Stefan Großmann
Herzliche Grüße
Stefan Großmann

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Die Equipage und das Fenster

Jeden Tag fährt der Kaiser von Oesterreich von der alten Burg in sein freundliches Schlößchen Schönbrunn. Punkt fünf Uhr jagen die rassigen Rösser der Kaiserlichen Equipage vom Burgring über die Mariahilferstraße. Der alte Herr liebt es, in offenem Wagen zu fahren und während der zwölf oder fünfzehn Minuten, die zur Fahrt nach Schönbrunn nötig sind, ist der Kaiser inmitten seines Volkes. Er hat da nichts zu tun, als im Wagen zu sitzen und die Untertanen zu beobachten, wie höflich oder herzlich sie ihn grüßen. Da neigt er sich dankend nach rechts und legt dankend die Finger an die Offizierskappe, dann nach links, dann wieder nach rechts und dann wieder nach links. O, so eine Viertelstunde lang von jedem Vorübergehenden gegrüßt werden, das tut wohl! . . . Und wie nett können die alten Wiener grüßen! Sie lüften den Hut und behalten ihn fünf oder zehn Sekunden ganz ehrfurchtsvoll in ihren greisen Händen. Längst haben die flinken Rosse die Equipage schon ein weites Stück fortgerissen, aber der grüßende Altwiener steht noch immer mit großen Augen, den Hut in der Hand, da. Kinder winken dem 75jährigen Kaiser mit weichen Patschhändchen zu und junge Mädchen winken freudig mit farbigen Sonnenschirmen, ganz wider die respektvolle Sitte und eben darum wohltuend herzlich. Das ist so gewesen bis . . . . . . . .

Ja, denkt Euch, im November 1905 verzichtete der Kaiser von Oesterreich plötzlich auf seine offenen Equipagenfahrten nach Schönbrunn. Ich weiß nicht, was vorgefallen war. Das rohe Leben hat vielleicht einmal in die Mariahilferstraße, punkt fünf Uhr nachmittags, einen Menschen hingeschleudert, der den breiten Hut trotzig auf dem Kopfe behielt, obwohl die Schutzleute schon von weitem mit ausgestrecktem Arm winkten: »Platz! Platz! Der kaiserliche Wagen!« Vielleicht haben sich sogar einige solcher Rohlinge in die ersten Reihen des Begrüßungsspaliers eingeschlichen. Herrgott, da fuhr der alte Kaiser wie immer seit vierzig oder fünfzig Jahren durch sein Volk, bereit, nach rechts zu danken und nach links, aber . . . Da standen plötzlich etliche Frechlinge, die ihn ganz direkt anglotzten und doch keinen Finger rührten, keinen Arm hoben und nicht einmal das bedeckte Haupt neigten!! Diese Viertelstunde, von fünf Uhr nachmittags bis ein Viertel Sechs, war die Quelle, die den greisen Monarchen täglich innerlich gelabt hatte! Wenn die alten Herren ihre Glatzen entblößten, wenn die Kinder ihm ihre Patschhändchen, die Mädchen die bunten Sonnenschirme jubelnd entgegenstreckten, ahnte er etwas von den Gefühlen Eberhards, des Württemberger Herzogs, der sein Haupt im Schoße jedes Untertanen betten und dort ausruhen konnte. Und nun raubten ihm Rohlinge noch die kurze Viertelstunde inmitten seines Volkes.

Der Geschichtsschreiber muß hier einfügen, daß am 28. November 1905 der erste Beamte des Kaisers ein neues Wahlgesetz mit gleichem Recht für alle Bürger des Reiches ankündigte.

Am 30. November fuhr die offene Equipage wieder durch die Mariahilferstraße, sogar in behaglichem Tempo und, siehe da, die Kinder mit den lieben Patschhändchen und die Mädchen mit ihren Schirmen winkten wieder und die alten Herren hielten ganz andächtig fünf Minuten lang ihren Hut bis an die Erde. Seine Majestät konnte wieder nach rechts danken und nach links, und die grußlos glotzenden Rohlinge waren plötzlich wieder aus der ersten Reihe verschwunden . . . .

So ist alles wieder gut seit dem 28. November 1905.

Jeder hohe Herr will ein Viertelstündchen im Tag unter seinem Volke weilen! Wir Oesterreicher haben die offene Equipage und Ihr Preußen, he, was habt denn Ihr? Na, so denkt doch mal nach, Ihr müßt doch auch dergleichen haben!

»Ja, wir . . . hm . . . hm . . . Kaiser Wilhelm der Erste hatte ein Schloßfenster Unter den Linden, wo er gerne gestanden ist und sein Volk begrüßt hat.«

Ein Schloßfenster . . . Hm, hm . . . Eine offene Equipage liegt für den danebenstehenden Bürger eigentlich näher als so ein entferntes, noch dazu verschlossenes Fenster! . . . Na, immerhin, ich wollte mir das Fenster, von dem aus der alte Wilhelm einst sein Volk gesehen, einmal betrachten. Am Sonntag, den 21. Januar 1906, machte ich mich, da ich gerade in Berlin war, auf, um es mir anzusehen.

Aber als ich das Schloß endlich von weitem sah, da merkte ich, daß rings um das Schloß kein einziger Bürger zu sehen war. Bloß Uniformen, glitzernde Helme, blanke Offiziersknöpfe, schillernde Gewehrläufe, und sonst von Menschen befreite, förmlich rasierte Wege. Leere, Leere, Leere, begrenzt von Schutzmannsketten!

»Nicht weiter! Abgesperrt!« schrie mir, als ich weiter wollte, plötzlich ein Schutzmann zu, »durch den Kordon darf niemand!«

»Herr,« rief ich, »ich will das Fenster sehen, durch das der Kaiser sein Volk sieht oder sah oder durch das wenigstens einstmals . . .«

»Abgesperrt!« schrie mir der Schutzmann zu.


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