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Ein Dîner

Die Division war wieder abgelöst worden. An einem frühen Morgen im Juni 1918 stand Talbot mit fünf oder sechs andern Offizieren an der Strasse vor Vitry en Artois, neben dem General der Infanterie Schroeder; hinter ihnen warteten die Ordonnanzen mit den Pferden. Das Dorf war teilweise zerstört; die roten Ziegelmauern waren durch das Grün der Hecken und Obstbäume sichtbar. Ueber den Wiesen an der Scarpe lag noch weisslicher Nebel. Ueberall sangen die Vögel.

Auf der Chaussee zog mit Räderknirschen und Hufgetrapp die erste Batterie vorüber. Die Fahrer sahen mit blanken Augen ihren Kommandeur an, der neben dem Divisionär stand. Die Bedienungsmannschaften, die über vier Wochen im Gefecht gewesen waren, sassen meist schlafend auf dem Protzen zwischen Säcken und Paketen. Der Divisionär hatte angeordnet, dass alle Ehrenbezeugungen unterbleiben sollten. Er wollte die Truppen nur sehen.

Minenwerfer kamen vorbei – kleine Mörser auf Wagen, von einem Pferde gezogen –, dann Infanteristen vom Regiment Ludwig Franz; sie trugen Mohnblumenbüschel in den Mündungen ihrer Gewehre.

»Die Bengels haben manchmal Einfälle«, sagte der General lachend, »wie die Pfingstochsen kommen sie daher.«

Die dritte Batterie zog vorüber. Auf einem portugiesischen Beutepferd, einem kleinen kräftigen Rotschimmel, bog Oberleutnant Bickel von der Strasse herüber, um Meldung zu erstatten. Der General winkte ab.

»Das ist meine Batterie, mit der ich 1914 ausgerückt bin«, bemerkte Talbot.

Vielleicht zehn Schritte von dem kommandierenden General entfernt stand der evangelische Divisionspfarrer Sübener, ein blasser, hochaufgeschossener, junger Mensch mit einer dicken Hornbrille. Er hatte seinen Schlapphut abgenommen und begrüsste die Truppen mit lauten Zurufen. Einige Offiziere erwiderten den Gruss, andere übersahen ihn.

Ein Infanterieregiment, hauptsächlich Hanseaten, kam vorüber. Der Major, ein noch junger Mann mit scharfer Nase und energischem Mund, in dessen blassen Zügen tiefe Erschöpfung zu erkennen war, ritt teilnahmslos vorüber, ohne aufzusehen oder zu grüssen. Der General schüttelte missbilligend den Kopf.

Die Kompanien, kaum dreissig bis vierzig Mann stark, schleppten sich müde, auf der Strasse hin.

»Guten Morgen, erste Kompanie!« rief der Pfarrer. Niemand antwortete.

»Guten Morgen, zwote Kompanie!« Wieder kam keine Antwort, und auch von der dritten Kompanie erwiderte kein Mann den Gruss.

»Aber Kinder, kennt Ihr mich denn nicht?« rief der Pastor, »Ich bin doch Euer Divisionspfarrer!«

»Minsch«, rief eine tiefe Stimme aus der Marschkolonne, »do hest ein juten Posten, den holl Dir man worm!«

Der Pastor wurde blutrot und ging zu seinem Pferde, um den lächelnden Blicken zu entgehen.

»Das hat er davon«, sagte der General, »Skat kann er auch nicht spielen.«

Talbot verabschiedete sich und ritt mit Leutnant von Leerodt und Wöbke an der Marschkolonne vorbei querfeldein nach Gouy sous Bellonne, das der Abteilung als Ruhequartier zugewiesen war.

»Sehen Sie, Leerodt«, sagte Talbot unterwegs, »der arme Pastor redet zuviel und findet den richtigen Ton nicht.«

Sie waren im Dorf und vor dem Hause angekommen, das Talbots Quartier war. Die Besitzerin, eine runde freundliche Frau, bereitete sofort »du bon café, mon capitaine«, und Waffeln.

»Hier werden wir es aushalten, Wöbke.«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

Die Pferde, die sich sonst am schwersten erholen und am meisten Pflege benötigen, waren in den Kämpfen bei Arras nicht angestrengt worden; sie hatten meist in leidlichen Protzenquartieren gelegen. So konnte man mit gutem Gewissen wirklich Ruhe halten. Talbot hatte sich von einem Urlauber ein Jagdgewehr aus Baden-Baden mitbringen lassen und ging mit dem Leutnant Holtzem in den kleinen Waldungen am Kanal auf die Jagd nach wilden Kaninchen, Holztauben und Raubzeug. Im Grunde war es ein Vorwand für weite Spaziergänge, obwohl die Jagd auf die scheuen Holztauben ihn manchmal wirklich anzog.

»Schon vor Jahren war ich einmal in Frankreich zu einer Jagd geladen,« sagte er, als sie gerade einen Vogel gefehlt hatten und weitergingen; »die Franzosen sind so ganz nette und kultivierte Leute ...«

»Ja, aber die Jagd auf Lerchen ist eine Barbarei«, erwiderte Holtzem. »Sie kleben Spiegelscherben auf eine Holzscheibe; eine zweite Scheibe an derselben Achse wird aus einem Versteck in der Nähe mit einer Schnur bewegt. Dort sitzt der Jäger mit seiner Flinte. Wenn die Scheibe sich dreht, glitzern die Scherben in der Sonne, die neugierigen Lerchen stossen danach und der Jäger knallt sie mit Vogeldunst ab. Das finde ich roh.«

»Ob die andern Vögel die Jagd auf sie für weniger roh halten, mein lieber Holtzem? Und wie ist's mit dem Abknallen der Menschen im Krieg?«

»Der Krieg ist berechtigte Selbsthilfe, wo das Völkerrecht versagt.«

»Sie als Jurist müssen es allerdings wissen. Aber wir wollen lieber philosophieren. Das Denken ist für den Soldaten schädlich.«

Eines Tages hatten sie eine Anzahl der scheuen Vögel erlegt und sassen beim Taubenbraten, als Talbot anregte, einmal die Herren vom Divisionsstab einzuladen.

»Die Abteilung hat so ziemlich alle Orden, die es gibt; in den Verdacht der Schusterei können wir nicht kommen!«

Der Verpflegungsoffizier, ein alter Feldwebelleutnant, meinte, es wäre so schwer etwas aufzutreiben.

Darum ging Talbot nach Tisch mit ihm in die Dorfstrasse auf und ab. Der Feldwebelleutnant hatte sein Gesicht mit dem Schnauzbart und den ehrlichen Augen in sorgenvolle Falten gelegt und führte seine Hand immer wieder an die Mütze; zuletzt aber heiterte seine strenge Miene sich auf.

Talbot ritt dann selbst nach Arleux, wo der Divisionsstab lag, sprach mit dem Adjutanten, Hauptmann von Schoberg, der ihm sogleich berichten konnte, dass die Exzellenz sehr erfreut zusage. Da der Artilleriekommandeur im selben Orte sein Quartier hatte, liess Talbot sich bei ihm melden und lud ihn persönlich ein.

»Ich weiss nicht, lieber Baron, ob ich abkommen kann«, sagte der Falke, »aber Gaudelitz kommt auf alle Fälle.« Gaudelitz, der Adjutant des Falken, stand mit andern Offizieren im nächsten Zimmer, als Talbot aus dem des Generals kam, und wieder schien es ihm, als ob alle verstummten und ihn irgendwie ansähen. Er ärgerte sich.

Als er auf der Strasse, die über einen Hügelrücken führte, zurückritt, dachte er darüber nach. Auch in Gouy kam es vor, dass seine eigenen Offiziere ein Gespräch abzubrechen schienen, in dem von ihm die Rede war, und verlegen wurden. Er bereute fast, dass er damals Leerodts Mitteilungen zurückgewiesen hatte.

Als der Tag herankam, wurde die beste Stube Madame Cachins zum Speisesaal gewandelt. Auf der langen Tafel in der Mitte waren Vasen mit Feldblumen aufgestellt. Das Bild Monsieur Cachins – »un brave homme, mon capitaine!« – das in zahlreichen Ausfertigungen an der Wand hing, war diskret unter grünen Zweigen verborgen.

Als erster erschien Hauptmann Gaudelitz, bestellte Grüsse seines Chefs, der leider nicht kommen könnte, und klemmte wie dieser sein Monokel ein. Dann fuhr das Automobil des Divisionärs vor. Hauptmann von Schoberg kam mit ihm. Es kamen noch der Kommandeur der Pioniere, Major Nörr, und einige jüngere Offiziere.

Der General war gut gelaunt; er studierte die Menükarte. Leutnant von Leerodt hatte die Vignette gezeichnet: ein Falke sass in einem Hufeisen, wie ein Papagei in seinem Ring. In zierlicher Schrift stand darunter:

»Crème Bucéphalus,

Gefüllter Kohl à la Lohengrin,

Filet à la Mory mit Nudeln,

Reisspeise,

Kaffee.«

Mit den Vasen abwechselnd standen Flaschen mit Burgunder auf dem Tisch. Becker, der Feldwebelleutnant, hatte sie aus Douai besorgt, auch Likör, der auf einem Seitentisch stand, daneben anheimelnde Steinkrüge mit Schwarzwälder Kirschwasser, die der Urlauber zugleich mit dem Jagdgewehr aus der Heimat mitgebracht hatte.

Der General klopfte Talbot auf die Schulter. »Uns geht es nicht so gut«, sagte er.

»Bei uns ist auch nicht alle Tage Highlife, Exzellenz.«

»Und so phantasievolle Namen!« Der General wies auf die Karte.

»Hat alles seine Bedeutung, Exzellenz.«

Die Suppe schmeckte den Herren glänzend, der gefüllte Kohl war im Umsehen verschwunden; als das Filet erschien, rief der General: »Nein, jetzt, wo kein Mensch Fleisch hat, ein ganzes Rinderfilet! Wie machen Sie das?«

»Das ist geheim, Euer Exzellenz.«

»Denn Prost!« Er trank Talbot zu und liess sich den Braten schmecken.

»Sagen Sie, Latour,« fragte Hauptmann Gaudelitz über den Tisch, »warum heisst das Filet à la Mory?«

»Schlachtort, wo die Abteilung besonderen Dusel gehabt hat.«

»Richtig, wo Sie die englische Kavallerie zusammengepfeffert haben!«

»Stimmt.« Talbots Offiziere sahen auf die Teller und bissen sich in die Lippen. Talbot wagte sie gleichfalls nicht anzusehen.

»Und was bedeutet à la Lohengrin?« fragte der General.

»Nie sollst Du mich befragen! Uebrigens ein ganz alter Witz!«

»Ah wegen der geheimen Herkunft. Das ist sehr gut!« General Schroeder lachte vergnügt.

Der Burgunder war gut, Madame Cachins schwarzer Kaffee vorzüglich. Die Liköre und der Kirsch erhöhten die Stimmung. Doktor Pfeilschmidt sprach mit dem Pioniermajor über Strindberg; die Leutnants lösten die schwierigsten strategischen Probleme. Der Feldunterarzt Braun drehte das Grammophon auf und führte erbeutete portugiesische Platten vor: Danse de Paraguay – Quand l'amour meurt – Coeur Tsigane – Tosca. Dabei bekam er das heulende Elend, und Leutnant Roch brachte ihn sanft hinaus.

In der Stille, die entstand, als die Musik schwieg, hörte man den General zu Talbot sagen: »Ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen, Latour. Wir können einmal miteinander reiten. Kommen Sie gleich morgen nach Arleux; um zehn Uhr, wenn ich bitten darf.«

Wieder schien es Talbot, als ob ihn alle in eigentümlicher Weise ansähen, als ob die Worte des Generals einen besonderen Eindruck machten.

Er sah sich in dem von Rauch und Weindunst erfüllten Zimmer um. »Erzählen Sie doch mal Ihre jüdischen Witze, Latour!« rief Gaudelitz mit schon belegter Stimme, »General von Freyer ist begeistert davon!«

»So?« sagte Talbot, der im Augenblick nicht zu Witzen aufgelegt war.

Eine Ordonnanz trat ein und machte Leerodt eine Meldung, der sich an Talbot wendete und leise mit ihm sprach: »Ich gehe selbst an den Apparat«, sagte dieser, entschuldigte sich bei seinen Gästen und verliess das Zimmer. Die Sache war nicht so wichtig, die dritte Batterie hatte nur wegen des Pferdeappells angefragt, aber er wollte einen Augenblick ungestört denken können.

Als er zurückkam, tönte von einem der Tische helles Gelächter; wieder glaubte er Blicke zu bemerken. »Prost Latour!« rief Hauptmann Gaudelitz ihm entgegen.

Talbot suchte sein Glas, das er auf die Tafel gestellt hatte.

»Prost! Prost! Gratuliere!« rief Gaudelitz, den die andern zurückzuhalten schienen.

»Wozu?« fragte Talbot. Er hatte das Glas gefunden und vollgeschenkt und wollte ihm eben Bescheid tun, nun hielt er inne.

»Zur Verlobung natürlich! Das ist der beste jüdische Witz, den Sie da machen konnten!«

»Was?« fragte Talbot, »wovon sprechen Sie?«

»Es ist doch kein Geheimnis mehr! General von Freyer hat es aus dem Generalstab ...!«

»Ich bin nicht verlobt«, sagte Talbot laut und stellte sein Glas wieder hin. »Wer Ihnen so etwas erzählt, dem sagen Sie, es ist Gewäsch. Dafür will ich Ihnen aber jetzt einen jüdischen Witz erzählen, den Sie weitergeben können.« Er trat vor Gaudelitz und lehnte sich über einen Stuhl. »Hören Sie: Moritz Kohn ist an die Front gekommen, zu den Maschinengewehren. Er kommt gleich in ne grosse Schiesserei. Wie die Kameraden gefallen sind und die Franzosen ankommen, wird ihm himmelangst und er läuft fort. Rennt und rennt. Plötzlich steht ein grosser Mann vor ihm, der ihn anschnauzt: 'Woher kommen Sie?' – 'Woher soll ich kommen,' sagt Kohn, 'aus'm Krieg, Herr Feldwebel!' – 'Ich bin nicht Feldwebel; sehen Sie nicht, dass ich General bin?' – 'Gott der Gerechte!' sagt Moritz, 'e General! So weit bin ich schon gelaufen!' – Versäumen Sie ja nicht Herr Gaudelitz, diesen Witz Ihrem Herrn Kommandeur zu erzählen!«

Ein betretenes Schweigen war im Zimmer. Auch der Divisionär sah einen Augenblick missvergnügt und schwierig, dann lächelte er, und Hauptmann von Schoberg, der nicht ungewandt war, erzählte rasch eine andere Geschichte, die ein behagliches Lachen hervorrief. Talbot setzte sich zu den Leutnants und erzählte nun einen Witz nach dem andern, so dass das Gelächter nicht abbrach. Leerodt, gleichfalls schon etwas bezecht, rief den Ordonnanzen, sie sollten die Brötchen bringen.

Die Platten wurden gebracht; es waren Brote mit Wurst, Käse und kaltem Filet belegt.

»Herr Hauptmann!« rief Leerodt zum andern Tisch hinüber:

»Was denn, mein Jung?«

»Ich habe im Braten einen Hufnagel gefunden!«

Leutnant Holtzem wieherte, und der Verpflegungsoffizier wurde glühend rot. Der General aber lachte aus vollem Hals: »Pferdefleisch!« rief er.

»Haben Exzellenz das nicht gleich gemerkt?« fragte Doktor Pilukeit.

»Offengestaden: Nein! Aber es hat famos geschmeckt.«

»Es ist nur ein Vorurteil, wenn man Pferdefleisch nicht essen will«, sagte der Tierarzt und erklärte, dieses Vorurteil komme daher, dass das Pferd für die Germanen ein heiliges Tier gewesen und der Genuss seines Fleisches verboten war. »Natürlich darf man nicht alte Schindmähren aussuchen. Alte Kuh schmeckt ja auch nicht!«

»Wir essen es oft«, sagte Talbot, »aber nur Fleisch von jungen Tieren. Die Kolonnen verlieren ja fast jede Nacht Pferde, wenn sie Munition fahren.«

»Es war jedenfalls ausgezeichnet«, wiederholte der General und bat um seinen Wagen. Er nahm Talbot beiseite. Dieser entschuldigte sich, falls er in seinem Aerger etwas zu weit gegangen sei. »Nun ja. Vielleicht in meiner Gegenwart«, sagte der Divisionär, »aber es ist schon gut. In vino ...« Er hielt inne. »Und morgen um zehn holen Sie mich ab und erzählen mir über Ihr Ausscheiden aus dem Generalstab, was Sie für gut finden.«

Talbot dankte für das Wohlwollen und der General für das Dîner, und die Gäste schieden in vergnügter Stimmung.

Am Abend sagte Leerodt zu seinem Kommandeur: »Es ist gut, dass Herr Hauptmann der Sache einmal ein Ende gemacht haben. Es ist ja unsagbar geklatscht worden; noch ganz andere Dinge als eine Verlobung ...«

»Ja, ja«, erwiderte Talbot, »es gibt unter Männern mehr Waschweiber als man glauben sollte.«


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