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Der erste Flug in eine neue Welt

Geraume Zeit zuvor, ehe die geschilderten Vorgänge in der entlegenen Wildnis der Coteau du Grand Bois sich ereigneten, ging die Kunde einer großartigen Erfindung durch die damalige kultivierte Welt, die in der Folge den Fernverkehr unter den Völkern von Grund auf umgestalten sollte.

Robert Fulton, ein unternehmender und erfinderischer amerikanischer Ingenieur, hatte längere Zeit in Europa geweilt, den Bau eines durch Dampf getriebenen Schiffes unternommen, das noch mancherlei Mängel aufwies und daher nicht das Interesse fand, das er erwartet hatte. In sein Heimatland zurückgekehrt, gelang es ihm, dort das erste wirklich brauchbare Dampfboot zu erbauen, wobei er freilich die Arbeiten einiger Vorgänger auf diesem Erfindungsgebiete sich zu nutze machte.

Dieses Schiff, das den Namen »Clermont« führte, unternahm seine ersten Probefahrten auf dem Hudson und bewährte sich in einer Weise, daß man in dem frisch aufstrebenden nordamerikanischen Staatenbunde dieser Erfindung die größte Wichtigkeit beilegte und alsbald auch für die anderen großen Flüsse des Landes, zunächst für den Mississippi solche Dampferbauten in Angriff nahm.

Auch dort, im Herzen der Union, rief die neue Erfindung allgemeine Bewunderung und Begeisterung hervor. Man versprach sich einen rasch zunehmenden Handelsaufschwung, unterstützte das neue Unternehmen, und bald war ein nach unseren heutigen Begriffen zwar sehr beschränkter, aber bereits ziemlich regelmäßiger Dampferverkehr von der Deltamündung des Mississippi bis etwa zum 42. Breitegrad hinauf im Gange.

Während nun entlang dem großen Strome alle Welt des Fortschritts sich freute, gab es eine Sippe, die die Neuerung keineswegs begrüßte, vielmehr von tiefem Groll gegen sie erfüllt war. Es waren dies die sogenannten »Bootmänner des Mississippi«, ein eigenartiger Menschenschlag und sozusagen auf dem »Vater der Gewässer« aufgewachsen.

Diese Männer bildeten eine eigene Gilde mit besonderen Sitten und Gebräuchen und hatten bislang in Barken und Segelbooten den Verkehr auf der großen Wasserstraße vermittelt.

Sie fühlten sich, und nicht mit Unrecht, in ihrer Existenz geschädigt; sie waren bei ihrer derben Art und ihrem lebhaften Temperament daher stets nur zu leicht geneigt, den Kollegen vom Dampfbetriebe irgend einen Possen zu spielen, Schwierigkeiten zu bereiten, oder gar ein ernstliches Hindernis in den Weg zu legen.

Eines Tages hatte ein neu eingestellter, unter der Führung des Kapitäns Henry Stephenson stehender Dampfer, die »Savannah«, erstmals die Fahrt von St. Louis stromauf angetreten.

Da der Mississippi nördlich der Missourimündung vielfach von Untiefen durchfurcht und oftmals von Schwemmholz, das sich zu ganzen Inseln zusammenstaute, geradezu übersät war, pflegten die Dampfboote die Nacht über sich vor Anker zu legen.

Auch die »Savannah« unterbrach eines Abends ihre Fahrt, legte sich in der Nähe einer größeren Ansiedlung, dem heutigen Burlington, fest, um ihre Reise am anderen Morgen fortzusetzen.

Der Zufall wollte es, daß an jenem Abend auch mehrere Boote der Mississippimänner dort vor Anker lagen, um einen Teil ihrer Ladung zu löschen und dafür Rohprodukte, die die Ansiedlung nach einigen größeren, mehr südlich gelegenen Punkten auszuführen pflegte, an Bord zu nehmen.

Als die Stromfahrzeuge nebeneinander lagen, regte sich der alte Groll der Mississippileute. Es kam zu Spottreden, die in derbe Schimpfereien ausarteten und schließlich, als Teile der beiderseitigen Mannschaften spät des Abends in dem Wirtshause der Ansiedlung zusammentrafen, zu einer regelrechten Prügelei führten. Als die Savannahleute von den bärenhaft starken Bootsmännern nach allen Regeln der Kunst durchgebleut und vor die Türe gesetzt waren, ließ der temperamentvolle Kapitän der »Savannah« sich hinreißen, an Land zu gehen, in der Absicht, die Persönlichkeit der Raufbolde festzustellen, um endlich einmal mit Hilfe der Gerichte ein Exempel zu statuieren. Aber er kam übel an. Auch ihm antworteten die Mississippimänner mit der Kraft der Fäuste und brachten ihn so arg ins Gedränge, daß er in der Hitze des Gefechtes einen der Bootsmänner niederschoß.

Die Sache beschäftigte nun zwar hinterher die Gerichte, denn sowohl der Vater des Erschossenen, wie der Kapitän hatten Klage erhoben. Doch konnte bei der Mangelhaftigkeit der Polizeiorgane und weil die Mississippimänner ihren verfolgten Kameraden in solchen Fällen bereitwilligst Unterschlupf gewährten, der Tatbestand in allen Einzelheiten nicht mehr festgestellt werden. Die Rädelsführer und der größte Teil der Zeugen des Raufhandels waren nicht mehr aufzufinden.

Das Ende vom Liede war, daß die Raufbolde leer ausgingen, daß aber auch der Kapitän, weil er allen Umständen nach zu urteilen in der Notwehr gehandelt hatte, vom Richter freigesprochen wurde.

Seitdem warf der Vater des Erschossenen, ein trotz seines Alters noch sehr heißblütiger Kreole, einen unverlöschlichen Haß auf den Kapitän Stephenson.

»Er mag sich hüten! Der Tod meines einzigen Sohnes, er muß und wird noch seine Sühne finden, so wahr ich Maurice Barré heiße,« schwur der Alte, so oft die »Savannah« sich im Bereiche seiner Fähre, die bei Burlington über den Fluß führte, blicken ließ.

»Ihr begnügt Euch aber immer nur die Hände in den Taschen zu ballen,« entgegnete ihm eines Tages fast höhnisch Mac Dougal, ein Kentuckyer von Geburt, den der Fährmann nach dem Tode seines Sohnes zum Gehilfen genommen hatte. »Ihr müßt die Sache endlich einmal auch zur Wahrheit machen.«

Der Alte geriet durch diese Bemerkung außer Rand und Band.

Mit wildrollenden Augen trat er vor seinen [Lücke] hob die Hand wie zum Schwur und rief: »Sie [Lücke] wird es! Ihr [Lücke] könnt Euch darauf verlassen, sie wird es! Tag für Tag, [Lücke] Stunde [Lücke]um Stunde warte ich auf die Gelegenheit, und sie m [Lücke] wird sich [Lücke]finden.«

»Pshaw!« entgegnete der andere wegwerfenden [Lücke]. »Was heißt Gelegenheit? – Das sieht den alten Weib [Lücke] ern ve [Lücke]rzweifelt ähnlich, die unverdrossen in jede Lotterie setzen und imme [Lücke] r wieder eine Niete ziehen. Ihr müßt die Gelegenheit selbst schaffen, selbst herbeiführen, wenn Euer Wunsch zur Tat werden soll.

Der alte Mann starrte seinen Gehilfen verwundert an.

Dieser hatte einem Gedanken Worte geliehen, der ihm offenbar noch nie zu Sinn gekommen war.

»Wie machen? Wie das anstellen?« schrie der Fährmann und er faßte den anderen krampfhaft an der Schulter.

»Nichts leichter als das! Wenn Ihr mich anhören wollt, will ich Euch das sagen. Will Euch auch eingestehen, daß ich mich mit dieser Sache nicht zum ersten Male beschäftige.«

»Mann, wie kämt Ihr dazu, an meinen Angelegenheiten mehr als sonst ein Mensch Anteil zu nehmen?«

»Nicht aus reiner Menschenliebe – nein; ich will es offen zugeben, daß ich dabei auch meinen eigenen Vorteil suche.«

»Das ist eigennützig und schlecht genug. Indessen, Eure Offenheit, ich muß sagen, sie gefällt mir.«

»Laßt mich noch mehr offen sein und Euch rund heraus die ganze Wahrheit dartun. – Ich bin Mississippimann wie Ihr; ich habe die Neuerung so gut wie irgend einer von uns gründlich hassen gelernt.«

Der Alte nickte mehrmals mit dem Kopfe, als höre er etwas ganz Selbstverständliches.

»Ich glaube,« fuhr der Kentuckyer zu reden fort, »daß wir Jungen noch mehr verbittert sind als die Alten. Ihr werdet's nicht mehr erleben, daß man Euch den Brotkorb höher hängt. Aber wir Jungen wissen es wohl und empfinden es um vieles schwerer, daß ein guter Teil unseres Lebens früher oder später in Frage gestellt sein wird. Wer Augen hat zu sehen, muß sich sagen, daß wir mit Riesenschritten einer neuen Zeit und anderen Verhältnissen entgegengehen.«

Der Alte ballte grimmig die Faust und machte dann mit der Hand eine Bewegung, die den Kentuckyer zum Weiterreden aufforderte.

Diese [Lücke] h düster vor sich hin und fuhr fort: »Nun könnte man ja sagen wenn euer Blick so scharf sieht, warum bequemt ihr Jungen euch der neuen Zeit nicht an, warum sucht ihr nicht der Neuerung zu dienen, wenn ihr wißt, daß der Dampf in dem Kampf Sieger bleiben und das Schicksal des Mississippimanns besiegelt wird?«

»Ja, warum?«

»Einfach, weil ich einem Herrn nicht dienen kann, gegen den ich bisher nur den tiefsten Haß empfunden habe. Anderseits aber will ich mein junges Leben auch nicht an eine verlorene Sache hingeben. Ich bin also entschlossen, einen anderen Beruf zu erwählen.«

»Was Ihr da sagt, klingt nicht übel. Nur verstehe ich nicht, was das mit meiner Sache zu tun hat. Was hindert Euch, Euren Plan auszuführen?«

»Er wird ausgeführt. Ich werde westwärts ziehen und irgendwo eine Farm begründen. Zuvor aber treibt es mich, meinem Groll freie Bahn zu lassen, dem heißen wallenden Blut eine Kühlung zu gönnen. Versteht Ihr mich?«

»Eure ganze Galle zuvor noch an der neuen Sippe auszulassen.«

»Ihr einen Possen zu spielen, den die ganze Sippe herb und hart genug empfinden soll; es krippelt mir in allen Fingern, ihn auszuführen. Versteht Ihr nun, daß ich ganz der Mann wäre. Euch zu Diensten zu sein?«

»Ich verstehe+… aber für welchen Preis? Ihr habt davon gesprochen, daß auch Euer Vorteil eine Rolle spiele.«

»Eine Rolle insofern, als mein Vorhaben, das Ihr meinetwegen als ein Anerbieten betrachten möget, nicht allein auf meine Wünsche zurückzuführen ist.«

»Ihr hättet noch andere Personen in Eure Pläne eingeweiht?«

»Eine nur; eine, in der dasselbe heiße Blut wie in Euren Adern rollt.«

»Bessie?«

»Ja, Bessie, Eure Tochter, die sogar als die eigentliche Urheberin des Gedankens gelten kann.«

»Bessie, die Schwester des Ermordeten, die mir nur allein noch verblieben ist!«

Der alte Mann war aufgesprungen, um geraume Weile in leidenschaftlicher Erregung auf dem Deck des Fährbootes umher zu laufen.

Plötzlich blieb er vor Mac Dougal stehen, legte seine beiden Fäuste auf dessen Schultern und schrie ihn an: »Mann, sprecht Ihr auch die Wahrheit?«

»Wie käme ich dazu, Euch eine Unwahrheit aufzutischen? Habt Ihr nicht, Vater und Tochter, oft genug das Geschick des Sohnes und Bruders beklagt und eines wie das andere dem Kapitän ungezählte Male Rache geschworen? Auch mir gegenüber hat Bessie sich keine Zurückhaltung auferlegt. Oftmals haben wir desjenigen, der jetzt unter der Erde liegt, gedacht, den unglückseligen Tag und den Kapitän verfluchend. Und so ist ein vielversprechender Plan entstanden.«

Kraftlos ließ der alte Mann die Arme sinken, stand eine Weile düster brütend und in sich zusammengeknickt, gab sich dann aber einen plötzlichen Ruck und begann wieder heftig gestikulierend auf dem Schiffe umher zu laufen. Plötzlich machte er vor dem Kentuckyer halt und fuhr ihn an: »Laßt hören, wie ist der Plan, den ihr ausgeheckt habt?«

»Ich will von dem Plane erst sprechen, wenn ich noch etwas anderes gesagt habe, das für mich das wichtigste ist.«

»Das wäre?«

»Daß Bessie mir gelobte, sobald der Anschlag gelungen ist, mit mir auf meine Farm zu ziehen, um dort die Farmerin zu werden. Wir rechnen dabei auch auf Euch, denn es wäre nachgerade an der Zeit, Euch einen ruhigen Lebensabend zu gönnen.«

Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Fährmann seinen Gehilfen an und sagte mit gedrückter, stockender Stimme: »Es ist erstaunlich, wie besorgt Ihr für mich seid!+… Einen ruhigen Lebensabend wollt Ihr mir gewähren+… einen Mann, der kalten Blutes einen Menschen ins Jenseits beförderte, zum Schwiegersohne!«

»Hab' ich es doch gewußt,« versetzte der Kentuckyer bitter, »daß Eure Drohungen gegen den Kapitän nur leeres Gewäsche sind! Daß Ihr, wenn es darauf ankommen würde, vor der Tat zurückschrecken würdet.«

»Maurice Barré schreckt in dieser Sache vor nichts zurück!« fuhr der Alte zornig auf. »Aber ebensowenig habe ich jemals daran gedacht, einen Dritten und am allerwenigsten Bessie mit einer Blutschuld zu beflecken. Ich war gewillt, meinen eigenen kärglichen Rest des Lebens daran zu geben.«

»Wenn das Euer fester Wille ist, bliebe es Euch unbenommen, die Tat selbst auszuführen. Unser Plan verlangt nichts weiter als eine feste Hand und die sichere Kenntnis des Stromes.«

»Wenn Ihr nur nicht einen gewaltigen Rechenfehler macht, so Ihr glaubt, dem Manne, ohne Euch selbst der größten Gefahr auszusetzen, auf dem Flusse beizukommen.«

»Nichts leichter als das, wenn die Sache geschickt genug angegriffen wird. – Ihr kennt weiter oben im Flusse das sogenannte ›Höllenloch‹, das manchem Schiffe schon zum Verderben gereichte?«

»Das ›Höllenloch‹?+… Wie wollt Ihr dem Schiffe dort beikommen, da sich die Gesellschaft eines eigenen Lotsen bedient?«

»Ihr wißt, daß ich vor nicht allzu langer Zeit in dieses Mannes Diensten stand und noch ein Hühnchen mit ihm zu pflücken habe. Es wird darauf ankommen, dem Lotsen und dem Kapitän zugleich ein Schnippchen zu schlagen. Das ›wie‹, das laßt meine Sorge sein.«

Der Alte schien ganz fieberig zu werden vor Erregung. Er suchte nach Worten und entgegnete mit stockender Stimme: »Ich kann mir nicht denken, wie Ihr das zu machen gewillt seid. Rechnet Ihr indessen darauf, daß das, was Euch sonst noch am Herzen liegt, sich erfülle, müßte ich Euer Vorhaben, Euern Plan doch zuvor näher kennen lernen.«

Mit bebender Hand erfaßte er den anderen und geleitete ihn, obwohl weit und breit kein Mensch zu erblicken war, nach dem Achterschiff, in das kleine Kajütenverdeck.

Dort saß das saubere Paar flüsternd und beratschlagend wohl eine Stunde lang beieinander, bis am jenseitigen Ufer ein Ballon – das Zeichen, daß eine Überfahrt gewünscht wurde – an dem Flaggenmast des Fährhauses in die Höhe ging.


Wenige Wochen später war die »Savannah« wieder unterwegs. Sie dampfte etwa unter dem 41. Breitegrade mit der Geschwindigkeit von sieben Seemeilen in der Stunde dem Süden zu.

Pustend und schnaubend zog das für damalige Begriffe sehr schmucke Fahrzeug in der Mitte des Stromes dahin, mit seinen großen Schaufelrädern mächtige Wellen hinter sich auswerfend und eine schwarze Rauchwolke ausstoßend, die das Schiff wie eine Riesenschleppe hinter sich herzog.

Kapitän Henry Stephenson, eine stämmige, muskulöse Seemannsgestalt, hatte sich plaudernd mit einigen seiner Passagiere auf dem Deck ergangen, dann das Vorderschiff verlassen und sich auf den zwischen den beiden Radkästen quer eingefügten schmalen eisernen Steg begeben.

Eine halbe Seemeile voraus machte die Wasserstraße eine starke Biegung, die seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien. Nach und nach tauchte dort eine flache, aber räumlich sehr große Sandinsel mitten im Strome auf.

Auf das Kommando des Kapitäns legte sich der Bug des Schiffes allmählich stark nach Steuerbord. Als die Spitze der Insel erreicht war, steuerte die »Savannah« dem rechten Ufer zu, in eine verhältnismäßig schmale Fahrrinne.

Hier hatten die Regenflut und das Hochwasser mannigfache Zerstörungen im Strombett angerichtet. Die Uferstrecke war vielfach zernagt und zerrissen. Da und dort hatten sich größere und kleinere Untiefen gebildet, auf denen der Fluß eine Menge Treibholz ablagerte, das, von allerlei Wassergräsern überwuchert, eine feste Masse und oftmals förmliche Riffe bildete.

Vorsichtig verlangsamte der Kapitän die Fahrt, ungeschädigt durch alle diese mehr oder weniger gefahrdrohenden Hindernisse hindurch zu kommen.

Plötzlich tauchte etwa zehn Schiffslängen voraus ein von zwei Männern besetztes, hochbepacktes Ruderboot auf, das ebenfalls den Kurs stromab hielt.

Der Kapitän war höflich genug, dieses Boot mit dem Sprachrohr anrufen und auffordern zu lassen, sich mehr steuerbord zu halten.

Doch die beiden Bootsinsassen riemten unbekümmert ihren bisher inne gehaltenen Kurs geradeaus und wichen erst dann etwas zur Seite, als das Dampfboot dicht neben ihnen daherpustete.

Jetzt erst ließen sie ihre Riemen gleiten und starrten mit erstaunten Gesichtern das schnaubende Ungeheuer an.

»Offenbar Hinterwäldler, die unmittelbar aus der Wildnis kommen und einen Dampfer noch nie gesehen haben,« rief einer der Passagiere, die neugierig gaffend im Vorderschiff standen.

»Aufgepaßt, Gentlemen! Das gibt einen Heidenspaß, wenn die erst in unser Hinterwasser kommen,« rief schadenfroh ein ungewöhnlich dicker Mann, und die Passagiere beugten sich alle erwartungsvoll über die Bordwand.

In wenigen Augenblicken war die »Savannah« an dem Boot vorübergeglitten.

Die beiden großen Schaufelräder des Schiffes machten trotz der verlangsamten Fahrt sechs bis acht Umdrehungen in der Minute, was hinter dem Schiffe immer noch einen ziemlich bedeutenden Wasserschwall aufwarf, der in der verhältnismäßig schmalen Fahrrinne doppelt zur Geltung kommen mußte.

Und wie der Dicke es vorausgesagt hatte, so kam es.

Mit einem Male wurde das Boot, in dem die beiden Männer sorglos saßen, von einer daherschießenden Welle erfaßt und hoch emporgehoben. Im nächsten Augenblick versank es fast zwischen den Wellenbergen, denn eine zweite und dritte, noch viel größere Woge war dahergerollt.

Wohl hatten die beiden Bootsinsassen ihre Riemen sofort ins Wasser gesenkt und ihr Fahrzeug blitzschnell gedreht. Sie waren damit der drohenden Gefahr, zu kentern, wohl ausgewichen, hatten aber nicht mehr hintanzuhalten vermocht, daß die Wasser gewaltig überschlugen. Da das Boot bis an die Ruderbänke mit Wasser voll war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre ganze Kraft einzusetzen, so schnell als möglich ans Ufer zu gelangen.

Das Boot wurde von einer daherschießenden Welle erfaßt.

Während die Passagiere im Vorderschiffe sich fast ausschütten wollten vor Lachen, war der Kapitän gutmütig genug, das Boot mit dem Sprachrohr anrufen zu lassen, ob Hilfe nötig sei. Als die beiden Männer zu schreien und mit den Armen heftig zu gestikulieren begannen, ohne daß es bei dem Geräusche, das die Maschine verursachte, möglich gewesen wäre, ein Wort zu verstehen, ließ der Kapitän die letztere stoppen. Der Maschinist gab Gegendampf, die »Savannah« fuhr langsam wieder stromauf, bis sie mit den beiden Männern aus gleicher Höhe lag.

»Was ist geschehen? Ist das Boot leck?« fragte der Kapitän.

»Leck nicht,« antwortete eine sonore, sehr erbost klingende Stimme, »aber – aber – wie – wie nennt man das Ding, auf dem Euer rauchspuckender Riesenkasten daher fährt?«

»Na, Ihr werdet das Wasser des Mississippi doch nicht etwa für Bouillon halten?«

»Richtig – Wasser – Wasser ist es. Das Boot ist bis an den Rand mit Wasser vollgeschlagen. Wie – wie – na, wie heißt man jenen Mann, der alles Schlechte in der Welt vernichtet, den Bösewicht erfaßt und mit ihm zur Hölle fährt?«

»Na, ich sollte meinen, daß das kein anderer als der Teufel ist.«

»Sehr richtig – der Teufel; ja, der Teufel – er soll Euch für den Schaden, den Ihr uns zugefügt habt, lotweise holen!«

»Ein frommer Wunsch! Ich will hoffen, daß er Euch den Gefallen nicht sogleich erweisen wird. Worin besteht der Schaden, über den Ihr Euch zu beklagen habt? Ihr braucht das Boot ja doch nur zu drehen oder auszuschöpfen und seid dann wieder ruderklar.«

»Ausschöpfen? – ruderklar? Wie – wie – wie heißt man das Ding, das wir hier im Kanu führen?«

»Mann, Euer Sprachschatz scheint sehr lückenhaft; es muß das redseligste Weibsbild müde werden, Euch auf die Strümpfe zu helfen. – Was ich außer Euch und dem anderen Mann in Eurem Boote noch erkennen kann, das dürfte eine ziemlich reichliche Ladung sein.«

»Sehr richtig – die Ladung ist es. Wir müssen die Ladung löschen und an die – nun, wie heißt man den großen Stern am Himmel, der der Erde Licht und Wärme spendet?«

»Wenn Ihr nicht den Mond meint, dann wird es wohl die Sonne sein.«

»Sehr richtig – die Sonne. Wir müssen die ganze Ladung löschen und zum Trocknen an die Sonne legen.«

» Damned, nachgerade danke ich für diese Unterhaltung. Ich muß bitten. Euch gefälligst kurz und deutlich auszudrücken; ich kann nicht so viele Zeit versäumen.«

»Sehr richtig – die Zeit ist es, um die es sich handelt. Wenn wir die Ladung an die Sonne legen, werden wir sehr viele Zeit versäumen. Wenn die Sonne uns gar einen Possen spielt und sich hinter die Wolken verkriecht, dann werden wir um ebensoviele Zeit zu spät nach St. Louis gelangen.«

»Um was handelt es sich eigentlich, welche Art Ware führet Ihr an Bord?«

Wieder stockte der Mann und schien sich anstrengend zu besinnen. Endlich fragte er: »Wie – wie – wie heißt das Ding, das die Biber mit sich durch die Flüsse und die Wälder tragen?«

»Das soll, soweit ich die Naturgeschichte dieser Tiere kenne, Holz sein, Prügelholz, aus dem sie ihre Dämme und Burgen erbauen.«

»Nicht Holz, nein, kein Holz – das Ding, das sie auf dem nackten Leibe tragen.«

» By Jove, ich habe noch nie gehört, daß die Biber nackt umherlaufen; meines Wissens sollen sie mit ausnehmend schöner Behaarung bekleidet sein.«

» Yes, yes – das Kleid, das Kleid der Biber – wie heißt man das?«

»Ei nun, das ist allerdings etwas anderes. Ihr hättet also Biberfelle, wertvolle Pelze an Bord?«

» Yes, Biberfelle, Pelze, die wir nach St. Louis zu führen beabsichtigen.«

»Um sie dort zu verhandeln oder zu verkaufen?«

»Ja, zu verhandeln; um Flinten, Pulver und Blei und – und – nun, wie heißt man das, was die Menschen über alles lieben, was man zum Leben unter den Weißen so nötig hat –?«

»Geld, das liebe Geld wird es wohl sein.«

» Yes – sehr richtig – um auch Geld zu erhalten. Aber wir müssen trachten, keine Zeit zu verlieren; wir müssen rasch nach dieser Stadt gelangen.«

Die Passagiere im Vorderschiffe hatten diesen Dialog mit der größten Aufmerksamkeit angehört, anfänglich erstaunt, dann aber bald sich geschüttelt vor Lachen. Besonders der Dicke grunzte vor Vergnügen und war ganz kurzatmig, als er plötzlich losbrach und dem Schiffsführer zurief: »Kapitän, das ist ein kostbarer Kauz! Ihr müßt uns den Gefallen tun, diesen Mann an Bord zu nehmen; das gibt einen Hauptspaß. Die Kerls haben ja wertvolle Pelze in ihrem Kanu; wenn sie die Fahrt etwa nicht bezahlen wollten, soll es mir auf die paar Dollars nicht ankommen.«

Der Kapitän nickte zustimmend mit dem Kopfe und wandte sich dann wieder den beiden Schiffbrüchigen zu.

»Erlaubt eine Frage. Wie heißt Ihr und wer seid Ihr?«

»Wir sind Wildsteller, Biberfänger, die mehrere Jahre im Walde waren. Ich, ich bin ein Virginier und heiße Tommy Hawking. Hier, der ist – ha – wie – wie nennt man einen Menschen, der mit seinem Freunde alle Leiden und Freuden zu teilen pflegt –?«

»Bruder – Kamerad!«

» Yes – dieser hier ist mein Bruder und Kamerad Young Ironfist, ebenfalls ein Wildsteller und Waldläufer.«

»Daß ihr beide Coureurs des Bois seid, konnte man Euch schon von weitem ansehen, daher glauben wir es Euch aufs Wort. Wenn Ihr mich übrigens noch einen Augenblick anhören wollt, will ich Euch einen Vorschlag machen.«

» All right – schlagt zu.«

»Eure Ladung ist durchnäßt. Um sie zu trocknen, werdet Ihr, wie Ihr selbst sagt, mehrere Tage gebrauchen. Das verzögert Eure Fahrt, so daß Ihr, ehe Ihr St. Louis erreichet, mindestens noch acht bis zehn Tage an und auf dem Wasser zubringen werdet.«

» Yes. Ist das Wetter schlecht, kann es auch noch einige Tage länger dauern.«

»Mein Schiff hingegen wird, mag das Wetter sein, wie es will, die Fahrt spätestens in fünf Tagen gemacht haben. Ich sehe, daß Euer Kahn so gut wie nichts wert ist. Ich rate, laßt ihn schwimmen, und lade Euch ein, an Bord meines Schiffes zu kommen, um eine schnellere und bequemere Reise zu machen. Ihr habt dann nicht nötig, Euch fast zwei Wochen lang abzurackern. Wir haben ferner, wie Ihr an dem aufsteigenden Rauche längst erkannt haben werdet, ein Riesenfeuer im Fahrzeug, an dem Ihr Eure naß gewordenen Pelze besser als an der Sonne trocknen könntet.«

»Der Vorschlag läßt sich hören,« antwortete Tommy, nachdem er mit seinem Kameraden einige Worte gewechselt hatte. »Wie aber steht es mit dem – nun – nun – wie heißt man das, was die Schiffsleute für die Fahrt zu verlangen pflegen?«

»Mit dem Fahrgeld?«

» Yes, mit dem Fahrgeld. Wie steht es damit?«

»Nun, das wird Euch so hoch nicht zu stehen kommen. Schlimmsten Falls kann es sich um einige Biberfelle handeln.«

Nun waren die beiden einverstanden.

Flink löffelten sie mit ihren Hüten einen Teil des Wassers aus dem Boote, stießen, obwohl das Fahrzeug immer noch einen sehr bedenklichen Tiefgang hatte, vom Ufer ab und fuhren zum Schiffe herüber. Hier standen schon einige Matrosen bereit, die Bootsladung an Bord zu heißen. Als alles nach oben gebracht war, kletterten auch die Jäger über eine herabgelassene Strickleiter auf das Schiff und streckten dem sie empfangenden Kapitän ihre derben Hände hin.

Schon wollte der Dicke sich ins Vordertreffen drängen, offenbar um sich mit den beiden Waldmenschen sogleich ein Späßchen zu erlauben.

Die aber sahen, in der Nähe betrachtet, doch ganz anders aus, als sie den von der Langeweile geplagten und unterhaltungsbedürftigen Passagieren kurz zuvor noch auf die Entfernung erschienen waren. Kerzengerade gewachsene Kerngestalten von reckenhaftem Bau, doppelt knorrig anzusehen in ihrer derben, aus Tierhäuten hergestellten Waldtracht; jede Bewegung sicher, leicht und elastisch, die Haltung ernst und gemessen und bei aller Bescheidenheit, mit der sie auftraten, doch Achtung gebietend. Unwillkürlich verstummte der Dicke, als ihn ein durchdringender Blick aus den ausdrucksvollen Jägeraugen traf.

Als die kurze Begrüßung ihr Ende gefunden hatte, stellten die beiden neuen Passagiere ihre Kugelflinten beiseite und luden sich die Tierfellpäcke auf die Schultern. Sie trugen diese schweren Lasten, als wäre es ein Kinderspiel, hinab in den Maschinenraum.

Nach einer Stunde etwa erschienen sie wieder, durchwanderten von vorn bis hinten das rastlos dahindampfende Schiff, betrachteten und beobachteten jede Einzelheit und äußerten unverhohlen ihr Erstaunen über dieses Wunderwerk, dergleichen sie noch nie gesehen hatten.

Mittlerweile war es Abend geworden.

Das Rot des Himmels begann zu verblassen. Die Schatten der Dämmerung senkten sich über den Fluß und die Landschaft.

Längst hatte die »Savannah« wieder offenes Fahrwasser gewonnen, aber die Tücken des Stromes bestimmten den Kapitän doch, nach Dunkelwerden an einer ruhigen und geschützten Stelle die Maschine zu stoppen und für die Nacht den Anker zu werfen.

Inzwischen hatten die Passagiere durch den Steward einen Drink kommen lassen, wozu sie auch die beiden Wildsteller einluden.

Der Mond war aufgegangen und überflutete mit seinem bläulich silberigen Lichte den Fluß und die in Schlummer versinkende Landschaft. Ein ziemlich kühler, taufrischer Luftstrom wehte aus Osten, der die etwas scharfen, heißen Getränke des Stewards nur umso angenehmer empfinden ließ und daher allgemeines Wohlbehagen hervorrief.

Bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange, wobei Tommy und Young Ironfist manches interessante Walderlebnis zum besten geben mußten. Längst hatte sich die Spottlust der Passagiere in Hochachtung vor diesen beiden Männern gewandelt und allgemein empfand man das aufrichtigste Mitleid, als man erfuhr, daß das lückenhafte Gedächtnis des älteren der beiden Männer auf einen Tomahawkhieb zurückzuführen war, den er im Kampfe mit Indianern erhalten hatte.

Über drei Jahre waren nämlich verronnen, seit damals Tommy Hawking und Young Ironfist auf dem Felsenkopf hinter den Steinen gelegen hatten, den Odschibwä ihren Beistand zu leisten, der für die Dakota so verhängnisvoll werden sollte.

Wie ein wildes Tier hatte Young Ironfist aufgebrüllt, als er den Kameraden und Freund leblos und blutüberströmt zu seinen Füßen liegen sah. In seinem Zorne und einer noch nicht völlig unterdrückten indianischen Gewohnheit folgend, erfaßte er des Dakota Skalplocke, wand sie blitzschnell um die Hand, zog mit der anderen sein Jagdmesser, dem Manne die Haut vom Kopfe zu trennen. Aber rechtzeitig besann er sich, unterdrückte den kriegerischen Jubelruf, der ihm schon in der Kehle saß, und warf das Messer weit von sich. In seinem ohnmächtigen Zorne erfaßte er dann mit dem gewaltigen Griffe seiner Eisenfäuste den Wilden, hob ihn hoch über das Haupt empor und schleuderte ihn hinab über den Felsen.

Dann warf er sich wehklagend über den Freund, den er erschlagen wähnte.

Wie lange Young Ironfist so gelegen hatte, war ihm nie zum Bewußtsein gekommen. Aber unvergeßlich blieb ihm das wonnige Gefühl, der Jubelschrei, den er ausstieß, als er plötzlich in dem Körper des Totgewähnten Leben zu entdecken vermeinte. – Behutsam öffnete er das Lederwams des Freundes, behorchte die Brust+… ja, das Herz schlug, wenn auch schwach, aber es schlug.

Wie ein gehetztes Wild jagte Young Ironfist durch den Wald hinab ins Tal an den Bach, füllte seinen Hut bis an den Rand mit Wasser und stieg, so schnell er es vermochte, wieder hinauf zu dem Freunde. Sorgfältig reinigte er die Wunde, legte ein Stück Leinen darauf und flößte ihm auch etwas Wasser über die Lippen.

Unterdessen hatten sich einige Odschibwä eingefunden, die stumm und ernst die kleine Szene umstanden.

Young Ironfist forderte sie auf, ihm behilflich zu sein, den Freund hinab ins Dorf zu tragen. Aber die älteste Rothaut, offenbar ein Medizinmann, wehrte ab mit den Händen.

»Der weiße Mann hat Glück gehabt,« sagte er. »Er hat, wie hier zu sehen ist, unter seinem Hute zufällig ein dickes Tuch getragen, das die Kraft des Schlages erheblich milderte. Die harte Schädeldecke des Verwundeten ist nicht zersprungen, aber der Geist, der unter ihr wohnte, scheint von dem Schlage erschreckt und entflohen zu sein. Wenn der weiße Mann seinen kranken Freund von hier hinwegträgt, wird der entflohene Geist nur schwer zu seiner früheren Stätte zurückfinden. Das Blaßgesicht wird seinem Freunde daher einen viel besseren Gefallen erweisen, wenn er ihn hier vorläufig liegen läßt.«

Das leuchtete Young Ironfist ein, nicht in dem Sinne, wie die Rothaut das meinte, wohl aber insofern, als hier eine mehr oder weniger schwere Gehirnerschütterung vorliege, wobei man vor allen Dingen völliger Ruhe bedürfe, wie Tommy ihm das oft schon erklärt hatte.

Young Ironfist zog sein Lederwams aus, den Kopf des Freundes besser zu betten. Die Odschibwä gaben bereitwillig ihre Blankets (Schutztücher) her, das Kopflager noch weicher zu gestalten und den Körper des Verwundeten für die Nacht warm zuzudecken.

So saßen Young Ironfist und die Odschibwä stumm und ernst um den Schwerverletzten.

Als die Dämmerung sich auf die Landschaft niederzusenken begann, entfernten sich die Rothäute, schickten aber an demselben Abend noch einen Boten mit Wildfleisch und Maisbrot, an dem das gesunde Bleichgesicht sich erfrischen möchte. Sie hatten auch noch eine Kleinigkeit Feuerwasser hinzugefügt mit dem Rate, dem Verletzten von Zeit zu Zeit die Wunde damit auszuwaschen.

Zwei volle Tage saß Young Ironfist, bis Tommy endlich die Augen aufschlug. Er war nicht im stande, sich verständlich zu machen, versuchte aber sich zu erheben. Dies schien einen heftigen Blutandrang zum Kopfe zur Folge zu haben. Kraftlos sank er auf sein Lager zurück.

Erst nach weiteren zwei Tagen war eine Erholung so weit eingetreten, daß man ihn nach dem Dorfe zu tragen vermochte. Dort legte man ihn in einen vom Feuer verschont gebliebenen Wigwam, wo er in ein hartnäckig anhaltendes Nervenfieber verfiel.

Unterdessen hatten sich die Odschibwä zur üblichen Siegesfeier zusammen gefunden. Der Rest der Dakotas war bis in die offene Prärie hinaus verfolgt worden und noch mancher hatte seinen Skalp lassen müssen. Ihre Niederlage war eine so vollständige, daß die Odschibwä auf lange hinaus sicher zu sein erklärten, von ihren Feinden nicht belästigt zu werden.

Umso lauter schallte beim Siegesfeste der Jubel durch das Tal, hinauf zu den bewaldeten Höhen; fast endlos waren die Schmausereien und die Siegesgesänge, nicht minder geräuschvoll die Siegestänze, die eine ganze Woche hindurch allabendlich, bis tief in die Nacht hinein, veranstaltet wurden.

Young Ironfist hatte bei seinem Eintritt in das Dorf dem »Weißen Falken« seine Waffen angeboten, doch war die Annahme von dem Häuptlinge in der ritterlichsten Weise abgelehnt worden; er versicherte, daß die Odschibwä ihren tapferen weißen Freunden den größten Dank schuldeten und daß sie es sehr bedauerten, in die Aufrichtigkeit ihrer freundschaftlichen Gesinnung einen Zweifel gesetzt zu haben. Von dem vorhergegangenen Streitfalle war mit keinem Worte mehr die Rede gewesen.

Als Tommy dann die Krisis überwunden hatte und sichtlich der Genesung entgegen schritt, bewies der ganze Stamm die freudigste Teilnahme. Männer, Squaws und Kinder kamen stündlich in seinen Wigwam gelaufen, die Alten, um ihm allerlei Ratschläge und Aufmerksamkeiten, die Kinder, um ihn neugierig zu begaffen und kleine Dienste zu erweisen. Doch seine kräftige Natur machte die Kräutlein und Säfte, die ihm in der aufopferungsvollsten Weise von den Squaws in den Wäldern gesucht und im Kochtopfe gebraut wurden, überflüssig. Bald war er munter wie zuvor, nur zeigte sich, daß sein Gedächtnis, eine Folge der Gehirnerschütterung, eine recht erhebliche Einbuße erlitten hatte. Er war, obwohl der Sprache wieder völlig mächtig, oftmals nicht im stande, für einen bestimmten Gegenstand oder Begriff den richtigen Ausdruck zu finden, und war so, manchmal in jedem Satze, genötigt, sich durch langatmige Umschreibungen verständlich zu machen. Dies hatte ihn, solange er mit Young Ironfist im Walde war, wenig angefochten. Jetzt aber, da er seit einigen Wochen wieder mit weißen Menschen in Berührung kam, verursachte ihm dieser Mangel vieles Unbehagen, ja, es verstimmte ihn, besonders dann, wenn er erfahren mußte, daß er deswegen belächelt oder gar bespöttelt wurde.

Young Ironfist war damals, als Tommy der sicheren Genesung entgegen ging, auf die Arche zu Ben zurückgekehrt. Als Tommy einige Wochen später den Odschibwä den Wunsch zu erkennen gab, nun ebenfalls sich wieder an den See zu begeben, veranstalteten sie eine große Abschiedsschmauserei, wobei es viele und lange Reden gab. Man feierte und rühmte die gegenseitige Tapferkeit, wobei der »Weiße Falke« betonte, daß die Dakotas niemals im stande gewesen wären, das Dorf der Odschibwä zu nehmen und den größten Teil desselben niederzubrennen, wenn es ihnen nicht an Pulver und Blei gemangelt hätte. Durch ihre viele Fehden hätten sie die vordem gepflogenen Handelsbeziehungen leider zumeist verloren, wodurch ihr Munitionsbestand sehr gelitten habe und jetzt fast völlig erschöpft sei.

Dies war Tommy eine willkommene Veranlassung, den Odschibwä einen Gefallen zu erweisen, indem er ihnen einen Teil seines Pulvervorrates anbot, was freudig angenommen wurde. Tommy machte sich ferner anheischig, so bald als möglich einen auf längere Zeit ausreichenden Munitionsvorrat kommen zu lassen, da er ohnehin beabsichtige, den am See zurückgebliebenen dritten Genossen mit der Jagdbeute, die die Wildsteller bisher gemacht hätten, in das Land seiner weißen Brüder zu entsenden.

Die Odschibwä waren feinfühlig genug, hierin eine Genugtuung für die ihrem Stammesgenossen angetane Unbill zu erblicken, während Tommy froh war, Ben wenigstens so lange, als seine Tat noch in frischem Angedenken stand, auf einige Zeit fern zu wissen.

Dieser Plan kam dann auch zur Ausführung. Ben zeigte sich willfährig und trat bald darauf die Reise nach Janville an. Er kehrte zwar ziemlich verspätet von da zurück, brachte aber reichlich Blei, einen Kugelgießer, mehrere Pulverfässer und für die abgelieferten Pelze einen Depotschein.

Nun war die Freude der Odschibwä groß. Sie wußten sich vor Dankbarkeit kaum zu lassen und suchten sich für die Spende dadurch erkenntlich zu zeigen, daß sie den Weißen nach und nach eine Menge kostbarer Tierfelle überreichten. Dadurch schwoll der Pelzgewinn der Wildsteller so sehr und so schnell an, daß Ben schon nach einem Jahre eine zweite Reise antrat, schon darum, weil die gelegentlich der ersten Fahrt mitgebrachten beiden Mississippimänner des Wartens müde geworden waren und in ihre Heimat zurückzukehren wünschten.

Der Lange Ben kam von dieser zweiten Reise indessen in einem körperlichen Zustande zurück, der den Verdacht nahelegte, daß er in Janville und sonst unterwegs in recht unmäßiger Weise dem Trunke obgelegen habe. War dies schon geeignet, den Widerwillen der beiden Kameraden hervorzurufen, so mußte es sie befremden, daß der neuerdings mitgebrachte Depotschein erheblich gekürzt war. Ben entschuldigte sich damit, daß ihm ein Teil der Ladung während der Fahrt leider verloren gegangen wäre.

Ben zeigte sich von da an sehr ungebärdig und war nur schwer zu lenken. Wieder war er mit einer Rothaut zusammengeraten, so daß die beiden anderen Wildsteller ihren ganzen Einfluß aufbieten mußten, ihr Freundschaftsbündnis mit den Odschibwä im Gleichgewicht zu erhalten. Schnell entledigten sie sich seiner zum dritten Male, indem sie ihn mit einem Teil der Beute nach St. Louis entsandten, wohin Mister Bourton inzwischen übersiedelt war.


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