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Der Lange Ben und der Späher

Während Tommy Hawking und Young Ironfist sich auf ihrer kleinen Entdeckungsfahrt befanden, war der Lange Ben in der »Arche Noah« – wie die Wildsteller ihre schwimmende Hütte scherzweise zu benennen pflegten – verblieben.

Aus Gründen der Vorsicht und weil die Hütte schon ziemlich große Schätze in Pelzwerk barg, hatten die drei Weißen die Vereinbarung getroffen, daß immer nur zwei von ihnen auf die Jagd sich begeben, ein dritter aber stets zu Hause bleiben sollte.

Die Hütte lag zur Zeit inmitten einer kleinen idyllischen Bucht des Obersees, deshalb so genannt, weil das Gewässer hier seinen Hauptzufluß erhielt, der wahrscheinlich zu den anderen höher gelegenen Seen führte, von denen die Odschibwä berichtet hatten.

Die Arche hatte inzwischen noch manche baulichen Veränderungen erfahren, die die Jäger in den freien Abendstunden ausführten; Erweiterungen, die einerseits zur größeren Wohnlichkeit beitrugen, zum anderen etwa nötig werdenden Verteidigungszwecken dienen sollten. So war das Floß noch etwas erhöht und rings herum mit einer fast einen Meter hohen Brustwehr ausgestattet worden, die, mit zahlreichen Schießscharten versehen, eine schätzenswerte Deckung gegen etwaige feindliche Belästigungen zu bieten vermochte.

Ben hatte sich an diesem Morgen eine Zeitlang mit dem Zurichten von Biberfellen beschäftigt, dann, als diese Arbeit getan war, sich auf die faule Seite gelegt.

Als ihm das Nichtstun auf die Dauer aber unerträglich wurde, band er eines der kleinen Boote, deren die Wildsteller zum Befahren des Sees mehrere angefertigt hatten, los und fuhr ans Land.

Dort brach er einige biegsame Äste von den Bäumen. Er spannte sie derart quer von Bordwand zu Bordwand, daß sie über dem Kanu eine Reihe von Halbbögen bildeten, unter denen ein auf der Ruderbank sitzender Mann, wenn er sich etwas gebückt hielt, gerade noch Platz fand.

Diese Halbbögen überdachte er geschickt mit grünen Zweigen und Blättern, so daß das kleine Boot völlig eingedeckt und besonders in seinem vorderen Teil, wo Ben zuletzt auch noch einige Schilfbüschel aufsteckte, in eine schwimmende Laubhütte gewandelt war.

Ben bewaffnete sich dann mit einem leichten Schaufelruder, das er wie eine Schraube am Heck handhabte und fuhr in dem so hergerichteten Kanu auf den See hinaus zur Entenjagd.

Die wilde Ente ist ein sehr scheuer Vogel, die bei jedem Schein von Gefahr oder sobald sie einen feindlichen Gegenstand durch den Wind bemerkt, flüchtig wird.

Dieses sehr wohl wissend, war Ben mit Rücksicht auf den Wind gezwungen, einen Bogen zu schlagen, da es ihm anders nicht leicht möglich geworden wäre, sich unbemerkt an das nächstgelegene Entenvolk anzuschleichen.

Nach einigen Versuchen gelang es ihm endlich auf Schußweite anzukommen. Seine Doppelflinte krachte zweimal hintereinander und drei feiste Enten trieben, verzweiflungsvoll mit den Flügeln um sich schlagend, auf der Oberfläche des Wassers.

Ben zog die Beute ein und blieb dann in seiner schwimmenden Laubhütte ruhig auf dem Wasser liegen, in der Hoffnung, daß die Entenvölker, die durch die Schüsse in eine gewaltige Aufregung geraten und flüchtig gegangen waren, sich bald wieder beruhigen und er nochmals zum Schusse kommen würde.

Beobachtend, die Flinte zum Anschlag bereit, lag er im Boote, den Blick durch die Schießscharte gerichtet.

Der Wind kam aus Nordwest und drückte zuweilen den Bug des treibenden Bootes soweit nach Süden, daß dann von Zeit zu Zeit auch die Arche für eine kurze Weile in das eng begrenzte Gesichtsfeld trat. Unwillkürlich war dann des Wildstellers Blick auf das Floß gerichtet, das mit seinem Oberbau still und friedlich auf der glitzernden Wasserfläche dalag.

Als die Arche solcherweise wieder einmal im Gesichtsfelde der Schießscharte auftauchte, glaubte Ben wahrzunehmen, daß dicht neben dem Floß ein kleiner dunkler Punkt im Wasser zu sehen war, der sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit der Bewegung von der Arche entfernte und unverkennbar dem Ufer zustrebte.

So scharf das Auge des Wildstellers aber auch sein mochte, die Entfernung war doch zu groß, die Natur dieses schwimmenden Gegenstandes sicher zu erkennen. Doch war Bens Aufmerksamkeit einmal geweckt und voll gespannten Interesses verfolgte er den immer weiter abrückenden Punkt, der endlich das Ufer erreichte und dort unter dem dichten Flechtwerk überhängender Ufergewächse verschwand.

»Uff! Das konnte nur von einem mit Überlegung begabten Wesen ausgeführt werden; was geht da vor?«

Ben fragte sich das voll Erstaunen, legte die Flinte beiseite, langte dagegen nach dem Schaufelruder, tauchte es über das Heck hinweg in das Wasser, um es dort mit geschickter Hand in rasche schraubenförmig drehende Bewegung zu setzen.

Alsbald glitt das Kanu mit ziemlich rascher Fahrt der Arche zu, die der Jäger so zu erreichen suchte, daß er von der Uferstelle, wo der schwimmende dunkle Punkt verschwunden war, nicht gesehen werden konnte.

Flink legte er das Boot an und betrat das Floß. Forschend flog sein Blick umher.

Nirgends war eine Veränderung in der Lage der umherstehenden Geräte zu erblicken.

Doch vor dem Eingang der Hütte und im Innern derselben fanden sich auf den Balken mehrere nasse Stellen, die an Unregelmäßigkeit der Form zwar nichts zu wünschen übrig ließen, da sie aber in ziemlich gleichmäßigen Abständen wiederkehrten, offenbar von einem dahinschreitenden tierischen oder menschlichen Wesen herrührten.

Da diese Nässen dem Wildsteller einen ausreichenden Aufschluß nicht zu geben vermochten, setzte er sich sofort wieder ins Boot und ruderte, die Kugelbüchse in Greifnähe, dem Ufer zu.

Er lenkte das Kanu mitten hinein in die überhängenden Schlingpflanzen, wo er den dunklen Punkt hatte verschwinden sehen und gewahrte hier am Uferrand zu seiner Genugtuung deutliche Spuren, daß hier sehr wahrscheinlich ein Mensch dem Wasser entstiegen war. Mehrere zertretene Stellen und einige abgeknickte Zweige, an denen er sich über den Uferrand emporgezogen hatte, mehrere abgerissene Blätter, die auf dem Wasser umherschwammen, zeugten deutlich genug dafür.

Flink war Ben am Ufer und nahm die Fährte auf, die ungeachtet aller Schwierigkeiten, die das Urwaldchaos bot, geradenwegs in den Wald zu führen schien.

Doch schon nach etwa vierzig Schritten stand Ben ratlos.

Eben noch hatte es ausgesehen, als ob der Mensch nicht den geringsten Wert darauf gelegt habe, keine Spuren zu hinterlassen, ja soeben noch war der Wildsteller an einem Punkt vorübergekommen, wo der Mann, offenbar ohne jede Zurückhaltung am Boden sitzend mit sich beschäftigt gewesen war. Vielleicht hatte er die Schwimmpartie nach der Arche in adamitischem Kostüm unternommen und hier seine Kleidung wieder angelegt. Dieses aber waren dann auch die letzten Spuren seiner Tätigkeit gewesen, von da an kein Anzeichen mehr vorhanden, die Fährte wie ausgeblasen.

Ben war ratlos, aber nicht der Mann, eine einmal in Angriff genommene Sache so leicht wieder aufzugeben. Weit konnte der unerbetene Besucher der Arche nicht gelangt sein, dazu war die Zeit, die inzwischen verstrichen war, viel zu kurz. Wenn er, Ben, rüstig vorwärts machte, würde er ihn sicherlich noch ereilen.

Entschlossen drang der Wildsteller noch weiter in den Wald ein, von Zeit zu Zeit hinter einem Baumstamm stehen bleibend, um aufmerksam umherzuspähen, doch er vermochte, so sehr er seine Sinne auch anstrengte, nichts Verdächtiges wahrzunehmen.

So war er nach und nach mindestens fünfhundert Schritte weit vorgedrungen, als ihn etwas wie Mutlosigkeit überkam, zugleich aber auch der Gedanke, daß er den Platz, wo die Fährte versagt hatte, doch einer genaueren Untersuchung hätte unterziehen müssen. Es war keineswegs ausgeschlossen, ja, jetzt erschien es ihm als sehr wahrscheinlich, daß der Fremde dort ein Gelegenheitsversteck gefunden und seinen Verfolger an sich hatte vorüberziehen lassen.

Dieser Gedanke, einmal rege geworden, verließ den Jäger nicht wieder, und er beschloß, den begangenen Fehler wieder gut zu machen.

Er ließ sich auf alle Viere nieder und begann, die Büchse vor sich herschiebend, den Weg, den er gekommen war, lautlos wie eine Schlange zurückzukriechen, jeden Gegenstand, der ihm eine Deckung zu gewähren vermochte, vorsichtig benutzend, wobei ihm die herrschende Dunkelheit des Waldes sehr zu statten kam.

Als er sich dem Ausgangspunkte wieder ziemlich nahe wußte, ließ er sich zwischen einigen fast mannsdicken Baumwurzeln, die über die Erdoberfläche emporragten, niedersinken, sich hier auf die Lauer legend.

Aber wieder wurde die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, zu einer harten Geduldsprobe.

Minute auf Minute, Viertelstunde auf Viertelstunde verrannen, ohne daß sich in seiner näheren oder weiteren Umgebung irgend etwas regte.

Sein Unmut kam allgemach wieder bedenklich ins Steigen und schon dachte er ernstlich daran, sich überhaupt zurückzuziehen und die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen, als er in ziemlicher Nähe deutlich einen Zweig knacken hörte.

Aufblickend gewahrte er in dem Geäste einer Ulme die dunkle Silhouette einer menschlichen Gestalt, die sich langsam aus dem Gezweige loslöste, dann sich an dem Stamm des Baumes vorsichtig zur Erde niedergleiten ließ.

Bens scharfes Auge erkannte in dem Manne trotz der unsicheren Beleuchtung eine schlanke Indianergestalt, die von seiner, des Wildstellers Anwesenheit nicht die mindeste Ahnung zu haben schien, denn, auf dem Boden angelangt, brachte die Rothaut ihr durch die Rutschpartie etwas verschobenes Büffelhemd, frei dastehend, ganz gemächlich in Ordnung.

Mit angehaltenem Atem lag Ben in seinem Versteck und beglückwünschte sich im stillen, daß es ihm gelungen war, bis zu dieser Stelle im Walde zurückzuschleichen, ohne von der Rothaut bemerkt worden zu sein.

In diesem gehobenen Selbstgefühl erschien ihm auch das Vergehen des Mannes, den offenbar nur die Neugierde auf die Arche hinüber getrieben hatte, in einem milderen Lichte, aber diese Stimmung schlug um, als Ben zu bemerken glaubte, daß der rote Mann nach der Richtung, in der er den weißen Jäger vermuten mußte, eine höchst despektierliche Geste entsandte und dann höhnisch grinsend hinter einem Busche verschwand.

»Na, du Galgenstrick, das soll dir teuer zu stehen kommen!« knurrte Ben still in sich hinein, ließ den Indianer noch mehr gegen sein Versteck herankommen, sprang dann plötzlich auf und rief dem Mann mit erhobener Flinte ein gebieterisches »Halt!« entgegen.

Wie vom Donner gerührt stand die Rothaut, die funkelnden Augen auf das Blaßgesicht gerichtet. Aber nicht lange dauerte dieses Erstaunen, dann malte sich etwas wie Geringschätzung in des roten Mannes Zügen. Ohne dem weißen Jäger eine weitere Beachtung zu schenken, wendete er sich, als sei nichts geschehen, zum Gehen.

»Nun, wirst du nicht tun, wie ich dir befohlen habe? Willst du, daß mein Schießeisen in dein rotes Fell das schönste Doppelloch bohre?« schrie Ben in steigendem Zorn.

Der Indianer zuckte bei den letzten Worten, wie von etwas Unsichtbarem berührt, zusammen, tat mit einem Male einen gewaltigen Sprung und war hinter einer Gruppe von Baumstämmen verschwunden.

Nun war es mit Bens Geduld und Selbstbeherrschung vorbei.

Wie ein wildes Tier rannte er auf den Punkt zu, wo der andere verschwunden war und kam gerade noch dort an, um zu sehen, daß die Rothaut bereits die Entfernung von mindestens zwanzig Schritten hinter sich gelegt hatte und soeben hinter einer Gruppe großer Farnwedel verschwand. Blitzschnell hatte Ben den Flintenkolben an der Wange, der Schuß krachte, aber nur mit dem Erfolge, daß im nächsten Augenblick die Rothaut wieder auftauchte, mit einigen Riesensätzen weiter eilte, um alsbald im Unterholz zu verschwinden.

Nun kannte der Zorn Bens keine Grenzen mehr. Er rannte wie besessen hinter dem roten Manne her, fluchend und scheltend, doch unverkennbar nur mit dem Resultat, daß die Entfernung zwischen ihm und seinem Wilde immer größer wurde, denn die Rothaut war ihm an Schnelligkeit und Gelenkigkeit ohne allen Zweifel weit überlegen, ihr Fuß von jung auf gewohnt, die unzähligen Hindernisse der Urwälder spielend zu überwinden.

So ging die tolle Jagd, obwohl Ben seinen Gegner längst aus den Augen verloren hatte, noch geraume Weile fort.

Plötzlich in der Entfernung von mindestens hundert Schritten ein durchdringender geller Schrei.

Der Wildsteller horchte hoch auf und aufs neue belebte sich bei ihm die schon recht tief gesunkene Hoffnung, den Mann doch noch zu erreichen.

Ben setzte noch einmal alle seine Kraft ein und rannte, so gut ihn seine Beine zu tragen vermochten, in höchstem Geschwindtempo durch dick und dünn.

Plötzlich lichtete sich der Wald, Ben sah sich am Ufer eines Wasserlaufes.

Mit schnellem Blick fand der Jäger sich zurecht+… das war ein ihm wohlbekannter Zufluß des Sees. Nur eine kurze Strecke weiter oben war eine Biberwiese, und dort war es, wo er und seine beiden Genossen ihre erste Jagdtätigkeit begonnen und sie ihre ersten Erfolge zu verzeichnen hatten.

Mit einem unbestimmten Gefühl der Befriedigung rannte Ben entlang dem Ufer und fand schon nach kurzem Lauf die Rothaut stöhnend und verzweifelt um sich schlagend im Wasser liegen.

»Alle Wetter, du hinterlistiger heimtückischer Schlingel, da hätten wir dich ja,« rief Ben in seiner Überraschung aus, offenbar noch nicht recht klar, was er sich über diese unverhoffte Wendung der Dinge denken sollte.

Mit einem Satze war der Jäger dann neben der Rothaut im Wasser, faßte sie im Genick und versuchte sie ans Ufer zu zerren.

Stieren Blickes sah der rote Mann zu seinem Verfolger auf, ließ alles willenlos mit sich geschehen und doch wollte es Ben nicht gelingen, den Indianer vom Platz zu bringen.

» Forwards, Mann! Wird es bald? Heraus aus der Pfütze oder ich will dir Beine machen!«

Stöhnend wand und krümmte sich die Rothaut, ballte sich in der Rückenlage fast zu einer Kugel zusammen und versuchte mit seinen beiden Händen vergeblich den linken Fuß von einem ersichtlich sehr schmerzenden Hemmnis zu befreien.

Jetzt ging Ben ein Licht auf und er brach, überwältigt von der Überraschung und der Komik des Augenblicks, in gellendes Lachen aus.

»Siehst du, das kommt davon! Warum hast du meinem Gebote, anzuhalten, nicht Folge geleistet? Ist dir ganz recht geschehen, du niederträchtiger Schleicher. Nun bist du zur Strafe in ein Fangeisen getreten!«

Ben stieg ans Ufer, fuhr mit seiner rechten Faust unter die Wasseroberfläche und zog eine ziemlich schwere eiserne Kette hervor. An dieser zerrte er mit aller Kraft, worauf ein eiserner, in die Erde eingerammt gewesener Haken, der Anker der Fangvorrichtung, zum Vorschein kam.

»Nun steifgehalten, Mann, und, wenn's not tut, auf die Zähne gebissen,« gebot Ben.

Er zog wieder an der Kette und hob so sachte ein für den Otterfang bestimmtes Schlageisen, an dem der linke Fuß der Rothaut und der ganze übrige Mann hing, aus dem Wasser.

Als Ben die Rothaut vollends an das Ufer gezogen hatte, zog er eine starke Schnur aus der Tasche und band dem Manne mitleidslos die Hände auf den Rücken. Dann erst schlug der Wildsteller das Fangeisen mittels eines Schlüssels, den er bei sich führte, auseinander, wodurch das Bein des gefangenen armen Teufels frei wurde.

Ben untersuchte den Knöchel und die Unterwaden des Mannes nicht gerade in der zartesten Weise und sagte dann: »Für diesmal bist du mit einer recht artigen Quetschung davongekommen, die dich manche Woche an deinen Wigwam fesseln wird; die Geschichte hätte dich aber gerade so gut auf Lebenszeit den Knochen kosten können. Immerhin hast du die wohlverdiente Lehre empfangen, daß man nicht ungestraft und heimlich im fremden Eigentum herumschnüffelt.«

»Schnellfuß ist dem Bleichgesicht sehr dankbar, daß es ihn aus der eisernen Hand, die unter dem Wasser verborgen war, befreit hat,« erwiderte der Rote. »Aber er kann dem weißen Mann kein Recht zugestehen, daß er ihm verbieten will, diese Wälder zu betreten. Sie bilden für die Odschibwä keine fremden Reviere. Es sind ihre Jagdgründe, die ihnen niemand streitig machen kann.«

»Wenn es sich nur um diese Frage handelte, würde ich dir ohne Vorbehalt recht geben, denn es wird uns Blaßgesichtern niemals auch nur entfernt beifallen, dir und deinen Stammesgenossen das Betreten eurer Jagdgründe zu untersagen. Aber wir dürfen als friedliche Nachbarn, die ihr Wort bis jetzt redlich gehalten haben, billig erwarten, daß dies offen und in ehrlicher Absicht, nicht heimlich oder heimtückisch geschieht. Hier liegt der Unterschied und der Kernpunkt für die richtige Beurteilung der Sache. Du aber, du hast die offenen und geraden Wege verschmäht. Du hast unsere Hütte, wiewohl du wußtest, daß dort friedliche Nachbarn wohnen, die mit den Odschibwä in Frieden zu leben wünschen, heimlich umschlichen. Wer das tut, kann und darf sich niemals beklagen, wenn man ihn einen nichtsnutzigen Schleicher nennt, wenn man von ihm sagt, daß er ein Spitzbube ist.«

»Das Bleichgesicht mag seinen Mund behüten und nicht solche Beleidigungen auf seine Zunge nehmen. Die Odschibwä werden niemals dulden, daß ein Krieger ihres Stammes in dieser Weise beschimpft wird.«

»Also frech wirst du auch noch,« versetzte Ben sehr erbost, »statt daß du deine Tat eingestehst und um Entschuldigung bittest?! Ich will dir etwas sagen: wärest du in offener Weise hierher gekommen, hätte ich dich mit vielen Freuden willkommen und dich in unserer Hütte unseren lieben Gast geheißen. Statt dessen hast du heimlich im Walde gelauert, bis keiner der weißen Männer in der Hütte anwesend war und bist dann verstohlen in das fremde Eigentum eingedrungen. Oder willst du etwa leugnen, du wärest nicht heimlich nach der Hütte im See hinübergeschwommen?«

Der Wilde, dem diese unmittelbare Frage natürlich sehr unangenehm war und in dem mittlerweile der ganze Trotz seiner Rasse erwacht sein mochte, gab keine Antwort.

Ben band dem roten Manne auch noch die Füße zusammen.

»Siehst du, du heimlicher Schleicher, du hast für meine Frage keine Entgegnung, weil du deiner Schuld nur zu gut bewußt bist! Als ich die Entdeckung deines heimlichen Besuches gemacht habe, habe ich mich sofort an deine Fersen geheftet, in der Absicht, dir das Schlechte deiner Handlungsweise nach bestem Vermögen klar zu machen. Schlechte Kinder müssen erzogen und der Wiederholung ihrer Fehltritte muß nach Möglichkeit vorgebeugt werden. Da die Gelegenheit, dir eine empfindliche Lektion für deine schlechte Tat zu erteilen, nie wieder eine den Umständen nach so günstige werden wird, wäre ich ein Narr und ein recht schlechter Menschenerzieher, wenn ich mir diese günstige Gelegenheit entgehen ließe. Du aber wirst, so hoffe ich, die Strafe, die ich dir zugedacht habe, in derselben wohlmeinenden Absicht, in der sie gegeben wird, entgegennehmen und aus ihr für alle Zeit die wünschenswerte Nutzanwendung ziehen.«

Ben zog aus seiner Tasche nochmals ein Stück Schnur hervor. Er band dem roten Mann trotz des heftigsten Sträubens nun auch die Füße zusammen. Als die Knoten festsaßen, zog Ben sein Jagdmesser und schnitt von einer dicht neben ihm stehenden Bachweide eine mindestens vier Fuß lange derbe Rute ab. Er drehte den gebunden daliegenden Mann dann derart herum, daß sein Rücken nach oben zu liegen kam und zählte ihm ein volles Dutzend wuchtiger Rutenhiebe auf das Gesäß. Als das geschehen war, nahm der Jäger das Jagdmesser, die einzige Waffe, die der Mann im Gürtel trug, an sich, löste seinem Opfer großmütig die Hand- und Fußfesseln und stapfte, die Flinte im Arme, ohne den Wilden auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, seinem Boote zu.


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