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I.
Blicke in den Spiegel des Hexen- und Teufelswahns

»Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn!«

Schiller.


1.
Hexenwahn und Teufelsglaube im Altertum

»Hier sieht man offenbar, daß Hexen in der Welt;
Da eines Träumers Kopf wohl tausend in sich hält!«

Webster.

Der Hexenwahn ist uralt und aus dem Heiden- und Judentum auf die christlichen Völker übergegangen. Alle uns bekannten Völker des Altertums, auch diejenigen, denen der Teufelsglaube fremd war, glaubten an Hexerei, d. h. sie befanden sich in dem Wahne, daß es möglich sei, durch Flüche, Verwünschungen oder Zauberformeln usw. Menschen, Vieh und Früchten zu schaden und sie zu verderben.

Bei den Juden »Die Juden«, heißt es in einem im Jahre 1793 erschienenen Buche vom Aberglauben, »die immer gern nach Wundern und Weissagungen haschten und durch das Ansehen der Propheten, welche in einem vertrauten Umgang mit Gott zu stehen behaupteten, noch mehr darin bestärkt wurden, stoppelten aus ihren schon üblichen magischen Formeln und Zeremonien, aus den magischen Künsten der Ägypter und Griechen, aus der pythagorischen und platonischen Philosophie und vielen anderen Stellen ihrer heiligen Bücher ein magisches System zusammen, worin die Possen der Astrologen, die Träume der Pythagoriker und Platoniker von einem vertrauten Umgange mit Geistern, die unter dem Volke im Schwange gehenden Märchen von den Zauberkräften gewisser Wörter und Formeln in Verbindung gebracht waren.« schlug der Teufelsglaube erst Wurzel, nachdem sie mit den Persern in Berührung gekommen waren; der Glaube an Hexerei und Zauberei dagegen findet sich bei ihnen viel früher.

Bei den Römern enthielt schon Roms ältestes Gesetzbuch, die zwölf Tafeln, Strafen für diejenigen, welche durch Zaubersprüche Menschen oder deren Feldfrüchte beschädigten.

Plinius berichtet (Buch 18, Kap. 8 seiner » Historia naturalis«):

»Ich kann mir nicht versagen, hier ein Beispiel aus dem Altertum anzuführen: C. Furius Cresinus, ein Freigelassener, wurde, weil er auf einem sehr kleinen Acker einen weit reicheren Ertrag gewann, als sein Nachbar auf größeren Äckern, von dem Neide stark verdächtigt, als ob er durch Zauberkünste fremde Früchte an sich ziehe Auch Tibull sagt von der Zauberkunst:
»– – – – – – Götter der Nacht, o erscheint mir! Ihr schuft, daß, wenn ich wollte, den staunenden Ufern die Flüsse Aufwärts kehrten zum Quell; und ihr, daß geschwollene Meerflut Stand, und stehende schwoll die Bezaub'rung. Wolken vertreib' ich. Mir durch Wort und Gemurmel zerplatzt der Rachen der Natter; Auch den lebenden Fels und die Eich', aus dem Boden gerüttelt, Raff' ich, und Wälder, hinweg; mir bebt der bedräuende Berg auf; Mir auch brüllet der Grund, und Gestorbene gehn aus den Gräbern. Selbst dich zieh' ich, o Mond, wie sehr temesäisches Erz auch Dir, Arbeitendem, hilft; es erblaßt der Wagen des Ahnen Unserm Gesang; es erblaßt vor unseren Giften Aurora« usw.

Als ihm deshalb vom Aedilis curulis Sp. Albinus ein Termin zur Verhandlung angesetzt wurde und er verurteilt zu werden fürchtete, trug er sein ganzes Ackergerät auf den Markt und brachte seine kräftigen und, wie Piso sagt, wohlgepflegten und wohlgekleideten Leute, seine gutgearbeiteten Eisengeräte, schwere Hacken und Pflugscharen und seine gutgefütterten Ochsen mit. Dann sprach er: »Hier, Quiriten, sind meine Zauberkünste, doch meine Nachtwachen, meine sauren Arbeiten und meinen Schweiß kann ich euch nicht zeigen oder auf das Forum bringen.«

Hierauf wurde er einstimmig freigesprochen.

Ferner berichtet Plinius (in demselben Werk im 28. Buche Kap. 3 und 4):

»Noch heute glaubt man, daß unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven, falls sich dieselben noch nicht aus der Stadt entfernt haben, durch ein Gebet auf der Stelle festbannen können. Erkennt man dieses einmal an, so muß man auch zugeben, daß die Götter gewisse Gebete erhören und sich durch gewisse Gebete bewegen lassen.

Es gibt keinen Menschen, welcher nicht fürchtete, durch schreckliche Verwünschungen gebannt zu werden.«

Außerdem berichtet uns Plinius, daß selbst Menschen zu magischen Zwecken geopfert wurden, und Tacitus teilt uns ein solches Beispiel mit.

Unter Tiberius starb nämlich dessen Adoptivsohn Germanicus im Orient. Infolgedessen wurde gegen Piso, Statthalter von Syrien, Anklage erhoben, den Germanicus vergiftet zu haben, und als Verdachtsgrund wurde angeführt, daß Piso nicht nur vielfachen Verkehr mit Giftmischern gehabt, und daß an der Schwelle des von Germanicus bewohnten Palastes sich die Leichen von Menschen gefunden hätten, die Piso habe töten und dort vergraben lassen, um Germanicus vermittels derselben durch Zauberei zu töten.

In der fünften Ode seiner Epoden schildert Horaz, wie einige Zauberinnen unter Anrufung der Hekate und Tisiphone einen freigeborenen Knaben binden und bis an den Hals in die Erde graben, damit er den Hungertod sterbe, weil sie seine Leber zu einem Liebestranke verwenden wollten. Er schildert uns, wie der Knabe erst flehentlich um sein Leben bittet, dann aber die Zauberinnen verflucht und ihnen vorhersagt, daß sie vom Volke gesteinigt werden würden.

In der siebzehnten Ode erzählt uns Horaz ein Gespräch zwischen ihm und der Zauberin Canidia. Er sagt ihr, daß er jetzt wohl glauben müsse, was er früher geleugnet habe, daß nämlich Marsische und Sabellische Zauberlieder Krankheiten hervorrufen könnten, und bittet Canidia den auf ihn geworfenen Zauber zu lösen. Canidia weist diese Bitte zurück und versichert Horaz, sie könne durch ihre Kunst Wachsbilder beleben, den Mond vom Himmel herabreißen, Tote erwecken und Liebestränke bereiten, so daß er nicht glauben dürfe, ihrer Kunst jemals entgehen zu könnnen.

Homer berichtet uns, daß Ulysses das aus einer Wunde fließende Blut durch einen Zauberspruch gestillt habe, und der um 390 v. Chr. auf Lesbos lebende griechische Philosoph Theophrastos, daß man damit auch das Hüftweh heilen könne. Kato gibt einen Zauberspruch gegen Gliederverrenkungen, Varro einen anderen gegen die Fußgicht an.

Der im Anfange des dritten Jahrhunderts nach Christus lebende Jurist Paulus sagt in seinen Receptae sententiae lib. V, Tit. 28 ad legem Corneliam de sicariis et venefiris:

»Wer gottlosen oder nächtlichen Gottesdienst vorgenommen hat oder hat vornehmen lassen, um jemand zu besprechen, festzumachen oder zu binden, soll gekreuzigt oder wilden Tieren vorgeworfen werden. Wer einen Menschen opfert und aus dessen Blute wahrsagt oder einen Hain oder Tempel besudelt, wird den wilden Tieren vorgeworfen oder, wenn er besseren Standes ist, einfach mit dem Tode bestraft. Die Mitwisser der Magie sollen mit den strengsten Strafen belegt, das heißt, wilden Tieren vorgeworfen oder gekreuzigt werden; die Magier selbst werden verbrannt. Niemand darf Bücher über Magie besitzen. Nicht bloß die Ausübung, auch die Kenntnis der Magie ist verboten.«

In der römischen Kaiserzeit werden häufig Untersuchungen gegen Chaldaei und Mathematici, das heißt nach unserem jetzigen Sprachgebrauch gegen Astrologen und Wahrsager, erwähnt. Diese schon zu Cäsars Zeit in großer Anzahl in Rom lebenden Astrologen hatten durch ihre Prophezeiungen, indem sie vorherverkündigten, wann der regierende Kaiser sterben würde, zu Empörungen aufgereizt, weshalb dieses inquirere in dies principis daher auf das strengste verboten wurde.

Auch unter den Griechen herrschte derselbe Glaube an Beschwörung und Bezauberung, und Plato hat diesen Glauben seiner Landsleute einer wissenschaftlichen Betrachtung gewürdigt.

Im 11. Buche, Kap. 772 seiner Schrift über die Gesetze sagt er:

»Es glauben gewisse Leute, daß sie durch allerlei Gaukeleien, Zaubersprüche und sogenannte Bannformeln anderen Schaden zufügen können, und viele fürchten sich demgemäß vor jenen, die sie im Besitze solcher Kräfte wähnen. Was für eine Bewandtnis es mit solchen Dingen hat, ist nicht leicht zu durchschauen, noch schwerer ist es, andere darüber zu belehren, ja es lohnt sich nicht der Mühe, dies bei Leuten zu versuchen, die bereits einen derartigen Verdacht gegeneinander gefaßt haben.

Wenn Menschen ihnen ähnliche aus Wachs geformte Bilder an ihren Türen, an Kreuzwegen oder auf den Gräbern ihrer Eltern finden, so ist es fast nicht möglich, sie zu überzeugen, daß dies nichts zu bedeuten habe.«

Als Grund dieses Wahnglaubens gibt Plato an, es sei allgemein die irrige Ansicht verbreitet, es ließen sich die Götter durch Opfer und Gebete ebensowohl zum Guten als zum Bösen bestimmen; ein solcher Glaube sei aber eine Beleidigung für die Götter und wenig besser als Atheismus.

Damit trifft er den Nagel auf den Kopf: die Völker haben sich ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen, rohe Völker haben rohe, zivilisierte Völker zivilisierte Götter, menschliche Eigenschaften, wenn auch mit übermenschlicher Macht verbunden, haben sie sämtlich; gleich den Menschen leben sie untereinander in Unfrieden, verfolgen sie häufig sich widersprechende Interessen, haben sie ihre Günstlinge, denen sie wohlwollen, und Menschen, denen sie feind sind; wie die Menschen sich durch Überredung oder Bestechung sich zu diesem oder jenem verleiten lassen, so lassen sich auch die Götter von denen, die es verstehen, durch Gebete oder Opfer bewegen, so oder anders zu handeln.

Im Interesse der Priester der verschiedenen Religionen lag es, diese im Volke einmal herrschende Ansicht zu nähren oder dieselbe zu erzeugen; mußte doch der Priesterschaft alles darauf ankommen, ihr Ansehen bei dem Volke dadurch zu erhöhen, daß sie sich demselben als besondere Lieblinge der Götter zeigten, die sich durch sie bewegen ließen, in einem gegebenen Falle so oder auch anders zu handeln.

»Bettelpriester und Wahrsager«, fährt Plato fort, »ziehen vor den Häusern Reicher umher und sagen ihnen, daß, wenn sie einem Feinde etwas antun wollten, könnten sie mit wenig Kosten ebensogut einem Gerechten als einem Ungerechten schaden, indem sie mit gewissen Zaubermitteln und Bannsprüchen die Götter zu bewegen wüßten, ihnen dienstbar zu sein.«

Da die Völker die Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen, dieselben also mit menschlichen Eigenschaften ausgerüstet waren, so ist es allerdings kein Wunder, daß dieselben nicht nur angerufen wurden, Kranke gesund zu machen, die Früchte vor Hagel zu schützen, sondern auch, um Lebende zu töten, Gesunde krank zu machen, Früchte und Vieh zu schädigen.

Im ersten Buche der Ilias lesen wir – um bei den Griechen zu bleiben –, daß der von Agamemnon beleidigte Priester Apollos den Gott durch sein Gebet veranlaßte, den Achäern die Pest zu schicken, bis es Agamemnon endlich gelang, den zürnenden Gott durch Opfer und Gebete zu versöhnen.

Ähnliche Beispiele aus dem sogenannten »klassischen« Altertum ließen sich noch viele anführen.

Übrigens nicht bloß bei den Griechen und Römern herrschte der Glaube an Zauberei; Herodot erzählt uns (4. Buch, Kap. 68) auch von den Szythen:

»So oft der Szythenkönig krank wird, läßt er drei Wahrsager kommen, die am meisten in Ansehen stehen. Diese sagen dann gewöhnlich, es habe der und der, den sie nennen, bei dem Herde des Königs falsch geschworen. Nun wird der betreffende Mensch, den sie des Meineids zeihen, festgenommen und vorgeführt. Die Wahrsager beschuldigen ihn, er sei aus der Wahrsagung überführt, daß er beim Herde des Königs falsch geschworen habe, und deshalb sei der König unwohl. Wenn er leugnet, daß er falsch geschworen, so läßt der König noch einmal so viel Wahrsager kommen, und wenn ihn dann auch diese auf Grund ihrer Wahrsagung wegen Meineids verdammen, so hauen ihm die ersten Wahrsager den Kopf ab und teilen sich in sein Vermögen. Wenn ihn hingegen die hinzugezogenen Wahrsager lossprechen, so werden andere und immer wieder andere Wahrsager gerufen. Wenn dann die Mehrzahl der Wahrsager den Menschen losspricht, so werden die ersten Wahrsager hingerichtet.«

Auch von den Neuren, einem den Szythen benachbarten Volke, weiß Herodot (4. Buch, Kap. 105) zu berichten:

»Sie sind wohl noch größere Zauberer denn die Szythen, und die im Szythischen ansässigen Hellenen behaupten, daß jeder Neure einmal im Jahre auf etliche Tage ein Wolf wird und dann wieder seine alte Gestalt bekommt. Sie machen mich das nicht glauben, allein sie sagen es alle und schwören darauf.«

Das ist sonach die erste Erscheinung des Aberglaubens an den sogenannten »Werwolf«, auf den wir später noch zurückkommen werden, in der Geschichte, der noch immer im Volksglauben vieler keltischer Stämme spukt.

Des Glaubens an Zauberei bei den Thraziern erwähnt schon Plinius und gedenkt auch des noch im Volksglauben der Italiener, Spanier und Südfranzosen lebenden bösen Blicks Die vermeintliche Kunst, einem andern mittels der Augen oder mittels Betastens ein Leid anzutun, oder die »Jettatura« spielte schon in der ältesten romanischen Gesetzgebung eine Rolle, sofern die letztere mehrere Paragraphen enthielt, welche die mit dem Malocchio Behafteten mit den härtesten Strafen bedrohten. Dieser Umstand ist der sprechendste Beweis für die großartige Verbreitung dieser Art des Aberglaubens. Die betreffenden Verordnungen finden sich im Dezemvirkodex, dessen Bruchstücke bis auf unsere Tage gekommen sind. Plinius (XXVIII, 2) tut ihrer mehrfach Erwähnung. Die eine bedrohte alle Jettatori, welche ihre Mitmenschen schädigen, die andere hingegen die, welche ihren »dämonischen Einfluß dazu benutzen, die Fluren und Saaten absichtlich zu zerstören«. Das Gesetz Nr. 14 auf Tafel VII hat nachstehenden Wortlaut: QUEI MALOM. CARMEN. INCANTASIT. MALOMQ. VENENOM. FASCIT. PARICEIDAD. ESTOD, was in deutscher Umschreibung etwa bedeutet: »Wer abergläubische, in feierlichem Ton vorgebrachte Worte in Form einer Verwünschung gegen einen Dritten ausstößt, wer ein wirkliches oder schlechtes Gift zubereitet oder einem anderen beigebracht, soll des Todes sterben.« Das andere Gesetz ist an sich ungleich lakonischer, doch dem Sinn nach besagt es fast noch mehr, da es verschiedenen Deutungen unterliegt. Es heißt: QUEI. FRUCES. ESCANTASIT, zu deutsch etwa: »Wer den Saaten mit Verzauberung schadet, so daß sie nicht aufgehen, wer das ausgestreute Korn auf ein fremdes Feld hext, der soll als Opfer der Ceres umgebracht werden.« Der Philosoph Seneca erweitert den Sinn der Gesetzformel noch dahin, daß er dieselbe ( natur. quaest. lib. 4 c. 9) auch noch auf die Statuen der Schutzgötter bezieht, die bei Todesstrafe niemand von ihrem Platz rücken durfte. Anders Virgil, der in seinem » atque satas alio vidi traducere messes« (8. 99) nur die erst erwähnte engere Deutung zuläßt. Dasselbe tut der römische Juriskonsult Bachius in seiner histor. jurisprud. Rom. I. 2, während Plutarch und Ovid der anderen Auffassung huldigen. Leider berichtet kein einziger zeitgenössischer Autor, in welchem Umfang jene Gesetze beim öffentlichen Rechtsverfahren gehandhabt wurden. So oft es auch geschehen sein mag, es war zweifellos jedesmal ein Justizmord, denn die Paragraphen bedrohten in der Jettatura ein Verbrechen, das niemals existierte, das nur in dem Hirn abergläubischer Toren spukte, ein Beweis dafür, daß die menschliche Torheit zu allen Zeiten gleich groß gewesen ist., und von einem am Pontus lebenden Volksstamme berichtet er, daß man bei ihnen die Zauberer daran erkenne, daß sie im Wasser nicht untersänken.

Wir hätten hier sonach auch den Beweis dafür, daß die sogenannte Wasserprobe, die in den Hexenverfolgungen im Mittelalter unter den christlichen Völkern eine so grauenhafte Rolle spielt, ebenfalls dem Heidentum entstammt.

Auch bei den Ägyptern und Indern war der Glaube an Zauberei allgemein; zur Zeit der Kaiser überschwemmten ägyptische Zauberer und Wahrsager das ganze Reich.

Schon der in der Religion der Perser begründete Dualismus hätte den Glauben an Zauberei erzeugen müssen, falls ihn Zoroaster etwa nicht bereits vorgefunden. Wenn zwei Götter, Ormuzd, der Gott des Lichtes, und Ahriman, der Gott der Finsternis, miteinander fortdauernd im Kampfe liegen, so war die Annahme, daß Ahriman diejenigen, welche ihm dienen oder sich ihm geneigt machen, mit der Fähigkeit ausrüste, ihren Feinden zu schaden, zu natürlich, als daß sie sich nicht notwendig hätte entwickeln müssen; umgekehrt mußte Ormuzd denjenigen wohltun, die seine Gesetze befolgten. Daher scheint die Unterscheidung zwischen schwarzer und weißer Magie eine Erfindung der persischen Priesterschaft zu sein.

Nachdem die Juden infolge der babylonischen Gefangenschaft mit den Persern in Berührung gekommen, bildete sich bei ihnen ebenfalls der ihnen früher fehlende Teufelsglauben aus und faßte durch sie im Christentume Wurzel. Moses bedrohte Zauberei, Wahrsagerei und Zeichendeuterei mit dem Tode, und welchen Sinn würde ein solches Verbot gehabt haben, wenn der Glaube an die genannten Dinge im Volke nicht allgemein gewesen wäre?

Schon 2. Mosis 22, 18 heißt es:

»Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen« und 3. Mos. 20, 6: »Wenn eine Seele sich zu den Wahrsagern und Zeichendeutern wenden wird, daß sie ihnen nachschauet, so will ich mein Antlitz wider dieselbe Seele setzen und will sie aus ihrem Volke rotten«, und 3. Mosis 20, 27 bestimmt: »Wenn ein Mann oder Weib Wahrsager und Zeichendeuter sein wird, die sollen des Todes sterben, man soll sie steinigen, ihr Blut sei auf ihnen.«

siehe Bildunterschrift

Die einfache Geige. Doppelgeige zum Einsperren zweier zanksüchtiger Frauen.
Die Folter- und Marterwerkzeuge des Nationalmuseums zu München in ihrer Anwendung.

Infolgedessen berichtet uns auch die Bibel von verschiedenen Königen, daß sie Zauberer und Zauberinnen, Wahrsager und Zeichendeuter aus dem Lande trieben, vielleicht, weil sie zu human waren, Moses' Befehlen buchstäblich nachzukommen.

Saul machte in dieser Hinsicht den Anfang, was ihn freilich nicht hinderte, wie 1. Sam. Kap. 28 uns erzählt, seinerseits die Hexe von Endor aufzusuchen und sich Samuel von ihr zitieren zu lassen.

Die vorstehenden Angaben dürften zur Genüge beweisen, daß der Glaube an Zauberei und Hexerei wohl allen Völkern des Altertums gemeinsam war, weshalb es uns nicht überraschen kann, wenn sich derselbe auch in das Mittelalter fortpflanzte, dort freilich die Geschichte aller christlicher Völker in einer Weise, von der das Altertum noch keine Ahnung hatte, massenhaft mit Greueln erfüllte. – Man nahm an, daß alle freundlichen Naturerscheinungen, sowie alles Gute im Menschen von einem höchsten guten Wesen ausgehen müsse, alle unfreundlichen Naturerscheinungen dagegen, so wie alles Böse im Menschen von einem obersten bösen Wesen; man glaubte mit einem Worte, daß sich alle Gegensätze der Erscheinungen in der sinnlichen wie in der sittlichen Welt auf den Kampf zweier höchsten Wesen, des guten und des bösen Prinzips, zurückführen ließen. Man nennt diese Weltanschauung Dualismus.

Die Perser nannten das gute Prinzip, das höchste Lichtwesen, den Inbegriff aller Tugenden und Vollkommenheiten, wie schon erwähnt, Ormuzd – das böse Prinzip dagegen, den Herrscher der Finsternis, der Lüge und den Inbegriff alles Übels, Ahriman.

Beiden höchsten Wesen glaubte man Geister zugesellt, welche deren Eigenschaften teilten; die guten Geister Ormuzds hieß man Aneschaspands und Izels, die bösen Ahrimans Dews. Eine ähnliche Anschauung, wenn auch weniger ausgebildet, findet sich, wie schon eingangs gesagt, auch bei den übrigen Völkern der Alten Welt, so z. B. bei den Indern, wo die guten Geister Surs, die bösen Asurs hießen – sodann bei den Ägyptern, den Griechen und Römern, und endlich bei den germanisch-skandinavischen Stämmen, wo das böse Prinzip Loke hieß, bei den slawischen Völkerstämmen, welche einen weißen Gott – Swantewit – und einen schwarzen – Czernebog – unterschieden. Selbst bei den Juden, deren höchstes religiöses Gesetz den Glauben an nur ein göttliches Wesen vorschrieb, hatte sich der Glaube an einen mächtigen Gegner Jehovas, den Satan, eingeschlichen. Derselbe sollte ein ursprünglich guter, aber von Gott abgefallener Engel sein, der in einem eigenen Reiche über ebenfalls abgefallene Engel herrsche, und dem Reiche Gottes Abbruch zu tun und die Menschen ins Verderben zu locken streben.

Diese jüdischen Ideen gingen frühzeitig – und nicht zum Heil – in das Christentum über. Übrigens hatte das Christentum auch die altpersische Verheißung vom Siege des Lichts über die Finsternis in sich aufgenommen, bestimmter ausgebildet und einfacher, faßlicher dargestellt. Durch den Opfertod Christi war jener uralte Dualismus jedoch aufgehoben und die Pforten der Höllen gesprengt, die Macht des Teufels vernichtet. Die Vorstellungen über ihn erhielten die tiefere sittliche Bedeutung von der Notwendigkeit, daß das Böse vorhanden sei, um dem Guten zu dienen und dessen Triumph zu verherrlichen. Sie gingen auf in dem höheren umfassenderen Begriff der Willensfreiheit.

Doch schon in den ersten Zeiten des Christentums, als es so vielen Verfolgungen ausgesetzt war, bildete sich die apokalyptische Vorstellung (d. h. die Vorstellung im Stil der Offenbarung Johannis) des Antichrists, als eines dämonischen Widersachers Christi und seiner Kirche zu einer politischen Bedeutung aus, und man verstand darunter die Unterdrücker und Verfolger der neuen Glaubenslehre. Erst als die Christenverfolgungen aufhörten, stellte man sich unter dem Antichrist den Fürsten der Finsternis wieder vor, welcher auch ein sichtbares irdisches Reich gründen wolle und deshalb einen großen Kampf beginnen werde, schließlich jedoch unterliegen müsse.

Die ersten Christen hielten sonach zwar an den gottfeindlichen Dämonen fest, glaubten aber ihre unmittelbare Gewalt über fromme Christen gebrochen, und der Kirchenvater Hermes sagt: »Ihr sollt den Teufel nicht fürchten!« Allein der heilige Augustin nimmt jedoch schon zwei von Anfang her durch Gott vorausbestimmte Reiche, das göttliche und das des Satans, nebeneinander an. Nach seiner und der meisten älteren Kirchenlehrer Ansicht sind die Glieder des Reichs der Dämonen scharfsinnig, schnell, kenntnis- und erfahrungsreich. Es ist ihnen Frauenliebe möglich, und mit ihrer Liebe können Gottlose wahrsagen, Sturm und Hagel machen, Ernten versetzen, durch den bösen Blick schaden und vieles andere Unheil anrichten. Durch diese Auffassung ist die Zauberei (Magie) mit der heidnischen Götterwelt in Verbindung gebracht und daher Anlaß gegeben, in den Zauberern zugleich die Heiden zu verfolgen. Die christlichen Kaiser gingen mit den Todesmartern gegen sie vor, die Synoden dagegen mit dem Ausschluß aus der Kirchengemeinschaft, »weil eben die Zauberkunst ohne Götzendienst nicht möglich sei«.

Davon weicht jedoch der verständige Beschluß der Synode von Bracara (563) ab, welcher diejenigen verdammt, so da behaupten, daß der Teufel aus eigener Macht Blitz, Wetter und Donner oder Trockenheit hervorbringen könne. Während die salischen Gesetze eine Hexe, welche überwiesenermaßen einen Menschen aufgezehrt habe, mit zweihundert Soldi bestraften, bedroht die Synode von Paderborn (785) jeden mit dem Tode, der, vom Teufel verführt, nach Art der Heiden glaubt, es sei jemand eine Hexe und fresse Menschen, und verbrennte sie deshalb. Der in das kanonische Rechtsbuch aufgenommene Ancyrenische Kanon Episcopi erklärt ebenfalls Glauben und Bekenntnisse der Frauen, als wären sie in der Stille der Nacht mit der Heidengöttin Diana und vielen Gefährten auf Tieren in weite Ferne geritten, als eine Täuschung; es seien dies Traumgebilde. Die Priester hätten daher allen zu verkünden, daß, wer solche Dinge für wahr nehme, den Glauben verloren habe und des Teufels sei. Wer meine, daß etwas ohne den Schöpfer geschehen könne, von dem alles herrühre, der sei abgefallen und schlechter als ein Heide.

Dieser verständigen Anschauung tritt jedoch Thomas von Aquino gegenüber, indem er die Lehre aufstellt, daß jene Erklärung des Dämonenglaubens aus Wahnvorstellungen ein Irrtum sei und der katholische Glaube die feste Annahme wirklicher Dämonen und ihrer Macht zu tätlichen Beschädigungen, zur Entziehung der männlichen Kraft und zur Hervorbringung von Sturm und Feuerregen verlange.

Dadurch gewinnt der Teufelsglaube, zumal des Aquino Werke vom Papste Leo dem Klerus zum eifrigen Studium empfohlen wurden, wieder festen Boden und wird durch die Vorstellungen bestärkt, welche die Ketzerverfolgungen desselben Jahrhunderts in dem Volke weckten.

Das Vorhandensein guter Geister nahm die Kirche selbst in Schutz und erhob es zum Glaubensartikel. Man hielt es z. B. für unzweifelhaft, daß jedem Menschen bei der Geburt ein besonderer Schutzengel zugewiesen sei, und dieser Glaube wurde durch die Ausbreitung der Verehrung Marias und der Heiligen noch erweitert und befestigt, indem die Gläubigen sich diesen oder jenen Heiligen zum Schutzpatron für ihr ganzes Leben erkoren, durch dessen unsichtbaren Beistand und Fürbitte sie sich in Not und Gefahr gesichert wähnten. Damit wuchs gleichzeitig auch der Glaube an das Vorhandensein und die Macht der bösen Geister immer mehr, wozu namentlich die ketzerische Sekte des Manes und seiner Anhänger, der Manichäer, welche die Lehre vom Dualismus in ihrer ganzen Schroffheit im Christentum festsetzen wollten, wesentlich beitrug. Zwar wurden die Manichäer von der Kirche verdammt, aber wie tief der Glaube an die übergroße Macht des Teufels in der Kirche festgewurzelt war, beweist der Umstand, daß sie nicht im mindesten an der Möglichkeit zweifelte, einzelne Personen könnten vom Teufel besessen Bauchredner galten z. B. bei allen Völkern des Altertums als vom Teufel Besessene. Man glaubte, in ihrem Bauche hause der Geist eines Verstorbenen, der ganz unabhängig von dem Willen des Besessenen seine Stimme vernehmen lasse. sein, und daß sie eine eigne Klasse von Geistlichen hatte, die sogenannten Exorzisten (Geisterbanner, Teufelsbeschwörer), welche durch Gebete, das Zeichen des Kreuzes, dem man eine geheimnisvolle Kraft zuschrieb, und manche anderen Zeremonien die Teufel aus den Besessenen auszutreiben hatten. Auch entwickelte und verbreitete sich die Vorstellung, daß der Teufel Bündnisse mit gottlosen Menschen schlösse, welche als Zauberer in inniger Gemeinschaft mit ihm lebten, durch ihn übernatürliche Kräfte erhielten, des Nachts durch die Lüfte ritten, sich mit ihm versammelten und ihren Mitmenschen zur Freude des Teufels durch allerlei geheime Mittel zu schaden vermöchten. Besonders wurden Weiber dessen bezichtigt.

Mit Ausbildung des Mönchtums wurde der Hexenglaube immer phantastischer. In der Abgeschlossenheit ihres Klosterlebens hatten Mönche und Nonnen vollkommen Muße, das unsichtbare Geisterreich mit allerhand Truggestalten zu bevölkern und den Aberglauben in ihrem Interesse zu fördern; denn das ungebildete Volk suchte Schutz bei ihnen und der Geistlichkeit gegen die Last und Gewalt der bösen Geister. Dadurch befestigte sich die Herrschaft der Geistlichen über schwache Gemüter immer mehr, und gern erkauften sich die Laien, besonders solche, welche ihr Gewissen durch schwere Sünden belastet fühlten, den geistlichen Schutz vor höllischen Anfechtungen um den Preis irdischer Güter, stifteten Kirchen und Klöster und Schenkungen, um sich durch das Gebet der Beschenkten die ewige Seligkeit zu sichern. Das behagte der Geistlichkeit, und sie hielt es für unpolitisch, die Ursache ihrer Annehmlichkeiten, den Aberglauben, durch Aufklärung zu zerstören. So erhielt denn der Teufel durch die Phantasie der Menschen eine bestimmte Gestalt; er wurde der Inbegriff alles Naturwidrigen, Häßlichen und Gräßlichen.

Der Hexen- Das Wort Hexe dürfte von Hessa stammen; man verstand unter den Hessas allerdings geheiligte Jungfrauen, allein solche, welche bei den heidnischen Opfern mit den Priestern Odins wilde Tänze aufführten. Hexe (angelsächsisch haegesse, haegtys) = Zauberin, d. i. eine weibliche Person, welche Übernatürliches tut. und Zauberglaube befestigte sich noch mehr, als die römische Kirche die Zauberei mit dem Begriff der Ketzerei zu vermischen begann und die erstere somit als Verbrechen den Ketzergerichten ( Inquisitoren) zur Untersuchung und Verfolgung unterwarf. Die Strenge der päpstlichen Inquisitoren diente nur dazu, dem Volk einen neuen Reiz für die verbotenen geheimen Künste einzuflößen, und die Geistesbeschränktheit der Pfaffen und Mönche, welche Ketzerei und Zauberei zu untersuchen hatten und darüber zu Gerichte saßen, stempelte nur zu leicht alles, was über ihr Fassungsvermögen hinausging, mit der Bezeichnung Zauberei Zaubern = holl. toovern, nieders. tövern, heißt: höhere Kräfte schädlich wirken lassen. Zauberer = eine Person, die mit Hilfe der Mächte der Finsternis Außergewöhnliches hervorzubringen vermag. Zauberei = durch irgendwelche geheime Mittel oder Künste, die man erlernen oder mit Hilfe von Geistern sich aneignen kann, Wirkungen hervorbringen, welche die gewöhnlichen Kräfte übersteigen. Daß man dadurch anderen schadet, liegt ursprünglich nicht in dem Begriffe Zauberei, wennschon sich diese Idee später damit verband. und vergrößerte das Reich des Aberglaubens mit einer Unzahl unsinniger Vorstellungen.

Von der Zeit an, als ganz besonders Angriffe gegen die Oberherrschaft des römischen Bischofes, des Papstes, über die ganze christliche Kirche, als Zweifel an seiner Unfehlbarkeit und Verschmähung der vom Papste ausgehenden Kirchensatzungen den Hauptgegenstand der sogenannten Ketzereien bildeten, wurde es immer gefährlicher, unter irgendwelchem Vorwande, wie z. B. dem der Zauberei, als Ketzer verdächtig zu werden; dies war besonders der Fall, als die Lehre des Petrus Waldus ( Pierre de Vaud), welcher die Obergewalt des Papstes sehr scharf angriff (1170) und für Rückführung des Christentums auf seine ursprüngliche Reinheit wirkte, in Oberitalien, Südfrankreich und auch in Deutschland zahlreiche Anhänger fand. Man legte diesen Waldensern (später Albigenser genannt) die abscheulichste Unsittlichkeit zur Last, erdichtete die abgeschmacktesten Fabeln, in was für schamloser Weise sie Zauberei trieben. Indem man dies geflissentlich in den grellsten Farben schilderte und die rechtschaffene Sekte der übrigen Christenheit gegenüber als den Auswurf des ganzen Menschengeschlechtes hinstellte, konnte man am leichtesten den eigentlichen Grund dahinter verbergen, warum die römische Priesterherrschaft sie so unversöhnlich haßte und sie mit Feuer und Schwert ausrottete, soviel sie es vermochte. In diesem ursprünglichen Ketzerprozesse sehen wir zugleich den Beginn der Verfolgungen gegen Hexen und Zauberer. Sie bilden den Beweis, daß gerade dort die meisten Personen als Zauberer verfolgt und vernichtet wurden, wo die strengsten Untersuchungen gegen Ketzer stattfanden.

Mit der weiteren Ausbildung der Inquisition gleichen Schritt haltend war das richterliche Verfahren gegen die Zauberer, und in den Bettelmönchen fand der Glaubenshaß die eifrigsten Helfer, und die Unglücklichen, welche in ihre Klauen gerieten, fanden die erbarmungslosesten und grausamsten Verfolger. Auf diese Weise wurde es dann leider schnell zur Tatsache, daß man ein Verbrechen zu bestrafen begann, welches nichts anderes war, als Hirngespinst der Richter selbst, und so mußte der unheilvolle Wahn des Zauber- und Hexenwesens aus den Köpfen der Richter nach und nach immer mehr und mehr in das Volk eindringen. So mußten sich völlig unschuldige, aber nervenschwache, überspannte, phantastische und von dem Vorhandensein des Teufels überzeugte Leute endlich wirklich selbst für besessen und für verbündet mit dem Satan und für Teilnehmer an dessen nächtlichen Festen halten, wenn sie davon lebhaft träumten. Und das war durchaus erklärlich, hörten sie doch fortwährend davon reden und waren ihre Gemüter doch von Jugend auf mit solchen abergläubischen Schreckensvorstellungen genährt und erfüllt um so mehr, als die Priesterschaft und die Mönche durch stetiges Predigen dagegen, im Beichtstuhl, bei Prozessen und Hinrichtungen jene abergläubische Furcht ununterbrochen vermehrten. Uns liegt ein Buch aus dem Jahre 1660, etwa 700 Seiten in Quart, vor. Dasselbe enthält »28 Hexen- und Gespensterpredigten« des evangelischen Predigers Bernhard Waldschmidt, und man muß sie gelesen haben, um zu begreifen, welche ungeheuerlichen Dinge selbst von evangelischen Geistlichen gepredigt und gar gedruckt worden sind, und die Schäflein bedauern, die mit solcher geistlichen Kost zum Aberglauben aufgepäppelt wurden. Ja, gerade die Personen mit besonders zartem Gewissen mochten sich am meisten fürchten, in die Fallstricke des Teufels zu geraten; das Lesen der Legenden von Versuchungen der Heiligen trug nicht wenig dazu bei, und hieraus läßt sich erklären, daß auch in den Klöstern häufig Fälle von Zauberei vorkamen. Und weil gerade Nervenschwäche und Geschlechtsbeschwerden beim weiblichen Geschlechte häufiger vorkommen als beim männlichen, so ist es begreiflich, weshalb die Zahl der Hexen eine viel höhere war als die der Zauberer. Endlich benutzten auch hier und da sittenlose Menschen jenen Aberglauben, um unter seiner Hülle ungestört ihren Lüsten zu frönen, und manches Verbrechen, wie Giftmischerei, versteckte sich hinter die Zauberei.

Der Eintritt des Christentums in die Geschichte der Menschheit war mit einem Worte der Anbeginn einer völlig veränderten Stellung derselben zu dem Jahrtausende alten Dämonenglauben.

Fassen wir zunächst die drei ersten Jahrhunderte der Kirche ins Auge, so finden wir, daß alle Kirchenväter, welche den Ursprung der Dämonen, an die jüdische Theologie jener Zeit sich anschließend, erwähnen, als biblische Grundlage der kirchlichen Dämonenlehre die Schriftstelle betrachten: Genesis 6, 1-4: »Und es geschah, als die Menschen begannen sich zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, daß sie schön waren, und nahmen sich Weiber von allen, die ihnen gefielen. – Zur selbigen Zeit waren Riesen auf der Erde; und nachdem die Söhne Gottes den Töchtern der Menschen beigewohnt, so gebaren sie ihnen (Söhne); das sind die Helden, die von alters her Männer von Ruhm gewesen.«

Nach allgemein herrschender Ansicht, bemerkt Soldan hierzu in seiner wertvollen »Geschichte der Hexenprozesse«, waren nämlich die Söhne Gottes Engel, welche sich mit Töchtern der Menschen vermischt hatten, welche dadurch gefallen und von Gott verstoßen zu Dämonen geworden waren und Dämonen erzeugt hatten. Das alles sollte auf Anstiften des Teufels geschehen sein, der seitdem (mit göttlicher Zulassung) das Haupt eines großen Dämonenreiches geworden war. Der Hauptgedanke der Dämonenlehre der ersten drei Jahrhunderte der Kirche ist:

Die Dämonen wohnen im dichteren Dunstkreise der Erde. Da sie Leiber besitzen, so bedürfen sie auch der Nahrung, die sie aus dem Qualm der heidnischen Opfer einsaugen. Ihre Körperlichkeit ist aber unvergleichlich feiner und dünner, als die der Menschen, wodurch es ihnen möglich wird, in den Geist, wie in den Leib des Menschen einzudringen. Nach Tatian sind die Dämonenleiber luft- und feuerartig. Nach Tertullian ist der Dämon, wie jeder Geist, gewissermaßen ein Vogel und mit einer solchen Schnelligkeit der Bewegung begabt, daß er in jedem Augenblick an jedwedem Orte sein kann. Diese gar nicht vorstellbare Schnelligkeit in der Bewegung der Dämonen ist auch eine der Ursachen gewesen, weshalb die Völker ihnen den Charakter der Göttlichkeit beilegten.

An Macht und Wissen sind die Dämonen den Menschen unendlich überlegen.

Die Götter der Griechen waren nach jenen Kirchenlehrern nichts anderes als Dämonen. Sie waren es, welche als vermeintliche Gottheiten mit Weibern sich vermischt haben, und die Namen der heidnischen Götter sind dieselben Namen, welche sie sich selbst beigelegt haben, und sie mußten als die eigentlichen Urheber des Heidentums mit seiner Götterlehre und seinem Kultus gelten. Die Dämonen sind es gewesen, welche zur Begründung des abgöttischen Glaubens an ihre vermeintliche Gottheit scheinbare Wunder taten und welche ihre Stimmen aus den Orakeln ertönen ließen.

Der Teufel und dessen Dämonen sind unablässig bemüht, ihr Reich zu erweitern, indem sie die ihnen zugänglichen Menschen in ihre eigene Gottlosigkeit und Verdammnis zu verstricken suchen. Doch ist ihnen dieses nur bei denjenigen möglich, welche gottlos leben und um ihr Seelenheil unbekümmert sind, die sie daher durch Träume und Trugbilder zu betören und an sich zu locken suchen.

Die Christen sind allerdings gegen die Anläufe des Satans und der Dämonen ein für allemal sichergestellt. Vor ihnen müssen dieselben weichen, aber gerade darum ist die Bosheit des Dämonenreiches vor allem gegen die Christen und gegen die Kirche gerichtet, die sie fortwährend zu schädigen und zu verderben suchen, besonders dadurch, daß sie die Heiden mit teuflischem Haß gegen die Christen erfüllen, und in allen Landen Christenverfolgungen veranlassen, sowie auch dadurch, daß sie in der Kirche Streitigkeiten, Spaltungen und Ketzereien hervorrufen. Justin erklärt den Teufel geradezu für den Urheber aller Ketzerei.

Um ihre heillosen Anschläge zur Ausführung zu bringen, teilen sie ihre geheimen Kenntnisse namentlich gern gottlosen Weibern mit.

Alle Glieder der Kirche waren von dem Bewußtsein erfüllt, daß der Teufel und dessen Dämonen vor ihnen fliehen müßten, daß sie dieselben aus Besessenen vertreiben, und daß sie mit Anrufung des Namens Jesu Christi allen Teufelsspuk zunichte machen könnten.

Der Hexenglaube ist mit dem Wunderglauben innig verwandt; was dem einen Wunder, ist dem andern (seinem Gegner) Hexerei.


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