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Achtzehntes Kapitel

McNab öffnete lange nicht den Mund. Er stand da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und betrachtete nachdenklich die verschiedenen Gegenstände, die der Blinde und seine vier Wächter bei ihrem überstürzten Abzug zurückgelassen hatten. Einer oder der andere der Passanten musterte ihn neugierig und sah sich dann um, um herauszubekommen, was McNabs Aufmerksamkeit in diesem Grade gefesselt hielt. McNab schien keineswegs entzückt über das, was er erblickte. Als er sich endlich nach mir umdrehte, um eine Frage an mich zu richten, sah ich deutlich ein leichtes nervöses Beben um seine Mundwinkel zittern.

»Nun, Godfrey«, sagte er, »wie faßt du die Sache auf?«

»Dein Köder ist genommen worden«, meinte ich.

Er nickte ernst.

»Jawohl, und der Fisch hat nicht bloß dran geknabbert, er hat ihn ganz und gar verschlungen und weggeschleppt.«

»Und im nächsten Augenblick werden deine Leute zurückkehren und uns verraten, wohin er geschleppt worden ist, nicht? Alles ganz deinen Plänen gemäß, nicht wahr?«

»Ich hoffe es«, erwiderte er langsam. »Ich hoffe es. Trotzdem hat sich hier etwas zugetragen, worauf meine Leute nicht gefaßt waren. Es ist ganz klar, daß sie überrumpelt worden sind.« Nochmals schweifte sein Blick über die Umgebung. »Sieh dir mal Peters' Pinsel an. Er hat ihn aus der Hand fallenlassen, denn er ist mit dem Stiel zuerst in den Farbtopf geplumpst. Peters hat übrigens eine Schürze angehabt. Ist er ihnen in der Schürze nachgelaufen? Ich kann sie nirgends entdecken. Auch der Spaten sieht so aus, als wäre er mitten in der Arbeit weggeworfen worden. Und Pilcher scheint noch die Jäthandschuhe angehabt zu haben, als er weglief, obwohl er seine Kappe zurückließ.« McNab zeigte auf die Kappe, die innerhalb des Gitters unter einem Gebüsch lag.

»Irgendwas hat sie unvermutet überrascht.«

McNab blickte die Straße entlang. Wie gewöhnlich war auf unserer Seite wenig zu sehen, außer einigen Bonnen mit Kinderwagen. Auf der anderen Seite war der Verkehr zwar viel lebhafter, aber wenn jemand in dem Menschenstrom wirklich etwas Auffälliges bemerkt haben sollte, so war er sicher längst weitergegangen.

Etwa fünfzehn Minuten gingen wir wartend auf und ab. Für McNab müssen es ebensoviel Stunden gewesen sein.

»Peters ist ein verläßlicher junger Mensch«, sagte er einmal. »Er hat mich noch nie im Stich gelassen. Auch Jenkins ist fähig, das eine oder andere zu leisten«, fuhr er fort und bückte sich, um das Buch aufzuheben.

»Dann wird's so sein, daß Peters und Jenkins zusammen Kinloch gefolgt sind. Es handelt sich also nur darum, wie weit das Haus entfernt ist, in das Kinloch gebracht wurde. Früher oder später wird doch einer deiner Leute zurückkommen und uns Bescheid sagen.«

»So war es geplant«, erwiderte er, mechanisch die zerknitterten Blätter des Buches glättend. »Aber die ausgespitztesten Pläne mißlingen bisweilen. Ich fürchte, das ist hier der Fall. Es sieht ganz so aus, als wäre der Köder glatt aus der Falle gestohlen worden, und das heißt, daß wir die Fühlung mit dem Mörder Ponsonby Pagets wieder verloren haben – gerade in dem einzigen Augenblick, wo diese Fühlung herzustellen war.«

Er schlug das Buch zu und legte es auf den Feldstuhl.

Innerhalb der nächsten Minuten hatten wir den Beweis dafür, daß McNabs Vorahnungen zutrafen. Der kleine Peters tauchte zuerst auf. Er hatte ein recht erhitztes und im Augenblick wenig intelligentes Gesicht. Seine Niedergeschlagenheit sprach so beredt davon, daß die Jagd vergeblich gewesen war – die bedauernde Handbewegung, die er machte, als er McNabs Augen begegnete – wäre eigentlich durchaus überflüssig gewesen.

»Also ist er euch glatt durch die Finger geschlüpft«, sagte McNab.

Peters nickte, er war noch ganz außer Atem.

»Ein Blinder! Und ihr vier Mann hoch! Es interessiert mich wirklich, zu erfahren, wie so etwas möglich war.«

Endlich hatte Peters den Gebrauch seiner Stimme wiedergefunden.

»Er ist uns entwischt, Herr, das stimmt schon, aber blind ist er nicht. Der ist so wenig blind, wie ich blind bin.«

»Was?« schrie McNab. »Was sagen Sie da? Nicht blind? Sind Sie verrückt geworden, Peters?«

»Ebensowenig blind wie ich selbst«, wiederholte Peters hartnäckig.

Ich erinnere mich noch gut, wie McNab ihn anstarrte, zornig und ungläubig, dann aber ging in seinem Gesicht ein blitzschneller Wandel vor. Der Ausdruck völligen Unglaubens schwand aus seinen Augen, und an seiner Stelle leuchtete plötzliches Verständnis auf.

»Ich versteh' schon«, sagte er langsam und wie zu sich selbst. »Jawohl, ich verstehe es schon. Das war also der Grund, warum Dunn so gelacht hat.« Er drehte sich um und nickte Peters zu. »Nun kommen Sie aber mit und erzählen Sie, was vorgegangen ist. Drin in den Anlagen ist eine Bank dicht am Eingang.«

Und gleich darauf saßen wir dort, Peters zwischen uns.

»Es ist noch keine Stunde her«, begann der kleine Mensch mit einem Seufzer, »seit das Ganze sich abspielte. Wir hatten uns gerade so richtig eingelebt, Jenkins mit seinen Zündhölzern, die andern mit ihrer Gärtnerarbeit und ich mit meinem Anstreichpinsel. Zwischen Jenkins und mir hockte der Kerl auf seinem Stühlchen. Die ganze Sache schien bombensicher. Jenkins war natürlich derjenige von uns, der am besten sehen konnte, was los war, denn er hatte nichts zu tun, und sein Gesicht war immer der Straße zugewandt, während ich natürlich, bei meiner Arbeit, ihr den Rücken kehren mußte. Das erste, was ich merkte, war, daß Jenkins aufschrie. Ich seh' mich um und bemerke, daß ihn ein Herr beim Kragen gepackt hat und festhält. Jenkins brüllte etwas, aber ich konnte es nicht verstehen. Das nächste ist, daß ich sehe, wie der Blinde auf den Fahrweg hinausläuft und dabei geschickt einem Radfahrer ausweicht, als ob's gar nichts wäre.« Peters machte eine Pause. »Ich muß zugeben, wie ich das sehe, da war ich so vor den Kopf geschlagen, daß ich nicht rasch genug zum Handeln kam. Ich versichere Ihnen, Herr, die Entdeckung, daß der Kerl überhaupt nicht blind war, ist mir derart in die Knochen gefahren, daß ich dastand, das Maul aufriß und kein Glied rühren konnte. Und fix war der Bursche dabei noch auf den Füßen – schnell wie ein geölter Blitz. Kein Mensch hätte meinen können, daß es derselbe herabgekommen aussehende Kerl sei, der da die ganze Zeit auf seinem Stühlchen gehockt hatte. Das Ergebnis war, daß er schon im Auto war, ehe einer von uns ein Glied rühren konnte.«

»Die Dame hatte mit ihrem Wagen auf der anderen Straßenseite gehalten?« fragte McNab.

Peters blickte rasch auf.

»Das stimmt, Herr. Auf der Straßenseite, die ihr zur Rechten lag, wenn sie von Campden Hill Road hereingekommen ist. Aber sie hatte den Motor nicht abgestellt, obwohl sie den Wagenschlag geöffnet hatte und, wie ich glaube, gerade aussteigen wollte, als der Mann irgend etwas zu ihr sagte und von der anderen Seite in den Wagen sprang. Die Dame schien ganz überrascht. Einen Augenblick lang rührte sie sich nicht. Dann ließ ich meinen Pinsel fallen und rannte los. Ich wäre auch noch bis hin gekommen, wenn mich ein Taxameter nicht beinah überfahren hätte. Ich wurde dadurch gerade so lange aufgehalten, bis sich das Auto in Bewegung gesetzt hatte.«

»Was hatte das Auto für eine Nummer?« fragte McNab.

Peters war nahe daran, vor Verzweiflung die Hände zu ringen.

»Oh, Herr, an all das hatte man schon gedacht. Die Nummer war durch eine Decke verborgen, die über die Rücklehne hinaushing. Das Nummernschild am Kühler vorne konnte ich nicht sehen. Ich haschte nach der Decke, erwischte sie aber nicht mehr, doch als der Wagen rascher zu fahren begann, schwang der Deckenzipfel etwas zur Seite, so daß ich den Buchstaben K wahrnehmen konnte. Das war alles.«

McNabs Antwort war ein Stöhnen.

»Lohnt kaum noch zu fragen, was dann noch geschah«, sagte er.

»Nun, Herr, in der Zwischenzeit waren die beiden anderen, so gut es ging, über das Gitter geklettert, und Jenkins hatte sich von dem Herrn befreien können.«

»Und dann seid ihr alle vier zu Fuß dem Auto nachgelaufen, eine ganze Volksversammlung auf den Fersen, was? Was habt ihr euch dabei gedacht?«

Peters schien über den Vorwurf betroffen und gekränkt.

»Nein, Herr, wir teilten uns am Ende der Straße. Jenkins und ich, wir erwischten einen Taxameter. Wir fuhren in der Richtung von Bayswater, die andern sollten nach Kensington zu, sobald sie einen Wagen erwischen konnten. Und, Herr, es ist uns keine Volksversammlung nachgelaufen. Dafür ist hier die Gegend zu fein, Herr«, protestierte Peters.

McNab schnaubte ungeduldig.

»Peters, es wäre beinah besser gewesen, Sie hätten Ihre Anstreicherarbeit weitergemacht. Weiß Gott, viel besser, denn dann hätten Sie Jenkins vielleicht helfen können, seinen Gegner zu erwischen.«

»Den Herrn am Kragen erwischen?« rief Peters. »Aber, Herr, es war doch gerade umgekehrt. Der Herr hat Jenkins am Kragen erwischt. Er hatte bei Jenkins haltgemacht, um eine Schachtel Streichhölzer zu kaufen, gerade als der Wagen sich in Bewegung setzte, und da er Jenkins eine halbe Krone gegeben hatte, hat er ihn so lange festgehalten, bis er das Wechselgeld herausbekam. Jenkins hat mir im Wagen alles erzählt. Der Mann, so meinte er, bildete sich ein, er wolle mit der halben Krone ausrücken.«

»Dummes Geschwätz! Der Mann hatte die Aufgabe, Jenkins aufzuhalten und die Aufmerksamkeit des einzigen Menschen abzulenken, der in der Richtung des Fahrweges blicken konnte. Außerdem sollte der Streit zwischen ihm und Jenkins eure Aufmerksamkeit in diese Richtung ziehen. Jenkins war einfach ein Narr. Aber«, erklärte McNab mit flammenden Augen und einer Bewegung seiner geballten Faust, bei der Peters zusammenzuckte, »kein größerer Narr, als ich selbst war.«

Sein Zorn und Verdruß legte sich indessen rasch. Peters wurde, nachdem er noch ein paar Fragen beantwortet hatte, entlassen, und McNab machte sich in seiner zähen, eigensinnigen Art daran, so gut es ging, das beste aus einer Angelegenheit zu machen, die an sich recht übel schien. Daß er von dem Mißlingen seines Planes zunächst wie betäubt war, brauchte er mir nicht erst zu sagen. Eine Weile machte er ganz den Eindruck eines Mannes, der durch einen heftigen Schlag der Besinnung beraubt, unfähig ist, zusammenhängend zu denken. Er brauchte mehrere Minuten, ehe er sich wieder gefaßt hatte. Und ohne viel Aufhebens darum zu machen, gönnte er sich diese kurze Ruhepause hier auf der Bank in einer öffentlichen Anlage. Das Geschrei der Kinder schien ihn ebensowenig zu stören wie die gedämpften Ermahnungen der vornehmen Bonnen, die langsam an uns vorbeischlenderten.

Wo McNab einen neuen Anhaltspunkt fand, um der Situation wieder Herr zu werden, kann ich nicht sagen. Für mich war es ein unvergeßlicher Eindruck, ihn da so sitzen zu sehen. Jeder Nerv, jeder Muskel, jedes Wahrnehmungsvermögen schien ausgeschaltet, ja das Atmen schien gedämpft, um das Arbeiten der Gedanken nicht zu stören. Endlich schien er wieder aus dem Reich seiner Gedanken zur Außenwelt zurückzukommen. Ich fragte mich verwundert, ob es ihm gelungen sei, etwas aus dem Schiffbruch seiner Pläne zu retten, und was das sein könne. Die ersten Worte, die er äußerte, schienen aber nicht in der geringsten Beziehung zu der Niederlage des heutigen Tages zu stehen.

»Jetzt«, sagte er sehr ernst, »gilt es, einem zweiten Mord zuvorzukommen, und es wird ein heißes Rennen werden.«

Die Bemerkung überraschte mich zunächst, erst nachträglich begriff ich, was er meinte.

»Du meinst, er wird Kinloch ermorden?«

»Ja, er wird Kinloch aus der Welt schaffen.«

Ich war sprachlos, denn während er dasaß, schienen seine Gedanken eine ganz andere Richtung genommen zu haben, als ich vorausgesetzt hatte. Daß Kinloch in Gefahr sein könnte, war mir nicht im Traum eingefallen. Er war so lange das Wild gewesen, dem wir nachstellten. Nun war es schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er auch für andere die Beute bildete, der sie nachjagten. McNab faßte mich am Arm.

»Mach schnell, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Wir kehrten dem Enderby-Garten endgültig den Rücken. Wo wir so eilig hin mußten, davon hatte ich keine Ahnung. Es werde ein heißes Rennen geben, hatte McNab gesagt, wenn wir einem zweiten Mord vorbeugen wollten. Aber in welcher Richtung das Rennen gehen sollte, ob nach Norden, Süden, Osten oder Westen, und ob er darüber Bescheid wußte, vermochte ich nicht zu sagen. Ganz gewiß war nur, daß weder Peters noch ein anderer seiner Gehilfen ihn darüber hatte informieren können, und trotzdem verriet das Tempo, in dem McNab dahinstürmte, daß er bereits einen festen Entschluß gefaßt haben mußte. Ich verschonte ihn aber mit Fragen, um so mehr, als ich meinen Atem sparen mußte, um seiner Gangart folgen zu können.

Ein paar Minuten später langten wir im Laufschritt im Untergrundbahnhof Notting Hill an. Als wir aus dem Lift traten, rollte gerade ein Zug zischend und polternd in den Bahnhof. Es war nicht die Zeit großen Andrangs. Der Wagen, in den wir hineinstolperten, war nahezu leer. Der Endspurt durch den langen Korridor und die Stufen hinunter war heiß gewesen. Atemlos plumpste ich auf einen Sitz gegenüber McNab.

»In einer Welt, wie sie sein sollte«, beschwerte ich mich, als ich wieder atmen konnte, »hätte Peters natürlich die Nummer des Autos feststellen können, und das einzige, was bei der Affäre noch zu tun bliebe, wäre, den Mörder zu hängen.«

»Es kann sein. Aber in einer Welt, wie sie sein sollte, wäre es auch nicht nötig, jemanden zu hängen.«

Das war nicht ganz das, was ich hatte sagen wollen. So wiederholte ich meine Bemerkung und erklärte sie.

»Aber Peters hat doch etwas ermittelt«, entgegnete McNab. »Peters hat den Buchstaben K auf dem Nummernschild wahrgenommen, und diese Information, obwohl sie bei weitem nicht dem entspricht, was ich zu erreichen hoffte, reicht immer noch hin, um weiterzuarbeiten.«

»Bist du denn gewiß, daß das Nummernschild nicht falsch war?«

»Ich bin dessen nicht gewiß. Zwar ist es auffällig, daß man sich so große Mühe gegeben hat, das Nummernschild durch eine Decke zu verbergen, trotzdem kann das Schild selbst doch immerhin falsch gewesen sein. Nun, in einer halben Stunde ungefähr werden wir wissen, ob das K echt war oder gefälscht.«

Und nun erfuhr ich, wohin die Reise ging. Es war nach meiner Auffassung eine recht seltsame Stelle, um herauszubekommen, ob das K echt oder falsch war, denn wir waren unterwegs nach den Docks, oder besser zum Trinity-Haus, dem Hauptquartier der Lotsen für den Ärmelkanal. Was die Kanallotsen mit dem Nummernschild eines Autos zu tun hatten, konnte ich mir nicht vorstellen, aber McNab, so gesprächig er im übrigen war, wollte mich gerade über diese Frage nicht aufklären. Ich wage zu behaupten, daß die verblüffte Art, in der ich ihn anstarrte, ihn erst recht zu seiner Weigerung veranlaßte.

»Es ist nicht mehr als ein schwacher Fingerzeig, den ich gelegentlich aufgeschnappt habe«, sagte er. »Ich spiele sozusagen va banque auf die Möglichkeit hin, daß etwas hinter der Sache steckt. Wenn wir eine Niete ziehn, ist's aus mit Kinloch.«

Meinerseits hatte ich den Eindruck, daß, wenn er vielleicht auch nicht die Gefahr überschätzte, in der Kinloch schwebte, er doch wohl Kinlochs Fähigkeiten, sich selbst um sein Wohl zu kümmern, beträchtlich unterschätzte.

»Das ist ein ganz gerissener Hund, dein Freund Kinloch«, sagte ich. »Denk dran, wie er dich mit seiner Blindheit hereingelegt hat.«

McNab lächelte säuerlich.

»Zugegeben, das hat er. Aber es war eine Rolle, die er mit größter Lebenswahrheit spielen konnte, denn er ist jahrelang wirklich blind gewesen.«

Unser Zug füllte sich jetzt an jeder Station. Man konnte sich, ohne die Ohren Dritter fürchten zu müssen, nur noch unterhalten, solange er durch die Tunnels donnerte. McNab beugte sich dicht zu mir.

»Wenn der Fingerzeig, auf Grund dessen ich jetzt vorgehe, sich als stichhaltig erweist«, sagte er, »dann wird eine Masse von deiner Geschicklichkeit abhängen. Aber täusche dich nicht über die Gefahr, in der der Mann schwebt: Kinloch ist jetzt näher dem Tode als je im Schützengraben.« Er tupfte mich aufs Knie und brüllte mich beinahe an. »Schreib dir das hinter die Ohren, oder du wirst die Aufgabe vollständig verpfuschen, die ich dir jetzt anvertrauen muß!«

Der Zug schoß ins helle Tageslicht hinaus. Gleich darauf waren wir auf dem Weg über Tower Hill nach dem Trinity-Haus.

Dem Beamten in der Vorhalle erklärte McNab den Grund seines Besuchs: er wünsche jemanden zu sprechen, der mit der Küste von Kent gut vertraut sei. Der Beamte kratzte sich skeptisch am Kinn, als ihm McNab auseinandersetzte, daß es sich nicht um Informationen über Untiefen, Flutströmungen und Leuchttürme handelte, sondern um Nachrichten über Straßen, Buchten und Vorgebirge.

»Es sieht mir so aus, als wären Sie hier in den falschen Laden gekommen«, bemerkte er. Dann erhellte sich sein Gesicht. »Ach, da ist ja der alte Georg. Er war mal beim Küstenschutz, und ich denke, es war in Kent. Wenn der Mann, den sie brauchen, überhaupt existiert, dann ist er's.«

Irgend etwas glitt aus McNabs Hand in die des andern, mit dem Erfolg, daß mit überraschender Schnelligkeit der alte Georg aus irgendwelchen Tiefen des Souterrains ans Tageslicht geschafft wurde, ein gesund aussehender, blauäugiger alter Knabe, der trotz seiner langen Dienstjahre in der friedlichen Stille des Trinity-Hauses noch immer das Abbild eines in Wind und Wetter erprobten alten Seemanns war.

»Sie kennen die Küste von Kent?« begann McNab sofort.

»Sollt' ich meinen, Herr, jeden Zoll, von Rochester bis Rye.«

McNab strahlte.

»Und glauben Sie, daß Sie jeden beliebigen Teil der Küste auf Grund einer Beschreibung identifizieren könnten?«

»Gewiß, Herr, vorausgesetzt, daß Sie mir genügend Anhaltspunkte geben können.«

»Ah, in dieser Hinsicht habe ich meine Zweifel. Da liegt gerade die Schwierigkeit. Hören Sie zu.« McNab sprach langsam – sachte und sehr langsam –: »Es handelt sich um eine Landstraße, die eine lange steile Senkung hinunterführt und dann eine scharfe Kurve nach rechts macht. Unten liegt ein Dorf. Mit einem Auto ist die Ortschaft in wenigen Minuten durchfahren. Dann führt die Straße plötzlich dicht am Meer her, so dicht, daß an einem stürmischen Tag einem der Gischt gelegentlich ins Gesicht geweht wird. Nach ungefähr einer Meile läßt man die See hinter sich und hört sie nicht wieder.«

Der alte Georg, der aufmerksam zugehört hatte, kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr.

»Das ist eine harte Nuß, soviel steht fest. Es gibt Dutzende von Ortschaften, auf die das paßt. Von Whitstable bis Margate, von Broadstairs nicht zu reden. Und außerdem –«

McNab hob die Hand.

»Man würde den Gischt und ebenso die Sonnenwärme auf seiner linken Wange spüren«, sagte er.

Das Gesicht des Alten erhellte sich.

»Ach, das macht sich schon besser. Damit scheidet die Nordküste schon aus.«

Er grübelte eine Weile. Dann blickte er auf. »'s hört sich ein bißchen an wie Pegwell Bay, wenn man von Ramsgate her kommt, nur daß das mit dem Berg nicht stimmt. Und es würde auf Walmer passen, wie das Tüpfelchen aufs i, wenn man vom Westen käme, anstatt vom Osten. Das mit der Straße und der Kurve rechts herum würde ganz gut auf Dover passen, bloß kann man Dover nicht gut 'n Dorf nennen, und ich glaube, die Leute in Dover wären Euch nicht dankbar dafür.«

»Der Lärm der Brandung am Strand ist besonders stark – der Strand besteht aus Geröll«, sagte McNab, schon beinahe verzweifelt.

Der alte Georg schüttelte den Kopf.

»Überall dort herum, wo Strand ist, ist Geröll, wenn man nicht gleich bis Dymchurch geht. Freilich, in Dover ist die Brandung nicht so geräuschvoll, das macht der Wellenbrecher.«

»Und durch den Lärm der Brandung«, warf McNab dazwischen, »kann man unter Umständen die Töne eines Horns hören, das rechts von der Straße auf einem etwas höher gelegenen Terrain geblasen wird.«

Ich denke, dies war McNabs letzter, verzweifelter Wurf. Aber der alte Veteran vom Küstenschutz blickte auf, als das Horn erwähnt wurde, und klatschte sich auf den Schenkel.

»Verdammt will ich sein, wenn ich nicht ein richtiger Idiot bin«, rief er aufgeregt. »Lieber Gott, ich hab' zwanzig Jahre dort gelebt, genau an der Stelle. Sie liegt zwischen Folkestone und Hythe, jawoll. Da geht's das lange Stück bergabwärts, ehe man nach Sandgate hineinkommt, dann, sobald Sie an den Baracken vom Küstenschutz vorbei sind, kommen Sie an die See hinaus, bis der Weg an der Polizeistation Seabrook wieder ins Land hineingeht. Und die ganze Zeit über hat man das Übungslager Shorncliffe zur Rechten. Es paßt alles, wie das Tüpfelchen aufs i, wenn man die Hauptchaussee über den steilen Nebenweg erreicht, der von den Downs herunterkommt. Das ist der Platz, den Sie suchen. Freilich, wenn für diesen Rätselwettbewerb ein Preis ausgeschrieben ist, dann hab' ich ihn schlecht verdient.«

»Und die See spritzt dort gelegentlich bis an die Landstraße?« fragte McNab.

»Bei Springflut nach scharfem Südwind, gewiß. Mehr als einmal ist dann schon die ganze Straße weggespült worden.«

McNab schien mit der Information zufrieden, und Georg bekam, ehe wir uns von ihm trennten, einen »Preis«, mit dem er ebenfalls nicht unzufrieden zu sein schien.

Auf dem Rückweg über Tower Hill zog McNab die Uhr. Es war zwanzig Minuten bis vier. Dies schien seine Zufriedenheit noch zu erhöhen.

»Es sieht aus, als ob wir noch genügend Zeit hätten, um ihn zu retten«, sagte er, dann fügte er hinzu: »Wir werden einen Bissen essen, und dann kannst du den Fünfuhrzug von Cannon Street gerade noch erwischen.

»Den Fünfuhrzug erwischen?« wiederholte ich überrascht. »Wohin geht er denn? Wozu denn?«

Aber er wollte mir im Augenblick nicht das geringste erzählen. Er sei hungrig, so erklärte er, selbst wenn ich es nicht sein sollte, und wir müßten sofort zu ihm nach Hause. Er habe mir, ehe ich abfahre, noch Dinge mitzuteilen, die sich nur unter vier Augen sagen ließen, und seine Wohnung sei dafür der beste Platz. Dort könne er mir seine Instruktionen während des Essens erteilen. Da ich seit meinem ersten Frühstück nichts gegessen hatte, war ich ebenfalls hungrig genug, aber meine Neugierde quälte mich mehr als mein Hunger.

Was ich eigentlich gegessen habe, nachdem wir wieder in McNabs Wohnung angelangt waren, weiß ich nicht, aber genau erinnere ich mich an die abgebrochene, beinahe barsche Art, in der er zu mir sprach – das war MacNab im Augenblick einer Krisis –, wenn Erfolg oder Mißerfolg an einem Haar hingen. Und selbst jetzt, wo er schweigend über eine Karte gebeugt saß, die das Straßennetz von Kent in großem Maßstabe darstellte, war erkennbar, daß sämtliche geistigen und körperlichen Eigenschaften, die er aufbieten konnte, aufs äußerste angespannt waren. Und doch schien er äußerlich gelassen genug, als er mir endlich meine Instruktionen zu erteilen begann.

»Ich habe mich entschlossen, Snargrove und Scotland Yard überhaupt nicht mit heranzuziehen«, erklärte er, »zum Teil, weil dazu keine Zeit mehr bleibt – es handelt sich jetzt bestenfalls um Stunden –, und zum Teil, weil die Beschreibung, die Howley von dem mutmaßlichen Schuldigen gegeben hat, zu unbestimmt ist, um ein rasches Vorgehen zu ermöglichen. Der Himmel allein weiß, wieviel Männer in braunen Anzügen und mit Zahnbürstenschnurrbärten in ganz England innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden verhaftet werden würden. Der Mann, so wie wir ihn beschreiben können, ist tausend anderen viel zu ähnlich.«

»Ja«, fiel ich ein, »das war, was ich vorhin gemeint habe. Wenn das nicht Wirklichkeit, sondern ein Roman wäre, dann hätte der Verbrecher ein hängendes Augenlid, eine Narbe an der Stirn, oder vielleicht würde ihm ein Finger fehlen, seine Ohrläppchen wären durchbohrt, weil er Ohrringe getragen hat oder –«

Er aber unterbrach mich.

»Wir haben auch keine Zeit für solches Geschwätz«, sagte er grob. »Noch nicht einmal habe ich Zeit, deine Instruktionen schriftlich auszuarbeiten. Hör aufmerksam zu, sonst vergißt du noch was.«

»Wenn ich eine politische Rede so gut wie wörtlich im Gedächtnis behalten kann, so ist wohl keine Gefahr, daß ich deine Instruktionen vergesse«, erklärte ich.

»Schön, dann hör zu. Wie ich schon sagte, nehme ich das Risiko auf mich, Scotland Yard nicht mit heranzuziehen. Die Gründe habe ich dir genannt. Es kommt noch dazu, daß wir für den Augenblick – das merke dir – weniger aus dem Gesichtspunkt heraus handeln, die Verhaftung des Mörders zu erreichen, als in der Absicht, einen zweiten Mord zu verhindern. Und das ist ja schließlich auch genau das, was das Gesetz beabsichtigt, selbst wenn es einen Menschen an den Galgen bringt. Daß man einen Mörder henkte, hat zwar noch nie sein Opfer wieder ins Leben zurückgerufen, aber zweifellos hat es eine Reihe anderer Menschen am Leben erhalten.«

»Bist du denn gewiß, daß Kinloch wirklich in Gefahr schwebt? Er selbst scheint nicht –«

McNab war nahe daran, mit dem Fuße aufzustampfen.

»Hör zu! Welches Motiv hat nach deiner Ansicht die Ermordung Ponsonby Pagets herbeigeführt? Du kennst Paget und seine Zeitschrift. Welch anderer Beweggrund steckte hinter dem Mord, als die Furcht vor Bloßstellung und Infamierung in der Öffentlichkeit? Paget wußte etwas über den Mann und bedrohte ihn. Paget hatte aber sein Opfer falsch eingeschätzt und hat dafür büßen müssen. Nun, in diesem Augenblick, wo dem Täter die Verhaftung droht, hat er, weiß Gott, einen viel zwingenderen Grund für einen Mord. Denn diesmal ist nicht nur sein guter Name in Gefahr, sondern sein Hals. Ferner darfst du nicht vergessen, daß Kinloch jetzt sehen kann. Das war eine Tatsache, die den beiden noch nicht bekannt war, als sie ihn heute entführten. Sie war nämlich nur einem einzigen bekannt, dem Doktor, der mich ausgelacht hat. Die beiden wußten es nicht. Erinnere dich: Peters erzählte uns, daß die Frau im Begriff war, das Auto zu verlassen, ersichtlich in der Absicht, Kinloch zu holen und zum Wagen zu führen. Nun, sobald sie einmal wissen, daß er jetzt sein Augenlicht wiedererlangt hat, wird er zum erstenmal wirklich gefährlich. Hast du das begriffen?«

Ich nickte.

»Bist du überzeugt?«

Wieder stimmte ich stumm zu.

»Gut. Nun, wo wir wissen, womit wir zu rechnen haben, können wir zum Kern der Sache kommen.«

Er sprang auf und begann, die Hände tief in den Hosentaschen, auf und ab zu laufen.

»Hör sorgfältig zu, Chance! Was ich zu sagen habe, wird einige Zeit beanspruchen, aber du kannst inzwischen deine Mahlzeit fortsetzen. Ich möchte dir zeigen, daß ich dich nicht ins Blaue hineinschicke.« Er machte eine kurze Pause. »Du erinnerst dich vielleicht, wie Dr. Dunn erklärte, daß Kinloch unterwegs einmal die Brandung gehört habe. Ein einziges Mal, nachdem sie das Haus verlassen hatten, wo sie in der Zeit nach dem Mord versteckt gewesen waren. Du wirst dich ebenso erinnern, wie er sagte, Kinloch habe ungefähr im gleichen Augenblick ein Horn blasen hören. Dieses Zusammentreffen der beiden Geräusche – des Brandungsgeräuschs und der Horntöne – verrät uns viel. Der Gischt der Brandung konnte den Wagen nur während des Höchstwasserstandes bei Springflut erreichen. Aus der Gezeitentabelle habe ich ermittelt, daß die Springflut am 22. März in Folkestone um zehn Uhr vormittags und um zehn Uhr siebenundfünfzig nachmittags ihren höchsten Stand erreicht hat. War es nun während des Vormittags oder in der Nacht, als der Gischt in den Wagen geweht wurde? Das Hornsignal gibt darauf die Antwort. Das Hornsignal kam von den Militärbaracken im Übungslager Shorncliffe. Aber in keinem Militärquartier wird nach zehn Uhr fünfzehn abends, nach dem Zapfenstreich, noch ein Hornsignal geblasen. Und deshalb kann es auch nicht der Zapfenstreich gewesen sein, den Kinloch gehört hat, während der Gischt von der Springflut in den Wagen geweht wurde. Es ist ebenso gewiß, daß das Ganze sich nicht an einem Datum vor dem 22. zugetragen hat, denn obwohl die Flut dann zeitiger als zehn Uhr siebenundfünfzig eingetreten wäre, so wäre trotzdem, auch beim Höchstwasserstand, die See zu niedrig gewesen, als daß, selbst bei starkem Wind, der Gischt bis auf die Straße gepeitscht worden wäre. Der Schluß, den ich daraus ziehe, ist deshalb, daß das Auto die Stelle während der Morgenspringflut passierte und daß das Horn das Signal für den Zehnuhrappell gab. Und wenn sie zu so verhältnismäßig früher Stunde diese Stelle passiert haben, so schließe ich daraus, daß der Ort, wo sie herkamen, nicht allzu weit entfernt gewesen sein muß. Diese Theorie ist bei mir in dem Augenblick zur festen Überzeugung geworden, als ich die Karte betrachtete.« McNab breitete vor mir die Karte von Kent aus. »Es genügt schon, die geographische Gestaltung zu beachten. Du siehst, daß die ganze Gegend ungefähr die Gestalt einer Lanzenspitze hat, und die Stelle, die sie um zehn Uhr vormittags passierten, liegt da, wo die beiden Begrenzungslinien einander stark zu nähern beginnen.« McNab klopfte mich auf den Rücken, als ich mich über die Karte beugte. »Wenn sie nicht in diesen östlichen Ausläufer hineingefahren sind, bloß um dann wieder umzukehren, dann muß das uns unbekannte Haus, in dem sie sich vom 15. Januar bis 22. März verborgen gehalten haben, an irgendeiner Stelle innerhalb dieses schmalen Dreiecks liegen.« Als ich auf die Karte starrte, fügte er hinzu: »Und das ist die Stelle, wo wir sie aufspüren werden. Aber dich darüber des näheren aufzuklären, haben wir keine Zeit mehr.«

»Und was soll ich tun?« erkundigte ich mich.

»Fahr nach Folkestone, miete ein Auto – am besten einen viersitzigen offenen Tourenwagen – und versuche, das Dorf ausfindig zu machen, von dem der Doktor behauptet hat, daß die Dorfstraße an beiden Enden durch ein Gittertor abgeschlossen ist. Ich selbst glaube nicht an diese Geschichte. Aber wir können es uns nicht leisten, auch nur eine einzige Chance des Gelingens unversucht zu lassen. Vielleicht existiert der Ort doch. Sieh zu, daß du noch so weit als irgend möglich kommst – ehe es dunkel wird. Frag die Leute aus, suche selbst etwas zu finden, und wenn irgendein kritischer Augenblick kommt, besinne dich nicht lange und suche die Polizei heranzuziehen. Du kennst das Tatsachenmaterial besser als irgendein Mensch und bist imstande, Kinloch zu identifizieren, wenn du ihn zu Gesicht bekommst. Sobald es dunkel geworden ist, erwarte mich an der Straßenkreuzung von Westenhanger mit dem, was du etwa in Erfahrung gebracht haben solltest.« Er zeigte mir Westenhanger auf der Karte. »Hier an der Londoner Landstraße, wo rechts der Weg nach dem Flughafen Lympne abbiegt und links die alte Römerstraße über die Downs nach Canterbury. – Das ist deine Aufgabe, während ich noch in London zu tun habe – vielleicht spreche ich noch mit Snargrove – auf alle Fälle muß ich Dr. Dunn in Ealing erwischen.« Dann fügte er hinzu: »Schnell, du hast gerade noch fünfzehn Minuten Zeit, um deinen Zug zu erreichen.«

Während ich aufstand und die Karte in die Tasche schob, öffnete McNab eine Schreibtischschublade und sprach in einem gänzlich veränderten Ton.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich dich von vornherein noch auf etwas aufmerksam mache. Nachdem heute morgen die Dinge so falsch angepackt worden sind, ist es nicht ganz wahrscheinlich, daß die Affäre mit der unauffällig durchgeführten Verhaftung endet, die ich mir gewünscht habe. Sehr viel wahrscheinlicher wird es einen widerwärtigen, abstoßenden und gewalttätigen Auftritt geben. Deshalb wird's besser sein, wenn du das einsteckst.« Er hatte einen bösartig aussehenden automatischen Revolver in der Hand.

»Steht's so schlimm?« flüsterte ich.

»Verzweifelt«, nickte er und drückte mir die Waffe in die Hand.

Dann polterte ich die Treppe hinunter, um noch den Fünfuhrschnellzug nach Folkestone zu erwischen.


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