Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Kapitel

Wenn der Polizist sich nicht eingemischt hätte, dem die Obhut über die Beweisstücke anvertraut war, hätte ich McNab noch auf der Treppe erwischt. Ich war durchaus nicht gesonnen, aus pädagogischen Gründen noch länger zu warten, ehe ich erfuhr, worin McNabs aufregende Entdeckung bestand. Daß McNab sich geweigert hatte, mir es mitzuteilen und mir damit Tantalusqualen bereitete, hatte ich der von mir gemachten Aussage zu verdanken, die zufällig geeignet gewesen war, Inspektor Snargroves Theorie zu stützen. Jetzt wurde ich auf halbem Wege von dem Polizisten gestellt. McNabs stürmischer Rückzug hatte den Mann wohl geweckt und ihm ins Bewußtsein zurückgerufen, daß er Pflichten zu erfüllen hatte. Er war argwöhnisch geworden und hielt mich zurück, bis er alle Beweisstücke gezählt und untersucht hatte. Das hätte nicht unbedingt soviel Zeit in Anspruch nehmen müssen, aber als der Beamte endlich damit fertig war, die sämtlichen Gegenstände hilflos anzustarren und sich den Kopf zu kratzen, war McNab längst über alle Berge.

Als ich auf die Redaktion kam, hörte ich, daß McNab seit zwanzig Minuten mit Matheson im Geheimkabinett zusammen saß. Damit war es, wie ich dachte, mit jeder Aussicht vorbei, mehr zu erfahren. So gut wie sicher erhielt McNab von Matheson Anweisung, kein Wörtchen verlauten zu lassen. Aber gerade als ich mich mit der Lage der Dinge abfinden wollte, klingelte das Telephon, und es erging Befehl, mich sofort zu Matheson zu schicken, wenn ich auf der Redaktion erschien.

Als ich eintrat, fand ich Matheson in der zusammengekauerten Haltung, die ich an ihm so gut kannte, in tiefem Nachdenken an seinem Schreibtisch sitzen. McNab, der mit seinem Bericht anscheinend bereits fertig war, stand vor dem Kamin und spielte mit einer Zigarette.

Matheson war McNab insofern sehr unähnlich, als er sich aus den technischen Feinheiten eines Kriminalfalls nicht das geringste machte, und McNab war wiederum Matheson darin sehr unähnlich, daß es ihm völlig gleichgültig war, ob ein Kriminalfall geeignet war, unserem Blatt eine fette Sensation zu liefern oder nicht. Deshalb wußte ich, daß ich nicht auf McNabs Veranlassung hereingerufen worden war, sondern auf Veranlassung des Chefs, der sich auf Grund meines Urteils vergewissern wollte, ob die Sache das gute Geld des »Record« wert sein werde oder nicht. Und das besagte zweierlei: wie ich wußte, hatte Matheson ursprünglich ja selbst gewünscht, daß McNab sich mit dem Fall Paget beschäftige. Wenn dies jetzt wieder neu diskutiert werden sollte, so ging daraus hervor, daß der Fall ein neues und unerwartetes Gesicht angenommen haben mußte. Zweitens ging daraus hervor, daß die Sache größere Summen zu verschlingen drohte, als Matheson bereit war, sich abhandeln zu lassen.

Zunächst aber schenkte mir keiner der beiden einen Blick. McNab, der vorgebracht hatte, was ihm auf dem Herzen lag, stieß gelassen den Zigarettenrauch in mächtigen Wolken aus. Mehr denn je glich er im Augenblick einem Arzt, der eben erfolgreich in einem rätselhaften Krankheitsfall eine Diagnose gestellt hat. Dagegen schien Matheson von Zweifeln geplagt. Er rutschte unruhig in seinem Stuhl hin und her und blickte auf die Notizen, die er sich über McNabs Bericht gemacht hatte.

»Wenn man nur seiner Sache sicher sein könnte.«

»Sicher – wie weit sicher? Der ganzen Sache?« erkundigte sich McNab.

»Nun, ich wär' schon mit weniger zufrieden. Aber einige ganz unbestreitbare Tatsachen müßten wir schon haben.« Er dachte ein paar Sekunden angestrengt nach. »Vielleicht hilft es uns zu einem Entschluß, wenn wir die Dinge noch einmal aufzählen, die mit absoluter Gewißheit feststehen.«

Ich sah förmlich, wie McNabs Rücken steifer wurde.

»Wenn Sie Ihr Geld nur an eine ganz todsichere Sache wenden wollen«, erklärte er unwirsch, »dann lassen Sie besser die ganze Angelegenheit fallen und warten auf das Derby.«

Es war ein angenehmes Gefühl, zu hören, daß jemand in dieser Art mit Matheson zu sprechen wagte. Trotzdem fand ich, daß McNab zu hitzig war, wenigstens wenn ihm daran lag, daß die Zeitung sich für den Fall interessieren sollte. Indessen antwortete Matheson, der mit seinen Notizen spielte, ganz sanft und gelassen:

»Haben Sie denn nicht selbst gesagt, Sie wüßten mit Sicherheit, daß die Polizei auf der falschen Spur sei?«

»Soweit es auf meine persönliche Überzeugung ankommt, bin ich dessen gewiß, aber eine absolute Sicherheit ist das natürlich nicht.«

Matheson knurrte.

»Dann zählen Sie mir doch wenigstens noch ein paar andere Punkte auf, hinsichtlich deren Sie, soweit Ihre persönliche Überzeugung in Betracht kommt, Ihrer Sache ebenso gewiß sind.« Jetzt erst blickte Matheson zu mir hinüber und fügte – in einem durchaus anderen Tone hinzu: »Bitte, hören Sie zu. Das ist der Punkt, wo wir Sie brauchen, Chance.«

MacNab schleuderte seine Zigarette in den Kamin.

»Zunächst«, erklärte er, »scheint es mir mit absoluter Gewißheit festzustehen, daß Mr. Ponsonby Paget in der fraglichen Nacht einen Besucher erwartete, den er aus irgendwelchen Gründen fürchtete. Snargroves Ansicht ist, daß dieser Besucher ausgeblieben ist und daß der Ermordete das Haus verlassen hat, um nach ihm Ausschau zu halten. Aber um auf diesen Punkt gleich einzugehen – sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß er die Straßen nach Chance absuchte. Aus irgendeinem vorläufig unbekannten Grund scheint Ponsonby Paget es für unerläßlich gehalten zu haben, diesem Besuch, den er fürchtete, Stirn gegen Stirn gegenüber zu treten. Andernfalls wäre es ihm ja ein leichtes gewesen, für kürzere oder längere Zeit seiner Wohnung fernzubleiben und so dem Besuch aus dem Weg zu gehen. Daß er Furcht hatte, wird nach meiner Ansicht durch den ungeheuren Wert bewiesen, den er auf Chances Anwesenheit bei dem Gespräch legte. Daraus geht zwanglos hervor, daß er auf der Straße nach Chance gesucht hat. War doch Chance niemals zuvor in seiner Privatwohnung gewesen. Und es war in einer solchen Nacht sehr möglich, daß er hilflos irgendwo im Nebel umherstolperte und das Haus suchte. Der nächste Punkt ist noch viel sicherer. Die beiden Whiskygläser zeigen uns, daß Ponsonby Paget nur einen Besucher erwartete, aber der Besucher hatte genau das getan, was Ponsonby Paget zu tun versucht hatte, als er vom Klub aus Chance anläutete: auch der Besucher hatte nämlich Vorsorge getroffen, daß noch ein Zeuge der Unterredung beiwohnte. Und er hatte dabei Erfolg, während es seinem Gastgeber mißlungen war.«

Matheson blickte auf.

»Welchen Anlaß haben Sie zu dieser Schlußfolgerung?« fragte er.

»Sie haben ja die Liste der Beweisstücke vor sich. Ein Blinder schleppt sich nicht mit einem Spiegel. Auch Mr. Ponsonby Paget nicht. Es folgt daraus, daß der Spazierstock und der Spiegel zwei verschiedenen Individuen gehörten. Und somit ist nachgewiesen, daß mindestens zwei Personen an dem Mord beteiligt waren.«

Hier fühlte ich mich veranlaßt, in die Unterhaltung einzugreifen.

»Aber«, platzte ich heraus, »woher weißt du denn überhaupt, daß ein Blinder dabei war?«

Als McNab sah, wie ich staunend und ungläubig den Mund aufriß, zuckte ein Lächeln über sein Gesicht.

»Dieser Stock ist der eines Blinden«, sagte er. Er ist am hinteren Rand der Zwinge am stärksten abgenutzt, wie du selbst gesehen hast – gerade da also, wo er sich abnutzen mußte, wenn ein Blinder ihn benutzt, um sich damit auf seinem Weg weiterzutasten. Ein Blinder hält den Stock immer ein bißchen schräg nach vorwärts gestreckt. Wenn du es bezweifelst, halte den ersten Blinden an, der dir auf der Straße begegnet, und betrachte seinen Stock. Indessen«, fuhr McNab fort, »hätte mir der Spazierstock allein so gut wie nichts zu sagen gehabt, wenn nicht die Spuren an der Wand gewesen wären. Diese Spuren sind einfach unerklärlich, wenn man nicht annimmt, daß der Mann, der sie hinterlassen hat, nicht sehen konnte, was er tat. Deshalb ist nur einer von zwei Fällen möglich. Entweder der Raum war völlig dunkel oder der Mann war blind. Du selbst, Chance, hast aber erklärt, daß der Raum nicht dunkel war, als du ihn, wenige Augenblicke, nachdem der Mord begangen war, betreten hast. Nun –«

Wieder mußte ich ihn unterbrechen.

»Nicht so schnell, McNab. Du sagst, ich hätte das Zimmer wenige Augenblicke nach vollbrachter Tat betreten. Das ist mir etwas ganz Neues.«

»Es gibt zwei Tatsachen, durch die die Tat zeitlich ungefähr fixiert wird. Erstens müssen wir annehmen, daß sie zu einer sehr späten Stunde geschah, lange nach dem Zeitpunkt, zu dem du erwartet wurdest, da der Ermordete das Haus verlassen hat, um nach dir Ausschau zu halten. Schon daß er das tat, setzt voraus, daß er durch langes Warten in einen Zustand höchster seelischer Erregung gekommen war, denn in Wirklichkeit bestand kaum die geringfügigste Aussicht dafür, daß er dich überhaupt finden könnte. Der Mann war bereits in einem wahren Zustand der Verzweiflung, ehe er den hoffnungslosen Gang antrat. Aber einen weit besseren Beweis für meine Behauptung liefert der Zustand des Feuers. Du hast heute bei der Vernehmung ausgesagt, ein plötzliches Knistern des Feuers habe dich zum Zusammenfahren gebracht. Das Feuer sei aufgeflackert, und der Lichtschein habe dir einen menschlichen Fuß an einer Stelle gezeigt, die bis dahin vom Schatten des Tisches verdunkelt war. Dieses plötzliche Knistern der Kohlen ist bezeichnend; es tritt nur auf, wenn frische Kohle aufs Feuer geworfen worden ist, die sich dann in der Hitze ausdehnt. Wenn wir uns nun nicht auf die komische Annahme versteifen wollen, daß der Mörder, ehe er das Haus verließ, wie ein sorgsamer Hausvater zunächst noch das Feuer in Ordnung brachte, dann bleibt nur die Tatsache übrig, daß die neue Kohle aufs Feuer geworfen wurde, ehe der Mord begangen worden war.«

Diese logisch aufgebaute Überlegung hatte etwas unbedingt Überzeugendes. Noch nachträglich verursachte mir das Bewußtsein, dem Mörder so nahe gewesen zu sein, ein unbehagliches Gefühl. Aber ehe ich noch den Gebrauch meiner Stimme wiedergefunden hatte, mischte sich Matheson ungeduldig ein.

»Wir wollen uns doch, bitte, wieder mit dem Blinden beschäftigen.«

Ich kannte Matheson. Er witterte gerade in diesem Umstand anscheinend noch mehr Sensationen für den »Record« – und solche, die nur der »Record« zu bringen imstande war. McNab drehte sich zu ihm hin.

»Nur zwei Tatsachen sind noch übrig, die ich als absolut sicher zu bezeichnen imstande bin«, sagte er. »Die erste ist: der Blinde ist unschuldig.«

Da mein Blick noch immer auf Matheson ruhte, nahm ich die Enttäuschung wahr, die diese Worte in ihm hervorriefen – und ich verstand sie. Da ich selbst Journalist bin, konnte ich in diesem Falle nicht umhin, Mitgefühle mit ihm zu empfinden.

 


JAGD NACH EINEM BLINDEN.
DER MORD IN EALING.


 

Was für ein prachtvolles Plakat für den Straßenverkauf hätte das abgegeben. Und die Plakate waren Mathesons Stärke. Wenn es sich um irgendeine Sache handelte, die wir als einziges Blatt veröffentlichen konnten, pflegte er den Text der Plakate höchstpersönlich zu entwerfen.

»Hm«, knurrte er, »erzählen Sie uns mal, woraus Sie das geschlossen haben.«

»Wenn ich mir die bekannten Tatsachen in ihrer Gesamtheit vergegenwärtige, so kann ich gar nicht anders. Erstens haben wir da den Befund des Arztes. Der tödliche Stoß wurde mit solcher Präzision geführt – ein einziger Stoß, der unter die vierte Rippe traf. Ein blinder Mann hätte nur durch ein Wunder mit solcher Genauigkeit treffen können. Gewiß, manchmal ereignen sich auch Wunder. Aber man muß sich daran erinnern, daß die Möbel zertrümmert und im Zimmer umhergestreut waren. Das fiel mir sofort auf, als ich über die Schwelle trat. Hatte der Ermordete tatsächlich so tatkräftigen Widerstand geleistet, wie die im Zimmer herrschende Unordnung zu beweisen schien? fragte ich mich. Wenn dies der Fall war, dann hätte sein Körper entsprechende Spuren davontragen müssen, dann wäre es aber auch niemandem möglich gewesen, ihn mit solcher Präzision abzuschlachten. So aber – das heißt, wenn ich annehme, daß ein Blinder im Zimmer war, kann ich eine Erklärung finden. Zumindest der größte Teil der im Zimmer herrschenden Unordnung konnte dadurch entstanden sein, daß ein Blinder in wahnwitziger Angst in einem Zimmer herumstolperte, daß ihm nicht vertraut war und dessen Möbel er nicht sehen konnte. Außerdem scheinen die Zeichen an der Wand dasselbe zu verraten – einen in panischer Angst gemachten vergeblichen Versuch, hinauszugelangen. Aber zuletzt haben sie ihn niedergestreckt. Jawohl! Und haben ihn gewaltsam mitgeschleppt.«

McNab hörte auf zu sprechen und begann in steigender Erregung im Zimmer auf und ab zu gehen. Unsere Gegenwart hatte er, glaube ich, ganz und gar vergessen. Seine erhitzte Phantasie zeigte ihm die Ereignisse, die auf den Mord gefolgt sein mußten. Aber der praktisch veranlagte Matheson holte ihn wieder auf die Erde hinunter.

»Gewaltsam?« meinte er, nachdem eine Weile Stillschweigen geherrscht hatte. »Wodurch soll das bewiesen sein?«

McNab fuhr ungeduldig auf dem Absatz herum.

»Gott, Menschenskind, vergessen Sie denn immer wieder den Stock? Haben Sie sich einmal überlegt, was für einen blinden Mann sein Spazierstock bedeutet? Genau das, was Ihnen Ihre Augen sind. Nein, das können Sie ohne weiteres als feststehende Tatsache ansehen, daß der Mann nicht freiwillig gegangen wäre, ohne seinen Stock mitzunehmen. Er ist von irgend jemandem weggeschleppt worden – ja, natürlich –, und es kann sehr gut sein, daß der Betreffende nicht wußte, daß der Mann blind war, sondern annahm, er hätte ihn gesehen und könne ihn später wiedererkennen.«

»Sie meinen, daß die beiden miteinander bekannt waren?«

»Nein, eben nicht! Denn in dem Fall hätte er gewußt, daß es sich um einen Blinden handelt.«

Matheson setzte sich plötzlich auf.

»Demnach meinen Sie, daß der Mörder irgendeine bekannte Persönlichkeit gewesen ist – jemand, den man in der Öffentlichkeit allgemein kennt?«

McNab gab, wie ich mich erinnern kann, keine Antwort. Er hatte die Hände in die Taschen geschoben und starrte ins Leere.

»Immerhin gibt es bei diesem Fall Umstände, die ich nicht ergründen kann. Warum haben sie dem Blinden nicht den Garaus gemacht, als er neben der Wand am Boden lag? Ganz gewiß war er kein Komplice des Mörders. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, daß jemand sich einen Blinden mitbringt, um bei einem Mord zu helfen. Der Blinde muß demnach durch Zufall Zeuge des Verbrechens geworden sein. Der Blinde muß durch die Balkontür aus dem Garten hereingestolpert sein – genau so wie später Chance. Wahrscheinlich zu der Zeit, als Ponsonby Paget gerade ermordet wurde. Man muß einen Schrei gehört haben, nicht wahr? Es muß irgend etwas zu hören gewesen sein, daß dem Blinden zeigte, daß etwas Ungewöhnliches vorging. Er eilte herbei, um zu helfen, stürzte hin und besudelte sich die Hände mit dem warmen Blut des Ermordeten. Was geschah, als er fühlte, daß die Flüssigkeit, in die er mit den Händen geriet, warm war? Aber großer Gott, wie muß er wieder diese andern erschreckt haben! Schön, aber was haben sie mit ihm angestellt? Wo ist er jetzt? Das ist das neue Geheimnis!«

Er zog die Hände aus den Taschen, drehte sich zu uns herum und hämmerte mit der geballten rechten Faust mit großer Gewalt in die Handfläche der Linken.

»Matheson, im Vergleich zu dieser Affäre hier ist die Acton Green Angelegenheit einfach ein Nichts!«

»Oh, natürlich, damals war es nur die gesellschaftliche Position des Schuldigen, die Aufsehen erregte.«

McNab nickte.

»Und in diesem Fall ist es nicht nur genau so, sondern wir können noch auf viele andere Dinge rechnen, die Aufsehen erregen werden.«

Matheson spitzte die Ohren. Aber ich wußte, es geschah nicht etwa, weil jemand an die Tür klopfte. Mehrere Male war in der letzten halben Stunde an die Tür geklopft worden, und er hatte es nicht beachtet, er sagte:

»Ich kann nicht recht sehen, wo in dem vorliegenden Fall die – hm – gesellschaftliche Stellung des Schuldigen zutage tritt.«

McNab, der seine Wanderung im Zimmer wieder aufgenommen hatte, machte halt und riß erstaunt die Augen auf.

»Nein? Nanu: das liegt für mich so sehr auf der Hand, daß ich es einfach als selbstverständlich annahm. Sie können es nicht begreifen? Nun, überlegen Sie sich einmal das Folgende: Ponsonby Paget und seine Zeitschrift kennen Sie. ›Den populärsten Mann Englands‹ nannte man ihn. Das war er auch – bei der breiten Masse. Aber er hatte seine Feinde. Mächtige Feinde! In seiner Zeitschrift machte er nur auf Großwild Jagd – nicht? Das unbedeutendere Gesindel schien ihm das Pulver nicht wert. Nun, im Eastend brauchen wir nicht nach dem Mann zu suchen, der ihn getötet hat, noch nicht einmal in den Vororten! Und der Täter hatte die feste Überzeugung, daß der Mann, der zufällig ins Zimmer geriet, ihn erkannte. Na, ich habe gar keinen Zweifel, daß Sie in Ihrer eigenen Zeitung das Bild desjenigen, der die Bluttat begangen hat, schon mehr als einmal veröffentlicht haben.«

Mathesons Gesicht hellte sich auf.

»Also dann – vorwärts! Wir sind gern bereit, sein Porträt noch einmal in unsere Spalten aufzunehmen – wenn der geeignete Zeitpunkt gekommen ist. Der ›Daily Record‹ steht hinter Ihnen«, sagte er und stand auf. »Im Interesse der Rechtspflege muß diesem Mann die Larve vom Gesicht gerissen werden.«

 

McNab hatte sofort seine Maschine in Gang. Im Korridor draußen, wo ich auf ihn gewartet hatte, nachdem ich von Matheson entlassen worden war, packte er mich am Arm.

»Du wirst mit mir zusammen arbeiten«, erklärte er. »Das habe ich ausdrücklich ausgemacht. Niemand soll aber darum wissen. Du wirst als Verbindungsmann zwischen mir und dem ›Record‹ tätig sein.«

Das war eine bessere Aussicht, als ich erhofft hatte.

»Topp«, rief ich fröhlich und schüttelte ihm die Hand.

»Schön, ich habe bereits den ersten Auftrag für dich. Versuche herauszubekommen, ob in der letzten Zeit ein Blinder als vermißt gemeldet worden ist. Bring mir nach meinem Büro hinüber, was du festgestellt hast – mit allen Einzelheiten.«

»Das kostet mich keine fünf Minuten. Wenn du warten willst –«

»Nein! Darauf kommt es gerade an. Keine Menschenseele darf ahnen, für wen diese Informationen eingeholt werden. Das ist übrigens noch nicht alles. Paß auf, ob nicht irgendeine Nachricht einläuft, in der die Auffindung der Leiche eines Unbekannten gemeldet wird. Und falls es sich um unveröffentlichte Nachrichten handelt, so vergiß nicht, daß ich sie haben muß, ehe sie zur Veröffentlichung kommen.«

Diese zweite Bitte überraschte mich außerordentlich. McNab hatte mit seinen Spekulationen über die Rolle, die der Blinde in der Tragödie gespielt haben könnte, meine Phantasie mächtig angeregt. Mit einer gewissen Rührung hatte ich an diesen Mann gedacht, der nichtsahnend in dieselbe Tür trat, deren Schwelle ich nach ihm überschritten hatte, und plötzlich vom tückischen Wirbel des Verbrechens erfaßt und hinabgezogen worden war.

»Du denkst doch nicht –« begann ich.

Aber er unterbrach mich ohne weiteres.

»Was ich denke, hat Zeit«, sagte er. »Troll dich und verschaff mir die Informationen, die ich brauche.«

Es kostete mich nicht mehr als fünf Minuten, um ihm die Nachrichten, die er brauchte, zu beschaffen, und unter den Voraussetzungen, die er mir ans Herz gelegt hatte. Ich begriff von vornherein, daß ich nicht einfach mich unaufhörlich nach Nachrichten über einen vermißten Blinden oder einen Leichenfund erkundigen konnte, ohne Fragen zu veranlassen, denen auszuweichen nicht leicht sein würde. Ja, die Sache konnte sogar der Anlaß zu manchem faulen Witz werden, den die Redaktionskollegen sich auf meine Kosten erlaubten. So mußte ich mir zunächst einen Plan zurechtlegen und mit großer Vorsicht und Zurückhaltung ins Werk setzen. Auf alle Fälle bekam ich heraus, daß seit dem angegebenen Datum keinerlei Meldungen der Art, wie ich sie suchte, eingegangen waren. Gegen fünf Uhr ging ich hinüber auf McNabs Büro, um ihm das mitzuteilen. Er schien damit beschäftigt, seine Notizen über den Mordfall auszuarbeiten. Sein Tisch war mit unzähligen Bogen Konzeptpapier bedeckt. Links von ihm lag eine Unmenge Nummern des »Augenöffners« aufgetürmt. McNab blickte interessiert auf.

»Es ist noch nichts eingelaufen«, sagte ich. »Weder wird jemand vermißt noch ist eine Leiche gefunden worden.«

»Setz dich.«

»McNab, du glaubst doch nicht wirklich, daß sie jetzt den Blinden aus dem Weg schaffen werden?«

Als Antwort ertönte ein unwilliges Schnauben.

»Es gibt wohl niemanden, der ihn sehr vermissen würde. Seltsam, daß sich kein Mensch nach ihm erkundigt. Hat dir das nichts zu sagen?«

»Vielleicht ist er doch irgendwie wieder nach Hause gekommen?«

»Und hat den Mund gehalten?«

»Aber wenn man ihn aus dem Wege schaffen wollte, wäre es doch wohl schon längst geschehen. Meinst du nicht? Warum sollen sie es dann nicht schon längst getan haben?«

Sofort fiel McNab über mich her.

»Eine prachtvolle Gelegenheit für nutzlose Spekulationen, die du da gefunden hast. Warum nimmt ein Papagei, wenn er frißt, das Futter immer in die linke Pfote? Die Hauptsache ist, daß sie ihn noch nicht beseitigt haben, und solange er am Leben bleibt, ist anzunehmen, daß er uns sehr nützlich sein kann. Denn im ganzen genommen, Chance, gibt es nicht so viele Blinde in England, und Blinde ohne Heim und Familie, Gott sei Dank, noch weniger.«

»Bei deiner Unterredung mit Matheson war dir die Zeit nicht zu kostbar für Spekulationen.«

Er legte seinen Bleistift aus der Hand.

»Werd nur nicht gleich gereizt. Ich habe von nutzlosen Spekulationen gesprochen. Ich bin gerne bereit, mich in Spekulationen einzulassen, wenn ich über Angaben verfüge, auf Grund deren ich arbeiten kann. Zu der Frage, warum der blinde Mann nicht schon längst, und zwar zugleich mit Ponsonby Paget, um die Ecke gebracht worden ist, habe ich keine Anhaltspunkte.«

Er sah mich pfiffig an.

»Du bist damit nicht zufrieden?« fragte er und heuchelte Entrüstung.

»Nun«, sagte ich, »es ist einfach nicht wahr. Irgendeine Theorie mußt du dir doch gebildet haben, um die Frage zu beantworten, warum das Leben des Blinden in der Mordnacht geschont worden ist.«

»Sogar ein Dutzend. Und wenn du die beste unter dem Dutzend herausfinden kannst, dann kannst du mehr als ich«, rief er mit einem plötzlichen Ausbruch von Ungeduld und Mißbehagen.

»Zunächst ist es gar nicht ausgeschlossen, daß ihnen die Sache auf die Nerven ging, besonders wenn eine Frau mit dabei war. Wenn eine Frau mit dabei war, dann ist sie sicher mehr dafür gewesen, ihn im Guten dazu zu bewegen, den Mund zu halten. Zweitens haben sie vielleicht doch entdeckt, daß er blind war, als sie ihn in der Nähe der Tür zu Boden gestreckt hatten, und wußten deshalb, daß er sich kein bestimmtes Bild darüber machen konnte, was eigentlich im Zimmer vorgegangen war – ja, daß er, falls er zufällig ins Haus geraten war, noch nicht einmal wußte, bei wem er sich befand. Dann wieder ist es so gut wie ausgeschlossen, daß sie einen besonderen Groll gegen ihn hegten, der sie – wie im Fall Ponsonby Pagets – dazu veranlassen mußte, ihn zu ermorden. Drittens deutet der Zustand, in dem das Zimmer vorgefunden wurde, darauf hin, daß zuerst der Blinde angegriffen wurde. Die Handvoll Menschenhaar, die man gefunden hat, besagt so ziemlich dasselbe, gleichgültig, von wem das Haar stammt. Trotzdem hat sich schließlich, wie sich zeigt, ihr Verhalten ihm gegenüber geändert. Warum? Chance, kannst du dir die Szene vorstellen? Nimm mal an, schwärzester Haß hätte dich allmählich so weit gebracht, daß du bereit bist, einen Mord zu begehen, und bei der Ausführung der Tat siehst du plötzlich einen Fremden vor dir auftauchen. Die erste instinktmäßige Regung wäre, über ihn herzufallen, denn die Waffe hast du ja noch in der Hand, und dein Blut ist in Wallung. Aber überlege einmal! Wenn er dann vor dir auf dem Boden liegt und seine blicklosen Augen auf dich gerichtet sind, wenn er sich abmüht, doch etwas zu sehen, unter dem Todesstreich, den er jeden Augenblick erwartet, zusammenschaudert und doch nicht weiß, wo oder wann er ihn treffen wird. – Was dann? Wärest du dann noch fähig, es zu tun?«

»Nein. So muß es wohl gewesen sein.«

»Jawohl. Vielleicht. Wir können es nicht sagen. Aber das eine kann ich dir sagen, Chance« – jede Spur von Ungeduld war aus seiner Stimme verschwunden, und er sprach jetzt mit einem feierlichen Nachdruck –, »sowenig er es sich jetzt träumen mag – wenn die Leute einmal entdecken, wie gefährlich er ihnen werden kann, dann ist sein Schicksal besiegelt. Dann wird ihm seine Blindheit nur eine kurze Gnadenfrist verschafft haben.«

 

Dieses erste Mal war auch das einzige Mal, wo McNab so rückhaltlos über den Fall mit mir sprach. In den darauffolgenden Tagen erwies er sich weit weniger mitteilsam, und die Affäre schien sich seiner derart zu bemächtigen, daß er, wie ein Jagdhund auf der Fährte, weder rechts noch links blickte. Wenn er überhaupt sprach, und es geschah selten genug, hatte ich den Verdacht, daß ich von ihm lediglich als eine Art Wetzstein benutzt wurde, an dem er seine Gedanken schärfte – als ein Brennspiegel, in dem er gewisse Ideen zu sammeln strebte, die durch sein ewig reges Hirn wanderten. Er hatte mich nachdrücklich gewarnt, mich mit anderen in Gespräche über den Fall einzulassen, aber er war nicht umsonst Schotte. Er sicherte sich – sosehr es mir auch auf die Nerven fiel – noch doppelt, indem er mir gerade nur soviel erzählte, als sich nicht umgehen ließ. Auch dann schnitt er das Thema, um das es sich handelte, in einer möglichst beiläufigen und unauffälligen Weise an. So sagte er eines Tages:

»Eure Zeitung hat doch wohl Vertreter in verschiedenen Teilen des Landes?«

»Wir haben eigene Korrespondenten in den meisten Städten, wenn du das meinst.«

Er nickte.

»Nämlich, weißt du, neulich ist in Maida Vale ein Installateur von einem Auto überfahren worden, und ich lege besonderen Wert darauf, den Wagen festzustellen.« Er blickte auf. – Ich hatte einen Ausruf ausgestoßen –: »Was ist denn los?«

»Hast du die Ealing-Affäre denn aufgegeben?«

»O nein, aber die Geschichte in Maida Vale – es muß doch Maida Vale gewesen sein –, die hat mich ganz aus der Fassung gebracht. Verstehst du? Das muß erst in Ordnung gebracht werden. Und ich dachte, eure Korrespondenten könnten mir dabei helfen.«

»Was könnten sie denn tun?« fragte ich. Ich war schwer verstimmt darüber, daß er wegen eines kleinen lokalen Unfalls in Maida Vale jetzt die bedeutungsvolle Ealinger Affäre einfach fallen ließ.

»Sie könnten dir mitteilen, ob der betreffende Wagen innerhalb ihres Tätigkeitsbezirkes aufgetaucht ist. Es handelt sich nämlich, weißt du, um einen Wagen, der gewisse ganz charakteristische Eigentümlichkeiten aufwies.«

»Na, gut, wenn du mir eine Beschreibung des Wagens gibst, so werde ich dafür sorgen, daß sie in unsere morgige Ausgabe hineinkommt.«

»Aber gerade das will ich doch nicht! Die wichtigsten charakteristischen Eigentümlichkeiten des Wagens lassen sich ohne weiteres auch entfernen. Meine Meinung war, daß man eine Beschreibung des Wagens privat und vertraulich verschickt. Auf diese Art könnte man die Nachforschungen auf ein sehr weites Gebiet ausdehnen. Es handelt sich um einen Fall, bei dem ich besonders darauf aus bin, Snargrove zu schlagen.«

»Hat Snargrove mit dieser Sache auch zu tun?« fragte ich überrascht.

»Das kann man sagen, aber ob er Spuren des Wagens gefunden hat, als wir beide in Ealing die Auffahrt untersuchten, das kann ich dir nicht sagen.«

»Ealing? Du hast doch eben von Maida Vale gesprochen.«

»Habe ich das? Na, schön. Entweder war's Ealing oder Maida Vale. Aber sicher ist's besser, wenn du in dem Brief an eure Korrespondenten darauf achtest, daß du den Ort Maida Vale nennst.«

Endlich begriff ich.

»Der Teufel soll dich holen, McNab!« rief ich wütend. »Warum führst du mich so an der Nase herum?«

»Oh«, sagte er kühl, »du bist noch recht jung, und ich habe dir es so beigebracht, um dir einen recht lebhaften Begriff davon zu geben, wie vorsichtig du vorgehen mußt.«

Vorsicht! Aber ich setzte mich wieder beruhigt auf meinen Stuhl. Also hatte er den sensationellen Fall doch nicht aufgegeben.

»Erinnerst du dich noch an den Tag in Ealing«, begann McNab wieder, »wie wir Snargrove bei der Untersuchung der Auffahrt trafen? Ich habe mich ihm angeschlossen, und du hast dabeigestanden und uns beide für arme Narren gehalten.«

»An dem Morgen sind doch ganze Völkerscharen auf dem Weg herumgetrampelt«, sagte ich, um mich zu verteidigen.

»Das stimmt schon. Er war ganz und gar vom Publikum zertrampelt worden – Frauen waren es meistens – die sich in ihrer Neugier nicht viel um den Schmutz auf dem Weg kümmerten. Trotzdem habe ich da etwas gefunden. Mit Fußspuren hatte es allerdings nichts zu tun. Das kannst du dir denken.«

»Du hast einen bestimmten Anhaltspunkt gefunden?« rief ich und fuhr auf. »Erzähle!«

Aber zunächst schwieg er sich aus. Aus der Art, in der er mich ansah, konnte ich entnehmen, daß es sich um etwas ganz besonders Wichtiges handeln mußte. Und der Kerl hatte es die ganze Zeit für sich behalten! Niemals habe ich einen andern Menschen getroffen, der so gut imstande war, etwas für sich zu behalten, bis es reif war.

»Was war es denn?« fragte ich schließlich.

»Es hat mich selbst überrascht. Zuerst erregten die Räderspuren zufällig meine Aufmerksamkeit. Ohne mir viel dabei zu denken, fragte ich mich, warum so wenig Räderspuren da waren. Dann fiel mir ein, daß an dem Morgen kein Fuhrwerk vorgefahren sein konnte – du weißt, es war Dienstag –, da die Polizei das Gittertor geschlossen hatte. Da nun wahrscheinlich auch am Sonntag kein Wagen vorgefahren war, mußten die wenigen Spuren, die zu sehen waren, am Montag entstanden sein. Drei verschiedene Eindrücke ließen sich sehr leicht unterscheiden. Die runden Eindrücke, wie Nagelköpfe, stammten von einem Dunlop-Reifen, das Zickzackmuster von einem Michelin, dann war noch die Spur eines profilierten Reifens zu sehen. Die Lauffläche selbst war zwar stark abgenutzt, aber trotzdem war das Muster an den Seitenwänden des tiefen Einschnitts, den die Räder hinterlassen hatten, deutlich wahrzunehmen. Außer diesen dreien war noch eine einfache Räderspur ohne jedes Muster zu sehen, die zu schmal war, um von einem Pneumatik herzurühren. Sie bewegte sich in leichten Zickzacklinien, die nur auf die Bewegungen eines lebhaften Pferdes zurückzuführen sein konnten. ›Vier Lieferanten‹, sagte ich zu mir, ›von denen es dreien recht gut zu gehen scheint, haben am Montag hier vorgesprochen.‹ Aus alter Gewohnheit, ohne mir dabei Besonderes zu denken, ging ich nochmals ins Haus, um mir meine Feststellung bestätigen zu lassen. Der Butler, Brown, konnte mir dazu nicht viel sagen und schleppte mich in die Küche, wo die sämtlichen Dienstboten zu einer großen Beratung zusammentraten. Zuerst herrschte beträchtliche Uneinigkeit, ja es entwickelte sich eine hitzige Debatte zwischen einem Zimmermädchen und der Köchin über die Frage, ob der junge Mann vom Gemüsehändler dagewesen sei oder nicht. Aber als ich es ihnen endlich eingebleut hatte, daß ich nicht an Lieferanten interessiert sei, deren Boten zu Fuß oder zu Rad erschienen waren, wurde mit Einstimmigkeit festgestellt, daß nur drei Motorfahrzeuge am Montag dagewesen seien – von der Wäscherei, vom Warenhaus und vom Bäcker. Ich notierte mir die Namen und Adressen und fragte beiläufig: ›Und wem gehörte der mit einem Pferd bespannte Lieferwagen?‹ Da kam die Überraschung. Über diese Frage gab es keinerlei Uneinigkeit. Kein derartiges Fahrzeug war vor dem Hause vorgefahren. Ich versuchte, das zu bestreiten, aber ich mußte feststellen, daß in dieser Hinsicht sie alle miteinander ihrer Sache sicher waren. Es ist sonderbar, wie eine solche Kleinigkeit einen quälen kann. Ich packte Brown am Kragen und schleifte ihn hinaus, um ihm die schmalen Räderspuren zu zeigen, die viel tiefer eingedrückt waren als die andern, was bewies, daß das Fahrzeug schwer beladen gewesen sein mußte. Und gerade als ich den Finger hob, um hinzuzeigen, bemerkte ich etwas ganz Sonderbares.«

McNab hielt inne und hörte auf, die Daumen zu drehen.

»Ein Wagen ist schwerer als ein Mensch, er hinterläßt deshalb auf einem feuchten Weg auch tiefere Spuren. Aber ein Pferd ist ebenfalls schwerer als ein Mensch, und wo es eine schwere Ladung zu ziehen gibt, drücken sich die Hufe tief in den Boden. Und nun stellte es sich heraus: zwischen den schmalen Räderspuren war nicht das geringste von Hufspuren zu sehen. Keine einzige auf der ganzen Auffahrt, Chance, keine einzige! Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, war ich einfach wie vor den Kopf geschlagen. Ein Handkarren konnte es auf keinen Fall gewesen sein, dazu war die Spur zu breit. Es war undenkbar. Was ich dem Butler eigentlich sagte, weiß ich nicht mehr, aber als er verschwunden war, unterzog ich die Spuren noch einmal einer genauen Untersuchung.«

McNab schob eine Schublade auf, nahm ein Blatt Papier heraus und reichte es mir.

»Und das hab' ich gefunden.«

Auf dem Papier waren zwei parallele Linien zu sehen, etwa zwei Zoll voneinander. Dicht an der rechten Linie befand sich dazwischen ein runder Kreis in der Größe eines Schillings.

»Das«, sagte McNab, »ist die Messinghülse einer Patrone Nummer acht, die der Laufreifen mitgenommen hatte und die sich tief in den massiven Gummi eingebettet hat. Sehr fest muß sie darin gesessen haben, denn als sie entfernt wurde, ging eine sauber abgeschnittene runde Gummischeibe mit. Das runde Loch, das so entstand, hat in der weichen Erde der Auffahrt jedesmal eine kleine Erhöhung zurückgelassen, die so sauber ausgearbeitet war, als wäre sie mit einer Kuchenform gemacht. Verstehst du jetzt? Der Laufreifen war aus massivem Gummi! Aber es handelte sich nicht etwa um einen Pferdewagen mit massiven Gummireifen, denn Hufspuren waren nicht vorhanden. Nun, es gibt nur eine Automobilmarke, die zu diesen Tatsachen paßt: Trojan – im vorliegenden Fall ist das Loch auf dem äußeren Rand des rechten Hinterrades eines Trojan-Wagens zu finden. Deshalb möchte ich, daß alle eure Lokalkorrespondenten in der Provinz eine Kopie dieser Zeichnung erhalten.«

»Aber Matheson wird das in die Zeitung bringen wollen, womöglich noch mit einer Zeichnung des Rades, aus der die genaue Lage des Lochs ersichtlich ist«, meinte ich. »So was ist unwiderstehlich. Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich's genau so machen. Ganz gewiß bei einer so sensationellen Affäre.«

McNab zog die Augenbrauen hoch.

»Sensationell – wenn ein Installateur in Maida Vale überfahren wird?«

Jetzt begriff ich den Grund für McNabs früheres sonderbares Verhalten. Daß Matheson sich um einen kleinen Unfall in Maida Vale, der noch nicht einmal in die Presse gelangt war, viel kümmern werde, war unwahrscheinlich. Während ich noch daran dachte, legte mir McNab die Hand auf den Arm und sprach ruhigen, vertraulichen Tones:

»Das ist der Wagen, der damals, in der Nacht, irgendwo hinter dem Haus stand, als du im Garten herumgestolpert bist. Es kann sein, noch als du im Zimmer warst. Verstehst du, Chance? Dieser Wagen, den niemand gesehen hat, von dem niemand vom Dienstpersonal etwas wußte, ist der Wagen, in dem der Blinde weggeschafft worden ist.«

Seine Finger preßten sich fester um meinen Arm. »Wenn sie den Mann bei sich behalten, haben wir sie erwischt«, flüsterte er. Seine Augen funkelten.

 

Mitten in dem Rausch der Hoffnung, die ich mit McNab teilte, überraschte mich das Bewußtsein von der Stärke der Anteilnahme, die das Schicksal des Blinden mir einflößte. Dieses Mannes Geschichte dem Publikum vorzusetzen, war der Mühe wert, vorausgesetzt, daß wir ihn erst gefunden hatten. Aber nicht nur als Journalist wünschte ich den Mann zu finden. Auch Menschliches sprach dabei mit. Der Mann, so wie McNab ihn geschildert hatte, ein Mensch, der nichts ahnte von dem plötzlichen Tod, der ihn jeden Augenblick ereilen konnte, mußte Mitgefühl und Verständnis erregen.

Nun, die neuen Nachrichten blieben nicht aus. Nachrichten, die ich erwartet, ja, um die zu erhalten ich mancherlei Pläne geschmiedet hatte. Aber nachdem so lange Zeit vergangen war, hatte ich nicht mehr darauf gerechnet. Die Bemühungen, unsere Lokalkorrespondenten in der Provinz in Betrieb zu setzen, nahmen mich so in Anspruch, daß ich beinahe schon vergessen hatte, daß Nachrichten auch von selbst eintreffen können. Die Notiz, um die es sich handelte, wurde uns um sechs Uhr nachmittag mit dem Ferndrucker herübergegeben und mir mit anderen Depeschen derselben Nachrichtenagentur auf den Schreibtisch gelegt. Kaum hatte ich den Zettel gelesen, als ich meinen Hut aufsetzte und damit zu McNab hinüber rannte. Woher wußte ich, daß ich McNab zu Hause finden würde? Ich kann es nicht sagen. Wir scheinen immer zu Hause zu sein, wenn schlechte Nachrichten bei uns anklopfen.

McNab war also daheim. Er blickte mich erwartungsvoll an, als ich die Tür öffnete. Er erriet, daß ich etwas Neues für ihn hatte, und nahm wohl an, daß einer unserer Korrespondenten etwas über das Auto berichtet hatte.

»Wir kommen zu spät, McNab.«

Ein Schatten flog über sein Gesicht. »Zu spät?« wiederholte er.

»Lies das!«

Ich schob ihm das dünne Papier hin. Als seine Augen über die ersten Zeilen flogen, sah ich, wie er plötzlich zusammenzuckte und mit der Hand über die Augen fuhr. Dann las er weiter. Ich blickte ihm über die Schulter und nahm die Worte zum zweitenmal in mich auf:

Tot aufgefunden. Rye, Sussex. An einer einsamen Stelle in der Nachbarschaft von Stone wurde heute von einem zur Arbeit gehenden Gutsangestellten in unmittelbarer Nachbarschaft einer Heumiete, zwischen Büschen versteckt, die Leiche eines Mannes aufgefunden. Es handelt sich um die Leiche eines Mannes in den Dreißigern. Der Tote war sauber rasiert, hatte schwarzes Haar und vornehme, regelmäßige Gesichtszüge. Besonders auffällig ist es, daß, obwohl der Tote gut gekleidet war, in seinen Taschen nichts gefunden wurde, das seine Identität festzustellen ermöglichte. Äußere Anzeichen, aus denen sich die bisher noch unbekannte Todesursache feststellen ließe, sind nicht vorhanden.

McNab mußte längst mit den wenigen Zeilen zu Ende sein, aber er starrte den Zettel immer noch an. Dann stieß er einen Seufzer aus.

»Sie haben also zu guter Letzt die Tat doch noch begangen«, sagte er.

»Ich hatte es nicht mehr erwartet.«

»Es blieb immer wahrscheinlich. Reich mir den Fahrplan herüber.«

Die Seiten wirbelten unter seinen raschen Fingern.

»Ashford ab Charing Cross … 9.15 Appledore … jawohl, wir können's grad noch schaffen, Chance.«

»Fährst du nach Stone?«

»Du auch, ich brauche dich. Telephoniere sofort an Matheson.«

Ich war durchaus bereit, die Reise mitzumachen. Als ich ans Telephon ging, blieb ich plötzlich stehen, ein Gedanke war mir durch den Kopf geschossen.

»McNab, wie willst du den Mann identifizieren können? Wie kann man, meine ich, wenn einer tot ist, feststellen, daß er blind war?«

McNab, der in aller Eile verschiedenes in eine Handtasche stopfte, blickte auf.

»Dazu genügt die Spur des Autos, wenn wir irgendwo in den Feldwegen eine finden. Wenn die Spur eine runde Erhöhung aufweist, dann wissen wir, daß der Tote blind war. Jawohl, und bei Gott, der Mann, der das begangen hat, soll auch das Leben verlieren, denn er war stark und gesund und hatte ein Herz von Stein!«


 << zurück weiter >>