Timm Kröger
Eine stille Welt - Novellen
Timm Kröger

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Die Roßtrappe von Neudorf

Das Gehöft Neudorf ist bisher nicht berühmt und nicht merkwürdig, aber es besitzt ein Plätzchen, das sich zur Berühmtheit und zur Merkwürdigkeit entwickelt.

Da liegt es, das kleine Gut, zwischen Acker und Wiese, Wald und Heide. Ein Fluß windet sich in träger Verdrossenheit durch die Ebene. Das Gleichmaß seiner an schilf-, weiden- und erlenumflorten Ufern vorübergrollenden Wellen wird nur einmal durch eine Bodenerhebung gestört. Unweit des Hofes durchschneidet er den Chimborasso von Neudorf. Dessen abgedachte Kuppe überragt als ein steil abfallendes Plateau den Wasserspiegel um nahezu sechs Fuß; von ihrer Ebene überbrückt der Blick den im eingeengten Bett lebhafter vorüber plätschernden Strom.

An sich ist es nicht großartig und auch nicht schrecklich. Aber ganz Neudorf nennt im Hinblick auf die Ereignisse, deren Schauplatz dieser Hügel war, die Tiefe des Stromes eine grausige, seine Breite trotz der Stromenge eine ungeheure. Denn hier ist die ›Roßtrappe von Neudorf‹. Hier gelang der unvergleichliche Sprung, von dem Jung und Alt sagt und singt. Hier sitzt die altersgraue Muse von Neudorf, verwitterte Runenschrift im Antlitz, die Spindel in der Hand, und spinnt und spinnt um die Höhe das Gespinnst goldener Sage.

Ihre Kreise will ich nicht stören. Sie redet eine einschmeichelndere Sprache als die Geschichte. Ich unternehme es, mit dem elektrischen Licht geschichtlicher Forschung die außerordentlichen Begebenheiten aufzuhellen, aber mich verläßt nicht das Bewußtsein, daß die Geschichte auch hier der Sage erliegen wird.

Klaus hieß er, und Nachtwächter war er. Dies Amt legte ihm die Verpflichtung auf, allnächtlich einen Rundgang durch das Anwesen zu machen.

Ein Wächter hat etwas Heldenhaftes; wir verbinden mit ihm die Vorstellung reckenhaften Mutes. Allein unser Held war kein Held. Denn, als er Gelegenheit hatte, seinen Mut zu zeigen, bewies er wohl Gewandtheit, aber keinen Mut; als er verpflichtet war, seine Lanze zum Angriff zu schwingen, machte er von ihr einen ungewöhnlichen Gebrauch.

Sein beständiger Begleiter war Nero – ein Wesen mit hündischen Eigenschaften und Neigungen. Eine gelbweiße Färbung bedeckte das halblange, seidenweiche Haar des ansehnlichen Tieres. Nero war bescheiden und dem Gebieter ergeben. In der Hundewelt aber erregte er gemischte Gefühle. Dem schönen Geschlecht war er Löwe, ihm gegenüber wendete er mehr Galanterie auf, als für seinen Ruf ratsam war; der Herrenhundewelt dagegen war er Stutzer, »die widerwärtige Erscheinung eines sogenannten schönen Mannes.«

 

Klaus und Nero befanden sich auf dem Pfade der Pflicht. Sie versahen ihr Wächteramt auf dem von niedrigen Wällen umgürteten Hofplatz. Eine schöne Nacht, in gleicher Weise einladend zum Schwärmen und Philosophieren wie zu galanten Abenteuern. Klaus hatte keine Neigung zur Philosophie und keine Auffassung für die Liebe. Darin unterschied er sich von seinem Begleiter. Klaus hatte nicht einmal Gehör für die Liebe. Musik rechnete er zu den Geräuschen, und wenn er dafür bezahlen sollte, zu den unangenehmen. Nachtigallenschlag und Schweinegrunzen klangen ihm ungefähr gleich. Als der Gatte der Frau Nachtigall ein Flitterwochenlied anstimmte, glaubte Klaus ein Ferkel in Erstickungsnöten. Er horchte. Er ärgerte sich, als er wahrgenommen, daß er einem Vogelsang seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sein Gefühl für Würde war fein und empfindlich.

Das Himmelsgewölbe erstrahlte in der Pracht funkelndern Fixsterne. Die Welten der Milchstraße durchzogen die Hemisphäre in den bekannten Linien. Dem Auge winkten aus abgrundtiefen Weiten fern und ferner ewige Sterne.

Ein heller Stern blinzelte unserm Klaus direkt in die Augen: ›Du baumlanger Klaus, wie winzig bist du, und wie klein ist deine Erde!‹ Der Wächter verstand ihn nicht. Es flog durch seine Erinnerung eine verschollene Sage, jeder Stern trage den verklärten Leib eines Verstorbenen durch den Äther. Er maß das Lichtpünktchen geringschätzig mit seinem Auge. Der Gedanke, daß er, der baumlange Klaus, auf diesem Strahl, diesem Nichts, dessen aufgeblasenes Dasein er auszublasen sich getraue, wenn er nur herankönne, durch die Lüfte reite, erregte seine Heiterkeit. Die Vorstellung war zu albern. Er lachte.

Sein Lachen war ein Gemisch von Poltern und Wiehern. Seine Lachsalve war weit und breit bekannt. Darin tat es ihm keiner gleich. So lachen fünfmalhunderttausend Teufel, wenn ein Edler in die unreinen Begierden schattenhafter Jahrtausende zurückfällt. O, dieses Lachen! Wenn es sich den Schwingungen der Brust entrang, echoten die benachbarten Partien seines ansehnlichen Leibes. Das Lachen hatte viele Eigentümlichkeiten, aber die wiehernde Klangfarbe war die hervorstechendste. Der Hofschmied Thomsen nannte ihn deshalb das ›Roß‹, und die Bevölkerung von Neudorf erhob diese Bezeichnung zu einem allgemein bekannten Necknamen unseres Klaus.

Auch der Stern lächelte; es war ein überlegenes, ironisches Lächeln, wie es einem Himmelslicht erster Größe zukommt.

Von dem Lachen unseres Klaus wiederhallten Winkel und Erker. Die tönerne Flora des Herrenhauses lachte hell und silbern, die Giebel der Wirtschaftshäuser grob und dumpf und derb, ein wenig roh, mit rückhaltslosem, bäurischem Behagen. Der Heuschober hielt sich den umfangreichen Leib, der Ziehbrunnen stemmte in schüttelnder Lache die Hand in die Hüfte.

Es war unvorsichtig von dem Wächter, so zu lachen. Denn wenn sich jetzt jemand auf unerlaubten Wegen befand, so wußte er, daß der schreckliche Wächter nahe. Dann war es Zeit, auf Rettung bedacht zu sein.

Und sieh!

 

Und sieh!

Warf sich nicht eine dunkle Gestalt mit kräftigem Schwung aus dem Fenster des Erdgeschosses? Das ist kein fadenscheiniger Schatten der Phantasie. Die Pflicht ruft, edler Klaus! Im Zentrum der Gefahr, da wehen deine Banner!

Hei, wie blitzte das Auge unseres Helden! Nicht wahr, wir sehen ihn mit eingelegter Lanze den frechen Dieb zu Boden rennen, wir hören den Überwundenen um Schonung flehen?

So hätte es sollen sein, so war es leider nicht. Wohl raste der Wächter, aber er raste in wilder Flucht. Über den Hofplatz donnerten seine Fußtritte, den das Gehöft umgürtenden Wall überflog er in wilder Hast. Gelang es ihm, das Flüßchen zu passieren, so schien die Gefahr vorüber. Wie sprengte der Ritter vom Roß durch die Gefilde, näher und näher dem rettenden Strom! Jählings erstürmt er die Wände des Hügels; der Spiegel des Stromes blitzt vor ihm auf. Wohl grauste ihm ob der schwindelnden Tiefe – sah er nicht im Fluge ein Totengesicht im rauschenden Strom? –aber er schöpfte zum grausigen Sprunge aus der Blässe der Furcht den blühenden Mut.

Nun zeigte es sich wozu der Wächter eine Lanze trägt. Sie fand in dem zähen Boden des Flußbettes das Zentrum desjenigen Kreises, in dessen Tangente der kühne Wächter dem jenseitigen Ufer zuflog und es glücklich erreichte.

Er war gerettet.

 

Nero beteiligte sich nicht an dieser Flucht. An die Wandung seiner Brust klopfte ein von Liebe erfülltes Herz und erleichterte ihm das Verständnis der Lage. Er erkannte in dem verfolgten Verfolger einen alten Bekannten, eine unmittelbare Eingebung zeigte ihm im Herzen des Jünglings die ihm wohlbekannten Pfeile des Flurschützen Amor. Er war ein teilnehmender Freund, eine verständnisvolle, schöne Seele. Das versicherten das kluge, treue Auge, die schalkhaft zurückgelegten Behänge, der wedelnde, lange, buschige Schweif.

Und nicht allein von Nero war die Flucht bemerkt. Zwei Augen hatten der wilden Jagd im Anfang sorgenvoll, dann erheitert nachgeblickt. Der große Fixstern lächelte diesem Doppelgestirn freundlich zu, ohne Überlegenheit, ohne Spott und ohne Ironie. Leuchtete doch aus diesem Augenpaar eine Liebe, unvergänglich wie sein eigner Glanz.

 

Ob Nero geplaudert? Ob die Mitspielenden das Bühnengeheimnis verletzt? Es ist unaufgeklärt, wie und wo. Genug das kleine Abenteuer wurde bekannt und machte die Runde. Gehen wir den verschlungenen Pfaden der dichtenden Volksseele nach.

Leider wandelte sie auch hier, wie so oft, den Lästergang der Verleumdung. Unserm Helden wurde etwas nachgesagt, wovor ihn Alter und eheliches Joch hätten schützen sollen. Friech Thomsen, Satiriker von Neudorf, der als Geselle den Harz durchwandert hatte, bevor er Hofschmied wurde, ließ seiner Spottlust freie Bahn. Von ihm wurde die denkwürdige Stätte, wo Klaus den Fluß übersprang, mit anzüglicher Beziehung auf den Necknamen unseres Helden zuerst als ›Roßtrappe‹ bezeichnet. Und so heißt sie bis auf den heutigen Tag. Friech Thomsen zeigte Fremden und Einheimischen Spuren von Riesenfüßen, die Klaus dem Boden unvergänglich aufgedrückt haben soll, daneben die Spuren eines Pferdehufs, zurückgelassen von dem Bösen, als er unsern Helden gejagt. Dunkle Gerüchte, daß Klaus sich auf Wegen befunden, die in gleicher Weise von Recht und Sitte verboten sind, wurden von ihm genährt.

Das alles ist schon lange her, und Freund Hein hat dem bösen Friech den losen Mund geschlossen. Unser Held ist dem Schmerze gekränkter Ehre entrückt. »Was im Lied soll ewig leben, muß im Leben untergehn.«

Auch von Klaus mußte die letzte Spur seines Erdendaseins getilgt sein, bevor die Muse von Neudorf auf dem Hügel am Flusse die Maschen ihres Gewebes einschlug. Erst die Zeit verleiht einer Sage Zauber und Anmut. Und die Muse von Neudorf arbeitet langsam und bedächtig. Noch ist ihr Werk nur halb vollendet. Erst den künftigen Geschlechtern wird Klaus ein reckenhafter Jüngling sein, der durch Todesverachtung die Geliebte des Herzens von dem hartherzigen Hofbauern erringt.

Er bricht, so wird die Sage weiter berichten, am rettenden Ufer sterbend zusammen, und Sie sucht vor den Augen des in wildem Schmerz aufschreienden Vaters den Tod in den Wellen. Das ist dann die vollendete Roßtrappensage von Neudorf, bekannt im ganzen Land.

Aber niemand wird singen und sagen von unserer mit dem nüchternen Griffel des Historikers aufgezeichneten Geschichte. Niemand wird fragen nach der geschichtlichen Grundlage der Roßtrappensage.


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