Glauser, Friedrich
Der Chinese
Glauser, Friedrich

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Das Gewitter

Stille… Nun kauerten die Wolken nicht mehr am Horizont. Sie waren höher gestiegen und bedeckten den Himmel. Ein Blitz zerschnitt die Nacht, der Schlag, der folgte, war heftig und ging dann über in ein Poltern und Grollen, das sich hinter den Hügeln verlor. Aber offenbar hatte es Kurzschluß in der Leitung gegeben. Die Lampe im Zimmer des ›Chinesen‹ erlosch, doch auch gegen derartige Störungen war Herr Farny gewappnet, denn es vergingen kaum fünf Sekunden, bis der Lichtkegel einer Taschenlampe die Laube bestrich. Und Studer stellte fest, daß der fremde Gast die Lampe mit der linken Hand hielt, während seine Rechte den Kolben eines Miniaturmaschinengewehres umspannte. Noch ein Blitz – und dann, wie Beilschläge auf einen Buchenklotz, fielen die Tropfen auf die Blätter des Ahorns – zu zählen waren sie: fünf, sechs, sieben – wieder Stille – und endlich rauschte der Regen, auf stieg zur Laube der Geruch nassen Staubes und feuchten Holzes; dann dufteten Blumen.

Das Licht flammte auf; der ›Chinese‹ versorgte seine Waffe in der Schublade des Tisches, spülte das Glas, das auf seinem Waschtisch stand und füllte es mit einer gelben, scharfriechenden Flüssigkeit. Auf der Etikette der Flasche hatte sich ein weißes Pferd abgebildet. »Trinken Sie«, sagte der ›Chinese‹. »Guter Whisky! Sie können Vertrauen zu ihm haben.« Studer leerte das Glas zur Hälfte, dann mußte er husten, was den ›Chinesen‹ zum Lachen brachte. »Stark? Nicht wahr? Ungewohnt? Aber doch besser als… wie sagen Sie… Bätziwasser?« Er nahm Studer das halbvolle Glas aus der Hand, trank es aus und meinte dann: »Jetzt, wir haben getrunken Bruderschaft. ›Bruder-Studer‹ klingt ganz gut, nicht wahr? Du wirst mich rächen, wenn ich einem Mörder zum Opfer falle.«

Der Berner Wachtmeister dachte, daß dieser Herr Farny ein wenig lätz gewickelt sei. Der Kinderreim: ›Bruder-Studer‹ ging ihm auf die Nerven. Außerdem war es unmöglich, sich von einem Unbekannten duzen zu lassen. Wie würde er dastehen, er, der Wachtmeister Studer von der kantonalen Fahndungspolizei, wenn sich dieser Farny James als ein Hochstapler entpuppte? Dann mußte er ihn verhaften, natürlich, und der ›Chinese‹ würde nichts Eiligeres zu tun haben, als dem Untersuchungsrichter mitzuteilen, er stünde mit dem Polizisten, der ihn geschnappt habe, auf Du und Du. Als darum der Fremde das Wasserglas von neuem mit Whisky füllte und es dem Wachtmeister zum Trunke anbot, dankte Studer für die Ehre. Der ›Chinese‹ jedoch ließ sich durch diese Widerborstigkeit nicht stören, sondern meinte trocken:

»Du willst nicht trinken? Bruder-Studer? Dann trinke ich allein.« Und er leerte das Glas. »Aber«, fuhr der ›Chinese‹ fort, »ich will dich doch mit all jenen Menschen bekannt machen, die als meine Mörder in Frage kommen.«

Einen Augenblick dachte Studer daran, an die Waldau zu telephonieren, denn dieser Herr Farny litt offenbar an Verfolgungswahn. Dann ließ er das Projekt jedoch fallen und erklärte sich bereit, dem ›Chinesen‹ zu folgen. Dieser nahm nicht den natürlichen Weg durch die Zimmertür, sondern turnte durch das Fenster auf die Laube hinaus, packte den Wachtmeister beim Arm und zog ihn mit sich. Und Studer stellte erstaunt fest, daß sein Begleiter aufgeregt war; sehr deutlich fühlte er, daß die Finger seines Begleiters zitterten; sie trommelten leise auf dem Leder seiner Joppe.


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