Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Wanderzirkus

Etwa ein halbes Jahr später hielt eines Mittags am linken Ufer des Ohio ein Wanderzirkus, eine sogenannte »Show«.

James Warrington, der Direktor dieses Zirkus, hatte, weit aus dem Osten kommend, die Absicht, dem nur noch etwa zehn englische Meilen jenseits des Flusses liegenden, mächtig aufblühenden Losantiville, dem heutigen Cincinnati, einen Besuch abzustatten und seine Bewohner mit einer Reihe von Schaustellungen zu beglücken.

Dieser Wanderzirkus war freilich noch weit entfernt von der Ausdehnung und Großartigkeit einer heutigen amerikanischen »Show«, die nicht selten mehr als fünfhundert Menschen, ebensoviele Pferde, einige Ladungen Elefanten und andere Tiere der Wildnis, daneben eine ganze Zeltstadt mit sich führt, wofür bei ihren Fahrten, von der einen Stadt zur anderen, mehrere Eisenbahnzüge nötig sind.

Doch verfügte James Warrington bereits über einen ansehnlichen Wagenpark, mehrere hochgeschätzte »Stars« (erste Kräfte) und »Spezialitäten«.

Die Pferde waren, als der Zug angehalten hatte, ausgespannt, abgerieben und gestriegelt, dann zu einem kurzen Bade in den Fluß geführt worden.

Von der Decke eines der hintersten Wagen, der ein kleines Wunderwerk, die »fliegende Küche«, in sich barg, ragte ein dünner Kamin aus Eisenblech auf, aus dem sich eine kleine Rauchsäule in die Luft emporringelte. – Ein Mann, mit einem mächtigen Rührlöffel bewaffnet, trat unter die Türe. Auf seinen Ruf kamen mehrere Männer herbeigelaufen, die den Nachbarwagen öffneten, dessen Innenraum einem riesigen Werkzeugkasten ähnlich sah.

Geschäftig entnahmen die Leute demselben eine Anzahl Hämmer, Pflöcke, Taue und Leinenstücke, einige zusammenklappbare Tische und Stühle und stellten vor dem Küchenwagen binnen wenigen Minuten ein ziemlich umfangreiches Speisezelt her.

Hier versammelten sich nach und nach die Spitzen der Gesellschaft, die Riesendame und die Zwerge, die Zirkusreiterin und die Clowns, die Virtuosen am Trapez und in der Taschenspielkunst; die Damen etwas bunt künstlerisch gekleidet, die Männer gestiefelt und gespornt, die Flinte im Riemen und das Messer im Gürtel. Denn es war nicht ohne Gefahren verbunden und man mußte seinen Mann stellen können, um in den damaligen Zeiten auf abgelegenen Strecken durch das Land zu reisen.

Nachdem das Zelt fertig gestellt war, vervollständigte sich auf ein Trompetenzeichen des Kochs die Gesellschaft um noch einige weitere Mitglieder. Man nahm plaudernd Platz; die Speisen wurden aufgetragen.

Als nach der Einnahme des Mahles die Unterhaltung im besten Gang war und einzelne der Männer ihre kurzen Pfeifen entzündeten, brach Henry Smith, genannt Hadj Abdullah, der Magier der Gesellschaft, das Gespräch mit der Riesendame plötzlich ab und rief, mit dem Zeigefinger hinaus in die Prärie deutend: »Gentlemen – was soll man davon halten – was kommt dort dahergeritten.«

»Ein wilder Mann – auf einem weißen Gaul – er steuert nördlich – er geht an uns vorüber –«

»Weiß oder rot?«

»Es scheint ein Bleichgesicht zu sein – ich erkenne sein Lederwams – die Flinte quer auf dem Sattelknopf – der richtige Präriemann – vielleicht ein Büffeljäger.«

James Warrington war im Begriffe das Fernrohr, dessen er sich bedient hatte, beruhigt abzusetzen, als seine Aufmerksamkeit aufs neue gefesselt schien.

»Er hat uns gesehen – er hält – er sieht zu uns herüber!«

»Dann haben wir uns am Ende doch auf einen Besuch gefaßt zu machen.«

»Es ist, wie Ihr sagt – er schwenkt den Gaul herum – er hält direkt auf uns – –«

Nun wurde die Aufmerksamkeit eine allgemeine.

Neugierig sah man dem Ankömmling entgegen.

Noch immer beobachtete der Direktor den Reiter durch das Glas und sagte: »Der Mann hat allem nach einen starken Ritt hinter sich – sein Gaul lahmt wie eine alte Ziege.«

»Dann scheint der Mensch wenigstens ungefährlich,« bemerkte mit einem leichten Seufzer Miß Baker, die Riesendame.

Mittlerweile war der Reiter ein erhebliches Stück näher gekommen.

Bald konnte man auch ohne Glas deutlich bemerken, daß das Tier müde daher trabte und das rechte Hinterbein sehr erheblich nachschleppte.

»Der Schimmel scheint ganz unsinnig zusammengeschunden – in den Boden geritten –« bemerkten vorwurfsvoll Little Wood und Little Fred, die beiden etwas kurz geratenen Clowns der Gesellschaft.

Bald war der Reiter nur noch etwa zweihundert Schritte von den Wagen entfernt.

Er machte sichtlich die größten Anstrengungen, sein Reittier in eine schnellere Gangart zu bringen, hatte aber nur den Erfolg, daß es unwillig den Kopf schüttelte, noch mehr schleppte und ruckweise nach vorn in die Kniee sank.

»Das heißt denn doch zu viel von dem Gaul verlangen,« knurrte nun auch der Direktor. »Mann, Ihr werdet es erleben, daß der Schimmel unter Euch zusammenbricht,« schrie er mit Stentorstimme über die Wiesenfläche.

Ob der Reiter das nun verstanden hatte oder nicht, langsam ließ er sich aus dem Sattel gleiten und führte sein Tier am Zügel. Taumelnd kamen sie beide. Roß und Reiter, dahergeschritten. Aber auch der Mann schien erschöpft und am Ende seiner Kräfte.

»Ach, die Ärmsten, sie sind halb verhungert, ermattet, vielleicht vom Sonnenstich getroffen,« seufzte Miß Baker, die Riesendame. »Direktor, Sie müssen ein übriges tun, dem Pferde etwas Genever und dem Manne zu essen geben.«

Mittlerweile hatten Roß und Reiter bis auf zehn Meter dem Speisezelt sich genähert, der Gaul aber war von da an keinen Schritt mehr weiter zu bringen. Breitbeinig stellte er sich, legte den Kopf auf die Seite und ließ die Zunge aus dem Maul niederhängen.

»Schnell Essig, einen Schwamm und Wasser,« gebot der Direktor.

Mehrere umherstehende Männer liefen weg, den Befehl auszuführen.

Zärtlich streichelte unterdessen der Reiter seinem Pferde den Nacken.

Young Ironfist – denn er war es – schien über das Mißgeschick, das seinen Gaul betroffen, sehr betrübt zu sein.

Zuletzt umhalste er das Tier und schien mit den Lippen dessen Stirne zu berühren.

Plötzlich ging ein Zittern durch den Leib des Pferdes. Es schwankte einen Augenblick, brach jäh zusammen und streckte alle viere von sich.

»Ach, wie schrecklich!« schrie die Riesendame im höchsten Diskant und legte beide Hände aufs Herz.

Aber auch auf die Männer schien der Vorgang einen tiefen Eindruck gemacht zu haben; laut äußerten sie alle ihr Mitgefühl.

Nur Young Ironfist starrte schweigend auf das niedergebrochene Tier. Keine Muskel regte sich in dem Angesicht des jungen Mannes. Aber, es war unverkennbar, er war aufs schmerzlichste betrübt über den Verlust des vierbeinigen Gefährten.

Miß Baker war die erste, die sich wieder gesammelt hatte.

Schnellfüßig eilte sie herbei, legte dem Fremden die fette Hand auf die Schulter und sagte: »Laßt das, junger Mann! Eure Trauer ist begreiflich, aber was soll sie nützen? Kommt!« – und sie zog ihn, am Arm erfassend, in das Speisezelt. »Ihr seht ganz so aus, als ob Ihr seit Tagen nichts mehr habt zu Euch nehmen können; Ihr sollt zunächst an Euch selbst denken!«

Geschäftig eilte sie nach dem Küchenwagen. Sie ließ sich von dem Koche mehrere Schüsseln, gefüllt mit Speiseresten geben, die sie Young Ironfist mit der Einladung, zuzusprechen, vorsetzte.

Dieser nahm die Gaben dankbar in Empfang. Er setzte sich mit denselben neben sein Pferd und begann in einer Art einzuhauen, die in der Tat auf das Vorhandensein eines Heißhungers schließen ließ.

»Wie es dem Ärmsten schmeckt!« sagte Miß Baker mit Befriedigung. »Er scheint schon lange nichts mehr genossen zu haben; er ist ganz ausgehungert!«

Voll Mitleid lief sie nach dem Speisezelt, holte ein Gläschen voll Genever, das sie dem jungen Manne darreichte. Auch dieses fand dankbare Aufnahme. Behaglich schlürfte Young Ironfist die feurige Flüssigkeit, ohne auf die scherzhaften Bemerkungen der Männer zu achten, die ihn und seine sechs Fuß hohe Schutzfee umstanden.

Endlich konnte man den Schüsseln auf den Grund sehen. Sorgsam setzte sie Young Ironfist in das Gras nieder.

Er nahm seine Flinte auf und trat zu dem Pferde. Aufmerksam untersuchte er Sattelgurt, Reitbügel und das Zaumzeug.

Die umstehenden Männer glaubten nicht anders, als daß er beabsichtige, dem Pferde, das ohne Zweifel verloren war, das Geschirr abzunehmen. Schon standen mehrere der Männer im Begriffe, ihre Hilfe anzubieten, als aus dem Munde des jungen Fremdlings ein kurzer scharfer Pfiff ertönte.

Blitzschnell stand der Gaul, von allen bereits aufgegeben, auf den Beinen. In der nächsten Sekunde ein eleganter Schwung, Young Ironfist saß im Sattel. Federleicht flog das Roß, den Erdboden kaum berührend, von dannen.

Erst in einiger Entfernung wendete sich der Reiter, lüftete verbindlich den Hut, mäßigte die Gangart seines Pferdes und trabte gemächlich hinaus in die Steppe.

Die Verblüffung der Zirkusmitglieder war eine unglaubliche.

Mit weit aufgerissenen Augen hatten sie dem Reiter nachgesehen, dann sich gegenseitig angeblickt, als ob sie sich fragen wollten, ob das, was ihre Augen gesehen, auch wirklich wahr wäre.

»Ein Teufelskerl!« schrie der Direktor, und sein maßloses Erstaunen wandelte sich in Verzückung.

»Ist es möglich, den Menschen so zum besten zu haben,« schrie Miß Baker und schlug vor Verwunderung und Entrüstung die Hände über ihrem Haupte zusammen.

»Auf!« rief der Direktor. »Dieser Mann ist Goldes wert! Eine Glanznummer für die weltberühmte ›Troup Warrington!‹ In den Sattel, Gentlemen! Den müssen wir haben.«

Nun kam Leben in die Gesellschaft.

Wie der Wind liefen die Männer, der Direktor, die beiden Clowne, die Luftgymnastiker, der Magier, kurzum die »Spezialitäten« alle zu den Pferden, die zum Glück bereits gesattelt standen.

Einige Minuten später jagten sie hinter Young Ironfist her, der noch immer gemächlich dahintrabte. Als sie sich ihm aber etwa auf fünfhundert Meter genähert hatten, gewahrte er die Verfolger und ließ nun auch sein Tier entsprechend ausgreifen.

Der Direktor und Little Fred, der Clown, waren am besten beritten und beide gute Reiter.

Sie setzten alles ein, um an den Ausreißer heranzukommen, mußten aber bald einsehen, daß alle ihre Bemühungen vergeblich waren.

Gaben sie noch so sehr Druck, die Gäule zur äußersten Leistung anzuspornen, der Mann vorn hatte ein präriegerittenes Tier unter sich, das ihren Gäulen in jeder Hinsicht überlegen war und vortrefflich geführt wurde.

»So kommen wir ihm nicht bei,« rief der Direktor. »Der Mann reitet ein Vieh, das den Teufel im Leibe und Sprungfedern an den Hufen hat. Laßt uns versuchen, ob wir den Menschen nicht durch Zuwinken zum Stehen bringen können.«

James Warrington parierte seinen Gaul und zog ein weißes Taschentuch hervor, mit dem er dem verfolgten Reiter zuzuwinken begann. Bald stand die ganze Gesellschaft beieinander, jeder Mann einen weißen Wedel in der Hand.

Young Ironfist, der sich von Zeit zu Zeit umsah, hatte das alsbald ersehen, aber sich nur dazu bequemt, seinen Gaul Schritt gehen und verschnaufen zu lassen.

Als nach einiger Zeit aber auch die Riesendame auf einem schweren Gaul dahergetrabt kam und ebenfalls mit einem Tuche zu wedeln begann, blieb er halten.

Alsbald kam Miß Baker vollends herbeigeritten und fragte keuchend und hüstelnd vor Anstrengung: »Mann, Ihr macht den Nebenmenschen das Leben recht sauer; Ihr seid recht undankbar. Warum haltet Ihr Euer Tier nicht an, da Ihr Euch doch sagen müßt, daß man nichts Schlechtes gegen Euch im Sinne hat?«

»Young Ironfist können das nicht wissen. Er sich sagen, daß die Männer mit den großen Fahrzeugen sehr aufgebracht sind über den ihnen gespielten Schabernack.«

»Im Gegenteil. Ihr habt Künstler vor Euch, denen die Dressur von Pferden Beruf ist. Sie sind erstaunt über eine solche Attraktion und wünschen zu wissen, wie Ihr diese vortreffliche Leistung fertig gebracht habt.«

»Sprechen die dicke Miß aber auch die Wahrheit?«

»Wie könnt Ihr daran zweifeln? Seht doch zurück, ob die Männer dort eine feindselige Haltung einnehmen? Sie sind in der Eile und der Absicht, Eurer habhaft zu werden, sogar ohne Waffen von ihren Wagen weggeritten, während Ihr, wie ich sehe, mit einer Flinte ausgerüstet seid. Und habe ich Euch nicht geatzt wie ein kleines Kind? Habe ich mich des Hungernden und Dürstenden nicht in der mütterlichsten Weise angenommen? Ist das schön und galant, ohne ein Wort des Dankes davonzureiten?«

»O, die dicke große Miß seien sehr gut zu dem fremden Mann gewesen, und das Wegreiten gehören eben zu dem Schabernack. Die große Miß und die Männer mußten sehen, daß der weiße Mustang nicht krank ist. Sie mußten sehen, daß er sich auf den Wunsch seines Herrn niederlegt, auf seinen Pfiff wieder erhebt und wie ein Pfeil davonschießt.«

»Das habt Ihr vortrefflich gemacht, so sehr, daß James Warrington, der Direktor der ›Troup Warrington‹, den heißen Wunsch hegt, Euch für Eure Attraktion Dank zu sagen und Euch näher kennen zu lernen. Ich hoffe, Ihr werdet Euch nunmehr willig erzeigen.«

Young Ironfist kam diese Aufforderung sichtlich nicht ganz gelegen, dennoch schwenkte er nach einigem Besinnen seinen Schimmel herum und trabte an der Seite seiner mütterlichen Freundin zu dem Direktor.

»Mann, Ihr habt uns eine meisterliche Probe der Pferdedressur kennen lernen lassen«, rief ihm dieser schon von weitem zu – »eine Attraktion, wie wir Künstler es nennen, die unsere höchste Bewunderung herausfordern mußte. Wir sind Euch nachgeritten. Euch unsere Anerkennung zu bezeigen.«

»Young Ironfist sehr überrascht sein, daß dieser Schabernack so vieles Aufsehen erregen und Anerkennung finden. Er seinen Mustang das nur lernen, um, wenn Hunger haben, ein Stück Brot zu verdienen.«

»Wieso das? Ich erlaube mir zu bitten, eine nähere Aufklärung zu geben.«

Young Ironfist zögerte etwas, sagte dann aber schließlich: »Young Ironfist nun schon sehr viele Monate in der Prärie herumreiten. Er anfangs keine Flinte und keinen Mustang besitzen; er auf seinen Mokassinen die Steppe durchschreiten und von Wurzeln und süßen Beeren leben.«

»Dann seid Ihr also kein gewerbsmäßiger Jäger, wie ich glaubte in Euch vermuten zu sollen?«

»Young Ironfist ist allerdings ein Jäger und Wildsteller, er aber einige sehr heftige Schicksalsschläge erleiden und plötzlich ohne Mittel in der Welt dastehen. Er also sehr kümmerlich sein Leben fristen, bis eines Tages auf der Prärie diesen Mustang entdecken. Er ihn sofort einfangen; er seinen Wunsch, ein Reittier zu besitzen, nun erfüllt sehen.«

»Das war ein hartes Stück Arbeit, ein wildes Pferd, von der Prärie weg, sich gefügig zu machen!«

»O, das sehr leicht. Young Ironfist das wildeste Pferd in wenigen Minuten bezwingen.«

»Dann, wahrlich, müßt Ihr ein Meister in der Reitkunst und Dressur sein. Ich bilde mir ein, ebenfalls nicht wenig von dieser Sache zu verstehen, habe aber Mustangs kennen gelernt, die von den verwegensten Cowboys, die vortreffliche und erfahrene Zureiter waren, nicht bezwungen wurden.«

»Das zugeben. Ein wilder Mustang auf seinem Rücken einen Reiter nicht dulden. Das wilde Pferd steigen auf die Hinterbeine, es sich krümmen wie eine Katze, es schnauben und pusten, es den Kopf zwischen die Vorderbeine stecken und um sich schlagen. Der wilde Mustang alles versuchen, seinen Reiter abzuwerfen. Ihm das beim weißen Manne auch in der Regel gelingen.«

»Ihr sprecht vom weißen Manne in einem Tone, als ob Ihr selbst dieser Rasse nicht angehören würdet.«

»O, Young Ironfist dieser Rasse ebenfalls angehören; er aber, wenn einen Mustang bezwungen, das Mittel des roten Mannes anwenden.«

»Ei, das ist interessant! Darf man wissen, wie Ihr dabei zu Werke geht?«

»O, das sehr einfach. Young Ironfist schnell und geschickt das Pferd erfassen und mit der Hand seine Augen bedecken, dann ihm einige starke Atemzüge in die Nase blasen. Aber das Tier damit nicht erschrecken, sondern die Luft nur ganz langsam hineinhauchen. Das den wildesten Mustang zu einem sehr zahmen und willigen Tier verwandeln. Der rote Mann auf diese Art selbst den wildesten Büffel bändigen.«

»O, vortrefflich! Das soll in Losantiville sogleich erprobt werden+… wenn es sich bestätigt+… wirklich exzellent! Mann, Ihr seid unbezahlbar! Ich hoffe, auch dieses soll der ›Troup Warrington‹ zu einer nagelneuen, sehr wertvollen Glanznummer verhelfen. Und wie erging es Euch, als Ihr endlich einen Mustang im Besitze hattet?«

»Young Ironfist nun wie im Fluge von der Stelle kommen. Er bald hierhin, bald dorthin die Prärien durchreiten. Er mit dem Tier innige Freundschaft schließen, ihm viele Kunststücke lehren und der Mustang immer williger werden, sich mit jedem Tag mehr gelehrig zeigen. Dann bald, wenn an eine Farm oder an eine Ansiedlung kommen, das Kunststück mit dem ermüdeten und sterbenden Pferde ausführen und damit immer viel Mitleid erwecken; Brot und Fleisch, auch eine Flinte und sehr oft Pulver und Blei empfangen. Young Ironfist zwar oftmals sich sagen, daß er mit dem Kunststück ein Unrecht begehen und die Menschen betrügen. Aber sie darüber immer sehr viele Freude empfinden; sie Young Ironfist oftmals nacheilen und auffordern, das Kunststück noch einmal zu machen; sie ihm sehr oft sagen, sie würden ihm dann gern die doppelte Gabe überreichen.«

»O, da bin ich anderer Ansicht als Ihr. Die Kunst geht nach Brot. Einen Mustang in dieser vollendeten Weise zu dressieren, ist in der Tat eine Kunst. Ich kann nicht einsehen, warum die Leute nicht etwas dafür geben sollen. Ihr habt damit keineswegs ein Unrecht begangen, zumal Euch, wenn ich recht verstehe, nur die Not getrieben hat, von der Täuschung Gebrauch zu machen.«

»Young Ironfist das sehr beruhigen. Er nur Gebrauch davon machen, wenn er seinen Hunger nicht anders befriedigen können. Er viel zu stolz sein, mit dem Hut in der Hand vor eine Tür zu treten und wie ein Bettelmann um eine Gabe zu bitten.«

Man war mittlerweile bei den Wagen angelangt. Die Unterhaltung kam jetzt ins Stocken.

Geschäftige Hände hatten die Fahrzeuge unterdessen bespannt und reisefertig gemacht.

Auf ein Zeichen des Direktors huben die Fuhrleute an, mit den Peitschen zu knallen, der Zug setzte sich in Bewegung.

Man wollte heute mindestens noch bis an die Fähre gelangen, um, wenn es möglich war, noch vor Eintritt der Dunkelheit, sonst aber am anderen Morgen mit dem frühesten über den Fluß zu setzen.

Als der Direktor sich überzeugt hatte, daß im Wagenzuge alles in bester Ordnung ging, bat er den jungen Fremden an seine Seite und stellte so viele Fragen, daß er binnen kurzer Zeit ganz genau wußte, wen er vor sich hatte. Als er im Verlaufe dieser Unterhaltung erfuhr, daß Young Ironfist unter den Pe-ta-ha-vah-da-Indianern aufgewachsen und mit der Waffenführung und den Reitkünsten der Rothäute aufs innigste vertraut sei, geriet er in förmliche Verzückung.

»Mann,« rief er in höchster Begeisterung aus, »ich muß sagen, daß ein guter Stern uns zusammengeführt hat. Ihr – Ihr wollt, wenn ich recht verstanden habe, Geld verdienen, um Euch unter Euren weißen Brüdern mit der Zeit eine unabhängige und angesehene Stellung zu erringen; ich, James Warrington, bedarf eines Menschen, wie Ihr es seid, um meiner Truppe wieder zu einigen neuen Glanznummern zu verhelfen. Mann, ich sage Euch, unsere beiderseitigen Interessen berühren sich auf das innigste! Wir müssen uns zusammentun, miteinander ein Geschäft zu machen!«

»Young Ironfist seien ganz damit einverstanden. Er sich nur nicht können vorstellen, welcher Art dieses Geschäft werden soll.«

»Laßt das meine Sorge sein! Für jetzt nur so viel: Ihr werdet als eine erste Spezialität in meine Truppe eintreten und Eure Tätigkeit sofort, schon in Losantiville beginnen. Ich werde das Meine tun, Euern Ruf als Künstler zu begründen. Ihr sollt es erleben, Ihr werdet mit einem Schlage zu Ansehen und Ruhm emporsteigen! Das Gold wird uns scheffelweise zufließen, und, Mann, ich verspreche es Euch, ich werde Euch nicht zu knapp halten!«

»Young Ironfist sich nur freuen, wenn sich dieses bewahrheiten. Er dann sehen seine Wünsche in Erfüllung gehen. Aber er möchte doch wissen, wenn vieles Geld erhalten, welche Pflichten er dafür zu übernehmen hat.«

»Das kommt ganz auf Euer Können an. Glaubt mir, daß ich keineswegs zu viel, aber zu Eurem eigenen Besten das Möglichste von Euch fordern werde. Laßt uns nur erst in der Stadt angelangt sein, dann werden wir proben – proben – versuchen, und was an Geschicklichkeit bei Euch zu Tage tritt, das soll uns dann dazu dienen, ein glänzendes Programm zu entwerfen. Aber eines sage ich Euch, eines muß ich zur Bedingung machen: Ihr erhaltet einen eigenen Wagen, in dem Ihr wohnen werdet, unmittelbar neben dem meinen angewiesen. Ihr werdet Euch in diesem Wagen einquartieren, schon ehe wir über das Wasser gehen und denselben nicht verlassen, ehe nicht die Metamorphose, die ich mit Eurem äußeren Menschen vorzunehmen gedenke, vollzogen ist. Ich hoffe, Ihr werdet mit mir zufrieden sein.«

Ihr wollt, wenn ich recht verstanden habe, Geld verdienen.

Young Ironfist hatte den Zusicherungen des Direktors mit steigendem Erstaunen zugehört und Gefallen daran gefunden. Er hatte das Gefühl, daß dieser Mensch ein Mann der Tat war und keine leeren Worte sprach. Zudem fühlte er sich aufs angenehmste berührt, endlich auf einen weißen Bruder gestoßen zu sein, der offensichtlich an seinem Geschicke großen Anteil nahm und ihm obendrein goldene Berge versprach. Anderseits war ihm aber doch wieder nicht recht wohl bei dieser Sache, er wußte sich immer noch nicht vorzustellen, worin die schätzenswerten Eigenschaften bestanden, die der Mann ihm anrühmte und wie er diese zu Gunsten des Übereinkommens, das der Mann offensichtlich sehr dringend herbeiwünschte, nützen sollte. Wie eine Sturzwelle war die ganze Sache über ihn daher gebraust; ihm war ganz schwindelig und wirr im Kopfe.


 << zurück weiter >>