Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Ein unwillkommenes Ereignis

Am anderen Morgen war das Dorf der Pe-ta-ha-vah-da wie ausgestorben.

Kein Rauchwölkchen ringelte sich wie sonst um diese Zeit über dem Familienwigwam.

Die Hütteneingänge waren wie zur Nachtzeit verhangen, die Dorfgassen verödet. Nur einige Hunde schlichen träge in den Gassen umher, da und dort einen ergatterten Knochen benagend oder beschnüffelnd.

Dennoch war das Dorf nicht verlassen. Die Insassen pflegten, obwohl die Sonne allgemach bis zum Zenith emporgestiegen war, nur der Ruhe.

Mit der Erkürung und Einkleidung der jungen Krieger waren am Tage vorher die Festlichkeiten nämlich noch lange nicht zu Ende. Nachdem die große Ratsversammlung auseinandergegangen war, wurden die Krieger alsbald aufs neue zusammenberufen, wozu sich auch die Squaws und die Kinder einfinden durften.

Als die ganze Dorfinsassenschaft versammelt war, schleppten die Herolde eine große Zahl frischgefangener Fische und allerlei Wild herbei, darunter drei ganze Hirsche.

Noch einmal erschien der Medizinmann in voller Amtstracht, der in einer Reihe zeremonieller Handlungen diese Gaben, zum Danke für die zuvor erzeigte Willfährigkeit, den guten Geistern als Opfer darbot.

Sie wurden huldvoll angenommen, zugleich aber zum Zwecke der Vertilgung an die Dorfinsassen zurückverwiesen.

Alsbald ging es an ein Braten und Schmoren auf freiem Felde und an die Vorbereitung eines Festgelages, wozu die Squaws auch noch riesige Mengen Maiskuchen und allerlei Gewürze herbeischleppten.

Sobald die Fische und Bratenstücke gar geworden waren, begann ein allgemeines Schmausen, das fast den ganzen Rest des Tages in Anspruch nahm.

Als dann die ersten dunklen Schatten auf die Erde sich senkten, wurden Kienfackeln entzündet und bei ihrem Schein eine Reihe zeremonieller Tänze aufgeführt. Das gab ein ungemein malerisches Bild, wert eines wahrhaft künstlerischen Pinsels. Dabei ging es ungemein geräuschvoll her. Weithin über die umliegenden Höhen hallte das ununterbrochene wilde Jauchzen der Krieger, der Gesang der Squaws und Kinder, das Getöse der wilden Musik. Dazwischen verschaffte sich zu wiederholten Malen der Medizinmann Gehör. Er flehte zum Großen Geist um ergiebige Jagdbeute und um das tägliche Brot für Weiber und Kinder, bat um das Gesundwerden der kranken Flinten, um Überfluß an Pulver, Blei und Pferden und um den Beistand im Kampfe wider die Feinde. Und aufs neue huben dann immer wieder die geräuschvollen Gesänge und wilden Tänze an und reihten sich endlos, bis das silberne Mondlicht, das über den Wipfeln des Urwaldes erzitterte, dem ersten Tagesgrau weichend, allmählich verblaßte.

Es war Mittag vorüber, als der erste Wigwam sich endlich öffnete. Heraus traten zwei jugendliche Gestalten, der Junge Wolf und Beutelratte.

Sie durchwandelten die Dorfgassen und traten dann in der Richtung aus ein kleines Seitental heraus ins freie Gelände.

Jeder hielt eine zierliche Pfeife, aus dem Flügelbein eines Adlers gefertigt, zwischen den Lippen, aus der sie mächtige Rauchwolken vor sich hinbliesen.

»Hat mein Bruder den Unmut nunmehr überwunden, der seine Zunge am gestrigen Tage so sehr lähmte?« fragte der Junge Wolf nach einer Weile gemächlichen Dahinschlenderns.

Eine Wolke stieg auf in dem wettergebräunten Antlitz der anderen Rothaut, deren Züge sich übrigens sehr wesentlich von der Gesichtsbildung seines Freundes unterschieden. Der junge Krieger unterdrückte die kleine Wallung aber rasch und entgegnete: »Beutelratte weiß es sehr wohl, daß es müßig ist, sich über das unliebsame Ereignis am Bache des Waldes zu beklagen. Er wird dasjenige tun, das in diesem Falle das klügste ist: sich in das Geschick finden. Wollte er das unterlassen, würde er den Namen jenes anrüchigen Tieres dennoch tragen müssen.«

»Mein Bruder weiß, daß der Name den Ruhm des Kriegers nicht ausmacht. Beutelratte ist ein vortrefflicher Schütze und Jäger, er ist stark wie der Bär, flink wie das Wiesel und listig wie der Fuchs. Beutelratte hat allerdings den Namen eines anrüchigen Tieres erhalten, aber er wird gleichwohl ein großer und berühmter Krieger werden.«

»Beutelratte hofft allerdings, dereinst im Großen Rate nicht einer der Letzten zu sein. Aber sein Name wird es mit sich bringen, daß er noch manches Vorurteil dürfte bezwingen müssen. Der Junge Wolf wird das nicht nötig haben.«

»Der Junge Wolf wird seinen Kriegerruhm auch erst zu erwerben haben.«

»Aber er hat kein Vorurteil zu bekämpfen. Er hat den Namen eines Tieres erhalten, das die Begabung des Hundes, dieselbe Kraft und Ausdauer, dieselbe Sinnesschärfe besitzt. Es gibt dem Fuchs an Mut, List und Vorsicht nichts nach, im Gegenteil, es übertrifft ihn in manchen Stücken. Der Wolf versteht genau, welchem Tiere reine Fährte angehört; er beschleicht dasselbe, bis er es zu seine Beute gemacht hat. Wenn man aber dagegen den Namen der Beutelratte vernimmt, muß man, ob man will oder nicht, Abscheu empfinden, denn man wird sich unwillkürlich das träge, schlafsüchtige, abschreckend dumme und übelduftende Wesen dieses Tieres vorstellen. Ebenso unwillkürlich wird man diesen Gedanken aber auch auf den Menschen übertragen und von dem Träger dieses Namens zunächst mindestens nichts Gutes erwarten.«

»Mein Bruder stellt sich die Sache schlimmer vor als sie ist.«

»Beutelratte kann sich die Sache gar nicht schlimm genug vorstellen und es ist gut so; denn er will in dieser bösen Vorstellung den stetigen Anreiz finden, so bald als möglich zu einem anderen, besser klingenden Namen zu gelangen.«

»Hat sich mein Bruder schon einen Plan zurechtgelegt, wie er das ins Werk zu setzen gedenkt?«

»Beutelratte hegt die Absicht, so bald als möglich eine große Tat zu vollbringen.«

»Auch dazu wird ihm der Gute Geist sehr willfährig gesinnt sein müssen, denn eine wirklich große Tat wird Beutelratte nur auf dem Kriegspfad vollbringen können.«

»Er wird sie früher oder später vollbringen! Er schwört es bei dem Großen Geist, er wird sie vollbringen! Es ist nunmehr in verdoppelter Weise das Ziel seines Lebens geworden, seinen ganzen Mut, seine ganze Kraft, die letzte Faser daran zu setzen, sich mit großem Ruhm zu bedecken. Je eher er die Gelegenheit erhält, damit zu beginnen, umso lieber soll ihm das sein. Mein Freund und Bruder weiß, daß der Große Rat dem ruhmbedeckten jungen Krieger nicht versagen kann, sich nochmals eine Waldhütte zu erbauen, nochmals drei Tage und drei Nächte den Gürtel um die Lenden enger zu schnallen. Beutelratte wagt zu hoffen, daß der Gute Geist dem tapferen Krieger dann willfähriger sein wird und geneigter als ehedem dem Jüngling.«

»Beutelratte hofft, daß ihm dann der flinke Hirsch oder der tapfere Bär im Traume erscheinen wird.«

»Mag es der Hirsch oder der Bär sein, der wilde Panther oder der beutegierige Falke, gleichviel; wenn es nur nicht wieder die übelriechende Beutelratte ist.«

Die beiden verstummten und wandelten geraume Weile nebeneinander her, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.

Sie hatten das Seitental erreicht, dessen Sohle an seiner Eingangsstelle nur sehr schmal war, sich in seinem weiteren Verlaufe aber zu einem großen kesselartigen Wiesenplane erweiterte. Von einem schnell dahinschießenden Gewässer durchzogen, rings von bewaldeten Höhen umschlossen, bildete es gleichsam einen natürlichen Pferch, und hier wurden auch jeweilig die außer Benutzung stehenden Mustangs eingetrieben, um unter der Aufsicht einiger Rothäute der freien Weide überlassen zu werden.

Die beiden jungen Krieger waren ein ziemlich großes Stück Weges talauswärts vorgedrungen.

Sie erfreuten sich im Weiterschreiten des Anblicks einiger munterer Fohlen, die, voll jugendlichen Übermuts, ihre Muttertiere unausgesetzt unter allerlei lustigen Kapriolen umsprangen.

Weiter zurück, entlang dem Gewässer, graste eine größere Anzahl älterer Tiere, bei deren Anblick die beiden Rothäute plötzlich stutzig wurden.

»Was soll das? Das können doch nicht sämtliche Mustangs sein? Das ist nicht möglich!« rief Beutelratte. »Das Tal weiter hinauf ist aber leer. – Sieht mein Bruder weiter oben etwa einen Mustang?«

Der Junge Wolf hatte ebenfalls den Wiesenplan unruhigen Blickes überflogen und äußerte jetzt gleichfalls sein Erstaunen, daß das, was sie vor Augen hatten, sämtliche Tiere sein sollten.

»Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Sämtliche Krieger befinden sich im Dorfe; nicht ein einziger hat gestern oder heute nach seinem Mustang gerufen.«

Mit offensichtlicher Bestürzung überzählten die beiden jungen Rothäute die Tiere und kamen zu dem Schlusse, daß fast ein Drittel der Mustangs fehlen müsse.

Beutelratte legte den gekrümmten Finger der linken Hand auf die Zunge und stieß auf diese Weise einen eigenartigen, markdurchdringenden Pfiff aus, so scharf und schneidend, daß er ohne allen Zweifel durch den ganzen Talkessel hörbar sein mußte.

Der junge Krieger besaß ein vorzügliches, von ihm selbst dressiertes Reittier und war gewohnt, daß es sich auf diesen Pfiff stets sofort bei ihm einfand.

Wohl hoben die äsenden Tiere auf den Pfiff fast alle die Köpfe, sie spitzten die Ohren, aber kein Mustang rührte sich vom Platze.

Mit weiten Schritten eilte Beutelratte nach dem nächststehenden Tier und sprang, leicht wie ein Federball, auf dessen Rücken. Als der Junge Wolf das sah, lief auch er nach einem Pferde.

In vollem Rosseslauf jagten sie selbander das Tal hinauf, das Tal hinab, ihre Mienen drückten jetzt die größte Besorgnis aus; sie konnten das, was sie suchten, nicht finden.

Im vollsten Jagen warf Beutelratte seinen Mustang plötzlich herum und zeigte mit einem wild klagenden Ausrufe auf einen im Grase regungslos liegenden menschlichen Körper. – Ringsumher war der Grasboden in auffallender Weise zerstampft und zertreten.

Der Junge Wolf war mit seinem Mustang mehrere Pferdelängen vorausgeschossen. Auch er hielt plötzlich an, stieß denselben klagenden Ruf aus und wies auf einen zweiten regungslos im Grase liegenden Menschen.

»Das ist die Tat der Omaha, der elenden Pferdediebe! Sie sind räudige Hunde! Sie haben sich das Fest im Dorfe zu nutze gemacht, die beiden Wächter zu erschlagen und die besten Mustangs wegzustehlen.«

Beutelratte rief's. Flink warf er seinen Gaul herum und jagte dem Dorfe zu, daß von den Tritten des feurigen Mustangs die Rasenstücke mannshoch in die Luft flogen.

Auch der Junge Wolf drückte seinem Rosse die Schenkel in die Weichen; er sprengte dicht hinter Beutelratte her.

Mit dem gellenden Alarmrufe: »Hei–i, hei–i!« und unter dem einfallenden Gebell sämtlicher Dorfhunde stürmten sie gestreckten Laufes durch die Dorfgassen vor die Hütten der Häuptlinge, die augenblicklich erschienen und den Bericht der beiden jungen Rothäute mit ernsten Mienen entgegennahmen.

Der lärmende Einritt in das Dorf, das Hundegebell und Geschrei hatten sofort die ganze Dorfinsassenschaft auf die Beine gebracht.

Von allen Seiten liefen die Krieger, Squaws und Kinder herbei, die Ursache des plötzlichen Aufruhrs in Erfahrung zu bringen.

Ein betäubender Lärm entstand. Die wildesten Ausbrüche des Zornes aber erhoben sich, als die Kunde von dem Pferdediebstahl und dem Tode der beiden Wärter mit Blitzesschnelle von Mund zu Mund bekannt wurde. Überall bildeten sich Gruppen, die das Ereignis aufgeregt besprachen und dabei gegen die Urheber die wildesten Drohungen ausstießen.

Mittlerweile waren die beiden kriegerischen Häuptlinge, der Schwarze Vogel und Starkhand nicht untätig gewesen.

Sie hatten sofort zehn der besten Läufer und Fährtensucher rufen lassen, die ungesäumt aufbrechen mußten, die hinterlassenen Spuren der Pferdediebe ausfindig zu machen und den Weg, den sie eingeschlagen, festzustellen. Mehrere junge Krieger wurden ihnen beigesellt, welche die Meldung der Resultate auf den kürzesten Wegen an den Schwarzen Vogel zu überbringen hatten.

Nach verschiedenen Seiten stoben die Späher davon.

Schon nach kurzer Zeit überbrachte eine junge Rothaut die Botschaft, daß die Fährte auf einem Wildpfade durch die Wälder dem Sonnenuntergang zuführe, wodurch die Mutmaßung, daß die Omaha die Diebe seien, zur Gewißheit wurde.

Dieser Nachbarstamm hatte von jeher räuberische Gesinnungen bekundet. Er war dafür unlängst erst von den Dakota empfindlich gezüchtigt worden, wobei den Omaha viele Pferde weggeführt wurden.

Das in Betracht kommende Dorf lag zwar in den Wäldern, aber in geringer Entfernung einer großen Prärie, wo die Omaha mit Vorliebe den Büffel jagten, wozu ihnen der Besitz von Mustangs unentbehrlich war. Da sie gegen die zahlreichen, durch Schutz- und Trutzbündnisse sehr mächtigen Völker der Dakota einen Rachezug nicht zu unternehmen und die ihnen weggenommenen Mustangs nicht wieder zu erhalten vermochten, suchten sie die ihnen mangelnden Pferde nun auf diebische Weise sich anzueignen, und das mußte gebührend bestraft und gesühnt werden.

Mittlerweile hatten auch alle übrigen Pe-ta-ha-vah-da Befehl erhalten, sich mit größter Schnelligkeit für den Kriegspfad bereit zu machen.

Während die Krieger unter dem Geleit ihrer lärmenden Squaws und Kinder nach den Hütten eilten, traten die Häuptlinge zu einem kurzen Kriegsrat zusammen.

Die Fährtensucher hatten bereits den Auftrag erhalten, den Dieben möglichst auf den Fersen zu bleiben. Daß die Omaha der dichten Wälder wegen einen ziemlich großen Umweg zu machen hatten, das wußte man. Obwohl das Fortkommen auf den von den Omaha eingeschlagenen, über Berge und Täler führenden Wildpfaden für Berittene ein recht beschwerliches war, hatten die Fährtensucher dennoch Pferde mitgenommen. Immerhin konnten sie streckenweise von den Mustangs Gebrauch machen und nur so war es ihnen möglich, mit den Dieben in steter Fühlung zu bleiben, in welchem Falle die Pe-ta-ha-vah-da bestrebt sein sollten, die Omaha in ihrem Marsche nach Möglichkeit aufzuhalten.

Dagegen wollte der Schwarze Vogel versuchen, mit der Hauptmacht seiner Krieger die Wälder trotz aller Schwierigkeiten geradenwegs zu durchkreuzen, um so auf dem kürzesten Wege nach dem Dorfe der Omaha zu gelangen und dieses zu überrumpeln. Vielleicht gelang es auf diese Weise zugleich, den Dieben den Weg abzuschneiden und ihnen so ihren Raub wieder abzunehmen, ehe sie im stande waren, die Mustangs in die großen Prärien zu entsenden, wo sie für die Pe-ta-ha-vah-da so gut wie verloren waren.

Ehe noch diese Beratung zu Ende ging, standen sämtliche Krieger zum Aufbruch bereit.

Sie hatten schnell noch das Gesicht und den Oberkörper bemalt, dann ihre Kriegspfadtoilette vollendet, während die Squaws mit kundiger Hand schnell noch den Proviant- und Munitionsbeutel vervollständigten.

Es gewährte einen wirklich imposanten, ritterlichen Anblick, als die mehr als dreihundert Mann zählende Kriegerschar in Rotten von je zehn Mann unter den leidenschaftlichen Zurufen der Squaws und Kinder, Greise und Invaliden aus dem Dorfe zogen. Die kraftvollen sehnigen Gestalten, mit ihren Messern im Gürtel, den Kriegsbeilen, Keulen und Flinten, befleißigten sich dabei einer besonders kriegerischen Haltung. Statt dem sonst üblichen Mantel aus Büffelfell hatten sie eine wollene dunkelblaue Schlafdecke über die Schultern und den nackten Oberkörper geworfen. Auf der Skalplocke trugen sie heute ausnahmslos die Feder des schwarzen Adlers, eines Vogels, der den Pe-ta-ha-vah-da als geheiligt galt. Fast alle älteren Krieger hatten an ihren Mokassins das Stück eines Fuchsfelles befestigt, das sie hinter sich her schleppten, zum Zeichen, daß von dem Träger bereits mehrere Feinde in deren eigenen Dörfern erschlagen wurden.

Im Geschwindschritte ging es dem Walde zu, wo es eine kleine Stockung gab, denn hier fielen die Rotten ab, so daß ein Mann hinter dem andern, jeder möglichst in die Fußstapfen des Vordermannes tretend, das Holz betraten.

Hinter der Vorhut, unter den vordersten Kriegern, befand sich der Schwarze Vogel, der oberste Anführer der Kriegerschar.

Er war von hagerer Gestalt, doch sehnig und muskulös. Seine Adlernase war von besonders kühnem Schnitt, zwischen zwei blitzenden pechschwarzen Augen und den ziemlich starken, hervorstehenden Backenknochen. Um den Nacken trug er ein reich besticktes Halsband, von dem die Klauen des grauen Bären niederhingen, das ruhmwürdigste Siegeszeichen, mit dem ein indianischer Krieger und Jäger zu prunken vermag.

Hier, in der Nähe des Schwarzen Vogels, befanden sich auch Beutelratte und der Junge Wolf, die mit jugendlicher Begeisterung flink und gewandt durch das Gestrüpp sich hindurchwanden.

»Nun ist die Gelegenheit plötzlich und unvermutet gekommen; nun kann Beutelratte die große Tat vollbringen,« sagte der Junge Wolf leuchtenden Auges zu seinem Vordermann.

»Ja, die Gelegenheit hat sich rascher gefunden, als Beutelratte zu hoffen wagte. Er wird nun seine Augen offen halten, um den richtigen Augenblick wahrzunehmen, die Tat zu vollbringen.«

»Wie denkt sich mein Bruder die Ausführung dessen, was er im Sinne trägt?«

»Weiß der Junge Wolf, wie die Früchte beschaffen sein werden, im Frühjahr, dann, wenn der Baum erst die weißen Blüten trägt? – Wir werden dem Häuptling folgen und abzuwarten haben, wo und wie er uns zum Kampfe führt.«

»Mein Bruder weiß es bereits, daß der Kriegsrat beschlossen hat, die Omaha unmittelbar in ihrem Dorf aufzusuchen?«

»Beutelratte hat davon gehört und kann diesen Beschluß nur gutheißen. Die Krieger der Pe-ta-ha-vah-da werden auf diese Weise ihren Rachedurst nicht allzulange zu ertragen haben. Sie werden die Omaha in ihren Hütten überfallen, sie werden ihnen die Skalpe nehmen und zur Strafe ihre Wigwams niederbrennen. Gelingt es, einen Hinterhalt zu legen, werden die zurückkehrenden Diebe samt den Mustangs ganz von selbst in die Hände der Pe-ta-ha-vah-da fallen.«

»Wie aber soll es werden, wenn die Späher der Omaha die Herren der geraubten Mustangs vorzeitig wittern? wenn die Pe-ta-ha-vah-da-Krieger das Dorf leer vorfinden, wenn die Diebe aus feiger Angst ausgeflogen sind?«

»Die Späher der Omaha werden die Pe-ta-ha-vah-da-Krieger niemals vorzeitig gewahren; dafür sind sie viel zu klug und in allen Schlichen wohlerfahren. Die Fährtensucher der Omaha aber sind Kinder; ihre Ohren sind taub; ihre Augen mit Blindheit geschlagen.«

»Dennoch kann ein Zufall bewirken, daß sie die Annäherung der Pe-ta-ha-vah-da-Krieger in Erfahrung bringen; die Omaha werden dann sehr wahrscheinlich ihre Hütten preisgeben und sich in die Wälder zurückziehen.«

»Dann wird der Schwarze Vogel ihre Fährte aufsuchen und sich an ihre Fersen heften, so lange, bis die Feiglinge eingeholt und zum Kampf gezwungen sind.«

»Beutelratte tut wohl daran, auf den Schwarzen Vogel große Stücke zu bauen; er ist entschlossen und mutig, hartnäckig und ausdauernd; er ist listig wie der Fuchs.«

»Der Schwarze Vogel wird seine Krieger wie immer so auch dieses Mal zum Siege führen. Er wird die Omaha verfolgen, er wird sie bekämpfen, bis sie alle aufgefressen sind.«

»Dann wird für Beutelratte auch der Augenblick gekommen sein, die große Tat zu vollbringen, einen der besten Bissen für sich in Anspruch zu nehmen.«

»Beutelratte leugnet nicht, daß er noch niemals so sehr von Hunger nach einem solchen Bissen sich gepeinigt fühlte. Er würde es tief beklagen, wenn es ihm nicht gelänge, was seit dem gestrigen Tage in seiner Absicht liegt.«

»Der Junge Wolf wünscht sehr, daß es seinem Bruder gelinge, seine Pläne in Taten umzusetzen. Wann glaubt Beutelratte, daß die Hütten der Omaha zu erblicken sind?«

»Der Weg ist weit; die Pfade durch die Wälder sind gewunden. Der Schwarze Vogel aber wird aus seinen Kriegern herauszubringen suchen, was aus ihnen herauszubringen ist. Er wird ihre ganze Kraft und Ausdauer in Anspruch nehmen und sie erst nach den Kämpfen schlafen lassen.«

»Auf diese Weise könnte es gelingen, daß die Pe-ta-ha-vah-da das feindliche Dorf schon morgen beschleichen werden.«

Und diese Berechnung, sie stimmte.

Denn, als die Pe-ta-ha-vah-da in den Nachmittagsstunden des folgenden Tages nach einem anstrengenden Gewaltmarsch eine dicht bewaldete Hochebene durchquerten, kam plötzlich einer der vorausbefindlichen Späher zurückgelaufen, die größte Vorsicht gebietend.

Der Schwarze Vogel hatte sich längst zur Vorhut begeben, während jetzt Starkhand die Hauptmacht führte.

Sofort warfen sich die Krieger auf die Erde nieder oder suchten sich hinter den Baumstämmen zu verbergen. Nur mit der größten Vorsicht, oft auf allen vieren kriechend, ging es weiter, bis man am Rande einer ziemlich schroff abfallenden Hügellehne sich befand.

»Die Diebe im Dorfe sind ohne Sorge,« sagte der Schwarze Vogel zu Starkhand, als dieser mit seinen Kriegern bei der Vorhut eintraf. »Oder sie sind ausgezogen, die gestohlenen Mustangs in Empfang zu nehmen, sonst würden sie diesen Berg nicht ohne Späher gelassen haben.«

Man befand sich nunmehr vor einem Talgelände, das von einem ziemlich breiten Flusse durchschnitten war, der sich in vielen Krümmungen talabwärts wand und in weiter Ferne auf eine große Ebene hinaustrat.

Just zu Füßen des Hügels teilte sich das Gewässer in zwei Arme, das so eine langgestreckte, ziemlich große Insel bildete.

Auf diesem Eiland standen unregelmäßig verstreut etwa hundert Wigwams, die sich mit ihrem schmutzigen Grau von der Farbe der spärlich bewachsenen Insel nur wenig abhoben.

»Die Omaha scheinen durch den Schaden klug geworden,« äußerte der Schwarze Vogel, nachdem er das Dorf und seine Lage geraume Weile betrachtet hatte. »Früher standen ihre Hütten am Rande der jenseitigen Wälder. Seit sie von den Dakota gezüchtigt wurden, haben sie ihre Wigwams auf die Insel des Flusses verlegt.«

»Das kann sie vor den Mustangs der Dakota, nicht aber vor den Skalpmessern der Pe-ta-ha-vah-da schützen,« versetzte Starkhand. »Die Omaha hätten sich sagen können, daß das Wasser für tapfere Feinde kein Hindernis ist.«

»Immerhin muß es erst bezwungen und kann klugerweise nur im Schutze der Nacht überschritten werden. Bis dahin aber wäre vor allem nötig zu wissen, wie viele Omaha im Dorfe anwesend sind.«

Beutelratte, der in unmittelbarer Nähe der Häuptlinge in dichtem Gebüsch verborgen lag, hatte kaum diesen Wunsch des Schwarzen Vogels vernommen, als er flink herbeigekrochen kam.

Die Krieger warfen sich auf die Erde nieder oder suchten sich hinter Baumstämmen zu verbergen.

»Beutelratte erbietet sich, auch bei Tageslicht in das Dorf zu schleichen; er wird dem Schwarzen Vogel kurz nach Eintritt der Nacht das, was er wünscht, zu berichten wissen.«

Der Schwarze Vogel sah erstaunt auf und betrachtete mißtrauischen Blickes die junge Rothaut, die blitzenden Auges und mit entschlossenen Mienen dicht neben ihm aufgetaucht war.

Endlich sagte der Häuptling: »Was Beutelratte auszuführen sich erbietet, verdient alle Anerkennung. Aber er ist ein noch sehr junger Krieger. Er stellt sich die Aufgabe leichter vor als sie durchzuführen ist. Ihm fehlt die Erfahrung, die ein solcher Späherdienst zur Voraussetzung hat.«

»Beutelratte ist allerdings noch ein junger Krieger. Doch der Schwarze Vogel mag ihm Gelegenheit geben, zu beweisen, daß die Jugend kein Hindernis ist, ein kluger und umsichtiger Kundschafter zu sein. Der Schwarze Vogel kann dem jungen Krieger die Ausführung dieser Aufgabe getrost anvertrauen.«

Beutelratte hatte das mit einem so zuversichtlichen Selbstvertrauen gesagt, daß die Worte sichtlich nicht ohne Eindruck blieben.

Der Häuptling schien sich gleichwohl nicht entschließen zu können, der Bitte zu willfahren, fragte dann aber doch, wie der junge Krieger das Dorf zu erreichen gedenke.

Beutelratte hatte sich das Talgelände offenbar schon recht genau angesehen, denn als er nunmehr seinen Plan entwickelte und dabei auf Einzelheiten zu sprechen kam, die selbst dem Häuptling bisher noch nicht aufgefallen waren, erstaunte der Schwarze Vogel immer mehr und gab schließlich seine Einwilligung.

Hocherfreut kroch Beutelratte zurück in die Büsche, gefolgt von den Blicken der Männer, bis die junge Rothaut im Dunkel des Waldes verschwunden war. Dann musterten und beobachteten die Krieger kundigen Auges den Hügelhang, Baum um Baum und Busch um Busch, doch nichts verriet, daß dort ein Mensch das Unterholz des Waldes zu durchschleichen im Begriffe war.

Das kühne Unternehmen des jungen Kriegers hatte sich von Mund zu Mund weiter gesprochen und wohl auch Neid erweckt. Gespannt sahen die jungen und die älteren Rothäute dann hinab zum Flusse, wo die junge Rothaut früher oder später irgendwo auftauchen mußte.

Aber fast zwei Stunden vergingen und die Sonne neigte sich schon sehr stark dem westlichen Horizonte zu, ohne daß am Ufer des Flusses oder auf dem Wasser selbst etwas Bemerkenswertes vor sich gegangen wäre.

Zwischen den Hütten unten im Dorfe sah man ab und zu einige Männergestalten auftauchen und zahlreiche Squaws umhergehen. Da und dort tollte in ungebundenster Weise ein Kinderhaufen, während am Ufer der oberen Inselhälfte mehrere Rothäute umherlungerten, die sich zwar anscheinend die Zeit mit Angeln vertrieben, bei den stets sehr vorsichtigen Pe-ta-ha-vah-da aber im Verdachte standen, daß sie unauffällig ausgestellte Wachtposten seien.

Weiter oben war der Fluß von ziemlich unregelmäßigen Formen. Zahlreiche Baumstämme waren vom Wasser untergraben und in den Fluß gestürzt worden, wodurch sich mit der Zeit durch Anschwemmung kleine Einbuchtungen mit dahinter liegenden stillen Wassern gebildet hatten, die mit einer Menge üppig wuchernder Wasserpflanzen und mit allerlei Treibholz angefüllt waren.

Dort, in der obersten Biegung des Flusses, wurde mit einem Male mitten in der Strömung ein treibender Baumstamm sichtbar, der durch eine Verkettung von Schlingpflanzen ein langgestrecktes wirres Reisigbündel hinter sich herschleppte, ein Vorgang, der sofort das lebhafteste Interesse der in ihrem Verstecke liegenden Pe-ta-ha-vah-da-Krieger hervorrief.

Nach kurzer Zeit erschien auf derselben Stelle ein zweites kleineres Bündel, das langsam hinter dem ersteren daherschwamm und so den Eindruck erweckte, als sei es durch irgend einen Zufall von dem größeren Bündel abgetrennt worden.

Langsam nahm das Treibholz die Krümmungen des Flusses, bis es endlich die letzte Biegung durchschwommen hatte und auf die Inselspitze zutrieb.

Hier aber teilte sich die Strömung des Flusses.

Einen Augenblick schien es, als ob sich der Baumstamm besinne, welcher der beiden Strömungen er sich anvertrauen solle. Er vollführte zunächst einige unentschiedene Bewegungen, bis er plötzlich eine kraftvolle Schwenkung machte und mit seiner Schleppe in die rechtseitige Wasserstraße einbog.

In diesem Augenblick hatte eine der angelnden Rothäute unten am Flusse das Treibholz ersehen und lief schreiend nach einem unweit befindlichen Kanu.

Durch das Geschrei waren auch die übrigen Angler auf den Vorgang aufmerksam geworden. Sie liefen herbei und schickten sich an, dem Kameraden, dem es offenbar um die Bergung des Holzes zu tun war, beizustehen.

Schnell schossen nacheinander noch drei Kanu in den Fluß und mit vereinten Kräften bugsierten die Männer das Holz an das Land und zogen es dort ans Ufer.

Das unscheinbare Ereignis hatte auch eine Schar der spielenden Kinder herbeigelockt, die das Beginnen der Männer mit größtem Interesse und lautem Jubel verfolgten. Das Geschrei hatte nach und nach auch eine Menge Weiber und eine Anzahl Männer herbeigeführt, so daß die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner für geraume Zeit auf diese Seite gerichtet blieb.

Mittlerweile war auch das hinterher schwimmende, einen Knäuel von breitblättrigen Wasserpflanzen mit sich führende Bündel an der Inselspitze auf dem Punkte der Wasserscheide angekommen. Es verhielt sich dort ebenfalls eine Zeitlang schwankend, schlug dann aber jählings die entgegengesetzte, linkseitig abfließende Strömung ein.

Es folgte derselben für kurze Zeit willig, schwamm dann aber etwas naturwidrig immer mehr dem Ufer zu, wo es wie zufällig an einer kleinen vorspringenden Ausbuchtung hängen blieb, was den allgemeinen Beifall der gegenüber versteckt liegenden Pe-ta-ha-vah-da-Krieger hervorrief.

Hier schwankte es, vom Uferschwall umspült, einige Minuten lang hin und her und sank dann mit einem Male fast ganz in sich zusammen; ein Menschenkopf war an seiner Stelle sichtbar geworden.

Vorsichtig spähte er über das Ufer hinweg; sachte schob sich nach und nach der ganze Mann aus dem Wasser; flink sprang er an das Ufer und verschwand dann hinter der nächstgelegenen Hütte.


 << zurück weiter >>