Glauser, Friedrich
Der Chinese
Glauser, Friedrich

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Im Gewächshaus

»Es ist nicht meine Schuld, Herr Studer! Er ist mir durchgebrannt, der Ernst! Ich weiß schon, ich hätt' aufpassen müssen, aber ich war so müd, Herr Studer, so müd! Den ganzen Tag hab ich mich geplagt, damit Ihr zufrieden seid. Ich bin eingeschlafen, Herr Studer, nachdem uns der Wottli wieder eingeschlossen hat. Auch der Ernst ist ins Bett und hat geschnarcht. Jetzt weiß ich, daß er sich nur verstellt hat – aber damals hab ich geglaubt, er schläft wirklich! Wirklich! Ich kann weiß Gott nichts dafür!«

Der Wachtmeister setzte sich rittlings auf einen Stuhl, legte die Unterarme auf die Lehne und schwieg. Wenn alles durcheinander ging, wollte er zuerst das Ganze in Ruhe überdenken, um nachher einen Entschluß fassen zu können. Um sechs Uhr hatte Paul Wottli mit dem Räuchern begonnen, um sechs Uhr fünfzehn war er fertig geworden. Gut. Dann führte er die beiden – übrigens warum hatte der Lehrer nur vom Ernst gesprochen und den Ludwig gar nicht erwähnt? – führte er also die beiden ins Krankenzimmer zurück und schloß sie dort ein. Ja, aber: er hatte erzählt, daß er seinen Schüler um halb sechs schon geholt habe. Angenommen, er habe eine Viertelstunde für die Vorbereitungen zum Ausräuchern gebraucht, so war da dennoch eine Viertelstunde, deren Inhalt man nicht kannte. Hungerlott behauptete, er habe seinen Schwiegervater viertel vor sechs am Bahnhof getroffen – also war er, wenn er schnell gefahren war, frühestens fünf Minuten nach sechs angekommen. Da aber Nebel herrschte, hatte er sicher länger gebraucht und Pfründisberg erst gegen halb sieben Uhr erreicht. Studer erinnerte sich, daß die Bahnhofsuhr zehn vor sieben zeigte, als er unter ihr vorbeifuhr, und daß es dreiviertel neun geschlagen hatte, als er mit dem Essen fertig war. Also hatte er mit dem Motorrad wenigstens fünfzig Minuten für die Strecke Bern-Pfründisberg gebraucht. Zehn Minuten – Gespräch mit Wottli vor der Haustür. – Dreißig Minuten – z'Nacht essen. Fünfzehn Minuten – Brissago, Abendblatt. Er war also zwischen halb und dreiviertel acht angekommen…

»Hock ab, Ludwig«, sagte er. Und, zur Saaltochter gewandt, fügte er hinzu: »Huldi! Bring ihm en Becher Hells.«

Und erst nachdem das Knechtli sein Bier getrunken hatte, forderte Studer es auf, sich die Stirn abzuwischen.

»Bist gesprungen?«

»Jaja.« Ludwig nickte ein paarmal. Er habe gemeint, es pressiere. Studer hob seine mächtigen Schultern. Pressieren! Wenn jemand einen Raum betrat, der mit Blausäuregas gefüllt war, so brauchte sicher niemand zu pressieren, um ihn wieder herauszuholen. Drei Minuten genügten, nachher war jeder Rettungsversuch vergeblich.

»Erzähl jetzt, wie's zugegangen ist – deine Eile war unnötig.« Ludwig Farny war erstaunt; er riß die blauen Augen auf und starrte den breiten Mann an. Es war das erste Mal, daß er ihn Schriftdeutsch reden hörte. Und er probierte, dem Wachtmeister dies nachzumachen.

»Ich habe«, begann er, zögerte, verbesserte sich dann:

»Ich hörte«, sprach er, »großen Lärm. Und von diesem Lärm wachte ich auf. Es war dunkel im Zimmer. Wissen Sie, Herr Studer (der Wachtmeister senkte den Kopf, damit niemand ihn beim Lächeln ertappte. Zum Donner! ›Sie‹, sagte das Knechtlein, und aus der Schule erinnerte es sich wohl an die Mitvergangenheit), um halb sieben sperrte uns der Wott… der Herr Wottli ein. Ich begleitete die beiden zuerst, als sie das Gewächshaus räuchern wollten. Denn Sie hatten mir doch gesagt, ich müsse auf meinen Bruder aufpassen…«

Ludwig Farny schwieg kurze Zeit. Sein Atem ging noch immer schnell und seine Augen waren weit aufgerissen. Dann fuhr er fort:

»Viertel ab sechs war alles fertig, und der Lehrer drehte den Schlüssel im Schloß. Drinnen brannte noch die Lampe und ich blickte durch das Glas. Denn wißt Ihr, Herr Studer, im oberen Teil hat die Tür Scheiben und durch sie kann man gut das Innere des Treibhauses sehen… Orchideen auf einem Tablett links, in der Mitte hohe Palmen und kleiner Rittersporn – Delphinium chinense hat ihn der Lehrer genannt, er züchtete ihn für die Festtage. Auf dem Weg zum Schulgebäude hat der Herr Wottli uns noch ausgefragt, er wollte wissen, was Sie gefunden hätten im Schaft vom Ernst – aber mein Bruder hat nichts gesagt. Er schwieg immer, schaute hierhin und dorthin, so als ob er auf etwas warten täte. Ich fragte ihn, ob er jemanden suche – aber er schüttelte nur den Kopf. Dann standen wir im Zimmer und hörten, wie der Lehrer fortging – merkwürdig war nur eins, daß er nicht die Tür verschloß. Der Ernst stellte sich ans Fenster und blickte hinaus. Plötzlich sagte er, er wolle noch schnell etwas aus seinem Pult holen, er ging fort, ich wollte ihm folgen, aber er bat mich, ihn allein zu lassen. Eine halbe Stunde blieb er fort, kam dann mit leeren Händen wieder. Und kaum war er im Zimmer, machte der Lehrer Wottli die Türe auf und sagte: »Wenn Sie allein im Hause umhergehen, so muß ich Sie einschließen. Ich werde Ihre Abwesenheit natürlich melden.« Der Ernst zuckte mit den Achseln und dann hörten wir, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Der Ernst zog sich aus und legte sich ins Bett. Ich auch. Aber mein Bruder löschte dann das Licht – und ich schlief gleich ein.«

»Was?« fragte Studer erstaunt. »Du bist schon um sieben Uhr eingeschlafen?«

»Es war später, glaub' ich. Genau kann ich's nicht sagen. Denn – etwas hab ich vergessen: Der Lehrer kam noch einmal und brachte uns das Nachtessen: gebratenen Mais mit gedörrten Pflaumen als Kompott und Milchkaffee. Ja. Wir aßen und gingen erst nachher ins Bett…«

Warum… Warum nur blieben die beiden Direktoren im Nebenzimmer? Die Türe war noch immer geschlossen.

»Weiter!« knurrte Studer. »Und vergiß nicht immer die Hälfte!«

»Jaja… Plötzlich hab' ich Lärm gehört und bin aufgeschreckt. Ich sprang aus dem Bett und drehte das Licht an. Da sah ich, daß ich allein im Zimmer war – und das Fenster stand offen. Ich beugte mich über die Brüstung. An der unteren Angel vom grünen Laden war etwas Weißes. Der Ernst hatte zwei Leintücher zusammengeknüpft, die reichten bis zum Boden und an diesen war er zum Fenster hinausgeklettert. Da dacht' ich: Wenn er's hat können, kann ich's auch! Ich zog mich an und ließ mich hinunter. Dann rannte ich zum Gewächshaus hinunter, denn es fiel mir auf, daß es erleuchtet war. Und doch wußt' ich genau, daß der Lehrer das Licht gelöscht hatte, damals, als wir fortgegangen waren. Ich ging in den Vorraum – da brannte an der Decke eine Lampe und auch im Abteil, wo wir geräuchert hatten, brannte noch Licht. Dort drin lag der Ernst auf dem Boden, sein Kopf ruhte auf den verschränkten Armen und seine Beine waren ganz verdreht… Da bin ich hinausgestürzt, weiter gelaufen und weiter, um Euch zu holen, Herr Studer. Denn etwas ist mir aufgefallen: Ich wollte doch die Tür aufreißen, um dem Ernst zu helfen – aber sie war verschlossen – und der Schlüssel steckte innen. Das kann ich beschwören. Ich dachte, der Ernst habe Selbstmord begangen. Was glaubt Ihr? Hat er es getan? Er wußte doch genau, daß das Gewächshaus voll Blausäuregas war, er wußte doch, daß es lebensgefährlich war, einzutreten.«

Schweigen… Studer hockte rittlings auf dem Sessel und hatte das Kinn auf die Unterarme gestützt, die verschränkt auf der Lehne lagen.

»So…« Er hob den Kopf und nickte, nickte…

»So… ist das Ernstli also tot!« Und er fühlte sich mitschuldig am Tode des Burschen und erinnerte sich an dessen Gesicht: die Nase wuchs daraus hervor und war so lang, daß sie wie verzeichnet aussah. Hatte der Bursche den Tod gesucht, weil ein Fahnder seinen Schrank untersucht und darin einen blutbesudelten Schlafanzug entdeckt hatte?

»Ruf den Direktor, Ludwig!« sagte Studer müde. Er wies mit dem Daumen auf die Tür des Nebenzimmers. Schüchtern klopfte das Knechtlein an. »Herein!«

»Ihr sollet zum Herrn Studer kommen!« Ein Gemurmel war zu hören, das Zurückschieben eines Stuhles, Schritte alsdann und eine Stimme fragte:

»Was wollt ihr, Wachtmeister?«

»Ihr müßt mich zum Gewächshaus begleiten…«

»Ist etwas Ungrades passiert?«

»Ja… Der Äbi Ernst ist tot. Liegt im Gewächshaus. Habt Ihr eine dünne Zange?«

»Zange?« wiederholte Herr Sack-Amherd. »Ich glaub', es hat eine in der Werkzeugkiste im Gang vor den… vor den Abteilungen, die…«

»So kommt«, seufzte Studer und stand auf. Ihm war, als liege eine Zentnerlast auf seinen Schultern und doch fror ihn. Schauer – kalt wie Eiswasser – rieselten ihm über den Rücken. Aber er riß sich zusammen.

»Du begleitest uns, Ludwig!« befahl er und trat auf den Gang. Als er stehenblieb, um auf seine Begleiter zu warten, hörte er die Saaltochter drinnen sagen, Ludwig solle auf sich aufpassen… Damit ihm nichts geschehe! Aber das Knechtlein blieb stumm.

Am Fuße der Treppe machte Studer noch einmal halt.

»Wo ist der Hausvater?« fragte er.

»Er hat mir gute Nacht gewünscht und ist über die Laube heim. Denn, behauptete er, das Ganze interessiere ihn nicht. Er habe Wichtigeres zu tun. Daheim warte sein Freund Münch auf ihn und er habe noch eine Besprechung mit ihm vereinbart. Über das Testament von Farny…« Sack-Amherd seufzte, und dieser Seufzer klang nach Neid. Sicher mißgönnte der Direktor der Gartenbauschule seinem Freunde Hungerlott das Glück, durch eine Erbschaft reich zu werden. Studer dachte daran, ob er den Seufzer richtig verstanden habe und fragte deshalb im Gehen: »Wissen Sie etwas Näheres über dies Testament?« Sack-Amherd sog die Föhnluft ein, stieß den Atem rasselnd wieder aus und erzählte dann, der verstorbene Farny James habe nach dem Tode der Frau Hungerlott sein Testament geändert und den Hausvater zum Erben eingesetzt.

»Soo… soo…«, meinte der Wachtmeister gedehnt.

Da war das Gewächshaus. Drei Stufen führten in einen Gang, dessen linke Seite ein langer Tisch einnahm. Seine Platte bestand aus Zement und war in die Mauer eingelassen.

Drei Häuflein lagen darauf: Sand, Torfmull, feingesiebter Kompost. Und Studer begann zu spielen: seine Linke nahm Torfmull, seine Rechte Sand – dann spreizte er die Finger; langsam wurden die Hände leichter, es war ein merkwürdiges Gefühl, zu spüren, wie das Gewicht schwand. Wann würde die andere Last von seiner Seele fallen, die Schuld, die ihn quälte? War seine Abwesenheit, heute nachmittag, wirklich ein Fehler gewesen? Studer wandte dem Tische den Rücken und reinigte sich die Hände.

»Wo liegt er?« fragte er; denn zwei Türen sah er vor sich. Schweigend deutete Ludwig auf die eine; ihr oberer Teil war aus Glas, während der untere aus grüngestrichenem Blech bestand. Studer näherte sich, starrte dann lange durch die Scheiben, die leicht angelaufen waren, zog sein Taschentuch, um sie zu putzen – aber die winzigen Tropfen klebten innen. Darum sah auch der Körper, der auf dem Boden lag, so sonderbar verzerrt aus. Der Wachtmeister bückte sich und konnte den Griff des Schlüssels sehen, der innen aus dem Schloß ragte: er war schwarz angelaufen und mit roten Rostpünktchen übersät. Studer wandte sich um und fragte den Direktor:

»Man darf wohl nicht eintreten, weil es gefährlich ist, oder? Kann man den Raum lüften?«

– Doch, doch, man könne lüften, meinte Sack-Amherd und zeigte auf eine Kurbel. Mit dieser sei es möglich, die Oberfenster zu öffnen, die im Dach eingelassen seien. Ein Luftzug entstehe dann. Da aber der Direktor keine Lust zeigte, diese Arbeit zu verrichten, befahl der Wachtmeister dem Ludwig Farny, das Manöver auszuführen.

Die Kurbel kreischte, und dieses Kreischen war gespenstisch in der Stille.

»Jetzt müssen wir fünf Minuten warten«, sagte Herr Sack-Amherd…

Studer kehrte zum Zementtisch zurück und, wie ein kleiner Bub, der gerne sändelet, spielte er mit Kompost und Torfmull. Er glättete die Haufen, zeichnete Runen darein, Kreuze, Kreise, Zickzacklinien – bis von der Türe her eine Stimme rief:

»Wer hat die Fenster aufgemacht? Und meine Orchideen? Und meine Palmen?«

Studer blickte nicht von seiner kindlichen Beschäftigung auf. Ganz leise sagte er:

»Es liegt ein Toter im Raum, Herr Wottli.«

»Ein Toter? Was für ein Toter? Es hat doch niemand den Raum betreten können!… Ich trag' doch den Schlüssel in der Tasche!«

»So«, meinte der Wachtmeister müde, »den Schlüssel tragen Sie in der Tasche? Darf ich ihn sehen?«

»Hier!«

Der Schlüssel, den Studer in der Hand hielt, glich aufs Haar dem Schlüssel, der im Schlosse steckte: Auch er war schwarz und trug einige winzige Rostflecken…

»Märci!« sagte Studer breit und ließ den Schlüssel in seiner Hosentasche verschwinden. »Besitzen Sie auch einen Schlüssel, Herr Direktor?«

»Ich? Nein!«

»Woher kommen Sie, Herr Lehrer?«

»Interessiert Sie das, Herr Wachtmeister? Nun, ich habe zuerst den Vater des… des… Toten da drin in die Armenanstalt geführt. Wir haben aber beide nicht gewußt, daß Ernst Äbi tot war. Woher hätten wir das wissen sollen?« Studer senkte den Kopf, preßte sein Kinn auf die Brust und schielte von unten auf den Sprecher. Täuschte er sich? Ihm schien, als sei dieser Wottli etwas verschüchtert, mehr noch: ängstlich… Als wolle der Mann etwas verbergen…

»Und dann?«

»Dann kam ich zurück und trieb die Schüler, die vor dem Fenster der Beize standen, ins Hauptgebäude. Sie hatten da nichts zu suchen! Aber ich konnte ihrer nicht Herr werden. Keiner wollte ins Bett. Jetzt hocken sie alle unten im Klassenzimmer und diskutieren, diskutieren! Ich blieb eine Zeitlang bei ihnen, dann sah ich, als ich zum Fenster hinausschaute, daß im Gewächshause Licht brannte und kam her, um nachzusehen, was es da gebe. Denn ich erinnerte mich genau – ganz genau, daß ich das Licht ausgelöscht hatte. Jawohl!«

»Und keiner der Schüler hat Ihnen verraten, daß in dem Gewächshaus ein Toter lag? Das ist merkwürdig. Alle haben sie doch den Ludwig gehört, der mir die Neuigkeit zurief…«

Der Lehrer war nicht so leicht zu fangen. Ah, meinte er laut, jetzt verstehe er erst… Jetzt verstehe er, warum alle am Gewächshaus vorbeigehen wollten. »Ich aber wollte nicht, denn ich wußte, daß es gefährlich war, weil es mit Blausäuregas gefüllt war. Darum ging ich auf einem Wege…«

»Und von diesem Wege konnten Sie nicht sehen, daß das Glashaus erleuchtet war?«

»Es war doch neblig…«

»Nein!« Studer sprach barsch, wiederholte: »Nein! Der Wind hat den Nebel schon lang auseinandergeblasen.« Dann lächelte er, hob den Kopf, blickte den Lehrer lange an und meinte: »Sie müssen nachlesen, was der alte Groß über Zeugenaussagen sagt!«

Schweigen. Dann tönte es, als ob ein Zicklein zu meckern beginne… Direktor Sack-Amherd lachte; verschluckte sich und meinte dann: Die fünf Minuten seien schon lange vorbei.

Fünf Minuten sind sonst lang, wenn man warten muß. Aber diesmal waren sie schnell vergangen. Studer entdeckte zwar die Werkzeugkiste, doch fehlte die kleine Zange. Merkwürdig… ! Dann gelang es ihm, den Schlüssel aus dem Schloß zu stoßen; drinnen fiel er auf den Boden. Studer nahm Herrn Wottlis Schlüssel, sperrte auf und trat ein.

Ernst Äbi lag auf dem Boden und seine Schultern waren verkrampft. Der Wachtmeister ließ sich auf ein Knie nieder, drehte den Körper um, fuhr mit der Hand unter die Weste – das Herz schlug nicht mehr. Um ganz sicher zu gehen, hielt Studer noch einen runden Spiegel vor die Lippen des Liegenden – das Glas trübte sich nicht.

Nun erst begann er, die Taschen des Toten zu durchsuchen. In der Kitteltasche fand er eine Schleuder, wie sie Buben zum Schießen auf ›Vögel‹ benutzen. Der Wachtmeister nickte und ließ das Spielzeug in seiner Tasche verschwinden. In der Busentasche ein Portefeuille, abgegriffen, angefüllt mit Zeugnissen; auch dieses steckte Studer ein. In der rechten Hosentasche ein Portemonnaie… Inhalt: eine Zwanzigernote, ein Fünfliber, Münz. In der linken: eine Schachtel mit weißen Pillen. Studer stand auf. Er roch an den Pillen, nahm eine in die Hand, berührte sie mit der Zungenspitze… Sie schmeckte bitter. Er hielt dem Direktor die Schachtel hin: »Kennen Sie das?« fragte er. Herr Sack-Amherd schüttelte den Kopf. Da aber mischte sich der Lehrer Wottli ins Gespräch. – Der Herr Direktor werde sich wohl erinnern, es sei Uspulun, das neue Beizmittel für Cyklamensamen, das jene deutsche chemische Fabrik zu Versuchszwecken gesandt habe. Vor drei Wochen… Ernst Äbi habe den Auftrag erhalten, Versuche mit dem Mittel anzustellen: Welche Konzentration am günstigsten sei, wie lange die Samen in der Flüssigkeit liegen bleiben müßten.… Der… der Tote habe auch eine Tabelle ausgearbeitet; sicher werde sie in seinem Pulte zu finden sein…

– Und was, fragte Studer, enthalte nach Herrn Wottlis Ansicht das Mittel?

– »Arsen… Es ist eine organische Arsenverbindung…«

»So, so«, nickte Studer. »Arsen! Seid Ihr sicher?«

»Ganz sicher, Herr Wachtmeister…«

Wieder Stille. Das Summe einer Winterfliege war deutlich zu hören. Noch einmal ließ sich Studer aufs Knie nieder, legte Zeige- und Ringfinger auf die Lider des Toten und schloß dem Ernst die Augen.

Dann stand er auf, klopfte sich den Staub von der Hose – und da hörte er hinter sich eine Stimme:

»'s isch nid möglich! Myn Sohn! Myn Sohn!«

Studer wandte sich brüsk um, im Türrahmen stand sein Partner im Jaßspiel, rot leuchtete seine lange Nase…

– Was er hier zu suchen habe, schnauzte ihn der Wachtmeister an.

– Es sei sein Sohn! Es sei sein Sohn!… Der Mann hatte sein Nastuch gezogen, rieb sich die Augen, schneuzte sich…

– Er solle hier kein Theater aufführen, sagte Studer barsch, denn die Augen des Mannes waren trocken und auch das Schneuzen wirkte nicht überzeugend. – Wer ihn hier hereingelassen habe?

– Er sei der Gruppe gefolgt, sagte Vater Äbi mit weinerlicher Stimme, und er wisse nicht, wie er die Trauernachricht seiner Frau mitteilen solle…

– Wenn er sich nicht getraue, es zu tun (Studers Stimme war immer noch ungeduldig), so wolle er gern nach Bern telephonieren und einem Gefreiten der Stadtpolizei den Auftrag geben, in die Aarbergergasse zu gehen und die Mutter schonungsvoll vorzubereiten. Aber vielleicht wolle der Ludwig gehen? He? »Wann warst du zuletzt bei der Mutter?« Das Knechtlein schüttelte gequält den Kopf. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt.

»Zuerst der Onkel«, sagte es gequält, »dann der Bruder… Wann kommt die Mutter dran?«

»Red' nid so dumm«, brummte Vater Äbi und Studer drehte erstaunt den Kopf; wann hatte sich der Mann dorthin geschlichen? Vor kurzer Zeit war er im Vorraum gewesen, jetzt stand er zu Häupten des Toten.

»Was habt Ihr dort zu suchen?«

»Suchen? Nüt!« Wieder der giftige Blick; dann schlich Arnold Äbi auf die Stufen zu. Seine Schritte waren unhörbar, weil er auf Gummisohlen lief. Studer trat in den Raum, in dem der Tote lag – und da erlebte er eine Überraschung. Er wollte den Schlüssel aufheben, den er aus dem Schloß gestoßen hatte, bückte sich… Statt des schwarzen, mit Rostflecken übersäten, fand er auf dem Boden einen neuen, blitzblanken. Der Wachtmeister prüfte die Türe – an ihrer Außenseite steckte immer noch der alte Schlüssel, den ihm Wottli gegeben hatte…

Studer hielt den glänzenden Schlüssel in der Hand, ließ ihn im Lampenlicht funkeln, packte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ ihn tanzen. Warum war wohl der rostige Schlüssel durch diesen ersetzt worden? Warum? Leicht zu beantwortende Frage, wenn man annahm, daß es sich gar nicht um einen Selbstmord – sondern um einen Mord handelte. Wenn dem aber wirklich so war, so war es schwer, sich vorzustellen, wie er verübt worden war. Ernst Äbi mußte gezwungen worden sein, das Krankenzimmer zu verlassen; die zwei zusammengeknüpften Leintücher blieben hängen – also hatte der Ausbrecher gemeint, er brauche sie, um wieder in sein Zimmer zu gelangen… Und dann? Wen traf er? Sicher einen Menschen, dem er folgte; einen Mann, der Macht über den jungen Gärtner besaß. Und die Macht mußte groß sein – denn, falls man weiter annahm, der Schüler sei ins Gewächshaus geführt und in den mit Giftgas gefüllten Raum gestoßen worden, so hätte er leicht noch die oberen Scheiben an der Tür mit der Faust zerschlagen können. Eine einzige kurze Bewegung hätte ihn gerettet. Weshalb war er in dem lebensgefährlichen Raum verblieben? Weshalb hatte er sich einschließen lassen…?

Halt! Man besaß keinen einzigen Beweis, daß Ernst Äbi eingeschlossen worden war… Keinen Beweis? Einige Vermutungen immerhin. Aus welchem Grunde hatte jemand den rostigen Schlüssel mit einem neuen vertauscht?… Erste Vermutung. Die zweite: Arnold Äbi, der Vater des Burschen, besaß außerdem einen Schraubstock, der am Küchentisch befestigt war und Eisenspäne enthielt… Und noch eine dritte gab es. Studer grübelte, seine Stirne runzelte sich, plötzlich glättete sie sich wieder. »Aah!« sagte der Wachtmeister bloß. Er erinnerte sich, daß Frau Äbi sich über das Fehlen eines Medikamentes beklagt hatte; und offenbar handelte es sich um ein ›Betäubungsmittel‹.

Studer blickte den alten Äbi fest an, doch als er den Ausdruck sah, der dieses Gesicht beherrschte, wußte er, daß vorläufig alles vergebens war. Umsonst eine Durchsuchung der Kleidertaschen – der alte Schlüssel war wohl längst irgendwo versteckt worden. Es gab genug Verstecke rundum: große Blumentöpfe, ein Haufen Sand in einer Ecke, in der anderen Torfmull, der Mitteltisch des Gewächshauses bestand aus zwei Teilen und der eine war auf vier Seiten mit spannenbreiten Brettern eingehegt und hoch mit Erde bedeckt. Pflanzen wuchsen da, deren Namen der Wachtmeister nicht kannte; Sägspäne lagen herum. Unmöglich festzustellen, ob diese Sägspäne vor kurzem als Versteck gedient hatten. Im Zimmer des Süffels (innerlich vermochte der Wachtmeister nicht, den Mann anders zu nennen), war sicher ebenfalls nichts zu finden… Wahrscheinlich lag das ›Betäubungsmittel‹ irgendwo auf dem Mist – und Mist war nichts Rares, die drei Atmosphären besaßen ihn im Überfluß…

Trotz des Ausdruckes, der wie eine Maske auf des Alten Gesicht lag – der Mund, die Augen waren mit Hohn verschmiert –, wagte der Wachtmeister dennoch einen Versuch. Er sagte laut: »Ich möchte gern Ernst Äbis Pult durchsuchen…«

»Heut nacht noch?« fragte der Direktor und auch Paul Wottli protestierte. Ja, er widersprach so heftig, daß Studer aufmerksam wurde. Denn ganz deutlich hatte er feststellen können, daß die beiden Sprecher vor und während ihrer Antwort fast fragend auf den ehemaligen Maurermeister geblickt hatten. Arnold Äbis Gesicht veränderte sich ganz plötzlich: es verschwand der Hohn, die Lider senkten sich. Dann schüttelte der Mann den Kopf; seine Wangen waren bleich geworden. Hatte er Angst?

»Ich bestehe darauf«, sagte Studer. »Übrigens, Herr Lehrer, ich habe noch eine Frage zu stellen. Wie viele Gewächshausschlüssel gibt es?«

»Welchen Schlüssel meinen Sie? Den zur Haupttür? Von dem gibt es nur einen, diesen hier.« Wottli zog seinen Bund aus der Hosentasche, hielt einen mittelgroßen Schlüssel in die Höhe. Studer schüttelte den Kopf. »Ich meine den Schlüssel zu dieser Tür!« Und er wies mit der Hand auf sie.

»Zwei«, sagte der Lehrer leise. Warum schielte er immer auf den alten Äbi? »Einen besitzt der Herr Direktor, den andern ich.«

»Wo ist der Ihre, Herr Direktor?«

»In meinem Bureau, in irgendeiner Schublade des Schreibtisches.«

»Und wem gehört dieser hier?«

Die zwei sprachen zu gleicher Zeit, drängten sich dabei vor – und Arnold Äbi verbarg sich hinter ihnen. Was tat der alte Süffel dort? Warum versteckte er sich? Studer sah gerade noch, daß der Mann Handschuhe trug.

»Das könnte meiner sein…« »Das ist der vom Herrn Direktor.« Zweistimmig ist nur schön, wenn es sich um die Melodie eines Liedes handelt, Worte hingegen, zweistimmig gesprochen, schmerzen in den Ohren.

»Bitte!« Studer hob die Hände. »Einer nach dem andern. Sie sind also sicher, daß der Schlüssel Ihnen gehört, Herr Direktor? Ganz sicher? Wann haben Sie ihn zum letzten Male gebraucht?«

»Das weiß ich nicht. Vor ein paar Tagen – vielleicht vor einer Woche… Ah, jetzt fällt mir's ein. Vor genau einer Woche, letzten Donnerstag, habe ich ihn dem Ernst Äbi gegeben. Er hat mir ihn erst am Sonntag zurückgegeben und behauptet, seine Vergeßlichkeit sei an dieser Verspätung schuld.«

»Und der Ihre, Herr Lehrer?«

»Der war immer in meiner Tasche.«

»Warum nicht an Ihrem Schlüsselbund?«

»Weil ich ihn hin und wieder auch den Schülern geben muß. Den von der Außentür braucht niemand, denn die bleibt immer offen, ausgenommen wenn Ferien sind.«

»Ludwig«, rief Studer. Das Knechtlein hatte sich in einer dunklen Ecke verborgen. Nun kam es näher. »Erinnerst du dich noch, was für einen Schlüssel du innen im Schloß gesehen hast?«

Schweigen. Ludwigs Augen wanderten von einem zum andern, Arnold Äbis Kopf erschien über der Schulter des Direktors, die Lider waren hochgeklappt… So starrte der Mann auf den Burschen.

» Ich… i-i-ich weiß nicht… Er… er… schien mir alt… und rostig.«

»Älter als der da?«

»Der ist ja ganz neu!«

»Schweig!« – »Halt's Maul!« – »Lügner!« – »Natürlich! So einer aus einer Korrektionsanstalt!«

»Ruhig!« brüllte Studer. Dann meinte er boshaft lächelnd: »Merkwürdig, was doch ein einfacher Schlüssel für Aufregung hervorrufen kann…«

Arnold Äbis Gesichtshaut war während des Schimpfens knallrot geworden – nach Studers Worten wurde sie bleich. Gerade dies konnte der Wachtmeister noch feststellen, dann versteckte sich der Kopf wieder hinter dem Rücken des Direktors. Auch die beiden anderen schienen zu merken, daß sie einen Fehler begangen hatten und nun stieg auch die Angst ihnen zu Kopf und veränderte ihre Züge.

»Das ist nicht mehr auszuhalten, Wachtmeister; Ihr macht uns ganz nervös! Glaubt ihr, das sei angenehm für uns? Zuerst verdächtigt Ihr einen unserer Schüler, untersucht seinen Schaft, findet darin blutgetränkte Wäsche, so daß es klar scheint, daß der Bursche an einem Morde wenigstens mitbeteiligt ist, wenn er nicht selbst der Täter ist… Ihr reget den Ernst Äbi dermaßen auf, daß mein Schüler am Abend Selbstmord begeht – und was wollt Ihr wieder aus dieser Sache machen? Schon den ersten Fall habt Ihr, trotz der gegenteiligen Meinung unseres Arztes, als Mord hingestellt – ääh einen Mord daraus gemacht, will ich sagen. Und nun soll mein Schüler auch ermordet sein? Von wem? Ich habe selbst den Schlüssel gesehen, der innen im Schloß steckte. Es ist doch unmöglich, daß irgend jemand von außen die Türe absperrt, wenn der Schlüssel innen – ich wiederhole: innen! – im Schlosse steckt? Oder?«

»Warum fehlt dann die Hohlzange?« fragte Studer, so leise, daß der Direktor sich vorbeugte und seine rechte Hand hinter die Ohrmuschel hielt. Der Wachtmeister wiederholte seine Frage ein wenig lauter.

»Hohlzange? Wir haben doch keine Hohlzange! Und übrigens: Ihr könnt nicht beweisen, Herr Studer, daß irgendein anderer Schlüssel verwendet worden ist – oder wollt Ihr vielleicht behaupten, der Schlüssel, der am Boden lag, sei von irgend jemandem ausgewechselt worden? Gegen diese Behauptung kann ich Ihnen nur einwenden, daß nach meiner Ansicht die Sache klar liegt; Ernst Äbi hat mir den Schlüssel zurückgegeben und gesehen, wo ich ihn versorgt habe – was liegt näher, als daß der Bursche ihn heut abend aus meinem Schreibtisch geholt hat – um Selbstmord zu begehen?«

Die Worte des Direktors waren kaum verklungen, da sah der Wachtmeister den Trinker wieder auftauchen. Direkt unter die Lampe stellte sich der Mann, verschränkte die Arme über der Brust und starrte Studer mit weitgeöffneten Augen an.

Den Wachtmeister ergriffen Zweifel. Merkwürdig: Vater Äbi war anständig gekleidet; man sah, daß seine Frau auf Ordnung hielt… Der Anzug war zwar abgetragen, doch der Kragen des Kittels war nicht speckig, sondern ausgebürstet und das hellblaue Hemd sauber. Und doch… und doch… Der Mann hatte jetzt einen Ausdruck im Gesicht… Nicht höhnisch war er mehr, dennoch erinnerte er an Armenanstalt.

Aber – jemand kann unsympathisch aussehen; dies ist jedoch noch kein Beweis, daß er seinen Sohn ermordet hat. Denn wollte man diesen Verdacht beweisen, müßte man annehmen, daß der Schlüssel vertauscht worden war. Von wem? Es brauchte nicht der Arnold Äbi zu sein… Es konnte gerade so gut Direktor Sack-Amherd, Lehrer Wottli, ja selbst das Knechtlein Ludwig sein. Diese drei waren während der ganzen Zeit anwesend gewesen und zwei von diesen dreien hatten energisch gegen die Möglichkeit eines Umtausches protestiert… Man mußte ein Motiv finden, das einen der Anwesenden zu einem Mord gezwungen hatte. Gab es ein solches?

B'hüetis! Es war nicht das erste Mal, daß Studer von einem Vater hörte, der seinen Sohn umgebracht hatte… Der Grund? Ernst Äbi war sicher im Testament des ›Chinesen‹ bedacht worden. Fiel er aus, so profitierten die anderen Erben davon. Die anderen? Nicht nur der Trinker war durch seine Frau an dieser Erbschaft beteiligt, sondern auch der Hausvater Hungerlott – durch seine verstorbene Frau. Ludwig mußte ebenfalls mitgezählt werden. Und endlich der Lehrer Wottli.

Der Wachtmeister wurde müde. Er stellte fest, daß es schon viertel nach elf war. Am liebsten hätte er, ohne viele Höflichkeitsformeln, alle die im Gewächshaus umherstanden, verhaftet – oder zum Teufel gejagt. Aber das ließ sich nicht machen. Darum verlangte er von Sack-Amherd, schnell noch ins Schulhaus geführt zu werden. Zwei Sachen wolle er sehen, erklärte er: Die Schublade, in welcher der andere Schlüssel versorgt worden war und das Pult des Toten. Paul Wottli wurde gebeten, den Vater des Ernst ins Armenhaus zu begleiten und dann heimzugehen.

»Ludwig«, sagte er schließlich zum Knechtlein, »Ludwig, du bleibst hier! Du bewachst mir das Gewächshaus, bis ich wieder zurückkomme und dich abhole. Verstanden? Von Euch, Herr Wottli, verlange ich noch den Schlüssel zur Außentür. Nehmen Sie ihn von Ihrem Bund!… Määrci. Und jetzt kommen Sie, Herr Sack-Amherd…«


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