Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

 << zurück weiter >> 

Wie Jörn Hölk den Teufel zitierte

Auf hohem Gelände muß man meistens tief graben, um zu den Quellen lebendigen Wassers zu gelangen; wenn wir alt geworden sind, müssen wir brav schürfen, zu unserer Jugend zu kommen. Denn breit und tief liegt des Lebens Schutt zwischen uns und ihr. Wohl dem, der den Brunnenschacht immer frei und offen gehalten hat, der kann, wenns ihn gelüstet, sein Eimerchen hinabrollen lassen, zu sehen, was es bringt.

Ich tu es öfters, denn ich habe eine noch unverschüttete Quelle. Und ist sie auch nur klein und nichts als klar und rein, sie gehört mir doch zu. Lassen wir also das Eimerchen hinab. Der lange schwingende Schacht rollt runde und dumpfe und hohle Geräusche zu uns herauf. Nun fallt das Gefäß auf den Born und gluckst und schlürft und trinkt. Und nun wiegen wir das Ding in der Hand; unsere Augen gehen darüber hin; was wohl drin ist? Zuweilen kommt Sonderbares herauf...

Als ich ein junger Knabe war, in dem Alter, wo man zum ersten mal die Augen vom Spielkram abwendet und in die Weite, wenn auch nur in die nächste, richtet, da fielen mir in unserm Dorf alte Männer auf, die in besonderer Tracht einhergingen. Keine Mützen, nein: Filzhüte mit breitem Rand; keine langen Beinkleider, nein: kurze Hosen mit silbernen Kniespangen, die Westen rund um den Leib herum aus gefärbter, meistens rotgefärbter Wolle gestrickt, kurze Jacken mit großen Silberknöpfen, das Haar lang über Nacken und Jackenkragen hängend. Da sie wohl alle in Rauchhäusern wohnten, verbreiteten sie immer eine Art Schinken- und Rauchfleischgeruch.

Es waren Leute, die die Achtziger erreicht hatten. Geboren waren sie zu einer Zeit, wo der alte Fritz noch lebte. Den Napoleonwirrwarr hatten sie als Zuschauer in ihrer Dorfloge mitgemacht und sich dabei eingebildet, eigentlich würde er nur aufgeführt, damit Leute im Dorf, wie sie, auch ein bißchen Unterhaltung hätten. Leider war ihnen der Wirrwarr schließlich doch noch mit Krieg und Kosaken auf den Leib gerückt. Aber es war vorübergegangen, und der in frischer Jugend gesammelte Eindruck war nachhaltiger geblieben als die Kosakennot. Und wenn die Kniehosen Geschichten und Anekdoten aus der großen Welt erzählten, dann war der alte Fritz ihr Held und nicht Napoleon.

So gingen sie mit krummen Knien, langen mannshohen Stöcken (einer Art Bergstöcke) und langen Schritten durch unser Dorf, und ich war der Meinung, so zu sein, wie sie, sei das Privilegium der Achtzigjährigen. Ich fragte Mutter, ob Vater auch, wenn er achtzig Jahre alt geworden sei, lange Haare und kurze Hosen und kurze Jacken und rote Westen und breite Filzhüte tragen müsse. Sie lachte und nannte mich ein dummes Kerlchen.

Grüne Jungen waren im Dorf, die lachten über die kurzen »Büxen«. Das tat ich nicht, ich hatte großen Respekt vor ihnen, und besonders vor Jörn Hölk.

Was hatte Jörn Hölk aber auch für ein Auge unter seinem breiten, weichen Filz! Die Ränder dieses Auges freilich gerötet (das kam vom Herdrauch des Hauses, es ist die Krankheit der Leute, die im Rauchhaus wohnen), aber das Auge so schlau, so grau, so klug, ein helles Fenster vor einem hellen Kopf. Und in den Ecken dieses Fensters einer, der Spaß liebt, freilich öfters versteckten Spaß, so daß man nicht gleich sieht, wie der Herr vom Hause gesinnt ist. Seine Stimme war hoch und fein, aber das paßte zu ihm. Grünschnabel wagten sich an ihn nicht heran. Denn er stand in dem Ruf, mehr zu können, als »recht Wort«. Er habe, sagte man, das sogenannte »schwarze Buch«, den »Höllenzwang« von Dr. Faust, demselben, der dem Teufel seine Seele verschrieb und dafür ein großer Zaubermann wurde. Und durch Faustens Zauberbuch sei Jörn Hölk selbst ein kleiner Meister über heimliche und unheimliche Kräfte geworden, einige sagten gar, über den Fürsten der Hölle selbst.

Es war in den Jahren, wo der Gebrauch des künstlichen oder fremden Düngers aufkam, zuerst als Guano. Am Heckloch der Koppeln pflegten die Knechte beim Streuen den letzten Rest ihres Sacks auszuschütten, was zur Folge hatte, daß die Saat dort besonders grün und kräftig aufsproß. Und wenn dann später die Schwere der Ähren die Halme beugte, auch wohl ein tüchtiger Regen kam, dann legte sich das Korn flach auf den Boden.

Ich kannte das nicht, fragte daher unsern Großknecht, wie das komme. Kassen war einer, der es faustdick hinter den Ohren hatte, er musterte und antwortete: »Dor hett Jörn Hölk den Düwel ßiteert«, womit mein Wissen kaum bereichert, wohl aber meine Einbildungskraft aufgestachelt wurde.

Die Jahre liefen, und ich wurde aus dem, was man so nennt: »as ik son Jung weer«, ein wirklicher großer Junge. Die Zeit lief, und wenn Jörn, wie man sagte, den Teufel tanzen lassen konnte, so mußte er schließlich doch selbst in die Ewigkeit abtanzen. Er war ein guter Mann gewesen, wenn er auch die Welt mit seinem Zauberkram zum besten gehabt hatte. »Spaß mutt sin«, das war der Grundton des Temperaments meiner Dörfler, und Spaß hatte er den Leuten gemacht.

Als »große Leiche« brachte man ihn nach dem Friedhof, der Totengräber füllte gleich die Grube auf, das Gefolge ging an seine Tagesgeschäfte – Jörn Hölk schien vergessen. Nicht lange, und auf seinem Grab sproßte ein Grün auf, wie wenn ein halbes Dutzend leerer Guanosäcke darauf ausgeschüttet worden wäre.

Aber ganz vergessen war er doch nicht. An langen Winterabenden beim »Tranküsel« sprach man noch öfter von Jörn Hölk und seiner schwarzen Kunst. Wenn man, so hieß es, in dem Zauberbuch liest, dann kommen Ungetüme aller Art zu einem in die Stube. Aber man braucht die Worte nur rückwärts zu lesen, dann gehen sie, wie sie gekommen sind, und können einem nichts anhaben.

Ich glaubte... ich weiß nicht recht, ob ich glaubte oder nicht. Aber immer wieder stieß ich auf den Schnack: »Wo das Korn liegt, hat Jörn Hölk den Teufel zitiert.« Wenn ein Getreidefeld gar üppig stand, hieß es; »Ganz schön, ik bün man bang, Jörn Hölk un de Düwel kamt dor na mank.« Und wo das Korn lag, schmunzelte man: »Süh süh, de ol Jörn!«

Was das wohl zu bedeuten habe? Und wieder fragte ich Kassen. Kassen musterte noch hinterhältiger, hatte es noch dicker hinter den Ohren, und antwortete: »Dor muß din Hans-Ohm na fragen, de weet dor mehr vun.«

Mein Hans-Ohm war ein herzlieber Mensch, gelernter Schneider, nun aber schon lange Landmann. Er war ein herzlieber Mensch, hatte braunes Haar, sammetbraune und sammetweiche Augen und eine Nase darunter, die was bedeutete. Erzählen konnte er – besser als ein Buch. Bevor er anfing, rief er die Extrareserve seiner Tabakspfeife auf und hüllte sich in Rauchwolken. Mir war dann immer, als stehe ein reicher Mann mit großem Geldbeutel vor mir, klimpere darin mit den Talern und sei im Begriff, mich königlich zu beschenken.

Um das hohe Ackerland meines Dorfes breitete sich ein weites Wiesental, unübersehbare Moore schlossen sich daran, eine große Natur, die nicht nachließ mit ihrem Ruf: »Laßt das Kleine, denkt große Gedanken!« Im Westen und Osten buchtenreiche Höhen, im Norden die Grassteppe wie ein uferloses Meer.

Hans-Ohm und ich waren unterwegs nach den Wiesen. Wir wollten sehen, wie der Graswuchs sich anlasse. Weshalb sollten wir nicht? Ein schöner Maitag, Sonntag war es auch, und alles verklärt in blauem Dunst und Duft der Ferne. Von den Wiesen herauf Geruch von Blumen und Gras und zukünftigem Heu, ein weiches, sanftes Grün ringsum, leuchtende Goldfarbe wunderbarer kleiner Sonnen hineingewirkt.

Unser Weg lief an den landesüblichen Knickhagen hin, an den Hecktoren der Koppeln vorbei. Hans-Ohm und ich, er mit Handstock und Pfeife, ich mit einer Haselgerte. Ich mußte doch Disteln und Brennesseln und in deren Ermangelung Kälberkropf und Löwenzahn bekriegen. Bei einem Jungen gehts ja nicht anders.

Das Wetter war wundervoll. Ich sehe bei solcher Luft immer nackte Engel auf weißen Wolken liegen, auf großen Posaunentuthörnern ihre Freude ins Weltall zu blasen.

In unserm Dorf lebte damals ein am Alten und Hergebrachten hängendes Geschlecht. Die Bauernstellen gingen selten in fremde Hand. Vor uns der Hof ›Indewisch‹ hart an den Wiesen, in einer Viertelstunde zu erreichen, seit Menschengedenken der Familie Storm zu eigen. Auch auf der Hölkschen Stelle ist wieder ein Jörn Hölk, Enkelkind des Alten, eine ihm gehörige Koppel liegt hier am Wege. Hans-Ohm und ich gucken über den Schlagbaum, zu sehen, wie der Roggen steht. Und wieder ein Fleck, wo es mächtig aufsprießt, einer, wo nach dem Schnack Jörn Hölk den Teufel zitiert hat.

Und die alte Neugier steigt in mir auf. Hans-Ohm weiß davon Bescheid, hat Kassen gesagt. Ob ich ihn frage? Und ehe ich mich dessen versehe, ist es geschehen: »Ohm, Kassen sagt, du weißt darum Bescheid.«

Ohm war ein herzlieber Mann: nun wurde mir sein Gesicht aber doch bedenklich. Mitten im besten Paffen hielt er an, die Pfeife lässig an den Zähnen, wurde rot und verdrossen... Es dauerte aber nicht lange, dann ebbte es ab. Noch einen Augenblick: der Humor brach durch, Ohm fing wieder an zu rauchen, und auf seiner Stirn heller Sonnenschein.

»Wenn Kassen das sagt«, erwiderte er, »dann muß wohl was dran sein. Möchtest es wissen?«

Das wollte ich zu gern.

»Ich seh auch nicht ein, weshalb ichs nicht mal erzählen soll. Dann wollen wir hingehen, wo es geschehen ist.«

Er öffnete den Schlagbaum, wir gingen hinein in die Koppel, Hans-Ohm voran, im Knickgraben längs. Nach ein paar Schritten stieß ein anderer Wall im rechten Winkel darauf, wir waren in einer lauschigen Ecke. Über uns in voller Blüte ein dichter Dornbusch, ein weißer Riesenblumenstrauß. Er ging tief herab, und Bienen summten darin.

»Sieh«, sagte Ohm. »Nicht viel anders, als dazumal. So und so viele Male ist er abgeknickt, aber immer wieder da und immer dichter. – Und die Haseln auch«, fuhr er, sich weiter umsehend, fort. »Haben sich gewehrt wie der Dorn, die Triebe lebendig wie am jungen Stamm.«

Wir lagen am Wall.

»Du willst wissen, wie es gekommen ist? Was ist da viel zu erzählen. Ein toller Spaß von Jörn, 'ne Dummheit von mir:

Dreißig Jahre wird es her sein, und um Ende der Zwanziger herum muß es gewesen sein. Ich hatte mich als Schneider im Dorf gesetzt, war aber noch jung und kalbig, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren und kam den Weg hier entlang, eine neue Beiderwandhose für Jochen Storm (so hieß der Bauer von Indewisch) abzuliefern. Ich trug sie, fein in Steifpapier eingepackt, unterm Arm. Storm war als Taufpate von seinem Schwager in Wöhrden zum Kindsbier gebeten. Um elf Uhr mußte er reiten, ich hatte reichlich Zeit, denn noch war es nicht acht.

Die Uhr war kaum acht in der Frühe, aber die Luft dick und schwül und schwer und broddig, die Natur und die Menschen, alles sah schläfrig aus. Der Rademacher Johann Harbs stand, als ich an seiner Kate vorbeiging, vor der Tür und »hujahnte«. Er meinte, es gebe noch ein Gewitter »vun Dag«. Aber es sei ein Glück, daß es nicht mehr über »sore Tilgen« komme. Dem stimmte ich bei, denn einem über kahle Baume gehenden Gewitter folgen, nach einem bewährten Bauernsprichwort, Kälte und ein spätes Frühjahr nach.

Hier bei Jörn Hölks Hecktor begegnete mir Krischan Kaak. Er wohnte in der kleinen Kate, die man drüben am Moor sieht. Wir kannten uns und sprachen ein paar Worte miteinander, wie es auf dem Dorf Sitte ist. Auf einmal ruft hier aus der Koppel heraus eine hohe Stimme, ich erkenne sie, es ist Jörn Hölks Stimme, die ruft:

»Büst du dat, min Hans?« »Ja, Jörn-Ohm!« antwortete ich.

»Ah«, kam es wieder, »wenn ji utsnackt hebbt, denn komm her! Wüllt betjen klönen, Hans!«

Jörn Hölk war nun ja, wie du weißt, ein ganz verteufelter Kerl zum Schnacken. Für Jörn Hölks Geschichten ließ ich gar mein Leibgericht stehen, und von mir hielt er viel. Wo er mich traf, hieß es: »Wollen uns was erzählen!«

Als er so in mein Gespräch mit Krischan Kaak hineinfiel, lachte dieser: »Gah man«, sagte er. »Bün aflöst, gegen Jörn kann 'k ni an.«

Er ging, und ich stieg zu Jörn Hölk übers Heck. Jörn hatte Zeit, ich auch, bis elf Uhr war noch lange hin.

Er pflügte zur Buchweizensaat, also tief. Einmal hatte er herumgepflügt, weiter war er noch nicht gekommen. Pflug und Pferde standen im Stück, die zweite Furche war angelegt. Der Pflüger aber lag, wie wir jetzt liegen.

»Wie sich das prächtig trifft«, rief er mir entgegen, »wie sichs hier prächtig liegt. Komm flink her, wollen uns was erzählen. Und das, was du unterm Arm hast, leg man auf den Wall untern Dorn.«

Das tat ich denn auch und erzählte ihm dabei, wer die Hose haben und was heute noch darin geschehen solle.

»Das ist ja noch lange hin!« antwortete Jörn.

Wir lagen am Wall, und die Pferde, ein Schimmel und ein Fuchs, standen vorm Pflug, faul und lässig wie wir. Und Jörn fing an zu erzählen. Der Fuchs und der Schimmel hatten es wohl schon öfters vernommen, hörten aber geduldig zu, mit hängenden Köpfen und krummen Hacken.

Und mitunter rückte mein Schimmel sein wertes Achtergestell ein wenig beiseite und legte etwas nieder, was höllisch gut für Land ist, worin Buchweizen gesät werden soll. Und der Fuchs wollte nicht nachstehen und machte es wie der Schimmel. Und Spatzengezwitscher dankbarer Vögel flog durch unsern Dorn.

Ich spaßte mit Jörn über den Fuchs und den Schimmel: »de wüllt nix vun bin Geschichten weeten, de glövt dor ni an.«

»Glövt dat ni?« rief Jörn. »Dor hest awer ni den richtigen Perverstand. Dat heet so vel as: Jungedi, dat is 'n Geschicht!«

Und er erzählte weiter, wir sahen noch mit halbblinden Augen nach den Pferden hin, unsere bessere Hälfte war nicht da, die war bei Jörn Hölks Geschichten. Und das ging wie der Wasserfall einer Mühle. Das rauscht und wallt und fließt über das Wehr und wird nicht alle. Jörn war ja Spökel- und Geistermann. Da dauerte es nicht lange, da waren wir bei Gespenstern und Geistern. Ich habe dem lieben Jörn nicht alles geglaubt, denn was er erzählte, war ›lögenhafti to vertelln‹ und ›swar to glöben.‹ Aber das war mir einerlei. Das muß einerlei sein bei Sachen, die nur zur Freude und zum Zeitvertreib erzählt werden.«

Hans Ohm unterbrach seine Geschichte, um mir eine Lehre einzuprägen. »Junge«, sagte er, »hüte dich vor Leuten, die nur wahre Geschichten hören wollen, auch wenn es sich um solche handelt, wie die von Jörn. Es ist mir immer ärgerlich, wenn da Leute aufstehen und sagen: das glauben wir nicht. Vor denen nimm dich in acht! Erzähl ihnen keine Geschichten, sie sinds nicht wert. Die meint die Bibel, wenn sie sagt, man solle Perlen nicht mang die Säue werfen.

Und nett und schön war« fuhr er fort, »was Jörn erzählte. Von dem Brudermörder, der auf dem Pulser Viert umgeht, den Kopf unterm Arm. Von der Spinnfrau im Haaler Grund, vom lachenden Kalb in Namlosbeck, von dem Geist im Kuhhaus von Indewisch und was sonst an Gespenstergeschichten bei uns gang und gäbe ist, von Vorwanken und so weiter. Andere erzählen das auch, aber der Ton, wie er es herausbrachte, sein listiges, dann musterndes, dann finsteres Gesicht, das Drum und Dran, das gehörte dem alten Jörn allein zu.

Ich rechnete mich freilich nicht zu den Leuten, an die man keine Geschichten wegschmeißen darf, aber alles glauben tat auch ich nicht. Wie weit, das wußte ich selbst nicht recht. Geschichten kamen vor – wenn ich die im Düstern gehört hätte, wären mir die Gräsen über den Rücken gekrochen. Nun aber war es Tag, Schimmel und Fuchs standen vor uns und wiederholten mehrfach ihr ›dausend noch en mal‹, oder ›das glauben wir nicht‹. Ich wußte ja nicht, wie sie das meinten, hatte ja nicht den richtigen Pferdeverstand; es war mir auch einerlei, jedenfalls düngten sie den Acker.

Die Zeit verging. Aber was ging uns beide, die wir in der Ecke am Knickwall lagen und Geschichten erzählten, was ging uns die Zeit an? Und was die Buchweizensaat und was die Hose von Jochen Storm? Es ist ja just der Zweck solcher Geschichten, den Strom der Zeit aufzustauen, uns irgendwo hinzuführen, wo es gar nicht so was gibt, was man Zeit nennt .... Über uns im Dorn und neben uns an Kälberkropf und Heckenrosen fing es an zu flüstern und zu sausen, ein Geräusch, wie wenn Flittergold geschüttelt wird. Das waren die großen, glänzenden grünblauen und rostbraunen Flieger, die wir im Dorf Speckschuster nennen. Sie kommen, wenns schwül ist und die Luft schwer. Wir kümmerten uns nicht darum, wir erzählten Geschichten .... Die Luft war bleiern und schwer, am Himmel begann ein Ziehen und Zerren, Wolken von eckigen Formen, andere weißgrau und zerfasert .... Zum Arbeiten war das Wetter nicht, es reichte aber zum Erzählen, also erzählten wir.

Jörn war der Mann des schwarzen Buchs, wir kamen denn auch auf den Fürsten der Hölle. Ich sah meinen Jörn prüfend an. Also das war der Mann, dem Musjö Satan zu Willen war oder doch sein sollte? Und ich faßte mir ein Herz und fragte, ob es wahr sei, daß er das schwarze Buch habe. – Ja, antwortete er, das habe er. – Ob es das von Dr. Faust sei? – Ja, das sei es. – Ob es Faustens Höllenzwang heiße? – Ja, so heiße es. – Ob das der Faust sei, der sich dem Bösen verschrieben. – Ja, das sei er.

Und wiederum spitzte Schimmel das Ohr und tat darauf das, was er schon mehrmals getan hatte. Fuchs wollte es nachmachen, hatte aber einstweilen ausverkauft.

»Warum sollte ich das Buch nicht haben?« wiederholte Jörn.

»Gibt das viel Gewalt?«

»Und ob!« Er zog Rolltabak aus der Tasche und nahm ein tüchtiges Ende.

»Bist ihm über?«

»Wem?

»Nun ihm, den man nicht gern bei Namen nennt, den mit Hörnern ...?«

»... und Pferdehuf«, ergänzte Jörn. Kannst den Teufel gern bei Namen nennen. Der ist so bang vor mir, hat schon vor mir auf den Knien gelegen, der ist froh wenn ich ihn in Ruhe lasse!«

Und wieder sah ich den Mann, vor dem der Teufel Bange hatte, vor dem der auf den Knien lag, verloren von der Seite an. Er war vielleicht sechzig Jahre alt, sah aber jünger aus. Stramm und rund umschloß ihn die kurze Hose und die Jacke. Und die großen Metallknöpfe daran glänzten. Aber sein Gesicht (du kennst es nur vom Alltag her) lag ganz in Düsternis. Ich lugte nach etwas Spaß aus, fand ihn aber nicht. Da machte ich selbst eine überlegene Miene und lächelte ein bißchen ungläubig über die Angst des Höllenfürsten hin.

Jörn Hölk deutete es richtig. »Glaubst das nicht«? fragte er.

»Ich weiß nicht«, antwortete ich.

»Willst ihn sehen?«

»Wen?«

»Den Teufel.«

»Kannst ihn bringen?«

»Das kann ich. Willst ihn sehen?«

»Wie kommt er denn?»

»Wie du willst. Willst ihn sehen?

»Ja, aber dann soll er zu Pferde kommen.«

»Gut!«

Jörn machte Anstalt sich zu erheben, fragte mich aber nochmal mit finsterm Gesicht: »Sehen willst ihn also?«

Ich biß die Zähne zusammen: »Ja.«

Jörn Hölk stand auf seinen Füßen. »Dann will ich ihn bringen. – Aber nein!« unterbrach er sich, die Falten des guten Alltagsgesichts legten sich über die finstere Maske. »Es ist besser, wir lassen es. Du bist jung, ich weiß nicht, ob du den Schreck verwindest. Und dann deine Seele und ihre Seligkeit! Eine Grenze hat meine Macht ja auch. Wenn er dich mit sich nähme! Wie könnte ich deiner armen Mutter jemals wieder vor Augen kommen! Es ist besser, wir lassen es.« Ein gelbliches Tabaksgeschoß flog in großem Bogen.

Das war eine Dummheit von Jörn, ein Schlag daneben. Ich hatte tüchtig Angst gehabt, nun aber schwoll mir wieder der Kamm, nun hörte ich den lieben Jörn in weichen Schuhen gehen. Er konnte den Teufel gar nicht bringen nichts war gewisser als das!

»Mit dem Schreck«, erwiderte ich keck, »will ich mich schon abfinden und auf meine Seele passen. Laß ihn man ruhig kommen!«

»Schön«, antwortete Jörn Hölk kurz. Finsternis deckte wieder sein Angesicht, Wetterwolken seine Stirn, seine Stimme bekam eine tiefe, unreine Lage. »Du bist ein mündiger Mensch, ich bin nicht schuld, wenn was passiert.«

Aus der Tasche seiner kurzen Hosen entnahm er ein Messer, öffnete es und schickte sich an, in den Knick zu steigen, hielt aber noch einmal an, und sagte: »Sehen willst ihn also? Ich weiß nicht, ob ich wieder frage. Noch ist es Zeit!«

»Ja«, antwortete ich, das Herz schlug mir dabei bis zum Halse.

Jörn Hölk ging, das Messer in der Hand, ein paar Schritte auf das Ackerland, verbeugte sich gegen Sonnenaufgang und murmelte etwas. Es waren wohl Zaubersprüche. Und machte seinen Diener gegen Mittag und Abend und Mitternacht und murmelte etwas in einen nicht vorhandenen Bart. Natürlich wieder Zaubersprüche. Und stieg in den Haselbusch (an dem Geräusch merkte ich, daß er Schößlinge schneide) und kam vom Wall herunter, eine ganze Reihe, ein Dutzend vielleicht, davon in der Hand. Und setzte sich hin und machte Stöcke daraus; und spitzte die Stöcke zu und schälte allen die Borke herunter, allen bis auf einem, der sie behielt. Und steckte darauf die zwölf Stöcke in den Acker in Eiform, doch so, daß es vorne offen blieb. An der Öffnung stak der nicht abgeschälte Stock. Die zwölf Stöcke erklärte er, seien die Jünger des Heilands, die weißen die guten, der schwarze der Verräter Judas Ischariot. Bei Judas Ischariot reite der Teufel hinein.

Der Teufel! Bei Judas Ischariot reitet er hinein ... Wie Jörn das so sagte und dabei so finster und so ernst und bei allem so gleichmütig!

»Wie sieht er aus?« fragte ich.

Jörn Hölk machte ein Gesicht, als verkehre er jeden Abend mit dem Teufel in der Schummerstunde. »Nicht besonders«, antwortete er. »Gnäterswart ist das Pferd, und Feuer geht aus den Nüstern. Und der, der darauf sitzt, feuerrot sein Wams. Erst meint man, es sei Zeug, aber bald sieht man. Flammen sinds, woraus es gemacht ist, Flammen der Hölle.«

Als Jörn Hölk das sagte, versuchte mein Haar die Mütze zu heben, aber ich faßte mich. »Wo kommt er denn eigentlich her?« fragte ich.

»Das wirst du sehen. Wenn ich kommandiere: ›Eins ...‹ und so weiter und dann ›Drei!‹ sage, dann kommt er. Unten ist ja die Hölle, da kommt er her, da tut sich die Erde auf. Feuer schlägt aus dem Riß, dreimal höher als unser Kirchturm. Es loht auf, sinkt zusammen, ein Knall wie aus fünfhundert Kanonen – Rauch und Schwefelgestank, und aus Rauch und Schwefelgestank reitet er heraus. Auf seinem Kopf zischende Schlangen. So hast ihn dir auch wohl gedacht.«

Ich wollte antworten ... was, weiß ich nicht mehr. Da rollte ein Donnerschlag über uns am Himmel dahin. Ich fühlte, ich war weiß im Gesicht. »Was ist das, Jörn?«

Aber für und für gleichmütig, mit seinem Geistergesicht antwortete Jörn Hölk: »Was solls sein? Gewitter ist es. Gewitter geht immer vorweg. Ohne das tut ers nicht. Wir stehen ja mit ihm in Verbindung, ›Rapport‹ nennt man das. Sein erster Ruf und erster Wutschrei. Er bereitet sein kommen vor und läßt den Schwarzen satteln. – Hättest dus anders gedacht?«

»O«, rief ich.

Ich muß wohl mit allen Anzeichen des Schreckens vor dem Meister gestanden haben. »Was ist denn, was hast du?« fragte er.

Hinterm Wall im Weg war ein Pferd in brausendem Galopp in der Richtung nach dem Dorf dahergestürmt. Dumpf und langsam verhallten die Hufschläge.

»Das!« rief ich.

»Man weiter nichts«, antwortete Jörn und nahm ein Priemchen. Seine Ruhe und sein Priemchen waren fürchterlich. »Das? Das ist des Teufels Stafettenbote, Adjutant nennt man das, die Horde der Schrecken aufzustören. Ich vergaß: die Todsünden heulen in Tiergestalt hinter dem Bösen her, und des Himmels Wolken widerhallen von Wehklagen der Engel. Das ist immer so, hat aber nichts zu sagen.«

»Dann wäre also alles in der Reihe«, fuhr er fort. »Wir müssen nur noch die Pferde sichern, und dann kann es losgehen. Die Pferde müssen weg, die finden wir sonst tot auf dem Platz wieder. Wollen mit ihnen nach Peter Wessels Koppel hinüberreiten. In der Ecke nach Klaus Wieben hin wächst dichter Busch, da binden wir sie an. Und wenn ich kommandiere, die Ohren mußt du mit beiden Händen zuhalten. Sonst bricht dir der Kopf entzwei. Ja, sonst erträgst du den Knall und den Lärm nicht« wiederholte er. Er machte einen Schritt nach den Pferden hin, drehte sich aber noch einmal ganz beiläufig, als wisse er meine bejahende Antwort vorweg, nach mir um mit den Worten: »Sehen willst ihn also?«

»Nein, nein, will nicht! Jörn bester Jörn, laß ihn in der Hölle!«

Jörn tat überrascht. »Willst nicht?«

Ich konnte nur wiederholen: »Nein, nein!« Ich zitterte dabei wie Espenlaub.

Jörn war oder schien verdrießlich. »Und all die Anstalten, und all die schönen Stöcke?« In dem Unwillensblick des Kreises waren alle zwölf Jünger beschlossen. »Ja, so ist die Jugend. Erst da gehts himmelhoch mit dem Wort und dem Mut, aber bei dem Letzten da ists zu Ende. Aber ich glaube auch, es ist das Beste, wir lassen es. Ich riet ja gleich ab.«

Das Gewitter kam auf, Jörn fing an, die Apostel aus der Erde zu ziehen, und ich tat ein gleiches. Der arme Judas Ischariot, er war ein ganz dünnes Kerlchen.

Jörn sah nach seiner Uhr. »Wollte Jochen Storm nicht«, fragte er, »um elf Uhr in dem, was unter dem Dorn liegt, zum Kindsbier?«

»Ja.«

»Es ist halb zwölf.«

»Donner«, fluchte ich mitten im Gewitter.

»Und bei mir ist es Mittag«, fuhr Jörn fort. Er fing an, die Stränge der Pferde zu lösen. »Einmal herumgepflügt, viel hats nicht gebracht. Aber das, was Schimmel und Fuchs zurücklassen, ist auch was wert.« Als er das sagte, liefen alle Schalksgeister meines guten Jörn wieder über sein Gesicht.

Ja, was Fuchs und Schimmel geleistet hatten, war erstaunlich. Man fütterte die Pferde nach dem Grundsatz ›die Masse muß es bringen‹ mit Strohhäcksel, worunter etwas Hafer, dazu mit Roggenmehl, was das Gedärme geräumig macht. Aber so was! Der Schimmel und der Fuchs mußten Unglaubliches zu sich genommen haben, mußten unbekannte, geheime Räume in ihrem Innern bergen.

Es hätte ein Segen für den Buchweizen werden können, wenn es gut und rechtzeitig gebreitet worden wäre. Aber Jörn war ein lässiger Bauer, er hat nicht für die Ausnutzung des Schatzes gesorgt. Die köstliche Kraft ist auf dem kleinen Fleck, wo sie hingefallen war, verpufft. Wo Fuchs und Schimmel gestanden haben, ist der Buchweizen mächtig aufgekommen; als im Sommer schwerer Regen gefallen, hat er sich gelegt, und so ist ein Fleck entstanden, wo nach dem Dorfschnack Jörn Hölk und der Teufel zu Gange gewesen sind.

»Donner!« hatte ich gesagt, trotz aufdrohenden Wetters. Der Himmel blauschwarz, die ersten Tropfen fielen. Und unter Donner und Blitz und Regen eilte ich, meine Hose unterm Arm, in der Richtung nach Indewisch.

Ein Reiter krabatschte hinter mir her und rief und schalt: »Verdreihte Snider! Ik lur und lur, un he kommt ni. Ik to Per na sin Hus. Is all sied halwi acht mit de Büx ünnerwegens.«

Jochen Storm war es auf schäumendem Roß. »Wat hett dat to bedüden?«

Ich stammerte was, ich glaube, ich stammerte was von Jörn Hölks Beschwörung.

»Lat den Düwel Düwel sin! Her mit de Büx!« Er nahm mir das Paket weg.

Und lachte. Er war ein guter Jochen, einer, der alles zum besten kehrte: »Un dat arme unschülli Kind kriggt wegen ju Düwelskram sin Nam en Stünn later.« Lachend sprengte er mit der Büx davon.

 

Ohm und ich waren auf dem Heimweg, vor uns gen Norden die wogende unübersehbare Grassteppe, uferlos wie das Meer. Nur ein paar Waldoasen am Horizont auftauchend, fernen Inselchen vergleichbar, wenn unser Schifflein im Weltmeer schwimmt. Und überall der große Ruf der Natur: ›Denkt große Gedanken, laßt die kleinen, die kriechenden, ich bin die Güte.‹

»Hans Ohm«, fragte ich, »gibt es einen Teufel?«

»Ich weiß nicht, kann mirs aber nicht recht denken« antwortete er.

»Warum nicht?«

»Der Teufel ist unsers Herrgotts Widerspiel. Warum sollte der Herrgott sein Widerspiel machen?«

Ich wollte erwidern: »Aber es gibt doch auch Böses in der Welt«, tat es aber nicht, und Hans Ohm ließ auch das Thema fallen, fing dagegen vom Kleeheu an, ob es heuer wohl gut einkommen werde.

Wir fühlten wohl Beide, daß das Lied von Gott und Teufel hohe Noten habe und daß wir so hoch nicht singen könnten.


 << zurück weiter >>