Egid Filek
Novellen um Grillparzer
Egid Filek

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VI.

Ein Plätzchen gabs im Atrium Albertis, das man, wienerisch gesprochen, »gemütlich« nennen konnte, so weit das Wort überhaupt auf den Süden paßt.

Eine antike Steinbank mit Löwenköpfen an den Armlehnen, von dem Hausherrn irgendwo ausgegraben, bot just Platz für zwei Menschen, die nicht allzu dick waren und nahe aneinander rückten; zu beiden Seiten standen Palmen in Bronzekübeln und ihre Blätter schlossen sich wie ein Baldachin über den Köpfen der dort Sitzenden zusammen. Durch ein mächtiges Glasfenster ging der Blick auf das blaue Meer und den Vesuv.

Und es geschah oft, daß der Dichter aus dem Norden und das große schlanke Mädchen hier beisammen saßen und miteinander plauderten oder schwiegen.

Was hatte er nicht alles zu erzählen, er, der daheim so schweigsam war!

Von einsamer, lebensfremder Jugend, von kindischen Träumen brausender Werdejahre, von Plänen, Hoffnungen und Enttäuschungen; von der ernsten Arbeit des Mannes und den Mühen und Entbehrungen eines harten Berufes.

Ja, das war unendlich mehr, als die besten Zeitungsberichte und der schönste Almanach berichten konnten! Und sie saß da, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen gebettet, und lauschte begierig der Kunde aus einer Welt, die ihr fern und fremd war.

Als Grillparzer sie einmal fragte: »Könnten Sie dort droben leben?« da schwieg sie lange still und schüttelte endlich den Kopf: 60

»Gedeihen die Palmen im Norden?«

Er verstand und fragte nicht mehr . . .

Nein, sie paßte nicht in die Umwelt, die seine Kindheit behütet, wie ihre schönen, weißen, leuchtenden Gewänder unmöglich gewesen wären, wo man in Reifröcken und Spitzenschals einherging. Er verglich die hochgewölbten, vom strahlenden Licht erfüllten Räume des großen Hauses mit den kleinen gedrückten Wohnungen in seiner Heimatstadt. Und es fiel ihm schwer aufs Herz, daß er Alberti auf seinen bedeutungsvollen Antrag noch immer keine Antwort gegeben hatte. Vater und Tochter hatten kein Zeichen von Ungeduld gezeigt und nicht mehr von der Sache gesprochen. Und dennoch glaubte er in ihren Gesichtern leise Ungeduld und heimlichen Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu lesen. Das warf einen Schatten auf das schöne, freundschaftliche Verhältnis zwischen ihm und Annita.

Eines sonnigen Vormittags saß das Mädchen allein auf dem Steinbänkchen zwischen den Palmen und hielt einen Brief in der Hand:

»Verehrte Demoiselle,

auf einem Ausfluge nach Capua sind mir beifolgende Verse eingefallen, die ich Ihnen mit den üblichen Grüßen an Ihren Herrn Vater übersende.

Immer der Ihrige

Grillparzer.«

Und dabei lag, säuberlich abgeschrieben, ein Gedicht, das Annita dem herzutretenden Vater sofort voll freudiger Erregung vorlas:

Schöner und schöner
Schmückt sich der Plan;
Schmeichelnde Lüfte
Wehen mich an.
Fort aus der Prosa
Lasten und Müh
Zieh ich zum Lande
Der Poesie.
Goldner die Sonne,
Blauer die Luft,
Grüner die Grüne,
Würz'ger der Duft. 61
Dort an dem Maishalm
Schwellend von Saft,
Sträubt sich der Aloe
Störrische Kraft.
Ölbaum, Zypresse,
Blond du und braun,
Blickt ihr wie zierliche
Grüßende Fraun?
Was glänzt im Laube,
Funkelnd wie Gold?
Ha, Pomeranze,
Birgst du dich hold?
Apfel der Schönheit!
Paris Natur
Gab dich Neapolis
Reizender Flur.
Ehrlicher Weinstock,
Nützest nicht bloß,
Schlingst hier zum Kranze den
Grünenden Schoß.
Überall Schönheit
Überall Glanz;
Was bei uns schreitet,
Schwebt hier im Tanz
Trotz'ger Poseidon!
Wärest du dies,
Der drunten scherzet und
Murmelt so süß?
Und dies, halb Wiese, halb
Äther zu schaun,
Es wäre des Meeres
Furchtbares Graun?
Hier will ich wohnen!
Göttliche du,
Bringst du, Parthenope,
Wogen zur Ruh?
Nun denn, versuch es,
Eden der Lust,
Ebne die Wogen
Auch dieser Brust! 62

Sie ließ das Blatt sinken und sann. Alberti wagte nicht, sie zu stören.

»Ob das wohl ernstlich gemeint ist, das ›hier will ich wohnen‹?« sagte er endlich. »Was glaubst du, Annita?«

»Wie soll ich das wissen? Die Dichter lügen. Das ist am Ende ihr Beruf«, erwiderte sie mit einem Versuch zu scherzen. »Und doch . . .«

»Wenn es mir gelänge, ihn hier festzuhalten! Um meinetwillen – und auch deinetwegen, Kind.«

Sie wurde rot. »Ich verstehe nicht . . .«

»Laß uns aufrichtig sein, Annita. Ich bin ein alter Mann und weiß nicht, wann ich abberufen werde. Und ich würde ruhiger von hinnen gehen, wenn du an der Seite eines guten und tüchtigen Mannes . . .«

Er vollendete den Satz nicht. Annita war mit abgewendetem Gesicht aus dem Zimmer gelaufen.

Schritte klangen im Vorsaal. Ein Diener des Grafen Wurmbrand trat hastig ein und wollte mit dem Hausherrn sprechen.

»Was gibts?« fragte Alberti.

»Ein großes Unglück, gnädiger Herr,« sagte der Diener atemlos und wischte sich den Schweiß von der Stirn, »mein armer Herr . . . der gute Herr Graf . . .«

»Mein Gott, was ist ihm geschehen?« fragte Annita, bestürzt ins Zimmer tretend. »Doch nicht etwa . . .«

»Nein, nein, er lebt – aber die Ärzte reden von schweren inneren Verletzungen . . . mein Gott, und ich kann doch nicht dafür, ich hab ihm so zugeredet, er soll daheim bleiben, es ist heute ein Unglückstag . . .«

»So erzählen Sie uns doch endlich, was geschehen ist«, rief Alberti ungeduldig.

Was der Diener berichtete, war etwa folgendes: Die Kaiserin hatte den Wunsch ausgesprochen, ein im Hafen liegendes englisches Admiralschiff zu besichtigen, und Graf Wurmbrand als Obersthofmeister begleitete die Hofgesellschaft an Bord. Dabei war er einem durch die Schiffsluken reichenden weißlackierten Luftschlauch, den er für einen Mastbaum hielt, zu nahe gekommen und senkrecht bis in den untersten Schiffsraum hinabgestürzt. Nur die Reibung der Wände des Schlauches hatte ihn vor völliger Zerschmetterung bewahrt; schwerverletzt 63 brachte man ihn in seine Wohnung. Auf seinen Befehl war der Diener zu Alberti geeilt, zu melden, was geschehen war.

»Und wo ist Herr Grillparzer?« fragte Annita.

»Er hat von dem Unglück gehört und ist sofort zu meinem Herrn gekommen. Dort sei jetzt sein Platz, hat er gesagt.«

Annita brach in Tränen aus.

»Ich muß jetzt wieder zurück. Soll ich dem Herrn Grafen etwas von den Herrschaften bestellen?«

»Sagen Sie ihm, daß wir so bald als möglich zu ihm kommen werden«, befahl Alberti.

»Mein Gott, was für ein Unglück,« schluchzte Annita, »wie schön hat dieser Tag für mich begonnen und jetzt – ich vergehe vor Angst! Ach, und der arme Grillparzer – der taugt doch nicht zum Krankenpfleger! Glaubst du nicht, Vater, daß ich selbst zum Rechten sehen soll?«

»Wenn es der Arzt erlaubt«, sagte Alberti ernst. »Nimm dein Tuch um, Annita, und laß uns eilen. Ich bin sehr unruhig.«

Droben in dem schönsten seiner Prunkzimmer lag der arme Wurmbrand fiebernd im Bett und stöhnte leise. Zwei italienische Wundärzte waren um ihn beschäftigt; sie sprachen eifrig miteinander und untersuchten jedes Glied des Körpers genau. Grillparzer stand mit verschränkten Armen am Fußende des Bettes.

»Fa niente, fa niente,« erklärte der eine und bekräftigte seine Worte mit großartigen Armbewegungen, »non e pericolo – kein Gefahr, in acht oder zehn Tag wird sein der signor conte wieder ganz gesund.«

»Sagen Sie, meine Herren,« ließ sich die matte Stimme des Grafen vernehmen, »ist eigentlich ein Knochenbruch vorhanden oder nicht?«

Die beiden Ärzte versicherten auf das bestimmteste, daß es sich lediglich um Quetschungen und Hautabschürfungen handle und der Patient in kurzer Zeit das Bett werde verlassen können.

Grillparzer zuckte während ihres Wortschwalls schweigend die Achseln. Er dachte an den Doktor Bucciolotto.

Als die Ärzte das Zimmer verlassen hatten, sagte er: 64

»Ich trau diesen welschen Doktoren nöt recht. Sind ja ganz liebe Leut und schrecklich höflich, aber ich hab schon allerhand Erfahrungen mit ihnen gemacht. Soll ich nöt doch um unsern Stabsarzt nach Mailand schreiben? Der wär a Deutschtiroler, so grob wie Lodentuch, aber halt a ausgezeichneter Fachmann.«

»Ja, ja, lieber Grillparzer, tun Sie das. Ich fühle mich so elend, daß ich wirklich nicht an die bloßen Quetschungen und Hautabschürfungen dieser beiden Hippokrate glauben kann. Übrigens – reden wir doch nicht von mir. Ich hab im Feld gedient und bin mit unserem Erzherzog Karl bei Caldiero dabei gewesen – da gabs ganz andere Blessuren . . . Aber Sie wollten doch heut wieder nach Pompeji, dem alten Alberti bei seinen Ausgrabungen helfen. Wie kommen Sie dazu, mir Ihre Zeit und Ihre Vergnügungen zu opfern?«

»Ich bleib da, weil ich das für Menschen- und Freundespflicht halte«, erwiderte Grillparzer.

»Und das Fräulein Annita? Die schaut sich nach Ihnen noch die hübschen Augen aus«, sagte der Graf mit einem schwachen Lächeln.

»Ach du mein Gott,« Grillparzer barg seine Verlegenheit unter einer verdrießlichen Miene, »sie wird schon nöt . . .«

Graf Wurmbrand schloß die Augen. Ein neuer Schwächeanfall raubte ihm fast das Bewußtsein.

Leise zog Grillparzer einen Stuhl heran und setzte sich am Rande des Bettes nieder.

Nein, er konnte und wollte den Mann nicht verlassen, den er liebgewonnen hatte und dem er zu Dank verpflichtet war. Er wußte noch von seinem römischen Aufenthalt her, was das bedeutet, einsam und krank in einem fremden Bett zu liegen und auf bezahlte Mietlinge angewiesen zu sein.

Der Graf schien zu schlummern. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. War das ein Zeichen beginnender Besserung?

Nichts zwingt uns mächtiger zum Nachdenken als die Wacht an einem Krankenbett.

Wie Grillparzer dasaß mit dem immer ein wenig schief gehaltenen Kopf, den Atemzügen des Schwerverletzten 65 lauschend, hielten seine Gedanken Einkehr. Das Ereignis, in das er so plötzlich hineingerissen ward, schien ihm nun mehr als bloßer Zufall: ein Wink des 8chicksals war es, der ihm an bedeutungsvoller Lebenswende zuteil ward.

Zwei Wege lagen vor ihm. Sollte er sich wirklich Iosreißen von Dienst und Heimat, von Freunden und Verwandten, hier bleiben im Zauberkreise der fremden Natur, in der Traumwelt der fremden Stadt, bei dem alten Alberti und der schönen, klugen Annita? Er dachte an sein vergangenes Leben, dieses ewige Dulden, dieses zähe, lautlose Ringen mit einem widerwärtigen Geschick. Ja, er war Dichter. Und seine Sendung gebot ihm, die Bilder seiner inneren Welt darzustellen mit den Mitteln seiner Kunst. Aber wie: war er nicht auch Beamter? Gehörte sein Fleiß, seine Arbeitskraft, sein Wirken ihm allein oder nicht vielmehr der Allgemeinheit, die aus seiner Alltagsarbeit größeren Nutzen zog als aus den schönsten und tiefsinnigsten Versen? Der Allgemeinheit, der Gesellschaft, dem Staate, der ihn bezahlte und ihm die Sorge ums tägliche Brot abnahm, jene nagende Sorge, die den Dichter wie den Tagelöhner in gleicher Weise bedrückt?

Da fuhr er auf. Ein Gedanke durchzuckte ihn: sein Urlaub ging zu Ende! In drei, vier Wochen sollte er wieder in seinem Büro sitzen, an dem wurmstichigen Schreibtisch zwischen den grauen, verstaubten Aktenbündeln, mit dem Blick auf dem kleinen Garten – gewiß waren die Fenster indessen noch trübseliger und staubblinder geworden, der Moderduft noch stärker, das Licht noch matter als damals, da er das alles verlassen hatte . . .

Die Eingangstür ging. Er hörte bekannte Stimmen im Vorsaal und schlich auf den Zehenspitzen hinaus.

Da standen Alberti und Annita und sahen ihn ängstlich an.

»Es ist für den Augenblick keine Gefahr,« flüsterte er und legte den Finger an den Mund, »nur müd ist er von der Untersuchung und schläft jetzt«

»Und Sie – Sie bleiben bei ihm?« 66

»Was soll ich anderes tun . . . Sie müssen halt die schönen neuen Fresken allein ausgraben, lieber Professor, so leid mirs tut.«

»Wenn er nur außer Gefahr ist«, sagte Alberti und atmete erleichtert auf. »Da kann ich doch wieder ruhig zu meiner Arbeit zurückkehren . . . Ein paar wunderschöne Sachen haben wir gestern gefunden. Etwas hab ich Ihnen hier mitgebracht, das beste Stück, das seit Jahren durch meine Hand gegangen ist. Sie interessieren sich doch so sehr für antike Lampen, Herr Grillparzer. Wollen Sie das Ding annehmen, als Zeichen unserer Hochschätzung – es ist eine gute Arbeit!«

Und er wickelte mit dem interessierten Eifer des Kunstfreundes, der über dem Gegenstand seiner gelehrten Leidenschaft die ganze Umgebung vergißt, ein schmales, längliches Ding aus grauem Packpapier. Eine Lampe aus Bronze, ausgezeichnet erhalten und von edelster Form, mit drei Dochten und einem prächtigen Handgriff, eine sich emporringelnde Schlange darstellend. In der Mitte war der Kopf eines Fauns; die listig eingekniffenen Augen und die aufgestülpte Nase hatten etwas unendlich Komisches.

Grillparzer war gerührt.

»Tausend Dank, lieber Professor. Wirklich – a reizendes Stückel um und um. Das bring ich dem Vetter Paumgarten mit, der wird ganz selig drüber sein.«

Annitas Augen wurden weit: »Wie? Sie bringen es mit . . .«

»No freilich, ich freu mich schon, wenn ich dran denk, was der dazu sagen wird.«

Er erzählte von Paumgarten, dem selbstlosen Freund und unermüdlichen Förderer, der ihm die Reise hieher ermöglicht; und je mehr er sprach, desto mehr glitt er aus der hellen, leuchtenden Gegenwart in die Vergangenheit hinüber; und die hochgewölbten Bogenfenster wurden schmal und klein, ein trüber Dämmerungshimmel blickte in das enge Bureau mit dem Schreibtisch voll Aktenbündeln; Nebelschleier stiegen auf zwischen dem Fremdling aus dem Norden und der jungen, blühenden Schönheit in den hellen Gewändern. 67

Annita lauschte, mit einem abwesenden, gequälten Lächeln. Ihr war, als stünde sie an einem breiten Abgrund und streckte sehnende Hände aus und reichte nicht hinüber . . .

Aus dem Krankenzimmer kam Geräusch.

»Er ist aufgewacht. Gehen wir zu ihm.«

Sie saßen alle um sein Lager. Annita hielt seine Hand und hörte aufmerksam zu, wie er mit leiser Stimme den ganzen Hergang erzählte. Der Schlaf hatte ihn erfrischt; er schilderte die Wanderung auf dem englischen Admiralschiff, den Fehltritt, den Sturz, das Hinabgleiten in die finstere Tiefe, wo es nach Teer und faulen Fischen roch, die verblüfften Gesichter der Matrosen, als man ihn die Schiffstreppe hinauftrug, alle Einzelheiten des Vorfalles mit einem leisen Hauch des Komischen, so daß auf den Gesichtern der Zuhörer trotz der ernsten Lage, in der sich der Verletzte befand, beständig ein heimliches Lächeln spielte – eine Wirkung, mit der der Erzähler höchlich zufrieden schien.

Aber endlich sprang Alberti auf und bemerkte vorwurfsvoll:

»Nun wollen wir aber unseren Patienten doch endlich in Ruhe lassen. Morgen kommen wir wieder, bis dahin bleibt er in Freundeshänden – nicht wahr, Herr Grillparzer?«

Sie schritten die Treppe hinab zum Wagen. Grillparzer ging an Annitas Seite.

»Sie müssen bei ihm bleiben?« fragte sie leise. »Und just heute?«

Er preßte die Lippen zusammen.

»Er ist krank und einsam. Keiner von seinen Dienern versteht italienisch – und er ist mein Freund und hat mir Gutes getan. Kann ich ihn in seiner Not verlassen?«

»Ich verstehe«, sagte sie. Es war wie ein Hauch . . .

Der Wagenschlag klappte zu, mit einem scharfen harten Ton, als risse irgend ein Faden plötzlich und gewaltsam ab.

Mit gesenktem Kopf kehrte Grillparzer an das Krankenbett zurück.

Wurmbrand lag mit geschlossenen Augen. Die Diener hatten das Zimmer verlassen; der eine war um Eis 68 gegangen, der andere in die Apotheke, um eine von den Ärzten vorgeschriebene Salbe bereiten zu lassen.

Aber der Graf schlief nicht.

Mitten hinein in das große Schweigen, das die Gedanken und Empfindungen des Dichters wie ein unsichtbares Netz um ihn woben, tönte plötzlich seine leise Stimme:

»Grillparzer.«

Er fuhr empor: »Was solls, Herr Graf?«

»Werden Sie mich wirklich verlassen und hier bleiben – hier, wo Ihnen vielleicht ein neues, reicheres Leben blüht?«

Grillparzer hob den Kopf mit einer Gebärde grenzenlosen Staunens.

»Woher wissen Sie, Graf, daß ich hier bleiben wollte? Können Sie am End gar Gedanken lesen?«

Wurmbrand lächelte.

»Natürlich nicht, obwohl es bei Ihnen ja nicht so schwer wäre . . . aber in Ihre Seelenstimmung kann ich mich versetzen. Sie spielen mit dem Gedanken, einen Strich durch ihr Leben zu ziehen, den Beamtenrock in den Winkel zu werfen, nie mehr nach Wien zurückzukehren . . . ist es so oder nicht?«

»Ja, es ist so«, erwiderte Grillparzer ruhig.

Wurmbrand nickte.

»Mein Beruf hat mich frühzeitig zum Menschenkenner gemacht. Und ich las in Ihrem Gesicht, als ich Sie zum erstenmal mit Annita und Alberti im Atrium beisammen sitzen sah; als ich sah, wie Ihre Augen leuchteten und das liebe, schöne, große Mädel Sie voll Staunen und Ehrfurcht ansah . . . Ich hab Sie sehr gern und gönne Ihnen das höchste Glück des Lebens. Ob ein Dichter überhaupt zur Ehe taugt – ich weiß es nicht; aber wenn Sie durch die Heirat mit Annita mein Verwandter würden, ich wäre sehr, sehr stolz auf Sie . . .«

»Lassen Sie das, Graf«, sagte Grillparzer gequält und legte die Hände vor das Gesicht.

». . . denn für mich ist Geistesadel mehr als der Adel der Geburt. Aber schauen Sie, lieber Freund, es geht nicht so einfach, man kann seinen alten Menschen nicht ausziehen wie einen Uniformrock. Es ist etwas in uns 69 wie eine Magnetnadel, die immer und ewig die Richtung nach der Heimat weist, von der wir niemals loskommen können. Da müssen wir folgen, ob wir wollen oder nicht.«

»Und warum hats denn grad die Deutschen immer so stark nach dem Süden gezogen?« rief Grillparzer. »Die Germanen in der Völkerwanderungszeit und die Deutschen Kaiser und den Albrecht Dürer und den Goethe und sie alle, alle, die was Großes gewollt haben?«

»Es war keinem von ihnen zum Heil. Wieviel Tausende sind in Welschland elend zugrunde gegangen! Warum hat denn Dürer, den sie hier so hoch gefeiert haben, daß er sagte: wie wird mich nach der Sonnen frieren, hier bin ich ein Edelmann, daheim ein Schmarotzer – warum hat er endlich doch den Heimweg gefunden und Goethe den seinen nach Weimar, zum höchsten Ruhm und Glanz seines Dichterlebens? Überlegen Sie, was Sie tun wollen. Grillparzer. Ich sage nichts mehr.«

Und es lag wieder Stille in dem Zimmer, kaum hörte man die Atemzüge der beiden Männer, die langen, ruhigen des Schwerwunden und die kürzeren, unregelmäßigen Grillparzers, der mit verschlungenen Armen regungslos auf seinem Stuhl saß und vor sich hinstarrte.

Das sind die schwersten und härtesten Kämpfe, die im tiefsten Schweigen ausgekämpft werden . . .

Endlich stand der Dichter auf.

»Ich bleib bei Ihnen, Graf Wurmbrand, bis Sie wieder gesund sind. Und dann fahr ich mit Ihnen heim – nach Wien – und – und – ins Bureau.«

Der Graf tastete nach der Hand des Freundes, die müde und schlaff herabhing, so zärtlich leise, daß es einer Liebkosung gleichkam:

»Lassen Sie sichs nicht verdrießen, das Bureau . . . Wir tragen alle die Ketten am Fuß, die an dem Brotbaum befestigt sind. Das Land der Sehnsucht, das wir alle so schmerzlich suchen, liegt in unserer eigenen Brust. Da sind die Reiche, die wir durchziehen als Eroberer . . . da blühen die stillen Märcheninseln, tausendmal schöner als je ein Weltumsegler sie entdeckt hat. Ach!«

Und wieder Stille. Ganz leise und gedämpft nur klang das ferne Brausen der geschäftigen, lärmenden, lebensvollen Stadt bis in die Einsamkeit des Krankenzimmers. 70

»Ich will warten, bis der Stabsarzt aus Mailand kommt, und dann werden wir ja sehen, was weiter gschehen muß. Aber eine Bitte hätt ich an Sie: Mein Urlaub geht zu End. Um Verlängerung einreichen mag ich nöt, sonst verpatz ich mir selber die nächste Beförderung im Dienst. Sie müßten wohl so gut sein und den Kaiser verständigen, daß Sie mich als Pfleger dringend brauchen, damit mir die Finanzhofstell weiter Urlaub gibt.«

»Wird geschehen, lieber Freund, selbstverständlich«, erwiderte Wurmbrand. »Wie lange kann es denn dauern, bis ich wieder gesund bin – und dann gehts über Rom und Florenz in einem Zug nach Wien. Ach, ich bin froh, daß Sie bei mir bleiben wollen, so froh!«

*

Es war zwei Wochen später.

Wieder saß Annita auf der Bank mit den marmornen Löwenköpfen und blickte über den weißen, leuchtenden Golf, der Sonne nach, die sich zum Untergang neigte.

Ein weißes Segel zog langsam, langsam über die blaue Fläche. Sie folgte ihm mit den Augen; ein Zug von Trauer lag auf ihrem blühenden Gesicht und der junge Mund war hart und fest geschlossen wie der Deckel eines Sarges.

Denn sie wußte, daß jenes Schiff zwei Menschen von ihr forttrug, die viel bedeutet hatten in ihrem jungen Leben.

Sie wollten mit dem kleinen Küstenfahrer nach Pozzuoli und von dort aus zu Wagen nach Capua, wo Eilpost nach Rom genommen werden sollte; der Graf war noch immer sehr der Schonung bedürftig und von den schweren inneren Verletzungen, die der Mailänder Stabsarzt festgestellt hatte, nur notdürftig geheilt. Ohne Grillparzer aber, so erklärte er, wolle er unter keiner Bedingung die Heimreise wagen.

Das alles stand in dem Brief, den Annita in den Händen hielt und den ihr Grillparzer kurz vor der Abreise geschrieben, nebst vielen Worten des Dankes für alles, was sie ihm gegeben hatte an Anregung und Teilnahme für sein Schaffen; aber noch manches Andere war darin enthalten, das zwischen den Zeilen lag und zu zart und 71 wehmütig und traurig war, um in harten Worten dargestellt zu werden. Und Annita hatte den Brief gelesen, oft und oft, und wußte bald, was er sagte und noch besser, was er verschwieg; sie erkannte mit dem geschärften Blick, den keimende Neigung verleiht: wenn er auch ihr zuliebe geblieben wäre, die dunklen Kräfte seiner Seele würden ihn doch immer wieder zur Heimat ziehen, nach jenem Lande, wo sie nicht leben und nicht atmen konnte, sie, das Kind des seligen Südens.

Das Schiff zog seine Bahn weiter. Ein breiter Streifen Kielwasser schäumte hinter ihm her, Möwen flogen um die Spitze des Mastbaumes, und das weiße Segel färbte sich rosig im Glanz der sinkenden Sonne.

Sie erhob sich und trat an das Fenster. Wie sie jetzt den Raum mit ihren Blicken überflog, kamen Erinnerungen über sie. Hier bei der großen Palme hatte er zum ersten Male scheu und flüchtig ihre Hand zu berühren gewagt – dort zwischen den Fensterpfeilern von der großen Einsamkeit seines Lebens gesprochen – da, wo man auf die säulengeschmückte Terrasse hinaustrat, hatte er mit halber Stimme eines seiner Gedichte in einer Vertonung von Schubert gesungen, ein paar schlichte Verse, die ihr seltsam ans Herz griffen . . .

Im Nebenzimmer war geräuschvolles Leben. Alberti arbeitete an seinem großen Relief. Es galt, einige Modelle der neuen Häuser herzustellen, die er eben erst bloßgelegt hatte. Man hörte dumpfe Hammerschläge, das Rauschen der Säge, das Knirschen von Raspeln, den gedämpften Lärm emsiger, gestaltungsfroher Arbeit. Ach, es gab noch so viel zu tun! Nun war er ja wieder ganz allein und jede Hoffnung auf den ersehnten Mitarbeiter geschwunden –da hieß es doppelt fleißig sein.

Das weiße Segel aber war fort.

Der glühende Sonnenball tauchte ins Meer hinab. Noch immer stand das Mädchen regungslos und starrte nach der Landspitze, die ihr den Anblick des Schiffes entzogen hatte. Und die bebenden Lippen flüsterten ein Wort, das traurigste von allen: Vorbei . . . vorbei!



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