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5. Ein Abend in San Francisco

Die Nacht brach an. So wie sich hier gleich nach Sonnenuntergang die Dunkelheit rasch und fast plötzlich auf die Erde legt, so unterbrach sie auch hier das geschäftige Treiben der Menge. Die Karren verschwanden, die Lastträger, die meistens mit ihrem eigenen Gepäck durch die Straßen gekeucht waren, brachten ihre Bürden unter. so gut das in der Eile ging. Die hell erleuchteten Spielsalons der Plaza sandten jetzt ihren vollen, strahlenden Glanz durch die geöffneten Türen ins Freie. Lockten sie doch damit mehr Menschen heran als bei hellem Tageslicht, wo die meisten außerdem andere Beschäftigung hatten. Jetzt war fast jeder frei, und in die zurückgeschlagenen Zelte und geöffneten Pforten strömten die Menschenscharen.

Das Parkerhaus, das damals den größten und bestdekoriertesten Saal aufwies, strahlte besonders in heller Pracht. Um die Spieltische, von denen jeder eine enorme Pacht zahlen mußte, drängten sich Leute. Hier galten weder Rang noch Stand – nur Gold.

Wieder kreischten dazu oben auf dem Orchester die Violinen, schmetterten die Trompeten und donnerten die Pauken. Durch den weiten, menschengefüllten Saal lief das dumpfe Murmeln der Menge, klang der Laut der springenden Münzen und tönte manchmal der gellende Jubelschrei eines glücklichen Spielers oder der Fluch eines Verlierers. Manchmal knallte auch ein Champagnerkorken dazwischen. Leicht gewonnenes Geld mußte auch leicht vergeudet werden, und die Gläser der Zecher klirrten zusammen. Aber den Gang des Spieles konnte das nicht unterbrechen. Für die alten, abgefeimten Spieler war das sogar ein angenehmer Ton. Die Leute, die dort ihr Geld verpraßten, glaubten, sie hätten es gewonnen. Tatsächlich war es nur geborgt, denn in einer Stunde brachten sie es, mit dem Alkohol im Blut, sicher mit Zins und Zinseszins an die Bank zurück.

Mitten durch die Menge drängte sich ein Mann, ohne die Tische nur mit einem Blick zu würdigen. Schon seine Hast fiel auf, da es hier keiner eilig hatte. Man war hier eben hereingekommen, um den Abend zu verbringen. Schritt für Schritt, alle Augenblicke an der einen oder anderen Stelle haltmachend, so wogte der Menschenschwarm auf und ab im Saal. Wer da schneller vorwärts kommen wollte als die übrigen, mußte natürlich die ganze Ordnung stören.

»Hallo!« brummte ein Mann in einem blauen Hemd, den der Eilige etwas derb zur Seite geschoben hatte. Er sah sich mehr erstaunt als ärgerlich nach ihm um. »Na, du wirst dein Geld doch in diesem verbrannten Nest noch früh genug loswerden! Warum der Narr so läuft?«

»Hat sich sicher neuen Geldvorrat geholt«, lachte ein anderer, ein Bursche, der einem Strauchdieb ähnlicher sah als einem ehrlichen Menschen. »Wenn er zurückkommt, geht er langsamer – er ist noch grün.«

»Je früher sie ihm dann die Flaumfedern ausrupfen, desto besser«, sagte der erste, drehte sich wieder dem nächsten Spieltisch zu, um das Spiel zu beobachten.

Der Fremde hörte wahrscheinlich diese Bemerkungen gar nicht oder achtete nicht darauf. Unaufhaltsam drängte er vorwärts, und sein ängstlicher Blick schien jemand im Saal zu suchen.

»Hier, Sir, hier ist der Platz, um Ihre Taschen mit Gold zu füllen!« rief ihm da oder dort ein gerade nicht beschäftigter Spieler zu. Aber er konnte ihn damit nicht aufhalten, bis er plötzlich den Gesuchten an einer Säule entdeckte und sich nun rasch zu ihm hinarbeitete.

»Siftly'« rief er dabei, als er die Schulter des Mannes berührte. »Ich habe ihn gefunden!«

»Heda, Hetson!« sagte der Amerikaner, als er sich langsam umdrehte. »Mensch, was hast du? Du siehst ja leichenblaß aus!«

»Er ist da!« war die einzige Antwort, die er bekam. Der junge Mann drehte den Kopf, als ob das gefürchtete Schreckbild ihm schon auf den Fersen folgen würde.

»Er? – Wer?« erkundigte sich sein Freund ruhig. Er hatte andere Sachen im Kopf und die Mitteilung des Mannes schon wieder vergessen.

»Charles Golway!« flüsterte da Hetson in sein Ohr und sah ihn mit einem Blick an, als ob er sein Todesurteil von ihm erwarte.

»Charles Golway?« wiederholte erstaunt der Amerikaner. »Ah – der frühere Verlobte!«

»Pst! Um Gottes willen!« bat Hetson und drückte seinen Arm.

»Ach, Unsinn«, lachte der aber. »Wer kennt hier den Burschen oder deine fixe Idee. Und wenn man sie kennen würde, wer kümmerte sich darum? Komm, laß den sein, wo er will. Hier, dieser Tisch hat heute abend nur Unglück, und ich glaube, du hättest keine bessere Stunde wählen können, um dich für heute nachmittag zu revanchieren.«

»Laß mich um Gottes willen in Ruhe mit deinem Spiel«, bat aber Hetson und ergriff seinen Arm nur fester. »Was soll ich tun? Gib mir deinen Rat!«

»Und wenn ich ihn dir gebe, befolgst du ihn doch nicht.«

»Versuch's!«

»Gut, aber das ist auch mein letztes Wort in dieser langweiligen Geschichte. Laß ihn laufen und kümmere dich so wenig um Charles Golway in San Francisco oder in Kalifornien, als ob Charles Golway auf dem Mond säße.«

»Du weißt nicht...«

»Ich weiß genug, um dich ernsthaft zu bitten, dir diese fixe Idee aus dem Kopf zu schlagen. Kommt er dir in den Weg und merkst du, daß er mit deiner Frau anbändeln will, so schieß ihn über den Haufen. Weshalb läuft er der Frau eines anderen Mannes hinterher? Ist er aber nur durch Zufall hierhergekommen...«

»Durch Zufall?« unterbrach ihn rasch und bitter der Unglückliche. »Er ist uns von Valparaiso aus direkt gefolgt!«

»Von Valparaiso aus? Ich dachte, du hättest ihn auf eine australische Fährte gesetzt?«

»Er muß wohl die Wahrheit erfahren haben«, stöhnte Hetson. »Schon diese Hast bestätigt meinen schlimmsten Verdacht. Das Schiff, mit dem er angekommen ist, ist drei Tage später von Valparaiso ausgelaufen als wir selbst, aber schon vorgestern, also zwei Tage früher als wir, hier eingetroffen.«

»Sein Schiff wird eben besser gesegelt sein als euers«, brummte der Amerikaner. »Aber wir vergeuden die kostbare Zeit hier mit reinem Unsinn. Willst du spielen?«

»Laß mich mit deinem Spiel zufrieden. Ich habe es nie gemocht und bin jetzt nicht in der Stimmung, es zu beginnen. Hilf mir lieber, den Mann hier in diesem Gewirr einer Stadt aufzufinden.«

»Ich hin doch nicht verrückt!« lachte Siftly. »Wenn du keine bessere Beschäftigung hast, kann dir das keiner verwehren. Erlaube mir aber, meine Zeit besser zu verbringen.« Damit drehte er dem Freund den Rücken zu und wandte sich einem der anderen Tische zu. Hetson blieb allein zurück. Hier hatte er aber keine Ruhe, warf einen scheuen Blick über seine nächste Umgebung und drängte dann der hinteren Saaltüre zu, um seine Frau im oberen Teil des Hauses aufzusuchen.

Er fand sie allein in dem noch dunklen Zimmer mit gefalteten Händen auf ihrem Bett sitzen. Wußte sie, daß ihr früherer Verlobter angekommen war? Hatte sie ihn vielleicht schon gesehen oder gesprochen? Hetson wagte den Gedanken nicht auszudenken, trat nach kurzer Begrüßung an das Fenster und sah auf den dunklen Platz hinunter.

»Hetson«, sagte da seine Frau mit leiser Stimme. »Fehlt dir etwas?«

»Mir? Nein – warum?«

»Du bist so still. Ist dir etwas Unangenehmes passiert?«

»Nicht daß ich wüßte«, sagte Hetson, dessen Herz zum Zerspringen voll war. »Aber du bist noch im Dunkeln? Warst du allein?«

»Unser Schiffsarzt, der alte Doktor Rascher, war am Nachmittag kurze Zeit bei mir«, sagte seine Frau. Sie ging zum Tisch und zündete eine Kerze an. »Ich freue mich, daß wir ihn im Hause haben. Hier in dem wilden, fremden Leben hat ein Freund den doppelten Wert.«

»Du fühlst dich nicht wohl hier?«

»Wohl?« antwortete seine Frau und seufzte. Sie warf einen wehmütig lächelnden Blick in dem kleinen Zimmer umher, in dem ihr Gepäck noch wild und unordentlich umhergestreut stand. Es befand sich noch nicht einmal ein Möbel darin, um nur das Notwendigste unterzubringen. Ein großes Bett, ein Tisch und zwei Stühle bildeten die Möblierung. Alles schien aus neuen, kaum gehobelten Brettern gerade erst schnell zusammengefügt zu sein. Von Tapeten keine Spur, nicht einmal die Fensterrahmen oder Türen waren gestrichen. Decke, Fußboden und Wände bestanden nur aus nacktem Tannenholz, gegen das der Mahagonitisch und die beiden Kirschbaumstühle nicht gerade freundlich abstachen.

»Wie kann man sich hier wohl fühlen, Frank? Dazu der ständige wilde Lärm, das ewige Türenschlagen, bei dem jedesmal das ganze Haus zittert und die Fensterscheiben klirren, das Rennen der Leute in den Gängen, als ob ein Unglück sie in Bewegung hielte. Ich wollte, wir wären nicht nach Kalifornien gegangen.«

Der Mann erwiderte kein Wort. Er war zum Tisch getreten und hielt Stirn und Augen mit seiner rechten Hand bedeckt. Als seine Frau zu ihm aufsah, entging ihr nicht, wie blaß er geworden war. In plötzlicher Angst ergriff sie seinen Arm und rief:

»O Gott, Frank! Du bist krank, dein Gesicht ist totenblaß! Was ist passiert?«

»Nichts, mein Herz«, antwortete er leise. »Ich bin nur müde vom vielen Umherlaufen. Aber du hast natürlich recht, der Aufenthalt in diesem eingezwängten, ungemütlichen Raum muß für dich unerträglich sein. Er scheint noch schlimmer zu sein als an Bord, und dabei befinden wir uns im größten und wohnlichsten Gebäude der ganzen Stadt. Je eher wir also San Francisco verlassen, desto besser. Ich will gleich morgen die Vorbereitungen dafür treffen.«

Sie hatte kaum auf seine Worte geachtet, denn ihr Blick hing noch immer an seinem vor Aufregung zerfurchten Gesicht.

»Sag mir, was du hast, Frank«, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn. »Dir ist etwas passiert, du kannst es leugnen, wie du willst. Ich merke es an deinem ganzen Wesen, am Zittern deiner Hände. Vertraue es mir an, bei meiner Liebe zu dir beschwöre ich dich! Oder soll ich annehmen, daß ich in dieser freudlosen Außenwelt auch noch dein Vertrauen verscherzt habe?«

Hetson ließ seine Hand langsam sinken und blickte einen Moment scharf und forschend in die Augen seiner Frau. So treu und unschuldig sah sie ihn an, sie konnte nicht falsch sein. Sie konnte jetzt noch nichts von der Nähe des früheren Verlobten wissen. Aber sollte er es ihr jetzt selbst sagen, daß er angekommen war? War es nicht möglich, daß sie ihm doch noch entkommen konnten, die sicheren Berge erreichten, ehe der Verfolger auf ihre Spur kam?

»Frank, was hast du?« bat erneut seine Frau. »Sind es die alten Träume und Sorgen, die dich bedrücken? Ich hoffe, nicht! Habe ich nicht alles getan, um dir zu beweisen, daß die Vergangenheit tot für mich ist? Daß ich nur dir gehöre? Bin ich dir nicht selbst in dieses abgelegene Land gefolgt, und verlangst du einen stärkeren Beweis meiner Liebe?«

»Abgelegen?« flüsterte Hetson verstört vor sich hin. »Nicht abgelegen genug, als daß dieser Unglückselige nicht hierher finden würde.«

»Glaub doch das nicht!« bat sie tröstend. »So wie ich Charles kenne, kann ich überzeugt sein, daß er jeden Versuch aufgeben wird, mich wiederzusehen, wenn er erfährt, daß ich mit einem anderen verheiratet bin.«

»Charles!« zischte Hetson durch die zusammengebissenen Zähne.

»Stört dich der Name, Frank?« Sie legte ihren Kopf an seine Schulter. »Denk daran, wie lange ich an ihn nur unter diesem Namen gedacht habe, so daß der andere mir fast fremd geworden ist. Aber auch das will ich vermeiden, und gebe Gott, daß nicht einmal Mr. Golway mehr zwischen uns genannt zu werden braucht.«

»Ich glaube dir – ich glaube dir«, flüsterte erregt der Mann. »Aber wird er selbst dafür sorgen, daß das nicht geschieht? Du traust ihm zuviel Edelmut, zuviel Entsagungskraft zu.«

»Nein, Frank, bestimmt nicht«, sagte sie zuversichtlich. »Wenn du doch bloß einmal diese trüben Gedanken vergessen könntest, dann würdest du auch wieder froh und heiter werden. Mutwilliger hat sich noch niemand das Leben verbittert als du selbst, und während du...«

»Mutwilliger?« unterbrach er sie. »Mutwilliger, sagst du? Glaubst du, daß das Schreckgespenst, das mich während der langen Reise quält, nur Phantasie ist? Daß es nur zu meiner kranken, überspannten Einbildungskraft gehört, wie du mir immer weismachen willst? Er ist hier!«

»Wer, Frank, um Gottes willen, wer?« rief sie erschrocken aus.

»Wer? Dein Charles, wenn du wirklich noch nichts von seiner Anwesenheit weißt. Er ist dir gefolgt, und warum? Um dich zurückzuholen!«

»Das ist nicht möglich!« hauchte seine Frau. Blaß trat sie einen Schritt zurück.

»Nicht möglich?« wiederholte Hetson mit fest aufeinandergebissenen Zähnen. »Ich kann dir das Schiff nennen, mit dem er drei Tage später als wir von Valparaiso uns nachgefahren ist. Er hat sich nicht einmal die Zeit genommen, in Chile von der langen Reise zu rasten und die erste Gelegenheit benutzt, um seine Pläne durchzusetzen.«

Hetsons Frau erwiderte kein Wort. Erschüttert verbarg sie ihr Gesicht für einen Augenblick in den Händen. Es war aber auch nur ein Augenblick, dann richtete sie sich rasch wieder auf und rief:

»Und wenn er hier wäre, Frank, hast du so wenig Vertrauen zu deiner Frau, daß du dir solche Sorgen, solchen Kummer machst?«

»Er war deine erste Liebe«, flüsterte Hetson scheu. »Nur wenige Stunden lagen dazwischen, und er hätte dich noch frei gefunden, frei für den, zu dem dich dein Herz zog. Ich selbst bin dir nur aufgedrungen, durch blinden Zufall verheiratet. Ich weiß, daß ich etwas halte, was mir nicht gehört. Aber ich bin nicht imstande, es wieder aufzugeben.«

Der Mann war außer sich, und in dem Gefühl des furchtbaren Schmerzes, der ihm durch die Brust zuckte, warf er sich auf das Bett und verbarg sein Gesicht in den Kissen.

Seine Frau war starr und regungslos in ihrer Stellung geblieben, folgte ihm nur mit den Augen. Vor ihrem inneren Blick glitten jetzt die alten Bilder vorüber, die er leichtsinnig wieder zu neuem Leben weckte. Ja, sie hatte den ersten Jugendfreund geliebt, geliebt mit aller Kraft. Der Augenblick, in dem sie erfuhr, daß er doch noch lebte und daß er für sie nur durch die Hochzeit für immer verloren war, stand in diesem Moment überdeutlich vor ihr. Aber Hetson war ihr Mann, freiwillig hatte sie ihn geheiratet, sie wußte, mit welcher innigen Liebe er an ihr hing. Als sie die Hand fest und krampfhaft auf ihr Herz drückte, drängte sie auch den letzten Gedanken zurück, der vielleicht noch zwischen ihr und ihrem Mann gestanden hatte. Behutsam, als fürchtete sie sich vor dem Geräusch ihrer Schritte, trat sie zu dem Bett und legte den Arm um seinen Nacken.

»Frank!« flüsterte sie.

Er antwortete nicht, aber sein Zittern verstärkte sich.

»Frank«, wiederholte sie. Das Wort war nur wie ein Hauch, der sein Ohr kaum streifte, aber doch bis in sein Innerstes drang. »Frank, sei ein Mann. Wenn mein Herz auch früher an dem anderen hing, das ist doch jetzt vorbei. Ich bin deine Frau, und bei allem, was dir und mir heilig ist, schwöre ich, daß ich keinen Gedanken mehr an ihn verschwende. Alles, was früher war, existiert nicht mehr. Seitdem wir verheiratet sind, hat für mich ein neues Dasein begonnen. Glaubst du mir jetzt?«

»Jenny, süße, liebe Jenny!« rief er aus und drückte sie an sich.

»Es ist gut, daß wir uns ausgesprochen haben«, fuhr sie fort. »Der innere Gram hätte dir sonst noch den Lebenswillen zernagt, ohne daß ich dir hätte helfen können. Jetzt, wo du alles gesagt hast, was dich bedrückt, kann ich auch frei mit dir reden. Alles wird gut werden.«

»Und... Charles?« flüsterte Hetson so scheu, als ob er selbst sich vor dem Namen fürchtete.

»Wenn er uns wirklich begegnen sollte, wird er wohl die Stellung achten, in der er mich jetzt findet. Er muß sie achten, oder er verdient nicht einmal den Schatten der Gefühle, die ich früher für ihn empfand. Bist du nun ruhig?«

Hetson drückte sie fester. Als sie sich über ihn bog und ihre Lippen seine Stirn berührten, löste sich der starre Schmerz des Mannes in Tränen auf. Er weinte, wie er nur als Kind geweint hatte. Seine Frau hatte sich über ihn gebeugt und hielt ihn in ihrem Arm.

Unten im Saal wirbelten die Pauken, schmetterten die Trompeten und drängten sich die Spieler um die Tische. Das war ein wildes, wüstes Treiben im Saal, ganz zu dem Leben passend, das die Leute gezwungenermaßen im El Dorado führten. Wer von ihnen hatte denn eine Heimat hier in Kalifornien? Wer hatte Familie, ein Kind, wurde zu Hause erwartet? Niemand von den Tausenden, die draußen an den Spielhöllen auf und ab gingen oder sich durch die Säle schoben, um ihr Glück hier oder dort zu erproben. Eine notdürftige Matratze in irgendeiner Zeltecke war ihr Lager für die Nacht. Die erreichten sie noch früh genug, selbst bei Morgengrauen. Hier war Licht und Leben und vor allem der Klang des Goldes, der ihren Zustand für kurze Zeit vergessen ließ. Jede offene Tür bot ihnen Abwechslung, blinkende Flaschen mit Alkohol lockten zu doppeltem Genuß. Dort klirrten die Gläser, klangen die Goldmünzen, spielte die Musik ihre heimischen Tänze. Weshalb sollten sie sich da mit Sorgen plagen oder trüben Gedanken nachhängen und auf feuchter Erde im kalten Zelt liegen? Dorthinein drängten sie, und der nächste Morgen fand sie vielleicht mit leeren Taschen und mit schwerem Kopf aus einem Rausch erwachend. Aber was kümmerte sie der nächste Morgen?

Hier rollten die Würfel, rasselte das ›Rouge et noir‹, glitten die Karten durch die geübten und schnellen Finger der Spieler. Fielen sie, starrten glanzlose Augen in gieriger Erwartung auf die bunten, verhängnisvollen Blätter.

In der Mitte des Saales, über einen der Tische gebeugt, stand eine eigentümliche, malerische Gestalt. Es war ein alter Mann mit so ausdrucksvollen, auffallenden Gesichtszügen, daß man ihn wohl nicht mehr vergaß, wenn man ihn einmal gesehen hatte. In seinen Adern floß spanisches Blut, vielleicht sogar edles. Die kühne Stirn, die leicht gebogene Nase, das rabendunkle, blitzende Auge strahlten soviel Feuer aus, als wäre er gerade erst ein Mittzwanziger. Die Oberlippe beschattete ein voller, schwarzer Schnurrbart, mit nur wenigen grauen Haaren. Über seiner Kleidung trug er eine besonders feine, mit Goldfäden durchsetzte und schön gefärbte Zarape. Seinen schwarzen, weichen, breiten Filzhut hielt er zusammengedrückt in der rechten Hand. Damit stützte er sich auf einen Tisch und beobachtete das Spiel. Auf einem der Finger blitzte ein Diamantring.

»Verloren, Señor«, lachte da ein Spieler und zog einen kleinen Haufen Goldstücke in die Mitte zu den anderen Münzen und dem Goldstaub. »Sie spielen heute wieder mit viel Unglück und sollten aufgeben!«

»Caramba«, murmelte der Spanier zwischen den Zähnen. »Ich weiß wohl selbst, wann ich aufhören muß. Drei halbe Adler noch auf die Fünf.«

Sein Englisch klang gebrochen, und er zischte auch die Worte mehr, als er sie sprach.

»Verloren!« lautete die eintönige Antwort. »Mehr?«

»Wieder auf die Fünf zwei halbe!«

»Verloren! Mehr?«

Der Spanier schwieg und starrte auf die Karte.

»Das waren meine letzten Stück heute«, flüsterte er. »Aber morgen bekommt meine Tochter wieder Honorar...«

»Tut mir leid, Señor«, sagte achselzuckend der Spieler. »Wir haben ein Bargeschäft und muten auch niemand zu, uns zu borgen. Setzen Sie den Ring da, und bestimmen Sie den Preis. Die Spielerei gefällt mir.«

»Den Ring? Nein!« rief der Mann erschrocken und trat einen Schritt zurück. Der Spieler zuckte bloß die Schultern. Andere, die schon lange darauf gewartet hatten, näher an den Tisch zu kommen, drängten herbei und schoben den alten Spanier ziemlich rücksichtslos zur Seite. Er hatte doch kein Geld mehr, weshalb sollte er ihnen den Platz verstellen.

Oben auf dem Orchester, wo die Musiker mit entsetzlichen Märschen und Tänzen ihre Instrumente mißhandelten, stand eine schlanke, zarte Frauengestalt an der Balustrade. Sie war fest in eine schwarze, seidene Mantille gewickelt und sah mit starrem Blick auf das Treiben unter sich. Der neben ihr sitzende Violinspieler, ein junger Franzose, versuchte mehrfach, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, aber sie hörte nicht auf seine Worte. Vielmehr drehte sie sich noch zur Seite, damit er die Tränen nicht bemerkte, die an ihren Wimpern hingen. Die Musik schwieg. Ein kleiner, dicker Mann, offensichtlich ein Deutscher, trat zu dem Mädchen. Es war der Kapellmeister, dem der Schweiß von der anstrengenden Arbeit, dieses Orchester zusammenzuhalten, von der Stirn lief. Leise und fast ehrfurchtsvoll sagte er:

»Señorita!«

Sie antwortete und regte sich nicht. Ihr Blick hing fest und unverwandt an der Gestalt ihres Vaters unten.

»Señorita«, sagte da der kleine Mann wieder, lauter als vorher. »Die Musik hat aufgehört, und Ihre Zeit zum Spielen ist gekommen. Darf ich Sie darum bitten?«

»Ja, ja, mein Herr!« flüsterte das Mädchen und riß sich gewaltsam zusammen. Sie warf die Mantille so geschickt ab, daß sie damit auch die Tränen aus den Wimpern wischte. Sie hatte wieder ihre frühere Ruhe gewonnen, trat mit leichtem Schritt zum Notenpult und ergriff ihr Instrument. Dann stimmte sie es und begann ihr seelenvolles Spiel. Aber was kümmerte es die Leute da unten? Am Nachmittag hatte man ihr zugehört. Da bestand die Mehrzahl der Spieler aus Mexikanern oder Kaliforniern, die stets Sinn für Musik haben. Jetzt aber war der Saal überwiegend mit trinkenden und spielenden Amerikanern gefüllt, und nicht einer lauschte den weichen, melodischen Lauten.

»Na, warum hat denn jetzt die Musik aufgehört?« erkundigte sich einer der Männer. Es war ein kleiner, bleicher Mann mit der Ruine eines Strohhuts auf dem wirren, vielleicht seit Wochen nicht gekämmten Haar.

»Da oben fiedelt ja noch jemand«, antwortete ihm sein Nachbar, ohne jedoch den Blick von den Karten zu heben.

»Einer!« wiederholte der Kleine verächtlich. »Und die ganze andere Bande sitzt daneben und faulenzt. Wozu sind die Kerle denn da?«

Sein Freund hielt es nicht für notwendig, darauf zu antworten. Er hatte mit dem Kartenspiel Wichtigeres zu tun. Das war ein Summen und Wogen in dem Saal. wie Ebbe und Flut, herüber und hinüber. Die Leute drängten ein und aus wie in einem Bienenkorb. Auch auf andere Weise hatte der Saal damit Ähnlichkeit. Draußen in den Bergen scharrten und hackten und gruben und wuschen die Leute ihren Honig, das Gold, mühsam zusammen, um es hier einzutragen. Und wie wenige trugen es wieder hinaus! Die Spieler schlossen es in ihre Zellen, um es später wieder genauso zu vergeuden, wie sie es gewonnen hatten.

Stunde um Stunde verging. Wenn Hunderte den Platz verließen, um an anderen Tischen ihr Glück zu versuchen, strömten genauso viele Müßiggänger wieder herein. Das Gedränge im Parkerhaus-Salon dauerte bis fast eine Stunde nach Mitternacht. Von da an bemerkte man aber eine Abnahme der Gäste. Wenn auch der Saal noch immer gefüllt blieb und sich erst gegen zwei Uhr hier und da leere Stellen zeigten. Nur um einzelne Tische, auf denen besonders hoch gespielt wurde, drängten sich die Leute. Überall hingen auf den Stühlen oder sogar auf dem Fußboden Betrunkene, die ihren Rausch ausschliefen.

An einer der Säulen stand der alte Spanier, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Arme fest übereinandergeschlagen. Man hätte fast glauben können, er schliefe, so still und regungslos lehnte er an seinem Platz. Nur hin und wieder blitzte sein dunkles Auge unter dem breitrandigen Hut hervor und verriet ihn.

Da glitt eine schlanke, ganz in Schwarz gekleidete weibliche Gestalt scheu an der einen Wand des Saales entlang. Mit verhülltem Gesicht versuchte sie den Männern auszuweichen. Aber niemand achtete auf sie, denn ein Streit an einem der Tische lenkte gerade jetzt die Aufmerksamkeit auf sich. Unbemerkt hatte sie den Mann an der Säule erreicht, berührte leise seine Schulter und flüsterte:

»Vater!«

»Ha, Manuela!« rief der Spanier aufschreckend. »Du hier, mein Kind? Du spielst heute nicht mehr, nicht wahr?«

Das Mädchen verneinte und warf einen scheuen Blick um sich. »Aber komm, laß uns jetzt gehen! Ich sehne mich aus diesem furchtbaren Saal und habe auch Hunger.«

Der Spanier zuckte bei diesen Worten zusammen. Fast mechanisch griff seine Hand in die Tasche. Doch vergeblich hatte er schon in der letzten Stunde alles durchgewühlt. Nicht ein einziges Geldstück war zu finden. Er suchte es allerdings nicht für sein Kind, sondern es wäre am nächsten Spieltisch den anderen gefolgt.

Das Mädchen sah seine Bewegung und wurde blaß. Aber sie bezwang sich und flüsterte: »Du hast meinen Lohn für diesen Abend noch nicht einkassiert? Aber das macht nichts, dort drüben sitzt der Herr des Saales, er zahlt ja pünktlich.«

Der Vater schwieg und strich sich nur mit der flachen Hand über die kalte, schweißbedeckte Stirn.

»Komm, Vater. Die Zeit vergeht, und der Boden brennt mir hier unter den Füßen. Hätten wir doch dieses unglückselige Land nie betreten! Laß uns das Geld holen.«

Der Mann rührte sich noch immer nicht. Sein unsteter Blick irrte im Saal umher, als suche er dort Hilfe. Hilfe von da – großer Gott, nur der Gedanke war schon halber Wahnsinn. Er merkte das wohl auch, riß sich gewaltsam zusammen, ergriff die Hand seiner Tochter und flüsterte:

»Komm!«

»Aber das Geld, Vater!«

»Der Wirt kennt mich«, sagte der Spanier mit tonloser, heiserer Stimme. »Er wird uns zu essen geben.«

»Er hat uns doch gestern abgewiesen. Er will keinem Menschen auch nur für eine Stunde etwas borgen!« erwiderte das Mädchen mit zitternder, ängstlicher Hast.

»Der Kellner borgt uns«, sagte der Vater und versuchte, sich von der Hand der Tochter loszumachen.

»Vater!« bat sie, und der Schmerz einer Welt lag in den wenigen Silben. »Du weißt, daß er das nur meinetwegen macht. Hol das Geld.«

»Ich habe es schon geholt«, hauchte der Mann, den Kopf zur Seite gedreht. »Ich habe es geholt und wollte das Glück zwingen, uns die Mittel zu geben, um dich aus dieser unwürdigen Lage zu befreien. Es ist mißlungen. Die verräterischen Karten waren mir ungünstiger als sonst, und ich habe alles verspielt.«

Das Mädchen erwiderte keine Silbe. Sie stand mit gesenktem Kopf und zitternd neben ihm. Schwer hob und senkte sich nur ihre Brust.

»Sorge dich nicht, mein Kind«, hat der Vater, der sich jetzt ängstigte. »Morgen schon kann, wird sich alles wieder besseren.«

»Du willst wieder spielen?«

»Soll ich den Schurken dein sauer verdientes Geld freiwillig überlassen?« sagte der alte Mann zürnend.

»Aber du weißt, daß sie falsch spielen!« klagte Manuela. »Laß ihnen, was sie haben, laß ihnen alles, auch den Triumph, dich betrogen zu haben. Aber vertraue diesem falschen Glück nicht mehr. In wenigen Wochen verdiene ich ja, was wir brauchen, um dieses entsetzliche Land wieder zu verlassen, und dann...«

»In wenigen Wochen?« zischte der Alte ingrimmig vor sich hin. »Wochenlang soll ich dich noch allem aussetzen, was du jetzt erduldest? Wochenlang, wo es in meiner Macht und in einem einzigen glücklichen Wurf liegt, dich in einer kurzen Stunde frei zu machen?«

»Vater!«

»Laß mich, das verstehst du nicht. Hab ich nicht bisher für dich gesorgt? So vertraue dich auch jetzt mir an, und ich will alles aufbieten, um dich dem Leben zurückzugeben, dem du entrissen wurdest. Jetzt komm mit mir in das Restaurant. Don Emilio weiß, daß ich mein Wort halte. Er wird uns das Essen nicht verweigern.«

»Du bist es ihm noch von früheren Tagen schuldig!«

»Ach was, eine Bagatelle. Er soll sein Geld erhalten, jetzt komm, die Leute werden schon aufmerksam.«

»Ja, ich will mit dir gehen, Vater«, sagte da das Mädchen ernst und entschlossen. »Aber nicht um erneut der Schuldner des Fremden zu werden, so freundlich und achtungsvoll er sich auch verhält. Ich... ich habe keinen Hunger heute abend, es war nur ein Vorwand, um dich hier wegzubringen. Ich bin müde und habe Kopfschmerzen, laß uns schlafen gehen.«

»Aber du mußt hungrig sein«, drängte der Vater sie. »Seit heute morgen hast du nichts mehr gegessen.«

»Glaub mir, Vater, ich bin nicht imstande, auch nur einen Bissen heute abend über die Lippen zu bringen. Ich möchte nur ausruhen, schlafen. Willst du nicht mitkommen?«

»So komm«, sagte der Vater, warf den Zipfel seiner Zarape über die linke Schulter und ging, von seiner Tochter dicht gefolgt, zur Hintertüre des Saales. Unterwegs kamen sie an einigen Spielergruppen vorbei. Ein paar von ihnen versuchten ein Gespräch mit dem Mädchen anzuknüpfen, aber Manuela sah nicht auf. Den Kopf gebeugt, das Gesicht bis unter die Augen mit der schwarzen Mantille bedeckt, glitt sie an ihnen vorüber. Mit ihrem Vater verschwand sie in dem schmalen Gang, der in den oberen Teil des Hauses führte.

Die Gäste des Parkerhauses zerstreuten sich immer mehr. Der größte Teil der Tische war schon leer, ein Teil der Spieler hatte sein Geld und die Karten zusammengepackt, um den eigenen Schlafplatz aufzusuchen. Selbst das Orchester war geräumt, die Diener des Hauses gingen herum, um die unnötigen Lampen auszulöschen. Nur hier und da stand noch eine kleine Gruppe und sah mit schlaftrunkenen Augen auf die nachlässig geworfenen Karten. Die Spieler selbst hatten keine Lust mehr an der Sache. Wo den ganzen Abend Hunderte, oft Tausende auf dem Spiele standen, konnte sie ein Satz mit wenigen Dollars nicht aufregen, um den Schlaf zu vertreiben.

Ihre Zarapen oder kalifornischen Ponchos um sich geschlagen, den schweren Geldsack im Arm, gingen die meisten jetzt mit einem knappen Gruß aus dem Saal. Nur wenige schlossen das Geld in eine unter dem Tisch stehende Kiste, wickelten sich dann in ihre Decke und streckten sich auf ein paar zusammengeschobenen Stühlen aus, um dort die Nacht zu verträumen. Hier lagen sie genausogut wie in ihrem Zelt und – sicherer.

Jetzt hatten die letzten Gäste den Saal verlassen, fast alle Lampen waren ausgelöscht. Nur zwei für die Nachtbeleuchtung warfen noch ihren düsteren Schein über den verödeten, unheimlichen Platz. Aus verschiedenen Ecken tönte schon das regelmäßige Schnarchen der Schläfer herüber. Nur an einem Tisch, ziemlich in der Mitte des Saales, saßen noch drei Männer. Aber sie spielten nicht mehr, sondern zwei packten die Kasse zusammen, und der dritte, Siftly, saß rittlings auf einem Stuhl. Beide Arme auf die Lehne gestützt, sah er den anderen zu.

»Verdammt schlechte Geschäfte habt ihr heute gemacht«, sagte er kopfschüttelnd. »Da ist ja kaum mehr als die Pacht herausgekommen. Warum habt ihr denn den verdammten Kerl mit der zerlumpten Zarape und dem Sack voll Gold so ungerupft ziehen lassen? Sie müssen doch gewußt haben, Brown, daß die Acht oben lag, ich sah es von hier!«

»Das hab ich auch«, brummte Brown, der kleine, dicke Spieler mit dem unbequemen Stehkragen. »Ganz genau wußte ich es. Der schmutzige Halunke wußte es aber auch und sah mit seinen Katzenaugen so auf meine Finger, daß ich nichts riskieren durfte. Ihnen hätte es doch am wenigsten gefallen, wenn wir hier am Tisch Theater hätten!«

»War denn mit dem Fremden nichts weiter zu machen, den Sie uns heute nachmittag gebracht hatten?« erkundigte sich der lange Smith.

»Nichts«, erwiderte Siftly verdrießlich. »Er will nicht mehr spielen und ist eigentlich auch ein alter Freund von mir, mit dem ich nicht zu hart sein wollte.«

»Freund!« wiederholte Smith verächtlich. Er nahm eines der Kartenspiele auf und mischte es unwillkürlich. »Freund! Was geht uns hier in Kalifornien ein Freund an? Und wenn mein Bruder herüberkäme und grün wäre, müßte er für sich selbst die Augen offenhalten!«

»Ich gehe jetzt schlafen!« sagte Brown. Mit einiger Mühe erhob er sich von seinem Stuhl und griff nach einem alten, hinter ihm liegenden Tuchmantel. »Kommen Sie mit, Siftly? Smith hat heute die Wache.«

»Ich habe hier nichts weiter zu tun. Sie wohnen aber unten am Wasser, und ich schlafe heute oben in der Stadt. Mein Quartier ist mir heute gekündigt worden, und ich muß tagsüber mich nach einem neuen umsehen.«

»So? Na, das ist etwas anderes. Dann gute Nacht. Vor zehn Uhr brauche ich ja morgen früh nicht wieder hier zu sein«, sagte der kleine, dicke Mann.

»Wohl kaum!« antwortete Siftly. »Morgenstunde hat bei uns kein Gold im Munde – gute Nacht!«

Smith sagte nichts, sondern nickte seinem kleinen Kameraden nur zu. Er mischte weiter, und eine Weile saßen sich die beiden stumm gegenüber.

Nachdem Siftly einen Blick über die Schulter geworfen hatte, brach er endlich das Schweigen.

»Der Bursche wird mit jedem Tag ungeschickter!«

»Weiß Gott!« bestätigte Smith. Wie in Gedanken zog er die Karten ab und legte sie aus. »Ich wollte, wir wären ihn auf gute Weise los. Wenn wir nur auf seine Kapitaleinlage verzichten könnten!«

Siftly erwiderte nichts. Wieder saßen sich die beiden eine Zeitlang stumm gegenüber, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.

»Wenn in diesem Nest aus Zelten und Holzdächern einmal ein Feuer ausbrechen würde!« sagte da plötzlich Siftly, noch leiser als vorher. »Ich glaube, in zehn Minuten stände die ganze Plaza in lichten Flammen!«

Smith sah den Sprecher rasch fragend an. Doch der erhob seinen Kopf nicht und schien aufmerksam die ausgebreiteten Karten anzusehen.

»Ein Feuer?« wiederholte der Lange bedächtig.

»Pst! Nicht so laut!« warnte ihn Siftly. »Das Wort hat einen eigentümlichen Klang, und man hört es bis in die entferntesten Ecken eines Raumes. Ja, fast ist es so, als könnte man es fühlen. Der Bursche da drüben hat gleich aufgehört zu schnarchen.«

»Pah, der schläft so fest wie immer«, sagte Smith, der einen forschenden Blick hinübergeworfen hatte. »Er hat sich nur auf die Seite gewälzt. Hm, ein Feuer wäre eine wunderbare Neuigkeit, auf die eigentlich noch kein Mensch vorbereitet ist. Was täten wir zum Beispiel, wenn es in dieser Nacht plötzlich brennen sollte?«

»Weiß ich auch nicht«, sagte Siftly. »Man müßte natürlich vor allen Dingen das Geld retten, und das wäre sehr schwer. Wenn hier Feuer ausbricht, hätte jeder nur noch Zeit, sein nacktes Leben zu retten. Ehe Brown vom Wasser hier heraufkommen könnte...«

»Der arme Brown«, sagte der Lange mit mitleidigem Ton, ohne jedoch eine Miene dabei zu verziehen. »Er würde sein ganzes Vermögen verlieren.«

»Und unser Nachbar, dessen Geldkasten unter unserer Aufsicht steht, ebenfalls«, sagte Siftly. »Es ist doch sehr leichtsinnig von dem Mann, sein Geld hier zurückzulassen.«

»Sie meinen den Deutschen Ottens? Ja, dabei ist er sonst ein ganz guter, ehrlicher Bursche, der sich sein bißchen Geld sauer genug verdient hat. Ich würde alles versuchen, um es in Sicherheit zu bringen. Freilich, das eigene Leben geht allem anderen vor.«

Wieder schwieg Siftly und sah starr eine Weile vor sich nieder. Endlich flüsterte er:

»Und wo finden wir beide uns später wieder?«

»Wir beide?« sagte Smith erstaunt. »Hier! Wo sonst? Sollten wir etwa einen ungerechten Verdacht gegen uns erwecken? Ich würde retten, was zu retten ist, bis zum letzten Augenblick.«

Die beiden würdigen Freunde wechselten dabei nur einen einzigen Blick, aber der war vollkommen genügend zur Verständigung.

»Würden Sie es vorziehen, einige Tage nach dem Feuer noch in San Francisco zu bleiben oder nach so schweren Verlusten Ihr Glück lieber einmal in den Minen zu versuchen?« erkundigte sich Siftly. »Es ist nicht außergewöhnlich und keineswegs unmöglich, daß dort ein glücklicher Arbeiter in wenigen Tagen ein Vermögen ausgraben könnte.«

»Davon habe ich auch gehört«, sagte Smith, »und in einem solchen Falle würde ich dort auch mein Glück auf ehrliche Weise mit Spitzhacke und Schaufel versuchen; auch wenn die Aussicht auf Erfolg noch so gering ist.«

»Und in welchen Minen?«

»Die Zeitungen rühmen seit einigen Tagen die neuen Diggings am Yuba als besonders ergiebig«, erwiderte der Lange. »Sie heißen dort in der Umgebung nur die reichen Diggings.«

»Hm – vielleicht entscheide ich mich für den gleichen Platz«, sagte Siftly. »Ich würde mich sehr freuen, in Yuba City wieder mit einem alten Bekannten zusammenzutreffen. Einer allein kann auch nicht mit Erfolg graben, zwei sind wenigstens nötig, um die Maschine zu bedienen.«

»Und haben Sie wirklich Sorge, daß ein Feuer in San Francisco ausbrechen könnte?« sagte Smith nach einer kleinen Pause.

»Man muß für alle Fälle gerüstet sein«, erwiderte vorsichtig Siftly. »Wissen Sie, daß Potters Holzhaus gleich hier oben an der Ecke noch leer steht und erst übermorgen bezogen werden soll? Das Haus liegt noch voll Sägespäne und Latten. Als ich nach Dunkelwerden vorbeiging, brannte aber ein Licht darin.«

»Ein Licht? Also wohnt jemand dort?«

»Nein, der Besitzer sah sich nur einmal um. Ich war einen Augenblick im Inneren und sah nach den Fenstern.«

»Die Sie doch hoffentlich wieder gut verschlossen haben?«

»Versteht sich, Zugluft wäre besonders schlimm, wenn gerade dort ein Feuer ausbricht. Der Wind weht übrigens heute abend gerade von dort herüber, und die geteerten Zeltdächer zwischen dem Gebäude und unserem müßten das Parkerhaus sofort in eine Flammensäule einhüllen. Es wäre schrecklich.«

Der Lange sah nach der Uhr, es war halb drei.

»Wir haben nicht mehr lange Zeit bis zur Morgendämmerung«, sagte er. »Ich denke, wir legen uns am besten noch etwas hin.«

»Ja, ich will auch ins Bett gehen«, erwiderte Siftly.

»Oben in der Stadt?«

»Nein, ich habe es mir anders überlegt. Ich werde mich hier bei Ihnen für die Nacht einquartieren, will aber nur erst noch einmal draußen nach dem Wetter sehen. Ich bin gleich wieder da.«

»Aber Vorsicht! Es schleicht jetzt allerlei Gesindel auf den Straßen umher!« flüsterte Smith.

»Keine Sorge um mich!« nickte der andere. »Ich hin hier bekannt.« Damit warf er seine Zarape über einen der Stühle, verließ langsam den Saal und ging in die dunkle Nacht hinaus, die auf der Plaza lagerte.

Oben in der Pacific Street standen einige von Deutschen bewohnte Häuser – wenn aus Brettern und Latten und mit einem Leinwanddach errichtete Gestelle überhaupt den Namen verdienen. Die Eigentümer hielten es für zweckmäßig, ein großes Schild aufzuhängen, auf dem in englischer und deutscher Sprache den Vorübergehenden die überraschende Nachricht mitgeteilt wurde, daß das eine das ›California-‹, das andere das ›El-Dorado-Hotel‹ sei.

Eines dieser luftigen Gebäude prunkte sogar mit einem ›zweiten Stock‹, zu dem eine hühnerstiegähnliche Treppe hinaufführte. Zollstarke Bretter auf querliegende Latten genagelt, bildeten den Boden und gleichzeitig die Decke des unteren Zimmers. Durch ihr Schwanken warnten sie aber auch die glücklichen Bewohner, ihnen nicht mehr anzuvertrauen, als unbedingt nötig war.

Das zweite Hotel bestand nur aus dem unteren Raum. Es war ein Zwitter aus Zelt und Bude. Rings an den Wänden befanden sich hölzerne Kojen, immer drei übereinander, wie im Zwischendeck eines Schiffes. Andere Zelte und Holzbaracken schlossen sich teils an der Seite, teils im Rücken an. Eine Ordnung beim Aufstellen der Behausungen gab es bislang noch nicht. Nur die abgesteckten Straßen mußten freigelassen werden. Sonst überließ man es den Einwanderern, sich ihren vorläufigen Wohnsitz da zu nehmen, wo sie gerade Platz fanden. Wie sie dann später mit dem wirklichen oder angeblichen Eigentümer des Grundstücks auskamen, war ihre eigene Sache.

Angelockt von den Schildern, hatten sich einige der Passagiere der ›Leontine‹ dort einquartiert. Lamberg, der Hamburger, ebenso Binderhof und der Apotheker Ohlers. Auch Hufner hatte sich hier wieder eingefunden, und Frau Siebert logierte mit ihren drei Kindern ebenfalls in einem kleinen Verschlag des ›California-Hotels‹. Assessor Möhler hatte die nächste Koje als Schutz und Schirm bezogen.

Sie alle waren in den verschiedenen Räumen der Häuser, so gut es eben gehen wollte, untergebracht. Das gemeinsame Abendessen wurde an einem großen, nackten Holztisch eingenommen. Dann zerstreuten sich die meisten wieder in die Stadt, um noch die verschiedenen Spielhäuser und sonstigen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu betrachten. Nach elf Uhr fanden sich aber die meisten wieder in ihrer Wohnung ein, suchten ihren Schlafplatz auf und legten sich hin. Von Bord aus waren sie daran gewöhnt, früh ins Bett zu gehen.

Endlich war alles still. Draußen auf den Straßen konnte man hier und da noch Schritte hören. Einmal fiel auch in einem anderen Stadtteil ein Schuß, aber niemand kümmerte sich darum – was gingen sie andere Leute an. Mehr interessiert waren die Schläfer jedoch bei einem der Mitgäste, der entsetzlich schnarchte. Einzelne, halbunterdrückte Flüche machten schon hier und da dem Herzen eines Nachbarn Luft, aber der Bursche hörte nicht auf. Als das Schnarchen noch schlimmer wurde, rief eine Stimme:

»Gebt doch dem verdammten Bohrkäfer einen Rippenstoß! Donnerwetter, hat der Kerl eine Lunge! Nicht mal beim Atemausstoßen kann man sich erholen, seine Säge ist auf beiden Seiten scharf!«

Die Stimme des Sprechers kam aus der oberen Etage des ›El-Dorado-Hotels‹.

»Er liegt ja gar nicht bei uns!« kam eine Stimme aus der unteren Etage. »Das ist nebenan im ›California-Hotel‹!«

»Der Justizrat ist's!« sagte da vom ›California-Hotel‹ ein anderer. »Hallo, Herr Ohlers, schlafen Sie da oben?«

»Wenn Sie das schlafen nennen, Herr Hufner, allerdings!« erwiderte der Angeredete. »Ich dachte, Sie wären schon über alle Berge und säßen bereits achtzehn bis zwanzig Fuß tief unter der Erde in irgendeinem gemütlichen Goldschacht bei einer Blendlaterne. Darf ich Sie bitten, dem Justizrat einmal in die Rippen zu stoßen? Nur seinetwegen, denn er könnte sich sonst wirklich etwas tun!«

»Damit er uns einen Prozeß an den Hals wirft, was?« näselte da Binderhof aus einer anderen Koje heraus.

»Ah, Herr Binderhof aus Hamburg«, rief Ohlers wieder zurück. »Ich freue mich wirklich über Ihre Nachbarschaft. Alle Wetter, da fängt auch das Kind noch an zu schreien. Das hat der Justizrat auf dem Gewissen.«

»Bitte, meine Herren, seien Sie ruhig«, bat da Assessor Möhler in freundlichem Ton. »Die arme Frau Siebert kann nicht schlafen, und der Kleine ist ebenfalls wieder munter geworden.«

»Bitte, Herr Assessor, gehen Sie doch mit dem Wurm etwas auf und ab. Er wird sich gleich wieder beruhigen!« rief da eine andere Stimme, die aus dem Haus rechts vom ›California-Hotel‹ zu kommen schien.

»Ist das nicht der Herr Lamberg?« erkundigte sich Ohlers.

»Zu Diensten, Herr Ohlers!« antwortete der. »Pacific Street Nr. 17, Parterre. Sie haben Nr. 19, wenn ich mich nicht irre.«

»Hab mir die Hausnummer noch nicht angesehen«, erwiderte Ohlers. »Sie wohnen im ›California-Hotel‹?«

»Bitte um Verzeihung, noch ein Haus weiter, aber gerade daneben. Ich bin in einer Privatfamilie untergekommen, bei einem verwitweten Hutmacher. Übrigens möchte ich auch den Antrag an das ›California-Hotel‹ unterstützen, den Justizrat zum Schweigen zu bringen. Es ist gegen alles Völkerrecht.«

»Wenn der Assessor nur das Kind beruhigen wollte, wozu ist er denn da?« näselte da wieder Binderhof aus dem Parterre des ›El-Dorado-Hotels‹.

»Herr Binderhof, ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten!« sagte aber der Assessor. Ohlers unterbrach ihn jedoch und rief in seine Parterrewohnung hinunter:

»Wenn Sie das alles so genau wissen, Herr Binderhof, dann können Sie uns vielleicht auch mitteilen, wozu Sie eigentlich da sind. Ich habe mir darüber schon während der ganzen sechsmonatigen Reise den Kopf zerbrochen.«

Aus allen drei Häusern erscholl gleichzeitig lautes Gelächter und erstickte die Antwort. Andere Schläfer, die von dem Lärm geweckt wurden, protestierten jetzt gegen einen solchen Lärm in der Nacht und verlangten Ruhe. Besonders eifrig dabei war der eben erwachte Justizrat, der lospolterte:

»Donnerwetter – Skandal – Flegel – andere Leute schlafen lassen!«

Die meisten wußten aber, daß er gerade der Schnarcher gewesen war, und jetzt fielen alle über ihn her und lachten und tobten, bis sogar die Nachbarn vom anderen Ende der Straße Ruhe verlangten. Endlich legte sich der Lärm etwas, die Leute wurden müde. Nur das Kind schrie noch, das der Assessor wirklich im Zimmer herumtragen mußte. Auch das schlief endlich ein, der Justizrat lag wahrscheinlich auf der Seite, denn er schnarchte nicht mehr. So still wurde es in der Stadt, daß man drüben von den Küstenbergen herüber deutlich die Kojoten und die großen braunen Wölfe heulen hören konnte.

Es war Mitternacht. Jetzt stieß einer der alten braunen Burschen einen langgezogenen, kläglich tönenden Schrei aus, und die vielen kleinen grauen Präriewölfe oder Kojoten fielen in wildem Geheul mit ein. Es wurde von verschiedenen Seiten beantwortet und klang wild und unheimlich zu dem fernen Rauschen der Meeresbrandung. Auch das Geheul der Wölfe, die sich in die Missionsberge verzogen hatten, verstummte endlich. Der Mond war schon lange untergegangen, und tiefe, dunkle Nacht lag auf der stillen, schlummernden Stadt.


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