Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Er soll dein Herr sein!

Ich übernahm, – erzählte der Pastor – von meinem Amtsvorgänger den Gebrauch, eine sogenannte kleine Kirche am Mittwoch vormittag zu halten, und traf darin keine Änderung. Eltern, deren Mittel eine Haustaufe nicht zuließen, brachten ihre Neugeborenen zur Aufnahme in die christliche Kirche; kleine Leute, die stille Hochzeit machen wollten, ließen sich trauen; Kirchspielskinder, die etwas mit ihrem Seelsorger zu beraten hatten, fanden sich ein; dazu manche, die anfangs aus Neugierde gekommen waren, dann aber daran Gefallen gefunden hatten, mitten in der Woche mit frommem Händefalten Einkehr bei sich zu halten ... So fehlte uns selten eine andächtige Zuhörerschaft bei unseren kleinen kirchlichen Festen.

Solche Stunden frommer Predigt, milden Zuspruchs lagen hinter mir. Ich hatte getauft, hatte alten Leuten das heilige Abendmahl gegeben, zwei Ehen hatte ich auch eingesegnet. Das eine Paar waren junge Menschen aus dem Westerteil des Kirchspiels, die anderen Hinrich Rump und Elsbeth geborene Butenberg aus Österwohld.

Ihr Dorf lag weit weg, ziemlich an der Grenze meines Reichs, aber Hinrich und Elsbeth kannte ich schon länger und kannte sie ganz gut. Er war ein Mann in kleinen netten Verhältnissen, besaß ein eigenes Häuschen und Garten und Acker und Wiese, hielt jedoch kein eigenes Gespann. Die Frau war gestorben, mehrere unerwachsene Kinder bildeten ihre Hinterlassenschaft, Wiederverheiratung war zweckmäßig und geboten. Sein Auge war auf die reife Jungfer Elsbeth Butenberg gefallen. Die war groß und stark und arbeitsam und hatte tausend Mark in der Sparkasse. Zur Probe hatte er sie als Haushälterin genommen, nun war die Probe bestanden – nun heiratete er sie.

Hinrich Rump trat als ein untersetzter Mann im Beiderwandanzug vor den Traualtar. Sein gelbrotes Gesicht hatte etwas Lederartiges; es sprach von Arbeit und von der Freude, Geld zu verdienen. Von anderer Freude sprach es nicht. Die derbe Elsbeth mit langem, starkem Kinn war größer als ihr Mann. Auch sie war eine Arbeitsbiene, wie man nur wünschen mochte. Aber dabei lebte um den Mund doch ein launiger Zug. Und wenn man ihrem Auge glauben durfte, so hegte sie viel derbe Lebenslust in ihrem etwas dürftig geratenen Busen. Einen Ausdruck hatte diese Lebenslust freilich bei der feierlichen Eingehung der Ehe nicht gefunden. Ich sah keinen Schmuck, kein Band, das auf eine besondere Stimmung hinwies. Es wuchs auch nicht das kümmerlichste Blümchen in Elsbeths Haar. Sie trug schwarzen Spenzer und einen eigengemachten roten Rock.

Im allgemeinen darf man sagen: Jeder liegt, wie er sich bettet. Als die Eheleute Rump sich vor dem Altar die Hände gaben, dachte ich: Hinrich und Elsbeth werden sich gut betten. In meiner kleinen Ansprache wies ich jedem seinen Platz an, die äußere Herrschaft ihm, die Hauptsorge um das Haus und um die Kinder ihr.

Das war mein Mittwochvormittag. Nachmittags pflegte ich mir zur Kaffeestunde eine Zigarre zu gewähren. Die blaue, einsame, dünne, reinliche Wolke im klaren Stübchen, Mokkaduft, ein Stündchen ruhigen Nachdenkens: das war mir immer ein hochwillkommenes Glück.

Aber diesmal wars gefehlt. Die Zigarre hatte ich eben angesteckt, da fuhr ein Stuhlwagen am Pastorat vor: der Landmann Ferdinand Wiese bat mich zu einer Nottaufe nach seinem Dorf, und nach einem halben Stündchen rumpelte ich über das Pflaster.

Der Weg führt gleich hinter dem Weichbild des Orts auf die Heide, hinauf auf den sogenannten Viert. Der ist eine von Westen kommende Bodenwelle. Als unser Herrgott sie schuf, hat sie die Absicht gehabt, in die vor ihr ausgebreitete Moor- und Wiesenniederung hinabzugischen, ist aber plötzlich beim Aufbranden erstarrt.

Es wehte ein milder, grauer Wind. Das heißt: grau waren die Wolken, die über den Viert zogen, und grau war der Himmel, der über ihm stand. Aber Himmel und Wolken waren hoch (es fielen keine Niederschläge), und dünn und hellsichtig war die Luft, überall am Rande blaue Sehnsuchtswälder und blaue Sehnsuchtsberge, überall der nordische, der wuchtige und doch so milde Ernst. Wäre die Heiloh nicht so einsam, sie wäre nicht so groß ...

Zwei Leute (sie sahen wie Pünktchen aus) gingen über die kahle Fläche, langsam auf der Höhe hin. Meine Rosse prusteten und arbeiteten wacker, nun war auch ich oben und sah ins weite Land.

Moore und Wiesen, flach wie ein Billard, oder eher wie ein Binnensee, den kein Sturmwind drückt. Und ganz in der Tiefe an der Himmelswand etwas Gestrecktes, was Langes, etwas mit dunkleren Tinten Gefärbtes. Bäume können es sein und Büsche. Aber Häuser, die sich hinter Bäumen und Büschen verbergen, können es auch sein. Es kann sogar ein ganzes Dorf sein. Und ich weiß: es ist ein ganzes Dorf. Es ist die Heimat von Hinrich und Elsbeth Rump.

Ich komme den Punkten näher: es sind Hinrich und Elsbeth. Eben marschierten sie noch im Gänsemarsch. Hinrich voran, Elsbeth hinterher; nun stehen sie und stehen gegeneinander gekehrt. Sie haben es wichtig, sie sehen mich nicht. Und mein Wagen fährt im weichen Sand. Es verdecken mich Weidenbüsche, ich komme ganz nahe heran. Sie eifern, sie sprechen, sie streiten. Was streiten sie?

»Brr!« befahl ich. »Brr!« – Wir hielten.

Die Eheleute Rump standen vor mir. Hinrich trug ein rotes Bündel unter dem linken Arm. Es mochte ein Handkäse sein oder so etwas, das er sich gekauft hatte. Den Dornstock hält er in der Rechten. Elsbeth hat den roten Rock um den Kopf geschlagen und steckt darin wie ein Muscheltier im Gehäuse.

Erst verstand ich nicht recht, was sie sprachen. Die Pferde warm zu unruhig. Aber von Fahren und Düngerfahren war die Rede. Dann wurde es still bei uns; nun hörte man deutlicher.

»Hest ni hört, wat de Paster seggt hett?« fragte Hinrich.

»Wat hett he denn seggt?«

»Er soll dein Herr sein! hett he seggt!«

Was Elsbeth antwortete, verstand ich nicht.

»Dat hest ni hört?« eiferte Hinrich. »Der Mann« – und nun sprach Hinrich hochdeutsch, jede einzelne Silbe auf Stelzen stellend: »Der Mann, hett he seggt, is nach Gottes Wort das Haupt von die Ehe, und die Frau is em ünnerdan. Denn, so hat Gott gesagt, er soll dein Herr sein! – Dat hett uns de Paster dütli verklart. Un dat wullt ni hört hebbn?« Hinrich war ganz ärgerlich.

»Dor weet ik nir af«, erwiderte die verstockte Elsbeth.

»Ja, denn helpt dat ni«, entgegnete Hinrich, »denn wüllt wi gliks weller trügg un em fragen.« Er machte wirklich Kehrt.

Es war Zeit, einzugreifen: »Guten Tag, Rump!«

Hinrich erstaunte, faßte sich aber schnell. »Dat dröppt sik god, Paster. Ik wull jüst to Se.«

Und nun trug Hinrich mir vor, was ich schon zum Teil, aber doch nur zum Teil wußte. Es folgte eine Art Anklage gegen seine Frau. Sie sei zu weltlich, es sei ihr nicht recht gewesen, daß er nicht Nachbars Wagen erbeten, daß sie zu Fuß zur Trauung gekommen seien. So was schicke sich nicht, habe sie gemeint. Weshalb solle sich das nicht schicken? Und warum sollten sie fahren? Waren sie nicht beide gesund und stark? »Mist und Korn und Heu, die müssen gefahren werden. Aber Menschen aus unserem Stande doch nur, wenn sie krank sind.« Vornehme Leute, Kirchspielvögte, Pastoren, Doktoren, das sei ganz was anderes. Aber er und seine Frau seien keine Pastoren und auch keine Doktors. Und nun bestreite sie ihm gar, daß ich gesagt, der Mann solle nach Gottes Willen der Herr sein.

Inzwischen war auch Elsbeth, immer mit übergeschlagenem Rock, herangekommen. Hinrich sah ernst, aber in Elisabeths Gesicht spielte so allerlei herum. »Ja, Herr Paster, nu leggn Se uns dat ut von dat ›Er soll dein Herr sein.‹ Un nacher dörf ik ok villicht mal 'n Wort seggn.«

Es kam mir wunderlich vor, mitten auf dem Viert eine Art Predigt zu halten. Aber es ließ sich nicht gut umgehen. Und wie kann dabei eine Entheiligung in Frage kommen? Man kann Gott aller Orten und auf mancherlei Weise dienen. Ich predigte daher gerade nicht, aber ich hielt doch den Eheleuten Rump einen Vortrag, den man meinetwegen auch als Predigt bezeichnen mag.

Die Pferde waren wieder an den Weidenbusch herangerückt und pflückten sich Büschel und Zweige. Ferdinand Wiese saß auf dem Vorderstuhl des Federwagens und griente, ich auf dem Herrenstuhl des hochgebauten Gefährts und redete, Hinrich und Elsbeth standen am Trittbrett und hörten zu. »Mutt ik den Rock dallaten, Herr Paster?« hatte die frische Elsbeth vorher gefragt. »Or ward de Per ok bang?« hatte sie sich an Ferdinand gewandt. Elsbeth konnte ihre Röcke behalten, wo sie waren, und die Pferde wurden auch nicht bang.

Ja, was sagte ich denn?

Dasselbe wie am Traualtar, ein bißchen bestimmter vielleicht und zugespitzter. Ich gab zu, ich hätte gesagt: ›Er soll dein Herr sein‹. Aber es komme darauf an, wie es zu verstehen sei. Liebe und Eintracht und so weiter machten die Frage, wer der Herr sei, fast überflüssig, und selbstverständlich müsse, wenn gar keine Verständigung möglich sei, ein Wille entscheiden. Im Zweifel sei das des Mannes Wille. Aber dieser Wille dürfe kein Mißbrauch gesetzlicher Rechte sein, es müsse ein vernünftiger Wille sein. Ich kam dann noch einmal auf die bevorzugte Stellung der Frau im Hause, auf ihren ganz hervorragenden Anteil an den Sorgen und auf ihre Verdienste um das Behagen. Das bringe es mit sich, daß der Frau auch entsprechender Einfluß eingeräumt werde. Ich meinte, es sei wohl Wahres an dem Wort: der Mann Herr des Hauses, die Frau Herr im Hause.

Elsbeth schien zufrieden. Jedesmal, wenn ich den Namen Gottes genannt, hatte sie geknickst, und wenn ich bei den Frauen Vorzüge anerkannt, hatte sie auch geknickst. Hinrich sagte in seiner trockenen Weise: »Süh, so, süh! So is bat also. Denn dank ik ok vermal, denn bün ik jo in Rechen un doch in Unrechen.« Elsbeth aber erbat sich das Wort: »Dörf ik nu min Wör seggn?« Sie durfte und tat.

Es war nichts Schlimmes, was sie gegen ihren Hinrich vorbrachte. Und in der Form hielt sie an sich. Sie war ja eine kluge und ruhige Frau.

Sie tadelte, daß ihr Mann für gar nichts Sinn habe als für Arbeit. Alles und alles, was nicht Arbeit, sei nach seiner Auffassung vom Übel. Sie scheue wahrhaftig keine Mühe, aber was zuviel sei, sei zuviel. So habe er nicht dulden wollen, daß sie zu ihrem Hochzeitstage auch nur eine Blume anstecke. Nachbarn hätten Fuhrwerk angeboten, der ärmste und kleinste Inste fahre zur Trauung, wieviel mehr habe ein Eigenkätner Anspruch darauf. Aber nein, nicht durchzusetzen! »Und nun, Herr Pastor will er noch heute nachmittag an unserem Ehrentage mit Hans Rüg sein Pferden vier Fuder Mist zur Koppel bringen. Und ich wollte so gern bißchen vergnügten Tag daraus machen, an den man mit Liebe denkt.«

Das sagte die große Frau. Derb und stark wie Mensch gewordene Arbeit stand sie an meinem Rad. Nun augenzwinkerte diese Arbeit, sie wollte mir noch was unter vier Augen anvertrauen.

Ich bat Hinrich, mir eine gelbe Blume zu pflücken, die zwanzig Schritt vor uns in der Heide wuchs. Hinrich war arglos, ich war ein Pastor, Hinrich ging, so fadenscheinig auch mein Vorwand war.

Da schüttete Elsbeth den Bodensatz ihres Gemütes aus. Auf dem Dorfe halte man dafür, zur Hochzeit gehöre ein Trunk. So sei es immer gewesen. Und ein Bräutigam, der sich nicht betrinke, das sei nichts. Das sei nicht gut. Hinrich habe den Tag geheim gehalten, sie aber habe es den Nachbarn doch verraten. »O, Herr Paster«, bat Elsbeth, »wenn Se darto wat don konn!«

Ja, was ein Seelsorger nicht alles soll!

So, wie Elsbeth sichs vielleicht gedacht hatte, konnte und durfte ichs nun freilich nicht. Aber eine eindringliche Vorstellung an Hinrich richten, nicht nur dem täglichen Erwerb nachzugehen, sondern auch der Freude ihr Recht zu geben, ihn zu erinnern, daß alles seine Zeit habe: Hochzeit feiern und Mist fahren, und daß selbst unser Herr Jesus Christus eine Hochzeit, auf der es lustig hergegangen sei, besucht habe – das durfte ich, das konnte ich sagen und tun.

Ich nahm Hinrich und Elsbeth mit auf den Wagen. Hinrich saß bei Ferdinand, Elsbeth (sie mußte aber vorher ihre Muschel zerstören) erhielt Platz neben mir. Sie sollten zu Wagen in ihr Dorf einziehen, wie sichs für Hochzeitsleute schickt.

Es ist ein wundervoller Abstieg vom Viert nach den Wiesen und Moordörfern. Eine große Ortschaft (sie liegt mit ihren erdfarbenen Strohdächern im grau-braunen Gelände, wie ein Volk Feldhühner im Stoppelfeld), wird erst sichtbar, wenn die Straße sich an dem Bergabhang zu Tal senkt. Und überall der köstliche Geruch ehrlicher Heide. Die letzten Ausläufer des Höhenzugs bedeckt frisches Laub. Ein herrlicher Wald. Eichen sinds von dem zähen Schlag, die auf magerem Boden stehen, ihre Wurzeln aber um so tiefer hinabführen. Da ist ein so eigentümlicher Duft von Treue und Stärke. Es liegt mir immer wie Geruch von wildem Honig und Heimatserde, wenn ich Eichen sehe. Wenn möglich noch mehr der Liebe erweckt die Buche – der frische, der liebliche und doch so stattliche Baum. Was die Buche auslöst, davon ein ander mal.

Am Boden der Ebene treten die Moore zurück, die Wiesen von Herden buntscheckiger Rinder belebt. Träge und lang und gebogen windet sich der Damm. Die blauen Sehnsuchtswälder lösen sich allmählich in Ansiedlungen auf, man unterscheidet Häuser, dann hat man das Dorf vor Augen.

Im weichen Sand geht es langsam zum Dorf hinab. In einem Hecktor tauchen zwei Max- und Moritzgesichter auf, gewahren Hinrich und Elsbeth und kratzen hinter dem Knick im vollen Lauf davon.

Als Elsbeth das sah, kriegte sie Ferdinand bei der Jacke: »Fernand, hol dat Lei betjn stramm, dor kann wat passeern.«

Was sie damit meinte, wurde klar, als wir die Häuser erreichten. Da knallten Flinten rechts und knallten Flinten links. Da warf man Töpfe und Schüsseln gegen die Wagenspeichen und an das Hinterdeck, da standen Männer und Frauen und Kinder, namentlich Kinder auf der Straße, und alle riefen mit groben Stimmen, mit Falsettstimmen, mit feinen Stimmen: »Hoch dat Brudpaar!« Auf einer Ziehharmonika machte man herzzerreißende Musik, bei Hans Ruge trat der Bauer mit Flaschen und Gläsern heran und verteilte Getränke.

Daß der Wagen einen kirchlichen Würdenträger, wie meine Wenigkeit, berge, wurde jetzt erst bekannt. Ich bat, das in Anbetracht der außerordentlichen Verhältnisse zu übersehen, unter der Bedingung, daß man auf meine Teilnahme am Trunk nicht rechne. Man war damit zufrieden, man lachte, man entschuldigte sich, aber die Fröhlichkeit dauerte fort.

Vom Trinken war ich also befreit, aber Ferdinand trank und Elsbeth trank auch. Und Hinrich – schüchtern und zögernd, einmal nippte er, einmal trank er. Ja, ich kann es bezeugen: auch er trank.

Vor Hinrich Rumps Kate standen drei Nachbarfrauen in Sonntagskleidern, und drei reinlich im Sonntagsstaat gekleidete Kinder. Eine Fahne flatterte hoch vom Dach.

Ich hörte noch, wie die Frauen nötigten: Weinsuppe sollte es geben, und Braten, und dann einen Kaffee wie nie.

Die Kinder schrien: »Dor kommt Moder und Vader« und hingen der neuen Moder an der Schürze. Das mochte ich ganz besonders gern leiden.

»Na, Hinnerk! Wo ward mit de veer Föder Mist?«

»Ja, wo ward warrn, Herr Paster! Wat 'n Welt! Ik glöv warrafti, se is ut Spor.«

Bis Ferdinand Wieses Dorf war es noch eine halbe Stunde. Und als ich getauft hatte, machte ich Krankenbesuche und fand überall Freunde. Dämmerung fiel schon ins Land, als ich wieder auf den Wagen stieg. Wie ich an Hinrich Rumps Kate vorüberfuhr, war es dunkel.

Von Hans Ruges Stube her schwammen melancholische Töne der Ziehharmonika und an den hellen Fenstern sah ich schwingende Schatten. Dort feierte man Hinrich Rumps Hochzeit mit Tanz.

»Paß auf, Ferdinand, fahr den Mann nicht über!«

Ein kleiner untersetzter Mann ging oder schwankte vielmehr am Straßensteig entlang. Und, wenn mich nicht alles trog, war das der Bräutigam oder vielmehr der junge Ehemann Hinrich Rump.

Ich hatte niemals gehört, daß Hinrich Rump singen könne. Beim Gottesdienst war freilich ab und zu ein rauher Schluchzer durch die Noten wie ein Wildschwein durch die Treiber gebrochen. Ich hatte niemals herauskriegen können, wer das sei. Nun weiß ich es: es ist Hinrich Rump gewesen. Denn meine Ohren haben es am Hochzeitsabend gehört. Hinrich Rump kann singen, Hinrich Rump sang im Schluchzerton. Hinrich Rump ist das Wildschwein.

Aber was sang er? Was in aller Welt kann Hinrich Rump gesungen haben? Hinrich Rump sang:

Und ich vertausch die Heirat nicht
Für eine Million.
Schaut mir mein Weib nur ins Gesicht,
So bin ich glücklich schon.

Und als er ausgesungen hatte, rief er: »Elsbeth!« Ganz zart und versoffen rief er nach seiner Frau.

Ich bat, die Pferde anzutreiben. Auf Hinrichs Liebeserklärungen war ich nicht neugierig.

Nach einem Jahre sagte Elsbeth für die kleine Kirche eine Taufe an.

»Nun, wie stehts?«

Die Eheleute Rump, erfuhr ich, waren namenlos glücklich. Und ich sollte meinen Teil dazu beigetragen haben. »Wir sollen wohl glücklich werden«, fügte Mutter Elsbeth hinzu. »Denn am Hochzeitsabend hat Hinrich sich einen ›Bums‹ angetrunken, wie er nsch gar nicht dagewesen ist. Die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. In Hans Ruges Heudiemen gelegen und immer gesungen: ›Und ich vertausch die Heirat nicht für eine Million!‹ – »Aber«, setzte Elsbeth energisch hinzu: »Nu hört dat op. So wat is man eenmal. Nacher sachten un eben. Dor bün ik de Fru för, dor paß ik för up!«

»Ja, Frau Rump, dann sind Sie wohl gar sein Herr?« »A ne, Herr Paster. Dat is all to Schick. ›Er soll dein Herr sein.‹ Un he is Herr, wo heet dat na? he is Herr des Hauses.«

»Und im Hause? Wer ist der Herr im Hause?« Da lachte sie. »Ja, Herr Paster, dat is all in Ordnung«, antwortete Elsbeth.

Sie lachte ganz diplomatisch, die starke, die hinterlistige Frau.


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