Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Flintendoktor und das rote Bleichgesicht

Vier Tage später, noch am frühen Morgen, waren die Zurückgebliebenen im Dorfe der Pe-ta-ha-vah-da in außerordentlicher Bewegung.

Ein junger Krieger war eingetroffen, dem Sachem den Sieg über die Omaha und die unmittelbar bevorstehende Rückkehr der Krieger zu vermelden.

Als die Insassenschaft des Dorfes davon erfuhr, hatte sich ein großer Jubel erhoben, worauf die halbwüchsige männliche Jugend beauftragt wurde, den Tapferen den für festliche Veranlassungen in jedem Wigwam bereit liegenden Schmuck entgegen zu tragen, um sich für die kriegerische Feierlichkeit des Einzuges in das Dorf festlich herausputzen zu können.

Aber auch die Daheimgebliebenen gingen ohne Säumen daran, sich mit der Vervollständigung ihrer Toilette zu beschäftigen, während die Frauen im Innern der Hütten eifrig ihre Vorbereitungen für die Zurichtung des Empfangsmahles trafen.

Allgemach hatte am nördlichen Dorfende eine große Menschenmenge, Greise, ältere Krieger und Knaben und Mädchen jeglichen Alters sich angesammelt, die dem Kommenden mit gespannter Erwartung entgegensahen. Unter unaufhörlichem freudigen Schwatzen waren alle Blicke der Waldlichtung zugewandt, die den Zugang zu einem Pfade bildete, den vor wenigen Tagen die Pferdediebe mit den entführten Mustangs benützt hatten.

Aber die festliche Toilette eines indianischen Kriegers macht gar viel Mühe und Arbeit, muß er sich doch in der umständlichsten Weise von der Stirne an bis zum Lendengürtel bemalen und Farben und Streifen so verteilen, daß er ein möglichst wildes, furchteinflößendes Aussehen erhält. So verging Stunde auf Stunde; die Wartenden wurden auf eine harte Probe gestellt.

Endlich, die Sonne stand schon im Zenith, wurde von fernher ein Stimmengewirr vernehmbar; rauhe Jubelrufe ertönten, die wenig melodischen Töne einiger Musikinstrumente klangen vom Walde herüber.

Auf die Lichtung trat, geführt vom Schwarzen Vogel, die erste Rotte der Heimkehrenden, in üblicher Weise bestehend aus den Kriegern, die sich auf dem soeben zurückgelegten Kriegspfade besonders rühmlich ausgezeichnet hatten.

Daran schloß sich in kleinen Abständen Rotte auf Rotte, bis der ganze Zug der Krieger sichtbar wurde.

Als dann hinter diesen Rotten nach und nach auch noch etwa achtzig berittene Rothäute auftauchten, brach unter den zum Empfang Versammelten, denen sich mittlerweile auch die Squaws zugesellt hatten, ein nicht enden wollender Jubelsturm aus. Hatten sie nun doch die Gewißheit, daß ihre Krieger nicht nur die geraubten Mustangs den Omaha wieder abgejagt, sondern durch die Wegnahme einer weiteren Anzahl Pferde sich reichlich entschädigt hatten.

Langsam und gemessenen Schrittes kam Rotte um Rotte nach dem Takte der Musik näher.

Jede war von einem Häuptling oder älteren Krieger geführt, an dessen Seite ein Standartenträger einhermarschierte, der ein mit bunten Lappen und Federn reich verziertes, frisch geschnittenes Stämmchen trug, von dessen Spitze die errungenen Skalpe mit ihren langen schwarzen Haaren flatternd herniederhingen.

Als die Spitze des Zuges ziemlich dicht an das Dorf herangekommen war, gingen die längst ungeduldig Harrenden der ersten Rotte, an deren einem Flügel Beutelratte stolz einherschritt, unter den leidenschaftlichsten Freudenausbrüchen entgegen. Sichtlich sehr gehobener Stimmung und voll Würde marschierten diese Männer an der jubelnden Menge vorüber.

Dann folgte Rotte auf Rotte, denen die Squaws und Kinder nun ziemlich regellos entgegenliefen, die Gatten und Väter zu bewillkommnen, während andere, die erfuhren, daß ihre Angehörigen verwundet oder gar erschlagen wurden, in laute Wehklagen ausbrachen. Zuletzt kamen die Berittenen, die alsbald mit Fragen bestürmt wurden, wie es gelungen war, die Mustangs wieder zu erlangen

Man erfuhr, daß der Schwarze Vogel mit seiner Streitmacht um vieles früher in dem Tale der Mustangs eintraf, ehe noch die Pferdediebe mit ihrer Beute dort angelangt waren, da die hinter ihnen hereilenden Fährtensucher sehr geschickt zu Werke gegangen waren und bei den Dieben die Befürchtung erregt hatten, daß sie eine größere Streitmacht der Pe-ta-ha-vah-da hinter sich hätten, wodurch die Pferderäuber verleitet wurden, einen sehr großen Umweg zu machen. So wurde es dem Schwarzen Vogel verhältnismäßig leicht, die Omaha, welche die Diebe erwarteten, zu beobachten, sie zu umgehen und Vorbereitungen für einen Hinterhalt zu treffen, aus dem die Pe-ta-ha-vah-da plötzlich auf die Pferderäuber hervorbrachen. Die Diebe wurden zum größten Teil überwältigt, der Rest entfloh. Man ließ die Leute ruhig laufen, da man annahm, daß sie die im Tale der Mustangs verweilende Streitmacht der Omaha herbeirufen würden. Diese Krieger waren unklug genug, die Pe-ta-ha-vah-da aufzusuchen, wobei ein großer Teil derselben, wie zuvor die Diebe, einem geschickt gelegten Hinterhalt zum Opfer fielen. Die Mustangs der Gefallenen wurden größtenteils eingefangen, als wohlerworbene Beute betrachtet und mitgeführt.

Großes Aufsehen erregte es unter der Sassenschaft des Dorfes, als man im Zuge der Reiter auch einen Weißen entdeckte, der mit fingerdicken Fesseln liegend auf dem Rücken eines Mustangs gebunden war. Stürmischer Unwille erhob sich unter der Menge, als man erfuhr, daß dieser Mann den Pe-ta-ha-vah-da zwar schätzenswerte Dienste geleistet hatte, zuletzt aber flüchtig zu werden versuchte und bei dieser Gelegenheit den zu seiner Bewachung berufenen Krieger niederschlug.

Zahlreiche Fäuste erhoben sich, wilde Drohungen wurden laut und der entstandene Tumult legte sich erst, als das Blaßgesicht vom Pferde genommen, in einen Wigwam geführt und dort festgebunden wurde.

Der Unwille, den der weiße Mann erregt hatte, hätte aber auch ohnedem für jetzt nicht lange angehalten.

Kaum hatte sich nämlich der Zug der Krieger aufgelöst und die Dorfinsassenschaft sich über die Hütten verstreut, als zahlreiche Herolde die Gassen durchliefen und nun offiziell mit lauter Stimme den Sieg der Pe-ta-ha-vah-da verkündeten. Da und dort wurden die Herolde von der erregten Menge freudig umringt, worauf diese Männer unter dem Jubel der Zuhörer mit weitschweifigen Worten die eine oder die andere vollbrachte Heldentat schilderten.

Dies versetzte das ganze Dorf in die freudigste Stimmung.

An allen Hütten wurden bemalte Schilder ausgehangen, die Krieger aber, die an dem Kampfe teilgenommen hatten, errichteten vor ihren Wigwams lange Stangen, an denen die Zeichen des Ruhmes, die errungenen Skalpe, befestigt wurden.

Bald klang das ganze Dorf von kriegerischen Gesängen, die Musik schien außer Rand und Band zu geraten; wilde Tänze wurden aufgeführt, das ganze Treiben spitzte sich immer mehr zu einem rauschenden Siegesfeste zu.

In gehobener Stimmung durchwandelte Beutelratte die Gruppen der siegestrunkenen Menge, war er sich doch bewußt, daß er zum Gelingen des Kriegszuges wesentlich beigetragen und dann später, bei der Wegnahme der Mustangs, eine Tapferkeit bewiesen hatte, die ihm noch auf dem Kampfplatze die größte Anerkennung der Häuptlinge eintrug.

Gleichwohl war sein Wesen nicht wie sonst frei und ungezwungen. Wohl weidete er sich an dem frohen Treiben der singenden und lärmenden Menschenmenge, aber es schien zeitweise, als ob sein Auge gleichsam darüber hinaussähe, als ob der junge Krieger etwas suche, das er besitzen möchte oder das ihm verloren gegangen war.

So wandelte er ohne Ziel und Zweck durch die Dorfgassen, bis er unversehens in der Nähe des Medizinwigwams angelangt war, wo er vor einer benachbarten dicht verhangenen Hütte stehen blieb.

Hier war es verhältnismäßig ruhiger, und hier in dieser Hütte war es, wo man den gefesselten weißen Mann untergebracht hatte.

Unentschlossen blieb Beutelratte geraume Weile stehen und war schon im Begriffe, an dem Zelte vorüber zu schlendern, als er plötzlich wieder umkehrte, die Vorhänge beiseite schob und in die Hütte eintrat.

»O, da seid Ihr endlich,« erklang aus dem Halbdunkel freudig die sonore Stimme des Fremden. »Ich wußte, daß Ihr kommen würdet, aber – Ihr habt mich lange warten lassen.«

Beutelratte trat zögernd näher, während der an Händen und Füßen gefesselte weiße Mann vergeblich sich bemühte, sich auf der Matte, auf der er lag, etwas aufzurichten.

»Ich hoffe, Ihr seid kein Unmensch und bereit, mir meine Lage ein wenig zu erleichtern,« sagte der Weiße wieder, als der andere stumm und regungslos wie eine Bildsäule vor ihm stehen blieb. »Ich vermag kaum ein Glied zu rühren; die Pe-ta-ha-vah-da haben mir die Fesseln höllisch angezogen.«

Beutelratte schüttelte ernst das Haupt und entgegnete: »Die Pe-ta-ha-vah-da wissen, was sie tun. Sie wollen verhindern, was das Bleichgesicht schon einmal zu unternehmen sich erlaubte. Es hat zu entfliehen versucht.«

»Das war mein gutes Recht. Ich habe den Pe-ta-ha-vah-da einen bemerkenswerten Dienst geleistet. Es konnte ihnen dann ganz gleichgültig sein, wenn ich meiner Wege ging.«

»Das Blaßgesicht hätte abwarten können, was die Pe-ta-ha-vah-da-Krieger dazu sagen werden. Sie hätten seine Dienste ohne Zweifel anerkannt und ihm vielleicht die Freiheit geschenkt.«

»Vielleicht! Ja, das ist das bequeme Wort, aus dem sich hinterher alles mögliche machen läßt. Man traue einer Rothaut. Selbst ist der Mann! Ich hatte keine Lust, vom Regen in die Traufe zu geraten.«

»Was hat das Bleichgesicht nun aber davon, daß es die größte Unklugheit begangen hat?«

»Unklugheit? – Mann, tut mir den Gefallen und redet keinen Unsinn. Es handelte sich darum, wer der Stärkere und Findigere war. Wäre es mir gelungen, ungesehen zu entkommen, wäre ich erst über alle Berge gewesen, krähte kein Hahn danach.«

»Die Pe-ta-ha-vah-da haben es aber gesehen, daß das Bleichgesicht seinen Wächter niedergeschlagen hat; es wird die Folgen nun tragen müssen.«

»Was können die Folgen sein?«

»Das Bleichgesicht wird es bald genug erfahren. Die Pe-ta-ha-vah-da feiern jetzt ihren Sieg; aber sie werden schon in den nächsten Tagen zu einer Ratsversammlung zusammentreten.«

»Um vielleicht gar zu beschließen, daß ich zum Gaudium des ganzen Stammes, von Kind und Kegel, gepfählt werden soll? Ein sehr liebevolles Vorhaben! Indessen, ich hoffe, Ihr werdet dafür sorgen, daß daraus nichts werden kann.«

»Beutelratte wird dies wohlweislich bleiben lassen. Wenn Beutelratte auch den guten Willen dazu hätte, er ist ein noch junger Krieger, der auf den Beschluß der großen Ratsversammlung keinen Einfluß hat.«

»So war es auch nicht gemeint. Ihr sollt mir noch vor der Ratsversammlung zur Flucht verhelfen. Ihr habt schon einmal bewiesen, daß Ihr meiner Person freundlich gesinnt seid, und daß für Euren Wagemut die heimliche Befreiung eines Gefangenen eine Kleinigkeit ist.«

»Wenn das Bleichgesicht etwa glaubt, daß Beutelratte in das Dorf der Omaha gekommen ist, um aus Freundschaft zu handeln, so möge es sich sagen lassen, daß es sich in einem großen Irrtum befindet.«

»Das allerdings habe ich zu meinem Leidwesen fühlbar genug erfahren und meine Ansichten über Eure freundliche Gesinnung von damals – ich muß das leider zugeben – sind sehr getrübter Natur geworden. Ihr habt Euch als Schlaukopf bewiesen, so viel ist sicher; ich aber war anscheinend nur Mittel zum Zweck.«

»Es ist gut, daß das Blaßgesicht das einsieht. Es kann seine Hoffnung nun ruhig fallen lassen.«

»Wenn das, was Ihr sagt, wahr sein sollte, müßte ich Euch entgegnen, daß Ihr ein ganz nichtswürdiger Mensch seid. Wir sind Brüder, Kinder eines und desselben Stammes, die sich in der Stunde der Not aus christlicher Nächstenliebe nach Kräften gegenseitig beizustehen haben. Ich kenne die Gründe für Eure derzeitige unbegreifliche Handlungsweise zwar nicht, doch will ich annehmen, daß sie gewichtig genug sind. Darum halte ich Euch noch nicht für einen schlechten Menschen und darum gebe ich auch die Hoffnung noch nicht auf, daß Ihr mich nicht im Stiche lassen werdet.«

Beutelratte hatte diesen Worten mit größter Aufmerksamkeit gelauscht.

Sonst ein Bild voll kraftstrotzender Derbheit, voll stolzer Unbeugsamkeit, stand er jetzt da mit übereinandergeschlagenen Armen, ganz in sich zusammengesunken, wie ein Kind, das, ohne zu wissen warum, eine Züchtigung erhalten hat und sich nicht zu helfen weiß. Seine Augen hatten starr an den Lippen des Fremden gehangen und mit jedem Worte seine Augenlider sich erweitert. Mit einem Gemisch von Erstaunen, Verlegenheit und Ungläubigkeit glotzte er jetzt den gefesselten Mann an.

»Das Bleichgesicht redet irre,« kam es endlich über seine Lippen. »Oder aber Beutelratte hätte plötzlich den Verstand verloren, daß er des weißen Mannes Worte nicht zu erfassen weiß.«

»Weder das eine, noch das andere. Erinnert Ihr Euch nicht, daß ich Euch schon damals, als ich Euch im Dorfe der Omaha nur flüchtig unweit meiner Hütte vorüberstreichen sah, kurz darauf sagte, daß Ihr ebensogut wie ich ein weißer Mann seid.«

»In dem Bleichgesicht tauchte in jenem Augenblick der Gedanke an seine Befreiung auf und im Banne dieses Gedankens ist sein Blick in die Irre gegangen.«

»Mein Blick ist keineswegs in die Irre gegangen, denn ich sehe in diesem Augenblick meine damalige Wahrnehmung nur vollauf bestätigt. Ich habe sofort den Weißen in Euch erkannt, trotz Eurer Vermummung. Wenn mich etwas irre zu führen vermocht hätte, dann war es die Schlauheit und Geschicklichkeit, mit der Ihr die Omaha zu beschleichen wußtet; die Kaltblütigkeit, mit der Ihr meinem Wächter das Jagdmesser zwischen die Rippen gestoßen habt. Ob es nun Eurerseits Verstellung ist oder ob Ihr wirklich der ehrlichen Überzeugung seid, ein Roter zu sein, das weiß ich nicht. Seht Euch aber doch einmal etwas genauer an! Seht Ihr aus wie ein Pe-ta-ha-vah-da?«

Beutelratte wollte entgegnen, doch blieb es bei dem Versuche; er brachte kein Wort über die Lippen. Alles Blut war mit einem Male aus seinen braunen verwetterten Zügen gewichen, sein Gesicht mehr und mehr aschfahl geworden.

Der Weiße hatte das alles mit seinen scharfblickenden Augen sehr wohl beobachtet und schien darüber die größte Befriedigung zu empfinden.

»Ja, mein Lieber, ich täusche mich nicht,« fuhr er nachdrücklichen Tones zu reden fort. »Ich gehe jede Wette ein, daß auf Eurem Halse ein ganz gewöhnlicher angelsächsischer Kopf sitzt, von dem Typus der roten Leute völlig verschieden. Seid von der Güte und greift in meine Brusttasche, Ihr werdet da einen kleinen Handspiegel finden.«

Beutelratte tat zögernd wie ihm geboten und zog aus der Tasche des Weißen ein kleines metallenes Gehäuse von Talergröße hervor, dessen beide Deckel er auf Geheiß auseinander schlug. Zwei kleine gläserne Spiegelscheiben kamen zum Vorschein, dem eitlen, putzsüchtigen indianischen Krieger gewöhnlich nichts Neues.

»Seht in diesen Gläsern Eure schönen großen Augen mal an,« fuhr der Weiße fort, während der Pe-ta-ha-vah-da tat, wie ihm geheißen. »Sind sie nicht von dunkelstem Blau, während Eure roten Brüder ausnahmslos schwarze kleine Feuerräder in den Augenhöhlen tragen? Ihr kennt die niederen Stirnen der Rothäute? Wie ist dagegen die Eure hoch, breit und eckig. Daß sie auch bei Euch nieder erscheint, kommt von den langen schwarzen, in Wahrheit aber blonden oder hellbraunen Haaren, die Euch ungeordnet über die Stirne hängen. Ihr werdet doch zugeben, daß Eure Haare, so lange Ihr Euch auf dem Kriegspfade befunden, keine schwärzende Farbe mehr erhalten haben?«

Beutelratte nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»Seht Eure Augen etwas genauer an, wie sie regelrecht rechts und links von der geraden Nase sitzen, wie das Weiß um die Iris hell glänzt. Habt Ihr noch nicht bemerkt, wie das Auge der Rothaut etwas schief gestellt, gegen das unsere viel kleiner und wie das Weiße getrübt ist? – Eure Lippen sind nicht gerade fein geschnitten, die Lippen der Rothäute aber sind fleischig, fast wulstig. Eure Ohren liegen glatt am Schädel, während die des roten Mannes wie die Krughenkel vom Kopfe abstehen. Seht Eure Fingernägel – wir wollen sie mit den meinen vergleichen – haben sie nicht fast genau dieselbe Bildung? Eine Bildung, die bei der Rothaut eine ganz abweichende ist. Und mit etwas Seife und gutem Willen würde auch Eure von Farbe und Fett glänzende Haut hübsch sauber zu bleichen sein. Und dann Eure ganze übrige Erscheinung! Seht Euren Oberarm an! Wo findet Ihr in Eurem Dorfe einen jungen Mann von Eurer Muskelstärke?«

Äußerlich ruhig, hatte Beutelratte die Sturzwelle aller dieser Vergleiche über sich ergehen lassen und er war den Weisungen des Mannes mit dem Spiegel in der Hand unwillkürlich gefolgt. Das Erstaunen und die Erregung, die ihn anfänglich in ihrem Banne hielten, hatten sich zwar gelegt, doch der ganze Vorgang entschieden einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.

»Wenn das Auge des Bleichgesichts so scharf sieht,« so fragte der junge rote Krieger jetzt mit unsicherer, belegter Stimme, »wenn es so gut unterrichtet ist, wie will es sich mit der Tatsache abfinden, daß Beutelratte von jung auf ein Kind des Stammes der Pe-ta-ha-vah-da gewesen ist?«

»Wenn das in der Tat der Fall war, wie soll ich das erklären können? Vielleicht war schon Euer Vater durch irgend einen Umstand dem Stamm der Pe-ta-ha-vah-da angegliedert worden. Man erzählt sich Fälle genug, daß ein Weißer, um sein Leben zu retten, genötigt wurde, eine Squaw zur Frau zu nehmen.«

»Beutelratte weiß von keiner Squaw, Beutelratte weiß von keiner Mutter.«

Mit dem Spiegel in der Hand folgte Beutelratte den Weisungen des weißen Mannes.

»Das will ich Euch gerne glauben, denn wenn Ihr Euch erst ordentlich gewaschen und ein wenig zivilisiert habt, dann werdet Ihr, ich wette, auch gar nicht aussehen wie ein Halbindianer. Aber vielleicht hat man Euren Vater und Eure Mutter auf irgend einer Farm erschlagen, Euch als Kind entführt, geraubt+… was weiß ich, wie das oft recht harte Schicksal mit Euch und den Euren umgegangen sein mag!«

Mit offenem Munde hatte Beutelratte den Worten gelauscht.

Eine Blutwelle nach der anderen schoß ihm in das Angesicht.

Wie zuvor hingen auch jetzt wieder seine Augen, wie mit unsichtbaren Banden gefesselt, an den Lippen des Fremden. So starrte er ihn geraume Weile an, als plötzlich die Büffelhaut, die den Eingang der Hütte bedeckte, beiseite geschoben wurde.

Eine Rothaut trat ein, die von der Anwesenheit des jungen Kriegers keine Notiz nahm, war es doch allgemein bekannt, daß Beutelratte den weißen Mann aus dem Dorfe der Omaha entführte, und was lag näher, als anzunehmen, daß er aus diesem oder einem anderen naheliegenden Grunde das Bedürfnis einer Unterredung gehabt hatte.

Beutelratte seinerseits überwand die Aufregung augenblicklich.

Stolz richtete er sich auf und sagte kühl und gelassen: »Das Bleichgesicht hat Wünsche, die nicht ohne weiteres zu erfüllen sind. Es wird am besten tun, sein Geschick in Ruhe abzuwarten. Der weiße Mann hat es selbst verschuldet, wenn er der Gefangene der Pe-ta-ha-vah-da geworden ist; diese werden sich das Recht nicht nehmen lassen, über ihn zu befinden.«

Sprach's, ging, ohne eine Entgegnung abzuwarten, an dem Wärter vorüber und trat ins Freie.

Mit der Gelassenheit, die Beutelratte soeben noch äußerlich zur Schau trug, mochte es aber herzlich schlecht stehen. Er durchschlenderte zwar anscheinend ganz gleichmütig die Dorfgassen; die Wogen der Erregung, welche die Behauptungen des Weißen in ihm hervorgerufen hatten, vermochte er doch nicht völlig in sich hineinzudämmen; sie spiegelten sich ab und zu ganz deutlich in seinem Angesicht.

Da er das fühlen mochte, ging er den gaffenden und lärmenden Gruppen offensichtlich aus dem Wege und gelangte so an das Ende des Dorfes. Hier standen einige Mustangs angepflockt, und im Nu saß er auf dem Rücken eines der Tiere.

Wie der Sturmwind fegte das edle Pferd im nächsten Augenblick dahin über Stock und Stein, hinaus nach dem Tale, wo die Omaha vor wenigen Tagen die Mustangs entführt hatten.

Hier jagte der junge Krieger das Tier so lange kreuz und quer, bis es unter ihm fast zusammenbrach. Mitten im tollsten Ritt sprang er leicht wie ein Federball zur Erde; der Gaul trabte keuchend weiter. Beutelratte aber, von Unruhe getrieben, wandte sich mit stürmischen Schritten dem Walde zu.

Hier unter den Riesenstämmen schien es einen Augenblick, als ob er sich auf sich selbst besinnen würde. Er ließ sich auf einen Baumstumpf nieder, starrte eine Weile vor sich hin, eilte dann aber wieder hastig weiter.

Der Wald wurde immer dichter, nirgends ein Pfad, weit und breit keine Lichtung.

Beutelratte aber begann ohne Zweck und Ziel durch dick und dünn, immer toller, über alle Hindernisse hinwegzurasen.

Da die Bäume des Urwaldes stehen bleiben, bis sie im Kampfe ums Dasein niederbrechen, bildeten sie hier in dieser kaum begangenen, fast noch unberührten Wildnis ein weites großes Wirrsal. Neben den Zeugen längst entschwundener Jahrhunderte standen riesige kraftvolle Jungstämme. Viele der Waldriesen waren vom Sturm oder aus Altersschwäche niedergebrochen, ihre Trümmer lagen in wirrem Durcheinander am Boden; hier ein einzelner Strunk, dort zu ganzen Haufen übereinandergetürmt. Darüber und dazwischen wucherte eine Anzahl struppiger Büsche und junger Schößlinge, dunkelgrüne Mose und fächerartige Farne. Nur die sprunggewandte Rothaut, der Sohn dieser Wälder, vermochte über alle diese Hindernisse mit solcher Sicherheit und Schnelligkeit vorwärts zu gelangen. Und immer wilder und ungestümer wurde des erregten jungen Kriegers Lauf, bis die eingetretene Dunkelheit seinem Rasen ein Ziel setzte.

Schwer atmend hielt er an, seine Blicke flogen suchend umher – war es dort, kaum hundert Schritte weit vor ihm, nicht etwas lichter? Hastig stapfte er der Helle zu. Mit einem Male lachte er gellend auf – lag dort nicht das Dorf, in dem man zur Feier des Tages die Fackeln zum abendlichen Skalptanze entzündete? Und wieder lachte er hämisch. Er hatte in seiner blinden, ziellosen Hast bergan und bergab fast gar einen Halbkreis durchlaufen und fand sich jetzt unvermutet ganz in der Nähe des Dorfes am Rande des Waldes wieder.

Nach Atem ringend ließ er sich nieder.

Den Kopf in beide Hände gestützt, versank er in dumpfes Brüten.

Was war es nur, das der gefangene weiße Mann unten in der Hütte zu ihm gesprochen?

Der junge Krieger bemühte sich, alles, was das Bleichgesicht ihm vorgehalten hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen, sich bewußt zu werden, was den ungewohnten Sturm in seiner Brust angefacht hatte, was so plötzlich über ihn hereingebrochen. Doch ihm wurde nur noch mehr wirr und wüst im Kopfe; er vermochte die Flut der wirbelnden Gedanken nicht zusammen zu fassen. Sie verwoben sich unklar nur zu einem einzigen drückenden Gefühl: daß er herausgehoben sei aus dem Geleise seines bisherigen Daseins, daß er vor Dingen stand, die wie eine unklare dumpfe Ahnung über sein seelisches Empfinden sich legten, die er aber noch nicht zu erfassen und zu begreifen vermochte. Wild schüttelte er das haarumflatterte Haupt und aufs neue stiegen die Erregung und der Unmut in ihm auf.

Der Dämmerung waren die Schatten der Nacht auf dem Fuße gefolgt; sie hatten sich nun auch auf das Dorf niedergesenkt.

Umso heller leuchtete jetzt der Schein der Kienfackeln vom Dorfe herüber und ein dumpfes unbestimmtes Geräusch, herrührend von vielen verworrenen Menschenstimmen, drang bis zum Waldrand.

Ein kühler Luftzug erhob sich und mit ihm erlosch der letzte lichte Streifen weit am westlichen Horizonte. Ein leichter Nebel hatte sich mit Eintritt der Dämmerung unten im Tale über dem kleinen Gewässer erhoben, ballte sich dichter und zog in lichten Schwaden dem Walde zu. Ringsum unter den Riesenstämmen war es still geworden; keine Vogelstimme, nicht der leiseste Laut ließ sich vernehmen.

Auch in der Brust des jungen Kriegers war es allmählich ruhiger geworden. Längstvergessenes rollte sich vor seinem inneren Auge auf und rundete sich zu Bildern, die sich weich und lind um sein stürmisch pochendes Herz legten.

Wie war es denn gewesen, damals in seiner frühesten Jugend+… wußte er von einem Vater oder einer Mutter? Er konnte sich keine Antwort geben, die Erinnerung an seine erste Kindheit, sie war völlig erloschen. Wohl aber glaubte er sich der ersten Knabenjahre zu erinnern, da er mit den gleichalterigen Jungen vor den Hütteneingängen mit bunten Steinen spielte, da sie die ersten Bogen zu schnitzen versuchten und mit stumpfen, kindlich unförmigen Pfeilen nach den struppigen Dorfkötern schossen.

Er erinnerte sich, daß er damals seiner blonden Haare wegen täglich das Ziel des Spottes aller seiner Spielkameraden gewesen und daß sie ihn ob seiner lichten Augen verlachten. Wie oft war es deswegen zu einer Balgerei gekommen, bis die Squaws aus ihren Hütten herbeiliefen und laut kreischend Frieden stifteten. Sollte es in der Tat wahr sein, was der weiße Mann ihm gesagt hatte, was das Bleichgesicht auf den ersten Blick erkannt haben wollte? Und dann, später, nach wieder einigen Jahren, ja dann war er wie alle Rangen des Dorfes nach und nach ein wilder Bursche geworden, voll Temperament, ungezügelter Rauflust und bengelhaftem Trotz. Er war immer einer der stärksten unter ihnen gewesen, war der beste Schütze, warf das Kriegsbeil auf eine Nagelbreite, bändigte den wildesten Mustang und – ja, dann war die Spottlust allmählich verstummt; sie hatte bei den Kameraden allmählich der Bewunderung und dem Ansehen, das man dem Überlegenen zollt, Platz gemacht. Als dann die Jünglinge mit den Toilettenkünsten der erwachsenen Krieger, den Farben- und Fetttöpfen bekannt wurden, ihre Leiber nach deren Vorbild zu bemalen pflegten, da wußte er diese Mittel zu benutzen, um dem, was ihm von der Natur versagt geblieben war, in geschickter Weise nachzuhelfen. Wie von selbst war seine Haut nach und nach ebenso dunkel geworden, sein Haar ebenso rabenschwarz, wie das seiner Kameraden. Allgemach waren dann auch alle jene Bemerkungen, die ihn vordem so schmerzlich berührt hatten, verstummt; die Kameraden, er wußte das, betrachteten ihn nun seit Jahren schon völlig als ihresgleichen. Und nun kam dieser weiße Mann und warf ihn mit einem Male aus den gewohnten Geleisen!

Wie war ihm doch+… vermochte er die Behauptungen, die dieses Bleichgesicht ihm entgegenhielt, zu entkräften? Rührte sich in ihm, ganz tief innen, nicht doch ein unbestimmtes, ein ihm noch unbegreifliches Etwas, das ihm zu sagen schien, daß jener weiße Mann am Ende doch recht haben könnte?

Hatte er sich nicht oft schon über sich selbst gewundert, wenn er sich dabei betraf, daß seine Denkweise, sein Temperament oft so ganz anders geartet war, als dasjenige der anderen Jünglinge? Sollte er wirklich das Kind weißer Eltern sein, die durch Zufall oder irgend ein Mißgeschick in die Hände der Rothäute gerieten?

Wäre es nicht das einfachste, der Quälerei zu entgehen, den Zweifel zu lösen, die ältesten Krieger, vielleicht den Sachem zu befragen, die seine Jugend, seine Herkunft doch kennen mußten? Und doch, wäre das nicht eine große Unklugheit, gerade jetzt, da ein Weißer im Dorfe gefangen gehalten wurde? Würde man nicht argwöhnisch gegen ihn werden? Könnte das kaum gewonnene Ansehen des jungen Kriegers nicht böse in die Brüche gehen? Und, war man erst von Mißtrauen gegen ihn erfüllt, dann war unter Umständen nur noch ein kleiner Schritt dahin, ihn sogar der Freiheit zu berauben.

Stöhnend fuhr Beutelratte aus seinen Sinnen auf und sein Blick blieb an der silberglänzenden Scheibe des Mondes haften, die sich über die gespenstig wogenden Umrisse eines gegenüberbefindlichen Hügels erhoben hatte. Ein magisches Leuchten war entstanden über den Kronen der nächtlich schwarzen Urwaldriesen, das sich in leichtflockigen Silberwellen fortsetzte und niederflutete auf Tal und Dorf.

Überrascht und ergriffen starrte Beutelratte hinein in die Pracht des Vollmondzaubers, der ihm zugleich zum Bewußtsein brachte, wie lange er brütend hier gesessen.

Plötzlich fuhr er auf+… langgezogene klagende Töne waren zu seinen Häupten laut geworden.

Und er kannte diese Töne. Wie seltsam sie ihn jetzt berührten!

Sie kamen von der Höhe des Hügels, den die Frauen und Mütter der erschlagenen Krieger mit Eintritt der Dämmerung alten Brauches gemäß erstiegen hatten, dort in stiller Einsamkeit die Totenklage anzustimmen.

Wie doch das Schicksal die Lebensfäden der Menschen so verschieden wand und knüpfte!

Dort unten im Dorfe feierte man tanzend und lärmend den Sieg der Pe-ta-ha-vah-da, da oben auf der Höhe beweinten die Frauen und Mütter ihre Gatten und Söhne.

Unwillkürlich mußte Beutelratte an sich selber und vielleicht zum ersten Male in seinem Leben daran denken, daß auch er einst eine liebende Mutter besessen.

Würde sich das geheimnisvolle Dunkel, das über seinen Jugendtagen lag, jemals aufhellen? Hatte auch er einen Vater, der erschlagen wurde, eine Mutter zu betrauern, die einst vielleicht, aus schmerzerfüllten brechenden Augen, ihrem Kinde den letzten Blick zuwarf?


Anderen Tages waren der junge Wolf und Beutelratte vor das Dorf hinausgegangen, hatten im nahen Bache geangelt und sich dann am Rande des Gewässers niedergelassen.

Wie zwei junge Alligatoren, die das Bedürfnis fühlen, sich in der Mittagsglut zu sonnen, lagen sie langgestreckt auf dem weichen Sandboden und verbrachten die Zeit mit süßem Nichtstun.

»Die Zunge meines Bruders scheint heute wieder einmal etwas schwer zu sein,« sagte der junge Wolf, nachdem er seinen Kameraden einige Zeit forschend von der Seite her betrachtet hatte, der, mit den Händen unter dem Kopfe, auf dem Rücken dalag und gedankenverloren den blauen Himmel anstarrte.

»Müssen die jungen Krieger stets schwatzen wie die Squaws, die immer sehr leicht den Anfang, aber nur schwer das Ende zu finden wissen?«

»Das ist allerdings weder die Pflicht noch die Gewohnheit eines jungen Kriegers. Aber mein Bruder hat den ganzen langen Morgen keine zehn Worte gesprochen. Es war an der Zeit, ihn darauf aufmerksam zu machen.«

Beutelratte antwortete nicht, drehte vielmehr träge der Sonnenscheibe die andere Körperhälfte zu. Die Anzapfung seines Genossen schien offenbar wenig nach seinem Geschmacke.

»Beutelratte denkt sicherlich wieder daran,« fragte der junge Wolf über eine Weile, »wie er es nunmehr anstellen wird, einen anderen Kriegernamen zu erhalten?«

»Allerdings. Beutelratte hat in den letzten Tagen sehr viel daran gedacht. Er wird es auch versuchen, sobald er den richtigen Zeitpunkt für gekommen erachtet.«

»Er kann es getrost jetzt schon tun. Er hat auf dem Kriegspfade sehr viele Klugheit und große kriegerische Geschicklichkeit bewiesen, um die ihn mancher ältere Krieger beneidet hat. Er wußte sich außerdem im Kampfe sehr rühmlich auszuzeichnen. Die Ratsversammlung würde ihm ohne Zweifel jetzt schon sehr gewogen sein.«

»Dennoch gedenkt Beutelratte noch einige Zeit vorübergehen zu lassen. Die nächste Versammlung des großen Rats wird sich ohnedem mit anderen Fragen zu befassen haben.«

»Man wird über den weißen Mann befinden müssen, den Beutelratte zum Gefangenen gemacht hat. Wie der Beschluß der Ratsversammlung wohl lauten wird?«

»Es dürfte dem Bleichgesicht schlecht genug ergehen. Seine Tat schreit laut nach Rache. Was dieser Mann verbrochen hat, wird ihn trotz der guten Dienste, die er den Pe-ta-ha-vah-da leistete, an den Pfahl bringen.«

»Möglich, daß der große Rat den geleisteten Diensten Rechnung trägt. Aber auch dann noch dürfte das Bleichgesicht mindestens um sein Leben kämpfen müssen.«

»Es würde das erste Mal sein, daß die Pe-ta-ha-vah-da ein solches Schauspiel sehen.«

»Ein Schauspiel, dessen Ende vorauszusehen ist. Der weiße Mann wird, wenn es so weit kommen sollte, die besten Läufer hinter sich haben und ganz sicher unterliegen.«

»Aber auch alle übrigen Krieger, ja das ganze Dorf wird dann auf den Beinen sein.«

»Es wird zu aufregenden Szenen führen. Die Krieger der Pe-ta-ha-vah-da werden dem Manne großmütig einen Vorsprung gewähren. Er wird wie besessen davonrennen, in der Hoffnung, die Freiheit zu gewinnen. Aber die Läufer werden wie die Hirsche hinter ihm her sein; sie werden geraume Zeit mit ihm spielen und ihr Vergnügen daran haben.«

»Das Bleichgesicht wird sich mit trügerischen Hoffnungen tragen. Zuletzt werden die Krieger den weißen Mann doch einholen und sein Schicksal wird besiegelt sein.«

»Sie werden den Lauf des Blaßgesichtes genau beobachten, seine Erschöpfung rechtzeitig bemerken und dasselbe, ehe es zusammenbricht, mit ihren Lanzen niederstechen.«

»Wann glaubt mein Bruder, daß die Pe-ta-ha-vah-da dieses Schauspiel erleben werden?«

»Vielleicht in einigen Tagen schon, vielleicht aber auch in vielen Wochen erst.«

»Warum nach langen Wochen erst?«

»Weiß mein Bruder nicht, daß die Angelegenheit des weißen Mannes eine Wendung zu nehmen scheint, die annehmen läßt, daß man die Ratsversammlung wahrscheinlich hinausschieben wird. Beutelratte mag daraus entnehmen, daß er viel zu sehr bei seinen Gedanken verweilte, daß er den ganzen Tag mit offenen Augen geschlafen hat.«

»Warum sollte die Ratsversammlung hinausgeschoben werden? Was ist vorgegangen?«

»Der Wächter hat mit dem Gefangenen ein Gespräch angeknüpft und dabei erfahren, daß das Bleichgesicht kranke Flinten gesund zu machen versteht. Dies hatte sich alsbald im ganzen Dorfe herumgesprochen. Seit dem frühen Morgen wandern die Krieger, deren Flinten nur schlecht zu sprechen vermögen, zu der Hütte des weißen Mannes.«

»Wenn das zutrifft, dann wird das allerdings vielen Kriegern sehr willkommen und geeignet sein, dem Bleichgesicht das Leben noch einige Zeit zu fristen.«

»Der weiße Mann scheint viel Klugheit zu besitzen, die Pe-taha-vah-da werden daher gut tun, ihm ebenso viele Klugheit entgegenzusetzen.«

»Womit hätte das Bleichgesicht die Klugheit bewiesen?«

»Es hat sich ausbedungen, daß ihm während der Arbeit die Fesseln abgenommen werden. Es hat ferner erklärt, daß es für die Gesundung einer Flinte vielleicht oft mehrere Tage nötig haben wird. Wenn die Krieger alle, die zu dem Manne gelaufen kamen, auf ihrem Verlangen beharren, dann wird es dem Bleichgesicht gelingen, die Ratsversammlung noch sehr weit hinauszuschieben.«

Beutelratte war sehr nachdenklich geworden.

Mit großen, weitgeöffneten Augen starrte er wieder die Himmelsdecke an. – Plötzlich sprang er mit beiden Beinen zugleich auf und rief: »Uff! Beutelratte will die Arbeit des weißen Mannes sehen. Der junge Wolf mag mitkommen!«

Auch der andere erhob sich. Sie wanderten mit langen Schritten dem Dorfe zu.

Vor der Hütte des Gefangenen angekommen, fanden sie das, was der junge Wolf behauptet hatte, vollauf bestätigt.

Wohl an vierzig Krieger umstanden das auf der Erde hockende Blaßgesicht und beobachteten mit größtem Interesse, wie dasselbe mit Hilfe einiger kleinen Taschenwerkzeuge an den einzelnen Teilen einer zerlegten Flinte mit wichtiger Miene allerlei Manipulationen vornahm. Hier wurde ein kleiner Eisenteil sorgsam zurecht gefeilt, dort ein wenig gehämmert, hier ein Schräubchen fester angezogen, wieder etwas gelockert; dazwischen ein geschäftiges Reiben, Proben und Putzen.

Große Freude erregte es unter den Rothäuten, als nach etwa einer Stunde der Eigentümer der Flinte seine Waffe wohlmontiert und blank geputzt zurück erhielt, nachdem der weiße Mann zuvor noch die ganze Versammlung überzeugt hatte, daß der krank gewesene Mechanismus des Flintenschlosses jetzt wieder nichts zu wünschen übrig ließ.

Wohl an dreißig Flinten wurden hierauf dem Wunderdoktor unter einem Schwall von Klagen und Wünschen entgegengestreckt. Doch der lachte laut auf und erklärte, daß er eine solche Menge Arbeit nur nach und nach bewältigen könne. Als die Rothäute zu drängen nicht nachließen, schlug er vor, man möchte ihm doch wenigstens einen Gehilfen geben, daß dann die Sache vielleicht etwas schneller ginge.

Das leuchtete ein.

Sogleich liefen einige ältere Krieger mit der wiederhergestellten Flinte zum Sachem, diesem von dem Stande der Angelegenheit zu berichten.

Der ließ die anderen Häuptlinge herbeirufen und die hatten zunächst mannigfache Bedenken, verschlossen sich im Laufe der Auseinandersetzung aber nicht der Einsicht, daß es nur nützlich sein konnte, wenn man dem Fremden einen Gehilfen gäbe, da ja dann die Rothäute nicht nur schneller in den Besitz verbesserter Flinten kamen, sondern auch auf die einfachste Weise in die geheimnisvolle Kunst des weißen Mannes eingeweiht würden.

Als man den Flintendoktor, wie die Pe-ta-ha-vah-da ihren Gefangenen von nun an hießen, diese Entschließung mitteilte, stellte er eine weitere Bedingung.

Er setzte den Rothäuten auseinander, daß nicht jede Hand geschickt genug sei, die oft sehr schwierigen Arbeiten auszuführen, daß er sich daher das Recht vorbehalten müsse, sich den Gehilfen unter den Kriegern selbst auszuwählen.

Als man sich ohne weiteres damit einverstanden erklärte, musterte er prüfend Mann für Mann und Beutelratte mußte sich Gewalt antun, seine wenig angenehme Überraschung nicht merken zu lassen, als das Auge des Gefangenen auf ihm haften blieb.

Eifrig wurde an den Flinten gehämmert, gefeilt und gesäubert.

Als der Flintendoktor dann mit einiger Weitschweifigkeit erklärte, daß er es mit diesem jungen Krieger versuchen wolle, erhob sich unter den Rothäuten, denen die Arbeit noch nie in ihrem Leben als erstrebenswert erschienen war, allseitige Zustimmung.

Ehe noch Beutelratte in seiner Verwirrung ein Wort der Ablehnung zu finden vermochte, war die Angelegenheit bereits als geordnet zu betrachten, ein Rückweg nicht mehr gut möglich.

Von da an fand sich Beutelratte allmorgendlich bei dem Flintendoktor ein.

Man nahm dem Manne die Fesseln ab und dann ging man an die Arbeit.

Hatte diese für Beutelratte anfänglich wenig Verlockendes, so gewann er doch bald ein regeres Interesse.

Schon nach wenigen Tagen verstand er eine Flinte in ihre Teile zu zerlegen und entdeckte wohl auch selbst schon die Ursache, warum der Mechanismus da und dort schlecht im stande war, wohl auch ganz versagte.

Eifrig wurde dann gehämmert, gefeilt und gesäubert und am Abend, wenn eine oder mehrere Flinten wieder heil gemacht waren, empfand er über seine Geschicklichkeit, die sich täglich steigerte, große Befriedigung.

Allgemach war auch die Scheu, die er dem weißen Manne gegenüber empfunden hatte, mehr und mehr gewichen.

Beutelratte hatte befürchtet, daß das Bleichgesicht die gemeinsame Arbeit nutzen und alsbald wieder auf das abgebrochene Thema der weißen Abstammung zu sprechen kommen würde, doch war, wohl mit Rücksicht auf die stetige Anwesenheit anderer Krieger und des ständigen Wächters, bis jetzt kein Wort davon gefallen.

Wohl aber erzählte der Weiße im Laufe der geführten Gespräche die staunenerregendsten Dinge von der Geschicklichkeit der Blaßgesichter, wie sie die wunderbarsten Flinten zu machen verständen, tief unter der Erde das dazu nötige Eisen zu finden und an das Tageslicht zu bringen wüßten. Er erzählte von turmhohen Wigwams, in denen das vielbegehrte Metall in feuerflüssigen Zustand versetzt würde, daraus die weißen Männer nicht nur die Flintenbestandteile, sondern auch Kanonen und die erstaunlichsten Maschinen herzustellen vermöchten.

Mit ungeheucheltem, steigendem Erstaunen hörte Beutelratte immer wieder diese Schilderungen an und im selben Maße wuchs in ihm unversehens die Zuneigung zu dem wunderbaren Volke, dem er angehören sollte.

Als der Weiße dann auch noch die Vorzüge der Lebensweise und den Heldenmut der Blaßgesichter rühmte, die mit ihren überlegenen Waffen auf dem Kriegspfade noch viel größere Taten als der rote Mann zu verrichten im stande seien, da fühlte Beutelratte etwas wie Stolz in seine Brust einziehen.

Noch gestand er sich's nicht ein, daß der Wunsch in ihm rege geworden sei, dieses Volk und seine Wunderwerke kennen zu lernen, aber er ertappte sich oftmals schon darauf, daß die Scheu, die er vor dem weißen Mann gehegt und die Zurückhaltung, die er sich ihm gegenüber auferlegt hatte, einer gewissen Vertraulichkeit, ja freundschaftlichen Gesinnung gewichen war.

So hatte die gemeinsame Arbeit schon drei Wochen angedauert.

Die Krieger waren hocherfreut, ihre Flinten nach und nach wieder in einen guten Zustand versetzt zu sehen und von einem Zusammentritt der großen Ratsversammlung war bisher nicht wieder die Rede gewesen.

Auch die Bewachung des Gefangenen war allgemach eine lässigere geworden und eines Morgens fehlte der Wächter ganz.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte der Weiße erstaunt, als Beutelratte bei ihm eintrat, ihm die Fesseln abzunehmen, die ihm sonst nur von dem Wächter abgenommen worden waren. »Hat man sich besonnen? Will man die Drohungen, die gegen mich erhoben wurden, nicht zur Wahrheit machen?«

»Beutelratte weiß das nicht. Immerhin scheinen die Pe-ta-ha-vah-da, da der weiße Mann ihre kranken Flinten kurierte, aus Dankbarkeit eine mildere Gesinnung gegen ihn zu empfinden.«

»Das heiße ich vernünftig sein und sollte mich wirklich freuen. Aber noch mehr würde ich erfreut sein, wenn man mich nicht zu lange auf die Folter spannen wollte. Könnt Ihr sagen, worin diese milde Gesinnung bestehen soll? Was man jetzt mit mir vorhat?«

»Beutelratte ist ein junger Krieger, er darf den geheimen Beratungen der Ältesten des Stammes noch nicht anwohnen. Er weiß daher nicht, was diese der großen Ratsversammlung vorschlagen werden. Was er sagt, ist nichts weiter als Vermutung.«

»Immerhin habt Ihr selbst auch schon sicherlich ein Urteil über mein Geschick gebildet. Wie glaubt Ihr jetzt, daß es sich gestalten wird?«

»Beutelratte kann das unmöglich wissen. Es könnte ja sein, daß die Pe-ta-ha-vah-da geneigt sein werden, dem weißen Manne das Leben zu belassen, jedenfalls aber nur dann, wenn er gewisse Bedingungen erfüllen wird.«

»Bedingungen? Welcher Art die wohl wären?«

»Das kann Beutelratte ebensowenig sicher sagen, er kann überhaupt nur von Möglichkeiten sprechen. Er muß sich sagen – und das dürfte auch die übrigen Krieger zu einer milderen Beurteilung bestimmen –, daß die Pe-ta-ha-vah-da ein Interesse daran haben, ihre Flinten stets in gutem Zustande zu wissen. Wenn sie das Bleichgesicht aber töten, würden sie auf diesen Vorteil verzichten müssen.«

»Natürlich würden sie das. Ihre Schießeisen würden nur zu bald wieder verrostet und versandet sein und dann stünden eure Krieger auf dem alten Standpunkt. Wenn sie mich etwa pfählen wollten, schneiden sie sich also selber in das Fleisch. Noch verständiger aber wäre es, sie würden ihr Gewissen nicht weiter belasten, sondern mich einfach laufen lassen.«

»Die Pe-ta-ha-vah-da können dem Bleichgesicht niemals die Freiheit schenken. Wenn sie es tun würden, könnte der weiße Mann früher oder später in die Hände der Comanches, der Osagen oder Dakota fallen, wie er in die Hände der Omaha gefallen ist.«

»Oho – dafür laßt mich sorgen! Das soll so leicht nicht wieder der Fall sein.«

»Immerhin könnte es eintreten, und dann würde das Bleichgesicht sich unter Umständen den Comanches oder den Dakota anbieten, die Flinten zu kurieren.«

»O, nun schwant mir, wo das hinaus will!«

»Die Pe-ta-ha-vah-da können selbstverständlich nicht wünschen, daß der weiße Mann ihren Feinden dieselben Dienste tut. Die Pe-ta-ha-vah-da müssen wünschen, daß die Flinten ihrer Feinde in möglichst schlechtem Zustand sind.«

»Das soll also so viel heißen: man wird mir das Leben schenken, nicht etwa aus Dankbarkeit oder gar aus Großmut, sondern lediglich aus Eigennutz. Man würde mir zwar eine gewisse Freiheit gönnen, aber ich würde im Grunde doch zeitlebens gefangen bleiben.«

»Die Pe-ta-ha-vah-da würden das Bleichgesicht nicht gefangen halten, wohl aber könnte es sein, daß sie dasselbe auffordern, in ihren Stamm als Krieger einzutreten.«

»Wahrlich, eine große Ehre!«

»Sie würden dem Bleichgesicht einen Wigwam anbieten und ihm freistellen, sich eine Squaw zu wählen.«

»Pfui der Kuckuck! Das sollte mir gerade noch fehlen!«

»Der weiße Mann würde alle Rechte eines Kriegers erhalten und als Flintendoktor vom ganzen Stamme sehr geschätzt und geachtet sein.«

»Gut! Alles schön! Nun will ich aber auch Euch etwas sagen. Ihr seid ein Weißer, ein Bleichgesicht, Ihr seid meines Blutes und meines Stammes.«

Beutelratte war auf diesen plötzlichen Vorhalt nicht gefaßt. Unwillkürlich zuckte er zusammen, als ob er den Stich eines bösartigen Insekts empfangen hätte.

»Und daß Ihr nachgerade selbst davon überzeugt seid,« fuhr der Weiße zu reden fort, »daß ich es Euch nicht mehr lang und breit begreiflich machen muß, das war in letzter Zeit deutlich genug an Euch wahrzunehmen. Darum habe ich auch seither davon geschwiegen, denn ich war mir sicher, ich konnte Euch getrost ganz Euch selbst überlassen.«

Beutelratte suchte zu entgegnen, doch er mußte vor dem durchdringenden Blick des Fremden die Augen niederschlagen. Er schwieg verlegen.

»Ich will Euch aber auf die Zumutung hin, der Ihr soeben das Wort geredet habt, noch etwas ganz anderes sagen. Denkt Euch, Ihr wäret nicht Eurem weißen Vater entführt, nicht Eurer weißen Mutter geraubt worden, Ihr wäret wirklich und wahrhaftig ein Pe-ta-ha-vah-da. Denkt Euch, ein unglücklicher Zufall bringe Euch in die Gefangenschaft der Bleichgesichter und diese erklärten – was sie bei ihrer hohen Gesittung selbstredend niemals tun würden – Euer Leben für verwirkt, aus dem einfachen Grunde, weil Ihr Euch Eurer Haut gewehrt habt. Denkt Euch, sie stellten dieselbe Bedingung: Ihr hättet fortan unter den Weißen zu leben, ihren Sitten und Gebräuchen Euch zu unterwerfen und eine weiße Frau zu nehmen. Würdet Ihr das nicht als eine unberechtigte, ja ungeheuerliche Zumutung zurückweisen, Euch nicht mit dem ganzen Stolz der Rothäute dagegen sträuben, Euch dagegen bäumen? Würdet Ihr die ganze Liebe zu Euren heimatlichen Gründen, zu Eurem Stamme, die Anhänglichkeit und Treue, die Ihr den Euren gelobt und bis dahin gleich einem glühenden Feuer im Herzen getragen, einfach wegwerfen und Eure Gesinnung ändern, wie man das Kleid, womit man den Körper bedeckt, wechselt? Niemals wird ein Pe-ta-ha-vah-da sich dem fügen, niemals sich dem unterwerfen, viel lieber den Tod erleiden. Und würden, wenn er es dennoch täte, die Pe-ta-ha-vah-da nicht mit Verachtung auf den Treulosen blicken und mit vollem Recht, denn der Mann wäre ein Verräter an den Seinen, wäre ein Ehrloser, und ihrer nicht mehr würdig. Und was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Was würdet Ihr dann als Weißer, der Ihr unbestritten seid, dazu sagen müssen, wenn ich der Forderung der Pe-ta-ha-vah-da entspräche, wenn ich mich selbst und meine Stammesangehörigkeit verleugnete, wenn ich mich vor mir selbst und meinen Stammesbrüdern dermaßen erniedrigte? Welche Summe von Verachtung würdet Ihr für mich empfinden, wenn ich in diesem Dorfe als Pe-ta-ha-vah-da neben Euch einherwandelte, als ein Mann, der sein Teuerstes und damit sich selbst weggeworfen hat? Und welche Summe von Verachtung müßte ich für Euch im Herzen tragen, für Euch, das Blaßgesicht, das in den Stunden der höchsten Not für den eigenen Stammesbruder kein Glied gerührt hat, sondern das Ungeheuerliche ganz ruhig geschehen ließ – –?«

Mit weit aufgerissenen Augen hatte Beutelratte alles dies angehört. Ihm war bei diesen Worten, die gleich einem Sturzbad sich über ihn ergossen, bald glühend heiß, bald eisig kalt geworden. Geknickt, doch ganz Ohr, stand er da – plötzlich aber reckte er sich hoch auf, trat flammenden Auges vor den Fremden und streckte beide Hände gegen ihn vor, als wolle er so dem Redestrom Einhalt gebieten. »Nicht weiter sprechen, das Blaßgesicht soll nicht weiter sprechen,« kam es bebend über seine Lippen, »Beutelratte will nichts mehr hören, er hat genug gehört.«

Wie wahnsinnig fuchtelte er dann, nach Worten suchend, mit den Armen in der Luft herum, drehte sich plötzlich um und lief mit stürmischen Schritten aus der Hütte. – Mit dem größten Erstaunen hatte der Weiße dieses leidenschaftliche Gebaren beobachtet. Schnell nahm er sein Arbeitsgerät auf und trat ebenfalls ins Freie. Dort gewahrte er, wie Beutelratte ganz ruhig, als wäre nichts geschehen, die Dorfgasse entlang wandelte.

Aber auch der Weiße wußte sich zu beherrschen. Anscheinend ganz gleichgültig prüfte er den Lauf einer Flinte, die er gegen die Schulter stemmte. Sein forschender Blick glitt aber über das Rohr hinweg. Er galt der jungen Rothaut, bis diese, am Ende der Gasse angelangt, um die letzte Hütte herumschwenkte.

Mit einem Lächeln der Befriedigung um die bärtigen Lippen ließ er sich dann vor der Hütte nieder und begann die Waffe zu zerlegen.

Als kurz darauf der Wächter sich einfand, zeigte sich dieser, nicht im mindesten überrascht, den Gefangenen ohne Fessel bereits bei der Arbeit zu finden.

Um die Mittagszeit stellte sich unverhofft auch Beutelratte wieder ein.

Er ließ sich, äußerlich ganz ruhig, an der Seite des Weißen nieder und begann voll Eifer ihm die gewohnten Dienste zu leisten.

So arbeiteten sie, wie gewöhnlich von einer Schar neugieriger Krieger und Kinder umlagert, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen, den ganzen Rest des Tages.

Als die Abendstunde kam, zu welcher die beiden die Arbeit einzustellen pflegten, war Beutelratte mit einigen nichtssagenden, gleichgültig hingeworfenen Bemerkungen gegangen.

Auch die Schar der Neugierigen hatte sich alsbald verlaufen.

Aus den Hütten rundum begannen kleine Rauchwölkchen sich zu erheben, die in dünnen Säulen höhenwärts zogen.

Die Squaws waren dabei, für die Ihren das Abendbrot zu bereiten.

Dies war die Zeit, die der Weiße, vor seiner Hütte liegend, in Nichtstun hinzubringen pflegte.

Den Kopf auf die Hand gestützt, lag er sinnend da, mit dem Wächter ab und zu eine Bemerkung über den einen oder anderen vorübergehenden Krieger oder über das Wetter tauschend.

Als dann die Schatten der Dämmerung auf das Dorf sich niedersenkten, wurde der Flintendoktor auf seine Matte geleitet und in gewohnter Weise an die Hüttenpfähle gefesselt.

Lange suchte er heute den Schlaf umsonst; seine Gedanken weilten bei der jungen Rothaut. Hatte er sich getäuscht, wenn er bisher des Glaubens war, daß es in der Brust des jungen Mannes trotz aller äußerlichen Gelassenheit, ganz gewaltig wühlte und gärte? Sollte er nach dem heutigen Vorgange nicht mehr als je daran glauben, hoffen dürfen, daß er ihn doch noch seinen Wünschen gefügig machen werde, ihm zur Flucht zu verhelfen?

Unter einer Flut von quälerischen Gedanken wand er sich schlaflos auf seiner Matte, um endlich, nach vielen Stunden erst, einzunicken.

Plötzlich war ihm, als fühle er eine rauhe, warme Hand über seine Stirne streichen.

Träumte er?

Nein, die Hand hatte sich mit entschiedener Bewegung auf seinen Mund gelegt und eine zweite schob ihm den kalten Stahl eines Jagdmessers zu.

Er hatte begriffen+… sein Blut geriet in Wallung, er hätte laut aufjubeln mögen!

Nochmals fühlte er den Druck der Hand auf seinem Mund. Das Messer lag an seiner Seite.

Vorsichtig drehte er sich herum, richtete sich auf+… geräuschlos befreite er sich von den Fesseln.

Dann wandte er sich um, von wo die Hand gekommen war, dem Kopfende zu+… die Zeltverkleidung war dort durchschnitten und erkennbar so weit zurückgeschlagen, daß ein Mann durch die Öffnung bequem hindurchschlüpfen konnte.

Im nächsten Augenblick stand er im Freien, an der Seite der jungen Rothaut, die ihm schweigend noch einmal die Hand auf den Mund legte und einen bereit gehaltenen Büffelmantel über die Schulter warf.

Geräuschlos ging es vorüber an einigen Hütten, dann hinaus auf die freie Wiese, dem unteren Talausgange zu.

»Das Bleichgesicht versteht es doch, auf einem Mustang zu reiten?« flüsterte Beutelratte, als sie das Dorf schon ziemlich weit im Rücken hatten.

»Natürlich verstehe ich das!« gab der Weiße ebenso leise zurück.

»Dann jetzt schneller kommen+… die Pe-ta-ha-vah-da noch mehrere Stunden schlafen+… jetzt ist die Gefahr nicht mehr so groß.«

Der Weiße hatte die Hand der Rothaut erfaßt und sie stumm an seine Brust gedrückt.

»Und was wird mit dir, mein Freund, dem ich die Rettung, meine Freiheit verdanke?« fragte er.

»Die Pe-ta-ha-vah-da werden sofort wissen, daß Beutelratte dem Bleichgesicht zur Flucht verhalfen hat. Er kann unmöglich in das Dorf zurückkehren; er wird mitreiten.«

»Dann fort+… laß uns eilen+… du hast mir das Leben wieder gegeben; es wird mir eine Ehrenpflicht sein, nun auch für dich zu sorgen!«

Eine halbe Stunde später saßen die beiden Ausreißer im Sattel. Weit unten im Tal hallte doppelter Pferdehufschlag.


 << zurück weiter >>