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Freudige Hoffnungen, herbe Enttäuschungen

Es war am Abend zuvor sehr spät geworden, ehe die Passagiere der »Savannah« sich zur Ruhe begaben, und das Schiff am anderen Morgen bereits wieder unter vollem Dampf, als die ersten von ihren Lagerstätten sich erhoben.

Tommy und Young Ironfist hatten sich das Frühstück, das ihnen der Steward vorsetzte, vortrefflich schmecken lassen, dann die geliebte Pfeife entzündet und sich auf einem stillen Plätzchen des Vorderschiffes niedergelassen.

Tommy und Young Ironfist hatten sich auf einem stillen Plätzchen des Vorderschiffes niedergelassen.

Bläulich schillernd lag der mächtige, mäßig dahintreibende Strom vor ihren Blicken da, hier eine fast schnurgerade Wasserstraße; nirgends ein wesentliches Hindernis wahrzunehmen. – Obwohl die Sonne schon ziemlich hoch stand, lagen die beiderseitigen Flachufer noch in einem Nebelschleier verhüllt, den der Blick auf die Entfernung nicht zu durchdringen vermochte. Aber das Auge des Reisenden, der hier etwa nach besonderen Naturschönheiten gesucht hätte, würde sich bei klarem Ausblicke herb getäuscht haben. – Beiderseits schließen sich an das engere Stromgebiet endlose einförmige Prärieflächen, die rechtseitig erst in weiter Entfernung ansteigen, dann aber, tief im Lande, immer stärkere Wellen schlagen, bis sie endlich in den romantischen Szenerien des sogenannten Badlands und den wildzerklüfteten Big-Horn-Mountains ihre höchsten Erhebungen finden.

»Jetzt reisen in die weite Welt, in das Land der weißen Brüder,« sagte Young Ironfist mit Behagen. »Wenn die ›Savannah‹ ansehen, dann die ehemalige Rothaut sich sagen, daß sie noch viele Wunder erleben wird.«

» Yes, du wirst staunen über das Land deiner weißen Brüder,« entgegnete Tommy warm, »denen kein Unternehmen zu kühn ist und keine Ausgabe zu schwierig, der Natur die Gewalt und der Erde die Schätze abzuringen. Es fragt sich nur, ob es dich, das Naturkind – ob – ja, wie sagt man nur? – wie nennt man die Eigenschaft des Menschen, der nichts anderes haben will, als das Los ihm zugeworfen hat, der keine anderen Wünsche kennt?«

»Tommy meinen die Zufriedenheit?«

»Ja, es fragt sich, ob das Leben deiner weißen Brüder dir gefällt, ob es dich zufriedenstellen wird.«

»O, Young Ironfist ist leicht zufriedengestellt; er ist ein Kind des Waldes, das niemals große Ansprüche erheben wird; Tommy das sehr gut wissen.«

»Ganz so war es von mir nicht gemeint. Ich stelle mir vielmehr die Frage, ob dir das rastlose Sinnen und Trachten, das unablässige Hasten der weißen Menschen in den großen Städten zusagen und – wie sagt man? – ob es dir auch gefallen wird. Ob du dich nicht bald schon nach der Stille und Einsamkeit der Wälder wirst zurücksehnen?«

»Young Ironfist befürchtet das nicht. Er zunächst viel Neues sehen und hören. Er wird dadurch lernen den großen Gott noch mehr zu verehren, aus dessen großem Buche die weißen Menschen alle diese Wunderwerke geschöpft haben.«

»Ja, du wirst reichlich Gelegenheit finden, die weißen Brüder des Ostens schätzen zu lernen, besonders dann, wenn es dir gelingen sollte, ihr – ihr – nun wie heißt jenes Land, das sie ursprünglich bewohnt haben –?«

»Das Land, das jenseits des großen Wassers liegt?«

»Ja, wenn es dir gelingen sollte, das Land der Weißen zu betreten, das jenseits des großen Wassers liegt. Aber du bist im Irrtum, wenn du annimmst, daß sie ihre Wunderbaue und Kunstwerke aus jenem großen Buche unmittelbar schöpfen. Dieses Buch lehrt in der Hauptsache nur die Liebe, die sich die Menschen gegenseitig entgegenbringen sollen.«

»Die Liebe, die gebieten, die Selbstsucht zu unterdrücken und den Nächsten zu lieben wie sich selbst.«

»Sehr richtig. Sie, die Liebe, läßt das Mitgefühl entstehen, das wir dem – dem – sagen wir, dem Mitmenschen schuldig sind. Das Mitgefühl ist der Kernpunkt des Christentums. ›Liebet einander,‹ lautet das einfache Wort, das aber stark genug war und ist, alte Welten untergehen und neue erstehen zu lassen. Das Mitgefühl ist es nun, das den Ansporn erweckt, dem Nebenmenschen angenehm zu sein und das eigene Leben mit Anmut und Blüten auszuschmücken. Dieses Bestreben läßt die Arbeit entstehen und dieser verdanken die weißen Brüder ihre angenehmen und nützlichen Wunderwerke.«

»Young Ironfist verstehen sehr gut. Die Liebe ist es, die die Menschen zu der Brüderlichkeit führen, die den Menschen zur Hilfe anfeuert; und wenn helfen wollen, dann auch arbeiten müssen.«

»Ja, die Arbeit ist die Frucht der Liebe. Sie, die Arbeit, aber ist es, die den Stand der – der – wie heißt nur wieder das Wort – –?«

»Tommy öfter schon sprechen von Kulturvolk.«

»Ja, so Ähnliches wollte ich zum Ausdruck bringen, und nun hast du mir richtig auf die Fährte geholfen, nun haben wir das Wort! Die Arbeit ist es, die den Stand der – Zivilisation zuwege gebracht hat. Jede Generation trägt zu dem großen Bau eine Anzahl Steine herzu und die Menschen, die das in hervorragendem Maße vermögen, sie könnte man die Baumeister oder Werteträger der Gesellschaft nennen.«

»Faulheit und Trägheit hieran keinen Anteil haben, und wenn noch so viel Geld besitzen.«

»Faulheit und Trägheit sind niedrige Eigenschaften; sie stellen dem – wie sagt man nur –? – es ist tief zu beklagen, daß mich das Vermögen, mich treffend auszudrücken, so sehr im Stiche läßt.«

»Tommy meinen vielleicht den Müßiggang?«

»Ja, sie stellen den Müßiggang dar, der die Sünde und das Laster erzieht. Eine Menge Menschen, gescheite Köpfe, gehen in Müßiggang und Selbstsucht unter, nicht derjenigen Brüder gedenkend, die auf ihr Mitgefühl und ihre Hilfe Anspruch haben.«

»Young Ironfist hat nicht die Absicht, sich dem Müßiggang zu ergeben. Young Ironfist könnte also, wenn auch nicht viel Geld besitzen, doch auch noch ein solcher Baumeister werden.«

»Ohne Zweifel, denn der Arbeit stehen alle Wege offen. Das Leben lehrt, daß der arme, aber willige und geistvolle Mann in dieser Hinsicht dem Menschen von Gang und Besitz oftmals bei weitem überlegen ist. Wenn der Arme hilft, dem großen gemeinsamen Ganzen zu dienen, wenn er sein Mitgefühl in der einen oder anderen Weise, so, wie er es vermag, betätigt, dann ist das doppelt anzuerkennen; dann ist er ein guter und edler Mensch.«

»Ein Gentleman.«

»Sehr richtig, im wahren Sinne des Wortes ein Gentleman.«

»Young Ironfist haben zwar schon oft gehört, daß nur Männer von hohem Rang und großem Besitz ein Gentleman.«

»Leider verbinden sehr viele Menschen den Begriff des Gentleman mit dem Vermögen, mit dem Umstande einen hochtönenden Namen zu besitzen, in schönen Kleidern zu stecken und recht viel Geld auszugeben. Das aber ist – wie sagt man nur –?«

»Ein Irrtum?«

»Ja, ein Irrtum, denn der wahre Gentleman kann auch in dem niedrigsten Stande zu finden sein. Seine Eigenschaften sind: Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, Gerechtigkeits- und Wahrheitsliebe, Hochherzigkeit, Mut, Tapferkeit und immer und überall die Rücksicht zu nehmen, die man dem Nebenmenschen schuldig ist.«

»Dann ist der Lange Ben kein Gentleman; er die waffenlosen Rothäute durchprügeln, er auf seine Brüder keine Rücksicht nehmen; er dem Trunke ergeben; er nicht gewissenhaft sein.«

»Da hast du recht. Ben ist ein guter Jäger und Biberfänger, aber auch ich halte ihn für keinen Gentleman. Der wahre Gentleman ist bei aller Tapferkeit doch in hohem Grade friedliebend. Er wird niemals herrisch und brutal werden, sondern stets bereit sein, dem Nebenmenschen sich angenehm und gefällig zu erweisen, dem Schwachen beizustehen, ihm zu helfen, sofern seine Sache eine gerechte ist. Er wird es verschmähen, gleich der Drohne von dem Fleiße der Arbeitsbiene zu leben, warum, weil er weiß, daß die Arbeit zum Segen führt und Freuden höherer Art gewährt, die sich mit allen Reichtümern nicht erkaufen lassen.«

»Die Arbeit müssen demnach eine große Zauberin sein.«

»Ja, das ist sie. Sie befriedigt nicht nur, sie lehrt uns nach und nach – wie soll ich sagen? – wie finde ich das richtige Wort? – sie lehrt uns – höhere Zwecke erkennen und bildet unsere Fähigkeiten und unseren Geist aus. Darum bezweifelte ich auch keinen Augenblick, daß du zu einer zufriedenstellenden Existenz unter deinen weißen Brüdern gelangen kannst, sofern du dich bemühst, ein ehrlich arbeitender Mensch zu werden, dich bestrebst, ein Gentleman zu sein und zu bleiben und sofern dir, dem Trapper und Wildsteller, das Heimweh nach den Wäldern, nicht allzusehr in den Knochen sitzt. Es hat genug Menschen gegeben, die sich durch Fleiß und Arbeit aus geringem Stande zu Ansehen und Bedeutung emporgeschwungen haben. Aus dem einfachen Schuster ist schon ein Dichter, aus dem verspotteten Schneiderlein ein tapferer Feldherr geworden. Im Gegenteil, ich glaube, du hast als unverdorbener Sohn der Wälder, mit deinem schichten Sinn und hellen Kopf sogar manches voraus, ein tüchtiger Mann und ein nützliches Glied der Gesellschaft werden zu können. Menschen, die zu einem bestimmten Berufe erzogen sind, kommen gewöhnlich aus einem verhältnismäßig enge begrenzten Begriffsgebiet nicht heraus; sie sind gleichsam gefesselt, befangen, und, da sie sich immer nur innerhalb eines bestimmten Standes bewegt haben, gegen andere voll des Vorurteils. Das hindert sie, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Ihr Geschick bestimmt sich ganz von selbst. Sie gehen einen bestimmten, durch die Verhältnisse vorgezeichneten Weg, von der Schulpforte bis zum Grabe. Du aber trittst frei, mit einem scharfen Auge bewaffnet, in das Leben ein. Du wirst leichter Licht und Schatten zu unterscheiden wissen, während der andere die Schärfe seiner Augen verloren oder niemals besessen hat. Du wirst dir nur gar manchen Weg erst bahnen müssen, Hindernisse und Schwierigkeiten überwinden, denn das Vorurteil wird dir erst recht gegenüber stehen. Aber mir ist bei deinem Talent zur Ausdauer, deinem gut gearteten Wesen, deinem höhenwärts gerichteten Blick nicht bange. Freilich muß man sagen, daß mit des Geschickes Mächten kein ewiger Bund zu flechten ist, daß zum Vorwärtskommen immerhin auch Glück gehört. Hoffen wir, daß es sich dir von seiner holdesten Seite zeigt. Eines aber laß dir stets vor Augen schweben: bei aller Hilfe und Liebe, die du getreu dem göttlichen Worte, dem Nebenmenschen angedeihen läßt, stets so viel Mittel für dich selbst bereit zu halten, daß du auf festen Füßen stehst, daß du frei und unabhängig bist. Wer in Abhängigkeit gerät, dessen Flügel sind beschnitten; er wird sich nie oder nur schwer zu einem hohen Fluge erheben können.«

Tommy hatte diese Worte mit warmer, inniger Betonung, doch mit vielen Stockungen und Unterbrechungen zu dem jüngeren Freunde gesprochen und dieser die Betrachtungen und Ratschläge mit der Aufmerksamkeit des gelehrigen Schülers hingenommen.

»Tommy sprechen sehr klug und weise. Young Ironfist das alles sehr einleuchten. Er glauben, daß der Mensch, der nach diesen Grundsätzen leben, die Bürde des Lebens, über deren Schwere so viele klagen, nicht empfinden, sondern Freude daran haben.«

»Ja, das Leben wird ihm zur Freude und zum Genusse, nicht zuletzt, weil über dem Ganzen noch etwas Höheres schwebt, denn der Werdegang solcher Menschen treibt sie darauf hin, bis zum letzten Atemzuge nach Vervollkommnung zu streben; weil solche Menschen immer wieder neue Ideale sich bilden, denen sie nachstreben, die sie zu verwirklichen suchen, was dem Leben einen höheren, gleichsam beflügelten Inhalt gibt.«

»Glauben, daß Young Ironfist nun wirklich Geld genug haben, um dieses Leben anzutreten, um nicht in Fesseln geschlagen zu werden, die seine Vervollkommnung hindern?«

»Du wirst in St. Louis mehrere tausend Dollars erhalten. Da ich für mich nur weniges gebrauche, werde ich noch etwas hinzugeben. Wenn du einfach und schlicht lebst und arbeitsam bist, wie ein echter Gentleman, wirst du mehrere Jahre damit auskommen. Mittlerweile wirst du das eine und andere gelernt und sich dir irgend eine Einnahmequelle erschlossen haben.«

»Young Ironfist sich sehr freuen, das neue Leben kennen zu lernen, er sein Vorwärtskommen sehr ernst nehmen. Er sich nur schwer von seinem Freunde Tommy trennen, aber er ja selbst raten, schon bald nach dem fernen Osten aufzubrechen, da St. Louis noch lange kein richtiges Bild von dem Leben der weißen Brüder bilden.«

»Nein, St. Louis ist nichts für dich. Es ist bis jetzt nur als eine Grenzstadt zu betrachten, in welcher die Ausbeutung des Landes und der rohe Kampf halbwilder Menschen um die Existenz die treibenden Elemente sind. Heute regiert dort leider nur zu oft noch die Flintenkugel und das Messer. Die richtige Zivilisation, von der wir gesprochen haben, wird in diesem Lande erst später ihren Einzug halten. Immerhin wirst du auch in St. Louis schon einen Einblick in das neue Leben gewinnen; freilich, fürchte ich, zwischendurch auch auf Menschen stoßen, die dir nur die Gelegenheit geben, das Unschöne und Schlechte kennen und, wie ich hoffe, verabscheuen und hassen zu lernen.«

Tommy schwieg.

Beide Männer überließen sich dem Nachhall, den diese Aussprache in ihnen hervorgerufen hatte, und sahen ernst und gedankenvoll vor sich nieder.

Aus diesem Sinnen schreckte sie ein plötzlich eintretender, eigentümlich stoßender Gang der Maschine, der sich dem ganzen Schiffe mitteilte.

Der Kapitän hatte ein Kommando ergehen lassen, demzufolge der Maschinist die Maschine des Fahrzeuges wohl etwas allzu rasch stoppte, was die kleine Störung, die das ganze Schiff erzittern machte, hervorgerufen hatte.

Alle Passagiere wendeten sich dem Stege zu, auf dem der Kapitän stand, der von dort aus an seine Mannschaft nacheinander noch einige Befehle erteilte.

Die Maschine hatte mittlerweile die Tätigkeit ganz eingestellt, das Schiff ging nur noch mit dem Strome. Am Heck rasselte eine Kette, der Anker ging zum Grunde, die »Savannah« lag fest. Am vorderen Segelmast zog ein Matrose eine knallrote Flagge in die Höhe.

Auch die beiden Wildsteller hatten sich der Gruppe der Passagiere zugesellt, die in lebhafter Unterhaltung den Kapitänssteg umstanden.

Hier erfuhren die beiden, daß man sich unmittelbar vor einem nicht ungefährlichen Stromgebiete befinde, und daß die aufgezogene Flagge den Ruf des Lotsen bedeute, der das Schiff durch die schwierige Passage führen sollte.

Weiter unten im Flusse sah man deutlich zahlreiche Kies- und Sandinseln liegen, die, wie einzelne der Passagiere mitzuteilen wußten, die Wasserstraße in ebensoviele schmale Fahrrinnen verzweigten. Mehrere hintereinander liegende felsige Terrassen, die hier den Strom quer durchzogen, mochten die Ursache sein, daß der Flußkies, statt den Weg stromab glatt zu finden, hier sich staute, Inseln und Riffe bildete, die sich in steter Veränderung befanden, bis dann im Frühjahr die starken Hochwasser wenigstens teilweise wieder damit aufräumten.

Erwartungsvoll stand der Kapitän auf seinem Stege, das Fernglas auf ein unten am Flusse einsam stehendes Blockhaus gerichtet, das durch einen daneben stehenden Flaggenmast auffiel, an dem alsbald ebenfalls ein roter Wimpel hochging.

Kurze Zeit darauf wurde ein Mann am Ufer sichtbar, der ein Ruderboot bestieg und in diesem der »Savannah« zusteuerte.

Dem Kapitän mußte irgend etwas an dem Boote oder dem Manne aufgefallen sein, denn wiederholt hielt er sein Fernglas vor das Auge, das Fahrzeug und den Insassen aufmerksam beobachtend.

Endlich lag das Boot an der Seite des Dampfers.

Mit einigem Befremden empfing der Kapitän den Mann, der über die hinabgelassene Strickleiter an Bord gestiegen kam.

Es war Marc Dougal, der Kentuckyer und Gehilfe des Fährmanns von Burlington.

» Good day, Capt'n!« grüßte der ganz unbefangen den Schiffsführer und streckte demselben die Hand entgegen, die dieser zögernd erfaßte. »Adam Smugger, der Lotse, läßt Euch grüßen und sagen, daß er die ›Savannah‹ heute leider nicht durch das Loch führen kann; er hat an seiner Statt mich hierher geschickt.«

»Seid Ihr vom Lotsen oder der Gesellschaft anerkannt? Wie kommt es, daß Adam Smugger die Fahrt nicht machen kann?«

»Eine Unpäßlichkeit, Kapt'n, die das Leben zwar nicht kosten wird, dem Lotsen das Dasein für den Augenblick aber recht sauer macht. – Hier lest!«

Marc Dougal langte ein Schriftstück aus der Tasche, das er dem Kapitän darreichte.

Dieser durchlas aufmerksam das Schreiben, in dem der Lotse mitteilte, daß er vor einigen Tagen von einem Tramp (Strolch) nächtlich angefallen und nicht unerheblich verletzt worden sei. Er hoffe, daß die Wunde nicht allzu tief sitze, und daß er bald wieder seinen Dienst werde antreten können. Er schicke für heute einen Mann, dem der Strom genau bekannt sei und der bereits zwei Dampfer der Gesellschaft sicher geführt habe! Der Kapitän könne dem Mann unbedingtes Vertrauen schenken. Seit kurzem läge in der Fahrrinne wieder ein Segelwrack, dessen Lage dem Manne, den er sende, sogar besser als ihm selber bekannt sei.

Der Kapitän war von dieser Mitteilung sichtlich wenig erbaut, zumal in dem Schreiben von einem neuen Hindernisse, dem Segelwrack, die Rede war, aber, was wollte er anders beginnen, er mußte sich dieser Zwangslage wohl oder übel fügen. Noch ein langer forschender Blick streifte den Kentuckyer. Endlich schien der Kapitän entschlossen.

»Na, dann wollen wir's wagen und ich hoffe, Ihr macht Eure Sache gut,« sagte er. »Sind wir durch, werdet Ihr beim Steward einen guten Drink vorfinden.«

Marc Dougal nickte nach Matrosenart nur kurz mit dem Kopfe. Der Kapitän betrat die Treppe, die nach dem Stege führte.

Wenige Minuten später war der Anker wieder oben und die Maschine im Gange.

Die »Savannah« dampfte mit Vollkraft wieder stromabwärts.

Nach und nach traten die unten im Flusse liegenden Inseln deutlicher hervor. Fast schien es, als ob die Kiesbänke die ganze Breite des Stromes einnehmen würden.

Als das Schiff der nächsten Inselspitze sich auf etwa sechshundert Meter genähert hatte, zeigte es sich, daß der Fluß zunächst in zwei Arme zweigte.

Aus dem Munde des Lotsen erscholl ein Kommandoruf, den der Kapitän an den Maschinisten weitergab.

Dieser stoppte die Maschine auf Halbdampf.

Langsam glitt die »Savannah« in den linksseitigen Flußarm.

Aber schon bald zeigte sich auch hier voraus eine Kiesbank, die die Wasserstraße wieder in zwei Hälften teilte. Weiter unten wurde in beiden Fahrrinnen eine Menge angeschwemmtes Holz sichtbar, das zahlreiche Riffe bildete, aus dem die knorrigen, verwitterten Äste wie lange, drohend erhobene Fangarme emporragten.

Der Lotse nahm nunmehr den rechtsseitigen Flußarm, welcher der bei weitem tiefere zu sein und bei seinem starken Gefälle am wenigsten von Holz besetzt schien.

Der Stromkanal verengerte sich allgemach, das Wasser begann stärker zu strömen. Die »Savannah« wurde mit wachsender Geschwindigkeit dahingetragen.

Prüfende Blicke des Kapitäns flogen bald voraus, bald zurück, nach dem Mann an der Ruderpinne.

Da wurde vorn ein lebhaft bewegter, lichter Streifen sichtbar, der sich im Näherkommen als hochaufbrodelnder Gischt darstellte. Inmitten dieser wildbewegten Stromschnelle ragten zwei Schiffsmasten über das Wasser empor, an denen flatternde Leinwandfetzen niederhingen. Dort schien das schon gekennzeichnete Wrack sich zu befinden.

Der Stromkanal verengerte sich aber noch mehr. Er wurde zum reißenden, hochaufschäumenden Wildwasser.

»Zwei Striche Backbord!« schrie der Kapitän dem Mann am Steuer zu. »Wie wollt Ihr sonst an dem Wrack vorbei? Wir werden's erleben, daß wir den Bogen nicht wegbekommen!«

Mit atemloser Spannung sahen die Passagiere voraus nach den tobenden, hochaufwogenden Wassern. Was mochte die nächste Minute bringen? Manches Herz schlug schneller, manches Angesicht erbleichte.

Unten, jenseits des hochaufschäumenden, brodelnden Hexenkessels lag ein kleines Segelboot, halb auf den Strand gezogen. Ein alter weißhaariger Mann, die Augen mit der Hand beschattet, stand hochaufgerichtet auf dem erhöht liegenden Bug des Fahrzeuges und verfolgte sichtlich mit nicht minder großer Spannung das Manöver.

»Zwei Striche Backbord!« schrie der Kapitän aus Leibeskräften, die Fäuste drohend nach dem Lotsen erhoben.

Doch der Mann an der Ruderpinne stand wie eine Bildsäule.

Ein Druck seiner sehnigen Fäuste, die »Savannah« schwenkte im Gegenteil noch eine Kleinigkeit nach der anderen Seite.

»Seid Ihr des Teufels?« schrie der Kapitän, sprang mit einem kühnen Satze herab von dem Steg und jagte wie besessen nach dem Heck, sich der Ruderpinne zu bemächtigen.

Schnell fuhr der Mann dort mit einer Hand in die Tasche, mit dem anderen Arme fest auf den Steuerarm sich stützend, zog ein Messer und zückte den Stahl gegen den Schiffsführer. – Betroffen wich der zurück, doch im nächsten Augenblick sauste eine Eisenfaust auf des Lotsen Arm, daß dieser wie ein Lappen von der Schulter des Mannes niederhing und das Messer auf die Diele fiel.

Als die Passagiere die Gefahr erkannten, in der das Schiff schwebte, hatte die größte Verwirrung sich ihrer bemächtigt. Nur die beiden Wildsteller hatten kalten Blutes die Vorgänge beobachtet. Young Ironfist war es, der dem Kapitän in dem kritischen Augenblick zu Hilfe eilte und den Arm des Lotsen mit einem einzigen Schlage zerschmetterte. Young Ironfist erfaßte sodann den Mann mit beiden Händen, hob ihn wie ein Kind vom Boden auf und schleuderte ihn gegen die Bordwand, wo er wie ein Sack liegen blieb.

Inzwischen hatte der Kapitän die Ruderpinne ergriffen und blitzschnell herumgeworfen.

Aber zu spät!

Die »Savannah« hatte sich der verhängnisvollen Stelle in der letzten halben Minute mit rasender Geschwindigkeit genähert. Knapp zwei Schiffslängen trennten sie nur noch von dem kochenden und sprudelnden Hexenkessel, von den aufragenden Masten des Wracks, das quer vorn im Flusse lag. Ein einziger geller Schrei der Passagiere!

Verzweifelte, doch vergebliche Anstrengungen des Kapitäns und des herbeigeeilten Steuermanns.

Ein furchtbarer Krach!

Die »Savannah« saß fest, der Bug des Schiffes hoch emporgeschoben zwischen den Masten des Wracks, das Achterschiff tief in das Wasser eingetaucht.

Mit stürmischer Kraft brauste die Wucht des Stromes darüber her, den hinteren Teil des Schiffes tiefer und tiefer hinab zum Grunde bohrend.

Nirgends mehr eine führende Hand. Der Kapitän weggeschwemmt von den überholenden Wassern, der Steuermann weit unten im Fluße treibend, ringend mit der tödlichen Umarmung des erbarmungslosen Elementes.

Die Verwirrung, die Ratlosigkeit war allgemein.

»Rette sich, wer kann!« gellte der verzweiflungsvolle Ruf über das Vorderschiff.

Nur zwei Menschen verloren auch jetzt noch nicht ihre Kaltblütigkeit. Die beiden Wildsteller rafften alle beweglichen Holzgegenstände, Tische, Bänke und Stühle auf, schleppten sie nach vorn an den Bug und warfen sie dort über Bord, die Passagiere herbeirufend und ermutigend, sich ihrer zur Rettung zu bedienen.

Da erzitterte das Schiff in allen seinen Fugen, dann wieder ein furchtbares Krachen!

Nur die beiden Wildsteller verloren auch jetzt noch nicht ihre Kaltblütigkeit.

Das auf das Fahrzeug einstürmende Hinterwasser hatte zusammen mit der Schwere der Maschine das ihre getan. Die »Savannah« war mitschiffs auseinandergeborsten. – – – – – – – – – – –

Young Ironfist und Tommy Hawking standen am Hafendamme in St. Louis, beide mit Gesichtern wie die betrübten Lohgerber, denen die Felle den Bach hinabgeschwommen waren.

»Nun, laß uns versuchen, ob wir Glück haben, ob wir von der Dampfschiffahrtskompanie etwas herausschlagen können,« sagte Tommy. »Es ist neun Uhr, ich hoffe, die – die – wie nennt man nur diese Menschen? – die – die Kommis – sie werden jetzt wohl ausgeschlafen haben.«

Die beiden Wildsteller wanderten einer stattlichen Reihe Getreidespeicher und Wollschuppen entlang, in denen zahlreiche Nigger, von lautschreienden Aufsehern kommandiert, schwere Lasten aus und ein schleppten. Wohl an hundert Flußfahrzeuge lagen unmittelbar am Ufer vor Anker, bereit, das eine oder andere Handelsprodukt an Bord zu nehmen oder dem Handelsplatz irgendwelche Rohprodukte zuzuführen.

Als die beiden die Speicher im Rücken hatten, betraten sie die eigentliche Hafenstraße, die ein ebenso buntes als bewegtes Bild darbot.

Freundliche altfranzösische Wohnhäuser mit offenen Fenstern wechselten mit neu aufgeführten, weniger anmutigen, kastenförmigen Backsteinbauten, in denen geschäftige Kaufleute ihren Tagesgeschäften nachgingen. Dazwischen standen mehr oder weniger einladende »Hotels«, zahlreiche Branntweinbuden, Konzerthallen und Restaurants, aus denen trotz der frühen Morgenstunde da und dort der Schlag der Billardbälle auf die Straße klang.

Überraschend war die Verschiedenheit der Menschen, die sich in dem frisch aufblühenden einstigen Franzosendorf zusammengefunden hatten. Vorherrschend waren die Kreolen, Nachkommen der ersten französischen Ansiedler, schwarzäugige temperamentvolle Menschen, mit englisch-französischem Mischdialekt, die sich mit besonderer Lebhaftigkeit auf der Straße umhertrieben. Zahlreich waren die Bootleute, die breitbeinig und prahlerisch daherschritten; dazwischen reine Weiße, allerlei Halbblütige, Kentuckyer und Männer aus Tennessee; allenthalben sah man auch eine federgeschmückte Rothaut oder einen reckenhaften Waldläufer im malerischen Lederwamse, mit der Flinte am Riemen und dem Messer im Gürtel, elastisch einherschreiten.

Die beiden Wildsteller waren an einem viereckigen schmucklosen Backsteinbau angelangt und verlangten von einem unter dem Eingang des Hauses stehenden Mulatten, der offenbar den Pförtnerdienst versah, zu den Beamten der Dampfschiffahrtskompanie geführt zu werden.

Der Mann führte sie einen Gang entlang und wies mürrisch auf eine Tür, über der das Wort »Office« prangte.

Eingetreten standen die beiden Wildsteller einem Manne von mittleren Jahren gegenüber, der sie höflich empfing und sich nach ihrem Begehr erkundigte.

»Sir – wir sind Pelzjäger und kommen aus dem Norden. Wir waren so unvorsichtig, uns einem Eurer – wie sagt man? – wie nennt man Eure neuesten Schiffe?« –

»Dampfboote.«

» Yes – wir waren also so unvorsichtig, uns einem Eurer Dampfboote anzuvertrauen, und haben zur Buße für dieses Wagnis tüchtig Wasser schlucken müssen.«

»O,« rief der Herr, sehr freundlich werdend, »ihr seid wohl die beiden Waldläufer, die sich bei der Rettung der Savannahpassagiere so tapfer benommen haben – o, solche Männer kennen zu lernen, ist mir ein großes Vergnügen und eine Ehre –« und er bot den beiden Stühle an.

»Sir, wir haben getan, was Menschenpflicht ist. Beklagenswert ist das Schicksal des Kapitäns – er scheint ein tüchtiger und – wie sagt man nur? – ein liebenswürdiger Mann – von ihm war keine Spur mehr aufzufinden.«

»Ja, den Kapitän hat ein unverdientes Los getroffen; er ist tief zu beklagen. Aber ihr, ihr habt euch überaus wacker benommen. Die geretteten Passagiere, die bisher hier vorgesprochen haben, sind des Lobes voll. Ich will nicht versäumen, euch auch namens der Gesellschaft den besten Dank auszusprechen.«

Tommy wehrte mit einer leichten Handbewegung ab und sagte »Sir, wir kamen in einer anderen Sache. Wir sind hier, der Gesellschaft Gelegenheit zu geben, ebenfalls menschlich zu handeln, Noblesse zu beweisen. Wir sind beide arme Schlucker, wir besitzen zur Zeit keinen Penny. Wie wir hörten, verfügt dagegen die Gesellschaft über sehr reiche Mittel und die Geschäfte blühen. Wir hatten für 10&#160;000 Dollars Pelze an Bord, die mit der ›Savannah‹ auf den Grund gingen.«

Der freundliche Herr wurde mit einem Male sehr ernst und zurückhaltend.

»Wir stellen das Ersuchen an die Gesellschaft,« fuhr Tommy zu reden fort, »uns angemessen zu entschädigen.«

»Ihr redet wohl im Scherze?« fragte der Herr, jetzt statt dem freundlichen Zuge im Angesicht ein ironisches Lächeln um die Lippen. »Wo steht es denn geschrieben, daß die Gesellschaft für solche Verluste haftbar ist?«

»Geschrieben oder nicht! Der Kapitän hat unser Besitztum, ohne daß wir darum gebeten hätten, als Vertreter der Gesellschaft in Verwahrung genommen; es war ihm oder ihr depotweise unserseits anvertraut. Wir sind gekommen, es von der Gesellschaft zurückzufordern.«

»Auf die Erfüllung dieses Wunsches könntet ihr gar zu lange warten müssen,« erwiderte der Beamte sehr gedehnt. »Ich gebe zu, daß, rein menschlich betrachtet, die Sache etwas für sich hat. Solange aber nicht ein Gesetz besteht, das sich zu eurer Auffassung dieser Angelegenheit bekennt, wäre es Torheit, euer Verlangen auch nur ernst zu nehmen. Kommt in fünfzig Jahren wieder, vielleicht daß bis dahin ein Gesetz geschaffen ist, das solche Garantien auferlegt.«

»Die Gesellschaft weigert sich also, das anzuerkennen, was für jeden schlicht und gerade denkenden Menschen etwas Selbstverständliches ist?«

»Was fällt euch ein? Das ist durchaus nicht selbstverständlich.«

»Und dennoch! Wenn mir das Mißgeschick begegnet, dem Nachbar einen Topf zu zerschlagen, den er mir zur Aufbewahrung übergeben hat, so werde ich so anständig sein, ihm einen anderen gleichwertigen zurückzugeben. Eine Gesellschaft aber, die Güter zur Beförderung an eine bestimmte Stelle von mir übernimmt, Güter, die ihr, sei es wie es wolle, abhanden kommen, die weigert sich, Ersatz zu leisten.«

»Ja, sie weigert sich entschieden. Es bleibt euch ja unbenommen, zum Richter zu laufen und einen Prozeß zu führen, aber ich kann euch im vorhinein sagen, daß bei dem Mangel einer gesetzlich gewährleisteten, vertragsmäßigen Übereinkunft nichts dabei herauskommt, daß euer Beginnen vielmehr einfach Torheit wäre. Ich will den Stiel umkehren und euch ein anderes sagen! Es steht außer allem Zweifel und es wird auch euch nicht entgangen sein, daß das Unglück der ›Savannah‹ nicht auf eine Unvorsichtigkeit des Kapitäns, nicht auf ein Naturereignis, sondern auf ein Verbrechen zurückzuführen ist. Es steht bereits fest, daß man unsern Lotsen gewaltsam festgehalten hat und daß der Beglaubigungsbrief ein gefälschter gewesen ist, daß das Schiff zu Unrecht von einem verbrecherischen Menschen geführt war. Wer ersetzt nun uns den Schaden? An wen sollen wir uns halten, daß wir für das verlorene Schiff ein neues bekommen? Wenn ihr das zuwege bringt, dann ließe sich über eure Forderung schon eher reden.«

Tommy mußte die Gewichtigkeit dieses Vorhalts anerkennen und war sehr kleinlaut geworden.

Auch Young Ironfist, der eine sehr entrüstete Bemerkung auf der Zunge hatte, schluckte, was er sagen wollte.

»Dann wäre das also Euer letztes Wort in dieser Sache,« fragte Tommy zögernd, mit einem Zuge herber Enttäuschung um die bärtigen Lippen.

»Ja, das letzte,« entgegnete der Beamte kalt und ablehnend und beugte sich in nicht mißzuverstehender Weise über ein Schriftstück, zum Zeichen, daß er die Unterredung beendet zu sehen wünsche.

Mit gemischten Gefühlen zogen die beiden ab.


»Siehst du, das sind die kalten Sturzwellen, die das Leben leider nur zu oft mit sich bringt,« sagte Tommy zu seinem jungen Freunde, als sie wieder die Hafenstraße entlang wanderten. »Kalte Sturzwellen, die eisig genug berühren und den Menschen bis in sein Innerstes erschauern lassen. Im Grunde genommen hat der Mann nicht so unrecht. Er sieht einzig und allein auf den Vorteil seiner Gesellschaft, und dazu ist er berufen. Es besteht in der Tat noch kein Gesetz oder eine gesetzlich gewährleistete Einrichtung, die uns einen Rechtsanspruch zubilligte. Die Gesellschaft fühlt sich infolgedessen dazu nicht verpflichtet. Alles andere läßt den Mann selbstverständlich kalt und unberührt.«

»Das seien der Eigennutz, von dem Tommy so oft schon sprechen. Das seien die Selbstsucht, die vielfach die Welt der weißen Brüder regieren.«

»Allerdings, das sind die Schattenseiten; aber ich zweifle nicht, daß eine Zeit kommen und auch diese Schatten auf die eine oder andere Weise aufhellen wird.«

»Das eine Aufgabe für die Gentleman, die Tommy die guten Menschen nennt, die bestrebt sind, das Leben der weißen Brüder immer mehr zu verbessern.«

»Ja, aber es müssen noch viele Gentlemen erstehen, die in die dunklen Winkel des Lebens hineinzünden, bis allenthalben überall die alles befruchtende Sonne leuchtet. Du hast ja selbst gehört, daß der Mann zugibt, es würde in unserem Falle in fünfzig Jahren vielleicht schon anders sein. Möglicherweise sieht es in seinem Herzen ganz anders aus als auf seiner Zunge; er zeigte sich schroff und ablehnend; vielleicht aber bedauert er in der Stille doch, daß uns das Schicksal so schwer getroffen. Aber er steht, wie wir alle, unter dem Drucke des Gesellschaftsverhältnisses und kann und darf uns nicht helfen.«

»Was seien eigentlich das Schicksal, wovon Tommy soeben sprechen.«

»Das ist schwer zu sagen. Es ist das Resultat des Zusammenlebens aller Menschen und der elementaren Ereignisse auf dieser runden Erde, die beide das Geschick des einzelnen ausmachen. Lasse irgendwo in Hinterindien oder in der Mongolei ein Gelbgesicht einen Pistolenschuß abfeuern, dieser Schuß wird eine bestimmte indirekte Wirkung auch auf uns beide ausüben, wenn auch nur in einem Maße, daß dieses kaum geeignet sein dürfte, zu unserer Wahrnehmung zu gelangen. Der Mensch zum Beispiel, der den Entschluß faßte, die ›Savannah‹ in den Grund zu bohren, hat sicherlich nicht die Absicht gehabt, zu unserem Verderben beizutragen. Aber indem er seinen Entschluß ausführte, ist er – verstehst du? – unbewußt zum Handlanger des Schicksals geworden, das uns betroffen hat.«

»Solche Zufälle können auch die besten Gentlemen nicht aus dem Weg räumen?«

»Die Gentlemen werden noch viel Gutes schaffen, Geleise und Kanäle bauen, um den bösen Zufall in Bahnen zu leiten, daß die Schicksalsschläge den Menschen weniger schmerzlich treffen können. Aber die Menschheit wird niemals vermögen, die ganze Macht des Geschickes zu bezwingen, ebensowenig als sie, die Menschheit, den Tod bezwingen kann.«


Die beiden Wildsteller waren an einem Hause angelangt, über dem in Riesenlettern die Aufschrift »A. Bourton« prangte.

»Laß uns hineingehen und Mister Bourton Mitteilung von unserem Mißgeschick machen. Er ist der Hoffnung, daß wir große Beute bringen; er wird wenig genug erbaut sein.«

Als sie die Kontorräume betraten, wurden sie alsbald zu dem Inhaber des Kaufhauses geführt, der ihnen beide Hände zugleich entgegenstreckte und sich des Wiedersehens aufrichtig freute. Sein Gesicht wurde aber immer länger, als er nach und nach erfuhr, daß die beiden Wildsteller an Bord der »Savannah« sich befunden und bei dem Schiffsunglück alle ihre Felle eingebüßt hatten.

»Das wird eine nette Abrechnung für euch ergeben,« polterte er plötzlich los. »Der eine läuft von einer Branntweinbude in die andere und vertrinkt und verspielt seine ganze Habe. Ihr beiden Unglücksvögel habt euch, wie ich gerne glauben will, redlich geplagt, aber ihr seid unvorsichtig genug gewesen und laßt eure Felle den Strom hinabschwimmen. Daß sich die Gesellschaft weigert, Ersatz zu leisten, das kann nur ein sehr kindliches Gemüt überraschen. War denn keine Rettung möglich?«

»Wir hatten gerade genug zu tun, unser und der Passagiere Leben in Sicherheit zu bringen. Die Felle aus dem Wasser herauszuholen, daran war nicht entfernt zu denken. Das Unglücksschiff war mitten auseinandergeborsten; binnen wenigen Minuten kaum eine treibende Planke davon zu sehen.«

»Und nun kommt ihr abgebrannt daher und – ich sehe es euch an – wollt Geld – Geld haben! Ihr haltet mich wahrscheinlich für einfältig genug, euch jetzt obendrein noch eine neue Ausrüstung zu geben, um zwei oder drei volle Jahre zu warten, bis ihr eines schönen Tages wieder in einem leeren Kanu den Fluß herabrudert. Ich sage euch aber im vorhinein: daraus kann nichts werden!«

»Ich verstehe nicht,« erwiderte Tommy abweisend, »wie Euch dermaßen verletzende Äußerungen auf die Zunge kommen können! – Hat Euch Tommy Hawking jemals angebettelt, oder war ich Euch jemals auch nur einen Penny schuldig? – Haben wir nicht noch drei Depots bei Euch liegen? Steht Ihr nicht bei uns noch in einer nicht unbedeutenden Schuld?«

Mister Bourton sah den Wildsteller einen Augenblick sehr erstaunt an, lächelte sehr hämisch und sagte dann: »So klug Ihr früher einmal gewesen seid, Tommy Hawking, Euer Verstand scheint bedauerlicherweise eine Trübung erfahren zu haben, wie ich schon an Eurer stotternden Sprache sattsam bemerkte. Wenn Ihr behauptet, daß ich in Eurer Schuld stehe, dann muß ich fragen, wie kommt Ihr zu einer solchen Behauptung und wo sind die Beweise?«

Tommy glotzte nun seinerseits den Mann wohl eine Minute lang höchst verwundert an. Er langte dann unter sein Lederwams, um eine ziemlich umfangreiche Brieftasche zum Vorschein zu bringen.

Bedächtig öffnete er den Verschluß und zog eine Anzahl Schriftstücke hervor, die er der Reihe nach durchblätterte.

Als er das Gesuchte nicht sogleich vorfand, fing er von vorn an, die Schriftstücke noch sorgfältiger durchzuprüfen.

Als auch dies vergeblich war, schien mit einem Male alles Blut aus seinen Wangen zu weichen; seine Stirn umwölkte sich, starr sah er vor sich nieder; die sehnigen Fäuste, die an den Papieren herumknitterten, begannen zu zittern.

»Ihr könnt den Versuch getrost sparen, mir da eine Szene vorzumachen,« versetzte der Kaufherr kühlen Tones, nachdem er dem Wildsteller geraume Weile zugesehen hatte. »Eure Brieftasche kann unmöglich ein Papier enthalten, das Euch auf die Firma A. Bourton einen Anspruch gibt; die Depotscheine, die ich Euch nach jeder Pelzablieferung zugehen ließ, sind längst wieder in meinem Besitz.«

»Was Ihr da sagt, ist nicht möglich,« schrie Tommy auf, und jetzt schoß ihm eine Blutwelle in das Angesicht.

Kalt lächelnd stand Mister Bourton auf, holte aus einem Schranke ein Schriftbündel herbei, dem er nach einigem Suchen drei einzelne Papiere entnahm.

»Hier seht Ihr die Gutschriften zu Euren Gunsten – und hier die Abrechnung. Ihr wollt Euch gefälligst überzeugen, daß Euer Guthaben bis auf den letzten Schilling ausgeglichen ist.«

Tommy nahm die Blätter in die Hand und ließ den Blick wie irr darüber streifen.

»Habt Ihr noch einen Zweifel?« fragte Mister Bourton über eine Weile.

»Das ist Betrug!« fuhr Tommy zornig auf. »Wie kamen die Scheine aus meiner Brieftasche? – Mann, sprecht! Wie seid Ihr in den Besitz dieser Papiere gekommen?«

»Ihr seht hier unten am Rande die Auszahlungen notiert, an Euren dritten Mann, den Langen Ben geleistet – quittiert durch dessen Unterschrift.«

»Niemals hat Ben die Scheine zu Recht erhalten und nie war er berechtigt, die ganze Gutschrift an sich zu nehmen!«

»Und dennoch muß er – besinnt Euch nur – die Papiere nie an Euch abgeliefert oder wieder von Euch erhalten haben. Wie soll ich anders in ihren Besitz gelangt sein? Ihr werdet ferner zugeben, daß ich die Zahlungen an Ben zu leisten gehalten war, daß nur der Besitz der Scheine für mich maßgebend gewesen ist.«

Tommy faßte sich an den Kopf.

Alle Überlegung und zumal sein Gedächtnis schien ihn in seiner Erregung im Stiche zu lassen.

Auch Young Ironfist wußte über den Hergang der Sache keine Auskunft zu geben, da er mit dem Handel überhaupt nichts zu tun gehabt, sondern die Ordnung der Angelegenheit ganz dem älteren Kameraden überlassen hatte.

»Dann muß Ben, dieser Spitzbube, mir die Scheine vor seiner letzten Abfahrt aus der Tasche genommen haben,« rief Tommy plötzlich in größter Entrüstung. »Er erhielt von uns nur eine beiderseits gezeichnete Vollmacht, Gelder bis zur Höhe eines Drittels zu empfangen.«

»Eine Vollmacht, von der der Lange Ben, nachdem er im Besitze der Vollscheine war, natürlich nie Gebrauch gemacht hat; sie ist mir nie vor Augen gekommen,« erklärte Mister Bourton.

»Da stände es nun klar am Tage, was mir schon lange als Befürchtung vorgeschwebt hat, daß wir diesem Menschen ein zu großes Vertrauen geschenkt, eine Schlange am Busen genährt haben,« polterte Tommy zornglühend los.

»Young Ironfist haben dem Langen Ben nie getraut; er ihn noch nie für einen Gentleman halten. Er können ein ganz guter Mensch sein, wenn er wollen; aber er schwanken wie das Schilf im Winde, und wenn Wind sehr stark, dann nicht mehr aufrecht stehen, dann leicht zusammenknicken,« sagte mit einer Stimme, die seine innere Erregung widerspiegelte, die ehemalige Rothaut.

»Und alle deine schönen Pläne sind zu nichte! Da ich ohnedem ehestens in den Wald zurückgekehrt wäre, hatte ich die Absicht, dir meinen Anteil an dem Gelde abzutreten,« erklärte Tommy. »Da ich dir nicht zumuten will, daß du mir verpflichtet bist, hättest du mir die Schuld früher oder später auf irgend eine Weise abtragen können. Nun aber kann davon keine Rede sein.«

»Tommy ein sehr guter Mensch, ein guter Kamerad,« entgegnete Young Ironfist und fügte mit abweisender Handbewegung hinzu, »– wer weiß, ob Young Ironfist ein solches Opfer überhaupt annehmen.«

»Du hättest es annehmen müssen, weil ich dich liebgewonnen hatte, weil du mir ein ehrlicher und treuer Gefährte gewesen bist.«

»Nun aber Schicksalsschläge empfangen haben, Tommy seinen Opfermut nicht mehr ausüben können. Nun nicht mehr in das Land der weißen Brüder reisen, nun in den Wald zurückkehren, um wieder Biber zu fangen. Wenn erst wieder viele Biberfelle besitzen, dann vielleicht den alten Plan aufnehmen. Young Ironfist unter diesen Umständen sich niemals von Tommy trennen.«

Nun schien aber auch Mister Bourton, der dieses Zwiegespräch aufmerksam verfolgt hatte, anderen Sinnes geworden zu sein und über das Mißgeschick der beiden aufrichtiges Mitleid zu empfinden.

»Ich will euch etwas sagen,« erklärte er. »Ich sehe, daß ihr ehrliche und einander wohlgesinnte Kameraden seid. Daß man sich bessere Biberfänger, die diesmal freilich manches Mißgeschick hatten, nicht wünschen kann, das steht bei mir schon lange fest. Die Umstände – ihr werdet das zugeben müssen – waren dazu angetan, einen Augenblick an euch irre zu werden. Ich bedaure das. – Laßt euch raten, zunächst den Langen Ben aufzusuchen, vielleicht, daß sich aus ihm noch etwas herausschlagen läßt.«

»Er wäre hier in St. Louis?«

»Er ist hier. Ihr werdet ihn in irgend einer Branntweinbude beim Würfelspiel oder hinter den Kartenblättern finden. Vielleicht könnt ihr ihn aus dem Sumpfe herausreißen, ihn bewegen, wieder in den Wald zu gehen, daß er euch auf die eine oder andere Weise schadlos hält. Und, habt ihr euch mit ihm auseinandergesetzt, dann bleibt euch unbenommen, hier wieder vorzusprechen; wir können ja dann weiter reden.«

Bewegt nahmen die beiden Abschied und traten wieder hinaus auf die Straße.

Es war unterdessen Mittag geworden und das Treiben auf der Hafenstraße ein noch lebhafteres. Überall der regste Geschäftseifer, aber auch viele Müßiggänger waren zu sehen, zweifelhaftes Volk, das träge umherlungerte.

Aus den Hotels, Restaurants und Branntweinbuden klang manches rauhe Wort, ja nicht selten heftiges Gezänk auf die Straße; allenthalben hörte man ein schlechtgespieltes Musikinstrument, da und dort ausgelassene, wenig melodische Gesänge.

Diese mehr oder minder anständigen, zum großen Teil aber übelberüchtigten Wirtshäuser machten ein vortreffliches Geschäft, denn sie waren die einzigen Unterkunftsstätten für alle, die St. Louis, diesen letzten Ausrüstungsplatz für den damaligen südwestlichen indianischen Handel, besuchten. Die schnell aufblühende Stadt war aber auch der Hauptsammelpunkt des Gesindels aus den Prärien, der Minendistrikte und Grenzsteppen, das von Zeit zu Zeit hierher kam, sich für die Vereinsamung draußen in der Wildnis eine Zeitlang schadlos zu halten, sich zu amüsieren. Kamen diese Männer zugereist, suchten sie zunächst ihre mitgebrachten Produkte bestmöglichst an den Mann zu bringen, liefen dann aber in die Trink- und Vergnügungslokale, das erlöste Geld möglichst rasch wieder los zu werden, um nach einigen Wochen, wenn die Taschen leer und der Kopf schwer geworden war, das einsame Leben draußen in den Grenzsteppen, Minen und Wäldern von neuem zu beginnen.

Young Ironfist und Tommy waren in einen Kaufladen getreten, wo der letztere sein Taschenfernrohr verhandelte, und dafür kleine Münze sich geben ließ, um wenigstens einige Mittel für Erfrischungen bereit zu haben.

Dann besuchten sie der Reihe nach mehrere Branntweinbuden, ohne auf den Langen Ben zu treffen, bis ihnen ein alter Grenzjäger, mit dem sie ins Gespräch gekommen waren, bedenklich mit dem Kopfe nickend, die Schenke bezeichnete, in der sie den Gesuchten voraussichtlich finden würden.

Die breiten Krempen ihrer Hüte tief über die Augen gezogen, traten sie in die schmutzige, nach Fusel duftende Bude ein.

Sie war in ihrem vorderen Teile dicht angefüllt mit singenden und johlenden Menschen jeglichen Alters, die das erlaubte Maß des Alkoholgenusses sichtlich schon erheblich überschritten hatten. Weiter hinten, durch einen rohen Bretterverschlag abgetrennt, war ein Raum geschaffen, in dem es verhältnismäßig ruhiger zuging. Hier standen dicht nebeneinander ein halbes Dutzend Tische, an denen eine Anzahl Männer, darunter auch Ben, dem Karten- und Würfelspiel oblagen.

An einem der Tische saßen eine Anzahl Männer, darunter auch Ben, die dem Kartenspiel oblagen.

Tommy und Young Ironfist hatten sich nächst dem Eingang in diesem Nebenraum so niedergelassen, daß sie von ihrem ehemaligen Kameraden nicht leicht gesehen werden konnten, den Tisch, an dem er saß, aber ungehindert im Auge zu behalten vermochten. – Mit hochgerötetem Kopfe saß Ben da, die eine Hand in nervöser Beweglichkeit mit dem vor ihr aufgerichteten Geldhäufchen beschäftigt. Gierig nahm er die soeben neu ausgegebenen Karten in Empfang, aber sie mochten seinen Erwartungen nicht entsprechen. Mit einem Schimpfworte auf den Lippen, warf er die Blätter auf den Tisch nieder und tat einen tiefen Zug aus einer neben ihm stehenden Branntweinflasche.

So ging das Spiel eine Weile fort, wobei Ben entschieden Unglück hatte. Wagte er einmal einen Einsatz und wurde die entscheidende Karte umgelegt, war das Ergebnis fast immer, daß der Kasseninhalt einem der anderen Männer zufloß.

Ben, der sich alle Mühe gab, äußerlich kalt und gelassen zu erscheinen, wurde dennoch merklich erregter. War er auch schweigsam und zurückhaltend, seine geröteten übernächtigen Augen begannen immer unheimlicher zu glänzen, um seine Lippen legte sich ein unwahres, widerwärtiges Lächeln geheuchelter Gleichgültigkeit. Mit lauerndem Blick beobachtete er die Mitspieler, keine ihrer Bewegungen, keines der umhergehenden Kartenblätter außer acht lassend.

Endlich schien ihm das Glück hold gesinnt zu sein. Er hatte die Karten gegeben, legte mit einem Zuge der Befriedigung im Angesicht die ihm zugefallenen Blätter verdeckt vor sich nieder und schob das ganze vor ihm liegende Geldhäufchen in die Mitte des Tisches, die Männer auffordernd, den gleich hohen Satz zu wagen.

Kopfschüttelnd betrachteten die ihre Kartenblätter, legten sie nacheinander beiseite, bis auf den letzten Mann, der lange schwankte, auf das Anerbieten einzugehen. Endlich entschloß er sich doch dazu; er legte seine Karten beiseite, den Talon aufzunehmen. Mit größter Spannung sahen alle Spielteilnehmer dem Resultate entgegen. Zögernd wurden die Blätter umgeschlagen: Ben hatte zwanzig Points, sein Partner aber deren einundzwanzig aufzuweisen. Hohnlächelnd zog dieser das Geld ein, während Ben mit einem Gemisch von Enttäuschung und Wut auf das Plätzchen, wo sein Geld kurz zuvor noch gelegen hatte, niederblickte.

»Nun wird die Herrlichkeit wohl ein Ende haben,« sagte einer der Spielteilnehmer nicht ohne Anflug von Spott. »Ich kalkuliere, daß in Euren Taschen kaum noch ein Cent zu finden ist.«

»Allerdings,« erwiderte Ben mit einem giftigen Blick auf den Sprecher und fügte mit schwerer Zunge hinzu: »Doch ich hoffe, daß ich es mit Gentlemen zu tun habe.«

»Das soll doch nicht etwa heißen, daß Ihr etwa erwartet, Geld geborgt zu erhalten?«

»Meines Erachtens kein unbilliges Verlangen, nachdem Ihr selbst zugegeben habt, daß mich das Unglück ganz ausnehmend verfolgte. Das Glück kann sich wenden.«

»Ganz recht, Mann, das Glück kann sich wenden. Doch finde ich es ratsamer, das Spiel lieber zu lassen. Ich gestehe ganz offen, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dache. Ich kalkuliere, daß Eure Mittel nicht nur vorübergehend, sondern überhaupt erschöpft sind.«

»Auch meine Meinung,« versetzte ein anderer Mann. »In solchen Fällen kennt man es in St. Louis nicht anders, als daß der Gerupfte das Feld seiner wenig gesegneten Tätigkeit verläßt und sich wieder an die Grenze macht. Ich finde, daß das ein löbliches Herkommen und das weitaus vernünftigste ist.«

Ben, dem der Branntwein ohnehin schon übel genug mitgespielt zu haben schien, bekam einen knallroten Kopf.

Die Hand mit aller Wucht auf den Tisch schlagend, sagte er: »Und ich entgegne Euch, daß Ihr ein ebenso grober als ungefälliger Geselle seid. Ihr wißt es ganz genau, daß ich nur die Ankunft zweier Freunde abwarte, um wieder in den Besitz von Mitteln zu gelangen.«

»Das alte Märchen, mit dem Ihr seit Wochen und Monaten Euren Kreditverhältnissen zu Hilfe zu kommen sucht! Ich will zwar durchaus nicht an der Existenz Eurer Assoziation zweifeln, aber wer garantiert Euch, daß die Skalpe Eurer beiden Freunde nicht schon längst an dem Gürtel einer Rothaut hängen?«

»Das tun sie zum Glück nicht,« mischte sich Tommy Hawking nun in die Auseinandersetzung, der auf die letzten Worte hin sich von seinem Sitze erhoben und an den Spieltisch getreten war, »obwohl es einige Male schon nahe genug daran war, wenn wir diesen Mann da – wie sagt man nur? – wie nennt man das, wenn man einem Menschen den Willen nicht lassen darf?«

»Das Handwerk legen!«

»Ihn kaltstellen!«

»Sehr richtig – wenn wir, seine beiden Kompagnons, ihn nicht bis zu einem gewissen Grade kalt gestellt hätten. Im übrigen kann ich den Gentlemen nur raten, diesem Mann auf Kosten seiner beiden Freunde – wie heißt das Wort –?«

»Borg!«

»Kredit!«

»Sehr richtig – ich kann nur raten, ihm keinen Kredit zu eröffnen.«

Bens Angesicht war beim Anblick seines Jagdgefährten aschfahl geworden. Mit weitaufgerissenen Augen glotzte er Tommy an, als ob ein Gespenst vor ihm aufgestiegen wäre.

Schnell faßte er sich aber, fuhr zorngerötet von seinem Sitze auf und rief: »Tommy Hawking, ich frage Euch, wie kommt Ihr dazu, mich bei diesen Gentlemen in solcher Weise in Mißkredit zu setzen? Könnt Ihr etwa leugnen, daß ich an der Beute, die Ihr, wie ich hoffe, flußab gebracht habt, nicht auch Anteil habe?«

»Allerdings, Ihr habt den Anspruch eines Drittels,« entgegnete Tommy ruhig, »so lautet unsere –«

»Abmachung!«

»Yes – unsere Abmachung, unser Übereinkommen. Aber ich muß, da ich nun einmal hier mitzusprechen gezwungen bin, den Gentlemen auch sagen, daß sich dieser Mann da, ohne unsere Beistimmung, zum vorhinein schon mehr als reichlich bezahlt gemacht hat.«

» That's mean!«

»Also eine Betrügerei?«

»Eine richtige Betrügerei!«

»Der Mann ist betrunken,« schrie jetzt, ganz außer sich geratend, Ben. »Hört Ihr's nicht an seiner stockenden Zunge?«

Tommy lächelte mitleidig.

»Ben David, Ihr müßt schon sehr tief gesunken sein,« sagte er, ein Zittern der Erregung in der Stimme, »wenn Ihr es nicht verschmäht, zu solchen Mätzchen zu greifen, zumal Euch sehr wohl bekannt ist, wovon mein Sprachfehler herrührt, zu schweigen davon, daß ich dieses Mißgeschick in erster Linie Euch zu danken habe.«

»Der Mann lügt!« schrie Ben. »Ich will zugeben, daß ich an einem Streite mit den Roten eine gewisse Schuld trage, die dem Mann eine etwas unmenschliche Behandlung seitens eines Wilden eingetragen hat. Ich will ferner zugeben, daß ich bei meinen Kompagnons stark im Vorschusse stehe. Die Abrechnung aber wird erweisen, daß dieser Mann hier zu Unrecht Vorwürfe so schwerer Art gegen mich erhoben hat.«

»Wenn es sich nur um Vorschüsse handelte,« entgegnete Tommy, »würde es mir nie beifallen, einen Vorwurf gegen Euch zu erheben. Ich weiß es ja, daß Ihr ein lockerer Vogel seid, der von Zeit zu Zeit das Bedürfnis hat, mehr als andere Menschen sich auszuleben.«

»Hütet Eure Zunge!« schrie Ben. »Ich kann Euch sagen, daß ich mir eine Beleidigung nicht gefallen lasse.«

»Ist auch gar nicht meine Absicht. Und, was die Abrechnung betrifft, von der Ihr redet, die Ihr wünschet – Ben David, so frage ich, wäre es nicht besser, darauf zu verzichten. Euch dafür aber augenblicklich zu erziehen, irgend einen fernen Grenzwinkel aufzusuchen, über Eure Gemeinheit nachzudenken?«

Sprachlos starrte Ben den Jagdgenossen an, der zwar die äußerliche Ruhe noch bewahrte, in dem sich aber nachgerade der Zorn und die Entrüstung gewaltig zu regen schienen.

»Gemeinheit – Ihr redet von Gemeinheit?« fuhr Ben auf. »Wißt Ihr, was Ihr sprecht? Ihr werdet mir darüber Rechenschaft geben müssen!«

»Ja, ich werde das Wort, das ich ausgesprochen habe, rechtfertigen,« erwiderte Tommy mit erhobener Stimme und merkwürdigerweise in völlig fließender Sprache. »Ich werde für jede einzelne Behauptung, die ich hier vorbrachte, den Beweis antreten. Ich frage Euch, wo sind die Depotscheine, die, solange wir zusammen im Walde waren, in meiner Brusttasche verwahrt lagen, die aber, wie ich heute erst bemerkte, aus meiner Tasche verschwunden sind?«

»Was kümmern mich Eure Depotscheine! Bin ich etwa Euer Aufpasser, Euer Kindermädchen?«

»Seid Ihr frech genug, mir mit einer solchen Entgegnung zu kommen, dann sehe ich keinen Grund ein, Euch ferner zu schonen. Ich muß vielmehr hier diesen Männern erklären, daß die aus meiner Tasche verschwundenen Scheine in die Hände unseres Traders gewandert und daß die darauf stehenden Geldsummen von Ben David, diesem Mann hier, in ihrer vollen Höhe erhoben worden sind.«

Ben war kreidebleich geworden. Ein starkes Zucken ging durch seinen ganzen Körper; seine Augen begannen sich mit einem unheimlichen Glanze zu füllen.

»Hätte es Euch nicht beliebt zu sagen, daß ich lüge,« fuhr Tommy fort, »also in einer Weise hier aufzutreten, die bezwecken sollte, mich in ein falsches Licht zu stellen, würde ich nie so weit gegangen sein. Ich hätte Euren Leichtsinn, der Euch zum Trunke und zum Laster des Spieles führte, der Euch von Stufe zu Stufe hat sinken lassen, noch etwas zugute gehalten; hätte vielleicht gar noch mit mir reden lassen. So aber stehe ich nicht an, Euch als den zu bezeichnen, was Ihr seid – ein Betrüger – ein Dieb – ein Schuft –«

Tommy hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als ein einziger geller Schrei der Entrüstung den Kehlen der anwesenden Männer entfuhr.

Ben hatte sich, ehe es jemand zu hindern vermochte, laut brüllend, wie ein wildes Tier auf den Wildsteller gestürzt und ihm sein Jagdmesser, das er blitzgeschwind dem Gürtel entnahm, bis ans Heft in die Brust gestoßen.

Wie aus Stein gemeißelt standen für den Augenblick die Männer.

Da gellte noch ein zweiter, ein wilder Schmerzensschrei!

Young Ironfist hatte den tödlich getroffenen Freund mit den Armen aufgefangen, in sein brechendes Auge geblickt, dann ihn sanft auf die Erde niedergleiten lassen. – In der nächsten Sekunde stand der junge Wildsteller, hochaufgerichtet wie ein flammender Rächer vor dem leichenblaß zurücktaumelnden Ben und streckte diesen mit einem einzigen gewaltigen Faustschlage nieder.


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