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Sechstes Kapitel.

Arbeit in Genua: Palazzo Peschiere.
1844.

In der letzten Septemberwoche zogen sie von Albaro nach Genua, inmitten eines heftigen Gewitters, unter lautem Donnergetöse, unaufhörlichen Blitzen und in dicken Wolken herabströmenden Regens. Aber der schlimmste Theil des Gewitters war vorüber, als sie den Palazzo Peschiere erreichten. Indem sie über die stattlichen alten Terrassen, die auf beiden Seiten mit antiken Statuen besetzt waren, hineinzogen, spielten sämmtliche sieben Springbrunnen in dem Garten und die Sonne schien hell auf seine Camelienhaine und Orangenbäume.

Zeichnung des Palazzo Peschiere (Genua) von Batson

Zeichnung des Palazzo Peschiere (Genua)

von Batson

Es war ein wunderbares Gebäude und ich wurde bald vertraut mit den Räumen, welche für den Rest ihres Aufenthalts in Italien ihre Heimath bilden sollten. In der Mitte war die große Sala, fünfzig Fuß hoch, von größerem Flächeninhalt als »der Speisesaal der Kunstakademie,« und an Wänden und Decke mit dreihundert Jahre alten Freskobildern bemalt, »die noch ebenso frisch waren, als wären die Farben gestern aufgetragen.« In demselben Stockwerk wie diese große Halle befanden sich ein Gesellschaftszimmer und ein Eßzimmer, beide ebenfalls mit heitern Fresken bedeckt, und beide von so schönen Verhältnissen, daß ihre Größe den Eindruck von Behaglichkeit hervorbrachte. Sehr groß, wirst Du sagen und sehr öde; aber in Wahrheit ist es nicht so. Die Gemälde sind so frisch und die Verhältnisse so gefällig, daß sie nicht bloß einen heitern, sondern einen gemüthlichen Eindruck hervorbringen . . . Wir werden etwas belästigt durch Gesuche von Fremden, die das Innere besichtigen wollen. Die Gemälde wurden von Michel Angelo entworfen und sind sehr berühmt . . . Einige dieser Fresken zählte Wilson in seinem Bericht an die Commission für die schönen Künste den besten in Italien zu . . . Ich gab gestern einer Gesellschaft von Priestern Erlaubniß, die große Halle zu sehen. Sie befindet sich im besten Zustande und die Thüren schließen beinahe – eine wunderbare Thatsache. Ich wollte, Du könntest sie sehen, mein lieber F. Guter Gott! Wenn Du nur mit mir zurückkommen könntest, würde ich nicht bald vor Deinem erstaunten Auge auftauchen?« (6. Oktober). Aus diesen öffneten sich drei andere Räume, die in Schlafzimmer und Kinderstuben verwandelt wurden. An den Saal, links und rechts, stießen die beiden besten Schlafzimmer; »an Größe und Gestalt wie die in Windsor-Castle, aber bedeutend höher;« beide hatten Altäre, eine Reihe von drei Fenstern mit steinernen Balkonen, Fußböden mit gewürfeltem Muster aus schwarzen und weißen Steinen und von oben bis unten bemalte Wände: links Nymphen von Satyrn verfolgt, »in Lebensgröße und Leichtfertigkeit«; rechts Phaëton, »über Lebensgröße, mit Pferden größer als unsere Londoner Brauerpferde, niederfallend in das beste Bett«. In dem Zimmer zur Rechten schlief er mit seiner Frau, das zur Linken machte er zu seinem Arbeitszimmer. Er schrieb dort hinter einem großen Schirme, den er hineingeschleppt und an eins der Fenster gestellt hatte, von wo er, wenn er schrieb, die Stadt bis an den Leuchtthurm im Hafen überblicken konnte. Etwa eine halbe Stunde entfernt wie ein Vogel fliegt, fünfmal in vier Minuten Licht versendend und in dunkeln Nächten wie durch Zauberei bei seinem jedesmaligen Aufflammen die ganze Vorderseite des Palastes erleuchtend, war dieser Leuchtthurm eins der Wunder von Genua.

Als Alles ihm vertraut geworden war, sprach er sich gern über seine Schönheit aus, und sogar der öde Klang des Singens bei benachbarten Messen, der überall durch die offenen Fenster hineinzog und ihm zuerst höchst lästig gewesen war, bekam allmälig seinen Reiz. Ich entsinne mich einer lebhaften Schilderung, die er mir von einem großen Fest auf dem Hügel hinter dem Hause machte, wo die Leute abwechselnd unter Zelten im Freien tanzten, und in eine von Roth und Blau und Gold und Silber glänzende anstoßende Kirche stürzten, um ein paar Gebete zu sagen, so viele Minuten für den Tanz und so viele für das Gebet, in regelmäßiger Abwechselung. Aber die Aussicht nach Genua hinüber, an hellen klaren Tagen, war ein immer neuer Genuß. Die ganze Stadt lag dann, ohne ein Rauchstäubchen und mit den mannigfaltigsten Thürmen und Kirchen zum Himmel emporweisend, unter seinen Fenstern ausgebreitet. Rechts und links waren hohe Berge, jede Furche ihrer schroffen Abhänge deutlich erkennbar, und auf einer Seite des Hafens erstreckte sich weit in die dämmernde Ferne die ganze Riviera, deren erster höchster Bergzug von Schnee glänzte. An einem Frühlingstage schrieb er mir über das Meer und den Garten wie folgt: »Jenseits der Stadt liegt die weite Fläche des Mittelländischen Meeres, in diesem Augenblicke so blau wie das reinste und lebhafteste Ultramarin auf Mac's Palette, wenn es frisch aufgelegt ist, und am Horizont ein Hauch von Roth, den man nirgends sieht wie hier. Unmittelbar unter den Fenstern liegt der Garten des Hauses, wo die Goldfische in den Springbrunnen schwimmen und untertauchen, und weiter unten, am Fuße eines steilen Abhangs, der öffentliche Garten und Fahrweg, wo die Wege durch Hecken von rothen Rosen angedeutet sind, die durch die grünen Bäume und Weinreben bis dicht an die Balkone dieser Fenster herüberleuchten. Die Schönheit des Anblicks kann durch keine Gewohnheit verringert, durch keine Schilderung gesteigert werden.«

Aber alle diese und andere Pracht und Schönheit ergriff ihn nicht mit einemmale. Sie bedeutete wenig für ihn, als er zuerst ernsthaft zu schreiben anfing. »Nie vorher bin ich so auf einer Schwelle gestolpert. Mir ist, als hätte ich mich aus meinem heimischen Boden gerissen, indem ich Devonshire-Terrace verließ, und als könne ich nicht wieder Wurzel schlagen, ehe ich dorthin zurückkehre . . . Habe ich Dir gesagt, wie viele Springbrunnen wir hier haben? Es ist einerlei. Wenn sie Nektar ausströmten, würden sie mir nicht halb so gut gefallen als die West Middlesex-Wasserleitung in Devonshire-Terrace.« Den Gegenstand für seine neue Weihnachtsgeschichte hatte er gewählt, aber er hatte noch keinen Titel dafür gefunden und keine Maschinerie womit er arbeiten konnte, als, in dem Augenblick wo er in größter Bedrängniß schien, beides ihm zu Theil wurde. Eines Morgens hatte er sich hingesetzt, zur Arbeit entschlossen, obschon gegen seine Neigung, denn Alles lud zum Müßiggange ein, als ein solches Läuten von Glocken sich aus der Stadt erhob, daß es ihn fast »toll machte«. Ganz Genua lag unter ihm, und daraus hervor, mit einem plötzlichen Luftzuge, kam ihm in einem furchtbaren Tone das Klingen und Schallen aller seiner Kirchthürme in die Ohren geströmt, immer wieder, mit einer melodielosen, widrigen, mißtönigen, ruckweisen, häßlichen Erschütterung, die »seine Gedanken im Kreise um und um trieb, bis sie sich in einem Wirbel von Verdruß und Schwindel verloren und todt niederfielen«. Nie vorher hatte er so gelitten und nie litt er wieder so; dies aber war die Beschreibung, die er mir am folgenden Tage davon machte und seine Entschuldigung, daß er sein Versprechen, mir seinen Titel zu schicken, nicht erfüllte. Aber nur zwei Tage später kam ein Brief, worin nichts geschrieben war als: »Wir haben um Mitternacht das Glockenspiel gehört, Master Shallow!« und ich wußte, daß er gefunden hatte was er suchte.

Noch andere Schwierigkeiten mußten überwunden werden. Er sehnte sich nach den Londoner Straßen. Er entbehrte seine gewohnten langen nächtlichen Spaziergänge, ehe er etwas anfing, so sehr, daß es ihm, wie er sagte, schien, als sei er mit Schweigen geschlagen. »Ich kann nicht umhin, an den Jungen in der Schule zu denken, dem Walter Scott und seine Freunde den Knopf abschnitten. Stelle mich um acht Uhr Abends auf Waterloo Bridge hin, mit der Erlaubniß umherzuschweifen so lange ich will, und ich würde, wie Du weißt, voll von Ungeduld weiter zu schreiben, nach Hause kommen. Jetzt ist mir traurig seltsam zu Muthe, und ich kann die rechte Stimmung nicht finden. Du wirst eine Menge hastig hingeworfene Billette von mir bekommen, während ich an der Arbeit bin; aber Du kennst Deinen Mann, und was mir in den Sinn kommt, werde ich gerade so gegen Dich loslassen, als wäre ich in Devonshire-Terrace. Es ist eine große Sache, daß ich meinen Titel habe und weiß, wie ich die Glocken in Anwendung bringen werde. Sie mögen mir jetzt von allen Kirchen und Klöstern in Genua entgegentönen – ich sehe nichts als den alten Londoner Glockenthurm, in den ich sie hineingesetzt habe. In meines Geistes Auge, Horatio. Mein Gedanke, in diesem kleinen Buche einen großen Schlag für die Armen zu führen, gefällt mir mehr und mehr. Etwas Kraftvolles kann ich, glaube ich, thun; aber ich muß auch zart sein und heiter, in dieser Beziehung dem Carol so ähnlich als möglich, und doch wieder so unähnlich als möglich. Die Dauer der Handlung wird etwas daran erinnern, aber ich denke die Neuheit des Gegenstandes wird das vergessen lassen, und wenn mein Plan überhaupt etwas ist, so packt er die Zeit recht eigentlich an der Kehle.« (8. Oktober).

Während er so seiner Arbeit zugewandt war, für die er nie in ernsterer Stimmung gewesen, störte ihn die Kunde, daß er dem Levée des Gouverneurs beiwohnen müsse, der unerwartet in der Stadt angekommen war und, wie Dickens' excentrischer Freund Fletcher erklärte, es als eine Beleidigung betrachten würde, wenn er ihm nicht sofort diesen Beweis von Höflichkeit gebe. »Es war der Morgen, an welchem ich anfangen wollte; ich schrieb daher an unsern Consul« – natürlich mit der Bitte, ihn bei dem Gouverneur zu entschuldigen. Beunruhigen Sie sich, erwiederte dieser verständige Beamte, um keinen Consul oder Gouverneur in der Welt, sondern schließen Sie sich unter allen Umständen ein. »So,« fährt Dickens in seiner Erzählung an mich fort, »ging er am folgenden Morgen in großem Staat und voller Amtskleidung hin, um zwei englische Herren vorzustellen. ›Wo ist der große Dichter?‹ sagte der Gouverneur. ›Ich will den großen Dichter sehen.‹ – ›Der große Dichter, Excellenz,‹ sagte der Consul, ›arbeitet eben an einem Buche und bat mich, ihn zu entschuldigen.‹ – ›Entschuldigen!‹ sagte der Gouverneur. ›Ich möchte ihn um keinen Preis in einer solchen Arbeit stören. Sagen Sie ihm gefälligst, daß mein Haus der Ehre seiner Gegenwart offen steht, wenn es ihm vollkommen genehm ist, aber sonst nicht. Und Niemand,‹ sagte der Gouverneur, indem er sein Gefolge mit majestätischem Blick musterte, ›statte dem Signor Dickens einen Besuch ab, ehe man weiß, daß er unbeschäftigt ist.‹ Und am folgenden Tage schickte er Jemand mit seinen eigenen Karten. Das nenne ich im Ernste wirkliche Höflichkeit und angenehme Rücksicht – nicht ganz amerikanisch, aber doch Gentleman-artig und gebildet. Derselbe Geist durchdringt die unteren Departements; und man hat nicht von mir verlangt, daß ich die gewöhnlichen Polizeiregulationen beobachte oder mich in Hinsicht auf irgend etwas belästige.« (18. Oktober).

Dem Bilde, das ihn jetzt an der Arbeit zeigen soll, müssen einige Worte vorangeschickt werden, die über den Entwurf, woran er arbeitete, einiges Licht verbreiten mögen. Es war ein großer Gegenstand für ein so kleines Werkzeug, und das Mißverhältniß war ebenso charakteristisch für den Menschen, als es die Wehen des Leidens und der Leidenschaft waren, die er nun um Resultate ertragen sollte, worüber Manche lächeln würden. Es war, wie er sagt, seine Absicht, einen Schlag für die Armen zu führen. Die Armen waren immer seine Clienten gewesen, sie waren in keinem seiner Bücher vergessen, aber hier sollte man an nichts Anderes denken. Kurz, es war ihm mit der Sache schrecklich ernst geworden. Mehrere Monate ehe er England verließ, hatte ich an ihm die Gewohnheit bemerkt, manche Dinge, über die er vorher leicht hinweggegangen war, ernster zu betrachten. Die Hoffnungslosigkeit einer wahrhaften Lösung der socialen oder politischen Probleme durch die hergebrachten Methoden von Downingstreet, war ihm durch Carlyle's Schriften furchtbar offenbar geworden, und von dem parlamentarischen Gerede jener Zeit erwartete er die Beseitigung eines ernsten Uebels ebenso wenig, als von dem Geschwätz eines damals notorischen City-Alderman die Beseitigung des Selbstmords. Dieses Geschwätz hatte gerade ehe er nach Italien ging seinen Unwillen auf's tiefste erregt, und die vermehrte Gelegenheit zu einsamem Nachdenken hatte denselben seitdem vertieft und erweitert. Als er daher an seine neue Erzählung für die Weihnachtszeit zu denken anfing, beschloß er sie zu einer Schutzschrift für die Armen zu machen. Er wollte nicht, daß sie an den »Carol« erinnere, aber dieselbe Art von Moral lag ihm im Sinne. Er wollte versuchen, die Gesellschaft zu bekehren, wie er Scrooge bekehrt hatte, indem er zeigte, daß ihr Glück auf denselben Grundlagen ruhe wie das Glück des Einzelnen, Grundlagen, welche eben so sehr Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit sind als Gerechtigkeit. Ob er mit dieser Voraussetzung Recht hatte, brauchen wir hier, wo nur Thatsachen angeführt werden, um das was folgt verständlich zu machen, nicht zu untersuchen. Er hatte die Politik nie zum Gegenstand des Studiums gemacht, und sie blieb für ihn immer mehr ein Instinkt als eine Wissenschaft. Aber der Instinkt war gesund und richtig, und die Aufhetzung einer Klasse gegen die andere hörte nie auf, ihm ebenso verhaßt zu sein, als er es zu allen Zeiten für recht hielt, der einen zu einem bessern Verständniß der andern zu verhelfen. Und so sollte nun hier in Italien, in der großartigen Umgebung des Palazzo Peschiere, der Held seiner Einbildungskraft ein armer alter Sklave von einem Londoner Zettelträger werden, der in seiner Angst, den Reichen nicht zu mißtrauen oder schlecht von ihnen zu denken, in das entgegengesetzte Extrem gerathen ist, den Armen zu mißtrauen. Sie vor solchem Mißtrauen zu schützen, ist der Zweck der Erzählung, und für den Verfasser wurde die Erzählung selbst von geringerer Wichtigkeit als das, was er dadurch einschärfen wollte. Weit über die bloße Eitelkeit des Schriftstellerthums hinaus ging der leidenschaftliche Eifer, womit er diese Aufgabe begann und das Frohlocken, womit er sie beendete. Als wir uns nach ihrem Abschluß sahen, kam er gerade von Venedig, das den Eindruck eines »neuen Weltwunders« auf ihn hervorgebracht hatte; aber ich erinnere mich noch sehr wohl, wie hoch die Hoffnung welche ihn erfüllte über dies Alles emporstieg. »Ach!« sagte er zu mir, »als ich jene Orte sah, wie fühlte ich da, daß ein Mensch der seine Hand, mit einem zarten Druck für die Masse des arbeitenden Volkes den nichts auslöschen könnte, dauernd auf der Zeit ließe, sich über den Staub aller in ihren Gräbern ruhenden Dogen erheben, und auf einer Riesentreppe stehen würde, die Simson nicht über den Haufen werfen könnte.« In verschiedenen Formen ging dieser Ehrgeiz durch sein ganzes Leben hindurch.

Ein anderer Vorgang aus dieser Zeit offenbart Gefühle von ernsterer Bedeutung, welche nicht minder einen Theil seines Wesens ausmachten. Es war mehr Tiefe der Empfindung als Klarheit der Erkenntniß, welche den Glauben auf dem sie ruhten, gegen jeden Zweifel und jede Infragestellung seiner Heiligkeit sicherte, und von Jahr zu Jahr mehr in ihm befestigte. Er sagte mir dies in seinem zweiten aus dem Palast Peschiere geschriebenen Briefe, nachdem der erste mir einige Aufträge in Bezug auf die Familie seiner Frau gegeben hatte, dergleichen seine freundliche Sorge für Alle ihm Nahestehenden ihn oft zu geben veranlaßte. »Laß mich Dir,« schrieb er am 30. September, »von einem merkwürdigen Traume erzählen, den ich in der letzten Montag-Nacht hatte, und von den mir erinnerlichen Bruchstücken von Wirklichkeit, die dazu mithalfen. Ich habe wieder einen Anfall von Rheumatismus im Rücken gehabt, der sich auch um die Taille herumzog, wie ein Gürtel von Schmerz; und ich hatte fast jene ganze Nacht unter diesen Leiden wach gelegen, als ich einschlief und diesen Traum träumte. Du mußt wissen, daß ich während der ganzen Zeit so wirklich, lebendig und voll von Leidenschaft war wie Macready (Gott segne ihn!) in der letzten Scene von Macbeth. An einem undeutlichen Orte, der in seiner Undeutlichkeit ganz erhaben war, wurde ich von einem Geiste besucht. Ich konnte das Gesicht nicht erkennen, erinnere mich auch nicht, daß ich den Wunsch danach hatte. Er trug ein blaues Gewand, wie etwa die Madonna in einem Gemälde Raphaels, und hatte Aehnlichkeit mit Niemandem den ich kenne, ausgenommen in der Gestalt. Ich glaube (ich bin nicht gewiß), daß ich die Stimme erkannte. Wie dem aber auch sei, ich wußte, daß es der Geist der armen Mary war. Vergl. Bd. 1. S. 94. Ich fürchtete mich gar nicht, sondern war so voll Freude, daß ich heftig weinte und, meine Arme ausstreckend, ihn mit ›Geliebte!‹ anredete. Hierbei schien er zurückzuweichen und ich fühlte sofort, daß ich ihn nicht so vertraut hätte anreden sollen, da er nicht aus meinem eignen groben Stoffe war. ›Vergieb mir,‹ sagte ich. ›Wir armen lebendigen Geschöpfe können uns nur durch Worte und Blicke ausdrücken. Ich habe das unsern Gefühlen entsprechendste Wort gebraucht und Du kennst mein Herz.‹ Er war so voll Mitleiden und Kummer um mich, – was ich auf geistige Art erkannte, denn, wie ich schon sagte, ich erkannte seine Empfindungen nicht aus seinem Gesichte – daß es mir ins Herz schnitt und ich seufzend sagte: ›O, gib mir ein Zeichen, daß Du mich wirklich besucht hast!‹ – ›Sprich einen Wunsch aus,‹ sagte er. Ich dachte nach und sagte zu mir selbst: ›Wenn ich einen selbstsüchtigen Wunsch ausspreche, wird er verschwinden.‹ Ich entschlug mich daher schnell aller eigenen Hoffnungen und Besorgnisse, die mir in den Sinn kamen und sagte: ›Mrs. Hogarth befindet sich in großer Noth‹ – bedenke, ich dachte nie daran, zu sagen: ›Deine Mutter,‹ wie zu einem sterblichen Wesen – ›willst Du sie daraus befreien?‹ – ›Ja.‹ – ›Und ihre Befreiung daraus soll eine Gewißheit für mich sein, daß dies wirklich geschehen ist?‹ – ›Ja.‹ – ›Aber beantworte mir noch eine Frage!‹ sagte ich mit qualvollem Flehen, ob er mich nicht verlassen möge. ›Was ist die wahre Religion?‹ Da er einen Augenblick innehielt, ohne mir zu erwiedern, sagte ich – großer Gott, mit welch qualvoller Hast, damit er sich nicht etwa entfernte! – ›Glaubst Du wie ich, daß nicht so viel auf die Form der Religion ankommt, wenn wir nur versuchen, Gutes zu thun?‹ – ›Oder,‹ sagte ich, da ich bemerkte, daß er noch zögerte und von dem größten Mitleiden für mich bewegt war, ›ist vielleicht die römisch-katholische Religion die beste? Läßt sie die Menschen öfter an Gott denken und fester an ihn glauben?‹ – ›Für Dich,‹ sagte der Geist, voll von solch' himmlischer Zärtlichkeit für mich, daß mir war, als würde mein Herz brechen, ›für Dich ist es die beste.‹ Dann wachte ich auf, während die Thränen mein Gesicht herabliefen und ich selbst ganz in meinem Traumzustande war. Der Tag begann gerade zu dämmern. Ich weckte Kate und wiederholte es drei- oder viermal nacheinander, damit ich es später nicht ohne mein Wissen deutlicher oder stärker machen möchte. Es war ganz genau so, frei von aller Uebereilung, Täuschung oder Verwirrung. Der dahin führenden, nur faßbaren Fäden waren drei. Den ersten kennst Du, nach dem Hauptgegenstand meines letzten Briefes. Der zweite war, daß in unserm Schlafzimmer ein großer Altar steht, an welchem eine Familie die vor uns diesen Palast bewohnte, in alten Zeiten Messe halten ließ, und ich hatte, ehe ich zu Bette ging, bei mir selbst bemerkt, daß über dem Heiligthum in der Wand ein Zeichen war, wo ein religiöses Bild gehängt hatte und ich hatte mich gefragt, was der Gegenstand dieses Bildes gewesen sein, und wie das Gesicht ausgesehen haben möchte. Drittens, ich hatte den Klosterglocken zugehört (die in gewissen Pausen während der Nacht läuten), und hatte daher unzweifelhaft an den römisch-katholischen Gottesdienst gedacht. Und doch, bei alledem, setze den Fall, daß jener Wunsch durch irgend eine Einwirkung erfüllt würde, an der ich keinen Antheil hatte; und ich möchte wissen, ob ich es als einen Traum, oder als eine wirkliche Vision betrachten soll.« Es war vielleicht natürlich, daß er in den durch den Traum veranlaßten Betrachtungen die allererste vergaß, welche jedem Geiste, der den seinen genau kannte, aufgestoßen sein müßte – daß nämlich ein Beweis, neben vielen andern in seinem Leben, dadurch geliefert wurde, daß er jenen Prüfungsregionen des Geistes nicht entgangen war, durch welche die meisten denkenden Menschen und alle Menschen von Genie hindurch müssen. Ich will hinzufügen, daß das Buch welches ihm während der nächstfolgenden Jahre am meisten bei solchen störenden Phantasieen half, das Leben Arnold's war. Thomas Arnold, in England berühmt als aufgeklärter Theologe, klassischer Gelehrter und Historiker, vor Allem aber durch seine vorzügliche Amtsführung als Direktor der Schule von Rugby. Er starb, erst 47jährig, am 12. Juni 1842. Seine Lebensbeschreibung gab der ihm sinnverwandte Dekan der WestminsterAbtei, Dr. Stanley, heraus. – D. Uebers. »Ich achte und ehre sein Gedächtniß,« schrieb er mir Mitte Oktober zur Antwort auf eine Erwähnung dessen, was mich selbst am meisten darin angezogen hatte, »über alle Worte hinaus. Ich muß das Buch haben. Jeder Satz den Du daraus anführst, ist ein Text meines Glaubens.«

Er hielt sein Versprechen, mir Nachricht von sich zu geben, während er an dem Buche schrieb und ich empfing, als er mit der Arbeit im Zuge war, häufige Briefe von ihm. »Nun ich tüchtig im Zuge bin, ist es mir eine große Entbehrung, so weit von Dir entfernt zu sein, und daher Niemanden zu haben (Kate und Georgina immer ausgenommen), mit dem ich die Arbeit jedes Tages besprechen kann. Und mir fehlt eine menschenbelebte Straße, in die ich mich Nachts hineinstürzen kann. Und ich möchte sozusagen ›an Ort und Stelle‹ sein. Aber hiervon abgesehen, ist das Leben das ich führe der Arbeit günstig.« In seinem nächsten Briefe: »Ich befinde mich in der gehörigen wilden Aufregung mit dem Glockenspiel; stehe um sieben Uhr auf, nehme vor dem Frühstück ein kaltes Bad und stürme, zornig und rothglühend, bis etwa drei Uhr vorwärts; dann höre ich meist (außer wenn es regnet) für den Tag auf . . . Ich lechze danach, in einem Geiste zu schließen, welcher dem Geiste der Barmherzigkeit und Menschenliebe verwandt ist, und die Grausamen und Scheinheiligen zu beschämen. Ich habe meinen Katechismus nicht vergessen. ›Ja, fürwahr, mit Gottes Hülfe, das will ich.‹«

Binnen einer Woche hatte er seinen ersten Theil, oder ein Viertel, vollendet. »Ich schicke Dir heute« (18. Oktober) »mit der Post die erste und längste der vier Abtheilungen. Das ist etwas Großes für die erste Woche, die gewöhnlich bergauf geht. Um gegen Unfälle gesichert zu sein, habe ich eine stenographische Abschrift davon genommen. Ich hoffe, Dir jeden Montag ein Packet schicken zu können, bis Alles fertig ist. Ich möchte Dich nicht beeinflussen; aber ich muß sagen, daß diese Arbeit mich packt und auf verschiedene Weise tief, mächtig ergreift. Um Dich besser in den Stand zu setzen, darüber zu urtheilen, will ich Dir den allgemeinen Gedankengang skizziren; aber lies dies, bitte, nicht eher als bis Du den ersten Theil des Manuskripts gelesen hast.« Ich theile die Skizze hier mit. Sie gibt eine gute Erläuterung seines Verfahrens bei allen seinen Schriften. Sein Gedanke ist so vollkommen darin ausgedrückt, daß ein Vergleich mit der gedruckten Erzählung die Gewalt seiner Herrschaft über den ersten Plan erkennen läßt. So beherrschte seine Phantasie ihn immer, einerlei, ob seine Erzählung in einem oder in zwanzig Heften geschrieben werden sollte. So oft er es auch versuchte, führte er doch nie, in keinem seiner Werke, ganz das aus, was er zuerst gewollt hatte. Ueberhaupt haben wenige Menschen von Genie dies gethan. Sobald die Phantasie von jener heiligen Glut ergriffen wird, welche Regionen eröffnet die über den gewöhnlichen Gesichtskreis hinausliegen, hat sie ihre eigenen Gesetze, und wenn die Charaktere so wirklich sind, daß sie als Existenzen behandelt werden, kann ihr Schöpfer selbst nicht umhin, ihnen ihren eigenen Willen zu lassen. Fern, der Tagelöhner, ist nicht hier, noch auch seine Nichte, die kleine Lilian (zuerst Jessie genannt), die der Erzählung ihre tragischste Scene geben soll; und am Schluß meiner Skizze finden sich Andeutungen poetischer Phantasieen, die in der veröffentlichten Geschichte fehlen. Alles in Allem ist der Vergleich merkwürdig.

»Der allgemeine Gedankengang ist folgender. Was dem armen Trotty im ersten Theile geschieht, und was ihm im zweiten Theile geschehen wird (wenn er den Brief zu einem pünktlichen und großen Geschäftsmanne hinträgt, der seine Bücher vergleicht und seine Rechnungen in Ordnung bringt, und sich über die Nothwendigkeit ausläßt, jede Schuld und jede Verpflichtung abzutragen, und ein neues Blatt umzuschlagen, und mit dem neuen Jahre einen frischen Anfang zu machen), entmuthigt ihn, der dies nicht thun kann, so, daß er zu dem Schlusse kommt, daß sein Stand und seine Klasse keinen Anspruch auf ein neues Jahr haben und in Wahrheit ›Eindringlinge‹ sind. Und obgleich er für eine Stunde oder so, bei der Taufe (glaube ich) des Kindes eines Nachbars an jenem Abend wieder Muth faßt, so kommen ihm doch, wenn er nach Hause geht, Mr. Filer's Vorschriften in's Gedächtniß, und er sagt zu sich selbst: ›wir sind längst über die angemessene Durchschnittszahl von Kindern hinaus, und es hat kein Recht geboren zu werden‹ – und fühlt sich wieder elend. Und wenn er nach Hause kommt und dort allein sitzt, nimmt er die Zeitung aus der Tasche und liest von den Verbrechen und Vergehen der Armen, besonders von denen, die Alderman Cute unterdrücken will, und wird dadurch ganz bestärkt in seiner bösen Ahnung, daß sie schlecht sind, unverbesserlich schlecht. In diesem Gemüthszustand bildet er sich ein, daß die Glocken ihn rufen und sagt zu sich selbst: ›Gott helfe mir. Ich will zu ihnen hinaufgehen. Mir ist, als sollte ich vor Verzweiflung sterben – an gebrochenem Herzen; ich will unter den Glocken sterben, die immer ein Trost für mich gewesen sind.‹ – Dann tappt er seinen Weg in den Thurm hinauf, und fällt in einer Art von Ohnmacht zwischen ihnen nieder. Nun wird das dritte Viertel, oder in andern Worten der Anfang der zweiten Hälfte des Buches, mit dem Koboldtheil der Geschichte eröffnet; die Glocken läuten und zahllose Geister (ihr Klang oder ihre Vibration) huschen und jagen aus dem Kirchthurm hinaus und wieder herein, und tragen alle möglichen Botschaften und Aufträge, und Ermahnungen und Vorwürfe, und behagliche Erinnerungen und was alles sonst, an alle möglichen Leute und Orte. Einige tragen Geißeln und andere Blumen, und Vögel, und Musik, und andere freundliche Gesichter in Spiegeln, und andere häßliche, denn die Glocken spuken bei den Menschen in der Nacht (besonders der letzten des alten Jahres) je nach ihren Thaten. Und die Glocken selbst, die inmitten ihrer eigenen Gestalten eine Koboldähnlichkeit mit der Menschheit haben, und in ihrem eigenen Lichte leuchten, sagen dann (wobei die große Glocke ihr Hauptsprecher ist): Wer ist das, der, selbst zu den Armen gehörend, das Recht der Armen auf die Erbschaft welche die Zeit ihnen aufbewahrt, bezweifelt und einen sinnlosen Ruf gegen seine Genossen wiederholt? Toby, voller Schrecken, sagt, daß er es ist und warum er es ist. Dann tragen die Geister der Glocken ihn durch die Luft zu verschiedenen Scenen, mit dem Auftrage betraut: daß sie ihm zeigen, wie die Armen und Elenden, selbst im schlimmsten Falle – ja, selbst inmitten der Verbrechen, welche die Aldermen unterdrücken und die ihm so entsetzlich erschienen sind, – entstellte und verwachsene Güte bewahren, und wie sie ihr Recht haben und ihren Antheil an der Zeit. Die Geschichte Meg's fortsetzend, zeigen die Glocken, wie sie, nach dem Abbrechen des Verlöbnisses, dem Tode aller ihrer Freunde, mit einem Säugling in so tiefes Elend versinkt, daß sie endlich dazu gebracht wird, Nachts umherzuwandern. Und vor Toby's, ihres Vaters Augen, beschließt sie, sich und das Kind zusammen zu ertränken. Aber ehe sie an's Wasser hinuntergeht, sieht Toby, wie sie das Kind mit einem Theile ihres eigenen zerlumpten Kleides bedeckt und die Lumpen so anordnet, daß es in seinem Schlafe schön aussieht, und wie sie darüber hängt und seine kleinen Glieder streichelt, und es liebt mit der zärtlichsten Liebe, die Gott je menschlichen Wesen gab; und wenn sie zum Wasser hinunterläuft, ruft Toby: ›O verschont sie! Glocken, erbarmt euch ihrer. Haltet sie auf!‹ – und die Glocken sagen: ›Warum sie aufhalten? Sie ist im Herzen schlecht – laß die Schlechten sterben.‹ Und Toby bittet und fleht auf den Knieen um Barmherzigkeit; und endlich halten die Glocken sie mit ihren Stimmen gerade zu rechter Zeit auf. Toby sieht auch, was für große Dinge der pünktliche Mann am Schluß des alten Jahres ungethan gelassen, und was für Rechnungen er unberichtigt gelassen hat, so pünktlich er auch ist. Und er sieht sehr vieles von Richard, der einmal so nahe daran war, sein Schwiegersohn zu werden, und von sehr vielen Leuten. Und die Moral von Allem ist, daß er ebenso gut wie jeder andere Mensch seinen Antheil am neuen Jahre hat, und daß es keiner geringen Mißhandlung bedarf, ehe die menschliche Gestalt in den Armen zerstört wird, daß selbst inmitten ihrer wilden Schlechtigkeit sich noch etwas Gutes triumphirend in ihren Herzen behaupten kann, wenn auch alle Aldermen in der Welt ›Nein‹ sagen, wie er durch das Leiden seines eigenen Kindes erfahren hat; und daß die Wahrheit Vertrauen zu ihnen ist, nicht Zweifel, oder Unterdrückung, oder Abpolirung. Und wenn zuletzt eine große See emporschwillt, und diese See der Zeit heranwogt, und den Alderman und solche Erdwürmer ins Nichts dahinreißt, und sie in ihrer Wuth zu Stücken schlägt – erklimmt Toby einen Felsen, hört, wie die Glocken (die jetzt seinen Augen entschwunden sind) über die Wasser hintönen. Und wie er sie hört und sich nach Hülfe umschaut, erwacht er und findet sich mit der Zeitung zu seinen Füßen, und Meg sitzt ihm gegenüber am Tische, mit der Anordnung der Bänder für ihre morgende Hochzeit beschäftigt, und das Fenster steht offen, damit der Klang der Glocken die das alte Jahr aus- und das neue einläuten, hereindringen kann. Sie haben gerade in frohen Tönen begonnen und Richard stürzt herein, um Meg in Toby's Gegenwart zu küssen und sich den ersten Kuß des neuen Jahres zu holen (den er auch bekommt), und die Nachbarn drängen sich mit Glückwünschen umher, und eine Musikbande stimmt eine heitere Melodie an (Toby ist persönlich befreundet mit einem Paukenschläger), und die veränderte Lage der Dinge, und das Läuten der Glocken, und die lustige Musik entzücken den alten Menschen so, daß er sofort einen Contretanz ausführt, mit einer ganz neuen Bewegung, die aus seinem alten bekannten Trabe besteht. Dann fragt der Unnachahmliche: War dies am Ende doch nur ein Traum Toby's? Oder ist Toby nur ein Traum? und Meg ein Traum? und Alles ein Traum? In Hinsicht worauf und auf die Realitäten, aus welchen Träume geboren werden, der Unnachahmliche dann weiser sein wird als jetzt, da er für sein liebes Leben schreibt, indeß die Post gerade abgehen will und der wackere C. gestiefelt dasteht . . . O, wie ich mich selbst hasse, mein lieber Mensch, wegen dieses lahmen und unvollständigen Umrisses der Vision, die ich im Sinne habe. Aber er muß hin zu Dir . . . Du wirst sagen, was am besten für das Titelblatt paßt.«

Mit dem zweiten Theil oder Viertel kam eine Woche später die Ankündigung einer Erweiterung seines Planes, wodurch er den Zweck der Erzählung besser auszuführen, und für den folgenden Theil einen Effekt für seine Heldin zu gewinnen hoffte, der das tragische Interesse vermehren würde. »Ich bin noch voll frohen Muthes über meine Erzählung. Ich glaube, es ist ein zeitgemäßer und guter Gedanke und da Du weißt, daß ich dies zu keinem andern sagen würde, so spreche ich es offen gegen Dich aus. Es nimmt mich jeden Augenblick des Tages mächtig in Anspruch, und reißt mich fort wohin es will . . . Hättest Du nur Alles auf einmal lesen können! – Aber Du würdest das so wie so nie gethan haben; denn ich würde nie vermocht haben, es für mich zu behalten; das ist daher Unsinn. Ich hoffe, es wird Dir gefallen. Ich würde hundert Pfund geben (und es für billig halten), es Dich lesen zu sehen . . . Laß Dir das nicht leid thun.«

Dies war die erste Andeutung eines Vorhabens, von dem ich bald mehr hören sollte; doch inzwischen, nach Verlauf noch einer Woche, kam der dritte Theil mit der Scene, von der er so viel erwartete und einer Bemerkung über das, was das Schreiben derselben ihm gekostet hatte. »Dieses Buch hat (ob in Hadschi Baba's Sinn, kann ich nicht sagen, aber jedenfalls im wörtlichen Sinn) mein Gesicht in einem fremden Lande gebleicht. Meine Wangen, die anfingen sich auszufüllen, sind wieder eingefallen; meine Augen sind unermeßlich groß geworden; mein Haar ist sehr dünn; und der Kopf unter dem Haare ist heiß und schwindlig. Lies die Scene am Ende des dritten Theils zweimal. Ich möchte sie nicht zweimal schreiben . . . Du wirst sehen, daß ich den Namen Lilian für Jessie substituirt habe. Er klingt besser und paßt besser für meine Musik. Ich erwähne dies, damit Du Dich nicht wunderst, wen und was ich mit diesem Namen meine. Morgen werde ich von Neuem anfangen (eine große Grimace eröffnet den neusten Theil, und er endet voll Heiterkeit und Glück) und spätestens nächsten Montag hoffe ich fertig zu sein. Vielleicht am Sonnabend. Ich hoffe das kleine Buch wird Dir gefallen. Seit ich, am Ende des zweiten Theiles, das ausdachte, was im dritten geschehen muß, habe ich so viel Kummer und Gemüthsbewegung ausgestanden, als wäre die Sache etwas Wirkliches, und bin bei Nacht davon aufgewacht. Ich mußte mich einschließen, als ich gestern damit fertig war, denn mein Gesicht war zu dem Doppelten seiner gewöhnlichen Größe angeschwollen und gewaltig lächerlich.« . . . Sein Brief schloß abrupt. »Ich will einen langen Spaziergang machen, um mir den Kopf zu klären. Ich fühle mich äußerst angegriffen von der Arbeit, und werfe die Feder für heute hin. Da! (Das ist die Stelle wohin sie fiel).« Ein gewaltiger Klex stellte dieselbe dar und der Rest, wie Hamlet sagt, war Schweigen.

Zwei Tage später, in einer Antwort auf einen Brief von mir, der ihn inzwischen erreicht hatte, gab er frischere Nachrichten über sich selbst, und beschrieb eine angenehme Veränderung des Wetters. Bis zu dieser Zeit, betheuerte er, hätten sie nicht mehr als vier oder fünf klare Tage gehabt. Die ganze Zeit während er geschrieben hatte, war es wild und stürmisch gewesen. »Wind, Regen, Hagel, Donner und Blitz.« Heute, gerade ehe er mir sein letztes Manuskript geschickt hatte, »wurde der November langsam gebacken, da der Sirocco zurückgekehrt war, und heute Abend weht ein furchtbarer Sturm.« – »Das Wetter ist schlechter,« schrieb er drei Montage später, »als irgend ein englisches Novemberwetter, das ich je gesehen habe, oder als irgend ein Wetter, das mir irgendwo sonst vorgekommen ist. Heute war es so entsetzlich, daß alle Kraft aus mir heraus geregnet und gedunkelt ist. Gestern bin ich, bloß mit dem Entschluß, mich darüber hinwegzusetzen, drittehalb Meilen weit im Bergregen spazieren gegangen. Du hast es nie regnen sehen. Schottland und Amerika sind Nichts dagegen.« Aber jetzt war alles dies vorüber. »Das Wetter änderte sich am Sonnabend Abend und ist seitdem glorreich gewesen. Ich fürchte mehr zu seinen Gunsten zu sagen, damit es sich nicht etwa wieder ändert.« Es änderte sich nicht und so viel ich mich entsinne, klagte er nicht mehr darüber. Ich hörte jetzt von Herbsttagen mit ganz unbeschreiblich köstlicher, erquickender Bergluft. Ich hörte von schönen, frischen Wanderungen in den Bergen, hinter dem Palazzo Peschiere, wo er, den Betten trockner Flüsse und Waldströme entlang, in jeder ihm bequemen Kleidung umherstürmen konnte, ohne einer menschlichen Seele, außer den Landleuten, zu begegnen. Ich hörte, daß er eines Tages, nachdem er seine Arbeit beendet, für eine Wanderung »von mehr als drei Meilen zum Dîner aufbrach – o meine Sterne! in solch' einem Gasthause!« – an einem andern Tage von einem Dîner bei ihrem angenehmen kleinen Banquier in Quinto, mehr als eine Meile entfernt, zu dem er, während die Damen fuhren, »mitten am Tage im Sonnenschein hinauswandern und Abends wieder hineinwandern konnte.« An einem andern Tage wurde ein Ausflug auf Mauleseln in die Berge unternommen. Und wieder an einem andern war er bei einem denkwürdigen Wirthshausdiner seines kaufmännischen Freundes Mr. Curry, wo es eine solche Folge von überraschenden Gerichten ächt einheimischer Kochkunst gab, daß das Auftragen zwei Stunden dauerte, ohne daß er sich von den Bestandtheilen eines dieser Gerichte die mindeste Vorstellung machen konnte. Das Wirthshaus lag an der Stadtmauer; sein italienischer Name klang sehr romantisch und bedeutete die »Pfeife«, und er bewahrte die Speisekarte auf für ein Experiment, zu dem er, ehe ein neuer Monat vergangen war, meine Kochkunst in Lincolns-Inn kühnlich herausforderte.

Ein Besuch von ihm in London war fast unmittelbar zu erwarten. Daß bei der rastlosen Aufregung, welche seine Arbeit in ihm erweckt hatte, alle Einwendungen nutzlos sein würden, wußte ich. Es war nicht bloß der ganz natürliche Wunsch, die letzten Correkturbogen und die Holzschnitte am Tage vor der Veröffentlichung zu sehen, was er auf keine andere Weise konnte, sondern es war der stärkere und noch lebhaftere Wunsch, ein lebhafteres Gefühl dessen zu haben, was er gethan hatte, als die Buchstaben ihm geben konnten. »Wenn ich komme, werde ich in dem Piazza-Hotel in Coventgarden einkehren, damit ich Dir recht nahe bin. Sage Niemandem, außer unsern intimen Freunden, daß ich komme. Dann wird man mich nicht belästigen. Sollte meine gegenwärtige wilde Schreibstimmung fortdauern, so ist es ganz möglich, daß ich Venedig, Bologna und Ferrara besuche, ehe ich mein Gedicht Lincolns-Inn-Fields zuwende, und über Mailand und Turin nach England komme. Aber das hängt natürlich großentheils von Deiner Antwort ab.« Meine Antwort, die bei der Anstrengung und den Kosten der Reise verweilte, fand die Aufnahme, die ich vorhergesehen hatte. »Trotz Allem, was Du sagst, bin ich noch ganz entschlossen, nach London zu kommen. Nicht, weil die Correkturbogen mich irgendwie kümmern (ich würde ein Esel und ein undankbarer Vagabund sein, wenn sie das thäten), sondern wegen jenes ruhelosen unaussprechlichen Etwas, das es mir ebenso unmöglich machen würde, hier zu bleiben und die Sache nicht vollständig zu sehen, als es für einen vollen sich selbst überlassenen Ballon sein würde, nicht in die Luft zu steigen. Ich beabsichtige nicht, von hier aus zu kommen, sondern über Mailand und Turin (nachdem ich vorher in Venedig gewesen bin) und dann, über den wildesten Alpenpaß der eben offen ist, nach Straßburg . . . Da der Jung-englische Herr Dir mißfällt, so werde ich ihn entfernen und durch einen Mann ersetzen (ich kann ihn auf Deinem Zimmer in einer Stunde hineinbringen), der in nichts Anderm Tugend sieht, als in den guten alten Zeiten und papageiengleich von diesen spricht, wovon auch immer die Rede sein mag. Ein wirklicher guter alter City-Tory, in blauem Frack und blanken Knöpfen, und weißer Halsbinde, und mit der Neigung zu Blutandrang nach dem Kopfe. Feile an Feiler so viel Du willst; aber erinnere Dich, daß die Westminster Review Scrooge's Geschenk eines Truthahns an Bob Cratchit für craß unvereinbar mit den Regeln der Nationalökonomie erklärte. An dem Kegelspiel liegt mir gar nichts.« Es waren dies Dinge, gegen die ich Einwände erhoben hatte.

Aber der Schluß seines Briefes enthüllte mehr als der Anfang über die nicht sogleich offen eingestandene Ursache der langen Winterreise, welche er antreten wollte. Und sollte man der Meinung sein, daß ich mir durch die Mittheilung der betreffenden Stelle eine Freiheit mit meinem Freunde nehme, so wird man finden, daß eine gleiche Freiheit genommen wird mit mir selbst, den diese Stelle gutmüthig carrikirt; so daß der Leser über Einen von uns oder über Beide lachen kann, wenn es ihm so gefällt. »Soll ich Dir gestehen, daß ich ganz besonders wünsche, Carlyle möchte es zu allererst sehen, wenn es fertig ist, und ich möchte ihm und dem lieben alten wackern Macready die kleine Geschichte mit meinen eigenen Lippen vortragen, und Stanny Abkürzung von Stanfield. – D. Uebers. und den andern Mac Maclife. – D. Uebers. dabei sitzen haben. Wärst Du nun ein wirklicher Gentleman, so würdest Du, wenn ich in die Stadt komme, an einem regnichten Abend eine kleine Gesellschaft für mich zusammenbringen und sagen: ›Mein lieber Junge ( Sir, willst Du so gut sein, die Bücher nicht anzurühren und hinunter zu gehen? – Was zum Henker machst Du da! Und bedenke Sir, daß ich Niemanden sehen kann – verstehst Du? Niemanden. Ich habe dringende Geschäfte mit einem Herrn aus Asien.) – Mein lieber Junge, würdest Du uns wohl das kleine Weihnachtsbuch vorlesen (ein kleines Weihnachtsbuch von Dickens, Macready, von dem ich wünsche, daß Du es hörtest), und sei so gut, Dickens, nichts zu überschlagen und es nicht zu schnell zu lesen!‹ – Wärst Du ein wirklicher Gentleman, sage ich, so könnte etwas Derartiges sich ereignen. Ich werde Alles für die Abreise rüsten, sobald ich fertig bin. Und ich werde (so Gott will) genau an dem Tage den Du nennst, in London zum Vorschein kommen. In einer Woche, auf die Stunde.«

Dem Wunsche wurde natürlich gewillfahrt, und jener Abend in Lincolns-Inn-Fields führte zu ganz denkwürdigen Resultaten. Sein nächster Brief benachrichtigte mich, daß die kleine Erzählung vollendet sei. »3. November 1844. Halb zwei Uhr Nachmittags. Gott sei Dank, ich habe die Sylvester-Glocken beendet. In diesem Augenblick. Ich nehme die Feder heute nur wieder zur Hand, um dies zu sagen und hinzuzufügen, daß ich das gehabt habe, was die Frauen ›ein tüchtiges Ausweinen‹ nennen.« Aeußerst unmittelbar dies Alles, wie kaum gesagt zu werden braucht. Das so vollendete kleine Buch war nicht einer seiner größesten Erfolge und es erweckte ihm einige Widersacher. Aber es war etwas darin, was die Leiden welche das Schreiben ihm gekostet hatte, und die dadurch hervorgerufenen Feindschaften mehr als aufwog, und in seinem eigenen Herzen nahm es bis zuletzt eine Lieblingsstelle ein. Seine Leidenschaft schien ihm immer das am besten zur Darstellung zu bringen, um dessenwillen er auf das längste Andenken hoffte, und sein Freund Jeffrey drückte gerade das, was er in Hinsicht hierauf empfand, mit Wärme aus. »Das ganze Geschlecht der Selbstsucht und der Feigheit und der Scheinheiligkeit wird Sie von Herzen hassen und bemäkeln. Wo es kann, wird es Sie böswilliger Uebertreibung und der Aufreizung zur Unzufriedenheit, und was man auf gefällige Weise Mißvergnügen nennt, anklagen! Aber kümmern Sie sich nicht darum. Die Guten und die Tapfern stehen auf Ihrer Seite und die Wahrheit auch!«

Er setzte seinen Brief am vierten November fort. »Hier ist der wackere Courier und mißt Stücke der Landkarte mit einer Bratengabel, und steigt die Berge auf einem Theelöffel hinauf. Er und ich reisen am Mittwoch nach Parma, Modena, Bologna, Venedig, Verona, Brescia und Mailand ab. Da Mailand nicht allzuweit von hier entfernt ist, werden Kate und Georgy Abkürzung von Georgina, dem Namen der Schwester seiner Frau. – D. Uebers. mich dort treffen, wenn ich auf meinem Wege nach England dort ankomme, und mir alle Briefe von Dir bringen. Ich werde am 18. dort sein . . . Du kennst meine Pünktlichkeit. Frost, Eis, geschwollene Flüsse, Dampfschiffe, Pferde, Pässe und Zollhäuser mögen dieselbe schädigen. Aber meine Absicht ist, Sonntag, den 1. Dezember, zu rechter Zeit für das Mittagsessen in das Kaffeezimmer des Piazza-Hotels einzutreten. Ich werde Dich am andern Ende des Tisches bei dem Feuer, wo wir gewöhnlich sitzen, aufsuchen . . . Aber die Gesellschaft für den Abend darauf? Ich weiß, Du hast in die Gesellschaft gewilligt. Laß mich sehen! Lade Niemand für diesen Abend zum Dîner ein, sondern schicke eine Einladung zu dem speciellen Zweck, auf halb sieben. Carlyle ist unerläßlich, und seine Frau möchte ich vor allen Andern da sehen; ihr Urtheil würde unschätzbar sein. Du wirst Mac bitten, und warum nicht auch seine Schwester? Stanny und Jerrold wünsche ich besonders; Edwin Landseer, Blanchard, vielleicht Harneß, und was sagst Du zu Fonblanque und Fox? Ich überlasse es Dir. Du weißt, was für eine Wirkung ich erproben möchte . . . Nimm die Sylvester-Glocken für einen Brief an, mein lieber Mensch, und vergieb diesen. Ich werde nicht verfehlen, Dir auf der Reise zu schreiben. Höchst wahrscheinlich von Venedig. Und wenn ich Dich wiedersehe (in bester Gesundheit, hoffe ich), o Himmel! was für eine Woche soll das werden.«

 

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