Glauser, Friedrich
Der Chinese
Glauser, Friedrich

 << zurück 

Die Mutter

Der Gefreite Reinhard ging zur Tür, öffnete sie, schloß sie von draußen; kam wieder zurück; ihm folgte eine alte Frau, deren graue Haare kurz waren und unordentlich vom Kopfe abstanden. Viele Runzeln durchfurchten ihr Gesicht. Sie trug einen einfachen Hut – und ein Wollschal war über ihre Brust gekreuzt und im Rücken festgebunden.

»Frau Äbi«, sagte Studer sanft. »Seit wann besitzt Ihr Mann ein Motorrad?«

»Si Fründ hets ihm g'schenkt…«

»Welcher Freund?«

»Äh, dr Hungerlott!«

»Wann?«

»Vor sechs Monate!«

– Ob der Mann das Töff viel gebraucht habe? Und man solle der Frau einen Stuhl geben!

Keiner der Herren stand auf, Ludwig Farny aber sagte: »Chumm, Muetter!« Er trat auf die alte Frau zu, nahm sie am Arm, führte sie zu seinem Stuhl, dann stellte er sich neben seinen Freund, den Wachtmeister.

Die Frau erzählte: – Oft sei der Mann in der Nacht fortgefahren. Sie könne nicht sagen wohin. Als man sie heute morgen mit dem Polizeiauto geholt habe, da sei es ihr unverständlich gewesen, was man von ihr wolle… Sie unterbrach sich, um Ludwig zu fragen, wie es ihm gehe… Der Bursche nickte: Es gehe ihm gut, er habe Glück gehabt, und wahrscheinlich würden sie beide jetzt reich werden…

Hungerlotts spitze Stimme unterbrach wieder das Gespräch: – Wegen dem Reichwerden habe wohl das Zivilgericht auch noch ein Wort zu sagen… Das Mädchen mit der weißen Schürze und dem weißen Häubchen auf dem Bubikopf kam herein und trug vor sich her ein Tablett, auf dem Gläser klingelten. In der Rechten hielt sie am Halse drei Flaschen… Der Hausvater meinte, die Herren würden wohl gerne eine kleine Erfrischung zu sich nehmen. Es sei ja unerhört, den Besuch einer Anstalt in ein Verhör ausarten zu lassen…!

Vater Äbis Gesicht hatte sich verändert; seine Haut war blaß geworden, seit die Frau den Raum betreten hatte… die Mutter erzählte – und ihre Stimme war gar nicht weinerlich –:

– Ein schönes Leben habe sie nicht gehabt… und jetzt sei noch der einzige Mensch gestorben, der sie beschützt habe, der einzige, vor dem der dort (ihre verarbeitete Hand wies auf Vater Äbi) Angst gehabt hätte. Das schönste Leben habe sie gehabt, wenn der Sohn daheim gewesen sei, der eine Sohn, verbesserte sie sich rasch, als sie sah, daß Ludwigs Augen traurig wurden… – Ja, vor dem Ernst habe der Mann Angst gehabt und wenn er noch so besoffen gewesen sei, habe er nicht gewagt, sie anzurühren, wenn der Ernst daheim gewesen sei… Nur, äbe; der Ernst sei viel fort gewesen, aber er habe ihr oft geschrieben. Diesen Brief hier zum Beispiel… Sie kramte in einer alten Handtasche, zog einen zerlesenen Brief heraus und wollte ihn Studer geben. Um der Frau das Aufstehen zu ersparen, trat der Wachtmeister auf sie zu – aber er war nicht schnell genug… Vater Äbi sprang auf, wie eine Kralle schnellte seine Hand vor – den Brief! Den Brief wollte er haben!

Und fast wäre es ihm gelungen – wenn nicht der Gefreite Reinhard gewesen wäre. Vater Äbi hätte den Brief fast erwischt… Aber der vife Reinhard stellte ihm ein Bein, Äbi fiel auf die Nase – und ruhig, als ob nichts geschehen wäre, nahm Studer den Brief, entfaltete ihn und fragte: »Darf ich den Brief vorlesen?« Nicken, Nicken allerseits. Studer las:

»Liebe Mutter!

Einem Menschen muß ich beichten. Diese Nacht hat jemand Steine gegen mein Fenster geworfen, ich war wach, die Kameraden hörten nichts. Als ich hinausschaute, erkannte ich den Vater, der mir winkte. In der Nacht ist die Tür der Schule versperrt. Darum ging ich in den ersten Stock, wo ich ein Fenster kenne, neben dem ein dicker Efeuzweig bis zum Boden reichte, ich turnte hinunter und traf den Vater. Er führte mich in die Heizung. Dort lag der Onkel erschossen am Boden. Er war bekleidet mit einem Nachtanzug und darüber hatte er einen Mantel gezogen. Der Vater schickte mich in das Zimmer des Onkels, ich solle dort einen Anzug, ein Hemd, Socken, Schuhe und einen Überzieher holen. Wir zogen die Leiche aus und bekleideten sie mit den Kleidungsstücken, die ich mitgebracht hatte. Der Tote war noch nicht steif. Dann befahl mir der Vater, ihm zu helfen, den Toten auf den Friedhof zu tragen. Wir legten die Leiche auf das Grab der Anna. Die Polizei sollte meinen, der Onkel hätte sich wegen Liebesgram erschossen. Dann gingen wir in die Heizung zurück. Es war noch genug Glut vorhanden, um den Mantel zu verbrennen, doch dann wurde das Feuer so schwach, daß es unmöglich war, auch den Schlafanzug zu verbrennen. Der Kittel war ja noch naß von Blut. Der Vater ließ mich schwören, den Kittel bei erster Gelegenheit zu verbrennen. Ich nahm ihn mit, kletterte am Efeu wieder in die Höhe, versteckte das Wäschestück in meinem Schaft und gedachte es am nächsten Tage in die Zentralheizung zu werfen. Nach der Postverteilung sah ich, daß Lehrer Wottli ein Packpapier fortwarf; das nahm ich und packte den Kittel darein. Ich wollte in der Nacht aufstehen und beides in der Zentralheizung der Schule verbrennen, aber ich kam nicht dazu. Um halb vier Uhr morgens fuhr der Vater auf seinem Töff Bern zu. Ich sah ihm nach, als plötzlich jemand neben mir stand: es war der Ludwig. Da ich ihm schon einmal geholfen hatte, versprach er mir, nichts von dem zu erzählen, was er gesehen hatte.

Ich habe dir das alles erzählen müssen, Mutter, weil ich es sonst nicht aushalte, aber erzähl niemandem etwas davon, besonders dem Vater nicht.

Muetti, viel Liebes von deinem Sohne Ernst.

Aber erzähl niemandem etwas von dieser Sache.«

»Und dieser Brief soll echt sein? Hahaha!« Vater Äbi lachte, »ich allein hab' doch den Schlüssel zum Briefkasten!«

Studer blickte die alte Frau an: Sie war ärmlich gekleidet, ihr Rock war lang und unter dem Saum sahen grobe Schuhe hervor. Wie viele alte Frauen hielt sie die Arme verschränkt, so zwar, daß ein Ellbogen in der hohlen Hand ruhte. Sie stand auf, ihr gebeugter Rücken streckte sich – wirklich, diese alte Frau, die Studer krank gesehen hatte, sah vornehm aus. Und die Antwort, die sie ihrem Manne gab, war nicht etwa höhnisch, nein, Verachtung lag in ihr, aber eine würdevolle Verachtung.

Der Noldi halte sie für so dumm, sagte sie und wandte sich ausschließlich an den Wachtmeister, daß er meine, sie lasse ihre Briefe nach Hause kommen! Seit Jahren schon habe sie eine Freundin, an die sie die Briefe schicken lasse, von denen sie nicht wolle, daß der Mann sie sehe. Hier sei die Adresse, wenn sie den Wachtmeister interessiere…

Studer nahm beides an sich: Brief und Enveloppe, übergab die Papiere dem Statthalter und sagte – er bediente sich des Schriftdeutschen –: »Sie lassen beides zu den Akten legen…«

»Habe ich also doch recht gehabt, Herr Wachtmeister?«

Studer lupfte die Achseln: »Es war nicht schwer zu erraten«, meinte er.

Eine Flut von Schimpfworten ergoß sich aus Vater Äbis Mund. Doch schließlich ging dem Manne der Atem aus und in die Pause hinein sagte die alte Frau: »Ich hätte ihn nie verraten, wenn er nicht den Ernst…«

Ihre Augen blieben trocken, sie zog aus der abgeschabten Handtasche ihr Nastuch, schneuzte sich.

Die Stille im Raum war so tief, daß man das Summen einer Winterfliege hören konnte… Was nun… Studer erinnerte den Statthalter, daß es an ihm war, einen Entschluß zu fassen.

»Verhaften«, sagte Herr Ochsenbein, »beide verhaften…«

Vater Äbi stand da, die Unterlippe hing ihm aufs Kinn, ratlos starrten seine Schnapseräuglein. Aber der Hausvater Hungerlott entschloß sich schneller – ein Sprung… Zersplitterndes Glas – Der Hausvater war zum Fenster hinausgesprungen. Alles drängte sich zu den zerbrochenen Scheiben. Unten lag der Mann, mühsam kroch er vorwärts; sicher hatte er ein Bein gebrochen…

Mutter Äbi stand mitten im Zimmer; ein Wollschal war auf ihrer Brust gekreuzt und ihre verarbeiteten Hände waren gefaltet. Leise sagte sie:

»Mein ist die Rache, spricht der Herr…« Dann lösten sich die Finger voneinander, die alte Frau nahm die Handtasche, die sie unter ihren Arm geklemmt hatte, suchte darin und brachte schließlich ein Päckchen Briefe zutage.

»Die hat mir der Ernst gebracht – nach dem Tode der Anna. ›Behalt sie auf, Mutter‹, hat er gesagt. ›Nicht, daß sie in böse Hände kommen‹. Jemand hat sie der Schwester geschrieben, sie waren der einzige Trost für die Anna! Aber Ihr, Herr Studer, könnt sie behalten, wenn Ihr wollt…«

Studer blätterte in dem Päckli. »Meine Geliebte!« – »Meine Innigstgeliebte!« – »Liebste! Bist du krank? Ich bin so traurig. Ist dein Mann gut zu dir? Sobald du gesund bist, mußt du die Scheidung einleiten. Ich habe mit deinem Onkel gesprochen und dieser ist einverstanden…« Der Wachtmeister setzte sich in einen Stuhl, das Summen im Zimmer störte ihn nicht. Er las weiter – »Meine Mutter hat mir gesagt, sie freue sich, dich begrüßen zu können. Dann wollen wir auch versuchen, deiner Mutter zu helfen. Die arme Frau…«

»Was liest du da, Studer?« fragte der Polizeihauptmann. »Gehört das nicht auch zu den Akten?«

Der Wachtmeister schüttelte den Kopf. »Das hat nichts mit dem Fall zu tun. Gar nichts. Eine Privatsache, weiter nichts.«

»Dann ist's gut. Wenigstens einmal hast du dich nicht blamiert.«

»Nicht blamiert? Du hast eine Ahnung! Ich hab' nicht herausbringen können, warum ein Packpapier bei der Untersuchung einen Marshschen Spiegel gehabt hat. Und der Mann, der mir das sagen könnte, ist abgereist.«

»Ein Zeuge?« fragte der Hauptmann. »Hast du einen Zeugen verreisen lassen? Was fällt dir ein?«

»Er wird nicht erben können, der Zeuge. Nicht erben können! Zwar – erben wollte er nicht, darum macht es nichts.«

»Du redest wieder einen Chabis zusammen! Ein wenig hat der Hungerlott doch recht gehabt!«

Studers Schnurrbart begann zu zittern. Er wandte den Kopf. Sein Freund, der Notar, stand hinter ihm.

»Münch«, fragte der Wachtmeister, »wann spielen wir wieder Billard?«

»Öppe in zwo Woche…«, meinte Münch. Er griff an seinen Schädel, der ihn arg zu schmerzen schien.

»Das kommt davon«, sagte Studer, »wenn man mit achtundfünfzig Jahren Räuberlis spielen will…«


 << zurück