Egid Filek
Novellen um Grillparzer
Egid Filek

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V.

Grillparzer schied von Weimar.

Es ging gegen Jena. Die Pferde schnaubten in der frischen Morgenluft, der Postillon blies eine fröhliche Weise auf seinem Horn. 157

Von der Ilm stieg feuchter Dunst auf; wie leise Ahnung des Herbstes lagen feine Nebelschleier über den Bergen. Nun tauchte die Straße in den kühlen Schatten eines Buchenwaldes.

Grillparzer saß ganz allein im Postwagen. So früh fuhr niemand nach Jena.

Tief atmend lehnte er sich in die Lederkissen zurück. Die Bilder der letzten Tage und Stunden zogen an ihm vorüber.

Der festliche Abendschmaus im Schützenhause, von den Weimarer Honoratioren ihm zu Ehren gegeben -– der Bürgermeister hatte ihn gefeiert in schwungvoller Rede, Goethe war nicht anwesend, hatte bloß seinen Sohn hingesendet, mit dem Grillparzer nicht viel zu reden wußte; aber Hummel war da, der fröhlich gesprächige Musikus; er setzte sich zum Schlusse, als die weinfrohe Gesellschaft sich in Gruppen und Paare auflöste, zum Klavier und phantasierte, wobei er sich die Melodie des sächsischen Posthorns zum Thema nahm. Grillparzer hatte ihn nie so hinreißend spielen gehört.

Dann die Audienz beim Großherzog. Über eine Stunde hatte der joviale und umgängliche Mann, der sich so ganz bürgerlich gab, mit ihm geplaudert, und die Schilderung der österreichischen Zustände, von Grillparzer mit etwas boshafter Satire vorgebracht, schien ihn sehr zu amüsieren.

Und endlich der Abschiedsbesuch bei Goethe. Das Junozimmer. Der weiße Riesenkopf der Göttin, der schwarze Ebenholzflügel in der Ecke, der runde Tisch mit der blumengefüllten Vase.

Und neben dem Tisch er, hoch aufgerichtet, mit steifer Haltung wie damals beim ersten Empfang. Die dunklen Augen blickten freundlich kühl, das Gespräch bewegte sich in den Geleisen zurückhaltender Höflichkeit.

»Ich bedaure, daß Sie Weimar schon verlassen. Aber wenn Sie von Zeit zu Zeit Nachricht von sich geben wollen, wird es uns alle erfreuen.«

Uns alle – nicht ihn.

Zum letzten Abschied ein Händedruck. Aber es war eine andere Hand als die, die ihn damals zur Tafel 158 geführt. Kühl war sie und steif, und ihr Druck drang nicht mehr bis zu seinem Herzen.

Oh, er war stolz, der Alte von Weimar!

Und Grillparzer wußte warum. Sein Nichterscheinen gestern mochte ihn arg verstimmt haben. Und dennoch konnte das alles seine Liebe und Verehrung für ihn nicht vermindern.

Das Rauschen und Singen des Waldes wurde stärker und tiefer, und das Getrappel der Pferde schlug den Takt dazu.

Wenn er jetzt die Augen schloß, sank eine ferne Erinnerung an Italien auf seine Seele; an die Reise nach dem Süden vor acht Jahren, an das eintönige Rauschen des tiefblauen Meeres bei Sorrent und Capri, wo er faul und selig am Strand gelegen und der ewigen Melodie der Brandung am Felsenufer gelauscht hatte.

Wunderlich regte das ferne Brausen der Buchenkronen seine Gedanken an. Alle Gestalten seiner Dichtungen umschwebten ihn, alte und neue, die ihm noch unklar waren und nach Verwirklichung drängten, eine ungeborene Schattenwelt. Leibhaftig, zum Greifen nahe standen sie vor ihm und er lebte, litt und liebte mit ihnen. Sappho mit der Dornenkrone der Dichterin und dem unendlichen Leid der liebessehnsüchtigen Frau; Hero, das süße Wiener Mädel im Gewand der griechischen Priesterin; Jason, der glänzende Mann und schwache Held, Medea mit den Zügen des stolzen Weibes, das ihn einst geliebt; Rustan, der wilde Jäger, Verbrecher des Traumes, und der gütige Bischof Gregor, der die Lüge haßte und doch zur Erkenntnis kam, daß Lüge und Wahrheit in eines zusammenfließen, Leon, der brave Küchenjunge mit seiner Hundetreue und seinem goldenen Humor. Und Rudolf, der seltsame Habsburger, der Hamlet auf dem Kaiserthron, weltscheu, verträumt, grüblerisch wie sein Dichter selbst.

Und da stand er mitten unter seinen Traumgebilden und freute sich an ihren Taten und Worten und fand, daß sie bessere Freunde, treuere Geliebte waren als alle, die ihm begegneten im Alltag seines Lebens.

Es schien ihm wenig, was er bisher geleistet, gemessen an dem Werk der beiden Großen von Weimar; aber 159 er wollte Besseres schaffen, noch mehr eindringen in die Tiefen des Menschenherzens und der Weltgeschichte, sich hineinstürzen in die Fluten neuer Stoffe wie in ein laues köstliches Bad.

Und mit einem Mal wurde ihm klar, was seine Sendung war: die Scheinwelt der Bühne, die ihm als Wahrheit galt, mit den Gebilden seiner Kunst zu füllen, Klassisches und Romantisches zu vereinen im Zeichen und im Namen der geliebten Heimat. Es war nicht der schlechteste Beruf, diesen Wesen Dauer zu geben, sie zu beschwören und zu bannen in Werken, die vielleicht – vielleicht ihren Schöpfer überlebten.

Und er empfand, daß wieder eine der schweren Schicksalsstunden glücklich vorüber war, die an den Kreuzwegstationen seines Lebens standen; daß er nicht grübeln und sich nicht quälen, sondern arbeiten, begrenzen, aus der Fülle des Stoffes herausheben mußte, was zum Leben drängte; daß die Schöpferkraft wieder da war, die köstlichste und wertvollste unter den Mächten des Mannes.

 


 


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