Jean Paul
Hesperus oder 45 Hundposttage
Jean Paul

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Zwölf Kanonen gingen draußen los aus ebenso vielen Stubenschlüsseln – – Sie erschießen diese Historie. – –

Denn jetzt ist sie wahrlich aus – nicht ein Wort, nicht eine Silbe weiß ich mehr – ich habe überhaupt in meinem Leben gar keinen Horion und kein St. Lüne gesehen oder gehört oder geträumt oder nur romantisch ersonnen – der Teufel und ich wissen, wie es ist, und ich meines Orts habe ohnehin jetzt bessere Dinge zu machen und zu eröffnen, nämlich:

Die Ouvertüre und die geheime Instruktion

Ein andrer hätte dumm gehandelt und gleich mit dem Anfang angefangen; ich aber dachte, ich könnte allemal noch sagen, wo ich hause – im Grunde am Äquator; denn ich wohne auf der Insel St. Johannis, die bekanntlich in den ostindischen Gewässern liegt, die ganz vom Fürstentum Scheerau umgeben sind. Es kann nämlich guten Häusern, die ihre ordentliche literarische Strazza (den Meßkatalog) und ihr ordentliches Kapitalbuch (die Literaturzeitung) halten, nichts weniger unbekannt sein als mein neuestes Landeserzeugnis, die unsichtbare Loge; ein Werk, zu dessen Lesung mein Landesherr seine Landeskinder und selber die Schriftsassen (es wäre nicht ausdrücklich gegen die Rezesse) noch mehr nötigen sollte als zum Besuche der Landesuniversität. In diese Loge hab' ich nun den außerordentlichen Teich gesetzt, welcher unter dem Namen ostindischer Ozean bekannter ist, und in den wir Scheerauer die wenigen Molukken und andere Inseln hineingefahren und -geflastert haben, auf denen unser Aktivhandel ruht. Während daß die unsichtbare Loge in eine sichtbare umgedruckt wurde, haben wir wieder eine Insel verfertigt – das ist die Insel St. Johannis, auf der ich jetzt hause und spreche.

Der folgende Absatz dürfte anziehend werden, weil man darin dem Leser aufdeckt, warum ich auf dieses Buch den tollen Titel setzte: Hundposttage.

Es war vorgestern am 29. April, daß ich abends auf- und abging auf meiner Insel – der Abend hatte sich schon in Schatten und Nebel eingesponnen – ich konnte kaum auf die Teidor-Insel hinübersehen, auf dieses Grabmal schöner untergesunkner Frühlinge, und ich hüpfte mit dem Auge bloß auf den nahen Laub- und Blütenknospen herum, diesen Flügelkleidern des wachsenden Frühlings – die Ebene und Küste um mich sah wie eine Anziehstube der Blumengöttin aus, und ihr Putzwerk lag zerstreuet und verschlossen in Tälern und Stauden herum – der Mond lag noch hinter der Erde, aber sein Strahlen-Springbrunnen sprützte schon am ganzen Rande des Himmels hinauf – der blaue Himmel war endlich mit Silberflittern durchwirkt, aber die Erde noch schwarz von der Nacht gemalt – ich sah bloß in den Himmel... als etwas plätscherte auf der Erde....

Ein Spitzhund tats, der in den indischen Ozean gesprungen war und nun losdrang auf St. Johannis. Er kroch an meine Küste hinauf und regnete wedelnd neben mir. Mit einem blutfremden Hunde ist eine Unterredung noch saurer anzuspinnen als mit einem Engländer, weil man den Charakter und Namen des Viehes nicht kennt. Der Spitz hatte etwas mit mir vor und schien ein Bevollmächtigter zu sein. Endlich machte der Mond seine Strahlen-Schleusen auf und setzte mich und den Hund unter Licht.

»Sr. Wohlgeboren
des Herrn Berg-HauptmannEs ist bekannt, wie wenig ich vom Bergwesen verstehe; ich habe daher Ursache zu haben geglaubt, bei meinen Obern um einen Sporn anzuhalten, der mich antriebe, daß ich in einer so wichtigen Wissenschaft etwas täte – und so ein Sporn ist eine Berghauptmannstelle allemal. Jean Paul
auf
Frei St. Johannis.«

Diese Aufschrift an mich hing vom Halse der Bestie herunter und war an eine Kürbisflasche, die ans Halsband gebunden war, angepicht. Der Hund willigte ein, daß ich ihm sein Felleisen abstreifte, wie den Alpenhunden ihren tragbaren Konvikttisch. Ich zog aus dem Kürbis, der in Marketenderzelten oft mit Geist gefüllt worden, etwas heraus, was mich noch besser berauschte – ein Bündel Briefe. Gelehrte, Verliebte, Müßige und Mädchen sind unbändig auf Briefe erpicht; Geschäftleute gar nicht.

Das ganze Bündel – Name und Hand waren mir fremd – drehte sich um den Inhalt, ich wäre ein berühmter Mann und hätte mit Kaisern und Königen VerkehrAußer den zwei Kaisern Silluk und Athnach und den vier Königen Sgolta, Sakeph Katon etc. bin ich weiter mit keinen umgegangen; und das nur als Primaner, weil wir Juristen mit Teufels Gewalt hebräisch lernen mußten; worin eben die gedachten sechs Potentaten als Akzente der Wörter vorkommen. Vielleicht meint aber der Briefsteller die großen, scharfen, gekrönten Akzente der Völker. , und Berghauptmänner meines Schlages gäb' es wohl wenig, u. s. w. Aber genug! Denn ich müßte nicht eine Unze Bescheidenheit mehr in mir tragen, wenn ich mit der Unverschämtheit, die einige wirklich haben, so fort exzerpieren und es aus den Briefen extrahieren wollte, daß ich der scheerauische Gibbon und Möser wäre (zwar im biographischen Fache nur, aber welche Schmeichelei!) – daß jeder, der ein Leben besäße und es von mir biographisch abgeschattet sehen wollte, damit fortmachen sollte, ehe ich von irgendeinem königlichen Hause zum Historiographen weggepresset würde und gar nicht mehr zu haben wäre – daß es mir gleichwohl wie andern Berghauptleuten ergehen könnte, vor denen das zerstreuete Publikum oft nicht eher den Hut abgenommen, als bis sie schon in eine andere Gasse, d. h. Welt, hinein gewesen, u. s. w. Wer besorgt letztes mehr als ich selber? Aber auch diese Besorgnis bringt einen bescheidnen Mann nicht dazu, daß er hinabkriecht und den Einbläser seines Lobredners macht; wie ich doch getan haben würde, wenn ich fort ausgezogen hätte. Meinem Gefühle sind sogar die Schriftsteller verhaßt, die mit dem Endtriller: »Bescheidenheit verbiete ihnen, mehr zu sagen« unverschämt erst dann nachkommen, wenn sie alles schon gesagt haben, was jene verbieten kann.

Jetzo wagt sich der Korrespondent mit seiner Absicht hervor, mich zum Lebensbeschreiber einer ungenannten Familiengeschichte zu machen. Er bittet, er intrigieret, er trotzt. »Er könne« – (schreibt er weitläuftiger, aber ich abbreviere alles und trag' überhaupt diesen Briefauszug mit außerordentlich wenig Verstand vor; denn ich werde seit einer halben Stunde von einer verdammten Ratten-Bestie ungemein ärgerlich gekratzt und genagt) – »mir alles gerichtlich dokumentieren, dürfe mir aber keine andere Namen der Personagen in dieser Historie melden als verfälschte, weil mir nicht ganz zu trauen sei – er kläre mir schon alles mit der Zeit auf – denn an dieser Geschichte und deren Entwicklung arbeite das Schicksal selber noch, und er händige mir hier nur die Schnauze davon ein und werde mir ein Glied nach dem andern, so wie es von der Drechselbank der Zeit abfalle, richtig übermachen, bis wir den Schwanz hätten – daher werde der briefliche Spitz regelmäßig weg- und anschwimmen wie eine poste aux ânes, aber nachschiffen dürf' ich dem Briefträger nicht – und so« (schließet der Korrespondent, der sich Knef unterzeichnet) »werde mir der Hund wie ein Pegasus so viel Nahrungsaft zutragen, daß ich statt des dünnen Vergißmeinnichts eines Almanachs einen dicken Kohlstrunk von Folianten in die Höhe zöge.«

Wie glücklich er seine Absicht erreicht habe, weiß der Leser, der ja eben aus dem ersten Kapitel dieser Geschichte herkömmt, das der Spitz von Eymanns Ratten bis zur Kanonade auf einmal in der Flasche hatte.

Ich schrieb Herrn Knef nur so viel im Kürbis zurück: »Etwas Tolles schlag' ich selten ab. – Ihre Schmeicheleien würden mich stolz machen, wenn ichs nicht schon wäre; daher schaden Schmeichler wenig. – Ich finde die beste Welt bloß im Mikrokosmus ansässig, und mein Arkadien langt nicht über die vier Gehirnkammern hinaus; die Gegenwart ist für nichts als den Magen des Menschen gemacht; die Vergangenheit besteht aus der Geschichte, die wieder eine zusammengeschobene, von Ermordeten bewohnte Gegenwart, und bloß ein Deklinatorium unsrer ewigen waagrechten Abweichungen vom kalten Pole der Wahrheit, und ein Inklinatorium unsrer senkrechten von der Sonne der Tugend ist – Es bleibt also dem Menschen, der in sich glücklicher als außer sich sein will, nichts übrig als die Zukunft oder Phantasie, d. h. der Roman. Da nun eine Lebensbeschreibung von geschickten Händen leicht zu einem Roman zu veredeln ist, wie wir an Voltairens Karl und Peter und an den Selbstbiographien sehen: so übernehm' ich das biographische Werk, unter der Bedingung, daß darin die Wahrheit nur meine Gesellschaftdame, aber nicht meine Führerin sei.

In Besuchzimmern macht man sich durch allgemeine Satiren verhaßt, weil sie jeder auf sich ziehen kann; persönliche rechnet man zu den Pflichten der Medisance und verzeiht sie, weil man hofft, der Satiriker falle mehr die Person als das Laster an. In Büchern aber ist es gerade umgekehrt, und es ist mir, falls einige oder mehrere Spitzbuben in unsrer Biographie, wie ich hoffe, Rollen haben, das Inkognito derselben ganz lieb. Ein Satiriker ist hierin nicht so unglücklich wie ein Arzt. Ein lebhafter medizinischer Schriftsteller kann wenige Krankheiten beschreiben, die nicht ein lebhafter Leser zu haben meine; dem Hypochondristen impfet er durch seine historischen Patienten ihre Wehen so gut ein, als wenn er ihn ins Bette zu ihnen legte; und ich bin fest versichert, daß wenige Leute von Stande lebhafte Schilderungen der Lustseuche lesen können, ohne sich einzubilden, sie hätten sie, so schwach sind ihre Nerven und so stark ihre Phantasien. Hingegen ein Satiriker kann sich Hoffnung machen, daß selten ein Leser seine Gemälde moralischer Krankheiten, seine anatomischen Tafeln von geistigen Mißgeburten auf sich anwenden werde; er kann froh und frei Despotismus, Schwäche, Stolz und Narrheit ohne die geringste Sorge malen, daß einer dergleichen zu haben sich einbilde; ja ich kann das ganze Publikum oder alle Deutsche einer ästhetischen Schlafsucht, einer politischen Abspannung, eines kameralistischen Phlegma gegen alles, was nicht in den Magen oder Beutel geht, beschuldigen; aber ich traue jedem, der mich lieset, zu, daß er wenigstens sich nicht darunter rechne, und wenn dieser Brief gedruckt würde, wollt' ich mich auf eines jeden inneres Zeugnis berufen. – Der einzige Spieler, dessen wahren Namen ich in diesem historischen Schauspiel haben muß, zumal da er nur den Einbläser macht, ist der – Hund.

Jean Paul.«

Ich habe noch keine Antwort und auch noch kein zweites Kapitel: jetzo kommt es ganz auf den Spitzhund an, ob der der gelehrten Welt die Fortsetzung dieser Historie schenken will oder nicht.

– Ists aber möglich, daß ein biographischer Berghauptmann bloß einer verdammten Ratte wegen, die noch dazu in keinem Journal arbeitet, sondern in meinem Hause, eben vom Publikum weglaufen und alle Zimmer durchdonnern muß, um das Aas in Angst zu jagen?...

... Spitzius Hofmann heißet der Hund; der war die Ratte und kratzte an der Türe mit dem zweiten Kapitel im Kürbis. Ein ganzes volles Proviantschiff, das die gelehrte Welt ausnaschen darf, hab' ich vom Halse Hofmanns abgehoben: und es tun sich für den Leser, der das Gescheute so gern lieset wie das Dumme, heute – denn nunmehr ists gewiß, daß ich fortschreibe – freudige Aussichten auf, die ich aus einem gewissen Gefühle der Bescheidenheit nicht abzeichne... Der Leser sitzt jetzt in seinem Kanapee, die schönsten Lese-Horen tanzen um ihn und verstecken ihm seine Repetieruhr – die Grazien halten ihm mein Buch und reichen ihm die Heftlein – die Musen wenden ihm die Blätter um oder lesen gar alles vor – er lässet sich von nichts stören, sondern der Schweizer oder die Kinder müssen sagen, Papa ist aus – da das Leben an einem Fuß einen Kothurn und am andern einen Sokkus trägt, so ists ihm lieb, daß eine Lebensbeschreibung auch in einem Atem lacht und weint – und da die Schönschreiber immer mit dem Moralischen ihrer Schriften, das nützt, etwas Unmoralisches, das vergiftet, aber reizt, zu verbinden wissen, gleich den Apothekern, die zugleich Arzneien und Aquavit verzapfen, so vergibt er mir gern für das Unmoralische, das vorsticht, das Religiöse, das ich etwa habe, und umgekehrt – und da diese Biographie in Musik gesetzt wird, weil Ramler sie vorher in Hexameter setzt (welches sie auch mehr bedarf als der harmonische Geßner), so kann er, wenn er sie gelesen hat, aufstehen und sie auch spielen oder singen.... Auch ich bin fast ebenso glücklich, als läs' ich das Werk – der indische Ozean schlägt die Pfauenräder seiner beleuchteten Wellenkreise vor meiner Insel – mit allem steh' ich auf dem besten Fuße, mit dem Leser, mit dem Rezensenten und mit dem Hund – alles ist schon zu den Hundposttagen da, ein Dintenrezept von einem Alchemiker, der Gänsehirt mit Spulen war schon gestern da, der Buchbinder mit bunten Schreibbüchern erst heute – die Natur knospet, mein Leib blüht, mein Geist trägt – und so häng' ich über den Loh- und Treibkasten (d. h. über die Insel) meine Blüten, durchschieße den Kasten mit meinen Wurzelfasern, kann es (ich Hamadryade) aus meinem Laubwerk heraus nicht wahrnehmen, wie viel Moos die Jahre in meine Rinde, wie viel Holzkäfer die Zukunft in das Mark meines Herzens und wie viel Baumheber der Tod unter meine Wurzel setzen wird, nehme alles nicht wahr, sondern schwinge froh – du gütiges Schicksal! – die Zweige in dem Winde, lege die Blätter saugend an die mit Licht und Tau gefüllte Natur und errege, vom allgemeinen Lebenodem durchblättert, so viel artikuliertes Geräusch, als nötig ist, daß irgendein trübes Menschenherz unter der Aufmerksamkeit auf diese Blätter seine Stiche, sein Pochen, sein Stocken vergesse in kurzen sanften Träumen – – warum ist ein Mensch zuweilen so glücklich?

Darum: weil er zuweilen ein Literatus ist. Sooft das Schicksal unter seinem Schleier das Lebenströmchen eines Literatus, das über einige Hörsäle und Bücherbretter rinnt, aus dem großen Weltatlas in eine Spezialkarte hineinpunktiert: so kann es so denken und sagen: »Wohlfeiler und sonderbarer kann man doch kein Wesen glücklich machen, als wenn man es zu einem literarischen macht: sein Freudenbecher ist eine Dintenflasche – sein Trommetenfest und Fasching ist (wenn es rezensiert) die Ostermesse – sein ganzer paphischer Hain geht in ein Bücherfutteral hinein – und in was anderm bestehen denn seine blauen Montage als in (geschriebnen oder gelesenen) Hundposttagen?« Und so führt mich das Schicksal selber in den


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