Eduard von Keyserling
Fürstinnen
Eduard von Keyserling

 << zurück weiter >> 

Die Prinzessin Agnes war abgereist, und die Einwohner des Schlosses fühlten sich seitdem freier und jünger. Die Fürstin ritt am Nachmittage aus. Sie trabte durch den Park in den Wald, der Tag war sonnig, die Luft leicht bewegt, die großen Föhren rauschten leise und gleichmäßig, als erzählte eine tiefe Stimme eine lange, ruhige Geschichte. Die Fürstin freute sich, daß trotz der Schwägerin Agnes doch der Frühling allenthalben blühte, doch das Leben voller Versprechungen und nicht nur würdige Entsagung war.

Dort am Ende der Schneise lag die kleine Waldlichtung, und dort würde Streith auf seinem Falben sie erwarten. Sie trieb ihr Pferd an und bog scharf um die Ecke. Da lag die Waldlichtung vor ihr, gelb von Sonnenschein; mitten auf ihr stand der Falbe, und auf ihm saß ein Mädchen mit dunklem Haar, rundem, rosigem Gesicht und großen, schwarzen Augen. Vor ihm stand Streith, die eine Hand am Zügel, die andere auf dem Sattel. Er sah zu den schwarzen Augen auf und lachte ein so jugendlich heiteres Lachen, wie es die Fürstin an ihm noch nie gesehen hatte. Sie wandte den Kopf ab und jagte vorüber. Sie mäßigte auch den Schritt ihres Pferdes nicht, als die Lichtung schon weit hinter ihr lag. Es war ihr, als müßte sie dem Bilde entfliehen, das sie doch mit grausamer Deutlichkeit vor sich sah, das große, blanke Pferd, auf ihm das dunkle Mädchen, und davor der lachende Streith, und all das grell übergossen vom gelben Sonnenschein.

Als sie am Schlosse anlangte, war das Pferd in Schaum. Die Fürstin ging schnell auf ihr Zimmer und schellte nach ihrer Zofe, sie wollte sich umkleiden. Heute war Donnerstag und der Gesellschaftstee für die Nachbarn, so mußte größere Toilette gemacht werden. Vor allem aber wollte sie nicht allein sein, sie kleidete sich langsam und sorgsam an und sprach dabei mit der Zofe. Es handelte sich um eine Schneiderin, die aus dem Städtchen in das Schloß kommen sollte, und die Fürstin wünschte einiges über das Vorleben dieser Schneiderin zu erfahren.

Endlich jedoch war die Toilette beendet, die Zofe hatte nichts mehr zu tun und mußte entlassen werden. Die Fürstin ging an das Fenster und schaute in den Garten hinaus. Während sie dort stand, stieg der Zorn in ihr auf, ganz heiß; es tat ihr wohl, seine Flamme in sich zu spüren. Der elende Mensch, wie sie ihn verachtete, wie ihr vor ihm ekelte! Nie mehr sollte er dieses Haus betreten, sie wollte sich an ihm rächen, ihn demütigen, das Gespött der ganzen Gegend sollte er sein. Und sie sann auf Lebenslagen, in denen sie Streith vernichten könnte. Allein der Zorn mit seiner aufrechterhaltenden Kraft hielt nicht stand. Die Fürstin fühlte sich wieder schwach und mutlos. Sie setzte sich auf einen Sessel, schlug die Hände ineinander, und die schönen, strengen Züge nahmen einen hilflosen Ausdruck an, wie ihn Kindergesichter haben, wenn sie weinen wollen. So war denn alles vorüber. Streith war die Poesie in ihrem Leben gewesen. Schon in der traurigen Birkensteiner Zeit, als sie für alle die arme, engelsgute Fürstin gewesen war, die man bemitleidete, schon damals hatte es sie getröstet, zuweilen an den jungen Kammerherrn zu denken, an seine etwas umständliche Ritterlichkeit, an die bewundernden Blicke, die er auf ihr ruhen ließ. Da war einer, dem sie mehr war als die arme, engelsgute Fürstin. Und später, als sie Witwe wurde und er in ihre Nähe zog, da wußte sie, er wartet. Sie brauchte nur ein Wort zu sagen, und ein stilles, seltsames Glück wurde ihr geschenkt. Oft hatte sie in stillen Stunden davon geträumt, sie brauchte noch nicht zu entsagen. Solange Streith da war, konnte sie an das Leben denken, wie ein Schulkind an die Woche denkt, in der es einen Feiertag gibt. Und nun, sie war genarrt und betrogen worden wie ein Dorfmädchen, sie war nichts als eine lächerliche, alte Frau, die sich eingebildet hatte, noch geliebt zu werden. Andere Frauen konnten weinen und klagen, sie konnten sich rächen oder sterben, sie mußte schweigen. Der Gedanke, irgend jemand könnte ahnen, was ihr angetan worden war, erschien ihr unerträglich. Sie war wieder die unnahbare, engelsgute Fürstin. Das Leben ging an ihr vorüber, und ihr blieb nur ihre Würde.

Sie hörte draußen Wagen rollen, das waren ihre Gäste. Sie erhob sich, trat vor den Spiegel, fuhr sich mit der Puderquaste leicht über die Augenlider, richtete sich gerade auf und ging hinaus.

Im Grünen Salon waren die Gäste schon versammelt, die Fürstin begrüßte sie mit ihrem huldvollen Lächeln, der Landrat fragte etwas, über das die Fürstin lachte, die Fürstin sagte etwas, und alle lachten.

Der Tee wurde serviert, die Fürstin saß neben der Gräfin Dühnen, die von Franzensbad sprach, der Landrat erzählte von Seiner Majestät. Der Kaiser war hier durchgefahren, und der Landrat hatte ihn auf der Station begrüßt. Seine Majestät sah prächtig aus, dieser Blick, der wahre Herrscherblick!

»Wo ist denn Graf Streith?« fragte die Gräfin Dühnen, »man sieht ihn jetzt selten.«

»Er vergräbt sich wohl in seine Landwirtschaft«, erwiderte die Fürstin ruhig.

»Es scheint«, fuhr die Gräfin Dühnen fort, »daß er in letzter Zeit unsere Mitbewohner vom alten Forsthause protegiert, diese Frau von Syrman und Tochter. Er ist dort gesehen worden.«

Die Fürstin legte die Tasse, die sie in der Hand hielt, auf den Tisch zurück; sie fürchtete, die Hand könnte zittern. Dann lächelte sie ein nachsichtiges Lächeln und meinte: »Ja, ältere Herren müssen immer etwas zu protegieren haben.«

Am nächsten Morgen fand Streith auf seinem Frühstückstische einen Brief von Frau von Syrman. Sie bat den werten Grafen, auf seinem Spaziergang bei ihr vorzusprechen, nur auf ein Wort, Britta wäre in die Stadt gefahren, um ihre Musik- und Tanzstunde zu nehmen. Natürlich, dachte Streith, während er den Brief langsam wieder in den Umschlag zurücksteckte, das mußte kommen.

Also der heutige Vormittag war den unangenehmen Angelegenheiten gewidmet, denn er hatte auch vor, in die Kanzlei des Schlosses zu gehen, um Papiere zurückzugeben und dem Major mitzuteilen, daß er zu verreisen beabsichtige. Das war jetzt nötig geworden. Gut, er war auch in der rechten Stimmung, eine grimmige Entschlossenheit erfüllte ihn. Dazu kam etwas wie höhnische Grausamkeit gegen sich selbst. Während er sich anschickte, das zu zerstören, was er solange für den wertvollsten und heiligsten Inhalt seines Lebens gehalten hatte, sah er mit Ironie auf sich selbst, auf den Weisen und Lebenskünstler herab. Jetzt stand er ganz auf der Seite seiner Torheit und war entschlossen, mit ihr bis an das Ende zu gehen. So machte er sich denn auf den Weg. Im Gehen dachte er nicht an sich und seine Angelegenheiten, kritisch betrachtete er die Roggenfelder, an denen er vorüberkam, prüfte mit dem Spazierstock die Gräben, ob sie gut ausgegraben seien. Am Gitter des Schloßgartens warf er keinen Blick in den Garten; seinen Weg in die Kanzlei nahm er durch den Hof.

Der Major saß am Schreibtisch über seinen Kontobüchern.

»Guten Morgen, Major«, sagte Streith, als er eintrat, und gab seiner Stimme einen heiteren Klang.

Der Major blickte auf, streckte dem Grafen die Hand hin und sagte auch seinerseits: »Guten Morgen.«

Am Ausdruck des Gesichtes aber, an der Art, wie er ihm die Hand entgegenstreckte, erkannte Streith, daß der Major befangen war. Er wußte also etwas. Der Stallmeister, der die Fürstin auf den Spazierritten zu begleiten pflegte, hatte wohl dem ganzen Schlosse schon sein gestriges Erlebnis erzählt. »Ich bringe Ihnen hier Papiere zurück«, versetzte Streith, »bitte, sie durchzusehen, mehr habe ich nicht. Ich beabsichtige nämlich, eine Reise zu machen.«

»Oh, wirklich«, murmelte der Major, »längere Reise?«

»Eine Sommerreise«, erwiderte Streith und setzte sich auf den Stuhl, auf dem er hier zu sitzen pflegte »Luftveränderung ist für die Gesundheit nötig, das stete Sitzen auf einem Fleck bringt uns herunter. Von Zeit zu Zeit müssen wir uns vergewissern, ob wir nicht an unserer Scholle angewachsen sind. Sie sollten sich auch einmal herausrühren, Major.«

»Ich fühle mich ganz wohl«, antwortete der Major, ohne von seinen Papieren aufzusehen, »ich verlasse meine Arbeit nicht gern.«

»Eine Erneuerung hat der Mensch von Zeit zu Zeit nötig«, meinte Streith. »Selbst die Schlange schlüpft ab und zu aus ihrer alten Haut heraus, und kann sie das nicht mehr, dann ist sie krank.«

»Ich danke«, erwiderte der Major gereizt, »ich bin mit meiner Haut ganz zufrieden. Sie hat mir lange genug gute Dienste geleistet.«

Streith lachte: »Oh, ich sage nichts gegen sie, aber nicht jeder ist immer so zufrieden in seiner Haut.«

Der Major antwortete nicht.

Streith zündete sich eine Zigarette an und streckte die Beine von sich. Dieser ihm solange vertraute Raum mit seinem Tinten- und Papiergeruch, den Schälchen voller Getreideproben und den großen Brummfliegen, die durch das offene Fenster aus und ein flogen, er teilte ihm diese Trägheit mit, die von altgewohnten Dingen auszugehen pflegt. So wie der Major still und zufrieden auf einem Fleck zu sitzen, mußte ruhevoll und gemütlich sein.

Ein leiser Ton wurde vor der Tür vernehmbar, die Tür öffnete sich, und die Fürstin stand auf der Schwelle. Die beiden Herren erhoben sich von ihren Sitzen und verbeugten sich. Die Fürstin stand regungslos da in ihrem weißen Morgenkleide, die Arme schlaff niederhängend, und die Augen schauten in das Zimmer hinein, als blickten sie in eine gleichgültige Ferne hinaus. Dann wandte sie sich um und schloß leise hinter sich die Tür.

Der Major warf Streith einen scheuen Blick zu.

Streith war blaß geworden, langsam setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und fuhr fort, zu rauchen. In seinen Ohren klang der leise, trockene Ton der sich schließenden Tür nach, der hatte Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Ton schien etwas zu sagen, das ihm noch nie in seinem Leben gesagt worden war.

Endlich erhob er sich, um Abschied zu nehmen. »Leben Sie wohl, Major«, sagte er. Der Major drückte fest Streiths Hand, und die hervortretenden, blauen Augen wurden feucht. Im Hinausgehen wandte Streith sich noch einmal um und bemerkte: »Wenn wir uns entschließen, aus unserer alten Haut hinauszuschlüpfen, so sollten wir nie mehr in sie zurückkehren, auch nicht für einen Augenblick.«

Zufrieden mit diesem Abgang, verließ er das Zimmer.

Es war Mittagszeit und der Hof menschenleer. Auch das Schloß und der Garten lagen schweigend und wie verlassen im grellen Sonnenschein da. Wie gestorben, ging es Streith durch den Sinn, für mich gestorben. Und wirklich, das Schloß schien ihm jetzt jenen Häusern zu gleichen, die wir einst gekannt haben und die wir im Traume oder in unserer Erinnerung wiedersehen, auch über ihnen liegt diese schwermütige Stille; es ist, als trauerten sie darüber, daß sie in der Vergangenheit wohnen müssen. Recht der Augenblick, um gefühlvoll zu werden, dachte Streith, allein er stellte mit Befriedigung fest, daß er nicht gefühlvoll war. Er trat fest auf, er bog den Kopf zurück, um einer Lerche zuzuschauen, die trillernd über ihm im Blauen hing. Er spitzte die Lippen und versuchte den Triller nachzupfeifen.

Im Forsthause empfing Frau von Syrman ihn vor der Haustür. Sie trug ein hellgelbes Morgenkleid und ein weißes Häubchen auf dem Kopfe. »Wie liebenswürdig, Graf, so pünktlich zu sein«, rief sie ihm entgegen, »ich hoffe, ich habe Sie nicht inkommodiert.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, gnädige Frau«, antwortete Streith förmlich.

»Nun, dann, denke ich, setzen wir uns hier draußen hinaus«, schlug Frau von Syrman vor, »es weht hier ein angenehmes Lüftchen.« Sie setzten sich einander gegenüber auf die Bänke vor die Haustür; Streith stützte beide Hände auf die Krücke seines Spazierstockes und wartete. Sein Gesicht nahm dabei einen strengen und starren Ausdruck an. Frau von Syrman sann einen Augenblick vor sich hin, und als sie zu sprechen begann, zitterte ihre Stimme: »Was ich zu sagen habe, werter Graf, ist nicht leicht zu sagen, aber Sie sind ein so feiner Welt- und Menschenkenner, daß Sie mich verstehen werden. Es handelt sich um Britta, und, nicht wahr, das entschuldigt alles. Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie sich des Kindes annehmen, Ihr Umgang wirkt veredelnd und erzieherisch, ja, geradezu erzieherisch, und das Kind ist dabei so glücklich. Aber Sie und ich, wir kennen die Welt, wir wissen, daß die Menschen nichts Schönes und Edles sehen können, ohne es zu entstellen und zu verleumden. Gestern in der Stadt wurden mir Gerüchte zugetragen, aus denen ich ersehe, daß die Leute nichts Besseres zu tun haben, als die Köpfe zusammenzustecken und über uns zu reden. Natürlich darf dadurch der uns so werte Umgang mit Ihnen nicht gestört werden, anderseits, da es sich um mein Kind handelt, darf ich die Sache nicht ganz unbeachtet lassen. Da sagte ich mir, du nimmst dir ein Herz und sprichst mit dem Grafen, er wird Rat wissen.«

Sie neigte den Kopf auf die eine Schulter und sah Streith besorgt an. Dieser hatte aufmerksam zugehört, nun richtete er sich auf und fragte langsam, als läse er ein wichtiges Dokument vor: »Ich erlaube mit hiermit, gnädige Frau, Sie um die Hand Ihrer Tochter, Fräulein Britta, zu bitten.«

Frau von Syrman errötete. Die Überraschung ließ sie nicht gleich Worte finden, sie streckte dem Grafen beide Hände hin: »Ach, Graf«, rief sie, »Sie sind edel und hochherzig, wem könnte ich mein Kind mit größerem Vertrauen in die Arme legen als ihnen, unter wessen Schutz könnte ich mein Kind sicherer wissen, als unter Ihrem Schurze? Meinen Segen haben Sie, und Britta, sie denkt ja nur an Sie, sie spricht ja nur von Ihnen, Sie sind ihr Ideal. Natürlich an so etwas hat sie nicht gedacht, sie ist ja noch ein Kind, ein unbeschriebenes Blatt. Aber wenn etwas auf diesem Blatte steht, so ist es Ihr Name, lieber Graf.«

Streith verneigte sich: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, für Ihr Vertrauen, das mich ehrt. Fräulein Brittas Zustimmung, auf die Sie mir so gütig Aussicht machen, vorausgesetzt, hätte ich noch eine Bitte vorzutragen. Mein Wunsch ist, daß die Sache geheim bleibe. Wir könnten in das Ausland reisen, wo die Angelegenheit dann ihren regelrechten Abschluß finden würde.«

»Wie Sie es einrichten, lieber Graf«, meinte Frau von Syrman, »so wird es am besten sein«.

»Was das Gerede der Leute anbetrifft«, fuhr Streith in seinem trockenen, sachlichen Tone fort. Frau von Syrman aber unterbrach ihn lebhaft: »Die Leute sollen reden, was sie wollen, ich kenne das. Früher war ich verwundbar und litt darunter, aber mit der Zeit habe ich gelernt, das boshafte Gerede der Leute zu verachten. Beunruhigen Sie sich darüber nicht, aber nicht wahr, Sie kommen dann heute abend zu uns, um sich von dem Kinde selbst das Jawort zu holen?«

Streith verneigte sich wieder. »Ich danke Ihnen, gnädige Frau«, sagte er, »für all Ihre Güte, jetzt darf ich Sie nicht länger aufhalten.« Er erhob sich, küßte Frau von Syrmans Hand und ging.

Frau von Syrman blieb in der Tür stehen, sie hielt ihr Taschentuch in der Hand, sie wollte damit winken, wenn Streith noch einmal zurückschauen würde, er schaute jedoch nicht zurück.


 << zurück weiter >>