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Fünftes Kapitel

Von da an begann ein heimlicher Kampf zwischen den beiden. Gereizt durch das ihm entgegengebrachte Mißtrauen, scheint Kinloch, ohne auf ihre Warnung zu achten, von da an fest entschlossen gewesen zu sein, über die Affäre in Ealing und die hineinverwickelten Personen alles, was er vermochte, ausfindig zu machen. Sie ihrerseits scheint die ganze Zeit über zuversichtlich geglaubt zu haben, daß er nur das in Erfahrung bringen könne, was sie sich herabließ, ihm mitzuteilen.

Er machte keinen Gebrauch von ihrer Erlaubnis, sie Stella zu nennen. Wenn er überhaupt eine Anrede benutzte, nannte er sie »Mylady«, und gerade, weil er annahm, daß sie auf den Adelstitel keinen Anspruch habe, wurde es ihm leicht, ihn in der halb ironischen Art zu gebrauchen, in der er ihn auszusprechen pflegte.

Aber gewiß war es ihm ernst mit dem Entschluß, die verborgenen Tatsachen zu erfahren. Er sah in der Frau keine Feindin. Die Finger, die seinen verwundeten Kopf verbunden hatten, waren sehr sanft gewesen. Und er hatte gelernt, aus der Art, wie einer ihn berührte, auf seinen Charakter zu schließen. Aber mochte sie nun durch eigenes Verschulden oder freiwillig in die Vorgänge in Ealing verwickelt sein, auf alle Fälle hatte er die feste Überzeugung, daß er um seiner selbst willen – wahrscheinlich aber auch um ihretwillen – den wahren Sachverhalt herausbekommen mußte.

Zunächst stellte er mit sich selbst ein Kreuzverhör über all das an, was er bereits wußte oder was sich mit Sicherheit folgern ließ. Warum hatte man ihn nicht mit dem anderen Opfer des Kampfes zusammen im Zimmer liegenlassen? Warum hatte man sich darauf versteift, ihn wegzuschaffen? Wäre es nicht vom Standpunkt des wahren Schuldigen aus gerade das Richtige gewesen, ihn bei dem Ermordeten zurückzulassen? Was hätte er denn, nachdem er wieder zum Bewußtsein gekommen war, bei der Vernehmung vorbringen können, um seine Gegenwart in einem fremden Haus zu rechtfertigen? Er hätte ja sagen können, was er wollte, der Tatbestand sprach gegen ihn: da der Ermordete und er ein obdachloser Vagabund, dessen Äußeres schon verdächtig war. Und die Erklärung, der Ermordete habe ihn selbst in sein Haus geladen – würde lächerlich und phantastisch klingen. Weiß Gott, das Indizienmaterial gegen ihn war schwerer, als der wirkliche Täter wußte. Denn es war doch ganz natürlich, daß ein blinder Mann das Messer und nicht den Revolver als Mordwaffe wählt. Der Mörder hätte ihn, wo er hingestürzt war, liegenlassen und ihm das Messer in die Hand drücken können. Dem Strick des Henkers wäre er dann nicht entgangen. Kinloch stockte plötzlich. Er hatte unvermutet eine Begründung entdeckt, die seine Entfernung aus dem Haus allerdings rechtfertigte. Hatte man ihn selbst denn nicht so brutal niedergeschlagen, daß er das Bewußtsein verlor? Die Verwundung am Kopf bewies es ja. Deshalb wäre, wenn er im Zimmer des Ermordeten gefunden worden wäre, sofort die Frage aufgetaucht, wer ihm diese Wunde zugefügt haben könne. Es lag ja klar zutage, daß der Ermordete ihn nicht zu Boden gestreckt haben konnte, als er selbst schon tot war. Und wenn der Schlag, der ihm das Bewußtsein raubte, ihn getroffen hätte, bevor der andere tot war, dann war es klar, daß Kinloch gar nicht mehr imstande gewesen wäre, seinerseits ihn zu erstechen. Kinlochs Kopfwunde bewies, daß noch ein Dritter im Zimmer gewesen war und unterstützte daher in einem gewissen Grade die sonst so unglaubwürdige Aussage, die Kinloch von den Vorgängen dieser Nacht zu machen hatte. Seine Aussage?

Kinlochs Gedanken hafteten an den zwei Worten. Ja, wenn man ihn damals tatsächlich besinnungslos neben dem Ermordeten aufgefunden hätte, dann wäre ihm nichts anderes übriggeblieben. Aber – so fragte er sich – sollte er sich jetzt freiwillig zur Aussage melden? War es überhaupt möglich? Und als er versuchte, diese Frage zu beantworten, fand er gleichzeitig eine befriedigende Antwort auf die Frage, warum man ihn von Ealing weggeschafft hatte. Dem Verbrecher hätte es keineswegs in den Kram gepaßt, daß in dem Mordzimmer ein bewußtloser Mensch aufgefunden wurde – ein Mensch, der, wenn er wieder zur Besinnung erwachte, denjenigen, der den tödlichen Schlag geführt hatte, umständlich und genau beschreiben konnte –, denn der Mörder konnte ja von Kinlochs Blindheit nichts wissen. Aber für Kinloch wäre es keineswegs günstig, jetzt, wo seine Wunde beinahe schon verheilt war, der Polizei in die Hände zu fallen. Fern von dem Mordzimmer und nachdem soviel Zeit verstrichen war, konnten die Behörden in dem, was Kinloch zu erzählen hatte, nur eine Räubergeschichte erblicken, besonders wenn er zu guter Letzt dann noch zugeben mußte, daß ihm nicht einmal der Name des Dorfes bekannt war, in das man ihn entführt hatte.

Er saß auf seinem Bett, die Arme um die Knie verschränkt. Deutlich sah er jetzt das Problem, das er in erster Linie zu lösen hatte. Er mußte den Namen des Dorfes ausfindig machen. Er mußte wissen, wo es lag, um gegen alle weiteren Wechselfälle gesichert zu sein. Lange saß er so und zerbrach sich den Kopf. Zum erstenmal wurde er in vollem Umfang gewahr, mit wie bewußter Entschlossenheit seine Gefährtin ihn darüber im unklaren ließ, wo er sich befand, und wie fürchterlich die Gefahr war, in die ihn diese Unkenntnis noch bringen konnte. Doch hatte er noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, die Frau zu überlisten. Erinnerte er sich doch unter anderem an den charakteristischen Klang der großen Turmuhr und daran, daß sie unterwegs eine kleine Stadt passiert hatten. Lag das seltsame Dorf, in dem er sich jetzt befand, vielleicht doch irgendwo in Sussex, wie er vermutet hatte? Er rief sich alles ins Gedächtnis zurück, was er Frau Spedding hatte schwatzen hören. Es war so leicht möglich, daß sie dabei zufällig auch den Namen des Dorfes erwähnt hatte. Es war möglich, aber es war nicht der Fall.

Dann hatte die Alte noch ein paar Namen erwähnt. Viele Namen waren, wie er wußte, charakteristisch für eine bestimmte Gegend. Oft war es möglich, aus dem Familiennamen festzustellen, aus welchem Teil Englands jemand stammte. Tyldesley zum Beispiel wies auf Lancashire hin. Leute mit dem Namen Foster waren häufig in Worcestershire. Waren Namen wie Prebble und Tolputt, die die Alte genannt hatte, häufige Namen in Sussex? Er wußte es nicht. Aber es gab ja Leute, die in solchen Dingen sachverständig waren. Er entdeckte jetzt, daß er eine doppelte Aufgabe hatte. Er mußte herausbekommen, wo er sich befand, aber so, daß seine Gefährtin nicht erfuhr, daß er es herausbekommen hatte. Denn er ahnte, daß diese Information, wenn er sie erlangte, sich als sehr gefährlicher Besitz erweisen könnte, sobald man erst merkte, daß er sie besaß.

Aber so eingehend er an diesem und allen folgenden Tagen darüber brütete, er wußte nicht, auf welche Weise er diese Information sich verschaffen könnte.

Ein Zufall hätte ihm ein paar Tage später um ein Haar das geschenkt, was er wünschte. Und auch da hätte er es Frau Spedding zu verdanken gehabt. Nach dem ersten Zwischenfall hatte seine Gefährtin natürlich alles getan, um ähnlichen Überraschungen vorzubeugen. Aber dieses eine Mal wurde sie überrumpelt.

Eine ihrer Vorsichtsmaßregeln war, daß sie Frau Spedding systematisch aus dem Wege ging, solange die Alte in Hörweite von Kinlochs Zimmer zu tun hatte. Die Folge davon war, daß Kinloch die beiden niemals miteinander sprechen hörte, außer aus weiter Entfernung. So betrat zum Beispiel Stella niemals ihr Zimmer, das dem seinen beinahe gegenüber lag, ehe nicht Frau Spedding das Haus verlassen hatte. Gerade an diesem Morgen aber hörte Kinloch Frau Spedding plötzlich über den Flur stampfen, und da Miss Stella anscheinend ihre Tür offengelassen hatte, hörte er gleich darauf die Alte mit ihr sprechen.

»Die Liste mit den Sachen, die ich besorgen soll, Miss Stella, die kann doch nicht richtig sein.«

»Lassen Sie mal sehen.«

Er hörte Papier rascheln.

»Du lieber Himmel, Sie können doch noch nicht all das Zeug verbraucht haben. Das wär' ja nur möglich, wenn der Krämer nicht richtig gewogen hätte.«

Kinloch sah, daß sich hier eine neue und ganz unvorhergesehene Gefahr auf tat, und beugte sich vor, um zu horchen. Auch seine Gefährtin schien sich dieser Gefahr bewußt geworden zu sein.

»Ich – ich – möchte – ich mag's nicht gern, wenn mir plötzlich der Vorrat zu knapp wird«, sagte sie.

»Lieber Gott, Miss Stella, Sie essen aber neuerdings tüchtig, obwohl man's Ihnen weiß Gott nicht ansieht«, brummte die Alte. »Sie sind wirklich nicht so rundlich, wie 'ne junge Frau sein sollte.«

Ein gequältes Lachen antwortete.

»Sie denken, ich – ich sehe nicht aus, wie ich aussehen sollte, Frau Spedding?«

Ihr Unbehagen wurde von der Alten anscheinend ganz anders verstanden.

»Oh, Mylady, machen Sie sich bloß keine Sorgen, wie Sie aussehen. Das haben Sie wirklich nicht nötig. Die Leute im Dorf meinen, Sie sehen besser aus als je«, sagte sie tröstend. »Ja, ich glaube, Sie haben sogar dem alten Krakeeler, dem Jacob Wytch, den Kopf verdreht, wie er Sie gestern getroffen hat. Hab' ich nicht selbst gehört, wie er dem alten Uden erzählt hat, Sie sind hübscher als die Königin von Saba in ihrem Wagen, die in Brooky an die Kirchenwand gemalt ist – nämlich vor sechzig Jahren, wie er noch jung war, hat er in Brooky gelebt. Aber das war's nicht –« Die Stimme wurde schwächer. Miss Stella hatte die Alte rasch außer Hörweite geführt. Kinloch vernahm nichts mehr.

Lange blieb er sitzen und dachte nach. Und ihn beschäftigte diesmal zunächst nicht die Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich kaum einen Gedanken darüber gemacht, wie seine Begleiterin wohl aussehen könne. Er war blind, und für einen Blinden spielt das Aussehen anderer keine Rolle. Viel wichtiger ist ihm die Stimme. Nach ihrer Stimme, die vielleicht von dem, was sie jüngst durchgemacht hatte, eine tiefere Färbung bekommen hatte, hatte er ungefähr auf ihr Alter geschlossen und sie dabei anscheinend älter geschätzt, als sie war. Was er gehört hatte, war für ihn nun eine Entdeckung, die über die Tragödie in Ealing ein ganz neues Licht verbreitete. Beaumont, der Bettelbriefschreiber, mit dem er zusammen lebte, hatte ihm einmal erklärt, hinter den meisten Verbrechen stecke irgendwo eine Frau, nur gelinge es nicht immer, sie zu finden. Daran erinnerte er sich jetzt. Und die Frau, um die es sich hier handelte, mußte wahrhaft schön sein. Der Eindruck, den, nach dem Bericht der Alten, ihre Schönheit auf den greisen Jacob Wytch gemacht hatte, war der beste Beweis. Gerade dieser Episode legte Kinloch besonders großen Wert bei, denn hatte nicht Miss Stellas Anblick genügt, um in dem alten Mann nach sechzig Jahren die Erinnerung an ein Bild wieder wachzurufen, das ihm in seiner Jugend wohl die Verkörperung aller Frauenschönheit bedeutet hatte. Das besagte viel. Kinloch stellte es mit einem gewissen Gefühl der Befangenheit fest. Seine Erinnerung wanderte in die Vergangenheit zurück und beschwor die Namen all der wunderbaren Frauen wieder herauf, deren Schönheit Männer in Tod und Verderben geführt hatte, von der trojanischen Helena bis zur schottischen Maria.

Die Entdeckung hatte ihn tief aufgewühlt. Mehr noch, als er angenommen hatte, schien hinter der Affäre von Ealing zu liegen. Tiefer waren die Wasser, als er sich hatte träumen lassen. Aber gerade, weil ihn die Feststellung aufgerüttelt hatte, begriff er, daß es nun aus mehr als einem Motiv erst recht wichtig für ihn geworden war, zu entdecken, wo er sich befand, und damit bog er wieder in seine alten Gedankenbahnen ein.

Er begann, das, was die alte Spedding ausgeplaudert hatte, von seinem neuen Gesichtspunkt aus zu prüfen. Aber immer noch erwies sich alles, was er erfahren hatte, als bedenklich geringfügig. Die Alte hatte die Kirche in Brooky erwähnt. Gewiß, das war eine ganz bestimmte Ortsangabe, aber es war sehr gut möglich, daß der Ort weit entfernt war. Trotzdem grub er den Namen in sein Gedächtnis ein. Vielleicht erwies er sich in der Zukunft noch als nützlich. Er war entschlossen, sich nichts entgehen zu lassen, was eine Aufklärung zu verheißen schien.

Aber so stolz er auch auf diesen Entschluß war, so hart wurde seine Geduld auf die Probe gestellt. Die Tage verrannen und brachten ihm nichts als die immer wachsende Überzeugung, daß die Frau, mit der er im stillen kämpfte, ihm überlegen war. Jeden Schachzug, den er versuchte, parierte sie ohne weiteres. Es kam ein Tag, wo sie ihn mit der Bemerkung überraschte:

»Sie haben nicht viel herausbekommen, nicht wahr?«

Zum erstenmal hatte sie damit auf den geheimen Kampf angespielt, der zwischen ihnen im Gange war. Die Offenheit, mit der sie jetzt darauf einging, zeigte, daß sie Kinloch als endgültig geschlagen betrachtete. Ja, in ihrer Stimme war sogar ein Unterton des Mitgefühls zu spüren, als betrachte sie ihn als ein Kind – ein unartiges Kind, aber ein Kind.

»Nicht viel«, räumte er ein.

»Nichts«, erklärte sie, in dem Ton eines Menschen, der sich als Herr der Situation fühlt.

»Nur das eine, daß Sie jünger sind, als ich annahm, und, wie es scheint, eine Schönheit.«

»Und das ist gewiß nicht das, was Sie herausbringen wollten.« Sie lachte jetzt beinahe.

Kinloch brauste auf.

»Nun«, sagte er mit schneidender Ironie, »jedenfalls werden Sie feststellen müssen, daß ich für schöne Augen unempfänglich bin. Einmal wenigstens haben Sie es jetzt mit einem Mann zu tun, dem die schönen Augen einer Frau nicht den Kopf verdrehen können.«

Aber er sagte es nur, um zu verbergen, daß er sich geschlagen fühlte. Er wußte wohl, daß sie es nicht nötig hatte, ihm mit ihrer Schönheit den Kopf zu verdrehen. Hatte er doch nicht das geringste entdeckt, was ihn gefährlich machen konnte. Deshalb stand er jetzt auch auf und zog sich in sein Zimmer zurück. Trotzig und wütend ließ er sich auf sein Bett nieder und begann seine ganze Gedankenarbeit wieder von vorne. Beinah ausgelacht hatte sie ihn! Wie sicher sie ihrer Sache sein mußte! Sie glaubte ihn ohne weiteres in der Tasche zu haben. Und wie es schien, mußte er sich damit abfinden, bis – Kinloch fuhr auf, es war ihm etwas eingefallen, und der Einfall dünkte ihn geradezu glänzend!

Am selben Abend saßen sie miteinander unten vor dem Feuer. Die Vorhänge vor den Fenstern waren sorgfältig zugezogen. Seit Einbruch der Dunkelheit tobte ein scharfer Sturm aus Südwest, so daß sie wagen konnten, lauter zu sprechen als gewöhnlich, wo sich ihre Unterhaltung auf ein sorgfältig gedämpftes, eintöniges Murmeln beschränken mußte. Heute aber hätte niemand, der das Haus ungesehen umschlich, durch den Lärm des Windes, der alles übertönte, Stimmen im Innern hören können.

»Ich muß doch wie ein menschliches Wrack aussehen. Ich kann mir's ungefähr vorstellen«, sagte Kinloch.

»Es sieht Sie ja niemand außer mir«, antwortete sie.

»Ich spreche nicht aus Eitelkeit. Aber wäre es nicht gefährlich, wenn mich jemand zufällig zu Gesicht bekommen sollte?«

»Gefährlich?« wiederholte sie.

»Wenn man jemanden wie mich im Hause sieht.«

»Es wird Sie aber niemand sehen.«

»Durch einen unglücklichen Zufall könnte es doch einmal geschehen. Man kann das nie mit Sicherheit voraussagen. Auf alle Fälle ist es ein sinnloses Risiko, wo es Ihnen doch so leicht sein würde, mir einen neuen Anzug zu verschaffen.«

Sie schien unschlüssig. Er spürte, daß sie ihn ansah, während er die raschelnde neue Fünfpfundbanknote herauszog, die er von dem Mann im Pelzmantel erhalten hatte.

»Die nächste, ein bißchen größere Stadt«, sagte er, »– da werden Sie ohne weiteres ein Herrenausstattungsgeschäft finden, das eine genügend große Auswahl fertiger Anzüge vorrätig hat. Wie weit werden Sie fahren müssen?«

Aber sie wich ihm aus.

»Oh, nicht sehr weit«, erklärte sie. »Ich kann morgen nachmittag mit meinem Wagen hinüberfahren, sobald Frau Spedding aus dem Haus ist.«

Sie schien darüber erfreut, daß er an eine Gefahr gedacht hatte, die ihr selbst nicht eingefallen war. Er zeigte ihr, wie man mit einem Stück Bindfaden Maß nehmen mußte.

Aber der Nachmittag des nächsten Tages brachte eine Enttäuschung. Sie kehrte ohne die Kleider zurück. In der unbekannten Stadt, die sie aufgesucht hatte, war gerade heute der Tag früheren Geschäftsschlusses. Alle Läden waren geschlossen gewesen.

»Wußten Sie denn das nicht?« fragte er enttäuscht.

»Nein. In den meisten Städten wird Mittwochs früher geschlossen«, antwortete sie unschuldig.

Kinloch hatte sofort seine Enttäuschung vergessen, denn hier war ihm ein neuer Anhaltspunkt geboten worden. Alles in allem wußte er nun das Folgende: er befand sich in einem Dorf, dessen einzelne Gebäude weit auseinander lagen. Das Dorf lag auf einem Höhenzug, der – nach der Zeit für Hin- und Rückfahrt geschätzt – ungefähr zehn oder zwölf Meilen von der nächsten größeren Stadt entfernt war, und in dieser Stadt machten die Geschäfte am Donnerstag früher Schluß, statt wie sonst am Mittwoch.«

»Und morgen ist Markttag«, sagte er aufs Geratewohl.

»Was meinen Sie?«

Sie schien etwas aus der Fassung gebracht. Ihre Frage kam überstürzt.

Er wagte sich auf dem betretenen Wege weiter.

»Es wird großer Betrieb sein, wenn morgen Markt ist«, meinte er.

»Oh, ich werde die Sachen morgen schon bekommen«, erklärte sie. Ob Freitag Markt war oder nicht, bekam er also doch nicht zu erfahren. Sein Versuch, mehr über die Stadt herauszubringen, war gescheitert.

Am nächsten Tag überreichte sie ihm ein Paket. Sie wäre wohl etwas erschrocken gewesen, wenn sie dabei gewesen wäre, als er es öffnete. Aber er hütete sich, das in ihrer Gegenwart zu tun. Kaum war er in seinem Zimmer und hatte hinter sich den Schlüssel im Schloß herumgedreht, als er das Innere des neuen Rocks unter dem Kragen befühlte. Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn. Er hatte gefunden, was er suchte. Ja, da war das kleine viereckige Seidenstückchen mit der Adresse des Geschäfts, in dem der Anzug gekauft war. Der Name und – seine Fingerspitzen verrieten es ihm – auch die vollständige Adresse. Sein Tastsinn vermochte die Buchstaben allerdings nicht zu entziffern. Er hatte auch niemand, der ihm vorlesen konnte, was dastand. Aber, so sagte er sich, während er sich mit dem neuen Rasiermesser rasierte, es war doch ein Trost, die wichtige Information im Rock überall mit sich herumzutragen.

Er schwelgte in dem Gedanken. Jetzt war es ja leicht, nicht nur den Namen des Dorfes herauszufinden, sondern auch festzustellen, wer die Frau war, mit der er zusammen hauste. Denn wenn man einmal den Namen der nächsten größeren Stadt kannte, war es eine Kleinigkeit, ein Dorf zu ermitteln, das ungefähr zehn Meilen entfernt liegen mußte, und zu dessen Einwohnern Leute namens Prebble, Tolputt, Spedding und so weiter gehörten, ganz abgesehen von einem Gutspächter namens Noakes. Ein Dorf, auf dessen Kirchhof der Grabstein einer Dame von einer gewissen gesellschaftlichen Stellung zu finden war, die Uden geheißen hatte. Und das Haus selbst? – Oh, er konnte jeden Winkel darin beschreiben. Aber das war gar nicht notwendig. Denn wenn erst einmal Frau Spedding ermittelt war, dann konnte auch die Identität seiner geheimnisvollen Gefährtin nicht mehr länger verborgen bleiben.

Von diesen Aussichten war Kinloch vollständig in Anspruch genommen. Er vergaß darüber jeden Gedanken daran, daß dank der neuen Kleider und des Rasiermessers sein äußerer Anblick sich vollständig gewandelt hatte. Als er ins Wohnzimmer trat, begrüßte ihn ein erstickter Schrei.

»Was ist los? Ist etwas passiert?« sagte er. Dann fiel ihm ein, welche Wandlung mit ihm vorgegangen sein mußte. »Ist es denn so schlimm?« erkundigte er sich.

»Ich – ich – habe Sie zuerst nicht erkannt«, stammelte sie. »Ich dachte, es wäre jemand gekommen, um –« Sie brach ab. Dann fügte sie ganz zahm hinzu: »Ich wußte nicht, daß Kleider bei einem Mann soviel ausmachen könnten.«

Er ging auf die Bemerkung nicht ein.

»Sie waren erschrocken!« erklärte er. »Nicht überrascht.«

»Nein.«

»Sie dachten, es sei –«

»Nein, das hab' ich nicht gedacht. Kommen Sie, hier ist Ihr Stuhl.«

Kinloch streckte die Hand aus, und sie griff danach, um ihn zu seinem Sitz zu geleiten. Ihre Hand bebte wie ein verängstigter Vogel. Für Kinloch stand einwandfrei fest, daß sie ihn zuerst für einen Kriminalpolizisten gehalten hatte. Aber er vergaß, daß sie sein Gesicht dauernd beobachtete. Kaum saß er, da fragte sie:

»Was ist vorgegangen?«

»Vorgegangen?« Nun war er überrumpelt.

»Sie sehen heute abend so ganz anders aus – glücklicher.«

Kinloch verfluchte heimlich sein allzu offenherziges Gesicht.

»Aber das ist doch ganz natürlich. Wer sollte nicht froh sein, solche Lumpen losgeworden zu sein?«

»Es tut mir schrecklich leid, daß ich nicht früher daran gedacht habe«, sagte sie unterwürfig.

»Mir auch! Ich fühle mich jetzt so sehr viel wohler.«

Und das war ganz gewiß der Fall. Keinen Augenblick verließ ihn der Gedanke an den kostbaren kleinen Seidenfleck mit der Firma und dem Ortsnamen, den er mit sich herumtrug, unter dem Kragen, dicht am Genick – gerade da, wo beinah, so dachte er – die Schlinge des Henkers gesessen hätte.


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