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Die Vergeltung und der Fremdling

Beutelratte hatte, als er die Erlaubnis zur Auskundschaftung des Omahadorfes seitens des Schwarzen Vogels erhielt, seinen Plan längst fertig.

Unter Zurücklassung der Flinte, nur mit dem Kriegsbeil und dem langen Jagdmesser bewaffnet, schlich er sich auf die kurz zuvor überquerte Hochebene zurück, ging auf der Höhe fast eine Stunde weit stromauf und kroch dort an den Fluß hinab.

An seinem Ufer fand er in Hülle und Fülle, was ihm zur Ausführung seines Planes notwendig erschien.

Alsbald hatte er einen schon zu Wasser liegenden Baumstamm flott gemacht, Reisig gesammelt und beides mittels frischer Schlingpflanzen untereinander verbunden. Das so zusammengestellte Treibholz sollte den Anschein erwecken, als hätte es sich irgendwo mit seiner Belastung zufällig vom Ufer losgerissen.

Dann begann der junge Krieger seinen Kopf mit einigen breitblätterigen Wasserpflanzen zu umflechten, so zwar, daß nur seine beiden Augen frei blieben und legte noch mehrere Zweige, Reisig und grüne Blätter zurecht, um sich damit vollends einzudecken.

Der Baumstamm war bald zu Wasser gebracht und in die Mitte der Strömung gerudert. Dann stieg Beutelratte selbst in den Fluß und schob den schon vorbereiteten Kopfschutz sorgsam über sich her.

Der Baumstamm mit seinem nachschleppenden Kleinholz sollte dazu dienen, die etwa rege werdende Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich zu ziehen, während sie dem nachtreibenden, nur ganz unbedeutenden Buschen, der aussah, als ob er sich von dem vorausschwimmenden Treibholz losgelöst hätte, kaum Beachtung schenken würden.

So schwamm er, mit Händen und Füßen immer nur wassertretend, vorsichtig flußab, sah mit Genugtuung mehr und mehr sein Vorhaben gelingen, fühlte sich zu seiner Freude auch nach der Landung unbeachtet und stieg voll frischen Wagemuts ans Ufer.

Dort, erheblich höher gelegen, aber in nur kurzer Entfernung, hatte er schon vom Flusse aus mehrere Hütten wahrgenommen, deren Vorhänge zu seiner angenehmen Überraschung niedergelassen waren. Das konnte zu dieser Tageszeit nichts anderes bedeuten, als daß deren Inhaber zur Zeit im Dorfe nicht anwesend oder daß die Zelte durch das letzte Kriegsereignis überhaupt herrenlos geworden waren. Jedenfalls aber war die Gelegenheit günstig, und er beschloß, so schnell als möglich in einer solchen Hütte zu verschwinden.

Dank dem Vorgange auf der anderen Seite der Insel, der noch immer die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner rege hielt, hatte er die nächstgelegene Hütte in der Tat unbemerkt betreten können.

Die Feuerstelle des Wigwams war kalt; auch andere Anzeichen deuteten darauf hin, daß das Zelt schon längere Zeit nicht mehr benutzt worden war.

An den Pfählen hingen verschiedene Jagd- und Angelgeräte, Bogen und Köcher, eine Schlafdecke und ein Kopffederschmuck. Den letzteren befestigte Beutelratte auf seinem Haupte, die Decke schlug er um die Schulter. Dann suchte er nach einer Öffnung in der Zeltumkleidung, fand auf der Rückseite alsbald einen klaffenden Riß und verlegte sich hier auf die Beobachtung.

Zu seiner nicht geringen Überraschung gewahrte er unter dem Eingang eines benachbarten Wigwams, den er bislang nicht hatte wahrnehmen können, eine fremdartige Erscheinung sitzen, einen Mann, wie er einen solchen bisher noch nie gesehen hatte. Dessen Angesicht war auffallend hell, der untere Teil von einem struppigen blonden Vollbart umschattet. Sein Oberkörper war bedeckt von einem wahrscheinlich höchst eigenhändig zugeschnittenen, verwetterten Lederwams; die Beine steckten in Pantalons und kniehohen Lederstrümpfen; auf dem Kopfe trug dieser Mensch einen breitkrempigen Filzhut, auf dem eine lange, krumm geschwungene Vogelfeder mit jeder Bewegung des Inhabers mit der Spitze hin und her wippte.

Höchlich verblüfft starrte Beutelratte den Mann an und sein Erstaunen wuchs, als er den Blick dieses Menschen unablässig und fest auf sich gerichtet glaubte, als vermöge dieser Mann mit seinen wasserhellen Augen durch die winzig schmale Spalte der Büffelhaut zu blicken.

Offenbar hatte der Fremde ihn in den Wigwam treten sehen, hatte in ihm wahrscheinlich ebenfalls den Fremdling erkannt und wartete nun der Dinge, die da kommen sollten.

Plötzlich ließen sich leichte Schritte vernehmen.

Der Mann mit der hellen Gesichtshaut drüben hob mit ersichtlicher Anstrengung beide Hände zumal zum Munde und legte die Fingerspitzen der einen Hand an die bärtigen Lippen.

Beutelratte hatte begriffen. Der Fremde schien es zu fühlen oder in der Tat dessen sicher zu sein, daß er beobachtet wurde, er gab ihm, dem Pe-ta-ha-vah-da-Krieger, ein Zeichen. Wahrscheinlich nahte ein Omaha; er, Beutelratte, sollte schweigen, sich ruhig verhalten. Jetzt erst bemerkte er, daß die Hände und Füße des bleichen Mannes gefesselt waren; jetzt erst wurde er sich völlig klar darüber, daß er wahrscheinlich ein Bleichgesicht vor sich habe, das den Omaha irgendwo in den Weg geraten, und, wie es schien, gefangen gehalten wurde.

Im nächsten Augenblicke tauchte richtig ein Omahakrieger vor der Nachbarhütte auf, warf einen forschenden Blick auf den Gefangenen, lief einige Male vor ihm auf und ab und blieb dann mit gekreuzten Armen vor ihm stehen. Der gefesselte Mann sah gleichgültig vor sich nieder und verriet mit keinem Blick die kurz zuvor gemachte Wahrnehmung. Blitzschnell hatte sich Beutelratte unterdessen alle Umstände überlegt und sich gefragt, ob er das Einverständnis, das der bleiche Mann ihm offenbar erzeigt hatte, sich nicht zu nutze machen sollte. Vielleicht war von ihm ohne alle Mühe alles das zu erfahren, wozu er, Beutelratte, ausgezogen war. Er beschloß, sich zunächst abwartend zu verhalten, um, wenn die Möglichkeit sich ergab, sich dem Manne zu nähern.

Unterdessen war die Sonne zur Rüste gegangen. Schon legten sich die ersten Schatten über das Tal, und allmählich dunkelte es auch oben auf den Höhen über den Wäldern.

Beutelratte hörte jetzt die beiden nebenan sprechen und vernahm zu seiner Freude, daß der bleiche Mann sich mit dem Omaha ganz gut zu verständigen vermochte.

Aber sie wechselten nur wenige unbedeutsame Worte, die schließlich in der Bitte des Gefangenen gipfelten, nunmehr auf seine Lagerstätte geführt zu werden.

Der Omaha half dem geknebelten Mann von der Erde auf, machte sich geraume Weile an seinen Fesseln zu schaffen und führte ihn dann in die Hütte.

Kurze Zeit darauf erschien der Krieger wieder und legte sich quer vor den Eingang platt auf den Boden. Jetzt schien für den jungen Pe-ta-ha-vah-da die Zeit des Handelns gekommen.

Geräuschlos schob er das Büffelfell, mit dem der Hütteneingang verhangen war, beiseite und trat ins Freie.

Da die ganze Gruppe dieser Behausungen ihre Eingänge dem Sonnenuntergang zugekehrt hatten, konnte er von dem Wächter des Gefangenen nicht gesehen werden; noch war er durch die Hütte vollständig gedeckt.

Beutelratte ließ sich dann auf alle viere nieder, schlich sich so mit katzenartiger Gewandtheit mehrere Schritte weit gerade aus und verschwand hinter den Büffelhäuten der nächsten Hütte. Dies wiederholte er mehrere Male, schwenkte dann um die letzte Hütte herum, trat festen Fußes auf und schlenderte gemächlich nach dem Zelt des Gefangenen.

Wohl erhob der davor liegende Wächter einen Augenblick den Kopf, legte sich aber angesichts der heranschreitenden Gestalt sogleich wieder nieder. Wer sollte auch jetzt im Dunkel der Nacht in dem Daherwandelnden eine fremde Rothaut erkennen!

Noch einige Schritte, dann befand sich Beutelratte an der Seite des Wächters. Noch einmal hob dieser ein wenig den Kopf, doch da saß der andere ihm schon auf der Brust; dann das Aufblitzen eines Messers, ein kurzes dumpfes Stöhnen des Omaha unter der Schlafdecke, die der Pe-ta-ha-vah-da ihm blitzschnell über den Kopf geworfen hatte, und der Weg zu dem Gefangenen war frei.

Lauschend verharrte Beutelratte eine kurze Weile und überzeugte sich dann umständlich, daß er den Omaha in der Tat unschädlich gemacht habe. Im Erheben erfaßte er den regungslos daliegenden Körper und trug ihn in die Hütte.

»Alle Hagel! Das war ein sehr abgekürztes Verfahren,« flüsterte der Gefangene.

Beutelratte hatte statt jeder Antwort sich schnell zu dem Bleichgesicht niedergebeugt und die Hand auf dessen Mund gelegt.

»Jetzt nicht unnötige Worte reden. Das Bleichgesicht soll nur beantworten, was es gefragt wird.«

»Nun, wenn das sein muß, dann zu,« entgegnete leise, doch fast unwillig, der Fremde.

»Weiß der weiße Mann, wie viele Krieger im Dorfe der Omaha anwesend sind?«

»Das ist mir allerdings nicht bekannt. Aber ich vermute, kaum mehr als zwei Dutzend; außerdem aber noch Greise, Verwundete und Invalide.«

»Wie viele Männer werden das sein?«

»Im ganzen etwa ein halbes Hundert!«

»Wo befinden sich die übrigen Krieger der Omaha?«

»Sie sind hinein in die Berge; ich vermute nach dem Tale der Mustangs.«

»Kennt das Bleichgesicht dieses Tal?«

»Schockschwerenot, was habt Ihr für eine Art mich auszufragen, mit mir zu reden? – Ich habe doch alle Ursache zu vermuten, daß Ihr gekommen seid, mich aus den Händen dieser schurkischen Rothäute zu befreien? Wozu diese Fragen?«

»Jetzt nicht unnötige Worte sprechen, jetzt nur antworten auf das, was das Bleichgesicht gefragt wird,« entgegnete Beutelratte, und daß er es ernst mit seiner Forderung meinte, verriet der energische, drohende Ton, mit dem er das sagte.

Der Weiße knurrte einige unmutige Worte in seinen Bart, die aber unverständlich blieben.

»Weiß das Bleichgesicht, was die Krieger der Omaha in jenem Tal vorhaben?« fragte Beutelratte wieder.

»Wie soll ich das wissen? Ich liege schon seit mehr als einer Woche hier festgebunden. Ich vermute indessen, daß die Büffel sich gezeigt haben.«

»Woher hat das fremde, gefangene Bleichgesicht diese Vermutung?«

»Was? Fremdes Bleichgesicht? Alle Hagel noch mal, was treibt Ihr für einen Mummenschanz?«

»Der weiße Mann führt gar seltsame Worte im Munde. Er soll jetzt nichts anderes tun, als die Fragen beantworten, die ihm vorgelegt werden. Woher hat das fremde Bleichgesicht jene Vermutung?«

Offenbar gequält und der Zwangslage folgend, antwortete der Weiße: »Die Omaha feierten erst vor wenigen Tagen ein Freudenfest, bei welchem viel von Büffeln und Mustangs die Rede war. Ich vermute, sie sehen jetzt nach ihren Pferden und entsenden von jenem Tale aus ihre besten Jäger nach den nahegelegenen Prärien.«

»Kennt das Bleichgesicht das Tal der Mustangs?«

»Natürlich kenne ich es. Hatte ich doch das sehr zweifelhafte Vergnügen, daß mich die Omahas trotz verzweifelter Gegenwehr in jenem Tal dingfest gemacht haben.«

»Das Bleichgesicht weiß also den Weg nach jenem Tal zu finden?«

»Sehr wohl wüßte ich das. Es ist in kaum einer Stunde zu erreichen.«

»Es würde auch bei Nacht den Weg dahin finden?«

»Das käme darauf an, aber ich zweifle nicht, daß es mir gelingen würde.«

»Weiß der weiße Mann, wo die Omaha hier an der Insel ihre Kanu liegen haben?«

»Das ist mir nicht bekannt. Die aufzufinden wird aber keine allzugroßen Schwierigkeiten bieten.«

»Es ist gut. Kann der weiße Mann schweigen? Weiß er sich ungesehen aus dem Dorfe zu schleichen?«

»Natürlich kann ich schweigen und schleichen kann ich, wenn es sein muß, besser als ein Fuchs.«

»Dann mag das Bleichgesicht von jetzt an seine Zunge doppelt hüten und mir folgen.«

Beutelratte tastete nach den Fußfesseln des Fremden und löste diese mit schnellem Schnitt.

Der Mann erhob sich und reckte und dehnte seine Glieder.

Er hatte erwartet, daß sein Befreier nun auch die Handfesseln abnehmen würde, der aber stand bereits unter dem Eingang der Hütte und spähte vorsichtig ins Freie.

Die Luft schien rein zu sein, denn Beutelratte bedeutete dem Weißen durch den Druck der Hand, ihm nun zu folgen.

Lautlos schlichen die beiden um einige Hütten herum und hinab zum Flußufer.

Dort gebot die junge Rothaut dem Manne, sich platt auf die Erde zu legen und seiner Wiederkehr zu harren; sollte es nötig werden, wäre es das beste, das Bleichgesicht würde sich bis zum Halse in das Wasser gleiten lassen, worauf Beutelratte, ohne eine weitere Einwendung abzuwarten, im Dunkel der Nacht verschwand.

Getreulich befolgte der Weiße das Gebot und lag am Uferrand still und regungslos wie ein Stück Holz.

Nichtsdestoweniger spähte er mit gespanntester Aufmerksamkeit um sich. Er konnte indessen nichts Verdächtiges entdecken, nur von fernher drangen ab und zu verworrene unklare Laute, das Kreischen einzelner Squaws, wahrscheinlich bemüht, die ungebärdige Jugend auf ihre Schlafstätten zu verweisen.

Schon war eine halbe Stunde vergangen. Sie dünkte dem regungslos Daliegenden eine Ewigkeit.

Endlich verstummte auf einmal das bisher ununterbrochene, abendlich plätschernde Spiel der jagenden Fische draußen im Flusse, dann auch ganz in der Nähe, entlang dem Ufer.

Ein schmaler dunkler Streifen schwebte auf dem Wasser daher, der Bug eines Kanu.

Wenige Augenblicke später befand sich der Weiße in dem Boot und nun ging die Fahrt quer über den Fluß.

Als die beiden am jenseitigen Ufer ausstiegen, zog Beutelratte vor allem das Kanu ins Ufergebüsch und band es dort fest. Dann kroch er wieder heran zu dem Gefährten und löste diesem die Handfesseln.

»Nun sagt mir, warum Ihr mir jetzt erst diese Wohltat angedeihen lasset,« flüsterte der Weiße.

»Es war das Gebot der Vorsicht. Das Blaßgesicht konnte die Wünsche des roten Kriegers unbefolgt lassen, in den Fluß steigen und davonschwimmen.«

Wenige Augenblicke später befand sich der Weiße im Boot.

»An sich läßt sich dagegen nichts sagen. Aber die Sache ist doch einigermaßen unverständlich, wenn ich annehme, daß Ihr mir freundlich gesinnt seid. Wer seid Ihr? Wem danke ich meine Befreiung?«

»Der Ort und die Zeit sind schlecht gewählt, um hier stehen zu bleiben und wie zwei alte Weiber zu klatschen. Das Bleichgesicht wird den Namen des roten Kriegers noch erfahren.«

»Hört doch gefälligst auf mit Euren Mätzchen!« entgegnete fast ärgerlich der Weiße. »Mein Auge ist scharf, es betrügt mich nicht. Ich habe vom ersten Augenblick an Euren Mummenschanz durchschaut, der Euch nur dazu dienen sollte, das Dorf zu beschleichen. Ihr seid so gut wie ich ein Weißer!«

Beutelratte war von diesem unverhofften Vorhalte offenbar so verblüfft, daß ihm die Sprache für den Augenblick versagte. Er starrte die dunkle Silhouette des Mannes geraume Weile an, erfaßte ihn dann aber mit festem Griff am Arm und zog ihn mit sich.

»Das Bleichgesicht soll schweigen und wird, wenn ihm sein Leben lieb ist, unhörbar durch den Wald schreiten.«

Beutelratte ließ in dem dichter werdenden Uferholz den Mann zwar alsbald wieder los, hielt ihm aber mit nicht mißzuverstehender Gebärde das blanke Jagdmesser dicht unter die Nase.

Der Weiße folgte willig, und wortlos traten sie in den Wald ein.

Aber sie kamen nicht weit.

Auf allen Seiten tauchten dunkle Gestalten auf, die flink und gewandt herangeschlichen kamen.

»Wo ist der Schwarze Vogel?« fragte Beutelratte.

»Er befindet sich nicht mehr auf dem Hügel, er ist zum Ufer des Flusses niedergestiegen. Beutelratte mag kommen, die Krieger werden ihn führen.«

Es ging eine kurze Strecke am Fuß des Hügels stromauf, dann stand man vor dem Häuptling.

»Beutelratte hatte seine Sache vortrefflich gemacht. Er ist ebenso klug als kühn zu Werke gegangen; wir haben ihn bis zum Eintritt der Dunkelheit beobachtet. Er wird dereinst noch ein berühmter Krieger und der Stolz der Pe-ta-ha-vah-da werden.«

Beutelratte nahm das Lob des Schwarzen Vogels freudig hin und berichtete dann, wie es ihm noch später im Dorfe der Omaha ergangen war. Er führte dem Häuptling den Gefangenen vor und nun begann mit demselben ein noch schärferes Verhör, als Beutelratte es schon mit ihm angestellt hatte.

»Das Bleichgesicht mag sich besinnen, ob es in allen Teilen die Wahrheit gesagt hat,« mahnte, als die Fragestellung erschöpft war, der Schwarze Vogel. »Die Dankbarkeit der Pe-ta-ha-vah-da wird in diesem Falle nicht ausbleiben. Aber sein Leben ist verwirkt, wenn es sich beifallen lassen sollte, unsere Krieger irre zu führen.«

»Ich wüßte nicht, welches Interesse ich daran haben sollte. Ich bin froh, der Gefangenschaft der Omaha entronnen zu sein. Aber es kann natürlich nicht in meinem Wunsche liegen, diese Gefangenschaft mit derjenigen der Pe-ta-ha-vah-da zu vertauschen.«

»Das Bleichgesicht mag die Pe-ta-ha-vah-da-Krieger nach dem Tale der Mustangs führen, das übrige wird sich finden; es wird damit zufrieden sein. Der Schwarze Vogel glaubt zwar, jenes Tal genau zu kennen, er würde eines Führers entbehren können; aber es ist besser, wenn das Auge des weißen Mannes den Weg suchen hilft.«

Und dabei blieb es.

Der Schwarze Vogel teilte dann seine Streitmacht in zwei Haufen, so zwar, daß er stark zwei Drittel der Krieger an sich zog und mit diesen ungesäumt nach dem Tale aufbrach, während etwa hundert Mann unter dem Befehle Starkhands zurückblieben.

Dieser letztere erhielt von dem Schwarzen Vogel den Auftrag, das Dorf noch vor Tagesanbruch zu überfallen und den Pferdedieben eine möglichst empfindliche Strafe zu erteilen. Mittlerweile würde der Schwarze Vogel Nachricht senden und dann sollte Starkhand unter Umständen ebenfalls nach dem Tale der Mustangs aufbrechen.


Nach dem Abmarsch des Schwarzen Vogels und seiner Krieger entwickelte sich unter den zurückgebliebenen Pe-ta-ha-vah-da alsbald eine stille Rührigkeit.

Die Beobachtungsposten längs des Flusses wurden verstärkt und deren Ablösung so in Aussicht genommen, daß je die Hälfte der Krieger abwechslungsweise durch einige Stunden der Ruhe für den bevorstehenden Kampf sich stärken konnten.

Der Himmel war ziemlich stark bewölkt, die Nacht ausnehmend dunkel, der Aufgang des Mondes jedenfalls erst in der zweiten Nachthälfte zu erwarten.

Dieser Umstand veranlaßte Beutelratte zu dem Anerbieten, den Omaha vorher noch sämtliche Kanots wegzuholen.

Da Beutelratte mit der Örtlichkeit bereits vertraut war und das Übersetzen des Flusses in den Booten auf die leichteste und bequemste Art bewerkstelligt werden konnte, erklärte Starkhand sich damit einverstanden.

Der junge unternehmende Krieger verschwand im Dunkel der Nacht und schon nach verhältnismäßig sehr kurzer Zeit lagen am Flußufer zehn verschieden große Kanots. Beutelratte hatte auch dieses Wagestück mit aller Vorsicht und Geschicklichkeit auszuführen gewußt.

Starkhand ließ sodann die Nacht bis ins letzte Viertel untätig verstreichen.

Das Dorf drüben auf der Flußinsel lag während dieser ganzen Zeit in vollkommener Ruhe.

Endlich, gegen Tagesanbruch regte sich's im Walde. Von allen Seiten huschten dunkle hohe Gestalten zu der Stelle, wo die Kanots lagen.

Die Männer stiegen nacheinander in die Boote, die dann geräuschlos hinausglitten in das Wasser, die einen dem oberen, die anderen dem unteren Teil der Insel zu, denn Starkhand gedachte das Dorf von zwei Seiten zugleich anzugreifen.

Schon war der größte Teil der Krieger übergeführt, bereits gab man sich der Hoffnung hin, das unbemerkte Übersetzen der ganzen Streitmacht würde gelingen, als drüben im Dorfe das wütende Gebell eines Hundes sich erhob, in welches schnell nacheinander mehrere andere Kläffer einfielen.

Sofort wurde es lebendig drüben zwischen den Hütten. Menschliche Rufe wurden laut. Da und dort wurde eine Kienfackel entzündet. Sämtliche Hunde des Dorfes fuhren fort, ein wütendes Gebell zu vollführen.

Starkhand war bislang am diesseitigen Ufer geblieben, die Überfahrt zu überwachen und von einem etwas erhöhten Standpunkt aus die ganze Situation, soweit es im Dunkel der Nacht möglich war, im Auge zu behalten.

Er hatte seinen Kriegern den Befehl erteilt, sich unter allen Umständen bis zum ersten Tagesgrauen ruhig zu verhalten; erst nach seinem Eintreffen auf der Insel und auf seinen besonderen Befehl sollte der Angriff erfolgen.

Die Krieger handelten auch demgemäß. Von den Pe-ta-havah – da war oberhalb und unterhalb der Hütten nichts zu bemerken. Auch das Hundegebell schien allmählich etwas nachzulassen, zog sich aber unverkennbar nach der Windseite, dem oberen Teil der Insel zu.

Nach einiger Zeit erhob sich indessen das Gebell mit erneuter Heftigkeit; gellende menschliche Rufe ertönten; gleich hinterher fielen einzelne Schüsse.

Nun stieg Starkhand ins Boot und mit ihm setzten die letzten Krieger in gerader Richtung über den Fluß. Sie landeten dort, wo Beutelratte die Insel mit dem Gefangenen verlassen hatte, also unmittelbar seitlich des Dorfes.

In den Dorfgassen war mittlerweile bereits alles in vollem Aufruhr; deutlich vernahm man den Tritt der Männer, die nach dem oberen Teil der Insel liefen.

Nun war der schöne Plan zu nichte. Starkhand blieb nichts anderes übrig, als in den Kampf, der nun unmittelbar bevorstand, so rasch wie möglich einzugreifen.

Sofort setzte er den Omaha nach und war zur Stelle, als die letzteren noch zauderten, den vor ihnen stehenden Feind anzugreifen.

Mit dem gellenden Kriegsrufe der Pe-ta-ha-vah-da stürmte der Häuptling auf die Omaha ein und so klein das Häuflein Krieger, das ihm auf dem Fuße folgte, auch war, es brachte die Omaha, die sich unversehens im Rücken angegriffen sahen, in nicht geringe Verwirrung. Dies war aber auch für die zuvor schon im oberen Teil der Insel gelandeten Pe-ta-ha-vah-da das Signal zum Angriff.

Da diese mit Rücksicht auf ihre bereits kämpfenden Kameraden von der Schußwaffe keinen Gebrauch machen konnten, warfen sie ihre Flinten weg und stürzten sich mit dem Kriegsbeil auf den Feind.

Ein wildes Gemetzel entstand, ein gewaltiges Ringen, das aber entschieden war, als bald darauf auch die Pe-ta-ha-vah-da von dem unteren Teil der Insel auf dem Kampfplatze eintrafen, die ihren Lauf geradenwegs durch das Dorf genommen hatten, dort unter den Squaws und Kindern einen heillosen Schrecken verbreitend. Was von den Pe-ta-ha-vah-da, die jetzt bedeutend in der Übermacht waren, nicht vollends niedergemacht wurde, lief dem Flusse zu, in der Absicht, zu entfliehen. Auch die Hunde lagen größtenteils erschlagen oder folgten ihren Herren in das Wasser.

Mittlerweile war es ziemlich licht geworden, der Tag begann zu grauen.

Dem Auge bot sich jetzt ein grausiger Anblick dar. Wohl an zwanzig Omaha lagen auf der Walstatt, aber auch eine nicht geringe Anzahl Pe-ta-ha-vah-da waren mehr oder weniger schwer verwundet.

Starkhand hatte soeben noch einen alten ergrauten Krieger niedergeschlagen, dessen Leben aber bisher geschont. »Die Omaha hat eine schreckliche, aber gerechte Strafe ereilt,« rief er zürnenden Blicks dem Greise zu. »Starkhand kann nur bedauern, daß so viele Krieger im Dunkel der Nacht entronnen sind, denn die Züchtigung ist eine noch viel zu milde. Die Omaha waren einst ein zahlreicher und mächtiger Stamm, die es an kriegerischer Macht den Dakota und Pawnee gleichtaten. Sie waren die Könige der Wälder und die Beherrscher der Prärie. Aber ihre einst geraden Wege sind schief und winklig, ihre einst hochangesehenen Krieger elende Diebe und räudige Hunde geworden. Mögen sie fortfahren, den Pe-ta-ha-vah-da die besten Mustangs wegzustehlen, dann wird es noch so weit kommen, daß der letzte Omaha unter den Kriegsbeilen der Pe-ta-hawah-da enden wird.«

Mit der Gebärde der Verachtung wendete sich Starkhand von der blutüberströmten alten Rothaut hinweg, rief seine Krieger um sich und wandte sich dem Dorfe zu.

Dort waren die Weiber und Kinder in voller Flucht.

Ein Teil derselben befand sich frei schwimmend im Flusse, ein anderer bediente sich kleiner kübelartiger Boote, aus Schräghölzern und Büffelhäuten zusammengefügt, in denen sie die ganz Kleinen flink über das Wasser ruderten.

Die Mehrzahl der Frauen und Kinder hatte das jenseitige Ufer aber schon erreicht, wo sie heulend und schreiend den nahen Wäldern zuliefen.

Eine Stunde später hatten die Pe-ta-ha-vah-da ihr Vernichtungswerk beendet.

Die Hütten waren nach Waffen durchsucht und geplündert, dann in hellauflodernde Brandfackeln verwandelt worden.


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