Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Dreschermelodien

Ein Fünfziger bin ich, mehr nicht, und schon erinnert die Farbe meines Haares an die weiße Winterlandschaft draußen. Aber ich fühle mich bei Kräften, finde auch das Leben erträglicher, als es mir in der Jugend erschienen ist. Stille Spaziergänge an ruhigen Wintertagen, wenn der Himmel seinen Schneemantel über die Baumspitzen meines geliebten Stadtwaldes schleift, liebe ich vor allem. Drei Grad Kälte bei ruhiger Luft, in weicher, warmer Wolle, das ist die richtige Wärme.

Von meinem Häuschen gehe ich dicht an der großen Platane, die im Sommer ihren breiten Schatten zum Ärger meiner alten Haushälterin auf die Erdbeerbeete wirft, daran vorbei, aus der Gartenpforte direkt in den Wald.

Mit kräftiger Handkrücke schreite ich über die von keinem gemeinen Niederschlag beeinträchtigte Vornehmheit des gefrorenen Bodens. Die weißkörnigen Kristalle, die mit angenehmem Knistern unter meinem Fuß zerplatzen, der von überhängenden Ästen über die reinlichen Waldwege geschüttete Rauhreif, das gelbrote Eichenlaub, die satten Farben der Rotbuche – wie liebe ich das alles!

Trete ich ins Freie, dann nimmt mich eine weite, mit zerstreuten Gehöften bedeckte Ebene auf – eine stille, verschlafene Landschaft. Weit ab tobt die Stadt, müde und schwer stiegt eine Krähe über das Feld, setzt sich in einen frostigen Wipfel und späht nach Raub und Atzung aus.

Der Weg teilt sich. Gewöhnlich gehe ich links. An dieser Seite wogt der geschäftige Lärm. Die Turmuhr kündet – zunächst im feierlichen Halbklang der Schläge vier den Ablauf einer Vollstunde anzukündigen, dann elf gewichtige, kräftige, entschiedene, jeden Widerspruch ausschließende, peinlich genau ins Ohr gezählt. Ein breiter, brummiger, zuletzt kurz abgebrochener Nachklang als Bestätigung des schattenhaft aus dem Nebel drohenden langen Gesellen, der endgültig versichert, die elfte Frühstunde sei wirklich vollendet und daran solle keine Macht der Welt was ändern.

Seit Jahren dasselbe Bild. Doch nein, nicht ganz das gleiche. Früher hörte ich die lustige Musik der Dreschflegel vom Dorfe her. Jetzt summt und raucht in jedem Herbste, sobald der Wind über die Stoppeln zu wehen beginnt, vor den Bauernhöfen die unvermeidliche Dampfdreschmaschine; jetzt kreisen vor jedem Scheunentor in den aufgewühlten Ameisenhaufen geschäftigter Leute ruhelose Räder und Riemen. Staub, Qualm und Stroh! Und in der Dorfschenke, die sich roh, schmuck- und gardinenlos der Straße darstellt, sehe ich fremde, oft rothaarige Arbeiter mit Strohgefaser in Bart und Haar, kartenspielend, Bierseidel wie Steinkrüge aneinander stoßend. Ich sehe den dicken Wirt. Pustend bringt er den ihm klebrig von den Fingern tropfenden Kognak.

Heute aber ist ein besonderer Tag. Das erfrischende Klingklang der Handdrescher schlägt an mein Ohr. Kaum wage ich meinem zwar alten, aber noch zuverlässigen Auge die Sünde wider den Zeitgeist zu glauben.

Klipp-klapp! Duff-duff!

Wie kräftig das klingt, drollig lustig und drollig wehmütig! Ich wiege im Weitergehen das Haupt nach der urwüchsigen Melodie der Arbeit, im Geiste sehe ich der Dreschergruppe scharf umrissenes Bild.

Klipp-klapp! Duff-duff!

Wenn das erste Paar anschlägt: sanft hell und leicht auf strotzende Ährenköpfe (wuchtige Schläge zermalmen die Körner), genügt der Stoß des elastischen Handgelenks, die Werkzeuge kreisen nicht höher als die Hilgen der seitwärts belegenen Pferdeställe. Wie anders, wenn der Drescher im vollen Stroh arbeitet und das Werkzeug unter dem Druck der hocherhobenen, muskulösen Arme niederwuchtet! Der keulenartige Klapper stürmt hinauf bis zur Bodendecke der Tenne, verharrt dort wie ein aufblitzender Gedanke, dann reißt ihn des Armes Nerv in die Tiefe. Und gierig blinkt im Sprung das weiße Eschenholz.

Noch höre ich das milde zeitweilige ›Kling-klang‹, dann mischt sich genau im Halbstrich des Taktes das zweite Paar mit dunklerer Klangfarbe in den Reigen, endlich hastet im Sechsteltakt die lustige Melodie.

Der Dreschflegel ist ein feines Instrument, vornehm wie die Geige. Es offenbart die Persönlichkeit des Künstlers, ist es gleich ein plumpes Holz. Da gleicht kein Schlag dem anderen, und vollendeter Zusammenklang im scheinbaren Wirrwarr. Das alles freilich fühlt nur der Kenner. Dessen Ohr aber erlauscht die Eigenart aller Künstler. Das ist ein Diskurs, den er mit steigendem Interesse verfolgt: behaupten, bestreiten, beistimmen, widerlegen, einschränken, erweitern – eine Erörterung, die in den tiefsten Schacht seines Empfindens dringt, und jeder Redner ein Künstler. Erst ergießt sich der Strom des Vortrages mit ruhiger Kraft, dann in rollendem Glanz flammenden Zornes, verwoben, gehemmt, getragen von der Entgegnung ebenbürtiger Meister.

Ich schwelge.

Bei den leichten Schlägen ist das Gespräch munter und trostreich, aber von finstrer Tatkraft, was auf der Garben Mitte niedersaust. Jene Klänge scheinen sich tändelnd zu nähern, ab und zu hascht ein lieblicher nach uns im neckischen Frohmut. Aber dumpf entweicht er wieder und grollt ärger denn je vor Rache und Zorn.

Nun arbeiten die Werkzeuge mit gesteigerter, düsterer Gewalt. Und jählings Stille! In tiefster Erbitterung. Der Gewalt Raum und Atem zu verschaffen.

 

Das helle Klipp-klapp, das dumpfe Duff-duff! Was für Erinnerungen weckt dieser Ton!

Es ist lange her, da kannte ich einen jungen Burschen, der den Flegel zu führen verstand wie einer. Und wenn man bei dem widerspenstigen Buchweizen die doppelt halsstarrige Mitte abstäubte, dort, wo das dunkle stöhnende Buff-buff! vom Eschenholz widerklingt, wo den braunen Gesellen die Schweißperlen auf der nackten Brust blinken, dann setzte er seinen Stolz darin, daß sein Flegelschlag ebenso wuchtig auf die Tenne stürze, wie der Hieb des starken Großknechts, der neben ihm durch Stroh und Distel bis auf den harten Estrich schlug.

Aber es wurde nicht immer gedroschen. Feldarbeiten füllten die Sommertage aus, es kamen sonnige Tage, wo mein junger Freund hinter der Herde im grünen Grase lag. Ja, es gab Tage, wo er der grauen Fessel der Arbeit überhaupt ledig war, wo ihm Flegelgeklapper nur als Generalnenner der Arbeit wie aus weiter Ferne vor den Ohren lärmte.

Bei solchem Müßiggang verlor er seinen Frieden und fand, so glaubte er, sein Glück. Sein Bruder, der nach Landessitte und Landesrecht bestimmt war, den Hof zu übernehmen, hatte sich verlobt. Die ganze Familie fuhr zum Besuch nach den künftigen Schwiegereltern, die Mühle und Hof in der Niederung des Bruchlandes besaßen, hinüber.

Da der Hof in einer Talmulde lag, so gewahrte Steffen ihn erst, als der Wagen sich aus den hohen Knicken herausarbeitete. Und plötzlich lag eine Idylle vor ihm. Drüben am Teich der stattliche Hof mit dem mächtigen Wohngebäude und den lindenbeschatteten Wohnräumen, im blanken Wasser widergespiegelt das grüne Tafelwerk der Wände, das leuchtende Rot ihrer Ziegel; die Brücke unter den Rädern dumpf rollend und dröhnend, ein stäubendes Mühlrad und im Hintergrunde der weite, in der Frühlingssonne strahlende strotzende Wald.

Er drückte manche Hände, als der Wagen vor der Haustür im Schatten hielt. Alle waren beisammen: das noch rüstige Ehepaar, die schlanke Braut Lisbeth, die hurtig mit dem Verlobten in traulicher Zwiesprache verschwand, die freundliche Jugendgestalt seines Altersgenossen Hinrich, und noch ein blutjunges, süßes Geschöpf, ein liebes, blasses, von gelben Sommersprossen leicht betupftes Gesichtchen, dessen Köpfchen schlicht gescheiteltes, aber dichtes Haar bedeckte. Ein blondes Haar mit jenem leichten gelbroten Anflug, den mein Freund und auch ich (wir beide sind darin gleich) so sehr lieben. Und die Lippen, sie dünken meinem Freunde noch jetzt zart und weich gelagert, wie die Reime eines lyrischen Gedichtes.

Sie wurden schon am ersten Tage gute Kameraden, und das blieb den anderen kein Geheimnis. Hinrich neckte: »Hurra, wi wöllt Doppelhochtied fiern, Max und Lisbeth, Steffen und Marie!« Das gab viel Gelächter. »Ja, ja, dat weer 'n Spannwark, dat weern Passers.« Aber der Scherz klang im Kopfschütteln der Alten aus. Es ginge wohl, aber es gehe doch nicht. Steffen sei zu jung, und einen Hof müßten sie doch auch haben.

Und der Gedanke, daß er keinen Hof habe und daß er deshalb mit ihm und der Marie nichts werden könne, beeinträchtigte Steffens Freude an der rotblonden Schönheit sehr. Aber alle Wehmut hinderte ihn nicht, noch an demselben Tag der Marie zu versichern, daß sie gut sei und daß er sie sehr lieb habe.

Das geschah, als der hinterlistige Hinrich, mit dem Jagdgewehr im Anschlag, im tiefsten Dickicht hinter struppigem Dorn wie eine Waldtaube gurrte, um liebestolle Täuberiche in Schußweite zu locken, nachdem sein Wink die Begleiter in das Versteck des Unterholzes verbannt hatte. Jenes Bekenntnis war wider die Abrede unverbrüchlichen Schweigens; die falsche Waldtaube unterbrach daher für einen Augenblick ihren heuchlerischen Ruf durch ein scharf gezischtes, zorniges »St!«

Da wars still; nur fröhliche Syringen und ein Buchfinke beobachteten altklug den Gehorsam der Gemaßregelten, als unser von keinem falschen Lockruf bedrohtes Taubenpaar, bedeckt von der freundlichen Verschwiegenheit blühender Ranken, im langen Kuß sein junges Glück vergrub.

 

Am folgenden Tag wurde auf dem Heidehof gedroschen. Die Witterung hatte sich zu einer verläßlichen Wärme entwickelt; das Vieh war früher, als man hatte erwarten können, auf die Weide gekommen – da mußten die letzten Hafergarben, weil sie als Rauhfutter nicht mehr verwendet werden konnten, ausgedroschen werden. Bei dem Dreschen hat der Flegel allein das Wort, nur wenn das Stroh aufgeschüttet wird, wenn neue Garben gelegt werden, rinnt der Strom der Unterhaltung.

Karsten erzählte vom Vaterbruder, der bei dem Ältervater des jetzigen Besitzers auf der Mühle gedient hatte, Klaus war persönlich bei dem gegenwärtigen Herrn im Dienst als Hofjunge gewesen und war daraus entlaufen. Beide wühlten in der Familienchronik der Müllerfamilie und schätzten jedes einzelne Feld des Hofes ab. Der Wald sei groß und wertvoll, die Ländereien nach Westerborstel zu guter Roggenboden – aber was an der Feldmark von Elsfleth liege, damit wehe der Wind, wenn er stürmisch aus dem Osten komme. Mein Freund sagte gar nichts. Das junge Herz war ihm zu voll, das Antlitz der Blonden schwebte über allem Stroh und über allem landwirtschaftlichen Gerede. Er gehörte zu jenen Naturen, die mit vollem Herzen entweder sehr viel und laut reden oder (und das traf in den meisten Fällen zu) ganz still sind. Dafür nannte er jenen geheimen Zauber sein eigen, dem die lauten und geheimen Stimmen der Natur dienstbar sind, auf daß sie teilnehmen an seinem Leid und an seiner Freude.

Wenn die Garbenlage geordnet war, wenn man die Flegel vom Balken nahm, wenn das helle Klipp-klapp! das dumpfe Buff-buff! sich ablösten, dann war es für ihn nicht mehr der Klang vom Eschenholz, was rhythmisch auf und ab wogte, es war vielmehr der Dolmetsch der Empfindungen, die er seinen Gefährten andichtete, und auch in den eigenen Händen wurde der Holzstock zum melodiösen Instrument. Es entfaltete sogar große Beredsamkeit und verwickelte die Geräte seiner Mitdrescher in lebhafte Gespräche.

So trug es im hellen Kling-klang vor, wie unser Freund die Marie begrüßt hatte. Als er ihre zarten Farben beschrieb, antwortete lebhaftes Echo. Karsten sprach in seiner Flegelsprache davon, auch er liebe blasse, rotblonde Geschöpfe und habe Verständnis für den Reiz leuchtender Sommersprossen unter blauen Kinderaugen. Die andern waren mehr für gesunde, rote Gesichter, Klaus machte sich keinen Pfifferling aus Sommersprossen und roten Haaren: ein rotes, volles, dralles Ding mit Armen wie Blutwürste, das sei sein Geschmack. Und in diesem Fach, drosch er selbstbewußt hinzu, sei er nicht nur Liebhaber, sondern ein gewiegter und erfahrener Kenner.

Nun verriet auch unser Freund sein kleines, bisher nur den Syringen und einem gewissen Buchfink bekanntes Geheimnis. Wuchtig klang es von der Garben Mitte Buff-buff! Aber in heiteren Tönen verwob sich damit in nimmersatter Umarmung und hellem Kling-klang das altbewährte Motiv: ›Ich bin dir gut, ich hab dich lieb.‹

Vor ihm und neben ihm hastete unermüdlich die melodiöse Erklärung, daß es Frühling sei, sonniger, warmer Liebesfrühling. ›Er hat sie lieb‹ jauchzte das blinkende Gerät des freundlichen Bartel und überschlug sich vor Vergnügen. ›Sie ist ihm gut‹ versicherte der ehrenwerte Schlag des Johann. An den herzlichen Glückwunsch aller Dreschflegel schloß sich Klaus an, allerdings mit dem Vorbehalt, daß er für seine Person es vorziehe, viele Mädchen ein wenig, anstatt eines überschwänglich zu lieben.

Dann ging es an ein Verarbeiten der Bedenken, die mein Freund seinen Kameraden vortrug. Den fehlenden Hof hielten alle Dreschflegel für Unsinn. Gegen die engherzige Behandlung der Liebe, gegen die Ungerechtigkeit der Anerbenschaft erklärten sich alle Geräte, zumal Klaus mit einer Wucht, die jeden Widerspruch ausschloß.

 

Meinem jungen Freunde hat kein Ereignis jemals wieder ein solches Erstaunen über sich selbst abgenötigt, wie seine erste Liebe. Das war wie eine über ihn gekommene fremde Gewalt. Bei dem ersten Blick, den ihr Auge erwidert, ja verzehrt hatte, war ihm bewußt gewesen, daß er an dies Auge sein Lebenlang denken werde. Noch mehr war er über seinen Mut erstaunt. Es schien ihm schier unglaublich, daß er einen Mädchenmund geküßt habe. Der stille Bursche sann über diesen Vorgang tief nach, am meisten aber darüber, wie er den zum Heiraten erforderlichen Hof beschaffen könne, bevor ihm sein Mädchen, das ihn in der Heiratsfähigkeit zu überholen droht und bald begehrt sein wird von einem andern weggenommen werde.

Über allem Nachdenken kam ihm die frische Tatkraft abhanden. Vor Denken waren seine Gedanken niemals bei der Sache. Im Genuß der Lippen seines Mädchens freute er sich nicht so sehr über die ihm gewährte Gunst wie auf die Einsamkeit seines Heidehofs, wo er über Marie, ihre lieben Züge, über das rote Gold ihrer Haare, über ihre weichen Lippen tief und wunschlos nachdenken wolle. Dafür wurde er dann in den langen Zeiten, wo er sie nicht sah, (nach Verdienst) von der Begleiterscheinung jeder erotischen Zuneigung, der Sehnsucht, mit ausgesuchten Qualen bestraft.

Es fehlte meinem Freunde das Bewußtsein, daß er Rechte habe, daß sein Schöpfer ihm für Wünsche und Triebe, die er bei sich vorgefunden, aber nicht bestellt hatte, verpflichtet sei. Ihm war das Eia-Popeia der Entsagung zu sehr ins Blut gegangen. Im Genießen glücklich sein? Wahnsinniger Gedanke! Glücklich sein in der Liebe zum Weibe? Zwiefach moralischer Wahnwitz!

So war mein junger Freund ein armer, von seelischer Verkümmerung schwer bedrohter Sünder. Denn was er dachte, dachte er ganz geheim. Das Eschenholz mußte viel offenbaren, was der Ergießung harrte. Von all den seinen Stimmen, womit die Natur auf ihn einredete, ging nichts so tief in seine Seele wie dessen Weise. War aber der letzte Schlag verklungen, war auch der Zauber dahin. Karsten und Johann und Bartel und Jasper und Klaus pflegten sich ein Endchen Kautabak zu genehmigen und dann das Stroh so schlicht und recht aufzuschütteln, wie ein Drescher, der nichts von dem Leid und der Freude einer Herzensliebe weiß, zu tun pflegt.

 

Dem Frühling folgte ein schwüler Sommer und ein nasser, trüber Herbst. Die bleiche Lisbeth begann zu hüsteln sie war arg erkältet. Aber eine Braut darf nicht krank sein, es ist zu störend, paßt auch nicht zum bräutlichen Gesicht. Man muß es zu überwinden versuchen, dann wirds schon gehen. Die Sitte verlangt, daß eine Braut der Welt ihr Glück und den Mann ihrer Wahl zeigt, es ist schön, Braut sein und beneidet, auf Kirchweih und Jahrmärkten, auf Hochzeiten und Bällen in geschenktem Geschmeide glänzen.

Aber im November ging es nicht mehr. Da war sie ernsthaft krank, Ruhe zu empfehlen. Jawohl, Ruhe! Es kamen Fiebernächte und Fieberträume ... Auswurf ... große Schwäche. – Der Frühling soll helfen!

Aber bevor noch die erste Lerche auf der Mühlenkoppel trillerte, kroch der kalte Tod an der Kranken herauf. Gleichzeitig von den Fuß- und Fingerspitzen kletterte die kalte Erstarrung nach dem Herzen hinan.

Max hielt sie bis zum letzten Verröcheln im Arm. Sie wollte reden, konnte aber nicht mehr. »Lieber! ... Marie ....« Der Knochenmann schloß ihr die lallenden Lippen.

 

Damals standen die altväterlichen, freundnachbarlichen Verbindungen, die jetzt sogar auf dem Lande in voller Auflösung begriffen sind, noch in voller Blüte. Zumal die ungeschriebene, auf dem Wege der Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Sippengenossenschaft der ›Ploog‹ bildete noch immer die Sargfolge bei Trauerfällen. Zur Zeit der grundlosen Wege aus einem wirklichen Bedürfnis hervorgegangen, wobei es sich darum handelte, bei weit entfernten Friedhöfen die zur Leichenbeförderung erforderlichen Gespanne aufzutreiben, zeigte sie, nach ihrer Umwandlung in eine Gemeinschaft wechselseitiger Ehrenpflichten, die Erscheinung eines schönen nachbarlichen Verhältnisses. Die Ploog vertrat in der allgemeinen Schwermut den frischen Mut zum Leben. Auch bei den tränenreichsten Todesfällen war sie, wenn noch der Trauerzug langsam dahinschaukelte, beschäftigt, die von der Unabwendbaren zerschnittenen Fäden neu anzuknüpfen.

Nach beendigter Feier knatterten die Fuhrwerke in scharfem, frischem Trabe der Heimat zu. Der Magen verlangte sein Recht. Die Totenmahlzeit (›Gräff‹) darf nicht anders als üppig und reichlich sein. Die Ploog hat die Aufgabe (das verlangt die Schicklichkeit), das heitere, fröhliche Element an der Tafel zu vertreten. Sie muß sich gegenseitig necken, hänseln und – lachen. Nicht nur lächeln, nein, sie muß lachen, im befreienden Brustton laut lachen, als sei es die allergewöhnlichste Sache, einen Lieben im Sand des Kirchhofs zu verscharren.

Nichts ist so ansteckend wie das Lachen eines guten, wohlmeinenden Gesichts. Daher wurde die Tafel fast immer in einer Stimmung aufgehoben, die sich zur warmen Heiterkeit steigerte und im versöhnten Aufblick zum Leben ausklang.

Schon bei den Trauerfeierlichkeiten sollte es in der Ploog verhandelt worden sein, daß Max die Marie heiraten werde. Eigentlich selbstverständlich: die Braut war ihm gestorben, eine Frau mußte er haben, weil er den Hof übernahm. Eine Schwester der Braut war da, zwar noch etwas jung, aber doch heiratsfähig – es konnte nicht anders werden. Auch sollte Liesbeth es auf ihrem Totenbett ›bestellt‹ haben.

Ob dabei jemand wohl an unseren Freund dachte? Wir glauben kaum. Diejenigen, die etwas von seiner Schwärmerei ahnten, kannten jedenfalls nicht ihre Tiefe. Zu diesen dürfte der Bruder vor allen Dingen gehört haben. Selbstverständlich handelte es sich nur um eine Kinderei. Er, der Erbe des Hofes, und der liebe, dumme Junge, fast noch ein Knabe! Im allgemeinen hat der Landmann wenig Achtung vor den Träumen seiner Jugend. Kindereien finden bei ihm nicht viel Rücksicht. Und Kinderei ist alles, was seinem Verständnis, weil seiner Vorstellungskraft, entfallen ist, mag es auch früher seine Pulse in stürmische Bewegung versetzt haben. Es ist nun einmal so: wen das Leben hart und rücksichtslos drischt, der arbeitet auch an seinem Teil mit hartem, rücksichtslosem Flegel.

 

Das Gerücht von der bevorstehenden Verlobung verbreitete sich. Es sollte angeblich nur das Trauerjahr abgewartet werden, sie öffentlich zu erklären. Nur ihm, den es am meisten anging, verbarg man es. Aber er atmete wie in Gewitterschwüle.

Vieles war wunderlich, darunter die sich häufenden Besuche seines Bruders auf dem Mühlenhof. Einmal, zweimal, dreimal klapperte es verdächtig vom Dreschflegel des Klaus her. Auch das Verhalten von Marie war anders. Sie hatte viel an ihm zu tadeln, an seiner Zurückhaltung, an seiner Unbeholfenheit. Einmal stellte sie ihm gar Max und sein frisches Wesen als Muster hin.

Bei einer Besorgung, die er in der Stadt machte fiel es ihm endlich von den Augen. Überall fragte man, wann die Hochzeit seines Bruders mit Marie (die Verlobung wurde als selbstverständlich angesehen) stattfinden werde.

Als er es das erste mal vernahm (er war bei dem Kaufmann Ehmsen zum Familienkaffeetisch herangezogen), hätte er beinahe den Tassenkopf fallen lassen. So sehr hatte er sich erschrocken. Trotz des weichen Stuhls, in dem er sich strecken durfte, und trotz des guten Kaffees fühlte er sich namenlos unglücklich.

In seinem Gehirn drosch der Teufel eine eigene Dreschermelodie. Das hastete, klippte und klappte auf dem ganzen Weg nach der Mühle. Unser armer Freund hatte sich kurz und gut entschlossen, diesen Umweg zumachen. Weshalb? Zu ihr, in ihre Nähe – Licht, Luft, Lösung!

Und der Böse in seinem Kopfe fiedelte und drosch. Alles, was die Ploog schon vor einem Jahre so verständig erwogen hatte, brachte er in Verse und machte dazu eine hübsche Musik. Mit kicherndem Hohn zeigte er die Ungleichheit beider Liebhaber. Er, der schüchterne Junge, und Max – lächerlich! Der Teufel wandte sich in direkter Anrede an ihn und nannte ihn ›Kollege‹. – »Kollege, was kannst du bieten, armes Kerlchen du?« Den Kehrreim des Spottgesangs kicherte er in hohem Diskant: ›Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten.‹ Und nun fing er an zu sticheln auf seine Blödigkeit, auf seine Weichheit, auf seine Schwäche; er bemängelte seinen Gang, seine Haltung, seine Manieren, seinen Anzug. Diesem Kapitel widmete er mehrere Strophen: ›Ik weer ok mal in Beiderwand to Köst ...‹ begann die eine, ›witte Hoor un krumme Näs!‹ die andere.

In dem Walde trieb es ihn nach dem Versteck, wo er einst unter blühenden Syringen geküßt hatte. Und auch diese Andacht begleitete der Musikant mit parodistischem Couplet. Das sprang und wendete sich in kurzem, gehacktem ›Klipp-klapp‹. Der eine küßt sie, der andere kriegt sie ... das war das wiederkehrende Motiv.

 

Der Ärmste kam nicht zur Sammlung. Seine Fassung war dahin, als er die alten Stätten des Glücks aufsuchte. Im Walde dämmerte der Oktobernachmittag, rotes und gelbes Laub fiel, es ruschelte unter seinen Sohlen. Eigentlich hatte er die Syringen, die sich so neidlos gefreut hatten wiedersehen wollen; aber welche Torheit, Syringen im Oktober! Auch der Buchfink, der sich damals die Geschichte so genau betrachtet hatte, als wolle er im Vogel-Kasino einen Vortrag halten »Über die Technik der Menschenkinder beim Schnäbeln«, war nicht anwesend. Anstatt dessen hämmerte ein bunter Specht an den Bäumen. Der prosaische Kerl dachte nur an seine Arbeit und Nahrung, und bei dem Anblick des langen Schnabels mußte Steffen unwillkürlich denken, dem hätte auch der lehrreichste Vortrag nicht gedient, und ob er überhaupt imstande sei, mit solchem Ungeheuer seine Eheliebste zu schnäbeln, sei zu bezweifeln.

So ungefähr waren die Betrachtungen, die das Geräusch eines schwer beladenen Bauernwagens störte, der auf der holprigen, neben dem Waldessaum daherlaufenden Landstraße fuhr. An den kurzen, metallenen Stößen der Wagenachsen erkannte Steffen den väterlichen Mühlenwagen (seines Wissens gab es ein zweites Lastfuhrwerk mit stählernen Achsen in der Gegend nicht); das Leitpferd prustete: es war das selbstzufriedene Niesen der alten braunen Liese.

Nun wußte er, wer ihm zuvorgekommen war. Zwischen den Wagenstößen hörte er die Stimme des Bruders in freundlich gelaunter Unterhaltung und das frische Auflachen, das sie hervorrief. Steffen kannte dies reizvolle, verschleierte Lachen.

 

Er war ein Anhänger jener sonderbaren Auffassung, die dafür hält, daß Empfindungsäußerungen etwas bedeuten sollten. Ein wunderlicher Kauz, der er war, klang ihm das fröhliche Lachen im Ohr, er konnte es aber nicht zusammenreimen mit einem Briefchen, das ihm am nächsten Tage zugesteckt wurde und folgendermaßen lautete:

»Teurer, liebster Steffen!

Die ganze Nacht habe ich geweint, und noch immer fließen meine Tränen. Lieber Freund, Geliebter, kannst Du mir vergeben, daß ich Dich verlasse? Es soll nicht sein, was wir beide gehofft haben. Gestern habe ich Max mein Wort gegeben. Er ist so lieb und gut, und meine Eltern wollen es so gerne, und in der Bibel steht, der Eltern Segen bauet den Kindern Häuser, der Vater Fluch reißet sie nieder. Da kann ich nicht anders. Du wirst es auch gewiß einsehen, Du hast ja ein so sanftes und himmlisches Herz, lieber Steffen, und ich weiß, daß Du mir vergeben wirst. Er hat Dich auch lieb, nur weiß er nicht, daß wir uns, sozusagen, einig waren. Und bist ja auch noch zu jung zum Heiraten, sagt Mutter, und darum, Lieber, sei gut und vergiß, daß wir uns so nahe gestanden haben, vergiß Deine Liebe zu mir und bleibe in Freundschaft, wie ich in Freundschaft verbleibe

Deine Schwägerin Marie.«

Das gab ein Geklapper, Geschwatze und Geklatsche unter den Dreschflegeln, und das Lied von der Falschheit der Weiber nahm kein Ende. Klaus konnte mit einem gewissen Recht auf seine frühere Äußerung verweisen, daß den mit zarten Sommersprossen Betupften so wenig zu trauen sei wie den blutwürstigen Weiblichkeiten, während Karsten einräumen mußte, sich in der Marie geirrt zu haben, was er sich übrigens zur Ehre anrechne. Johann meinte, man solle der Geschichte keine übermäßige Wichtigkeit beilegen. Ähnliches komme in den besten Familien vor.

Steffen schwang seinen Dreschflegel nur noch mechanisch, er rang nicht mehr um die führende Stimme in dem Konzert. Die trostvollen Betrachtungen vermochten ihn nicht zu trösten, den pessimistischen Erwägungen gegenüber fand sein Werkzeug keinen Mut zu energischer Verwahrung. Dessen Klang zerstob in dem mächtigen Dreiklang, und mit ihm zerstob und zerflatterte seine Hoffnung – aber nicht seine Liebe.


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