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36. Excelsior

Nachdenklich ging der neue Stadtpfarrer Fischer – er hieß noch immer der Neue, obgleich er schon seit anderthalb Jahren als dritter Geistlicher am Münster amtete – durch das altertümliche Zundeltörchen und wandte sich der Stuttgarter Steige zu, seinem Lieblingsweg, wenn er ungestört ein Rätsel des Seelenlebens oder des Weltlaufs betrachten wollte. Die Straße führt in der Einsenkung zwischen dem Gais- und Michelsberg langsam auf die Höhe des Gebirgs, wo der einsame Wanderer, nach links abbiegend und umwendend, durch einen kleinen Wald die freie Kante des Michelsbergs erreicht und sodann, steil absteigend, durch das Frauentor in die Stadt zurückkehren kann. Es gibt um Ulm kein zweites Tälchen, das einen ähnlichen Eindruck der Ruhe und Abgeschiedenheit macht, und Fischer war in der Stimmung für beides. Er hatte sich am Morgen über einige seiner neuen Mitbürger geärgert und kam von einer Beerdigung, die ihn tiefer bewegt hatte, als recht und billig war. Denn Bekannte und gute Freunde zu begraben gehörte zu seinen Werktagspflichten, die man gleichmütig erledigen muß, wenn man lebensfroh und gesund bleiben will.

Auch war es keine feierliche, große ›Leiche‹ gewesen, obgleich mehr Leute dem alten Pestilenziarius das letzte Geleite gaben, als der Pfarrer erwartet hatte. Allein der halb kindisch gewordene kleine Magister war ein Inventarstück aus der Reichsstadtzeit, und die Ulmer hängen an alten Inventarstücken, wenn sie auch in ihrer derben Weise, um jedem Verdacht eines weicheren Gefühls vorzubeugen, ihre Witze darüber machen. Fischer hatte den Pestilenziarius in seiner letzten kurzen Krankheit häufig besucht – sein Häuschen lag so bequem unmittelbar neben dem südwestlichen Seitenportal des Münsters –, und ein freundschaftliches Verhältnis verband den jungen mit dem alten Mann, namentlich seitdem Krummacher entdeckt hatte, daß der neue Stadtpfarrer mit seinem verschollenen Zögling Berblinger in der Klosterschule zu Blaubeuren gewesen war. Er lebte förmlich auf, wenn er auf die Not zu sprechen kam, die ihm daraus erwachsen sei, den Jungen durchs Landexamen zu bringen, der schon damals allerhand verrückte Ideen im Kopf gehabt habe. Später sei er auf schlimme Abwege geraten, habe sich in der Stadt in übeln Ruf gebracht und müsse allem nach in Rußland zugrunde gegangen sein. Aber er habe ihm nie bös sein können, dem Brechtle, schon seiner Mutter wegen. Damit endete regelmäßig ihre Unterhaltung über den verschollenen Schneider, obgleich Krummacher den Pfarrer mit einem unruhigen, bittenden Blick ansah, als habe er noch ein schweres Geheimnis auf dem Herzen, das nicht über die zitternden Lippen wollte.

Ein andrer gemeinsamer Berührungspunkt führte zu froheren Gesprächen. Beide waren gute Deutsche. Die Schlacht von Leipzig, der Übergang Blüchers über den Rhein, der Feldzug in Frankreich und der bevorstehende Einzug in Paris hatten Krummacher und Fischer tief bewegt. Sie schlugen Schlachten auf der Bettdecke des Pestilenziarius und annektierten die wertvollsten Provinzen des Nachbarlandes. Beide träumten von der Wiederaufrichtung des Reichs durch ein in schwerer Prüfung gereiftes Volk, jeder in seiner Weise. Krummacher war überzeugt, daß die Reichsstädte wieder erstehen müßten und daß in der allgemeinen Wiedergeburt Deutschlands sein eignes ehrwürdiges Amt hergestellt werden könnte. Der Titel dürfte ja zu ändern sein, meinte er nachdenklich. Auch müsse er zugeben, daß eine unmittelbare Gefahr seitens der alten Pest, des schwarzen Todes, nicht mehr vorliege. Doch könne man ohne Gottes Beistand nie ganz sicher sein, und Pestbeulen andrer Art gebe es noch genug, gegen die der Beistand des Allmächtigen mit Nutzen erfleht werden könnte. Fischer konnte sich des Lächelns kaum erwehren, war aber nicht so fühllos, dem alten Mann seinen Gedanken und seine Hoffnung zu nehmen. Er ahnte nicht, daß das, was er von Deutschlands Wiedergeburt erhoffte, in fast ebenso weiter Ferne lag.

Einige Tage vor seinem Tod war der Magister ungewöhnlich aufgeregt und murmelte endlich halb schluchzend, daß er nur noch einen Wunsch auf der Erde habe, griff mit flammender Röte auf den eingefallenen Wangen nach Fischers Hand und gestand: er möchte in der Nähe der Frau Berblinger begraben sein. »Sie müssen nicht denken«, stammelte er kaum hörbar, »daß etwas dahinter stecke. Sie war ein Engel – und ist's. Deshalb. Ich möchte sie so bald als möglich um Verzeihung bitten, daß ich ihren Brechtle nicht besser behütet habe. Aber was konnte ich machen?« Dabei weinte er wie ein Kind, lachte freundlich unter seinen Tränen – ganz wie ein Kind – und sprach vom Wiedersehen in einem besseren Leben. Es brauchte ja so schlimm nicht zu werden, meinte er, denn er habe getan, was er konnte.

Ja, er war halb kindisch und doch in der Hauptsache klar und froh bereit für den schwersten Gang des Lebens. Die Seele bleibt ein ewiges Rätsel, ob sie kommt oder geht.

Darüber hatte Fischer den kleinen Ärger vom Vormittag fast vergessen, mußte aber jetzt wieder daran denken. Er ging ja eigentlich wegen dieser Geschichte und dem, was daran hing, spazieren.

Vor drei Tagen war auch in Ulm die Nachricht eingetroffen, daß der Kaiser Napoleon in Fontainebleau abgedankt habe und so viel als gefangen sei. So war endlich die Zeit der blutigen Opfer zu Ende, das große Ziel erreicht und der Friede sicher. Der Jubel war groß, und doch hatten etliche gegen den Vorschlag des Stadtpfarrers Einwendungen erhoben, mit allen Glocken zu läuten und ein Dankfest abzuhalten. Man sollte erst abwarten, ob sich die Nachricht bestätige, und nichts Voreiliges tun; es sei auch noch keine Weisung der zuständigen Behörden erfolgt und dergleichen. Trotz allen Blutvergießens, trotz aller Begeisterung lebten doch noch viele der alten, ängstlichen Gattung, die allerdings ihr Blut nicht vergossen hatten. Schließlich, nach einer entrüsteten Ansprache, ging sein Vorschlag doch einstimmig durch: man wollte die Stadt beflaggen, mit allen Glocken läuten, am morgigen Sonntag im Münster einen Dankgottesdienst und abends mit Fackelbeleuchtung eine Bürgerversammlung vor dem Schwörhaus abhalten, bei der es an patriotischen Reden nicht fehlen dürfe. Professor Schwätzler erbot sich sofort, ein Festlied nach beliebiger Melodie zu dichten. Dies wurde jedoch abgelehnt, da er schon zu viele Festgedichte auf Napoleon angefertigt habe, dagegen Fischer gebeten, das Nötige zu besorgen. Er hatte in der schwersten Zeit als Pfarrverweser zu Geislingen heimlich hochpatriotische Lieder gesungen, und man wußte, daß er noch immer dichtete. Nun konnte er es laut und öffentlich tun und tat es gern.

In dem Wäldchen auf dem Rücken des Michelsbergs legte er sich ins Gras und sah durch hundert aufspringende Blätterknospen eines Eichenbaums den Abendwölkchen zu, die licht und rosig über ihn hinsegelten. Der warme Maientag schien alles verjüngen zu wollen, und ihm selbst war zumut, als ob er um zehn Jahre jünger wäre. Als er sich wieder erhob, standen die vier Schlußstrophen seines Festlieds in wilden, wirren Zeilen in seinem Notizbuch. Er machte sich hier in der Waldeseinsamkeit nichts daraus, sich zu gestehen, daß sie ihm wohl gefielen. Die übrigen acht wollte er morgen früh schon fertig kriegen; unter zwölf konnte der Triumph des Vaterlands doch wohl kaum gefeiert werden. Die Verse aber lauteten:

Nun füllt die blinkenden Pokale
Mit unsres Rheines Rebenblut!
Wir weihn die erste volle Schale
Dem alten deutschen Kampfesmut,
Euch, die ihr, in der Faust die Wehre,
Der Macht getrotzt, der Hinterlist,
Euch danken wir's, daß Männerehre
Uns wieder teuer worden ist.

Und euch, die in den Streit gegangen
Voll heil'gen Feuers, stolz und frei,
Die ihr ohn' Zagen, ohne Bangen
Entgegengingt dem Stahl und Blei,
Die man mit wundgeschoßnen Gliedern
Auf unsern Siegesfeldern fand,
Euch dankt in tausend Jubelliedern
Das neugeborne Vaterland.

Doch dreimal, dreimal Heil den Toten,
Die weinend wir ins Grab gesenkt,
Die unsern teuern deutschen Boden
Mit ihrem jungen Blut getränkt.
Dem Blut entstieg die Friedenstaube,
Die über unsrer Heimat schwebt.
Euch danken wir's, daß wieder Glaube
Und Lieb' und Hoffnung in uns lebt.

Laßt, Brüder, eure Becher klingen,
Die Freude hat ein heilig Recht.
Laßt eure Jubellieder dringen
Bis in das kommende Geschlecht.
Laßt brausen alle Münsterglocken,
Der böse Sturm hat ausgetobt,
Kein dankbar Auge bleibe trocken,
Das heut den Gott der Schlachten lobt.

Nun war ihm wieder wohl. Er hatte sich Trauer und Ärger vom Herzen gesungen und trat wenige Minuten später aus dem Waldesdickicht auf die offene Bergeshöhe vor das oft bewunderte herrliche Bild, das sich, in goldenes Abendlicht getaucht, vor ihm aufbaute; die fernen Alpen, die noch im frischen Schnee glänzten, die altersgraue Stadt mit ihrem gewaltigen Münsterbau, selbst in seiner Unvollständigkeit ein echtes Gotteshaus neben der Menschen Häuschen, die er zehnfach überragte. Nun kam eine neue Zeit, ein neuer Geist und neuer Mut auch über dieses altertümliche Bild; nun war es nicht mehr unmöglich, daß sich der schwere stumpfe Turm mit seinem Notdach in die Lüfte erheben werde, wie es die alten, frommen Baumeister geträumt hatten, daß ein Wald reicher Fialen und prächtige Seitentürme den schweren Koloß schmücken würden, zur Ehre Gottes und des wiedererstandenen Vaterlands. Frühling in der weiten Natur, Frühling in tausend und abertausend deutschen Herzen! – Wie er so dachte, begannen die Glocken drunten im Münsterturm zu läuten und der Abendwind trug die mächtigen Klänge in brausenden Wellen über Berg und Wald, weit hinaus in alle Welt: den Dank von tausend und abertausend Herzen für das, was Gott ihnen mit diesem Völkerfrühling geschenkt hatte.

Denn in jenen Tagen glaubten sie wieder und liebten und hofften.

Während so der wackere Pfarrer und Poet das liebliche Frühlingsidyll einsog und sich seines Lebens und des Glücks seiner Mitmenschen freute, fiel sein Blick seitwärts auf eine kleine Gestalt, die unter einem mit Schlehenblüten bedeckten Strauch saß. Der Mann in einem zerlumpten, bettelhaften Anzug war anscheinend ein Landstreicher der verkommensten Gattung. Wahrscheinlich hatte ihn das Glockengeläute aus dem Schlaf geweckt; er schien in müder Gleichgültigkeit nicht recht zu wissen, was er daraus machen sollte. Fischer war im Begriff, sich abzuwenden, um sich den Eindruck des feierlichen Abends nicht zu verderben, als der Bettler so heftig zu husten begann, daß er sich noch einmal zu ihm wandte. Das war am Ende doch ein Stückchen menschlichen Elends, und der Pfarrer, wenn ihn die Poesie auch manchmal über irdischen Jammer weghob, hatte kein hartes Herz.

Der Lump trug eine schmutzige Soldatenmütze, einen fremdartigen Bauernkittel und Hosen, die wohl früher auch in irgendeinem Regiment gedient hatten, jedenfalls aber nicht württembergischen Ursprungs waren. Das schlimmste an ihm schienen seine Stiefel zu sein und, als er jetzt den vor ihm stehenden Herrn ansah, sein dünnes, geisterhaft bleiches Gesicht.

»Krank?« fragte der junge Pfarrer, den der Gegensatz zwischen dieser Figur und seiner eignen gehobenen Stimmung plötzlich scharf in die Seele schnitt.

»Ein alter Husten«, versetzte der kleine Mann trocken, riß dann aber plötzlich die Augen weit auf, während die letzte Spur von Farbe aus seinem Gesicht wich.

»Ihr seid erschöpft, Mann«, fuhr Fischer fort. »Ihr müßt sehen, daß Ihr in die Stadt kommt. Verhungern läßt man Euch da unten nicht.«

»Ich weiß nicht, ob's noch geht«, sagte der Bettler, wieder zusammensinkend.

»Es wird schon. Hier oben ist nichts zu holen. Ihr seid wohl Soldat gewesen? Nehmt Euch zusammen; ich will Euch hinunterhelfen.«

Wieder hob sich der Mann ein wenig, stützte sich auf den linken Ellbogen, hielt die rechte Hand vors Gesicht, um die untergehende Sonne abzuhalten, die ihn blendete, und sagte leis und langsam: »Fischer!«

Jetzt fiel dieser neben dem Vagabunden auf die Knie und schrie auf: »Berblinger!«

Das war ein Wiedersehen! – Und noch immer sandten die Münsterglocken, die das Dankesfest einläuteten, ihre vollen, feierlichen Klänge herauf, während Berblinger in den Pausen seines Hustens dem Jugendfreund erzählte, wie er Invalide und Bettler geworden sei und von Stuttgart komme, wo man nichts von ihm wissen wollte, weil er ja eigentlich als preußischer Soldat angesehen werden müsse. Er hätte seine Ansprüche in Berlin geltend machen sollen, sagte man ihm in nicht gerade höflicher Weise. Dort habe man ihm allerdings schon zwei Monate zuvor geraten, sich als Württemberger nach Stuttgart zu wenden. Mit einer Kugel im Leib sei es nicht leicht, zwischen Berlin und Stuttgart hin und her zu pendeln. Er freue sich wenigstens, das alte Münster zu sehen, und hübsch sei's, daß er gerade zum Dankfestläuten gekommen sei. Es habe ihm manchmal in den Ohren geklungen, seit dazumal – vor drei Jahren.

Er dachte an das Festgeläute, mit dem man den König Friedrich empfangen hatte und er voll Mut und Zuversicht seinem Schicksal entgegengegangen war. Fischer konnte es ihm nicht verargen, daß die Bitterkeit eines verlorenen Lebens im gebrochenen Ton seiner Stimme durchklang. –

Andern Tags nach der Festpredigt im Münster sagten die Leute kopfnickend: der neue Stadtpfarrer habe wirklich wieder einmal allen aus der Seele gesprochen. Man habe so recht mit Dank und Stolz empfunden, ein Deutscher zu sein. Reden könne er, der Neue, das müsse man ihm lassen, aber ein wunderlicher Kauz sei er doch. Gestern abend habe man ihn durchs Frauentor kommen sehen, mit einem veritabeln Vagabunden am Arm. Er habe den Kerl selbst in das städtische Spital gebracht. Na, man könne sich derartiges zur Not erklären, und es sei dann förmlich rührend. Aber es schicke sich nun einmal nicht für einen Münstergeistlichen im Amt, Arm in Arm mit einem sichtlich betrunkenen Landstreicher durch die Stadt zu ziehen. Das Lumpenpack sei ohnehin in diesen Kriegszeiten immer frecher geworden, und alles habe seine Grenzen.

Mehr der allgemeinen Beliebtheit Fischers als der Energie, mit der er die Sache betrieb, war es zuzuschreiben, daß Berblinger ohne lange Formalitäten in das städtische Hospital aufgenommen wurde und schon am Tag nach dem Dankfest ein eignes kleines Stübchen erhielt. Es lag im zweiten Stock des Hauses und bot einen freundlichen Ausblick nach der Donau und der Adlerbastei, auf der die jungen Äpfel- und Birnbäume, rot und weiß, in herrlichster Blüte standen. Der Pfarrer fragte seinen Freund etwas verlegen, ob es ihm nicht unangenehm sei, die Bastei vor dem Fenster zu haben; zur Not könne auch eine Kammer nach dem Hof hin geräumt werden, die allerdings weniger freundlich sei. Aber Berblinger lächelte müde: Er habe die Adlerbastei monatelang im Traum gesehen und sehe schon längst darüber hinweg. Es freue ihn sogar, wieder in ihrer Nähe zu sein. So blieb's dabei und war insofern gleichgültig, als der Invalide in den ersten Wochen das Bett nicht verlassen konnte.

Das Wunder sei, daß der Schneider überhaupt noch lebe, sagte der Medizinalrat Bühler nach der ersten gründlichen Untersuchung. Eine schwerverletzte Lunge, eine Kugel im Leib, die vorläufig nicht zu entfernen sei, weil man sie nicht finden könne, und die Strapazen, die der notdürftig geheilte Mann in der letzten Zeit durchgemacht haben müsse, hätten einen Stier umgebracht. Es sei mit diesen kleinen, zartgebauten Leuten eine kuriose Sache; manchmal seien sie zäher als Leder. An ein Auskommen sei übrigens nicht zu denken; damit könne sich die städtische Behörde samt der Armenpflege beruhigen.

Eigentümlich war Berblingers erste Begegnung mit Gretle, die trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre und ihrer klösterlichen Kleidung noch immer wie ein jugendfrisches, fast kindliches, wenn auch etwas ernstes Mädchen aussah. Es war, als wäre zwischen beiden nichts vorgefallen und als hätten sie sich höchstens seit zwei Tagen nicht wiedergesehen.

»Grüß Gott, Brechtle«, sagte sie, als sie am Morgen nach dem Dankfest mit einer Schüssel heißer Milch bei ihm eintrat. »Wie hast du geschlafen?«

»Grüß di Gott, Gretle! Nicht so ruhig, wie manchmal im Hühnerstall«, antwortete er. »Das kann auch niemand erwarten. Du siehst frischer und gesünder aus als je.«

»Ich hab' meine Arbeit und alles, was ich dazu brauche. Halt dich ruhig. Es wird bei dir auch wieder anders kommen«, sagte sie, stellte die Milch auf das Tischchen neben seinem Bett und ging.

Das war alles. Er drehte sich gegen die Wand, sagte mit fast erstickter Stimme: »Nie wieder, nie wieder!« und schluchzte. Seine erschütterten Nerven konnten nichts mehr ertragen. Sie lehnte draußen in dem düsteren Gang den Kopf gegen den Türpfosten, flüsterte ebenfalls: »Nie wieder, nie wieder!« und weinte zum Erbarmen, obgleich ihre Nerven kerngesund waren.

Etliche Tage später fragte sie ihn, ob sie ihm manchmal etwas vorlesen dürfe, da es in der Ecke, in der sein Bett stand, zum Lesen zu dunkel war und er noch nicht aufstehen sollte. Natürlich war ihm dies willkommen. So las sie ihm, sooft es ihre Zeit erlaubte, meist aus der Bibel vor, bald dies, bald das. Es ist erstaunlich, wie unterhaltend, wie ergreifend, wie erschütternd das Buch ist, wenn man es eine Zeitlang auf die Seite gelegt oder vergessen hat, daß es seinerzeit zu Schulleseübungen dienen mußte. Diese halben Stündchen wurden die Lichtpunkte in seinem Alltagsleben, obgleich nun bald auch andre dazu kamen.

In der Stadt wurde es rasch genug bekannt, daß Berblinger zurückgekommen sei und mit einer Kugel im Leib im städtischen Spital liege. Im allgemeinen freute man sich nicht darüber. Doch flößte die Kugel den Leuten so weit Respekt ein, daß der Spott über den Schneider nicht mehr recht in Gang kommen wollte, mit dem man sich gegen den Spott über die Stadt verteidigt hatte, an dem es die Nürnberger und Stuttgarter nicht fehlen ließen. Am liebsten hätte man die alte Geschichte vergessen und begraben, um so mehr, als sie durch einen unangenehmen Zwischenfall wieder aufgefrischt worden war. Auf der letzten Messe hatte sich ein Wachsfigurenkabinett eingefunden, in dem neben den höchsten Potentaten alter und neuer Zeit der ›Schneider von Ulm‹ in Lebensgröße zu sehen war. Die Sache wäre ohne Aufsehen hingegangen, wenn der Besitzer der wandernden Walhalla nicht die Frechheit gehabt hätte, in einer Eingabe an den Magistrat um die noch vorhandenen Reste des Anzugs und der Flügel zu bitten, die Berblinger bei seinem mißglückten Versuch gebraucht hatte. Die Folge war eine sofortige Zusammenberufung der ehrbaren Schneiderzunft und eine Eingabe derselben an den Magistrat mit der dringenden Bitte, besagte Reste des Flügel sowie den Anzug unverweilt zu zerstören und den ganzen Wachsfigurenkram von der Messe entfernen zu lassen. Dies geschah unter der unerbetenen Beihilfe zahlreicher Schneidergesellen mit solcher Überstürzung, daß Friedrich der Große seinen rechten Arm samt Stock und der letzte deutsche Kaiser den Kopf verlor; eine diesbezügliche Klage des Wachsfigurenkabinettbesitzers gegen den Magistrat aber zum Glück erfolglos blieb.

Nun war das Spottgebilde, der wächserne Schneider von Ulm, zwar verschwunden, der lebendige aber wieder da, und mußte sogar auf städtische Kosten behaust, ernährt und verpflegt werden. Vielen erschien dies, als ob man vom Regen in die Dachtraufe gekommen wäre, doch alle stimmten darin überein, je weniger man von der Sache spreche, um so besser, so daß Berblinger in seinem Krankenstübchen ungestört der Genesung entgegengehen konnte. Auch sah es fast aus, als ob er trotz des Medizinalrats Bühler auf dem besten Weg dazu wäre.

Hierfür sorgten die wenigen Freunde, die ihm geblieben waren, nach Kräften; vor allem Fischer, der mit der Kunst des Poeten ohne Mühe eine Geisterbrücke zwischen Schneider und Stadtpfarrer zu bauen verstand, so daß die alten Schulgenossen wieder beisammen saßen, wie seinerzeit in den Wäldern um Blaubeuren, als ob sich nichts zwischen heute und damals geschoben hätte. War er nicht selbst eine Art von Schneider, der dafür zu sorgen hatte, daß die armen Seelen nicht ganz nackt und bloß im Jenseits ankämen und sich auch die Verwachsenen in möglichst weißen Hemdchen einigermaßen anständig präsentierten. Und war nicht Berblinger ein Poet, der Zukunftsbilder aus Bambus und Kaliko geschaffen und an der Moskwa und bei Großbeeren an einem Epos mitgearbeitet hatte, zu dem Fischer nachträglich die Reime mühsam zusammenklaubte. Manchmal dachte der Pfarrer darüber nach, wer von ihnen der wirklichere Poet war, ob mehr Poesie in Taten oder in Worten stecke. Er mußte sich aber doch schließlich für das Wort entscheiden; denn er hatte nicht umsonst eine humanistische Erziehung genossen und war nebenbei ein geborener Romantiker.

Dann und fast ebenso häufig besuchte den Kranken sein alter Mitgeselle Enderle, der jetzt als zünftiger Meister in der Herrenkellergasse ein blühendes Geschäft besaß. Franz Bockelhardt, manchmal noch Fränzle genannt, war einer seiner zwei Gesellen. Enderle sprach wenig, nie von den Flugversuchen, selten von den Kriegsabenteuern seines Freundes; aber er hoffte zuversichtlich, daß er gesund werden und sich dem ehrsamen Handwerk wieder zuwenden würde. Was menschenmöglich sei, ihm aufzuhelfen, sollte geschehen. Es wäre freilich rätlich, meinte er, vorläufig in Esslingen, Stuttgart oder Heilbronn einen Versuch zu machen; in Ulm habe er – Gott sei's geklagt – zu viele Feinde. Enderles Besuche wurden immer häufiger, und wenn es sich so traf, daß Jungfer Margret am Vorlesen war, so strahlte er vor Vergnügen.

Auch Fränzle, der ein gutmütiger, langer, eckiger Bursche geworden war, besuchte ihn, allerdings seltener und fast verstohlen. Ebenso verstohlen, aber wärmer als den andern, drückte ihm Berblinger die Hand. Denn Fränzle war der einzige, der noch felsenfest an ihn glaubte und, wenn er ganz sicher war, daß sie niemand hören konnte, gierig fragte, wann sein alter Meister anfangen werde, die nächsten Flügel zu bauen. So gerne er den Herrn Enderle habe – denn einen sorglicheren Meister gäbe es nicht –, so entschlossen sei er, davonzulaufen, um Berblinger zu helfen. Er glaube noch immer, es müsse endlich etwas daraus werden. Der Kranke sah wehmütig nach den Spatzen, die an seinem Fenster vorbeihuschten, und sagte: »Das glaube ich nicht, Fränzle, das weiß ich; aber wir müssen beide Geduld haben. Sobald ich wieder ganz gesund bin –« Den Satz beendete er nie.

Dann stellte sich Professor Zeller ein, an dem die Jahre spurlos vorübergingen: er war der einsilbige, trockene, treue Freund der er stets gewesen war. Mit Besorgnis glaubte er zu bemerken, daß Berblingers Gedanken wieder um den alten Lieblingsgedanken flatterten, wie Nachtschmetterlinge um die Studierlampe, denn er dachte selbst an nichts andres, wenn er neben ihm saß. Deshalb brachte er bei seinem dritten Besuch ein Heft voll neuer Berechnungen mit, die wieder und wieder bewiesen, daß der von Berblinger eingeschlagene Weg niemals ans Ziel führen könne, wenn auch noch immer unaufgeklärt blieb, wie größere Vögel – was ja zugegeben werden müsse – das Fliegen fertig bringen. Berblinger lächelte, drückte auch diesem Freund die Hand und schloß die Augen.

Schließlich besuchte ihn noch der junge Doktor Baldinger einigemal und plauderte nach seiner Art fröhlich drauflos. Natürlich werde Berblinger wieder gesund werden. Die Kugel? Unsinn! Kugeln haben die meisten Menschen im Leib oder wenigstens kugelförmige Organe. Es komme nur darauf an, daß sie an einer ungefährlichen Stelle lägen, wie dies bei Berblinger der Fall sei. Im großen ganzen habe er in seinem Leben doch ein wahres Narrenglück gehabt. Deshalb könne er darauf rechnen, es auch im Fliegen noch zu etwas zu bringen, und wenn er wieder gesund sei und Geld dazu brauche, werde er, der Doktor Baldinger zu Ulm an der Donau, nicht der letzte sein, der ihm unter die Arme, respektive die Flügel greife. In dieser fast überlustigen Weise suchte er den Kranken zu trösten. Sie war eine Art Gewohnheit geworden. Man sagte, es sei Galgenhumor, denn seit einem Jahr war er mit seinem schönen Bäschen verheiratet, die ihn zwischen Ulm und Wien hin und her schleppte, daß ihm der Atem ausging.

Bei all dem erholte sich Berblinger langsam aber sichtlich. Der Medizinalrat beobachtete ihn mit gemischten Gefühlen. Es war ein hochinteressanter Fall. Das Verhalten des Invaliden mit der Kugel irgendwo im Brustkasten war unnatürlich und schlug der Wissenschaft ins Gesicht. Aber der Mensch hatte ja von jeher versucht, der Natur ins Gesicht zu fliegen! Sein jetziger Zustand mochte damit zusammenhängen.

Er saß seit einiger Zeit stundenlang in dem Gärtchen, das sich unter der Stadtmauer an der Donau hinzieht, wenige Schritte von der Stelle, die durch seinen Flugversuch berühmt geworden war. Dabei freute er sich der warmen Herbstsonne und sah zu, wie die Fische aus dem Wasser schnellten und die Vögel von Zweig zu Zweig hüpften. Am wohlsten wurde ihm, wenn dann Gretle mit ihrem Buch kam und ihm vorlas, obgleich er jetzt selbst lesen konnte. Aber es hatte etwas Beruhigendes, ihre weiche Altstimme zu hören, und nichts gab seinen Gedanken, die ruhelos wieder nach der alten Richtung strebten, so leicht und sanft eine andre Wendung als diese Stimme.

Eines Abends fühlte er sich weniger wohl, müde und unruhig zugleich, als ob ihn ein leichtes Fieber gepackt hätte. Er legte sich früher als gewöhnlich, und Gretle las an seinem Bett, wie sie es oft genug getan hatte. Was sie veranlaßt hatte, den Propheten Jesaja aufzuschlagen, wußte sie später selbst nicht zu erklären. Berblinger lag nach einem Hustenanfall, der heftiger gewesen war als seit langer Zeit, mit halbgeschlossenen Augen regungslos da. Sie las das Kapitel, in welchem der Prophet sein Gesicht von der Erscheinung Gottes beschreibt: »Des Jahres, da der König Usia starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl, und sein Saum füllete den Tempel. Seraphim standen über ihm; ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach –«

Weiter kam sie nicht. Berblinger hatte sich aufgerichtet und bat sie, aufzuhören. Er müsse denken und brauche Ruhe.

Sie schloß besorgt das Buch; das hatte er noch nie verlangt. Er starrte sie wie geistesabwesend mit großen Augen an und sank wieder zurück. Sie stellte ein Glas Wasser auf sein Tischchen und ließ ihn allein.

Gegen zehn Uhr nachts ging zufällig ein Wärter an seiner Türe vorüber und hörte plötzlich einen lauten Aufschrei, keinen Schmerzensruf; es schien der reine Jubel: »Ich hab's, ich hab's!« Dann folgte ein dumpfes Geräusch wie von einem schweren Fall.

Erschrocken stieß der Mann die Tür auf. Berblinger lag neben seinem Bett auf den Boden. Ein Blutstrom quoll aus seinem Mund; wild schlug er mit den Armen um sich; dann ließ die Spannung in seinen Muskeln und in seinem Gesicht plötzlich nach. Er lag still; ein unnatürliches Lächeln um die blutbefleckten Lippen, aber er war nicht mehr bei Besinnung.

 

Es war ein schwerer Rückfall. »Habe ich recht gehabt?« sagte der Medizinalrat nicht ohne Selbstgefälligkeit zu Gretle, die bleich und leise zitternd vor ihm stand, um seine Anweisungen entgegenzunehmen. »Er wird sich wieder erholen, aber lang kann es nicht mehr dauern. Sein Gehirn scheint mir in Mitleidenschaft gezogen zu sein; es wird eine Nervengeschichte. Sie müssen ihm nichts mehr aus dem Jesaja vorlesen; das hat ihn offenbar aufgeregt.«

Äußerlich sah man nicht viel von der Aufregung. Er lag still und sinnend da, wenn er wachte, folgte Gretle mit den Augen, solange sie sich im Zimmer beschäftigte, schien aber auch zufrieden zu sein, wenn man ihn allein ließ. Besuche waren ihm sichtlich gleichgültig, obgleich er geduldig anhörte, was sie zu sagen hatten. Enderle kam jetzt täglich, konnte sich aber nur mit Gretle unterhalten. Berblinger reichte ihm die Hand und schloß die Augen.

So vergingen fast vierzehn Tage ohne wesentliche Änderung; nur seine Kräfte nahmen sichtlich mehr und mehr ab. Dann kam ein Tag, an dem er sehr unruhig war. Gegen Abend saß Enderle schweigend an seinem Bett. Sie hatten kaum ein Wort gewechselt, obgleich sich Berblingers Lippen fort und fort bewegten. Zwischen diesen unhörbaren Selbstgesprächen kamen Pausen, in denen er die Stirn wie in tiefem Nachdenken zusammenzog und ungeduldig zu werden schien, wenn man einen Versuch machte, sein Traumleben zu stören.

Jetzt schlug er die Augen weit auf und sagte laut, aber müde, wie wenn er eben erwacht wäre:

»Nein. Ganz sicher bin ich auch so noch nicht, aber am Ziel, fast am Ziel!«

Er sah Gretle, die am unteren Ende seines Bettes stand, und lächelte:

»Du, weißt du noch, wie Gotthilf von uns Abschied nahm.«

»Ob ich's je vergessen könnte!« antwortete sie.

»Er meinte auch, er sei am Ziel«, fuhr Berblinger fort. »Weißt du noch – damals waren wir auch zu dreien, und hier ist Enderle. Ganz wie damals.«

Die beiden schwiegen, aber sie hatten ihn verstanden.

»Enderle ist ein besserer Junge als ich. Der fliegt niemandem davon.« Er griff noch immer lächelnd nach der Hand seines Freundes, der aufgestanden war und fragend zu Gretle hinübersah.

Da trat Fischer ein; das kurze Gespräch war beendet. Es war nicht nötig, es weiterzuspinnen; es hatte zwei ruhige, friedliche Menschenschicksale bereits entschieden.

»Fischer!« rief der Kranke, lauter als er seit mehreren Tagen gesprochen hatte. »Du kommst gerade recht. Ich wollte nur, wir könnten noch einmal unter dem Fuchsfelsen zusammensitzen und auf das Leben im Tal heruntersehen. War das ein Jammer und eine Freude zugleich; aber die Hoffnung hat mich nicht betrogen. Excelsior! das war mein Wahlspruch damals und ist's noch heut. Und nun hab' ich's, nun hab' ich's!«

Er versuchte sich aufzurichten. Der Pfarrer drückte ihn sanft in die Kissen zurück.

»Ja, ja, du hast recht«, flüsterte der Kranke. »Es scheint, ich bin noch etwas schwach; aber das macht nichts. Die Hauptsache ist, wie ich immer sagte, daß das Schweben nicht anstrengt. Damit mußten wir anfangen. Du weißt nicht, wie glücklich es mich macht, daß ich endlich soweit bin. Es war keine Kleinigkeit!«

Der Stadtpfarrer merkte jetzt, daß sein Freund nicht mehr ganz bei Sinnen war. Er legte ihm die Hand auf die Stirne, die sich heiß und trocken anfühlte, und suchte ihn zu beruhigen.

»Ach was !« sagte Berblinger, sich sträubend. »Nur die Faulen ruhen, solange es Tag ist. Überdies bin ich am Ziel; nun mag die ganze Welt fliegen. Aber es ist keine Kleinigkeit, das kannst du mir glauben, sein Leben lang für die Zukunft zu arbeiten und für die Menschheit, die nichts von einem wissen will. Dagegen ist eine Franzosenkugel Kinderspiel. Doch war es ja von jeher so, schon bei deinen alten Propheten. Weißt du, daß Jesaja an mich gedacht hat?«

»Berblinger!« unterbrach ihn der Pfarrer sanft. »Denke lieber du an Jesaja und den, der ihn gesandt hat.«

»Du magst recht haben, Fischer; aber du vergißt, wie ich mich freue, daß ich endlich am Ziel bin. Ich wollte, ihr rücktet mein Bett so, daß ich zum Fenster hinaus auf die Adlerbastei sehen könnte, wo mein Triumph anfing. Wie sie mir zujubelten. Sie sind nicht so undankbar, als man gewöhnlich meint. Und damals war ich noch nicht so weit wie heut. Excelsior! Excelsior!«

Fischer und Enderle schoben die kleine Bettstelle mühelos an das Fenster, so daß der Kranke auf das freundliche Bild hinabsehen konnte, das in der Abendsonne aufleuchtete. Die Adlerbastei war fast verdeckt von dem Wald junger Obstbäume, die im reifenden Schmuck ihrer Früchte prangten. Von der Donau konnte man nur einen Streifen am jenseitigen Ufer sehen, den das Abendrot in einen goldfunkelnden Spiegel verwandelte. Während sie die Änderung vornahmen, öffnete sich die Tür abermals und Baldinger trat ein. Der Zeitpunkt für seinen Besuch war schlecht gewählt, aber der Zufall begeht solche Rücksichtslosigkeiten nicht selten. Er hielt drei Apfelsinen in der Hand, die er dem Kranken als Gruß von seiner Frau bringen wollte. Er hatte ihr von Berblinger gesprochen, zum erstenmal heute, ohne daß sie in Wut geriet. Nun schickte sie ihm die Apfelsinen als Zeichen, daß sie ihm verzeihe. Etwas erschrocken blieb der Doktor an der Türe stehen, als ihm Fischer abwinkte. Die Szene war nicht nach seinem Geschmack.

Lang und aufmerksam sah Berblinger zum Fenster hinaus. Sein Blick trübte sich. Andre Gedanken schienen ihm jetzt durch den Kopf zu gehen, und nach einer längeren Pause traten zwei große Tränen in seine Augen. »Ja, ja«, flüsterte er endlich, kaum hörbar. »Hier war es. Ich war allzu sicher und tat einen großen Fall. Jetzt aber bin ich meiner Sache gewiß. Excelsior! Ist's nicht heut, ist's morgen. Es muß ja kommen.«

»Denk an den Himmel, Berblinger«, sagte der Pfarrer sanft. »Ich glaube selbst, du bist am Ziel.«

»An den hab' ich gedacht mein Leben lang«, versetzte der Kranke, schwer atmend; »für mich, für alle Welt. Zuerst waren's die Wolken, dann die Vögel, dann – dann – ... Aber ich war zu schwach, Gott wird mir verzeihen. Es war nicht meine Schuld. Die Sonne geht unter. Bete mit mir, Fischer, eh' du gehst. Es wird Zeit.«

»Um was soll ich bitten, Berblinger?« fragte der Pfarrer. Es drängte ihn, seinen Freund auf andre Gedanken zu bringen, und doch mochte er nicht drängen.

»Bete, wie er es lehrte. Es gibt nichts Besseres für Tod und Leben«, sagte Berblinger mit kaum hörbarer Stimme. Fischer begann das Vaterunser zu beten. Der Kranke flüsterte mit, nach wenigen Sätzen so laut und deutlich, daß der Pfarrer schwieg und ihm mit liebevollen, schmerzlichen Blicken in das feine, bleiche Gesicht sah, auf dem die letzten Sonnenstrahlen ruhten. Er kam nicht ganz zu Ende.

»Denn dein ist das Reich und die Kraft – denn dein ist die Kraft –«

Hier stockte er. Ein Zittern ging durch den ganzen Körper, ein paar Blutstropfen traten auf seine Lippen. Der Atem stand still.

Gretle schluchzte jetzt laut; Enderle faßte ihre Hand. Er hätte sie so gerne getröstet, konnte aber nicht sprechen. Fischer drückte seinem Freund die Augenlider zu, dann ging er mit Baldinger langsam die Treppe hinunter. Auf der untersten Stufe saß Franz, der lange Junge, und heulte. Auch er hatte Berblinger noch besuchen wollen, man hatte ihm aber gesagt, was oben vorgehe. Da wolle er nicht stören, meinte er, und blieb auf der Treppe sitzen.

»Ein trauriges Ende«, sagte Baldinger zu Fischer, indem er seine Orangen in die Tasche steckte. »Er war ein guter Kerl und hatte große Ideen. Ein verlorenes Leben.«

»Ganz so traurig nicht, wie viele denken mögen«, versetzte der Pfarrer. »Große Ideen sterben nicht, und ein Leben, das zweimal geopfert wird, ist kein verlorenes. Einmal hat er es für seinen Lieblingsgedanken darangesetzt, das zweite Mal für sein Vaterland. Was wollen Sie mehr?«

»Was hat er davon, möchte ich wissen«, rief der Doktor entrüstet. »Wirklich, Herr Stadtpfarrer, mir scheint, Sie sind ein gefühlloser Mensch. Mich dauert der arme Kerl in tiefster Seele. Gassenbuben singen einen Vers auf ihn – der Schwätzler soll ihn verbrochen haben –, in dem sein Wagnis mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird.«

»Natürlich. So sind die Schwätzler und Konsorten«, entgegnete Fischer ruhig. »Wäre sein Plan geglückt, so hätten sie ihn zum Halbgott hinaufgedichtet. Mit dem Teufel hatte Berblinger weniger zu tun als Sie und ich; ich bin schon von Amts wegen dazu verpflichtet und bei den Juristen ist's Liebhaberei. Sein Seelenheil wollen wir dem lieben Gott überlassen. Ich kenne ihn seit seinem fünften Jahr, und wahrhaftig – menschlich gesprochen – mir ist nicht bang. Er hatte seine Schwächen, und sein Ehrgeiz war stärker als er. Wo aber wären wir alle, wenn nicht etliche von uns ehrgeiziger wären, als gut für sie ist. Sein Unglück war, daß er zu früh geboren wurde, denn was er wollte, war gut und die Zeit wird ja dazu sagen, ist's nicht in hundert Jahren, so ist es später. Mittlerweile können Sie sich darauf verlassen, daß sie ihm dann ein Denkmal errichten werden, dem Vorkämpfer für eine der größten Errungenschaften des menschlichen Geschlechts, dem Schneider von Ulm. Einer unsrer berühmtesten Männer ist er schon!«

Sie gingen schweigend, fast mißmutig nebeneinander her. Bei der alten Sammlung in der Frauengasse, wo jetzt die Münstergeistlichkeit wohnte, trennten sie sich. Als Fischer dem Doktor die Hand reichte, leuchteten seine Augen plötzlich auf, und er sagte:

»Nein, Herr Justizrat – Sie sind ja gestern Justizrat geworden, wie ich höre; gratuliere! – nein! Der Mann hat sich zweimal für große Ideen geopfert. Ist das nicht Glücks genug für ein Leben?«

 

Ende

 


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