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Zweites Kapitel

Langsam, allmählich nur, kam Kinloch das Bewußtsein zurück. Es war wie ein langsames Auftauchen aus einem tiefen Brunnen. Das erste, was ihm bewußt wurde, war ein gedämpftes Geräusch, ein leises Murmeln, das irgendeine bestimmte Bedeutung haben mußte. Lange glaubte er, dies Geräusch niste in seinem eigenen Kopf. Im Anschluß daran erinnerte er sich, daß er einen furchtbaren Hieb über den Schädel erhalten hatte. Er fühlte sich entsetzlich übel und schwach. Instinktiv versuchte er sich zu bewegen und entdeckte, daß er auf dem Rücken lag, lang ausgestreckt, hilflos. So blieb er liegen, ohne sich zu rühren, und wappnete sich auf den nächsten Schlag, der im nächsten Augenblick auf ihn niedergehen mußte und gegen den er sich nicht verteidigen konnte. Doch der Hieb fiel nicht. Nun verhielt er sich so unbeweglich als möglich. Vielleicht blieb ihm ein zweiter Schlag erspart, wenn er so tat, als sei dieser nicht mehr nötig.

So blieb er geraume Zeit liegen, ohne sich zu rühren, wie ein Toter. Seine verworrenen Gedanken beschäftigten sich indessen unablässig mit der abscheulichen Gewalttat, in die er hineingezogen worden war. Er wußte, daß sein Gegner ihm nach dem Leben trachtete, daß ein Wimpernzucken genügen würde, um diesen Feind zu veranlassen, sein Werk zu vollenden. Aber während Kinloch sich tot stellte, horchte er mit allen Fibern. Er wollte erraten, an welcher Stelle des Zimmers sich der andere befand.

Aber das dumpfe, unablässige Hämmern im Kopf machte es ihm schwer, irgend etwas zu hören. Er versuchte das schmerzliche Dröhnen zu ignorieren, ihm zum Trotz irgendein Geräusch zu entdecken. Aber es war vergeblich. Benommen wie er war, begann er sich jetzt darüber zu wundern, daß sein Körper schon so rasch kalt und steif zu werden begann. Es glich außerordentlich dem, was er bei seiner ersten Verwundung im Krieg empfunden hatte, als er lange Stunden hinter einer zerschossenen Mauer bei La Boiselle gelegen hatte.

Und doch war ein Unterschied. Damals hatte ihn kein Haß erfüllt gegen den, dessen Hand ihn niedergestreckt hatte. Es war ein Kampf auf Leben und Tod gewesen, aber unter gleichen Bedingungen. Diesmal war er in seiner Hilflosigkeit überrascht und niedergestreckt worden. Ohne Möglichkeit der Verteidigung war er den Händen eines Menschen ausgeliefert, der kein Erbarmen zu kennen schien. Und jetzt erinnerte sich Kinloch daran, daß er in äußerster Verzweiflung sich dazu hatte verleiten lassen, um Gnade zu flehen. Er schämte sich. Um so mehr begann er seinen Gegner zu hassen. Und sein Haß wuchs, weil er hier ergeben liegen und sein Schicksal erwarten mußte, unfähig, sich zu wehren. War es nicht furchtbar, wie ein Hund in die Ecke kriechen und sich abschlachten lassen zu müssen? Sollte er auf diese Art sein Leben verlieren? Besser wäre es dann gewesen, bei La Boiselle zu sterben, als dieses schmutzige Ende zu finden, im Kampf zwischen zwei Schuften, deren Namen er noch nicht einmal kannte. Wie elend, wie kalt und steif er sich fühlte. Dann überfiel ihn eine neue Frage. Er zuckte zusammen. Wie lange hatte er eigentlich jetzt hier gelegen? Sicher doch schon sehr lange. Es war wohl kaum wahrscheinlich, daß der Mann noch über ihm stand und ihn belauerte, um zu wissen, ob er auch wirklich tot sei. Dies war ein Hoffnungsstrahl. Er erinnerte sich, daß er dicht an der rechten Wand zu Boden geschlagen worden war. An dieser Wand hatte er sich entlang getastet. Er streckte vorsichtig die Hand aus. Er wollte sehen, ob die Wand noch da sei.

Aber seine tastenden Finger trafen nicht auf die Wand. Sie trafen etwas Weiches, das mit einem unterdrückten Ausruf zurückfuhr. Dem Schrei folgte das Knacken von Metall, ein Geräusch, das aufs Haar dem Geräusch beim Entsichern einer Selbstladepistole glich.

»Verdammt!« rief er. Hatte er sich nun doch verraten?

Eine Hand faßte ihn sanft, aber fest.

»Keine Angst. Sie sind jetzt in Sicherheit.«

Es war eine Frauenstimme. Kinloch überlegte. Es mußte die Stimme derselben Frau sein, die versucht hatte, seinen blutgierigen Feind zurückzuhalten.

»Ist er weg?« fragte er flüsternd.

Er hörte wieder das unerfreuliche Knacken der Sicherung.

»Sie haben eine Pistole?« sagte er. Er griff sich mit der Hand an die Stirn. Sein Kopf und beinahe die Hälfte seines Gesichts waren in dicke Verbände gehüllt.

»Nein, was Sie gehört haben, war keine Pistole, das war der Lichtschalter am Schaltbrett. Ich habe das Licht eingeschaltet, um zu sehen, wie es Ihnen geht. Versuchen Sie wieder einzuschlafen, ich muß auf den Weg aufpassen.«

Aber Kinloch schlief nicht wieder ein. Lange lag er und bemühte sich, den Sinn ihrer Worte zu verstehen. Vor allen Dingen verursachte es ihm Kopfzerbrechen, warum sie auf den Weg aufpassen mußte. Das Geräusch in seinem Kopf machte es ihm sehr schwer, zu denken. Es war wie eine unendliche Wiederholung des Wortes: Bumm, aber leise murmelnd und tausendmal rascher als menschliche Lippen es aussprechen konnten.

Mit einemmal begann er zu verstehen. Der dumpfe Schmerz saß tatsächlich im Innern seines Kopfes, aber das begleitende trommelnde Geräusch kam von außen her. Es war das Geräusch eines laufenden Motors. Jetzt wurde ihm auch verständlich, daß die Frau vom Einschalten des Lichts am Schaltbrett gesprochen hatte, und daß sie auf den Weg aufpassen müßte. Sie entführte ihn, sie brachte ihn aus dem Bereich der Gefahr. Sie hatten sich aus dem Staub gemacht und waren jetzt draußen auf offener Landstraße!

Sobald er das begriffen hatte, quälte ihn das Dröhnen des Motors nicht mehr. Solange das Geräusch in seinem Kopf beheimatet schien, hatte es ihn fast zur Verzweiflung gebracht. Nun schien es eine beispiellos freundliche Stimme. Er lag still und hörte selig zu. Der gleichmäßig eilige Pulsschlag der Maschine schien ihm zu erzählen, daß sie von ganzem Herzen zu ihm halte. Wer die Frau an seiner Seite war, wohin sie ihn schleppte, daran dachte er kaum, vielleicht überhaupt nicht. Für ihn hatte dieser surrende Motor mehr lebendige Wirklichkeit als die schweigende Frau. Tat nicht die wackere Maschine alles, um ihn in Sicherheit zu bringen? Während er da lag und nachdachte, durchrieselte ihn ein beseligendes Gefühl. Er wußte jetzt, er war in Sicherheit, und früher oder später konnte er mit dem Mann abrechnen, der ihn niedergeschlagen hatte.

Das Nächste, an das sich Kinloch erinnerte, war das Schlagen einer Turmuhr, ein dröhnender Glockenschlag, der hoch aus der Luft zu kommen schien, wie von dem Turm einer Kathedrale. Sechsmal schlug die Turmuhr, würdevoll, langsam, mit einer gehaltenen Pause zwischen jedem Schlag. Betäubt wie er war, fragte er sich verwundert, welches kleine Nest wohl sich einer so gewaltigen Turmuhr rühmen könne. Und er hatte die bestimmte Überzeugung, daß es sich nur um ein kleines Nest handeln konnte, denn gleich darauf schon merkte er aus dem gänzlichen Aufhören des Echos, daß der Wagen schon wieder die engen Gassen hinter sich gelassen hatte und auf gerader, glatter Landstraße bergauf glitt.

Später einmal sollte er froh darüber sein, daß er den Schlag der Turmuhr gehört, daß sein Dröhnen sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingegraben hatte, aber jetzt nahm das Gefühl der Beschämung das wenige an Denkkraft, das ihm zur Verfügung stand, ganz in Beschlag. Die Frau da hatte ihn um sein Leben flehen hören, erbärmlich, jämmerlich wie ein blökendes Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird. Es war eine bittere Erinnerung. Sie ließ ihn zusammenschauern. Ihr Mitleid traf ihn wie eine Peitsche, denn er bildete sich ein, einen Unterton der Verachtung herauszuhören. Nach einer Weile hörte er wieder das Knacken am Schaltbrett.

»Sie drehen ja wieder das Licht an«, rief er beinahe unwillkürlich, so stark war sein Wunsch, von ihr in diesem Augenblick nicht gesehen zu werden.

»Nein, diesmal habe ich bloß die Scheinwerfer ausgeschaltet. Es wird bald Tag sein.«

Der Weg, den sie jetzt entlang fuhren, schien durch einen Wald zu führen. Kinloch konnte das verschlafene Zwitschern von Vögeln hören, das erste Zwitschern, mit dem sie beim Morgengrauen ihre Kehle erproben. Er lag und horchte hinaus. Die Luft war kalt, aber trocken. Das Vogelzwitschern wurde schwächer und verschwand in der Ferne.

Beinahe im selben Augenblick öffnete die Frau den Mund:

»Wie kommen Sie eigentlich dazu, in Verbindung mit anrüchigen Subjekten zu stehen? Ihr Gesicht ist keineswegs – ist eigentlich nicht das Gesicht eines schlechten Menschen.«

Nach all den freundlichen Gedanken, die er der Frau und dem Wagen gewidmet hatte, überraschte ihn diese Frage. Sie verwunderte ihn sogar.

»Ist es schon hell genug, um das zu sehen?« fragte er bitter.

Sie zauderte einen Augenblick, als verstehe sie ihn nicht ganz.

»Wenn Sie sich aufrichten und hinausblicken, können Sie sehen, daß der Tag anbricht. Das Morgenlicht bricht durch die Stämme und – und«, ihre Stimme stockte, »und die Vögel –« Sie ließ die Hupe ertönen. Auf dem Weg zeigte sich irgendein Hindernis. »Aber«, fuhr sie fort – und ihre Stimme hatte ihren Ausdruck geändert – »jemand wie Sie hat wohl für solche Dinge nicht viel übrig.«

»Nein – nicht – nicht in diesem Augenblick«, meinte Kinloch.

»Aber früher ja? Es würde mich freuen, glauben zu können, daß Sie im Grunde doch kein schlechter Mensch sind.«

In ihrer Stimme verriet sich eine gewisse lebhafte Anteilnahme, die Kinloch von neuem reizte.

»Hör'n Sie mal«, sagte er mürrisch. »Sie brauchen sich nicht den Kopf über mein Herz zu zerbrechen. Es sieht da nicht besser aus als in meinem Gesicht.«

Nun aber begannen sich Kinlochs Gedanken mit der Frau zu beschäftigen. Wer mochte sie wohl sein? Anscheinend hatte sie vorhin sein Zögern auf ihre Frage mißverstanden und sich eingebildet, daß ihr Hinweis auf die morgendliche Landschaft an eine bessere Seite seines Charakters gerührt habe. Und wie verdammt sicher sie im übrigen war, daß er ein schlechter Kerl war. Freilich, das mußte er zugeben. Im Augenblick, mit den Verbänden um den Kopf, mit seinen zerrissenen Kleidern, schmierig, unrasiert und ungewaschen wie er war, mußte er wie eine Beschimpfung dieses reinen Morgens wirken. Aber schließlich war er kein Verbrecher. Seine leise Gereiztheit verschärfte sich.

Lange fiel kein Wort. Aber die vorangegangene Unterredung hatte sein Hirn in Bewegung gebracht. Er begann nachzudenken. Der Wagen bog gerade um eine Ecke und fuhr mit verminderter Geschwindigkeit weiter. Es war klar, daß sie einen Seitenweg eingeschlagen hatten. Eben jetzt fiel es Kinloch ein, daß er doch wohl das Recht habe, seinerseits auch einige Fragen zu stellen.

»Wohin bringen Sie mich eigentlich?« fragte er.

»Nicht mehr weit. Ich will Sie jetzt unterwegs absetzen.«

»Sie wollen mich auf der Straße stehenlassen? Warum?«

»Um Sie loszuwerden – und das ist vielleicht noch ein besseres Schicksal, als Sie verdienen.«

Kinloch wurde endlich hellwach. Er kehrte in die Wirklichkeit zurück.

»Ist der Kerl tot?« fragte er flüsternd.

»O ja. Es gibt aber Schlimmeres als den Tod. Das wissen Sie ja auch.«

Kinloch zuckte zusammen. Er sah darin eine Anspielung auf sein eigenes erbärmliches Winseln um Gnade. Er versuchte, sich zynisch zu geben.

»Wirklich? Schlimmeres als den Tod? Ich möchte wissen, ob – ob er auch dieser Ansicht ist.« Er hielt schweratmend inne. »Dann ist's also eine Affäre, die einen an den Galgen bringen kann?«

»Nun, Sie sind ja nun glücklich heraus – wenn die Polizei Sie nicht erwischt«, sagte sie.

»Ich verstehe schon. All das geschieht, um den Mörder zu schützen. Sie dachten, ich hätte den Mann gesehen, der den Mord vollbracht hat, und um seinetwillen hat man es für besser gehalten, daß ich der Polizei nicht in die Hände fallen solle. Und verdammt unangenehm wäre ich dem Kerl als Belastungszeuge geworden! Und jetzt meinen Sie, Sie lassen mich irgendwo im Straßengraben sitzen?«

Sie hörte schweigend zu, bis er geendet hatte. Dann verging noch ein Augenblick, bis sie gelassen und kühl antwortete:

»Jawohl; in gewissem Sinne profitieren Sie von meinem Interesse an der Sicherheit des Betreffenden.«

Die Gelassenheit, mit der sie ohne weiteres annahm, daß er ein Verbrecher sei, empörte ihn. Sie setzte bei ihm moralische Minderwertigkeit als etwas Selbstverständliches voraus und schien es für einen reinen Zufall zu halten, daß er nicht derjenige war, der den Mord begangen hatte. Er kämpfte sich hoch, so daß er aufrecht saß. Er war eiskalt vor Zorn und suchte nach einer Erwiderung.

»Sie müssen wirklich an dem Mörder ein ungewöhnlich tiefes Interesse nehmen«, meinte er. »Und wie kommt es eigentlich, daß Sie mit einem so verkommenen Charakter verbündet sind? – Sie, die Sie an alles einen so strengen moralischen Maßstab legen und für das reine Licht des Morgens und die unschuldigen kleinen Vöglein soviel übrig haben?«

Nun, das schien sie getroffen zu haben. Er hörte einen kurzen, scharfen Atemzug. Der Wagen verlangsamte sein Tempo – er kroch nur noch dahin –, und sie sagte:

»Immerhin hat es mich einige Mühe gekostet, Sie vor der Verhaftung zu bewahren. Unter Umständen habe ich Ihnen sogar das Leben gerettet. Warum sollte es mich nicht freuen, zu hören, daß dieses Leben nicht ganz so wertlos ist, wie es aussieht?«

»Lassen Sie mich hier heraus«, knurrte Kinloch. »Ihre Moralpredigten machen mich krank.«

Sofort zogen die Bremsen an. Kinloch hantierte ungeschickt am Türschloß. Sie beugte sich vor, öffnete selbst und ließ den Wagenschlag weit auffliegen. Kinloch taumelte hinaus und stand auf der Straße.

»Beim Himmel, an Kaltblütigkeit fehlt es Ihnen nicht«, bemerkte er. »Wie alt sind Sie eigentlich?«

»Nicht so alt wie ich an diesem Morgen aussehe.«

Er lachte höhnisch vor sich hin, denn er war dabei, den Pfeil aus dem Köcher zu holen, mit dem er sie zum Abschied treffen wollte. Denn er hatte einen solchen Pfeil und – so meinte er – einen mit Widerhaken.

»Wenn Sie bloß Bescheid gewußt hätten, meine Dame, so hätten Sie sich ruhig ins Bett legen und Ihren Wagen in der Garage lassen können. Es wäre gar nicht notwendig gewesen, mich so weit zu verschleppen.«

»Oh, Jane macht sich nichts daraus.«

»Jane?« wiederholte er verblüfft.

»So nenn' ich meinen kleinen Wagen. Die häßliche Jane, denn was Besonderes ist wirklich nicht an ihr.«

Ihr schnippischer Ton reizte ihn, ebenso der Umstand, daß er die Bemerkung, mit der er sie moralisch zerschmettern wollte, hatte hinausschieben müssen.

»Ah, und Sie sind auch häßlich?« fragte er.

Auf diese Frechheit erhielt er keine Antwort. Nur der Motor des Wagens begann in rascheren Stößen zu arbeiten. Es klang wie ein Ausbruch der Entrüstung. Dann lösten sich knirschend die Bremsen.

»Möchten Sie so gut sein, Ihre Hand vom Wagenschlag zu nehmen?« sagte sie eisig.

Aber er hielt fest. Grimmig nickte er zu ihr hinauf. Endlich hatte er Gelegenheit, loszuwerden, was ihm auf der Zunge brannte.

»Ich möchte Ihnen erst noch etwas mitteilen«, sagte er. »Ich habe weder den Mann gesehen, der heute nacht ermordet wurde, noch den, der – den, der die Tat begangen hat. Und deshalb ist auch keine Gefahr, daß ich als Belastungszeuge gegen ihn auftreten könnte.«

»Das ist kaum glaubwürdig«, sagte sie kühl. »Es ist völlig ausgeschlossen, wenn Sie nicht völlig blind sind.«

»Jawohl, ganz ausgeschlossen«, stimmte er zu, »wenn ich nicht völlig blind bin.«

Es dauerte eine Weile, ehe sie ihn begriff. Der Motor, der wie rasend gelaufen war, verstummte plötzlich. Unwillkürlich mußte ihr Fuß vom Pedal geglitten sein.

Er spürte, daß sie ihn jetzt durchdringend ansah.

»Blind?« flüsterte sie. »Oh – es – es – es ist unmöglich – es ist einfach unmöglich! Ich muß selbst wie blind gewesen sein. Ich hätte es doch sehen müssen!«

Kinloch lachte mißtönend.

»Besseren Augen als Ihren ist das in der vergangenen Nacht sogar entgangen, in dem dicken Nebel, in dem ihr alle umhertasten müßt wie die Blinden«, sagte er.

Aber sie schien ihm nicht zuzuhören.

»Großer Gott! Was soll ich jetzt tun? Was soll ich bloß tun?« sagte sie. Ihre Augen hingen wie gebannt an dem gramzerwühlten Gesicht des Mannes, der da vor ihr auf der Straße stand – an den Augen, die nichts sahen.

Kinloch war überrascht. Das unverhohlene Entsetzen, das ihre Stimme verriet, kam ihm unerwartet. Was machte ihr die Sache eigentlich aus? Der Plan, den sie ausgeheckt hatte, um ihn wegzuschaffen, war doch dadurch nicht im geringsten beeinträchtigt, im Gegenteil, sie mußte sich um so sicherer fühlen. Kinloch erinnerte sich an den Mann im Gehpelz. Der hatte sich gefreut, als er entdeckte, daß Kinloch blind war. Ja, er hatte erleichtert aufgelacht. Genau so hätte sie sich freuen müssen, selbst wenn sie, was ganz natürlich war, zunächst sich darüber ärgerte, die lange Fahrt zwecklos unternommen zu haben. Warum sagte sie jetzt nichts? Warum machte sie nicht, daß sie wegkam? Die Mitteilung, daß er blind sei, konnte ihr doch nur eine willkommene Botschaft sein, ihr und dem – er hörte etwas, was er nicht erwartet hatte. Es klang, als ob jemand neben ihm leise vor sich hin weine.


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