Stefan Großmann
Herzliche Grüße
Stefan Großmann

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Viehmarkt

Der Personenzug hält abends in der Station Dobrau, wo heute Viehmarkt gewesen ist. Im Nu sind die Waggons dritter Klasse überfüllt. Bauern steigen mit schweren Röhrenstiefeltritten ein und eine Menge Viehhändler, die vorsichtiger und unsicherer auftreten. . . .

Im letzten Waggon, einem miserabel beleuchteten, von Tabakrauch und Heizungsdampf angefüllten Coupé, sitzen fast nur Viehhändler. Eine trübselige, niedergeschlagene Stimmung herrscht im Coupé. Regen klatscht an die Fenster, der Fußboden des Waggons ist naß und schmutzig. Oeffnet einer die Waggontür, so weht scharfe, feuchte Luft in die stickige Atmosphäre herein. Die Händler mummen sich fester in ihre Winterröcke und Pelze . . . Endlich hörte man draußen das helle Trompetensignal des Kondukteurs und der Zug verläßt Dobrau . . .

»Schade um den Tag,« sagte ein alter Viehhändler in großem Pelz ärgerlich.

Gegenüber nimmt ein anderer das Gespräch auf: »In Dobrau ist immer das schlechteste Vieh. Alte, magere Kühe, die teurer sind wie anderswo schöne, junge Ochsen . .«

»Es war schon voriges Jahr nichts los,« beginnt ein dritter, ein kleines, mageres Männchen; »ich hab meinem Vater gesagt: »Vater,« hab ich gesagt, »es ist unnütz, nach Dobrau zu fahren, lauter teure, alte Kühe sind dort!« . . . Nein, ich mußte hinfahren. Wenn ich für dieses Geld nach Brünn fahre, kann ich mir einen angenehmen Tag und eine angenehme Nacht machen. Dazu hat man nicht das Herz Geld auszugeben, aber um alte, teure Kühe anzuschauen und sich im Regen und in der Kälte krank zu machen, dazu hat der Vater das Herz.« Die Stimme des Klagenden erstirbt in mißmutigem Flüstern . . .

Es wird still im Waggon und da hört man plötzlich in der hintersten, finstersten Ecke den Viehhändler Wolf mit einem Bauer leise sprechen.

»Hundertundzwanzig Gulden in Gottesnamen,« sagt Wolf angelegentlich, so daß er gar nicht wahrnimmt, daß ihm jetzt alle neugierig zuhören; »so ein Geschäft macht man ohnedies nur, damit man nicht ganz umsonst den weiten Weg gefahren ist. Aber nicht einen Kreuzer mehr! Es ist nur wegen eines nächsten Males . . .«

Alle horchen neugierig auf die Antwort des Bauern hin. Der qualmt den Rauch seiner Pfeife vor sich hin und gibt keine Antwort.

»Ich möchte das nicht dafür geben,« mischt sich aus der Entfernung der Viehhändler mit dem großen Pelz ein.

»Laß ihm die alte Kuh!« rufen andere Wolf zu. Die Viehhändler fühlen sich augenblicklich als Brüder, die zu einander halten müssen.

Aber Herrn Wolf ist die Störung nicht angenehm. »Mischt euch nicht ein,« sagte er verdrießlich; »wir sind schon so gut wie einig.« Von nun ab wird das Gespräch in der hintersten, finstersten Ecke des Waggons so leise geführt, daß kein Dritter eine Silbe versteht.

Der Regen klatscht noch heftiger an die Fenster. Dunkelste Nacht ist über die Gegenden draußen gesunken und wenn man das angelaufene Fenster abwischt, um hinauszuschauen, blickt man nur in blauschwarze Finsternis, aus der dann und wann ein gelbes Lichtchen herausstrahlt.

Der kleine, magere Viehhändler, der mit seinem Vater nicht zufrieden ist, hat sich neben den Viehhändler mit dem großen Pelz gesetzt. Auch die beiden flüstern so geheimnisvoll, daß die anderen nichts davon verstehen. Je länger sie miteinander sprechen, desto stiller werden die anderen. Endlich hört man das kleine magere Männchen fragen: »Und woher weiß ich denn, ob er mir sie gibt?«

»Lächerlich,« flüstert der mit dem großen Pelz voll Geringschätzung, »er wird froh sein, daß er sie aus dem Hause bringt.«

Der Viehhändler Wolf unterbricht die Verhandlungen mit dem Bauer, um ein paar Worte von jenem Geschäft, das da drüben geschlossen wird, zu erhaschen.

»Ich weiß nicht, was Sie da noch viel überlegen,« fährt der Viehhändler mit dem großen Pelz fort; »sind Sie froh, daß Sie nicht zu spät kommen! Gerade für Sie ist das etwas Passendes. Ich habe übrigens schon einmal im Gespräch die Sache angebahnt . . .«

»Ob sie nur gesund ist? Sie ist so mager,« flüstert das kleine Männchen besorgt.

»Gesund? Lächerlich! Wissen Sie, was für eine Kost in dem Haus ist? . . . Aber, wenn die Sache zustande kommt, kriege ich drei Prozent!«

Tiefe Stille im ganzen Coupé. Alle spüren: Die beiden stehen schon vor dem Abschlusse!

»Kommen Sie Samstag hin!« rät der Händler im Pelz, »sehen Sie sich sie an; Sie bilden sich nur ein, daß sie so mager ist, sprechen Sie mit dem Alten und in vier Wochen können Sie – Hochzeit machen.«

»Ah so!« stößt der Händler Wolf unwillkürlich aus und wendet sich wieder zu seinem Nachbarn. Auch die anderen Viehhändler hören nicht länger zu . . .

In Wißnitz hält der Zug. Das magere Männchen steigt aus.

»Also Samstag,« flüstert ihm der große Pelz zu. »Sie werden sehen, die Familie wird Ihnen gefallen . . .«


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