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Viertes Kapitel

Er war hungrig und müde und kämpfte gegen den Schlaf. Da knackte ein Zweig, er fuhr auf. Im nächsten Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter.

»Kommen Sie«, murmelte sie, »die Luft ist rein.«

»Ist's denn schon dunkel?« fragte er überrascht.

»Ganz dunkel. Schwarze Nacht.«

Kinloch fiel zunächst das Gehen schwer. Das lange Stillsitzen und die Kälte hatten ihn steif und unbehilflich gemacht. Die Wunde an seinem Kopf begann, wahrscheinlich infolge der nassen, kalten Luft, von neuem zu stechen und zu schmerzen und peinigte ihn schlimmer denn je. Aber die Frau packte ihn am Arm und geleitete ihn sicher durch das Unterholz bis auf den Weg.

Da sie dicht neben ihm ging, konnte er hören, daß sie wie ängstlich ab und zu laut atmete, ob wegen irgendwelcher möglichen Gefahr oder nur in Erinnerung an die Ereignisse der letzten Nacht, wußte er nicht.

Nach einer Weile passierten sie ein schweres Gittertor, das den Weg sperrte.

»Jetzt«, flüsterte sie, »müssen wir so rasch als möglich gehen. Wir sind jetzt auf dem offenen Gemeindeanger, dicht, bei dem ersten Haus.«

Minnis schien, wenn es wirklich ein Dorf war, jedenfalls ein sonderbarer Ort. Kaum hatten sie das Gitter passiert, als der Weg unter Kinlochs Füßen, wie er fühlte, so glatt und eben wurde wie die Auffahrt einer herrschaftlichen Besitzung. Und als sie den Weg verließen und auf dem Gras weiterhasteten, schien ihm der Gemeindeanger so elastisch und wohlplaniert wie die Rasenflächen eines Parks. Freilich wuchs darauf auch Heidekraut und Stechginster. Denn einmal ließ seine Begleiterin, um allein aufzuklären, ihn haltmachen an einer Stelle, wo er sich hinter Ginsterbüschen verstecken konnte, und ging zunächst allein weiter.

Daß sie sich dem Hause immer mehr näherten, merkte Kinloch an der Art, wie ihre Finger sich immer fester um seinen Arm preßten, während ihre Atemzüge rascher und rascher wurden. Und da sie so dicht neben ihm ging, konnte er aus ihren Bewegungen erraten, daß sie ängstlich nach allen Seiten umherspähte, bemüht, die Dunkelheit zu durchdringen. Doch die Nacht lag still wie ein Grab. Der dicke Rasen machte ihre eigenen Schritte unhörbar. Diese Angst, nicht mit ihm gesehen zu werden, der krampfhafte Griff an seinem Arm verursachte Kinloch Unbehagen. Er begann dem, was ihn erwartete, mit einiger Unruhe entgegenzusehen. Aber noch ehe dieses Gefühl lebhaft werden konnte, waren sie im Hause.

Seine Begleiterin schob den Riegel vor und drehte den Schlüssel im Schloß mit einem tiefen Seufzer der Erlösung, der ihm zeigte, wie unruhig sie bis dahin gewesen war. Er begriff jetzt, welche Angst sie gehabt hatte, mit ihm gesehen zu werden. Anscheinend hatte sie sich sofort erschöpft in einen Sessel sinken lassen. Kinloch blieb sich selbst überlassen. Nachdem er hilflos eine Weile stehengeblieben war, wo er stand, tastete er umher, in der Erwartung, auch einen Stuhl zu entdecken. Es schienen nur wenige Sitzgelegenheiten in dem Raum zu sein, er fand aber glücklich einen Stuhl und schob ihn dorthin, wo, wie die ihm entgegenschlagende behagliche Wärme verriet, ein loderndes Feuer im Kamin brennen mußte. Er fühlte sich noch immer kalt und steif. Die paar Schritte von seinem Versteck zum Haus hatten nicht genügt, um sein Blut wieder in Bewegung zu bringen.

Ihr erster Gedanke aber galt ihm, sobald sie einigermaßen wieder zu Atem gekommen war. Sie entfernte den Verband von seiner Kopfwunde, schor rasch und geschickt das Haar rings um die Verletzung, wusch die Wunde aus und verband sie von neuem mit einer Geschicklichkeit, die große Übung verriet. Kinloch schloß daraus, daß seine geheimnisvolle Begleiterin während des Kriegs in einem Lazarett gearbeitet haben mußte. Dann verrieten ihm ihre Bewegungen, daß sie etwas zum Essen herrichtete.

Kurze Zeit darauf, als er vor dem Feuer saß und versuchte, seine Hände an der Glut zu wärmen, hörte er, wie sie neben ihm am Kamin niederkniete.

»Wie fühlen Sie sich jetzt?« fragte sie.

»Wie ein gefrorener Hammel.«

Er hatte nichts anderes sagen wollen, als wie kalt es ihm noch immer sei, aber sie schien zu glauben, er hätte auf den »Hammel« besonderen Nachdruck gelegt, denn sie antwortete:

»An dem, was geschehen ist, sind Sie doch nicht schuld.« Erst jetzt fiel ihm auf, wie klar und jung ihre Stimme klang. Aber was sie sagte, war töricht. Er schuld? Kein Gedanke! Wenn er jetzt bloß den Kerl unter den Fingern hätte, der ihm den Schlag versetzt hatte. Er würde ihm die Rechnung präsentieren. Und früher oder später würde der Tag der Abrechnung schon kommen. Aber im Augenblick zog er es vor, über seine Absichten zu schweigen. Er sagte:

»Nun, jedenfalls bin ich bei dieser Affäre dauernd die Marionette von anderen gewesen – wie ein Schaf habe ich mir alles gefallen lassen – keine schöne Rolle.«

Sie antwortete nicht, sondern machte sich daran, das Feuer zu schüren. Doch hantierte sie mit dem Feuerhaken in einer so abwesenden und mechanischen Art, als sei sie tief in Gedanken versunken. Unter dem Einfluß der prasselnden Scheite verschwand allmählich Kinlochs Benommenheit. Sein Hirn schien aufgetaut, und die erste Eigenschaft, die sich bei ihm bemerkbar machte, seit er sich etwas menschlicher fühlte, war eine immer größer werdende Neugier. Wer war die Frau? Daß sie in die Mordaffäre in irgendeiner Weise stark verwickelt war, war klar genug. Kinloch war auch fest überzeugt, daß sie ihn mitgenommen hatte, um den eigentlichen Täter zu schützen. Am meisten aber quälte ihn der Wunsch, zu wissen, wer und was sie war. Bei Blinden pflegen als Ersatz für das verlorene Augenlicht gewisse andere Sinne sich schärfer zu entwickeln – vor allen Dingen der Tastsinn und das Gehör. Aber auch das Vorstellungsvermögen und das Gedächtnis sind schärfer.

So faßte Kinloch in dem Wunsch, zu erfahren, wer und was die Frau war, mit der er zu tun hatte, als er vor dem Kaminfeuer saß, den festen Entschluß, sich selbst eine Antwort auf diese Frage zu verschaffen und noch auf eine Reihe anderer. Er fühlte sich ihr keineswegs zu besonderem Dank und zu besonderer Rücksicht verpflichtet. Wenn sie ihn auch aus einer Situation befreit hatte, die für ihn sehr ungemütlich hätte werden können, so war das doch natürlich nur geschehen, weil seine Aussage bei einem Verhör über die Ereignisse der Nacht die Lage des Täters – und wahrscheinlich auch ihre eigene – entschieden sehr ungünstig hätte machen können.

Im übrigen hatte er den Eindruck, daß auch seine geheimnisvolle Gefährtin im Augenblick ganz außerordentlich von ihren eigenen Gedanken in Anspruch genommen war. Sie sprach an diesem Abend so gut wie gar nicht mit ihm, dennoch schien sie ihn dauernd zu beobachten. Denn als er nach dem Essen auf seinen Sitz vor dem Feuer zurückkehrte, merkte sie sofort, wie schläfrig er wurde, und brachte ihn in sein Zimmer. Am andern Morgen, so erklärte sie, werde man noch Zeit genug haben, sich über alle weiteren Pläne zu beraten.

Indessen mußte Kinloch gleich am nächsten Morgen die Erfahrung machen, daß selbst in diesem abgelegenen Haus ihrer beiden Lage nicht ungefährlich war. Sehr früh schon weckte ihn ein energisches Klopfen an der Tür, dem die knappe Aufforderung folgte, zum Frühstück nach unten zu kommen. Die Entschlossenheit, die sich in diesem Klopfen verriet, fiel ihm auf. Das klang wie ein Befehl. Er hatte gar keine Lust, sofort aufzustehen. Seit langer Zeit hatte er nicht mehr in einem so bequemen und warmen Bett gelegen, und er wünschte, diesen Luxus ordentlich zu genießen. Und als er sich dann doch im Bett aufsetzte und zufällig mit der Hand an sein stoppeliges Kinn geriet, war dies erst recht nicht geeignet, seine Bewegungen rascher und freudiger zu machen. Aber schließlich kletterte er doch aus dem Bett. Er war in diesem Augenblick beinahe froh darüber, daß er sich nicht im Spiegel betrachten konnte. Am Frühstückstisch erfuhr er dann, wie peinlich seine Lage noch immer war. Die alte Frau, die das Haus rein machte, Frau Spedding, mußte bald erscheinen, um aufzuräumen, und während dieser zwei Stunden hatte er sich verborgen zu halten. Allerdings schien es auf den ersten Blick leicht. Er hatte nichts weiter zu tun, als in seinem Zimmer zu bleiben. Da dieses Zimmer als unbewohnt galt, hatte die alte Frau keinen Grund, es zu betreten. Der Zufall wollte jedoch, daß sie doch gleich am ersten Tag beinahe ertappt worden wären. Kinloch war noch nicht mit seinem Frühstück fertig, als die Alte schon an der Haustür war. Sie wollte sich diensteifrig zeigen und war deshalb vor der verabredeten Zeit gekommen. Kinloch mußte in aller Hast in einen großen Wandschrank in der Halle, in der sie gefrühstückt hatten, flüchten. Kaum war die Schranktür hinter ihm geschlossen, als Frau Spedding auf der Schwelle des Raumes erschien. Kinloch hörte alles, was vorging.

»'n Morgen, Madam. Ich dacht', ich komme heut 'n bißchen früher, falls was Besonderes vorliegt.«

»Das war wirklich nett von Ihnen, Frau Spedding. Dachten Sie, ich lass' den Schinken anbrennen oder die Milch überlaufen?«

»Nee, Madam, das nich, obwohl's schon sein könnt', da Sie doch nicht gewöhnt sind, sich alles selbst zu machen. Aber's ist mir durch den Kopf gegangen, daß Sie sich vielleicht in der Nacht so allein im Haus zu Tode geängstigt haben. Wo man doch heutzutage soviel von Fassadenkletterern in der Zeitung liest.«

Kinloch hörte seine Begleiterin lachen. Wenigstens versuchte sie es. Er konnte feststellen, daß sie mit dem Rücken gegen die Tür seines Verstecks gelehnt stand und mehr Angst vor Frau Spedding zu haben schien, als Frau Spedding sich je hätte träumen lassen. Und sie schien noch einen andern Grund zur Angst zu haben: daß die alte Frau allerlei ausplauderte, was Kinlochs Ohren nicht hören sollten.

»Nun, Frau Spedding, Sie sehen, daß ich mich nicht im geringsten geängstigt habe.«

Dabei verriet aber das Beben ihrer Stimme, daß sie von tödlicher Angst geschüttelt wurde. Die Alte stieß ein gackerndes Gelächter aus.

»Nee, Fräulein – wollt' sagen Madam –, aber nichts für ungut, den rosigen Schein haben Ihre Wangen doch verloren. Richtig bleich sind Sie geworden. Gestern abend dacht' ich, 's ist bloß von der Reise. Aber jetzt seh' ich, daß ich mich geirrt hab'.«

Ihre Stimme stockte plötzlich, dann hörte Kinloch, wie seine Begleiterin mit unsicherer Stimme fragte:

»Na, Frau Spedding, was ist denn?«

»Ich dachte, Sie sind allein hier.«

Kinloch vermochte nicht zu erraten, was die Alte eigentlich gesehen hatte, aber es war ihm zumute, als sei die Partie bereits verloren.

»Wie kommen Sie darauf, daß ich nicht allein bin?«

»Es ist für zwei gedeckt und zwei haben das Geschirr benutzt.«

Es entstand eine für Kinloch unerträgliche Pause, dann hörte er die Alte lachen.

»Ach, jetzt versteh' ich. Zuerst, wie ich die zwei Tassen sah, kriegt' ich 'nen ordentlichen Schreck. Aber jetzt fällt mir ein – aus der Tasse da drüben haben Sie wohl gestern abend Ihren Tee getrunken?«

»Ganz recht, Frau Spedding, ich war so müde, daß ich's nicht weggeräumt habe.«

Man hörte das Klappern des Geschirrs, als die Alte sich daran machte, den Tisch abzudecken. Kinloch horchte gespannt. Er erwartete, jeden Augenblick einen neuen Ausruf zu hören, aber glücklicherweise war die Alte viel zu sehr darauf aus, zu schwatzen und bemerkte, wie Kinloch gefürchtet hatte, dabei nicht, daß beide Tassen noch warm waren. Er selbst hätte das sofort gefühlt.

»Na, ich denke, die Luft hier oben wird Ihnen guttun. Wie Sie noch klein gewesen sind, Madam, haben Sie sich hier immer prächtig erholt.« Frau Spedding stieß einen erinnerungsschweren Seufzer aus. »Die Leute hier im Dorf haben Sie nicht vergessen, Fräulein Stella. Und da fällt mir ein, wir alle haben Ihre Photographie in der Zeitung gesehen, damals, wie Sie geheiratet haben. Tolputt – erinnern Sie sich noch an Tolputt von der Postagentur? – hatte ein Glas Marmelade für Frau Prebble in die Zeitung gewickelt und hat gar nicht gesehen, daß Sie drin abgebildet waren. Aber so ist's. Männer sehen nie was, wenn sie nicht mit der Nase drauf stoßen. Aber Frau Prebble, die hat gleich erkannt, wer's war – na, sie wird nicht! –, und hat das Bild ausgeschnitten und überall herumgezeigt. Es war das Bild, wo Sie aus der Kirche kommen und all die Offiziere mit dem gezückten Säbel einen Baldachin über Ihrem Kopf bilden. Und 'nen Blumenstrauß hatten Sie in der Hand. Und wie selig Sie aussahen. Ich hätt' Ihr Lächeln gleich erkannt. Ja, ich glaub', an dem Lächeln haben wir das Bild erkannt.«

Die Tür, hinter der sich Kinloch verborgen hielt, ächzte, als ob sich jemand schwer dagegen lehnte, und als die liebenswürdige Frau Spedding mit dem beladenen Servierbrett hinausgestapft war, hörte er im Zimmer einen Seufzer, der wie ein Schluchzen klang. Und das war eigentlich mehr, als er hören wollte. Indessen kam Frau Spedding eilig wieder zurück und setzte die Unterhaltung fort, während sie den Tisch abbürstete.

»Na, und was Jane Prebble war, die legt das Bild in ihr Gesangbuch, und am nächsten Sonntag, wie wir aus der Kirche kamen, zeigte sie's überall 'rum. 's war großartig, wie sie alle strahlten. Pächter Noakes hatte es zuerst, und die ganze übrige Gesellschaft reckte die Hälse, um ihm über die Schulter zu sehen – sie wollten wissen, was es war –, und er sucht' immer und kann seinen Kneifer nicht finden – nun, er mußt' sich schließlich auf Frau Udens Grabmal setzen, damit er den Rücken frei hatte. Aber eh' er noch den Kneifer auf der Nase hatte, rief jemand Ihren Namen. ›Stimmt‹, sagt Noakes und hält das Bild vor sich hin und legt den Kopf schief. ›Bissel städtisch ist sie geworden, aber Miss Stella ist es, da ist kein Zweifel.‹ Dann kommt Bob Ames und nimmt ihm das Bild aus der Hand: ›Wollen doch mal sehen‹, sagt er, ›wie der Kerl aussieht, der sie geheiratet hat.‹ Aber Jane Prebble, die riß ihm das Bild weg – richtig wütend war sie –, und Jacob Wytch gab Bob eins hinter die Ohren. ›Ist das 'ne Art, von der Aristokratie zu sprechen?‹ sagt er.«

Wahrscheinlich hätte Frau Spedding noch lange so weitergetratscht, aber während sie zufällig eine Atempause machte, hörte Kinloch jenseits der Tür ein leises Ächzen.

»Ist Ihnen schlecht, Madam – Mylady – wollt' ich sagen?«

Frau Speddings Stimme verriet tiefe Bestürzung.

»O nein – mir ist – ganz gut. Nur ein bißchen – schwach nach – nach der Reise gestern. Einen Schluck Wasser, bitte.«

»Da soll doch – da hab' ich so viel dahergeschwätzt, daß es der gnädigen Frau zuviel geworden ist!«

Die alte Frau humpelte eilfertig hinaus in die Küche. Im Handumdrehn hatte »Miss Stella« – ihre Ohnmacht schien plötzlich geheilt – Kinloch aus dem Schrank gezerrt, war mit ihm den Korridor entlanggeeilt und hatte ihn in sein Zimmer geschoben. Das geschah so rasch, daß es ihm den Atem raubte. Und die geschickte Art, in der sie ihn außer Hörweite geschafft hatte, obwohl sie eben noch im Begriff schien, zusammenzubrechen, gab Kinloch viel zu denken. Er fand jetzt, daß er an diese Frau viel zuviel Mitleid verschwendet habe. Er war beinahe überzeugt, daß dieser plötzliche Ohnmachtsanfall und die Bitte um ein Glas Wasser, wenn nicht überhaupt Schauspielerei, keineswegs auf die Furcht zurückzuführen war, daß Frau Spedding etwas, was sie nicht sehen sollte, entdecken, sondern vielmehr etwas verraten könnte, was er nicht hören durfte. Natürlich traute sie ihm nicht. Das zeigte sich schon darin, daß sie sich sogar geweigert hatte, ihm den Namen des Dorfes mitzuteilen. Er war wütend über dieses Mißtrauen, das sie ihm zeigte, und über das Mitgefühl, das er an sie verschwendet hatte. Er sagte also, als die Alte endlich fort war und sie beim Lunch saßen, ganz beiläufig:

»Sie heißen also Stella?«

»Ja.«

»Stella bedeutet Stern.«

»Ja.«

»Ich habe mich schon gefragt, wie ich Sie anreden soll. Es ist eine unangenehme Situation, mit jemand zusammen zu sein, der einem nicht nur unsichtbar ist, sondern auch noch – nun ja – anonym bleibt.«

»Sie können mich ja Stella nennen.«

»Aber das will ich nicht. Ein Stern bedeutet nichts für einen Blinden – ist etwas, was für ihn nicht existiert.«

Darauf erwiderte sie gar nichts.

»Die Alte hat Sie ›Mylady‹ angeredet, wenigstens ein einziges Mal«, erinnerte er sie, »das wäre vielleicht passender.«

»Das bedeutet erst recht nichts – es ist nichts weiter als die Devotion einer armen alten Frau.«

»So werde ich Sie also, da ich Ihren Familiennamen nicht kenne, doch Stella nennen müssen.«

»Die Umstände verlangen, daß Sie dieses Vorrecht genießen«, sagte sie sehr kühl.

»Es scheint mir doch reichlich intim, da wir uns kaum einen Tag kennen.«

Er wartete vergeblich auf eine Antwort.

»Sie wollen mir also nicht das geringste sagen«, meinte er schließlich.

»Je weniger Sie wissen, desto besser.«

»Besser? Für wen?«

»Für Sie selbst.«

»Soll das vielleicht eine Drohung sein?«

Er hörte, wie die Tür ins Schloß fiel. Sie hatte das Zimmer verlassen.


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