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2. Das goldene Tor

Sonnenlicht und klar brach der nächste Morgen an. Kaum warf aber der erste Dämmerschein seinen mattgrauen Strahl über die ruhig wogende See, als das Deck der ›Leontine‹ schon von Passagieren wimmelte. »Da liegt das Land! Da ist Kalifornien!« schoß der Ruf wie ein Lauffeuer durch das ganze Zwischendeck.

Der Kapitän hatte die erste Hälfte der Nacht so weit wie möglich vom Land abgehalten, nach acht Glasen aber (um Mitternacht) ließ er die oberen Segel abnehmen, um nicht zuviel Fortgang zu machen. Dann segelte er gerade wieder auf die Küste zu, um bei vollem Tag nahe genug zu sein. Bei dem ruhigen Wetter hatte er auch nichts für sein Schiff zu befürchten. Mit anbrechendem Morgen lag er kaum zwei englische Meilen von der Küste entfernt. Jetzt, bei guter Sicht der Brandung, lief er nach Norden auf.

Acht verschiedene Fahrzeuge konnten sie um sich zählen. Einige waren noch weiter südlich, andere weiter oben im Norden, einzelne noch draußen in See. Keines von ihnen schien aber die Einfahrt zu kennen.

»Hallo!« schrie da plötzlich der Obersteuermann, der in das Marssegel geklettert war, um einen besseren Überblick zu haben. Er deutete mit dem Arm nach der schroffen Felsküste hinüber. »Was ist das da drüben?«

»Wo? Was gibt es dort?« rief der Kapitän, der mit dem Fernglas in der Hand auf dem Quarterdeck stand. Er zog das Teleskop auseinander und sah hinüber.

»Ein Segel, so wahr ich lebe, das gerade aus dem Felsen herauskommt«, rief der Seemann fröhlich zurück. »Da muß die Einfahrt sein! Sehen Sie da drüben den flachen Felsenkegel, Kapitän, mit scharf ausgezackter Wand daneben?«

»Ich hab's!« rief der Kapitän zurück, und der Steuermann ergriff ein neben ihm hängendes Seil, um blitzschnell an Deck zu gleiten. Langes Ausschauen war nicht mehr nötig. Der Kapitän hatte mit seinem guten Fernrohr die schmale Felsschlucht ermittelt, aus der gerade jetzt das helle Segel sichtbar wurde. Im Nu flogen die Rahen herum, und der Bug strebte der ersehnten und lange gesuchten Einfahrt entgegen. Auch die anderen Fahrzeuge hatten aufgepaßt. Als sie die plötzliche Kursänderung der ›Leontine‹ bemerkten, änderten sie auch alle ihren Kurs. Vielleicht hatten sie auch schon das Segel entdeckt und dort die Einfahrt vermutet. Je näher man jetzt der Küste kam, um so deutlicher erkannte man, daß sich dort die schroffen Felsen trennten und einen schmalen, kanalartigen Eingang bildeten. Gerade in diesem Augenblick kam noch eine amerikanische Brigg heraus, und sie wußten nun, daß sie wirklich vor dem Golden Gate, dem Goldenen Tor, Kaliforniens lagen.

Das war ein Jubel an Bord, als sich die Passagiere plötzlich ihrem Ziel so nahe sahen! Alles drängte nach vorn, das so lange ersehnte Ufer endlich begrüßen zu können oder um wenigstens zu den hohen, kahlen Felsen zu starren, die rechts und links die Einfahrt bezeichneten. Zwischen den Passagieren, die überall im Wege standen, preßten und schoben fluchend die Matrosen. Wo das nicht genügte, machten sie ohne weiteres von ihren Fäusten Gebrauch, bis sie genug Raum für ihre notwendigen Arbeiten hatten.

Jetzt, wie mit einem Zauberschlag, klafften die beiden schroffen Felsenwände zurück. Das Fahrzeug schoß, von Wind und Flut begünstigt, rasch durch die enge Straße. Weit voraus öffnete sich das herrliche, großartige Wasserbecken der Bai von San Francisco. An der rechten Seite konnten sie, von einer vorspringenden Landzunge geschützt, den Mastenwald der dort ankernden Schiffe erkennen. Das war ein Drängen und Fragen und Jubeln und Laufen an Bord! Immer mehr entfaltete sich das Leben der Bai vor ihren Augen, aber zum Antworten hatte niemand mehr Lust oder Zeit. Jeder wollte nur sehen und genießen. Gerade voraus enthüllte sich mit jeder Schiffslänge mehr das eigentliche Ziel der langen Fahrt, die Hauptstadt ihrer goldenen Träume, San Francisco.

Noch konnten sie erst einzelne, verstreute Häuser und Zelte auf den nächsten Hügeln erkennen. Plötzlich aber, als sie die Spitze der Landzunge umfuhren, lag die merkwürdigste Stadt der Erde in ihrer ganzen Ausdehnung vor ihnen. Im Vordergrund lagen Hunderte von abgetakelten Schiffen, den Hintergrund bildeten kahle Berge. Der niederrasselnde Anker – die herrlichste Musik nach so langer Fahrt – brachte sie auch erst wieder richtig zu sich und verkündete ihnen, daß ihr passives Leben, das sie fast ein halbes Jahr geführt hatten, jetzt einem abwechslungsreichen Platz machen müsse.

Der Anker faßte – das Hinterteil ihres Fahrzeugs schwang herum, den Bug jetzt wieder der Einfahrt zugekehrt. Zu gleicher Zeit fielen die Rahen und flatterten die gelösten Segel. Die Matrosen kletterten nach oben, um die in der scharfen Brise wehende Leinwand zu beschlagen. Das Manöver, das sonst die volle Aufmerksamkeit der Passagiere hatte, blieb jetzt völlig unbeachtet. Da draußen war mehr zu sehen, als ihnen ihr eigenes Schiff und die Besatzung bieten konnten. Wer nicht gerade damit beschäftigt war, sein eigenes Gepäck zusammenzuraffen, stand an der Schanzkleidung und sah zu dem lärmenden Leben und Treiben der Bai hinüber.

Vielleicht zweihundert Schritt von der ›Leontine‹ lag eine Bremer Barke, die ebenfalls gerade erst eingelaufen war. Sie hatte ein flaches Boot längsseits, in das die Seeleute die Gepäckstücke der Passagiere hinabließen. Das Fahrzeug war geräumig genug, um eine ziemlich schwere Last und eine Anzahl von Menschen zu fassen. Kisten und Kästen, Ballen, Fässer, Koffer und Hutschachteln standen schon in großer Menge weggestaut. Die bunt zusammengewürfelte menschliche Fracht hütete ihr Eigentum und wartete auf den Moment des Abstoßens.

Fast alle waren bis an die Zähne bewaffnet mit Flinten, Pistolen, Säbeln und Dolchen. Ganze Bündel Spaten, Spitzhacken und Brecheisen lagen ebenfalls in dem Boot aufgeschichtet. Ein paar matrosenähnliche Burschen mit roten, chinesischen Schärpen und Strohhüten auf, aber unbewaffnet, schienen die Führer des kalifornischen Bootes zu sein.

»Alle an Bord?« rief jetzt der Steuermann der Bremer Barke vom Deck hinunter.

»Alle – Gott sei Dank, daß wir dieses nichtsnutzige Schiff hinter uns haben!« schrie einer der Passagiere.

»Ihr werdet froh sein, wenn ihr hier trockenes Brot zu kauen habt!« rief der Kapitän vom Quarterdeck.

»Und das wird uns schmecken, wenn wir Ihre Fratze dabei nicht mehr sehen müssen, Kapitän Meier!« lautete die wenig schmeichelhafte Antwort.

»Werft die Falle da los!« tönte der Ruf des Steuermanns über Deck. »Na, was soll das? Was schleppt ihr das Boot noch weiter nach vorn? Hinunter mit den Tauen!«

»Jawoll, Stürmann!« lachte einer der Matrosen. »Alles in Ordnung – soll gleich besorgt sein!«

»Halt! Was werft ihr da noch hinunter?« schrie der Steuermann plötzlich, als sechs oder acht weißleinene, festgeschnürte Säcke in das Boot hinabflogen. »Was ist das? Was geht da vor?«

»Nichts, mein Herzchen, nur unsere Garderobe«, lautete die Antwort des Matrosen zurück. Wie die Katzen folgten ebenso viele Seeleute ihrem vorangegangenen Eigentum in das Boot.

»Halt, Donnerwetter, das wird zuviel! Wir sinken!« riefen die beiden Eigentümer.

»Gottbewahre, Kameraden. Stoßt ab! Ahoi!« Damit stemmten sie sich gegen die Außenwand ihres Schiffes und schoben das vierkantige Fahrzeug ein Stück in das offene Wasser hinaus. »Ihr dürft nicht abstoßen! Bleibt hier! Halt! Meine Jolle hinunter!« schrie und tobte der Kapitän auf seinem Deck herum. Die Flucht seiner Leute direkt vor seinen Augen war für ihn kein Spaß. Die Bootsführer kümmerten sich aber wenig um seine Ausrufe. Sie bekamen von jedem Kopf, den sie mehr hinüberbrachten, einen Dollar extra, und dann waren sie selbst weggelaufene Matrosen, die andere Kameraden nicht so leicht im Stich ließen. Sie führten zwar nur zwei Ruder, und das Boot ging so schwer im Wasser, daß sie entsetzlich langsam damit fortrücken konnten. Aber das Land war auch nicht weit entfernt. Das erst erreicht, und alle Kapitäne der Bai hätten sie nicht wieder holen können.

Kapitän Meier dachte nicht daran, sie erst bis ans Land zu lassen. Er hoffte immer noch, genug Autorität über seine Leute zu besitzen, um sie vorher zurückzuholen.

Rasch sank seine schon bereitgehaltene Jolle auf das Wasser. Mit seinen beiden Steuerleuten, dem Zimmermann und dem Koch setzte er den Flüchtlingen nach, die er auch bald eingeholt hatte. Das viereckige, kastenartige Fahrzeug war gerade vor dem Bug der ›Leontine‹ vorübergefahren, und zwar so dicht, daß das eine Ruder die angespannte Ankerkette streifte. Da schoß die leichtgebaute Jolle heran, und der Kapitän beorderte seine Leute barsch zu sich an Bord herüber. Sein Empfang war aber nicht ermunternd.

»Komm herüber und hol uns, Schatz!« riefen ihm die Matrosen höhnend zu. Die Passagiere überhäuften ihren Schiffsführer mit Schmähungen. Alle nur denkbaren Schimpfwörter wurden gegen ihn geschleudert. Dabei blieb es nicht, denn Stückchen mit hartem Zwieback flogen gegen ihn, und mit den Blechbechern schöpften einige Wasser und gossen es nach ihm.

Kapitän Meier sah ein, daß da mit Gewalt nichts zu machen war. Er ließ den Bug des Schiffes herumwerfen und hielt, so schnell es ging, auf die nächste Landung zu. Wahrscheinlich wollte er dort gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn das seine Absicht war, kam er jedenfalls zu spät, denn das Lichterboot gelangte bald darauf an eine Stelle, wo die Matrosen bequem an Land konnten. Sie schulterten ihre Säcke, zahlten ihr Überfahrtsgeld und waren im nächsten Augenblick im Gewühl am Ufer verschwunden. Das Boot ruderte jetzt langsam dem gewöhnlichen Landungsplatz entgegen.

Es schien so, als wollte der Kapitän der ›Leontine‹ seinem Kollegen zu Hilfe eilen. Er besann sich dann jedoch und mischte sich nicht in die Auseinandersetzung, denn ein günstiger Ausgang wäre sehr zweifelhaft gewesen.

Die Passagiere und besonders die Matrosen hatten dieser Szene mit großem Interesse zugeschaut. Wie auf Verabredung stockten alle Arbeiten. Der Kapitän selbst vergaß ganz, daß sich die eigenen Leute vielleicht daran ein Beispiel nehmen könnten. Als die Deserteure mit Jubel den Abhang hinunterliefen, rief er seine Mannschaft mit lauter und barscher Stimme an die Arbeit zurück. Dadurch wurden auch die Passagiere gemahnt, ihre Zeit nicht nutzlos zu vergeuden. Dort drüben lag Kalifornien, und alles drängte und schrie durcheinander nach einem Boot, um das Schiff so schnell wie möglich zu verlassen.

Die Auswanderer nach Nordamerika oder Australien scheuen sich, ihr Schiff gleich am ersten Tag der Ankunft zu verlassen. Sie wollen sich doch erst einmal umsehen und den Boden kennenlernen, auf dem sie ihre neue Heimat gründen wollen. Aber hier suchte sich alles rücksichtslos eine Gelegenheit, schnell an Land zu kommen, Boden zu gewinnen, den man mit Spaten und Spitzhacke bearbeiten konnte. Daß dort Gold lag, verstand sich von selbst. In diesem Drängen konnte sich natürlich keiner um den anderen kümmern. So geschah es denn auch, daß Frau Siebert, der man bis dahin jede Freundlichkeit erwiesen hatte, allein und unbeachtet mit ihren drei Kindern an Deck stand. Mit klopfendem Herzen sah sie auf die Bai, von wo sie jeden Augenblick das Boot ihres Mannes erwartete. Das geankerte Schiff zeigte schon lange die Hamburger Flagge, er wußte, daß sie von dort um diese Zeit eintreffen mußte, und hatte sicher schon seit Wochen auf sie und die Kinder gewartet. Er hatte ja auch in seinem Brief versprochen, sie gleich von Bord abzuholen – aber er kam nicht.

Nur der alte Assessor Möhler war bei ihr geblieben. Er sorgte sich um das jüngste Kind, das in der allgemeinen Verwirrung an Deck vielleicht zu Schaden kommen könnte. Dann sagte ihm auch ein nicht gerade ermutigendes Gefühl, daß er immer noch früh genug das fabelhafte Land betreten würde. So gab er der Frau Schutz und suchte zugleich auch bei ihr Schutz. Er glaubte auch, daß er unter keinen günstigeren Umständen die Bekanntschaft des reichen Kaliforniers machen konnte.

Eine große Anzahl der kleinen Boote kreuzte herüber und hinüber zwischen den verschiedenen Schiffen und dem Land, oft dicht auch an ihrem Schiff vorbei. Wenn sie angerufen wurden, schüttelten sie den Kopf oder antworteten nicht, sie hatten ein anderes Ziel. Was kümmerten sie die Neuangekommenen, denen Schiff auf Schiff folgte. Nur ein paar leere Boote, von einzelnen Männern gerudert, legten längsseits, um Passagiere mit hinüberzunehmen. Es waren Amerikaner, die sich mit ihren eigenen Booten auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Passagiere wunderten sich darüber, solche Leute noch hier zu finden. Warum waren die nicht oben in den Minen und gruben Gold?

Mr. Hetson hatte seit dem Passieren des Goldenen Tores das Deck noch keinen Augenblick verlassen. Er rief jetzt eines der Boote heran und mietete es für einen enormen Preis für seine Frau und sein Gepäck. Andere Boote wurden von den übrigen Kajütpassagieren in Beschlag genommen. Mehrere Stunden mochten vergangen sein, als das viereckige, kastenähnliche Fahrzeug, das den Matrosen der Bremer Barke zur Flucht verholfen hatte, zwischen den Schiffen sichtbar wurde und auf sie zuhielt.

Der Kapitän der ›Leontine‹ war inzwischen schon lange mit seiner eigenen Jolle an Land gefahren, und der Steuermann wollte das gut gemerkte Fahrzeug nicht anlegen lassen. Den Passagieren brannte aber das Deck unter den Füßen, und sie drohten dem Seemann, ihn über Bord zu werfen, wenn er ihnen verbieten wolle, das Schiff zu verlassen. Das leichte Boot nahm übrigens keinerlei Notiz von den drohend hinübergerufenen Worten des Offiziers. Einige Passagiere warfen Taue hinunter, und die Matrosen sahen tatenlos zu. Alle, die ihr Gepäck schon bereit hatten, reichten Koffer und Kisten hinunter. Dann kletterten sie, so schnell sie konnten, hinterher. Von dem Treiben völlig unberührt, stand Frau Siebert an Bord und hatte nur Augen für die vom Land abstoßenden Boote, um dann immer wieder enttäuscht zu werden. Der alte Assessor sprach ihr ständig Mut zu und bat sie, nicht ungeduldig zu werden. In dem Wirrwarr an Land hätte Herr Siebert die Ankunft ihres Schiffes übersehen können. Wenn er aber darauf gewartet habe, dann hätte er auch die ihnen folgende Flotte bemerken müssen. Noch eine Hamburger und eine Bremer Flagge wehten von deren Masten, und es wäre doch möglich, daß er zuerst zu den falschen Schiffen gefahren sei. Die Frau nickte schweigend. So zuversichtlich sie bislang aufgetreten war, so beengend war jetzt das Gefühl, das sie, eingenommen hatte. Sie kam sich einsam und verlassen in dem fremden Land vor. Natürlich wußte sie, daß das ja nur für ein paar Stunden dauern mußte, aber sie hatte sich den Empfang doch anders ausgemalt. Sie hatte gehofft, daß ihr Mann an Bord springen würde, solange noch alle Passagiere versammelt waren, um sie dann im Triumph an Land zu bringen. Und jetzt – ein Boot nach dem anderen glitt an ihnen vorüber, und in keinem war der so heiß Erwartete.

Der Eigentümer des viereckigen Lichterboots war mit an Bord gekommen und lehnte an der Schanzkleidung. um das Einladen der Fracht zu überwachen. Was sonst an Bord vorging, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren, denn er hatte nur Augen für die auf seinem Boot eingestauten Güter. Der Assessor stand kaum zwei Schritt von ihm entfernt, aber der Bootsmann drehte ihm den Rücken zu und überhörte auch ein paar höflich an ihn gerichtete Fragen des alten Mannes. Wer von ihm etwas erfahren wollte, mußte laut sprechen.

»Heda, Hans!« rief er da plötzlich in deutscher Sprache einem der Männer im Boot zu. »Donnerslag, pack nich alles da hinüber nach Stürbord. Du willst uns woll den Kasten umdrehn?«

»Aber die Passagiere...?« rief der Mann zurück.

»Die sollen sehen, wo sie Platz finden!« lautete die Antwort. »Hinüber damit, Junge, wir können ja sonst das eine Ruder nicht führen!«

»Verzeihen Sie«, faßte sich der Assessor jetzt ein Herz, als er den Mann deutsch sprechen hörte. Er klopfte ihm leicht auf die Schulter.

»Ja?« sagte der Seemann und drehte den Kopf nach ihm um.

»Kennen Sie einen Herrn Siebert hier in Kalifornien?« erkundigte sich der Assessor. Er war jetzt fest entschlossen, die Sache aufzuklären. Die Frau horchte auf, als sie den Namen hörte.

»Ja, guter Mann, Kalifornien ist groß, und da mögen schon einige Siebert herumlaufen. Einen Gottlieb Siebert habe ich allerdings gekannt, wenn es der sein soll?« antwortete der Bootseigentümer und sah wieder aufmerksam zu seinem Fahrzeug.

»Gottlieb heißt mein Mann!« rief da die Frau und trat rasch auf den Bootsführer zu. »Kennen Sie den, guter Freund, und ist er in San Francisco?«

»Hm«, sagte der Mann und drehte sich nach ihr um. »Sie sind seine Frau? Ja, ich weiß, er hat sie von Deutschland erwartet.«

»Ist er in San Francisco?« bat die Frau.

»Jedenfalls nicht weit davon«, murmelte der Deutsche leise vor sich hin und spuckte seinen Tabaksaft über Bord. »Tut mir leid, Madame, den... haben wir vorgestern begraben.«

»Begraben?« schrie die Frau und faßte in Todesangst den Arm des Mannes, der ihr die furchtbare Nachricht übermittelt hatte. Selbst der Assessor setzte das kleine Kind, das er bislang auf dem Arm hatte, auf das Deck, denn er befürchtete, daß er es fallen ließe. Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren. Der Deutsche nickte und sagte:

»Ja, tut mir leid, aber... Sie hätten es ja doch erfahren müssen, und so ist es vielleicht besser, Sie hören es gleich von Anfang an. Er ist an einer Art Ruhr gestorben, und die Sache muß entsetzlich schnell gegangen sein. Abends waren wir noch zusammen, am anderen Morgen lag er tot in seinem Bett.«

Frau Siebert war in die Knie gesunken und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ein paar Passagiere kamen näher, um zu erfahren, was passiert sei.

»Siebert ist tot!« ging da die Nachricht von Mund zu Mund. »Na, das ist eine schöne Geschichte – die arme Frau, die sitzt jetzt da. Was ist aus seinem Gold geworden?«

Der Deutsche zuckte die Achseln.

»Es sind böse Zustände hier in Kalifornien«, meinte er. »Es sollte mir lieb sein, wenn seine Frau noch etwas davon fände, aber... es sind schon zwei Tage vergangen. Na, jetzt fragt mal in Nergels deutschem Boarding-Haus nach. Halt, da, Hans... nimm nichts mehr ein – wir haben genug! Was jetzt nicht mitkann, muß bis zur nächsten Fuhre warten. Runter mit euch, wer mitfahren will, wir stoßen jetzt ab, und wer nicht drin ist, bleibt zurück!«

Der Mann schwang sich dabei auf die Schanzkleidung und hinüber. Er wollte eben nach unten gleiten, als der Assessor noch einmal seinen Arm ergriff.

»Wie hieß das Haus, das Sie uns nannten? Wo hat Siebert gewohnt?« fragte er rasch und ängstlich.

»Nergels Boarding-Haus«, lautete die kurze Antwort. »In der Pacific Street.« Im nächsten Augenblick war er unten bei seinen Leuten. Ihm drängten die Passagiere nach, die ihre Sachen bereits im Boot hatten. Andere winkten ein ähnliches Boot heran, das gerade vorüberfuhr und dem Ruf folgte. Schließlich fuhren sie in der Bucht nur umher, um Passagiere und Güter von den frisch eingelaufenen Schiffen an Land zu befördern. Um die Frau kümmerte sich niemand mehr, auch wenn sie der Meinung waren, daß es wohl schlimm für sie wäre, ohne Mann allein in Kalifornien zu sitzen. Aber sie hatten alle viel zuviel mit sich selbst zu tun und konnten ja doch nichts an ihrer Lage ändern.

Nur der alte Assessor war zurückgeblieben. Als das zweite Lichterboot von Bord abstieß, kauerte Frau Siebert immer noch auf dem Deck, das Gesicht hinter ihren Händen versteckt. Der alte Mann stand neben ihr, hielt das jüngste Kind auf dem Arm und zeigte ihm die lebendige Bai. Das Herz blutete ihm, als er dem Kind das rege, lustige Treiben da drüben zeigte, um es abzulenken.


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