tröstete den Knaben und gab ihm einen Platz zu unterst auf der dritten Bank.

Und dann kam Religionsunterricht. Die Klasse erfuhr, daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben solle. Die Armen, die Hilflosen, die Waisen wurden der Nächstenliebe ganz besonders empfohlen. Auch ein Fremder sei, erklärte der Lehrer mit deutlicher Bezugnahme auf den Neuen, im gewissen Sinne ein Hilfloser, dem man in Liebe und Freundlichkeit begegnen müsse.

Nach der Religionsstunde wurde ›schön geschrieben‹. Der Neue hatte noch kein Schönschreibebuch, er schrieb vorläufig auf der Tafel ›schön‹.

Er saß neben Thies Scheel.

Thies Scheel war ein Knabe von der frechen Sorte, ein Mitleidloser, sah mit kleinen spitzen, braunen Augen auch danach aus. »Wosaken heets du?« fragte er seinen Nachbar.

»August«, antwortete dieser ganz leise.

»August?« fragte Thies Scheel weiter, sprach aber mit der Hebung auf der zweiten Silbe. »Das ist ja gar kein Menschenname. Im August ists warm und wird Korn gemäht, und wir Jungs gehen alle vor der großen Hungerharke.«

August wußte darauf nichts zu sagen.

»Wosaken heets du sünst na?«

»August Böteführ«. antwortete der Unglückliche.

Thies Scheel lachte so laut, wie er glaubte in der Schreibstube lachen zu dürfen. August Böteführ war ein zu lächerlicher Name! Im Dorf, da hatte man vernünftige, anständige Familiennamen, aber nicht so wie: ›Mach Feuer an!‹ Man hieß Wieben oder Sievers oder Scheel oder Thun oder Vollstedt oder Franzen oder so ähnlich. Aber Böteführ war gar kein Name, das war schon mehr ein Verbrechen, eine verbrecherische Aufforderung, Brand zu stiften und Feuer anzulegen.

Thies Scheel warf die Feder unter die Bank und sich selbst hinterdrein, saß dort in einem Wald von Knabenbeinen und prustete sich aus. »August«, kam es, immer mit der Hebung auf der zweiten Silbe, aus diesem Wald herauf, »Jung, bötst Füer, ünnern Teeketel or in Backahm?«

Am zweiten Tag war Thies noch witziger geworden. Er machte aus seinem Schreibheft ein Rohr und pustete hinein. Das sollte ein Feuerpustrohr versinnbildlichen und seinem Nachbarn die Unzulässigkeit seines Namens zu Gemüte führen.

Am dritten Tage waren die drei obersten Bänke alle miteinander witzig. Als August das Schulzimmer betrat, waren etwa zwanzig papierene Feuerpuster in Tätigkeit. Thies Scheel mähte ein eingebildetes Korn ab und klagte darüber, daß es im August so warm sei.

Und was tat der langaufgeschossene, kräftige August Böteführ? Schlug er die albernen Tröpfe, wie sichs gebührte, rechts und links an die Ohren?

Wir müssen leider berichten, daß er sich so unzweckmäßig, so unmännlich und so töricht wie nur möglich benahm. Er saß auf seinem Platz und konnte die Schlechtigkeit und Grausamkeit der Jungen, denen er nichts zuleide getan hatte, nicht begreifen. Und vergoß Tränen darob. Ja, er flennte. Vor allen Dingen aber weinte er über sich, über seine Verlassenheit, weinte über sein verlorenes Glück.

Und die Bilder seiner Jugend traten vor ihn hin. Der blaue See seines Dorfes, die am Seestrand hingelagerten Häuschen, die ragenden Buchen der hochgelegenen Waldkoppel. Er dachte an die gelben Haare der Tochter seines Gartennachbarn. Mit ihr zusammen hatte er seine Schiffchen ausgerüstet und ins wilde Wasser geschickt. Warens auch nur grobe Klufthölzer mit aufgesteckter Federpose als Mast und Segel, wie steuerten sie tapfer durch Binsen und Gras, bis ... ja nun ... bis sie sich schließlich doch festfuhren und mit dem großen Sodhaken wieder flottgemacht werden mußten.

Einmal war er mit der Blonden zusammen dem frommen Schuster in die Äpfel gestiegen. Der fromme Schuster hatte sie ertappt und das Strafgericht des Himmels vorausgesagt. Nun war es gekommen. Denn dies mit dem Namen, der keinem recht war, war sicherlich die Strafe des Himmels.

Der Krug geht zu Wasser, bis er bricht. Am vierten Tag wurde Thies Scheel vom Schulmeister ertappt.

»Wo ist Thies Scheel?« fragte er in die Klasse hinein. Thies saß wieder unter der Bank und machte seine Sachen. »Ich seh Thies nicht.« Und mit langen Schritten und langem Arm holte er sich den nichtsnutzigen Schlingel am Ohr heraus.

»Daß du verschrobener Jung nicht ruhig auf der Bank sitzen kannst! Was hattest da unten?« Verstocktes Schweigen. »Willst wohl sagen?« Er zog ihn am Ohr. Schweigen, womöglich noch verstockter.

»Sag du, mein Jung«, wandte er sich an August, »was war?« Da faßte August Böteführ sich ein Herz. »Mein Name ist ihm nicht recht, mein Name ist allen nicht recht.«

Nun begann ein Examen, eine Art Untersuchung, wodurch der Tatbestand einigermaßen geklärt wurde; es folgte selbstverständlich Bestrafung von Thies und eine Strafrede an die Klasse, die einen armen, fremden Jungen etwas entgelten lassen wolle, wofür er nichts könne, was übrigens auch nur ›verschrobenen‹ (verschroben war ein Lieblingsausdruck des Schulmeisters), lediglich und allein verschrobenen Jungen lächerlich erscheinen könne.

Das Verhältnis unseres Freundes August Böteführ zur Klasse aber wurde durch des Schulmeisters Eintreten keineswegs verbessert, im Gegenteil: wesentlich verschlechtert. August Böteführ galt nicht nur für einen lächerlichen Namen, sondern bezeichnete auch einen Jungen, der, weil er ›nachgesagt hatte‹, keine gute Behandlung verdiene. Die Lage würde für August ganz unerträglich geworden sein, wenn der Schulmeister ihn nicht wenigstens aus der Nachbarschaft von Thies Scheel entfernt hätte.

August Böteführ verlebte bis zu seiner Konfirmation ein paar ungemütliche Jahre in der Schule und hatte auch nach seiner Einsegnung nicht viele Freunde, und Thies Scheel blieb sein Widerpart für und für. August Böteführ galt für ›hintersinnig‹, für einen, der besondere Gedanken habe. Und er hatte auch seine besonderen Gedanken, er dachte an den blauen See, an die blauen Wellen, und vor allen Dingen dachte er an seiner Freundin gelbe Haare.

So verging eine lange Zeit. August Böteführ wurde ein großer, starker Knecht. Und blieb auch nach seiner Einsegnung bei Klaus Pries in Dienst.

 

Damals banden noch Vertrauen und Ergebenheit Bauern und Gesinde aneinander. Streitigkeiten kamen selten, und Streitigkeiten, die zu Gericht führten, ganz selten vor. Ging aber eine Sache förmlich zum Prozeß, so saß das Dorf schon vor dem Richter zu Gericht und urteilte die Sache ab.

Eines Tages flog es über Hecke und Zaun: Trina Siepen, die bei Klaus Butenschön diene, sei ihrem Bauern fremd geworden und zu ihren Eltern gegangen. Den verdienten Lohn hatte sie zurückgewiesen, nun wollte sie Klaus Butenschön hierauf und auf ein Vierteljahrslohn und Viertelsjahrskostgeld verklagen.

Das Verhältnis war schon lange nicht mehr so gut gewesen wie zu Anfang. Trina Siepen, die sich als Großhirn vermietet hatte, war zu sehr, wie man zu sagen pflegt, ›mit der Ehre geprügelt‹.

»Trina«, hat Klaus Butenschön zu ihr gesagt, »da steht ein leerer Pferdeeimer am Sodschlengel, hol ihn flink mal rein.«

Aber Trina hat ›brutt‹ geantwortet: »Das ist Jungsarbeit.«

»Ja, Trina«, hat Klaus entgegnet, »wenn es Jungsarbeit ist, dann ist es nicht zu schwer für eine Großdirn.« Aber Trina, die gerade Milch durchs Sieb gegossen, hat ihren Eimer mehr hingeschmissen als gestellt (es hat ordentlich geklirrt), hat die Hände in die Seite gestemmt und hat so recht nasweis gesagt: »Für Jungsarbeit habe ich mich nicht vermietet.«

Da ist Klaus Butenschön aufgebracht worden und hat gesagt: »Trina, wenn du nicht tun willst, was ich dir sage, dann kannst du gehn.«

»Das ist mir recht«, hat Trina gesagt. Und beide sind darauf in die Wohnstube gegangen, um es mit dem Lohn in Richtigkeit zu machen.

Beim Aufzählen des Lohnes hat sich nun herausgestellt, daß Klaus Butenschön Trina Siepen mit verdientem Lohne abfinden wollte, weil sie eingewilligt habe zu gehen, daß Trina Siepen aber noch Lohn und Kostgeld für ein Vierteljahr beanspruchte, wie die Gesindeordnung vorschrieb, weil sie einseitig entlassen sei. Klaus Butenschön hat das nicht wahr haben wollen, Trina ist auf ihrem Stück geblieben, hat dem Bauern den abgezählten Verdienstlohn zurückgeschoben, hat gesagt, sie werde schon ihr Recht kriegen, und hat, als sie hinausgegangen ist, die Tür hinter sich zugeballert.

Die Bauern gaben Trina Siepen unrecht und die meisten Dienstboten konnten ihr nicht recht geben, alle haben aber ihr Benehmen verurteilt. Alle haben aber auch gefragt: »Wo kriegt Klaus Blutenschön eine andere Großdirn her?«

Aber Klaus Butenschön bekam gleich eine wieder. »Er hat das Mädchen einer kürzlich in Embüren verstorbenen Witfrau gemietet«, hieß es. Und zwei Tage darauf: »Die Neue von Klaus Butenschön ist ein großes, schlankes, hübsches Mädchen, hat aber einen ganz wunderlichen Namen.« Die ihn gehört hatten, hatten ihn vergessen, sie wußten aber, es sei ein schnakscher und katerbunter und spreche sich so weich und süß aus wie ein Strahl Sirup aus der Kruke.

»August«, sagte um dieselbe Zeit Klaus Pries zu seinem Knecht, »August«, sagte er, »Klaus Butenschön will morgen zur Stadt fahren. Frag mal, ob ich mitfahren kann und wenn ich kann, wann es losgeht.«

August traf bei Klaus Butenschön ein großes, blondes, hübsches Mädchen auf der Diele.

»Soll vielmals grüßen von meinem Bauern Klaus Pries, ob Bauer Butenschön morgen zur Stadt fahre und ob Klaus wohl mit aufsitzen könne und wann es losgehe.«

Das Mädchen wurde, als August den Mund öffnete, rot und weiß und es durchfuhr sie wie ein Schlag. Und den Sprecher sah sie verwundert an. Dann antwortete sie hastig: »Will fragen«, stellte den Besen rasch in die Ecke und ging an August vorbei in die Stube zum Bauern.

Zwei Worte hatte sie nur gesprochen, aber August wußte selbst nicht, wie es kam, Klang und Stimme erinnerten ihn an Nachtigallenschlag und an die blaue Seekühle seiner Heimat. Das Mädchen war wirklich hübsch. Sie hatte eine breite weiße Schürze vorgebunden, die breiten Bänder schlenkerten, als sie davonging, so kokett, so weiß, so weiblich, so reinlich über die Röcke. Sie riefen in dem Beschauer einen nicht ausgedachten Gedanken, den Dämmerungszustand einer Erinnerung hervor. Sie wiegte sich beim Gehen ein wenig in den Hüften wie nach frommen Rhythmen. Leise und sanft verklang das tonlose Lied in den Kräuselwellen der Taille, die Rockfalten gaben sie an August weiter. Der blöde Bauernknecht befand sich zum ersten mal in einer Art Verzückung einer lediglich durch Anschauung hervorgerufenen Freude.

Und dann stand sie wieder vor ihm, blond im Haar, blau im Auge. Schnell und schüchtern lief sein Blick einmal hinauf, einmal hinab. Er wußte nicht, wie die Person da vor ihm es eigentlich machte, aber er wußte genau: er hörte die Nachtigall wieder, die hinter seines Vaters Backofen im Apfelbaum geschlagen, als er noch klein war. Vor ihm rauschte wieder der See, und auf hochgeschwungener Koppel fand er auch seine Buchen wieder, die ragenden, einander überragenden Buchen und ihre lachenden Häupter.

»Der Bauer lasse grüßen«, bestellte das Mädchen, und wieder traf unsern blöden Freund der Stimme seliger Klang. »Es sei alles in Ordnung«, sagte sie, »Klaus Pries könne mitfahren, um sechs Uhr gehe es los.«

August Böteführ dankte. Er wagte nicht noch mal das Auge aufzuschlagen, er wollte es nicht mit der Herrlichkeit, die vor ihm stand, verwöhnen. »Adjüs«, sagte er und ging.

Darauf rief es hinter ihm her und traf ihn ins Herz. »August! August Böteführ, kennst du mich nicht? Alma ist mein Name, Alma Nothammer ist mein Vor- und Zuname.«

In Augusts Kopf schlug ein ganzes Heer von Nachtigallen. Er hielt die hübsche Alma Nothammer an beiden Händen und riß sie an sich und schüttelte sie nach Kräften. »Alma, wie groß, wie nett du geworden bist!« Eigentlich hatte er sagen wollen: ›wie schmuck, wie schön du geworden bist!‹ Aber das getraute er sich nicht, es dünkte ihn eine Barbarei und Grobheit, ihr so was ins Gesicht zu sagen. »Du bei Klaus Butenschön? Sag, wie kommst du hierher?«

Alma fing an, zu erzählen, aber kurz war es nicht abzutun. Die Mutter war gestorben, sie war zu einer Tante gekommen, die in Tappendorf wohnte. Und die Tante war mit Jörn Vollert in Embüren bekannt gewesen, und nach der Konfirmation war sie zu Frau Vollert in Dienst gekommen.

Sie standen noch immer auf Klaus Butenschöns Diele. Alma Nothammer sollte die Diele abfegen und dann melken gehen, und bei Klaus Pries wollte er heute abend noch ein Fuder Mengfutter für die Kälber holen. Die Geschichte auf der Diele zu erzählen, dazu reichte die Zeit und auch die Diele nicht. Sich alle kleinen Erlebnisse mitzuteilen und die von ihnen in den letzten zehn Jahren gedachten Gedanken, wenn auch nur die hauptsächlichsten, zu sagen ... zu überdenken, was alles passiert sei, seitdem sie dem Schuster in die Äpfel gestiegen waren, dazu wäre selbst Klaus Butenschöns Scheune zu klein gewesen.

»Wir wollens in Ruhe machen«, sagte Alma Nothammer, »nach Feierabend und an einer Stelle, wo wir ganz allein sind.« Und sie bestimmte die Stelle, die zum Stelldichein vor allen Dingen geeignet ist.

Hinter Klaus Butenschöns alter Scheune (die große neue ist ihr in Kreuzform vorgebaut), da steht eine Fliederesche mit prächtigen Dolden. Es ist eine Bank darunter, und auf der Bank ist es still und lauschig. Ein schmaler, aber dichter Zaun von Holundergebüsch nach der inneren, von jungen Tannenstämmchen nach der Koppelseite wacht über den Frieden. Klaus Butenschön und Frau hatten vor, nach dem Abendessen auf Besuch zu gehen. Das Jungvolk trank bei Lischen Timm eine verwettete halbe Flasche. Alma Nothammer und August Böteführ werden unter der Fliederesche ungestört sein.

 

Unter der Fliederesche hat August Böteführ das Küssen gelernt, unter der Fliederesche hat er die Heimat, wenigstens das Schönste seiner Heimat, wiedergefunden.

»Sag mal, August«, fragte Alma, »wie heißt der Knecht, der bei Jörn Peters dient? Rotes Gesicht hat er und schwarze Haare und krummen Nacken.«

»Thies Scheel heißt er.«

»Weißt du, August, dem hab ich gestern einen an den Kopf gegeben.« Alma Nothammer sagte das, als sei es eine höchst gewöhnliche Sache, Thies Scheel einen an den Kopf zu geben.

Unseren August Böteführ packte Verwunderung und Entsetzen. Verwunderung, weil das schöne Mädchen und Einenan-den-Kopf-geben sich in seiner Vorstellung gar nicht deckten; Entsetzen, weil nun gar Thies Scheel der Geschlagene sein sollte. »Du hast Thies Scheel einen an den Kopf gegeben?« Er betrachtete die kleine, kräftige, schlagfertige Hand mit starrem Staunen.

»Ja, das hab ich getan. Und ich war im Recht. Alle Mädchen haben das Recht, sich zu wehren, wenn man sie anfaßt.« Und sie erzählte.

Es sei gestern abend gewesen. Sie habe einen Eimer Wasser aus dem Brunnen gezogen und beide Hände an der Brunnenstange gehabt. Da sei jemand hinter ihr auf den Hof gekommen. Sie habe es wohl gehört, sich aber nichts dabei gedacht. Plötzlich sei sie umarmt und auf den Nacken geküßt worden. Rasch entschlossen habe sie Stange und Wassereimer fahren lassen. Die seien in den Brunnenschacht hinab, ihre Rechte aber auf die Backe des Angreifers nieder gesaust. Nun erst habe sie gesehen, wer es gewesen. »Kröte!« habe er geschrien. Wer weiß, was noch passiert sein würde, wäre nicht der Bauer Butenschön aus der Stalltür getreten. Da sei der Knecht mit seinem krummen Nacken schnell weggelaufen.

»Das wird er dir nie vergessen.«

»Dann mag ers im Gedächtnis behalten.«

»O Alma, da gehören wir ganz zusammen. Denn Thies ist mir auch nicht grün.« Und nun erzählte August seine Leiden, die Widerwärtigkeiten, die ihm als Butenmensch in der Schule und im Dorfe erwachsen waren.

Mit seiner Duldermiene fand August bei dem frischen Mädchen keinen Beifall. »Sei kein Bangbüx, August!« sagte sie. Nun wuchs auch August der Mut, und er behielt ihn den ganzen Abend.

Als er seine Kammer aufsuchte, besah er zum ersten mal seine Hände, seine zum Fassen, zum Halten, zum Greifen und, wenn es sein mußte, zum Schlagen bärenmäßig eingerichteten Hände. Er wunderte sich, daß er bisher so wenig Respekt vor diesen Händen gehabt habe.

 

Das Erntebier stand bevor. Man sagte, die beiden Butenmenschen wollten es auch besuchen.

Die Sonne ist untergegangen. Weißer Vollmondschein webt auf Weg und Steg. Es läuft ein Fußsteig von der Landstraße über Schröders Koppel nach dem Höker. Zwei dunkle Gestalten bewegen sich darauf in entgegengesetzter Richtung, die eine kommt vom Höker, die andere will dahin.

»Godn Abend, Johann!« – »Godn Abend, Thies!«

Es wird festgestellt, der eine hat Tabak geholt, der andere will Tabak holen. Und dann kommt die Rede auf das Erntebier. »Du«, sagt Johann, »August Böteführ will auch hin.«

»Was du sagst!«

»Und denk, August hat 'ne Braut.«

»Spaß, wie heißt sie denn?«

»Die Hübsche bei Klaus...«

»Bei...«

»Ja, das neue Mädchen bei Klaus Butenschön.«

Thies lacht, er lacht nicht ganz frei. Er fühlt ein Brennen auf der Backe. »Weißt auch, was sie fürn Namen hat?«

»Nein.«

»Alma Nothammer.« Und nun lacht Thies Scheel voll und frei. August Böteführ, August Feuerbrand und Alma Löscheimer. Das ist ein Spaß.

Der Höker ist in seiner Warenstube gewesen, einen Kaffeesack auszupacken. Er hat Thies Scheel hell über Schröders Koppel hinweg lachen hören.

 

Ein Tag vor dem Erntebier. Klaus Pries und sein Knecht gehen mit Reckwerk nach den Wiesen, einen wasserlosen Graben einzuhegen. Die Stiere stehen schon einige Tage davor und brüllen. Da begegnet ihnen Thies Scheel und macht seine alten Geschichten: eine hohle Hand macht er und fängt an zu pusten. Und duckt sich krumm und tut mit den Armen, als wenn er mähe. August Böteführ kümmert sich nicht darum, er besieht seine Hände.

Unten auf der Wiese hat es weiter gebrüllt. Einen Augenblick wars still, nun klingt es wieder stärker. Und siehe, des Nachbars Bulle ist hinüber und... sieh, oh sich!... da stoßen die Köpfe aufeinander.

Klaus Pries dreht sich nach seinem Knecht um. Und sagt und zeigt mit krummem Finger über die Achsel auf Thies: »Ich glaube, du tätest auch gut«, sagt er, »mal mit dem auf die Weide zu gehen.«

 

Und im Erntebier ist er mit ihm zusammen auf die Weide gegangen. Er ist Sieger geblieben, Hinrich Heuk hats gesehen.

Thies hat seinen alten Trick versucht, hat den Nacken krumm gemacht und den krummen Nacken seinem Gegner zwischen die Beine zwängen wollen. Aber darauf ist August gefaßt gewesen. Klaus Pries hat schon gesagt, was Thies für Züge an sich habe. Mit seinen Händen hat er ihn gefaßt, mit seinen großen Händen gehoben (Thies hat kein Bein an die Erde gekriegt), er hat ihn auf die Diele gelegt und mit seinen großen Butenmenschhänden hat er ihn zugedeckt, wie nur je ein Dorfmensch zugedeckt worden ist. Und den Thies hat er von Zeit zu Zeit gefragt: »Hast nun genug?« Und ›Iitsch! jitsch!‹ haben seine großen Hände gesagt und sind wie Keulen und Hammer hinabgestürzt in Thies Scheels Gesicht. ›Iitsch, jitsch‹, hat es gesagt, ›acht Jahr hab ich für dich gespart, Thies. Nun geb ich reichlich. Alles dein, dir kommt es zu, davon hab ich noch eine ganze Masse.‹

Endlich hat Alma Nothammer ihren August am Ärmel gezupft und hat gesagt: »Laß gut sein, August, er hat genug.« »Das kleine Mädchen meint, du solltest dich zufrieden geben und sagen: es ist genug. Ich mein es auch. Nur diesen noch – jitsch! Der ist für einen gewissen Kuß beim Sodbrunnen. Nun, was meinst, willst sagen: ,es ist genug«, oder gefällt dirs so gut, daß du nimmer satt wirst?«

Die Umstehenden haben sich ins Mittel gelegt, Thies Scheel hat sich denn auch für besiegt und zufrieden erklärt. Da hat August Böteführ den Unglücks-Thies losgelassen.

Acht Tage hatte Thies im Bett gelegen, und drei Tage hat er gefüttert werden müssen, so verschwollen ist er gewesen. Feuerpusterohr hat er aber nicht wieder gemacht. Er hatte an dem Erntebiertanz genug, es gelüstete ihn nicht, noch einmal mit dem Butenmenschen August Böteführ auf die Weide zu kommen.

Der Eulenvater in der moosgrünen Kate, der sich über nichts mehr wundert, hielt es auch nicht für nötig, darüber nachzudenken, ob überhaupt etwas geschehe. Da war nun die Eulenmutter ganz anders. Es war für sie ein großer Tag, als die Pächtersfamilie aus dem Hecktor hinaus und der Eigner August Böteführ mit seiner jungen Frau einzog. ,Ist das ein Glück«, sagte sie zu ihrem Alten, ,ich meine, was ist für ein Glück mit den beiden jungen Leuten!«

Die Vögel im Walde erzählten einander, wie die junge Frau lachen könne, das Nachtigallmännchen im Apfelbaum war ganz hin. Nicht wahr', fragte er seine Frau, ,ich hab heuer viel mehr Metall in der Kehle, und so voll wie jetzt waren meine Schlager noch nie. Sag selbst, waren meine Schluchzer jemals so schön, so schmelzend, von solcher Tiefe? Das macht das Lachen, das Singen, das macht das lustige Gesicht, die gelben Haare machens, die Kate macht es und hier herum so jung und fröhlich zwitschert und grünt.


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