Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Im Moor

Es ist eine ansprechende Fernsicht, die sich von der halbinselartig in die Niederung vorgeschobenen Hochfläche der Dorfsgemarkung darbietet. Unser Auge schweift über weite von glitzernden Kanälen und Gräben durchzogene Wiesen; es überfliegt große, graubraune, düstere Moore und dringt hinüber zu den in blauer Ferne verdämmernden Heideflächen des dithmarsischen Landes. Wenn es zwischen dornigen Knicken und buschigen Hecken die Wege zur Wiese hinabgleitet, so duftet es wie Gras und Heu wieder zu uns her, und in der Seele brichts hervor, das lang verhaltene Heimweh nach Heumachen und Torfstich, nach dem Rauschen blanker Sensen im saftgeschwollenen Gras, nachdem Flattern weißer Leinenschürzen frischer, brauner Dirnen. Wie der Rechen fliegt, wenn sie die Grasschwaden gewandt zerschlagen!

Gern durchmesse ich den vielfarbigen Schmuck der Steppenflora. Da nicken in luftiger Brise weißflaumige Wollgräser und hochgestielte hochmütige Blumen in Purpurfarben. Sie neigen kommender Luftwelle, erheben sich aber um so stolzer bei fließender über das Gold niedrig geborener, im Grase halb vergrabener Blüter.

Die gefiederten Trapper sind mir freundlich gesinnt, bis auf den Kiebitz. Das ist ein zorniger Vogel, zumal in der Brütezeit und in der Hegezeit der Nestlinge. Herausfordernd klingt sein halb gezischter, halb gekreischter Kehllaut, und zudringlich umkreisen mich seine angriffslustigen Scharen, wenn ich mich mit ihm durch Nachäffung seines Geschreis auf den Neckfuß zu stellen versuche. Die Himmelsziege und ihren meckernden Laut liebe ich sehr. Bald hämmert der flüchtige Vogel aus blauer Luft, bald erklingt der eigenartig ironische Laut wie aus dem Röhricht schwarzer, quirlender Sümpfe.

Von der Steppe her gewahrt man nicht mehr die versunkenen Hochflächen; der Blick fliegt unaufgehalten bis zum Erz des Himmelsgewölbes, das auf der Ebene zu ruhen scheint. Wir frohlocken; rüttelt doch der gedrückte Menschengeist bei dem Anblick von Unendlichkeiten an den Fesseln seiner natürlichen Freiheit. Aber zugleich leiden wir, vor Sehnsucht leiden wir nach den seligen, blauenden Gefilden.

Am Horizonte lagert es wie dunkler Saum aufsteigender Nacht. Das sind die Hochmoore des Meckelmoores im Sonnenaufgang, des Reitmoores im Sonnenuntergang – düstere Wildnisse, wo der Fuß des Wanderers selten die Tiere der Niederung aufscheucht.

Der Charakter der Landschaft ist schwermütig. Was an Blumen ringsum uns anlacht, gedeiht auf feuchter Moorwiese. Und wie der Charakter der Landschaft, so auch der ihrer Bewohner. Ihre Augen sind ernst und melancholisch; aber gar listig und lustig zwinkern sie mit den Wimpern. Und ganz besonders listig zwinkern die Augen, die uns aus alten, über Wiesen und Mooren brauenden Sagen und Märchen anblicken – grobe Schalksgeschichten von ungefügem Schnitt und grobem Witz.

Zumal der arme, alte + + + ,der alte Herr, den man nicht gern bei seinem ehrlichen Namen nennt, wird arg verspottet.

Vor vielen Tausenden und Millionen Jahren war im Reitmoor, so sagt man, der Schlund einer allen Anforderungen entsprechenden und bis auf die letzte Ofengabel vortrefflich eingerichteten Hölle. Sie war gut geheizt, und der Böse lebte dort im Vorhofe mit Großmama und Großpapa behaglich, wie in seiner Backstube der Bäcker, während ein zahlreicher Troß gutgeschulter Dämonen in Nebenräumen unterbracht war.

Um den Betrieb der Hölle zu beginnen, fehlte es aber an verdammten Seelen. Vermutlich hatte die Schöpfung es erst bis zu den Wirbeltieren gebracht; noch existierte nicht das vernünftige, daher schuldbeladene Wesen – der Mensch.

Um diese Zeit soll die Hochfläche der beiden Moore entstanden sein. Im plattdeutschen Wortverstande heißt Merkelmoor ›Zankmoor‹. Dort haben sich der Teufel und seine Großmutter arg gezankt, aber zum Schluß ist der Streit bei einem gemeinschaftlichen Teufelsbrei harmonisch ausgeklungen. Den lieblichen Breigeruch, so berichtet die Sage, trug ein stürmischer Ost zum Reitmoor, wo der alte Großpapa zurückgeblieben war, hinüber. Und der Duft drang in die Hölle. Da reckte der Alte die bockbeinige Ungestalt zum Ausgang empor, und, auftauchend aus dem Schlund der Hölle, zu dem gefürsteten Enkel hinüber klang der heiße Höllenbrodem seines Atems: ›Brei, Breil‹ Der Teufel fühlte ein menschliches Rühren und warf mit dem großen Ausgabelöffel die eine Hälfte ihm zu. Dort klatschte sie nieder, wo jetzt das Reitmoor starrt, als ein übrig gelassener, widerlicher Rest.

Zwischen Reitmoor und Meckelmoor, schlicht und recht in der Mitte, ruht, wie ein Tropfen Unglück auf grüner Wiese, die kleine Hochmoorparzelle des Viertelhufners Fedder Sievers, Gemarkung Haale, Kartenblatt 1, Parzellennummer 14 des Königlichen Katasteramts und Kreises Rendsburg. Ihr unterhöhlter östlicher Rand bildet das überhängende Ufer einer stillbewegten, tiefgründigen, schilf- und röhrichtumrahmten Flußwindung. Das ist ein im Fluge des dämonischen Wurfs abgelöster Tropfen, und ›Düwelsdroppen‹ heißt die Moorfläche im Volksmunde sowohl wie in den Listen des Katasters und im Grundbuch des Amtsgerichts bis auf den heutigen Tag.

Noch in den letzten Jahrhunderten hat man den Teufel im Reitmoor gesehen. Der alte Hans Tödt, der es mir erzählte, hatte die Geschichte von Jürgen Thun. Jürgen ist in meinen Kinderjahren zu seinen Vätern abberufen. Er hat sich auf seine Großmutter berufen, die es von ihrem Vater erfahren hatte. Dessen Kuhhirte hat mit dem Bösen im Reitmoor selbst gesprochen. Schon damals war der Teufel ein verhutzeltes graues, faltiges Männchen. Schweif und Pferdehuf waren nicht zu erkennen, denn er trug Stiefel und einen langen, vielgeflickten Rock, und wenn er Hörner besaß, so waren sie von einer hohen, grauen, wollenen Mütze bedeckt. Traurig saß der Teufel, eine dürre, dicke Binse rauchend, am Rande einer Moorkuhle und schlenkerte mit den in die Tiefe hinabhängenden, mageren, krümmen Beinchen. Er war verdrießlich, klagte über Erkältung und hüstelte. Es fehle ihm, hat er gesagt, Tabak und Schnaps, er rauche Schilf und Binsen und trinke Moorwasser. Das Höllenfeuer schwele nur noch so und von Seelen keine Spur. Im Winter friere ihn abscheulich. Seine Dämonen hätten sich enttäufelt, um sich in eine Art Wiesengötter zu verwandeln und Liebesfeuer anzufachen. Sie seien die Urheber von dem, was sich im Schatten der Heu- und Torfdiemen ereigne. Das Teufelsein habe er herzlich satt; vielleicht gebe er das Geschäft ganz auf, werde ein vernünftiger und ehrlicher Mensch. Bei dem Abschiede hat er den Kuhhirten um eine milde Gabe gebeten. Leider konnte sie dem armen Teufel nicht gewährt werden, denn der Kuhhirte hatte selbst kein Geld. So weit der Bericht von Jürgen Thun. Wenn man den weiteren Mitteilungen Glauben schenken darf, dann hat der bedauernswerte Höllenfürst seinen Entschluß ausgeführt. Hans Tödt behauptet, der Teufel diene in Seefeld bei Hans Vierth als Tagelöhner, heiße Jens Jensen, trete mit dem linken Fuß kurz und habe ein altes, verwittertes, verdrießliches, gutmütiges Gesicht. Zwei warzenartige Erhöhungen liegen, so sagt er, auf dem blank polierten Schädel. Auch jetzt bildet eine Wollmütze seine regelmäßige Kopfbedeckung, und Sonntags trägt er einen langen Rock.

Jens Jensen, früher Satan, konnte es bei dem Bau des Nordostsee-Kanals im Reitmoor nicht mehr aushalten. Bei den Vorarbeiten ging die Alte mit einem Vermessungsbeamten durch und nahm den alten kindischen Großvater mit. Das Reitmoor ist zum Teil mit Sandschichten bedeckt und die Hölle bei der Gelegenheit verschüttet.

Ich will nicht unterlassen, zu bemerken, daß ich für Tödt nicht einstehe. Im Dorf hält man ihn für einen Hans Quast, Jens Jensen sah ich mit keinem Auge. Dessen wunderbare Bekehrungsgeschichte will mir nicht in den Sinn, aber an des Teufels Begegnung mit dem Kuhhirten wage ich nicht zu zweifeln. Denn es ist Tatsache, daß auf Wiesen und Mooren bei Männlein und Fräulein der Herzenszunder leicht entflammt. Und wenn der dörrende Sommer seine wallenden Schleier auf die Steppen legt, dann sieht ein Sonntagsauge die Wiesen- und Moorgötter von flockiger Wolke herabgleiten, wo immer der Wurf des Geschosses sich lohnt. Doch nimmer schaut der Getroffene den Urheber denn der göttliche Schalk trägt eine Tarnkappe und schlägt seine Opfer mit Blindheit.

 

So warf der Bezirksgott des Düwelsdroppens im Frühling beim Torfstich sein Geschoß nach Bartel und Anna, die beide bei Fedder Sievers dienten. Aber er streifte sie nur. Der Pfeil ritzte dem Bartel die Brust und verklang sodann an dem Stahlgerät, das die Form eines langgestreckten, plattgedrückten, zweischneidigen Herzens hat und den eigentümlichen Namen Torfseele führt. Geräuschlos und sanft zerschnitt diese die in grauen Jahrhunderten aufgespeicherten Konserven der Torfmoose, wenn die kundige Hand des Bartel die zum Abbau bestimmte Grubenwand absteckte und mit wuchtigen Schlägen die Breite der Sodenziegel in gleichmäßigen Querschnitten bestimmte. Dann wurde es von dem breiten, behäbigen Eisen des Torfspatens, der die vorgeformten Soden über den Rand der Grube hob, abgelöst. Anna hatte die feuchten, klebrigen Ziegel in niedrigen, den Kartenhäusern gleichenden Haufen aufzustapeln, der dörrenden Sonne, den trocknenden Winden zuliebe. Vor Arbeit gewahrte sie kaum den Stoß vor ihr Schnürleibchen; aber mit Gefallen gedachte sie der Wohlgestalt des Bartel. Und Bartel stützt die Linke auf den Spaten, während die Rechte sein Herz, die Augen aber das Annchen suchten – ihm selbst nicht klar, weshalb?

Bei der wichtigsten Handlung, die der Bauer kennt, an der Mittagstafel war Bartel Nachbar der Anna. Oben am Tisch Fedder Sievers, der Bauer, dann folgten die Frau, der Großknecht, dann Anna, endlich Bartel. Wenn in der Tischversammlung dem Herrn der Welt der übliche Dank durch stumme Andacht bedächtiger Händefaltung fünfzehn Sekunden lang, während der Hunger an Magen und Eingeweiden nagte, dargebracht worden war, schwang der Bauer den Holzlöffel in die dampfende Schüssel. Dann kamen die Frau, der Großknecht, das Dienstmädchen Anna, und wenn endlich Bartel den köstlichen Bissen über den Rand gehoben, tauchte der Bauer wieder den Löffel mit dem Gleichmaß eines Uhrwerks, ohne Hast und Rast, über das ragende Ufer des mächtigen irdenen Gefäßes.

Seit dem Torfstich bemerkte Bartel, was er früher kaum gesehen hatte, daß die Anna ein frisches, dralles Ding war, eines mit goldblondem Haar, blauen, freundlichen Augen und frischen Lippen. Und sein Blick ruhte oft und gern auf ihr. Wenn sie die Hände zum Tischgebet faltete so war seine Andacht dem Himmel wenig und dem was auf dem Tisch dampfte und duftete, nur halb zugewendet. Er fand Muße, zu beobachten, wie sie in ihrem Schoße die Daumenmühle machte, wobei er die Geschmeidigkeit der kreisenden kleinen Daumen höchlichst bewunderte. Die schienen ihm etwas Menschliches, eine von ihrer Trägerin getrennte Persönlichkeit zu besitzen. Der Nagel saß den Däumchen kokett auf der Stirn, sie blickten ihn fröhlich an, wie Kinder im Karussell, wenn sie hinabsanken, und neckisch, wenn sie emporstiegen. Er verliebte sich ordentlich in die artigen Dingerchen. Und weil er dem vermeintlichen Gesicht dieser Däumchen eine Familienähnlichkeit mit seiner Nachbarin andichtete, so übertrug er das Interesse für sie auf Anna selbst.

Was alles sich in fünfzehn Sekunden beobachten läßt! Von den Daumen glitt sein Auge über die kleine rote, zerarbeitete, so feste und doch so weiche Hand, über das Handgelenk und den Arm hinauf, soweit nur das kurzärmelige Miederchen es gestattete. Wenn die Daumen mahlten so dehnten sich spielend und spannend viele feine Sehnen, Nerven und Äderchen unter der braunen Haut der nackten Arme, bis zum köstlichen, runden Weiß, das unter den Ärmeln verführerisch, ahnunggrauend hervorlugte. So wurde er aus Liebe zur Anna anatomischer Liebhaber, der biedere Bartel. – Über eine andere Empfindung fehlte ihm selbst die bündigste Klarheit. Weshalb badete er den Löffel an derselben Stelle, wo noch die Wellen des von Anna gehobenen nachkräuselten?

Anna schien sich hinter einer kleinen, runden Stirn die Antwort auf diese Frage zu geben. Denn wenn der Bauer nach alter Gewohnheit bei dem Einführen seiner Suppe in die entsagungsvoll gefalteten Lippen die Augen schloß, und die Frau sich vorbeugte, um einen flüchtigen Knödel zu erhaschen, dann leuchtete dem Bartel das sonnige Gesichtchen der Anna mit den frischen Lippen, als wären sie so bereit wie geeignet, ihm etwas Liebes anzutun.

Was war das für ein eigentümlicher Bartel! In der Gesellschaft anderer mit ihr froh und heiter und unbefangen, war er bei ihr allein einsilbig, rot und errötend ohne Ursache, steif und hölzern, die Hände auf die Hüften gestemmt – der leibhaftige Lebkuchenmann, nur daß diesem das brennende Herz mit dem dazu gehörigen Sprüchlein auf die Brust geleimt war, während Bartel Herz und flammende Liebe in der Brust trug.

Einmal leitete er ein Gespräch mit Anna ein, preßte in fliegender Röte ihr braunes Händchen noch tausendmal röter und brauner. Er habe ihr was zu sagen. Aber die Mitteilung blieb aus. »Nichts, ich machte Spaß«, preßte er wenig spaßhaft hervor und ›schlug sich seitwärts in die Gebüsche‹.

Ein ander mal bat er die Anna in sichtlicher Verlegenheit um einen kleinen Dienst. Es handelte sich darum, an der Innenseite seiner geflockten und geflickten Weste eine Tasche anzubringen. »Wozu?« forschte die Anna. Bartel fing an zu stottern. »Ich meinte, ich wollte«, log er offensichtlich, »ich wollte meine Anschreibereien darin aufbewahren.«

Daß Bartel für den Bauer wirtschaftliche Aufzeichnungen zu machen hatte, war richtig. Aber Anna glaubte nicht an diesen Zweck. Es lag ein eigentümliches Lächeln auf ihren Lippen, als sie den Auftrag ausführte. Sie trennte das Westenfutter in der Höhe Mitte und legte einen Saum um den Spalt. Da war viel Platz für Erntelisten und Anschreibereien.

Seitdem schien sich die Buchführung zu verwickeln. Das war nicht mehr die doppelte, das mußte eine drei- und vierfache sein. Des Abends nach vollendetem Tagewerk, wenn die Rosse im warmen Stall ihr Futter rupften, saß Bartel, der Futterknecht, auf der Diele bei kärglicher Öllampe über seine Erntelisten gebeugt, und selbst während der Mittagspause sah man ihn mit Papier und Bleistift in schwerer Sorge sinnen.

Die Buchführung verursachte ihm Mühe und Kummer. Oder war es die aufkeimende Saat verschämter Neigung, die zu buchen er sich bemühte? Schrieb er bei nächtlicher Lampe den Kummer, der ihn beim Torfstich getroffen?

Bartel war zur Ruhe gegangen und – schlief. Nach dem Befehl von Fedder Sievers sollte er am folgenden Morgen in aller Frühe mit Anna zum Hochringen des Torfs. Und diejenige Seele, die im Schlaf den Unfug verübt, den wir als Traum bezeichnen, war bei der Arbeit. Bartel mußte in seinem Bett das Ächzen und Stöhnen besorgen, während sie, die Seele, einen schweren, hoch aufgestapelten Karren Torf zum Hochdiemen den Anna zur Kuppe wölbte, hinabschob.

»Anna, der Torf ist nicht trocken«, behauptete Bartel gerade, als eine nur dürftig bekleidete Gestalt die über eine Stuhllehne gehängte Weste entführte. »Der Torf ist naß«, wiederholte Bartel mit so lebhaftem Schnalzen und Schlucken, als klebe ihm der feuchte Torf am Gaumen.

Anna, sie war die Gestalt, erschrak, faßte sich aber, als ihr ein dem Aufwinden einer Ankerkette vergleichbares Geräusch entgegenfauchte. Dadurch schien der Träumer ausdrücken zu wollen, entweder daß er seine Ansicht über den Torf geändert habe, oder daß er es im Schnarchen mit jedem, wer es auch sei, aufnehme.

Nun las Anna bei nächtlicher Lampe, was sie oder vielmehr der Moorkobold angerichtet hatte.

Ein Wust von halb und ganz zerknüllten Zetteln, Zettelchen und Bögen, deren Inhalt mit Fedder Sievers Roggen nichts zu tun hatte. Bartel war Schriftsteller geworden und – o weh! – ein schöngeistiger. Der Entwurf eines Liebesbriefes lag in zwanzigfacher, stets veränderter, nicht immer verbesserter Auflage vor ihrem Auge. Die Handschrift war grob und ungefügig, aber sie teilte ihr das Wesentliche in nicht mißzuverstehenden Worten; er liebte sie herzlich.

Gemeinsam war allen Entwürfen die Anrede: »Vielgeliebste Anna! Ein Umstand nötigt mir die Feder Anzugreifen ...«; der Schluß: »Ich verbleibe mit Achtung Dein Dir Liebender Freund ...«; endlich die Notiz: »Ich muß den Brief besser machen.« Der Bezirksgott des Teufelstropfens hatte ihn empfindlich getroffen: das brennende, verzehrende Gift seiner Pfeilspitze saß in Bartels Herzkammer. Deshalb war Bartel nicht allein prosaischer Schriftsteller, sondern auch Dichter, und die schönste Perle seiner Lyrik hätte Anna bald mit dem kleinen Zettel, der sich in die Ecke des ungeheuren Raumes zurückgezogen hatte, übersehen:

»Deine Lippen Mal zu küssen.
Dafür gäb ich tausend Nüssen.«

Eine elegische Ausströmung auf der Rückseite: »Wie ist die Welt so Unglücklich!«

Anna hat uns nicht verraten, welchen Eindruck die Kundgebung dieser Gefühle auf sie machte. Unangenehmer Art war er wohl nicht, denn sie lächelte, und denselben Lippen, deren Kuß ersehnt wurde, entfloh das gelassene, große Wort: »Dummer Junge!«

Am folgenden Morgen, als Bartel sich den Schlaf aus den Augen rieb, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, daß er allein mit Anna zum Torfhochring gehe, fand er die Weste am gewohnten Ort und in gewohnter Lage. Wie immer diente der gedrehte Knopf des Stuhles dem rechten Armloch als Haken, während die linke Brusthälfte mit dem Archiv sowie der Westenrücken, worauf ein quadratischer und zwei lange Flicken zu bemerken waren, herunterhängend mit dem Zipfel den Estrich des Bodens berührten.

 

Ich liebe die Natur, mehr Träumer als vorwitziger Forscher. Ich liebe, was im grünen Gras zirpt, was sich dort bläht, was hüpft und was fliegt, ohne mich viel um Namen und Klassen zu kümmern. Duft und Farbe, Staubfäden und Kelch der Blüter zergliedere und zerfasere ich nach keinem System. Nimmer trage ich das Mordgewehr über grüner, grausamer Joppe und nimmer den Angelschaft in tötender Hand. Mit schlichtem Stab geh ich zum Flusse hinab und nur die Ruder des Nachens beschwingt mein friedlicher Arm. Es mögen wild sich Parteien und Staaten bekriegen, in meinen Sumpf dringt nicht ihr rohes Geschrei.

Es ruht sich sanft auf schwankendem Kahn, wenn der anmutig gewundene Strom ihn dahertreibt oder wenn er unter der überhängenden Moorfläche vor Anker liegt; wie wohl, wenn zitternde Wärme über der Steppe brütet und das muntere Volk der Mäher, fromme, weidende Herden, Himmel und Erde, wie in wallender, wogender See vergräbt! Dann tauchen sie auf, meine Gefährtinnen, allerliebste Geister, die im flüsternden Riedgras wohnen: blonde, sanfte, schmachtende Gestalten mit weißen, blaßroten Lippen (wenn sie mir ins Ohr tuscheln, habe ich die Empfindung eines überaus angenehmen Kitzels), hübsche Teufelinnen, die im Schilfe rauschen, gesund, rotbackig (sie bersten stets vor Tollheit und Lachen, und von ihren Lippen plätschert unaufhörlich der Strom unsinniger Redereien), artige Nymphen, die glucksenden Sümpfen entsteigen, wie feuchte Moorerde duftet es aus langem, dunklem Haar, worin sich allerlei zackiges Scherengewächs verfängt. Sie alle haben süße, verschlafene Gesichter, und ich hüte mich wohl, ihnen den Halbschlaf aus den abgrundtiefen Augen zu reiben.

Wir sind beisammen. Es duftet die Erika, die Ebene flimmert; im Schatten des Torfdiemens, wo Bartel und Anna ihren Mittagsschlaf halten, zittert die von Torf und Speck- und Brotgeruch erfüllte Luft.

Wir lugten über das Ufer, das Pärchen zu beobachten, aber auch den Kobold, der hinter dem Diemen mit rosigem Däumchen die Scheide des Pfeiles prüfte, auf den Bogen legte und – zielte.

Der entteufelte Liebesgott machte eine angenehme Figur, war ein Bürschchen in dunkler Taschenausgabe, das schwarze, wollige Haar und das gebogene Näschen standen ihm gut, und gut mochte auch die reizende Tarnkappe von Moorheide, die am Köcher hing, zu diesem Krauskopf passen.

Noch immer stand er und – zielte, entsandte aber nicht das Geschoß. Er tat es gar in den Köcher zurück, bedeckte sein Haupt mit der Kappe und vereinigte die torfgeschwärzten Händen der beiden jungen im Netze ihrer Träume zappelnden Menschenkinder. »Wozu«, hörten wir ihn murmeln, »noch einen Pfeil? Es sind teure Zeiten, und man muß sparen«. Dann entführte ihn der flüchtige Strahl zur flockigen Wolke.

Aus der Höhe wendete er sein Haupt. Das tat auch ich, und mit mir das neugierige Volk. Die Schilfgöttin, deren Größe nicht reichte, hatte ich schon längst aufhocken lassen. Wir alle warfen unsere Blicke.

Und sieh! Endlich kam dem guten Bartel die Offenbarung, was man einem Mädchen hinter Torfdiemen von Rechts wegen schuldig ist. Endlich ermannte er sich zu Umarmung und Kuß. Und sie umschlang ihn mit braunen, verbrannten Armen. Uns schien, sie sagte: »Du dummer, du süßer Junge, du!«


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