Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Winterschlacht an der Aa

Die Russen waren an der Aa nördlich von Mitau, wo nur schwache Landsturmpostierungen ihnen gegenüberstanden, durchgebrochen und bedrohten den linken Flügel der deutschen Ostfront. Da an Ort und Stelle nicht genügend Reserven vorhanden waren, so wurden an andern Frontteilen Truppen herausgezogen und dem Korps Mitau zur Verfügung gestellt. Bald nachdem am Herzogshof zu Tokaryszki zum zweiten Mal Weihnachten gefeiert worden, kam der Befehl, die Division im Norden einzusetzen, und Anfang Januar 1917 wurde die Abteilung verladen.

Als die Truppen in Mitau eintrafen, war der Angriff des russischen Heerführers, des Bulgaren Radko Dimitrieff, schon zum Stehen gebracht. Der deutsche Gegenangriff wurde zu beiden Seiten der Aa vorbereitet, und die Truppen sofort eingesetzt.

Talbot war verstimmt. Er vermochte den Zweck des Unternehmens nicht einzusehen. Die Russen hatten kein strategisches Ziel erreicht, wie es etwa die Einnahme von Mitau gewesen wäre, sondern nur einen kleinen Geländegewinn im Gebiet der nahezu ungangbaren und wertlosen Tirul-Sümpfe. Der Gegenangriff schien eine blosse Prestigefrage, der wieder nur einige Quadratkilometer Sumpfwald und Sanddünen bringen konnte, aber vielen deutschen Soldaten das Leben kosten musste.

In seiner Tasche trug er einen Brief, der seine trübe Laune vermehrte. Er kam von Stascha aus Zürich, war aber in Berlin N. aufgegeben. Sie bat ihn, gleichfalls an eine Deckadresse in Berlin zu schreiben, um die Auslandszensur der deutschen Militärbehörden zu umgehen. Das hatte Talbot abgelehnt.

Der leichte Frost hatte sich in starre Kälte verwandelt. Das Thermometer fiel an manchen Tagen bis zu 36 Grad unter Null. Die jungen Offiziere, die die Batterien führten, waren den Anforderungen des Bewegungskrieges nicht immer gewachsen, und der Abteilungskommandeur musste überall eingreifen. Fast nirgends fand sich eine Unterkunft für die Truppen; Menschen und Pferde, die im Freien biwakieren mussten, litten schwer unter der Kälte; Talbot war fast den ganzen Tag unterwegs, um den schlimmsten Uebeln abzuhelfen.

Die einzige Strasse, die durch das unwirtliche Land führte, lief in nördlicher Richtung von Mitau nach Schlock am Meerbusen von Riga. Links von der Strasse floss unterm Eise die Aa, etwa so breit wie der Rhein bei Köln. Rechts war Sumpfwald, düstere Kiefern und dünne Birkenstämme, der trotz der strengen Kälte nicht zufror, weil die aufsteigenden Sumpfgase es verhinderten. Durch den Wald führten einige wenige Wege über Knüppeldämme, die sich in trostlosem Zustand befanden. Ueber die Strasse und die Dammwege trug der leichte von zwei raschen braunen Russenpferden gezogene Schlitten Talbot unter dem trüben grauen Winterhimmel dahin.

Der Artilleriekommandeur mit seinem Stab und der Stab der Gruppe Latour lagen beide im Forsthaus Dukke. Die Russen liessen vom Kampf nicht ab, es war die letzte Anstrengung des kaiserlichen Russland, und der weisse Falke, der nicht aus dem Druck kam, verhielt sich sanft und freundlich und überliess Talbot gerne die eigentliche Arbeit.

Jeder der beiden Stäbe hatte im Forsthaus zwei Räume zur Verfügung. Des Abends, wenn Talbot in seinem Schlitten heimgekommen war, kam der Oberst alle Augenblicke in sein Zimmer, um mit ihm über dienstliche Fragen zu sprechen. Dabei gingen seine Augen immer wieder prüfend über die reichlicheren und besseren Lebensmittelvorräte, die für Talbots Stab aufgestapelt waren.

Talbot schätzte diese Besuche nicht. »Wir müssen ihm das abgewöhnen«, sagte er zu seinem Adjutanten.

»Ja – aber wie?« fragte Leutnant von Leerodt.

»Von nun an wird ständig Grammophon gespielt, wenn er kommt.«

Aber an dem Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum hatte der weisse Falke sichtlich Freude. Daraufhin wurde die Platte an einer besonders lauten Stelle mit dem Messer abgekratzt und eingekerbt. Der Erfolg blieb aus.

Als der Oberst, der eine schöne Glatze hatte, am nächsten Abend herüberkam, war von der leichten Munitionskolonne eine neue Platte besorgt worden, und es begrüsste ihn das Lied:

»Bobby, wo hast Du Deine Haare?
Wo ist Deine schöne Figur?
Wo ist die Wunderbare,
Die schöne, die schlanke Figur?
Futsch ist futsch
Und hin ist hin!
Gräm' Dich nicht,
's hat keinen Sinn.
Glänzt auch oben das Plateau,
Gräm' Dich nicht und bleibe froh!«

Aber der weisse Falke trat schmunzelnd näher und fasste eine Flasche Allasch ins Auge, die auf einem Stuhl neben dem Grammophon stand.

»Wollen Herr Oberst einen auf die Lampe giessen?« fragte Talbot mit der stillen Hoffnung, dass der ungehörige Ausdruck eine Ablehnung zur Folge haben würde.

Aber der frühere Prinzenerzieher antwortete: »Nur her mit's Jift!«

Er ging erst, als die Flasche zur Hälfte leer war.

Nun befahl Talbot die Decken von den feindwärts gelegenen Fenstern zu entfernen.

»Wenn die Russen nach dem Lichtschein schiessen, Leerodt, dann zieht er todsicher weg, aus taktischen Gründen.«

Die Russen schossen aber nicht.

»Auf die Schweine ist nicht der geringste Verlass«, schimpfte Talbot, als die Illumination ohne Wirkung blieb.

Da kam Talbot auf ein letztes Mittel. Unter den Platten fand er den »Totentanz« von Saint-Saens.

Als der Falke am folgenden Abend wieder zu Besuch kam, tönte eine schauerliche Musik durch die Stube.

Der Oberst horchte auf. »Was ist denn das für ein Stück?« fragte er.

»Der Totentanz von Saint-Saens, Herr Oberst«, erwiderte Talbot, »ein prachtvolles Stück. Man hört ordentlich, wie die Totengebeine klappern. Na, wir werden wohl bald alle in dieser Weise klappern können.«

»Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, Latour«, sagte der Oberst, sichtlich unangenehm berührt.

»Es ahnt mir so«, sagte Latour, der sich niedergesetzt hatte und, den Kopf in die Hand gestützt, mit düsterer Miene der Musik zuhörte.

Ein Schweigen entstand. Zuletzt schüttelte der Oberst den Kopf und verliess das Zimmer.

Am nächsten Tag übersiedelte der Artilleriekommandeur mit seinem Stab nach dem Vorwerk Kliwenhof, das zwei Kilometer weiter rückwärts lag.

»Da fährt er hin«, sagt Leerodt lachend am Fenster.

»Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!« zitierte Talbot.

Eben war Leutnant Bickel zu einer dienstlichen Besprechung von der Batteriestellung gekommen. Auch er nahm die Uebersiedlung wahr.

»Kann man Ehre essen, fragt Falstaff.«

»Jetzt brauchen Herr Hauptmann nur noch von Robert Bruce zu reden, dann gibt es morgen wieder Dunst!« sagte Bickel.

Er behielt Recht: am 23. Januar begann der deutsche Gegenangriff. Nach gewaltiger Artillerievorbereitung ging die Infanterie durch die Sanddünen und Kieferngehölze zum Sturm vor und nahm an diesem Tag und an den folgenden den Russen fast alles Gebiet wieder ab, das sie zu Beginn des Monats gewonnen hatten. Nur ein geringer Teil der früheren deutschen Stellung an der langen Düne blieb in den Händen der Russen.

Talbot hatte am 26. Januar, ohne erst beim Artilleriekommandeur anzufragen, die dritte Batterie bis in die Infanterielinie vorgeschoben. Das schien ihm selbstverständlich. Dicht neben der neuen Stellung befand sich ein Hochstand in den Bäumen, den die deutschen Truppen in ruhigerer Zeit errichtet hatten. Von dort aus sah man in der Ferne bis zum Rigaischen Meerbusen, sah die Bäder Bilderlingshof, Neudubbeln und Schlock und den völlig zugefrorenen Babitsee, – eine riesige weisse Fläche mit einzelnen schwarzen Punkten und Flecken, den Bäumen und Ortschaften, und da und dort dunkle Linien, die russischen Stellungen.

Die Kälte hatte nicht nachgelassen und der Aufenthalt in der eisigen Luft in der Höhe war nur für Stunden möglich. Die Offiziere des Stabes lösten einander oben ab; ohne reichlich Rum und Rotwein zu nehmen, hätten sie es auch kurze Zeit nicht ausgehalten. Aber die Mühe lohnte, und die Härte gegen den eigenen Leib. Es gelang Talbot in diesen Tagen mehrmals, russische Gegenangriffe rechtzeitig wahrzunehmen und die Jäger an der langen Düne mit seinen Batterien zu unterstützen.

Der weisse Falke war beglückt von den Erfolgen seiner Artillerie. Er verhielt sich, solange er nicht in persönlicher Gefahr war, in dieser Hinsicht durchaus anständig: er erwähnte Talbots Tätigkeit an höheren Stellen mit grosser Anerkennung. Aber nach vorn kam er nicht. Talbot musste öfters nach Kliwenhof fahren, um seine Neugier zu befriedigen.

So fuhr er auch an Kaisers Geburtstag zum Artilleriekommandeur. Während der Schlitten auf der zugefrorenen Aa über das grünliche Eis hinflog, dachte er nicht mehr an den Krieg; seine Gedanken waren bei den Frauen, aber nicht ungeteilt. Staschas Bild wurde immer wieder von einem anderen verdrängt, das noch viel unerreichbarer war.

Vor ihm hoben und senkten die Pferde immer wieder ihre braunen, struppigen Köpfe im Takt; Nebelschwaden zogen über die Ebene, durch die in der Ferne Lichter aufblitzten, und halb im Traum sprach er vor sich hin:

»Donec gratus eram tibi
Nec quisquam potior brachia candidae
Cervici iuvenis dabat.
Persarum vigui rege beatior!

Weiss der Schinder, wer bei mir Chloe und wer Lydia vorstellt!«

Beim Stab wurde er sehr zuvorkommend empfangen. Er musste mehrere Gläser Sekt trinken und war gerade dabei einen neuen Kiesewettervers zu erzählen, – wie Bonifazius nach Dukke kam, – als von der Front lebhaftes Schiessen zu hören war.

Talbot lief nach der Fernsprechzentrale, um den Gefechtsstand seiner Gruppe anzurufen. Er bekam sogleich Verbindung mit dem Leutnant Liebgen, der in einiger Aufregung von einem russischen Angriff berichtete. Talbot ging in die Stube zurück, meldete in wenigen Worten, was er gehört, und bat den Artilleriekommandeur ihn zu entlassen, da er sogleich nach vorne fahren wollte.

Aber der weisse Falke wollte nichts davon hören. »Sie kommen ja doch nicht mehr rechtzeitig hin, und Sie sind mir hier wichtiger«, sagte er, »Sie müssen nicht überall dabei sein!«

»Die Leute machen doch nur Unsinn, wenn man nicht da ist, Herr Oberst.«

Er ging für alle Fälle nochmals zum Telefon und rief seinen Gefechtsstand an. Aber er erhielt keine Antwort. Er versuchte Verbindung mit der dritten Batterie zu bekommen. Die Leitung versagte. Es gelang ihm über das Jägerbataillon eine Verbindung zu erreichen. Am andern Ende der Leitung meldete sich Leutnant Schulz; auch er schien erregt.

»Können Sie mir sagen, warum ich keine Verbindung mit dem Gruppengefechtsstand bekomme?« fragte Talbot.

»Wahrscheinlich ist dort alles geschnappt.«

»Sie haben wohl 'nen Vogel?!«

»Nein, die Russen sind durch die erste Linie durchgekommen. Der Major von den Jägern sagt, dass er sie in einer Stunde wieder rausschmeisst.«

»So? Wie weit sind sie durch?«

»Ungefähr fünfzig Meter von hier.«

»Unerhörte Sauerei! Ich komme sofort.«

Er liess sich nicht mehr zurückhalten. Die Pferde vor dem Schlitten mussten, soviel es anging, Galopp gehen. So raste er über die Aa bis zum Gut Kalnzem und von da rechts durch den Wald bis dahin, wo seine Batterien mit Beilen und Dynamit in dem gefrorenen Boden ihre Unterstände gegraben hatten. Bei der ersten Batterie liess er den Schlitten zurück und ging zu Fuss nach vorn.

Sehr bald tönte in nächster Nähe Infanteriefeuer und die Detonationen leichter Minen und Handgranaten. Als er die dritte Batterie erreichte, fand er die Bedienung wie Mauerschwalben an die Schutzschilde gedrängt. Oberleutnant Bickel winkte ihm, in den Annäherungsgraben zu gehen.

Talbot blieb stehen, zog seine Zigarrentasche hervor und zündete gelassen eine Zigarre an. »Ihr alten Armleuchter habt wohl die Nerven verloren?!«

»Nein, Herr Hauptmann«, sage Bickel. »Die Sache war wirklich übel. Liebgen und zwei Fernsprecher müssen die Russen gekriegt haben; die andern waren auf Leitungspatrouille und haben sich nach hierher durchgeschwindelt.«

Talbot ging an der Innenseite der Düne entlang, bis er nach etwa dreihundert Schritten den Kommandeur der Jäger, Major von Greiffenschild, traf. Es war ein kleiner, drahtiger Herr; die drei schwarz-weissen Bänder und die frühzeitig ergrauten Haare verrieten den Kolonialsoldaten.

»Es ist alles halb so schlimm, wie nochmal so schlimm, lieber oller Kranich«, schnarrte er. »Diese Nigger schmeissen wir nachher wieder raus.«

Sie verabredeten genau, was sie tun wollten. »Es ist natürlich Mist«, sagte der Major, »wegen der paar Kiefern mit den Russen eine Messerstecherei anzufangen. Aber wenn wir die Sache nicht aus eigener Initiative glatt machen, so wirds befohlen, und das machts nicht besser. Uebrigens lasse ich vor jedem Angriff die Strippe nach hinten abschalten.«

Kaum eine Stunde später begann der Feuerüberfall auf die vorgedrungenen Russen. Talbots Batterien donnerten los, die Minenwerfer feuerten. Um zwei Uhr nachmittags gingen die Jäger zum Gegenangriff vor, und die alte Stellung wurde wieder genommen. Der Major bedankte sich bei Talbot für die gute Unterstützung, und dieser suchte seine Beobachtungsstelle auf.

Der Hochstand ragte in der rasch fallenden Dämmerung vor ihm. Er schien unversehrt. Aber an den Sprossen der Leiter hingen, mit dem Leitungsdraht aufgeknüpft, die beiden Fernsprecher und Leutnant Liebgen.

Talbot starrte die Leichen an; auch Bickel, der ihm nachgegangen war, verlor die Fassung; die Russen hatten den Gehängten Nasen und Ohren abgeschnitten.

Im Unterstand war alles durchwühlt. In einer Ecke kauerten noch zwei Russen und hielten die Hände hoch. Talbot bedeutete ihnen herauszukommen. Auf dem Boden lagen leere Flaschen und es roch nach Rum. Auf Fragen antworteten die Gefangenen, die Letten zu sein schienen, nur mit einem unverständlichen Grinsen. Sie waren völlig betrunken.

Talbot zog seine Pistole und schoss beide nieder.

Eine Weile sprachen sie kein Wort. Dann sagte Talbot: »Die Russen hängen alle Fernsprecher am Kabeldraht auf. Man könnte es beinahe eine Roheit nennen, Bickel.«

»Niederträchtig, Herr Hauptmann.«

Lassen Sie die armen Leute abschneiden. Aber erst lassen Sie den Vorfall photographieren und legen ihn protokollarisch fest.«

»Zu Befehl. Ich werde alles veranlassen, Herr Hauptmann.«

»Nun muss ich dem alten Liebgen schreiben, dass sein Sohn auf dem Felde der Ehre gefallen ist. Kann ihm doch nicht schreiben, dass er auf dem Felde der Ehre hing.«

In der folgenden Zeit war Talbot für seine Umgebung unverständlich. Er hatte sich eine Büchse mit Zielfernrohr besorgt und lag im vordersten Graben und schoss nach den Russen. Der Adjutant hatte seine Not mit ihm.

»Lassen Sie mich in Frieden, Leerodt«, sagte er, »ich muss mal arg schiessen. Es muss alles in den Grenzen peinlichster Zuständigkeit getötet werden. Fernsprecher hängt man am Kabeldraht auf. Infanteristen schiesse ich in die Beine, Kavalleristen in den Arsch. Suum cuique. Generalstäbler werden mit Papier erstickt, Leute wie der weisse Falke werden mit dem Band eines Grosskordons erwürgt; Zahlmeister, Kriegsgerichtsräte und höhere Adjutantur sind in einem nach Dienstgraden geeichten Kübel Tinte zu ersäufen.« Er hatte schon mehrere Gläser Aquavit getrunken und schenkte sich ein neues ein. »Besonders, hören Sie, Leerodt, besonders muss darauf geachtet werden, dass niemand im falschen Abschnitt erschossen wird. Verstanden?«

Damit ging er wieder nach einem Horchposten auf der Düne.

Am Nachmittag brachten ihn Jäger mit einem schönen glatten Lungenschuss nach seinem Gefechtsstand.

»Das haben Herr Hauptmann nun von der privaten Kriegsführung«, sagte Leerodt. »Ich lasse gleich den Schlitten kommen und bringe Herrn Hauptmann nach Mitau.«

»Ach was! Lassen Sie den vierbeinigen Doktor Pilukeit kommen!«

»Der ist nicht zuständig«, sagte der Adjutant lächelnd.

Das musste Talbot anerkennen und fügte sich.

Am Abend langte er, von Leerodt und Wöbke begleitet, im Lazarett an. Er war müde und vom Blutverlust geschwächt, und schlief, sowie man ihn zu Bett gebracht, sofort ein. Der Adjutant kehrte zur Abteilung zurück.


 << zurück weiter >>