Stefan Großmann
Herzliche Grüße
Stefan Großmann

 << zurück weiter >> 

Debatte über das Beten

Die ganze Familie sitzt nach dem Abendessen um den Tisch herum. Vater, Mutter, ein Onkel, zwei Tanten, zwei Schwägerinnen, ein junger Neffe und die kleine, zehnjährige Tochter. Dann und wann klingt von der Straße her der Lärm einer Musikkapelle herauf.

»Gebete,« sagt die Tante, während sie strickt, »müssen vom Herzen kommen.«

»Lächerlich,« erwidert der junge Neffe. ». . . Darf ich mir übrigens eine Zigarre anstecken? . . . Gebete rauben einem nur die Zeit, die man gleich für die Sache, wegen der man betet, verwenden sollte.«

»Du weißt eben noch nicht,« antwortete die Tante, »wie wohl es zuweilen tut, gute Worte vor sich hinzusagen . . . Uebrigens ist es ein bißchen kalt herinnen. Darf ich frische Kohle in den Ofen legen?«

Der dicke Onkel sagt gleichmütig: »Ich kann da nicht mitreden, ich habe seit zwanzig Jahren nicht gebetet. Wenn man wie ich so viel im Geschäft zu tun hat, denkt man an solche Sachen nicht. Uebrigens darf ich nun wohl auch rauchen?«

»Die Tante hat aber selbst zugegeben,« eiferte der Neffe, »daß das Beten meist nur eine bloße Freude an angenehmen Worten ist. Es ist eine Beschäftigung für Invaliden. Wenn man schon gar nichts mehr tun kann . . .«

»Ich finde,« flüstert eine ästhetische Schwägerin, »das Beten ist aus der Mode gekommen, weil die Gebettexte schon ziemlich veraltet sind. Man sollte bei Dichtern neue, ganz moderne Gebettexte bestellen.«

Die Männer rauchen. Vom Ofen strömt ununterbrochen Hitze in das kleine Zimmer.

Der boshafte Neffe sagt lächelnd: »Am schönsten sind die Gebete für sich selbst. Wenn man gerade etwas nötig hat. Ungefähr wie die Tante vor Weihnachten, wenn sie vor dem Wäscheschrank steht, die Stücke zählt und überlegt, was sie sich denn heuer wünschen soll.«

Die Tante findet diese Witze gemütlos: »Dir ist eben noch nie irgendeine Sache dringend am Herzen gelegen. Ich, wenn mir jemand so leid tut, daß ich nachts nicht schlafen kann, weil ich ihn fortwährend im Finstern vor mir sehe, ich muß für ihn beten, dann werde ich langsam ruhig. Für mich ist das Beten . . .«

»Ein Schlafmittel,« fällt der Neffe ein.

Alle lachen. Mit dem witzigen Neffen wagt keiner mehr zu streiten. Es wird still um den Tisch.

Da sagt die ästhetische Schwägerin, zu dem kleinen Nichtchen sich herunterbeugend: »Na, du Engerl, was sagst denn Du dazu?«

Die Kleine wird verlegen, weil alle plötzlich auf sie sehen. Ablenkend sagt der Vater: »Sie ist schon müde, sie gehört längst ins Bett. Ich werde sie hineintragen.«

Er hebt das Kind vom Sessel und trägt es in das dunkle Kinderzimmer.

»Vater,« sagt das kleine Mädchen während des Auskleidens, »hast Du auch den ganzen Abend die Musik vom Eislaufplatz herübergehört?«

»Manchmal.«

Das kleine Mädchen liegt schon unter der Decke. Der Vater hat schon seinen Gutenachtkuß und will wieder hinüber . . .

»Vaters ruft das Kind aus seinem Kissen, »darf ich Dir noch einen Wunsch sagen?«

Im Finstern beugt sich der Vater zu dem kleinen Mädchen herunter, so daß er dessen erhitzte Wangen spürt.

»Ich wäre heute abend so gern Schlittschuh gelaufen.«

»Du kannst es ja gar nicht,« sagt der Vater erstaunt.

»Liebes Vaterl! Aber ich könnte es gewiß sehr gut . .«

Lächelnd sagte der Vater: »Ich werde Dich's lehren lassen! Gute Nacht!«

Noch ein Kuß. Durchs finstere Zimmer geht der Vater zu den Gästen zurück. Ehe er die Tür ins lichterfüllte, qualmige Speisezimmer öffnet, bleibt er stehen, weil er in Gedanken das Mädchen auf dem Eise sieht, dahinfliegend, mit gelenken Gliedern, mit geröteten, blutdurchpulsten Wangen.

»Sehnsucht ist Gebet genug,« will er drüben an der Tafelrunde sagen. Aber die Debatte über das Beten ist längst geschlossen.


 << zurück weiter >>