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Morgengang

Das Schloss von La Cessoie stand, von Fliegerbomben halb zerstört, eine Viertelstunde vom Hause des Doktor Meunier, in einem grossen gepflegten Park mit dunkeln Bäumen, wie ein Puppenhaus mit offenen Wänden und halbem Dach unter dem blauen Himmel. Vor dem Schloss lag ein welliges Land mit Gehöften und Dörfern, im Südosten sah man, kaum eine halbe Stunde entfernt, die Citadelle von Lille.

Talbot arbeitete in einem Zimmer, dessen eine Wand oben aufgerissen war, und hörte in dem Raum nebenan, der sonst unbenutzt blieb, Schritte und Sprechen. »Bei der Artillerie geht es ja noch«, hörte er Leutnant Holtzem sagen, »aber bei der Infanterie, bei 729 zum Beispiel, sind scheussliche Zustände, und was man erst von der französischen Front hört ...«

»Ich weiss es«, antwortete die Stimme des Doktor Pfeilschmidt.

»Und wenn Sie die Heeresberichte vergleichen, die Funkstation nimmt ja Eiffel mit auf, dann sieht man, wie grauenhaft es zu Ende geht.«

Ein Schweigen folgte.

»Und was der verdammte Engländer gestern sagte ... Talbot will es nicht wahr haben. Er hält uns für Hornochsen, die alles glauben und nichts sehen ...«

»Nein, lieber Holtzem: er macht Maske.«

»Ich kann diese Hochnäsigkeit nicht ertragen.« Talbot hatte sich eben bemerkbar machen wollen, nun hatte er zuviel gehört. »Sie haben eine lächerliche Vorliebe für ihn, Doktor. Dieses falsche Geistreichtum, diese schlechte Imitation von Oskar Wilde ...« die Stimmen und Schritte entfernten sich.

Talbot lächelte, obwohl seine Empfindungen keine angenehmen waren. Im Meunierschen Hause hatte er ein Wort des Leutnant Koch überhört: »Mit dem Käpten ist nichts mehr anzufangen.«

Er sah nach dem Riss in der Wand über ihm, durch den er die Stimmen gehört hatte. Vielleicht war er wirklich verändert; aber das schien jetzt gleichgültig.

Ein Automobil fuhr in den Park. Es war der neue Artilleriekommandeur, General Heise, der ihm seinen Besuch zu machen kam. Der Falke war zu anderer Verwendung in die Heimat geschickt worden. Der General, ein dürrer Herr mit grauen schütteren Haaren und langer spitzer Nase, sprach eingehend mit ihm: »Exzellenz Schröder hat mir gesagt, ich sollte nur Sie fragen. Sie wüssten am besten Bescheid, lieber Latour.«

Talbot verbeugte sich. Dann gingen sie hinab und der General fuhr mit ihm zu den Batterien, die, im Vorfeld von Lille eingegraben, auf die Engländer warteten. Er kam dann mit ihm wieder nach La Cessoie zurück und blieb zum Mittagessen.

Talbots Blicke gingen zu Leutnant Holtzem, der neben dem Doktor Pfeilschmidt sass. »Die Funkstation hat sie soeben aufgenommen«, sagte der Leutnant.

»Was?« fragte Koch.

»Die neue Wilson-Note.«

In Talbots Gesicht war eine vorübergehende Röte. »Ich bitte sehr um Verzeihung«, sagte er zu seinem Gast gewendet, »wenn ich in Gegenwart des Herrn Generals meinen Herren etwas sagen muss.« Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: »Meine Herren, ich habe schon mehrfach bemerkt, dass ich an meiner Tafel politische Gespräche nicht wünsche. Es kommt nichts dabei heraus. Was diese Yankees, Mr. Wilson oder Lansing äussern, das geht uns hier nichts an.«

Man redete von anderem.

Nach dem Essen ging Talbot mit dem General im Park auf und ab. »Ich weiss nicht, ob Sie recht daran tun, Ihren Herren diese Geschichte zu untersagen, Herr Hauptmann. Es nützt auch nichts. Und«, sagte er langsam, »zu retten ist nicht mehr viel.« Talbot sah ihn an. »Ja, mein Lieber«, sagte der hagere grauhaarige Mann mit erzwungener Gelassenheit, »Wir müssen uns auf das Ende vorbereiten und unsere Leute auch.«

»Ja«, erwiderte Talbot mechanisch und sah zu Boden, »wir müssen uns auf das Ende vorbereiten.«

Das Automobil des Generals kam auf dem Kiesweg. Talbot und Leerodt stiegen mit ihm ein und fuhren der Stadt zu. An der Zitadelle setzte der General sie ab.

Auf einem Boulevard, unter Platanen stand eine Mörserbatterie und feuerte in weite Entfernung. Bürger der Stadt Lille standen herum und sahen zu. Talbot stiess Leerodt mit dem Stockgriff leicht in die Seite: ein bayrischer Obergefreiter war im Begriff einen der Mörser abzufeuern und gab die Abzugsschnur einem achtjährigen französischen Jungen, der ihn wartend ansah: der Junge zog ab und freute sich über den herrlichen lauten Knall, jauchzend hüpfte er auf einem Bein; die andern Kinder drängten heran und baten, auch einmal abziehen zu dürfen.

»Künftige Patrioten!« sagte Talbot, und sie gingen weiter.

»In welcher Welt leben wir, Gustav?« fragte Talbot auf dem Rückweg, als über der Stadt, die friedlich hinter ihnen lag, am grünlichen Abendhimmel die ersten matten Sterne sichtbar wurden. »Hier stehen unsere Batterien und feuern seit vier Jahren. Und was ist dabei herausgekommen? ... Nun, Allah wird der Schiesserei bald ein Ende machen.«

Der Adjutant sah ihn betroffen an.

»Deswegen wollen wir morgen früh doch die Feuerstellungen bei Lompret und Prémesques besichtigen«, sagte Talbot. –

Am andern Morgen vermochte der Bursche Talbot nicht zu wecken, so dass Leerodt schliesslich selbst in den Schlafraum ging. Sein Blick fiel auf das Kissen. »Bluten Herr Hauptmann?«

»Ja, aus den Zähnen«, antwortete Talbot, »ist ohne Bedeutung.«

»Weiss es der Doktor?«

»Nein. Und dass Sie das Maul halten!«

In dem Blick, den Gustav von Leerodt ihm zuwarf, stand die ganze Liebe und Sorge geschrieben, die der junge Offizier für seinen Kommandeur empfand.

Zehn Minuten später gingen beide auf der staubigen Landstrasse in der Morgensonne den nahen Hügeln zu. Etwa hundertfünfzig Schritt hinter ihnen folgten zwei Ordonnanzen mit Kartentaschen, Gasmasken und Stahlhelmen. Von der Höhe der Quatre Maisons sah Talbot durch den Feldstecher nach Armentières hinüber. Dort bei der zerstörten Stadt standen jetzt die englischen Batterien.

Sie gingen weiter. An einer Weggabelung schlug eine Lage Ratschgranaten dicht neben ihnen ein. Beide hatten, als sie die Geschosse kommen hörten, rechtzeitig im Chausseegraben Deckung genommen. Die Splitter summten über sie weg.

»Wir wollen uns lieber trennen, Leerodt!« rief Talbot und ging voran, während Leerodt zunächst zurückschritt, der Ordonnanz entgegen, der er zurief, dass er seinen Stahlhelm haben wollte. Sie mochten etwa hundert Schritt von einander entfernt sein, als eine neue Lage Granaten angeheult kam und Talbot sich abermals hinwerfen musste.

Es krachte und toste hinter ihm.

Nach einer Weile stand er wieder auf und sah sich um: niemand war zu sehen.

Er wartete eine Minute; dann rief er: »Leerodt!«

Alles war still. Nur die Lerchen sangen in der Luft.

Er rief wieder, aber es kam keine Antwort.

Er ging zurück. Als er etwa hundert Schritte gegangen war, sah er mitten auf der Strasse eine kleine Blutlache und Eingeweide. Daneben lag unversehrt ein Klemmer.

Im Chausseegraben lag die eine Ordonnanz, tot; der Schädel war zertrümmert. Die Hand hielt noch den Stahlhelm des Leutnants fest.

Talbot rief nach der andern Ordonnanz. Ein Wimmern gab Antwort. Mechanisch ging er in der Richtung, aus der das Wimmern kam.

Nach etwa fünfzig Schritten sah er den Mann im Graben liegen. Er hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und weinte fassungslos.

»Sind Sie verwundet?« fragte Talbot.

»Nein, nein!« jammerte der Mann.

»Sie sind doch der Kanonier Lauck?«

»Jawoll, Herr Hauptmann, Kanonier Lauck von der zweiten Batterie ostmärkischen Feldartillerie-Regimentes Nummero ... ich hab' die Nummero vergessen ... ach Gott, ich hab' die Nummero vergessen ...!«

»Beruhigen Sie sich Lauck!«, sagte Talbot. »Beruhigen Sie sich Mann!«

Dann drehte er sich wieder um und schritt nach der Stelle zurück, wo die Fetzen lagen, die von Gustav von Leerodt übrig waren.

»Gustav, mein Kleiner; mein Gustäfelchen!« sagte er. »Er muss das Ding direkt an den Kopp gekriegt haben! ... Du warst ein feiner Kerl, Gustav von Leerodt! ... Und das ist alles, was sie von Dir übrig gelassen haben, die Sauhunde!« Er schüttelte sich.

Dann ging er weiter auf der staubigen ansteigenden Strasse, auf ein paar Bäume auf die Höhe zu. Alles war vollkommen leer und still. Ein Gefühl furchtbarer Einsamkeit und Angst war in ihm. »Nun bin ich dicht am Verrücktwerden!« dachte er.

Er fühlte, dass seine Beine zu versagen drohten. »Nun müsste Tatbericht eingereicht werden gegen den Hauptmann Latour ... wegen Feigheit vorm Feinde ... vor versammelter Mannschaft ... Quatsch ...«

Er stapfte weiter und schwang seinen Stock. Dann kehrte er wieder um, ging die Strasse abwärts, blieb stehen und versuchte zu überlegen.

»Ich muss Stellungen erkunden ...« dachte er. »Ach, sie sollen mich ...! – Ich muss meinen kleinen Gustav verbuddeln!« sagte er laut und ging, so schnell er konnte, zurück, bis er zu dem Kanonier kam, der auf der Grabenböschung sass und sich mit einem roten Taschentuch die Tränen trocknete.

»Verzeihen, Herr Hauptmann!« sagte er.

»Ja ist schon gut. Wir wollen jetzt zur Gruppe zurückgehen. Bleiben Sie bei mir, Lauck ... Der Herr Leutnant von Leerodt und Dein Kamerad sind tot.«

Damit ging er weiter, ohne ein Wort zu sprechen, der Kanonier hinter ihm; nach einer halben Stunde waren sie im Park von La Cessoie.

Talbot berichtete den bestürzten Offizieren das Unglück und gab die nötigen Befehle für das Begräbnis. Als er in sein Zimmer ging, das noch nicht aufgeräumt war, sah er die Blutflecken auf dem Kissen, die Leerodt bemerkt hatte. Er knöpfte den Ueberzug ab und verbrannte ihn mit Zeitungen im eisernen Ofen.

»Du hättest mich sicher beim Pfeildoktor verpetzt, Gustav!« murmelte er schmerzlich vor sich hin. »Auf Wiedersehen Herr von Leerodt! Auf bald! ... Ich quassle schon für mich alleine ...« Er verstummte, und nach einer Weile sagte er: »The worst is death, and death will have his day!«

Dann ging er an seine Arbeit und war den ganzen Tag tätig wie sonst.

Als er zum Abendessen kam, fiel allen auf wie leichenblass er war. Er sprach wenig, und dann in ungewöhnlich erregtem Ton. Doktor Pfeilschmidt sah ihn mehrmals von der Seite an und machte Ansätze, ihm etwas zu sagen, tat es aber nicht. Die meisten schwiegen oder sprachen nur das Nötigste.

Gegen Schluss der Mahlzeit hob Talbot sein Glas. »Gustav von Leerodt, mein junger Freund, ist nicht mehr«, begann er. »Er war der pflichttreueste Offizier. Und mir besonders teuer, weil er seine Stelle als Adjutant nie gegen jemand andern ausnützte ... Er war der letzte seines Hauses. Es heisst nun: Leerodt und nimmermehr Leerodt ... und ... nimmermehr Leerodt ...«, damit brach er ab, leerte sein Glas und verliess das Zimmer.


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