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22. Der Angriff

Ein merkwürdiger Zug hatte noch nie einen so ernsten Marsch unternommen. Obwohl die Leute ganz genau wußten, welcher Gefahr sie entgegengingen, waren sie förmlich ausgelassen. Sie waren auch nicht besonders stark bewaffnet. Nur zwei Drittel hatten die langen Gewehre, die anderen Revolver. Aber fast alle trugen die langen, schweren Jagd- und Bowiemesser, die bei einem Kampf Mann gegen Mann die furchtbarste Waffe waren. So zog der kleine Trupp im Sturmmarsch schreiend und jubelnd die Straße hinauf, mit ihrer wehenden, für sie heiligen Flagge voran. Dann bog man rechts durch die Zelte ab, quer durch die Flat gerade auf das Lager der Mexikaner zu.

Was gab ihnen die Zuversicht und diesen fröhlichen Mut? Was ließ ihre Herzen zwar rascher, aber nicht zaghafter schlagen, als sich jetzt vor ihnen der weite Schwarm der Mexikaner ausbreitete und die Indianer näher von den Bergen in die Flat herunterrückten, während die in der Stadt zurückgebliebenen Fremden erstaunt dem kleinen, kecken Haufen nachsahen? Es war das Gefühl, das die Flagge vermittelte, das Bewußtsein, einer Nation anzugehören, einer Nation, die ihren Tod rächen würde, wenn sie jetzt unterliegen sollten. Dann würde diese Flagge noch fester als je zuvor in den Boden gerammt werden.

Unter dem blauen Himmel flattert das Sternenbanner. Die grellen Töne der Pfeife spielen das Nationallied, das sein Volk schon zu hundert Schlachten geführt hat. Übermütig springen und laufen die Männer über den rauhen Boden, überfliegen die gegrabenen Löcher, klettern über die Erdhaufen, nur vorwärts, vorwärts, ihrem Ziel entgegen.

Die Mexikaner sahen erstaunt auf, als sie den Lärm näher und näher kommen hörten. Zuerst hatten sie geglaubt, die Franzosen kämen von dort, um sich ihnen anzuschließen.

Das Sternenbanner und die grellen Töne des zu gut bekannten Schlachtliedes belehrten sie aber bald eines Besseren. Einige warfen sich auf ihre Pferde und flogen im Galopp auf die Berge zu, wo die Indianer hielten. Die Masse ordnete sich in breiter Reihe und besetzte die freie Stelle, die gleich hinter dem aufgewühlten Boden der Flat begann. Noch unschlüssig drängten sich die Anführer dazwischen, um ihre Leute zu ermutigen und sie aufzufordern, ihren Platz zu halten. Was konnte diese Handvoll Amerikaner gegen sie ausrichten! Aber näher und näher schallten die schrillen Töne des Yankeedoodle. Schon konnten sie die wilden, bärtigen, sonnengebräunten Gesichter erkennen, die trotzigen Augen sie anblitzen sehen. Gerade auf die mexikanische Flagge hielt der Zug. Je näher er kam, desto mehr verdoppelte er seine Eile. Dem kleinen Burschen, der die Pfeife blies, war schon fast der Atem ausgegangen. Aber trotzdem hielt er die Melodie durch und wich nicht von Hetsons Seite. Der übersprang jetzt mit der Fahne in der linken, einem gespannten Revolver in der rechten Hand das letzte Hindernis, das ihn noch von den Gegnern trennte.

»Guarda!« schallte es ihnen hier aus hundert Kehlen gleichzeitig entgegen.

»Paßt selbst auf!« schrie sie aber Hetson donnernd in ihrer Sprache an. »Wer eine Waffe hebt, ist des Todes! Sein Fleisch soll an die Kojoten verfüttert werden! Nieder mit der Flagge, ihr Hunde! Ihr habt es gewagt, den Boden hier mit diesen Lügenfarben zu schänden!«

Mehrere Mexikaner liefen mit gezogenen Säbeln herbei, um die Fahne zu verteidigen. Aber Hetson stand schon mit gehobenem Revolver vor der Stange. Er drückte die eigene Fahne dem kleinen Matrosen Jim in die Hand, der sie jubelnd emporhob. Dann griff er den Schaft der feindlichen Fahne mit der linken Hand und riß sie aus der Erde.

»Schlagt ihn zu Boden!« brüllten die Mexikaner um ihn, aber der gespannte Revolver mit seinem sechsfachen Tod hielt doch die nächsten zurück, und die anderen drängten vergeblich von hinten. Im nächsten Moment hob sich der Schaft aus der Erde. Einen Augenblick wehte die mexikanische sogar noch über der amerikanischen Flagge. Aber dann wurde sie gefaßt und unter dem Jubelgeschrei der Amerikaner unter die Füße getreten.

Noch war kein Schuß gefallen, aber jeder fühlte, daß der nächste Moment der entscheidende sein mußte. So wenig Amerikaner es auch waren, bildeten sie doch eine kompakte Masse, die mit Revolvern und Gewehren fest im Anschlag lag. Die Mexikaner wußten, daß der Tod in den Rohren lauerte, und die Nähe, in der sich die Feinde gegenüberstanden, machte die Gefahr noch furchtbarer. Da, als Hetson die eigene Flagge wieder ergriffen hatte und selbst den tollkühnen Hinterwäldlern das Herz in der Brust lauter klopfte, stimmte auf einmal der kecke Jim mitten zwischen den Mexikanern wieder den Yankee-Doodle an. Das Lied wirkte wie ein Zauber auf beiden Seiten.

Die Amerikaner brachen in ein wildes »Hurra!« aus, während die Mexikaner scheu ihre Waffen senkten und ihre Feinde nur noch trotzig anstarrten.

»Jetzt ist es Zeit!« flüsterte Hale Hetson leise zu. »Einen besseren Augenblick für unseren Rückzug finden wir nicht, und die Fahne ist in unserer Gewalt!«

»Noch nicht, Sheriff«, sagte Hetson mit fester Stimme. Ein wildes Feuer blitzte in seinen Augen. »Diese Burschen haben noch ihre Waffen, und bei Gott! Ich verlasse den Platz nicht, bis sie abgelegt sind!«

»Passen Sie auf!« warnte Hale. »Die Indianer da drüben sind schon auf kaum fünfhundert Schritt Entfernung herangekommen. Wenn wir in die Löcher abgedrängt werden, sind wir verloren!«

»Dann müssen wir eben vorwärts!« lachte der junge Mann trotzig. Wieder in der spanischen Sprache wandte er sich an die Gegner und rief ihnen mit donnernder Stimme entgegen:

»Ihr habt gegen die Autorität unseres Landes die Fahne und eure Waffen erhoben und habt euch strafbar gemacht. Wir könnten euch hier totschießen wie Hunde oder in die Berge jagen. Aber unsere Regierung erlaubt den Fremden, die hier friedlich ihrer Arbeit nachgehen, den Aufenthalt. Nur Bewaffnete sind Feinde und werden bestraft. Also weg mit den Waffen, die ihr mißbraucht habt. Wer sich widersetzt, wird von mir erschossen!«

»Verdammt!« brummte Briars leise seinem Nachbarn zu. »Das nenne ich hoch gepokert!«

Die Mexikaner schwiegen, waren stumm vor dieser Kühnheit. Hetson stieß die amerikanische Flagge in das Loch, in dem noch vor wenigen Minuten die mexikanische geweht hatte. Dann ging er mit erhobenem Revolver auf den nächsten zu, einen riesigen, fast braunen Burschen. Er hielt ihm die Waffe vor die Stirn und griff nach dem Säbel, den der fest in der Faust hielt.

»Sie haben kein Recht, unsere Waffen zu verlangen!« zischte der Mann. Der Blick, den er dem Amerikaner zuwarf, sprühte Gift.

»Es zuckt mir schon im Finger, Mann!« schrie Hetson. »Ich zähle bis drei, und wenn du dann nicht losläßt, bist du eine Leiche. Eins – zwei–« Er fühlte, wie sich der Griff des Mannes lockerte und entriß ihm den Säbel. Neben der Flagge warf er ihn nieder. Schon hatte er den zweiten gefaßt, und Hale, selbst zu jeder Tat bereit, war an seiner Seite, um ihn zu unterstützen.

Die Mexikaner wichen jetzt unschlüssig einige Schritte zurück, aber die Amerikaner ließen ihnen keine Zeit, sich zu besinnen. Die Männer mit Gewehren blieben weiter im Anschlag, während die anderen mit vorgehaltenen Pistolen an Waffen wegnahmen, was sie erreichen konnten. Nicht ein Schuß fiel. Die feigen Burschen hatten nicht den Mut, sich dem kleinen Trupp entschlossener Männer zu widersetzen. Von den entfernter stehenden Mexikanern schlichen sich schon einige weg, gingen zu ihren Tieren, sprangen in die Sättel und galoppierten den Bergen zu. Soviel sie erreichen konnten, nahmen die Amerikaner Säbel, Pistolen und Flinten an sich. Drohend flatterte darüber das Sternenbanner, höhnisch schrillten die Töne der unharmonischen Nationalhymne. So zeigte man den näher gekommenen Indianern deutlich genug, wer hier gesiegt, wer das Feld behauptet hatte.

Für die kleine Gruppe der Amerikaner war aber nur der Beginn des Unternehmens, den Gegnern die Waffen abzufordern, gefährlich gewesen. Ein Ausbruch, und sie hätten rettungslos der Übermacht unterliegen müssen, auch wenn sie viele erschossen hätten. Aber diesen Punkt überwunden, und die Anführer der Gruppe mehr durch ihren Mut als durch wirkliche Gewalt eingeschüchtert, und schon dachten auch die anderen nicht mehr an Widerstand. Alle, die sich noch zurückziehen konnten, wichen den Gegnern aus. Hetson war zu klug, um seinen dadurch gewonnenen Vorteil wieder aufs Spiel zu setzen. Er behielt seine Leute zusammen. Was sich zurückzog, blieb unbelästigt. Selbst als sich einige wieder an einem Hügelhang sammelten, nahm er davon keine Notiz. Mit der Waffenabnahme waren sie gedemütigt worden, auch wenn sich nur ein Teil gefügt hatte. Hetson wußte, daß er von ihnen nichts mehr zu befürchten hatte. Leute, die sich unter für sie so günstigen Verhältnissen die Flagge nehmen und vor ihren Augen in den Staub treten ließen, würden nie selbst einen Angriff wagen. Aber eine schlimmere Demütigung war für sie noch aufgespart worden.

»Das ist schon recht«, sagte Hale, der vergnügt die aufgeschichteten Waffen betrachtete. »Wenn wir nur schon mit der Bagage im Lager wären! Werfen wir aber die ganze Bescherung hier in eine der Gruben und schütten sie zu, dann graben sie die Mexikaner in der Nacht wieder aus. Schleppen ist auch unbequem, besonders über den aufgerissenen Boden.«

»Schade, daß wir kein Maultier haben, Hale«, sagte Hetson.

»Wißt ihr was, ich laufe schnell ins Lager und hole mein Pferd«, rief der alte Nolten. »Wenn ich auch den Umweg oben herum nehmen muß, werden mich die Indianer schon ungeschoren lassen. Wenn sie es nicht tun, haben sie selbst schuld.«

»Denen wollen wir noch selbst einen Besuch abstatten, Mr. Nolten«, sagte Hetson lächelnd. »Wenn Sie mich alle begleiten wollen.«

»Begleiten?« rief Nolten und ergriff die Hand des jungen Mannes. Er drückte sie wie in einem Schraubstock zusammen. »Squire, mit Ihnen gehe ich in die Hölle. Sie haben meinem alten Herzen heute eine große Freude bereitet. Wir Amerikaner dürfen stolz auf Sie sein, und ich werde Ihnen das nie im Leben vergessen.«

»Ich habe nicht mehr getan als alle anderen auch«, erwiderte Hetson. »Daß keiner von uns das Maß überschritten hat und keiner schoß, obwohl wir die Büchsen im Anschlag hatten, sicherte uns mehr den Sieg, als wenn wir uns wild in einen verzweifelten Kampf gestürzt hätten. Und doch gehörte mehr Mut dazu, sich hier zurückzuhalten als anzugreifen!«

»Ich weiß nicht«, lachte Nolten. »Wir standen an einer heiklen Stelle. Einmal die Büchsen abgeschossen, wäre es doch sehr fraglich, ob uns die Señores Zeit zum Laden gelassen hätten. Mit der Aussicht ist es keine große Kunst, seinen Schuß zurückzuhalten. So eine Kugel ist verdammt schnell aus dem Lauf, aber nur sehr langsam wieder hinuntergeschoben. Wo will denn der Junge hin?«

Die Frage galt dem kleinen Jim, der sein Instrument in die Tasche geschoben hatte und blitzschnell zu den Mexikanern lief.

»He, Jim«, riefen ihm ein paar Leute nach. »Sei kein Narr und bleib hier!« Der kleine Bursche hörte aber nicht und lief einfach auf ein paar angebundene Maultiere zu. Ohne weiteres machte er eins von seinem Lasso los. Der Eigentümer stand nicht weit entfernt und wollte Einspruch erheben. Aber Jim, der ein paar Worte Spanisch sprach, machte ihm mit lebhaften Gesten klar, daß er das Tier nur ausborgen und zurückbringen wollte. Er ließ sich aber auch nicht zurückhalten. Da Boyles und zwei andere Amerikaner in Sorge um den Jungen näher kamen, fügte sich der Mexikaner. Wenige Minuten später war Jim auch mit dem erbeuteten Maultier bei der Flagge angelangt. Hier begann er, die Waffen zusammenzulegen und ein festes Bündel zu schnüren. Lachend sahen ihm Hetson, Hale und Nolten zu, während andere ihn dabei unterstützten. Bald war der ganze Vorrat auf dem Packsattel des Maultiers so befestigt, daß er transportiert werden konnte. Nur die wenigen geladenen Gewehre hatte man unten gelassen. Eventuelle Selbstentladungen wurden so vermieden und gleichzeitig die Amerikaner ohne Gewehr damit bewaffnet.

»Wohin jetzt?« sagte Hale. »Durch die aufgerissene Flat können wir mit dem bepackten Maultier nicht durch. Unten herum ist es ein weiter Weg und sieht beinahe aus wie ein Rückzug.«

»Der liegt nicht in unserem Plan«, erwiderte Hetson. »Gentlemen, wir haben unsere Arbeit noch nicht beendet. Es bleibt uns noch übrig, die Probe zu machen, wie sie wirken soll. Wir müssen den Indianern da drüben zeigen, was sie von ihren Bundesgenossen, den Mexikanern, zu erwarten haben. Also her mit der Flagge!«

»Was wollen Sie tun, Hetson?«

»Sie verkehrt unter unserer befestigen und damit gegen die Indianer marschieren. Gehen Sie mit?«

»Hurra für Hetson!« schrien die Leute jubelnd auf. Im Nu war die entehrte Flagge von ihrem Stock gerissen und unter die amerikanische gebunden.

»Und jetzt wieder die Musik voran«, lächelte der Alkalde. »Ordnet euch wieder zu einem Zug, aber keinen Schuß gegen die Indianer. Sie werden uns auch nicht belästigen. Sind sie wirklich wahnsinnig genug, uns anzugreifen, ist noch immer Zeit genug, sie zurückzuweisen. Ich will kein indianisches Blut vergossen haben.«

Rasch ordnete sich der Zug, vor dem Jim ganz ausgelassen sprang. Die weggeworfenen Instrumente wurden wiedergeholt. Als sich die amerikanische Flagge wieder hob, fiel der allgemeine Lärm wieder in die Melodie der Flöte ein. Die Indianer hatten sich in einzelnen Gruppen, wahrscheinlich den zusammengehörigen Stämmen, mehr in die Flat hinabgezogen, als die Amerikaner gegen die Mexikaner vorrückten. Es gab keinen Zweifel, daß sie bei einem ausbrechenden Kampf teilgenommen hätten. Da sich die Mexikaner aber so untätig verhielten und ihre Flagge verschwand, ohne daß ein Schuß fiel und sich sogar ein Teil von ihnen zurückzog, wußten sie nicht, ob sie sie noch unterstützen sollten. Erstaunt waren sie, als sich die verhaßten Fremden wieder sammelten und auf sie zumarschierten.

Zuerst waren sie unschlüssig, ob sie bleiben oder fliehen sollten. Die kleine Gruppe mit dem wilden, jubelnden Lärm kam aber näher und näher, gerade auf sie zu. Langsam, noch immer zögernd, wichen sie zurück. Möglich, daß sie den Befehl von ihrem Häuptling erhielten, aber mehr und mehr zogen sie sich vor der Schar zu den Hügeln zurück. Erst da hielten sie hinter Büschen und Bäumen und schienen abwarten zu wollen, ob man sie angreifen wollte oder nicht. Eine offene Feindseligkeit gegen sie war aber nicht Hetsons Absicht. Der junge Mann wußte genau, wie sehr diese braunen Söhne der Wildnis von seinen Landsleuten gereizt und unterdrückt wurden. Er konnte ihren Haß gegen sie wohl verstehen. Aber er wollte ihnen zeigen, daß die Amerikaner gegen jeden Angriff gerüstet waren und daß sie bereit wären, jeden Eingriff in ihre nun einmal eroberten und gehaltenen Rechte zu bestrafen. Und das erreichte er mit diesem Zug vollkommen. Die Mexikaner wagten nicht, ihnen zu folgen, die Indianer zogen sich in die Berge zurück. Um die Flat und bis auf Pfeilschußnähe zogen Hetsons Männer, bis sie den breiten, wieder zum Paradies einbiegenden Weg erreichten und jetzt lustig in die kleine Zeltstadt hineinmarschierten.

Inzwischen hatten sich fast alle fremden Goldwäscher, die in unmittelbarer Nähe der Zelte arbeiteten und Zeugen des Angriffs wurden, in die Stadt zurückgezogen, um die Amerikaner zu sehen. Besonders die Franzosen waren zahlreich vertreten. Wenn sie sich auch über die Feigheit der Mexikaner ärgerten, konnten sie doch dem kleinen Haufen der Amerikaner ihre Bewunderung nicht versagen. Sie konnten am besten den Wert eines solchen kühnen Angriffs würdigen. Mit lautem Hurraruf kamen jetzt auch die amerikanischen Händler angelaufen, die sich ruhig in ihren Zelten aufgehalten hatten. Fast unwillkürlich stimmten selbst die Fremden mit in den Ruf ein, als die amerikanische Flagge wieder an der alten Stelle emporstieg. Die mexikanische Flagge befand sich noch immer verkehrt darunter. Im selben Augenblick trat Jenny aus ihrem Zelt. Als sie ihren Mann gesund und unverletzt von dem gefährlichen Zug zurückkehren sah, flog ein liebes Lächeln über ihr Gesicht.

»Gott sei Dank, daß du da bist«, flüsterte sie nur leise und streckte ihm die Hand entgegen. Sie konnte nicht mehr sprechen.

»Du hast doch meinetwegen keine Angst gehabt?« erkundigte er sich lächelnd. »Es gab keine Gefahr, kein Schuß ist gefallen, kein Schlag geführt worden.«

Jenny erwiderte nichts und sah ihn nur fragend an. Der alte Nolten, der neben ihm stand, rief:

»Glauben Sie es Madame, ein Schuß ist wirklich nicht gefallen und niemand verwundet worden, aber einen frecheren Zug hat noch niemand unternommen. Niemand hat mehr Mut dabei gezeigt, als Mr. Hetson heute morgen in der Flat!«

»Aber Mr. Nolten...«

»Papperlapapp, junger Freund«, fuhr aber der Alte fort. »Ich bin auch nicht von gestern und habe meine Nase schon in manche kitzlige Sache gesteckt. Ich weiß deshalb auch ungefähr, was ein einzelner Mann leisten kann. Und das, Hetson, haben Sie heute morgen reichlich getan! Sie haben sich tapfer wie ein echter Amerikaner benommen, und ich sehe nicht ein, weshalb Sie das vor Ihrer Frau verheimlichen wollen!«

Hetson errötete bei diesem verdienten Lob. Lächelnd nahm er die Hand seiner Frau und sagte:

»Er will, daß ich eitel werde, Jenny. Glaub ihm nicht die Hälfte von dem, was er da sagt. Wir sind nur den Mexikanern zu Leibe gerückt und haben ihnen die Fahne abgenommen, das war alles.«

Die Augen der Frau leuchteten, als sie ihren Mann ansah. Mit fester, aber herzlicher Stimme sagte sie:

»Du hast dich bestimmt schon meinetwegen in keine unnötige Gefahr gestürzt, Frank. Aber daß du so konsequent gehandelt hast, freut mich sehr. Vielleicht kannst du nun auch mir bald eine halbe Stunde Gehör schenken. Ich muß dir manches sagen, was ich nicht länger aufschieben möchte.«

»Jetzt noch nicht, meine Liebe«, bat sie aber Hetson. »Du siehst, wie ich jetzt in Anspruch genommen bin. Sobald ich kann, komme ich zu dir. Verlaß aber bitte nicht das Zelt, denn die Indianer schwärmen noch auf den Bergen herum. Sie werden heute nicht gerade bester Laune sein. Ha, Siftly!« unterbrach er sich plötzlich, als der Spieler auf seinem Pferd die Straße herabgeritten und auf ihn zukam. Seine Frau zog sich, als sie ihn erblickte, in ihr Zelt zurück. »Du bist heute morgen anderweitig beschäftigt gewesen und konntest dich uns nicht anschließen?«

»Wie ich sehe, habt ihr euch die mexikanische Flagge geholt«, sagte der Spieler gleichgültig. »Das ist gut, was sollte auch die Spielerei!«

»Ist die Flagge für Sie eine Spielerei, Sir?« sagte der alte Nolten und sah den Spieler nicht gerade freundlich an.

»Allerdings«, lachte Siftly vollkommen unbekümmert. »Für was denn sonst?«

»Meiner Meinung nach hätten Sie heute unter unsere Flagge gehört«, entgegnete ihm der alte Mann finster. »Wenn Sie sich überhaupt für einen Amerikaner ausgeben!«

»Das bin ich nur durch Geburt«, sagte Siftly. Er stieg lässig von seinem Pferd herunter und nahm es am Zügel. »Sonst bin ich Kosmopolit. Wer mir abends sein Gold an meinen Tisch bringt, ist mein Freund – solange er eben Gold hat.«

Der alte Amerikaner wandte ihm verächtlich den Rücken zu und sagte laut genug, damit er es verstehen konnte:

»Wenn alle ehrlichen Amerikaner so denken würden wie ich, sollte solches Gesindel bald den Platz hier räumen.«

Siftly hatte die Worte verstanden. Er warf dem Alten nur einen höhnischen Blick nach und sagte dann zu Hetson:

»Ich habe dir auch etwas zu sagen, was dich interessieren wird. Aber erst muß die Bande da mit dem verwünschten Yankee-doodle und ihren Trommeln aufhören. Es ist ja ein Lärm, daß einem die Trommelfelle platzen.«

»Da du an unserer Sache so wenig Anteil nimmst, Freund«, erwiderte Hetson kalt, »ist es vielleicht besser, du gehst dem Yankee-doodle aus dem Weg.«

»Vielen Dank«, lachte Siftly. »Aber noch bin ich mit dem Paradies nicht fertig. Übrigens, Kamerad«, setzte er mit leiserer Stimme hinzu und bog sich zu Hetsons Ohr. »Du solltest der letzte sein, der mir mangelnde Teilnahme vorwirft. Wenn ich heute morgen im Lager fehlte, geschah es nur in deinem Interesse.«

»In meinem Interesse?« wiederholte Hetson ungläubig. »Was willst du denn da unternommen haben?«

»Er ist da, hier im Ort«, flüsterte ihm Siftly zu, und Hetson wurde blaß. Er fühlte, wie seine Knie, sein ganzer Körper zitterte.

»Woher weißt du...?« stammelte er und griff den Arm des Mannes.

»Ich habe ihn gesehen und gesprochen«, sagte Siftly gleichgültig. Er folgte dem Alkalden, der ihn einige Schritte von seinem Zelt fortführte.

»Hier im Ort?«

»Nein, etwa eine halbe Stunde von hier an einem schattigen Waldflecken«, lachte der Spieler. »Da hatte er ein Rendezvous mit einer alten Bekannten und ihrer Freundin.«

»Du lügst, Siftly!« stöhnte Hetson, der die Worte kaum herausbrachte.

»Hör mal, Hetson«, sagte der Spieler ruhig, »ich bin gern bereit, wegen deines Zustandes viel zu verzeihen. Aber du solltest doch vorsichtig mit deinen Bemerkungen sein. Ich sage nichts, was ich nicht beweisen kann.«

»Beweisen? Womit?«

»Mit deiner Frau selbst. Sage es ihr auf den Kopf zu und wenn sie, was ich nicht glaube, nicht rot wird und wirklich leugnet, dann laß mich meine Worte in ihrer Gegenwart wiederholen.«

Hetson erwiderte nichts, aber seine Hände ballten sich krampfhaft zusammen, und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn.

»Und sie war dort?« stöhnte er endlich.

»Mit dieser Spanierin, der Tochter Don Alonsos, die ihr wahrscheinlich dabei half. Das spanische Blut ist dafür wie geschaffen. Apropos, Hetson, ich habe mit ihrem Vater einen Vertrag abgeschlossen, damit sie jeden Abend in meinem Zelt spielt. Das unverschämte Ding weigert sich aber. Aber ich weiß, daß das Recht auf meiner Seite ist, und werde sie schon zwingen. Übrigens kann ein entschiedenes Wort von dir die ganze Sache leicht und rasch erledigen.«

Hetson hörte gar nicht, was er sagte. Geistesabwesend ging er neben dem Spieler die Straße hinunter. Sein Blick haftete stier auf der Erde oder streifte über die Menschen, ohne sie wahrzunehmen.

»Nimm dir das aber nicht zu sehr zu Herzen«, sagte Siftly nach einer Weile. »Die Sache hat im Grunde nichts zu bedeuten. Es ist eigentlich sogar gut, daß wir den Burschen endlich Auge in Auge haben. Verlaß dich dabei auch auf meine Unterstützung. Es ist wirklich ein Glück, daß ich gerade jetzt in das Paradies gekommen hin, besser hätte es sich nicht treffen können.«

»Ist er noch hier?«

»Sicher. Glaubst du, daß der den Platz hier so rasch und allein freiwillig wieder verläßt? Ich glaube aber, daß ich Mittel finde, um ihm Beine zu machen, wenn wir ihm nicht vorher die Füße wegziehen.«

Hetson hatte wie im Traum neben Siftly den Weg verfolgt, bis sie die letzten Zelte hinter sich ließen. Der Spieler frohlockte, daß er jetzt ein Mittel hatte, um Hetson ganz nach seinem Willen gefügsam zu machen. In Hetson ging inzwischen eine Veränderung vor. In den letzten Monaten war Charles Golway für ihn immer ein Phantom, ein Schreckensbild gewesen, das nicht greifbar war und ihn deshalb fast bis zum Wahnsinn trieb. Während er sich Tag und Nacht damit quälte, wie er einmal mit dem Mann zusammentreffen würde und sein Glück zerstört wurde, rieb er sich dabei völlig auf. Jetzt war er plötzlich da und hatte schon, noch bevor er seine Nähe ahnte, seine Hand ausgestreckt, um sein Glück zu zerstören. Aber er war noch da. Das Phantom war zu Fleisch und Blut geworden, die Gefahr war jetzt greifbar geworden. Mit diesem Bewußtsein kam eine eigene Ruhe und Zuversicht über ihn, die er bis dahin nicht für möglich gehalten hatte.

»Er ist da!« flüsterte er nur leise vor sich hin, als wollte er sich selbst die Gewißheit geben, daß er ihm jetzt nicht mehr ausweichen könnte. »Er ist da!«

»Was schadet's?« lachte Siftly, der den Worten eine ganz andere Bedeutung gab. »Ich werde dir beweisen, daß ich dein Freund bin. Schlag dir alle Sorgen aus dem Kopf und verlaß dich ganz auf mich. Der Bursche wird bald wünschen, daß sein Schiff, mit dem er dich verfolgt hat. lieber an einem freundlichen Felsen gestrandet wäre als daß er kalifornischen Boden betreten hat. Na, was hast du?«

»Laß mich einen Augenblick allein«, bat ihn Hetson. »Die Nachricht hat mich doch überrascht, und ich muß mich sammeln. Ich gehe in mein Zelt zurück und möchte mir die Sache überlegen.«

»Schön«, sagte Siftly und reichte ihm die Hand. »Sei aber nicht zu hart mit deiner Frau. Meiner Meinung nach ist die Spanierin an der Geschichte mehr schuld als sie. Also bleibt es dabei, was ich dir vorhin sagte?«

»Laß mich jetzt bitte, mir wirbelt der Kopf, und ich weiß nicht, an was ich zuerst denken soll.«

Hetson hatte sich von ihm abgewandt. Siftly lächelte spöttisch vor sich hin und sagte: »Good-bye, wir sehen uns nachher im Lager wieder.« Dann ging er rasch die Straße zurück, die er mit ihm gekommen war.


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