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29. Harte Tage

Fräulein von Baldinger war, abgesehen von ihrer Schönheit, die im Lauf der Jahre den fast allzu kindlichen Charakter verloren hatte, keine gewöhnliche junge Dame. Sie besaß Energie und Gewandtheit für drei Durchschnittsmädchen ihrer Zeit und hatte in Wien gelernt, beides zur Geltung zu bringen. Man vergaß, daß sie klein war, denn sie verstand es, den längsten und selbstgefälligsten jungen Mann von oben herunter anzusehen, und nur wenn sie in ihrer alten Weise lächelte, was jetzt nicht mehr zu häufig geschah, kam das kindliche Engelsköpfchen wieder zum Vorschein, das nicht bloß dem jungen Berblinger den Verstand gekostet hatte. Trotzdem ließen sich ihre guten Eigenschaften, wenn man sich von ihrem überaus zierlichen Figürchen nicht blenden ließ, leicht übersehen. Sie war launisch, herrschsüchtig, sehr eitel und über die Maßen ehrgeizig. Aber sie konnte lächeln wie ein kleiner Seraph, und das genügte den jungen Herren, die ihr nahekamen; sogar einigen älteren. Ihr Vater zum Beispiel, ein sonst vernünftiger, frohgelaunter Mann, wenn er nicht auf Napoleon zu sprechen kam, war in sie verliebt, was nicht dazu beitrug, sie liebenswürdiger zu machen.

Seitdem sie in den Gedichten des immer berühmter werdenden Schiller ›Laura am Klavier‹ entdeckt hatte, saß auch sie stundenlang am Spinett ihrer verstorbenen Mutter, da sich ihr Vater mit Rücksicht auf sein leidendes Gehör, wie er sagte, noch immer weigerte, ein modernes Klavier mit Patent-Janitscharenmusikvorrichtung, der Großmutter des heutigen Pianola, kommen zu lassen. Sie mußte sich deshalb begnügen, eine Sonate von Haydn und fünf Wiener Tänze, die ihr Repertoire ausmachten, auf dem altertümlichen, rührend dünn klingenden Klapperkasten preiszugeben, fand aber in dem jungen, etwas schwerfällig gewordenen Schwarzmann stets einen dankbaren Zuhörer. Hans hatte Sinn für Tanzmusik und betete Lucinde an, wenn sie ihn in dieser Weise an Wien erinnerte. Es war einer ihrer fünf Walzer, der in ihm die Überzeugung gereift hatte, daß er ohne sie nicht leben könne. Sobald auch sie hiervon überzeugt war, behandelte sie den eingebildeten, im Grunde gutmütigen Sohn des reichen Donauschiffers derart, daß er oft genug der Verzweiflung so nahe kam, als ihm dies möglich war. So hatte sie ihre Liebhaber am liebsten.

Mit Hilfe der Stellung und des Geldes seines Vaters war er übrigens auf dem Weg, ein nicht untüchtiger Geschäftsmann zu werden. Gestern war er wieder einmal aus Wien zurückgekehrt, hatte einen prachtvoll in Leder gebundenen Poesiealmanach mitgebracht, auf dessen Decke ein züchtig beschürzter Amor zwei Herzen zusammenschmiedete, und das bedeutungsvolle Bändchen voll sehnsüchtiger Liebeslieder der Angebeteten zu Füßen gelegt. Sie belohnte ihn mit einer Tasse Kaffee, ihrer Sonate von Haydn und zwei ihrer fünf Walzer und saß jetzt in graziöser Haltung vor ihrem Spinett, bereit, mit ihm zu plaudern. Der Staatsrat, der gegen Hans als Schwiegersohn keinen ernsthaften Einwand erheben konnte, hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, um halb schlummernd die neuesten Nachrichten von München, Wien und Paris zu genießen. Es war doch eine wundervolle Einrichtung – diese Zeitungen; namentlich die Augsburger Allgemeine! Kaum vierzehn Tage nachdem sich ein Mord oder Totschlag in diesen Mittelpunkten des Weltgetriebes ereignet hatte, konnte man die Schreckenskunde zu Ulm in der Frauenstraße mit aller Ruhe genießen! Allerdings war nicht alles erfreulicher Natur. So jetzt wieder: Nachdem man soeben erst zur Ruhe gekommen, sollte abermals eine Umwälzung alles Bestehenden drohen, das Ulmer Gebiet entzweigeschnitten und die Stadt an Württemberg ausgeliefert werden. »Das nimmt kein Ende, solange dieser korsische Dämon von Frankreich den Völkern Europas das Blut aussaugt«, seufzte der Staatsrat und entschlief.

Auch Hans wußte etwas davon zu erzählen; nicht aus Wien, wo die Sache geregelt worden war, sondern aus der Herbelgasse. Noch nie habe er seinen Vater in so schlechter Laune angetroffen, und nicht wegen seiner Reisespesen; das sei das Unbegreifliche. Für die Schifferei sei es doch im ganzen gleichgültig, ob die Zillen das bayrische oder das württembergische Fähnlein die Donau hinabführten. Daß das Ulmer Gebiet zerrissen werden solle und dadurch unser Schiffsbauplatz sozusagen ins Ausland komme, sei freilich fatal, aber die Schiffer seien schließlich überall zu Haus. Trotzdem sei mit dem Vater kein vernünftiges Wort mehr zu sprechen, und dann müsse auch noch der Vetter Berblinger, der Sparafandel, ins Haus fallen und den alten Herrn um ein Anlehen von etlichen hundert Gulden ansprechen. Aber der sei geflogen, sapperlot!

Hans lachte, nicht gutartig. Man sah zu deutlich, daß er seinem Vetter diese Art von Fliegen gönnte.

»Braucht er Geld – euer Brechtle?« fragte Lucinde mit erwachendem Interesse.

»Sie haben doch wohl davon gehört, daß er verrückt geworden ist? Die ganze Stadt erzählt es sich«, antwortete der junge Schiffer. Lucinde hatte ihm vor einiger Zeit befohlen, sie mit Sie anzureden. »Es klingt besser und schickt sich. Die Franzosen sagen auch ›Wu‹ zu Cousinen. Aber was weißt du von beidem!« hatte sie erklärt. So mußte er den alten vetterlichen Ton umstimmen, was nicht immer gelang. Rückfälle wurden jedoch streng geahndet, so daß sie bald nur noch in Augenblicken höchster Erregung eintraten.

»Er habe eine große Erfindung gemacht«, sagte Fräulein von Baldinger. »Sie sprachen davon im Blauveilchenkranz.«

»Eine große Narrheit hat er erfunden«, verbesserte Hans ärgerlich. »Denken Sie sich: fliegen will er. Die ganze Welt will er mit Flügeln versehen. Die Zillen will er abschaffen und in der Luft nach Wien segeln. Dieser Gedanke!«

»Es ist doch ein Gedanke«, seufzte Lucinde.

»Die Zillen abschaffen? Es ist ja der reinste Wahnsinn!« rief der junge Schiffer empört.

»Dann wären wir wie die Engel«, fuhr das Mädchen fort, als ob sie ihn nicht gehört hätte.

Hans errötete. Die Ursache war, daß ihm selbst ein Gedanke gekommen war. Er wagte es und sagte:

»Dazu brauchen Sie keine Flügel, Lucinde.«

Sie lächelte holdselig; Hans hatte sich selbst übertroffen. ›Er ist wirklich nicht so dumm, als er aussieht‹, dachte sie, wagte es ebenfalls und sagte es ihm.

Auch er lächelte, nicht gerade holdselig, aber doch zufrieden mit sich selbst. Seit jenem Abenteuer bei Struden war es ihm unbehaglich, wenn Lucinde von seinem Vetter sprach, namentlich in Gegenwart von Ali, der in der Sofaecke mit halboffenen Augen zuhörte. Trotzdem kam er auf Berblinger zurück:

»Wenn er nichts als den Verstand verloren hätte, könnte man sich's gefallen lassen; das kommt in jeder größeren Familie vor. Aber er scheint völlig verlumpt zu sein; er bettelt!«

»Wenn er ein großer Erfinder ist, wird er ein steinreicher Mann werden; darauf kannst du dich verlassen, Hans; und später errichtet man ihm ein Denkmal«, erklärte Fräulein von Baldinger.

»Der! – Dem?« rief der Schiffer entrüstet. »In einem Narrenhaus vielleicht.«

»Was verstehst du vom Erfinden!« rief Lucinde verächtlich. »Ich weiß etwas davon, denn ich bin selbst dabeigewesen. Fliegen? Das ist gar nicht so närrisch, als du dir einbildest. Gescheitere Leute als die Ulmer sind nicht weit davon, das kann ich dir sagen, und ein kaiserlicher Erzherzog hat zu einem Herrn, den ich kenne, gesagt: ›Wer das Fliegen erfindet, der fliegt über uns alle weg!‹ Ich hab' das mit meinen eignen Ohren gehört.«

»Ja, wer's erfindet«, unterbrach sie Hans fast höhnisch.

»In Wien!« fuhr Lucinde eifrig fort, »dort hab' ich mit meiner Tante Möbius einen Professor gehört, der ganz ernsthaft einen gelehrten Vortrag darüber hielt, und konnte mit eignen Augen sehen, wie sie den Herrn von Degen, den Erfinder, fast in den Himmel gehoben haben.«

»Ist er geflogen?« fragte Schwarzmann.

»Nicht eigentlich geflogen, das heißt – noch nicht«, versetzte Lucinde, keineswegs entmutigt, »das war gerade, was den größten Eindruck auf mich machte. Alles war voll Bewunderung, schon zum voraus. Hättest du etwas Verstand, so könntest du bemerken, für wie wichtig der Erzherzog und alle die Erfindung hielten, wenn sie schon wie weg waren, weil der Professor sie beschrieb. Und dem Erfinder, dem Herrn von Degen, gab der Erzherzog allergnädigst die Hand, und gleich darauf hat er mit mir gesprochen, persönlich – eigenhändig –«

»Was hat er denn gesagt?« fragte Hans.

»Was du von Engeln gesagt hast«, lachte Fräulein von Baldinger, in der Erinnerung schwelgend. »Nur etwas feiner hat er's gewendet.«

»Ulm und Wien – natürlich – das ist ein Unterschied«, erklärte der junge Schwarzmann unmutig; dann lachte er wieder laut auf: »Dein Herr von Degen und unser Brechtle – das auch!«

»Mir scheint der Unterschied nicht einmal so groß«, widersprach Lucinde, »Brechtle ist ein gescheiter Kopf und ein feiner tapferer Junge. Ich kenne nicht viele, die täten, was er getan hat. Ali, wart auf!«

Ali gehorchte mürrisch, Hans wurde mürrischer.

»Wär' er gescheit, brauchte er nicht zu betteln«, sagte er. »Daran erkennt man die Leute, die nichts wert sind. Vor offener Lade hat er seine Dummheiten angepriesen, so daß sie ihn fast aus der Zunft hinauswarfen. Ein feiner Junge das! Sein Geschäft sei zugrunde gerichtet, höre ich, weil er kein Knopfloch mehr fertigbringe. Alle erdenklichen Spukgeschichten erzählen sich die Leute überdies, daß es dir gruseln würde, wollt' ich sie weitererzählen. Heißt man das gescheit sein?«

»Meine Tante Möbius sagt, das sei so bei allen großen Männern, man halte sie für verrückt oder für besessen«, versetzte Lucinde heftig; »und weil die Dummen sie nicht begreifen und an nichts denken, als ihre Taschen zu füllen, statt ihre Köpfe, so müssen die Gescheiten, die den Kopf voll haben und die Taschen leer, Hunger leiden, bis sie berühmt werden. Dann aber liegt auch alles vor ihnen auf den Knien; sie dürfen nur winken, um zu bekommen, was ihr Herz begehrt: Geld und Ehre! Vor einem solchen Mann – einem Mann, den ich bewundern könnte, läg' ich auch auf den Knien; darauf hab' ich mich schon als kleiner Backfisch gefreut. Aber wo soll ich einen solchen Mann herkriegen – in Ulm! Seit euer Spatz gestorben ist, ist's nichts mehr.«

Immer mürrischer sah der junge Schwarzmann zu Boden. Er merkte, daß sie entschlossen war, ihn zu reizen.

»Also – nimm den Berblinger dafür!« stieß er heraus.

»Wenn er das Fliegen erfindet«, rief sie, sich wie begeistert aufrichtend, »wenn er fliegt, ehe der Wiener fliegt, warum nicht? Vielleicht fehlt ihm nur das Geld dazu. Daran ist schon mancher große Mann zugrunde gegangen, sagt die Tante Möbius. Wenn das alles ist, soll er fliegen, morgen, heut! Ich fühle jetzt erst, was wir ihm schuldig sind, euerm Brechtle. Wie er damals am Seil hing, mit dem Ali im Arm, der ihm noch heut das Leben verdankt! Komm her, Alile! Süßes Hundle!«

Sie begrub ihr erregtes Gesicht in dem Seidenpelz, ohne zu lächeln.

»Da soll doch ein siediges –« begann Hans, in seine Schiffersprache verfallend, faßte sich aber wieder: »Man könnte wahrhaftig glauben, du seist ebenso – so – so –« verrückt wollte er sagen, faßte sich aber noch einmal, »so wie der Lump! Ich begreif' es nicht, ich begreif' es nicht!«

»Das sieht man Ihnen an«, höhnte Lucinde. Es ist hier vielleicht nötig, nochmals darauf hinzuweisen, daß im gewöhnlichen Verkehr Hans Sie zu Lucinde und Lucinde Du zu Hans zu sagen pflegten, daß aber in Augenblicken lebhafter Erregung das umgekehrte Verhältnis eintrat, ohne Anstoß zu erregen. »Daß Sie nicht fliegen«, fuhr die junge Dame fort, »daß Sie nichts erfinden, daß Sie nichts begreifen, brauchen Sie mir nicht zu sagen. Der Brechtle ist ein Lump und hat nichts, sagt Ihr? Ich sag', er hat Grütz im Kopf, und wenn ich einen Mann will, will ich einen, an dem ich hinaufsehen kann, an dem die Welt hinaufsieht, dem ein Erzherzog die Hand drückt. Papa! – Papa!!«

Sie hatte sich in einen wirklichen Zorn hineingeredet. Der junge Schwarzmann stand erschrocken vor ihr, ohne ein Wort zu finden, sie zu beruhigen oder sich zu rechtfertigen. Was sollte er auch sagen. Hatte sie doch selbst zugegeben, daß er gescheiter sei, als er aussehe. War das nicht genug?

Der Staatsrat öffnete lebhaft die Tür seines Arbeitszimmers.

»Nun, was gibt's, Schatz?« rief er, ebenfalls etwas erschrocken, »was habt ihr wieder miteinander?«

»Papa, du mußt einen neuen Anzug bestellen«, sagte sein gedankenflinkes Töchterlein, als ob sie hierüber seit einer halben Stunde beraten und gestritten hätten, »ein feines, kostspieliges Staatskleid für Empfänge und dergleichen.«

»Aber Kind, ich habe ja erst vor einem Jahr den Anzug von Berblinger –«

»Du mußt einen neuen haben«, unterbrach sie den erstaunten Papa, »einen mit roten Aufschlägen. Wenn wir württembergisch werden, geht das Blau nicht mehr.«

»Aber soweit sind wir ja noch nicht!« sagte der Staatsrat. »Hans, was hast du ihr denn in den Kopf gesetzt? Erklärt mir doch!«

»Du bist auch wieder stärker geworden, Papa«, fuhr Lucinde rücksichtslos fort. »Ich werde noch heute nachmittag zu Herrn Berblinger schicken, daß er dir Maß nimmt. Er kann dir dann auch zugleich ein Paar schwarze Beinkleider machen, die alten glänzen schon. Und nichts so Billiges, Papa! Der König Friedrich sieht darauf, daß die Herren, die ihm vorgestellt werden, seinem Hofstaat Ehre machen; mein Papa darf dabei nicht zurückstehen. Hans, du könntest eigentlich im Vorbeigehen Herrn Berblinger bitten, er möge gleich kommen. Papa sei zu Hause.«

Hans richtete sich auf, rot vor Zorn.

»Ich gehe – ich will gehen –«, stotterte er, unfähig etwas andres vorzubringen.

»Das ist nett von dir, Vetter Hans. Ich denke, wir wollen wieder Du sagen. Es schickt sich unter Verwandten eigentlich doch besser.«

»Aber Lucinde, ich brauche doch keinen neuen Anzug!« seufzte Baldinger.

»Doch, doch, Papa. Du siehst, er geht schon, und dann will ich dir alles erklären. Ich brauche einen Mann, an dem ich hinaufsehen kann.«

»Aber um Gottes willen – Lucinde!«

Hans hatte die Tür schon hinter sich geschlossen und polterte die Treppe hinunter, wie er es in dem feinen Haus nie zuvor getan hatte.

 

Unangenehmere Wochen als die im Spätherbst 1810 waren schon lange nicht mehr über das Haus Schwarzmann hingegangen. Hans, der böswillig versäumt hatte, seinen Vetter Berblinger zum Staatsrat zu rufen, war von der Wendung, die sein Liebeswerben nahm, derart erschüttert, daß er seinen Schwestern gegenüber laut drohte, sich dem Trunk ergeben zu wollen, und diese Drohung teilweise wahr machte. Die Mädchen, die in Lucinde das Ideal weiblicher Eleganz, Liebenswürdigkeit und Klugheit sahen, sie in Hüten und Coiffuren, in Sprache und Benehmen nachzuahmen suchten, soweit ihnen dies möglich war, und nichts sehnlicher wünschten, als sie Schwester und Schwägerin nennen zu dürfen, hatten vergebliche Versöhnungsversuche gemacht und ließen entmutigt die Köpfe hängen. Die Mutter fand keine Zeit, auf die jungen Leute zu achten. Denn das schlimmste von allem war die Stimmung des Herrn Rats. Solange ihn noch die Hoffnung belebte, dem Verhängnis – der Trennung Ulms von Bayern und der Schwarzmanns von denen von Gravenreuth – mit Erfolg entgegenarbeiten zu können, hatte eine fieberhafte Tätigkeit ihn wenn nicht in guter Laune erhalten, so doch dermaßen beschäftigt, daß er seiner schlechten nicht nachhängen konnte. Er hatte seine Zunft, die Obermeister der andern Zünfte, die Mitglieder des alten Großen Rats und einen Teil des neuen Magistrats in Bewegung gesetzt, das Menschenmögliche zu tun, um die Übergabe Ulms an Württemberg zu verhindern. Hierbei war er, wenn auch nicht öffentlich, so doch in mancher heimlichen und deshalb um so bedeutungsvolleren Beratung der vollen Billigung des königlich-bayrischen Generallandeskommissars, seines Freundes, wie er ihn jetzt nannte, sicher. Dieser eröffnete ihm sogar für den Fall des Erfolgs seiner Bestrebungen Aussichten, die seinem kühnsten Ehrgeiz schmeichelten. Tatsächlich fand auch in der Bürgerschaft die Politik, die er vertrat, eine große Zahl von Anhängern. Man hatte sich unter Bayern nicht schlecht befunden. Ulm genoß als Hauptstadt des Kreises Schwaben beträchtliche Vorteile, die voraussichtlich verlorengehen mußten, wenn es den Württembergern ausgeliefert würde. Der leutselige König Max war allgemein beliebt, von König Friedrich erzählte man sich Geschichten, die den behaglichen alten Reichsstädtern nichts weniger als verlockend klangen. Dann hieß es, daß das alte Ulmer Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau bayrisch bleiben solle. Das war ja ganz unmöglich! Wie sollten die Dörfer jenseits der Donau leben, wenn sie durch Zoll-, Maut- und Landesgrenzen von der Stadt abgeschnitten wurden. Woher sollte Ulm Butter und Eier erhalten, wenn man außer Landes gehen mußte, um nach Pfuhl und Offenhausen zu kommen? Dreiviertel der Stadt war bereit, eine ergreifende Bittschrift an den König Max zu unterschreiben, in der Seine Majestät angefleht wurde, Erbarmen zu haben und alles zu versuchen, dieses Unheil abzuwenden. Schwarzmann selbst lief von Haus zu Haus, um Unterschriften zu sammeln, die er allabendlich seinem Freund, dem Baron von Gravenreuth, triumphierend vorlegte. Ja selbst der Gedanke, eine Deputation an den Kaiser Napoleon zu senden, wurde ernstlich erwogen. Man hätte darauf hinweisen können, wie sehr Ulm an einer der glorreichsten Heldentaten der französischen Armee beteiligt gewesen sei. Dagegen sträubte sich allerdings die größere Anzahl der Herren, die die Bittschrift an König Max unterzeichnet hatten, so daß man den Plan fallenlassen mußte.

Es nutzte alles nichts. Die Sache war längst entschieden, und in den ›zuständigen‹ Kreisen von Paris und Wien, München und Stuttgart dachte niemand daran, die Bürger der vormaligen Reichsstadt zu befragen, ob sie bayrisch oder württembergisch, ganz bleiben oder zerschnitten werden wollten. Seit Ende Oktober lag ein württembergisches Regiment in Söflingen und wartete auf den Abzug der Bayern, die sich nicht beeilten und die Hoffnung noch etliche Tage aufrechterhielten, daß doch vielleicht das Äußerste abgewendet werden könne. Am 8. November morgens zehn Uhr aber zogen sie mit klingendem Spiel ab, und nicht bloß die Fräulein Schwarzmann weinten ihnen heiße Tränen nach, die sie kaum zu trocknen vermochten, ehe um vier Uhr nachmittags das württembergische Chevaux-legers-Regiment Prinz Heinrich einrückte. Doch fand sich schon am folgenden Tag, daß die Württemberger nicht so übel aussahen und die schmerzhafte Wunde, die die Trennung geschlagen hatte, langsamer blutete.

Auch Papa Schwarzmann, der jetzt einsah, daß alles Petitionieren vergeblich gewesen und die Weltgeschichte mit Ulm spielte wie mit einem Kinderball, suchte sich in das Unvermeidliche zu fügen und meldete sich bei General von Hayn, dem Führer der württembergischen Truppen und provisorischen Gouverneur der Stadt, um Exzellenz seiner Treue gegen den neuen Bundesherrn zu versichern. Er trat in das Haus des Gouverneurs, wie er es noch gestern getan hatte, mit der Empfindung, zum Regiment der Stadt zu gehören, mußte aber eine bittere Enttäuschung erleben. Sein Eifer für den alten Stand der Dinge hatte nicht nur in München, sondern auch in Stuttgart Beachtung gefunden, ja selbst in Söflingen wurde halb lachend von der Bittschrift gesprochen, mit der der Rat Schwarzmann in der Stadt umherlaufe, um das Gleichgewicht Europas zu erhalten, auf das in dem Schriftstück hingewiesen wurde. Auch ließ General von Hayn die in diesen bewegten Tagen wichtigste Persönlichkeit der Stadt eine Stunde lang im Vorzimmer warten und ihm dann sagen, daß Exzellenz nicht zu sprechen sei, da er um diese Zeit ausreite. Zähneknirschend und blau vor Zorn kam der Zunftmeister zu Hause an, schloß sich in sein Zimmer ein und überlegte. Was konnte er andres tun? Das Gleichgewicht von Europa war vernichtet.

Da wollte es das Unglück, daß ein kleiner Junge die Treppe heraufkam und auf der obersten Stufe von der Frau Rat abgefangen und nach dem Zweck seines Erscheinens gefragt wurde. Es war sichtlich ein schüchternes Bürschchen, das aber wußte, was es wollte, und mit einer milden Art von Verzweiflung auf sein Ziel lossteuerte. Die Frau Rat kannte diese Stimmung und verstand den Kleinen, der behauptete, er müsse den Herrn Rat sprechen.

»Der ist beschäftigt«, sagte sie. »Du kannst ihn jetzt nicht sehen.«

»Dann will ich warten«, sagte der Junge.

»Was willst du denn?«

»Den Herrn Rat sprechen.«

»Frecher kleiner Bengel!« sagte die Frau Rat, von der Hartnäckigkeit des Jungen unangenehm berührt. »Wenn ich dir sage, daß er nicht zu sprechen ist! Wie heißt du denn? Wo kommst du her?«

»Fränzle heiß' ich, Franz Bockelhardt, und Lehrbub bin ich bei Meister Berblinger in der Herrenkellergasse.«

»Was will der Bub?« fragte Schwarzmann ärgerlich, der das Gespräch gehört haben mochte und unter der Türe seines Zimmers erschien. Dieser zog jetzt erst seine Mütze ab, unter der ein bleiches, dünnes, aber sehr altkluges, entschlossenes Gesichtchen erschien, und sagte, ohne zu stottern:

»Mit Gunst, Herr Obermeister! Ich komme vom Meister Berblinger in der Herrenkellergasse und will fünfzig Gulden holen. Er braucht's. Unsre neuen Flügel sind noch nicht fertig, und der Stöckle, der Amtsgerichtsdiener, will sie heute abend abholen, wenn das Geld nicht da ist.«

Schwarzmann sah den Kleinen mit Augen an, wie nur er sie aufreißen konnte.

»Ja«, fuhr dieser fort, ohne sich einschüchtern zu lassen, »und weil Sie der Herr Onkel sind, dachte ich, es sei am besten, ich hol' das Geld hier. Der Meister hat nichts mehr.«

»Kreuzschockschwerenot!« fluchte der Rat in unverfälschtem Schifferdeutsch. »Du kommst mir gerade recht mit deinem Berblinger. Fünfzig Gulden! Sonst will er nichts? Paß mal auf: ich will euch beide das Fliegen lehren –«

Er machte eine Gebärde mit dem Fuß, die nicht mißzuverstehen war; allein der Schneiderlehrling war gewandter als der Obermeister der Schifferzunft und verschwunden, als ob ihn der Boden aufgesaugt hätte.

»Überhaupt!« brummte der Rat etwas ruhiger, indem er seinen Fuß zurückzog und gedankenlos über das Treppengeländer hinabsah.

»Du hättest ihm ein paar Gulden schicken können«, sagte seine Frau. »Er ist deiner Schwester Sohn, und Georg Baldinger meint, man könne nicht wissen, ob nicht doch noch etwas daraus würde. Sie sagen in der Stadt –«

»Gänsegeschnatter! Hol ihn der Teufel!« schloß der Gemahl und warf die Türe seines Zimmers hinter sich zu.

 

Berblinger saß nach Handwerksart mit gekreuzten Beinen auf seinem Arbeitstisch, ohne zu arbeiten. Es dämmerte, aber er machte keine Anstalt, Licht anzuzünden. Schon seit einer Stunde hatte er sich kaum gerührt. Wie Träume zogen ihm die Gedanken durch den Kopf: Hoffnungen, matt und gebrochen, formlose Pläne, Erinnerungen, ohne daß er versucht hätte, sie festzuhalten. Schließlich wurden es Bilder aus der Kindheit, die ihn umspielten: wie er an seines Vaters Hand vom Rand der Albberge den Vögeln nachgesehen, wie ihm die Mutter vom Engelein mit goldenen Flügeln erzählte, wie der Vater – das war heute der Grundton seiner Phantasien – in dem Holzschuppen hinter dem Schulhaus vor seinem Perpetuum mobile saß, träumend, erschöpft, hoffnungslos. Jetzt verstand er, was das zu bedeuten hatte.

Um ihn her sah es nicht mehr aus wie in einer Schneiderwerkstätte. Seit er vor offener Lade gestanden hatte, was ihn beschäftigte, fiel jeder Grund weg, daraus ein Geheimnis zu machen. Mit Hilfe des Seils auf dem Speicher, an dem er sich schwebend erhalten konnte, wurden noch immer Versuche angestellt; den Bau der verschiedenen Arten von Flügeln hatte er in die Werkstatt verlegt, in der nur noch gelegentlich ein Kleidungsstück angefertigt wurde. An den Wänden hingen Modelle von Papierdrachen und Flügeln aller Art; den Boden bedeckten gekrümmte Bambusstäbe und Weidengeflechte, Gestelle aus Fischbein und wunderliches Riemenzeug. Auf dem Arbeitstisch lagen Werkzeuge, welche man in Sattler- und Tischlerwerkstätten, bei Korbflechtern und Schirmmachern finden mochte. Kein Wunder, daß die ehrbare Schneiderzunft in Berblinger schon jetzt einen Ausgestoßenen sah, den man in aller Stille aus dem Register hätte streichen sollen. Hatte es je in der Werkstatt eines Schneiders so ausgesehen?

Auch in der Stadt war sein Ruf, ein ehrbarer Handwerker zu sein, dahin. Als sich am Abend nach jener Versammlung im ›Wilden Mann‹ das Gerücht verbreitete: zuerst, daß Schneider Berblinger wahnsinnig geworden sei, sodann, nachdem das erste Entsetzen überwunden war, daß man ihn für harmlos geistesverwirrt halten dürfe, und endlich, daß er sich einbilde, das Fliegen erfinden zu müssen oder erfunden zu haben, lachte schließlich alles aus vollem Hals. Da aber Berblinger ruhig seiner Wege ging und man ihm von weitem ansah, daß er sich auf den Unsinn weiß nicht was einbilde, verwandelte sich nach und nach die lustige Stimmung in das Gegenteil. Eine kleine Minderzahl sprach mitleidig von dem unglücklichen Menschen, der sein hübsches Geschäft mit Gewalt zugrunde richte, andre, namentlich alle, die mit der ehrbaren Schneiderzunft irgendwie in Beziehung standen, schimpften über die Narrheit, die die Zunft zum Gespött mache, über den Größenwahn, an dem Berblinger erkrankt sei, auch wohl über die Gottlosigkeit der Zeiten, und all der Narren, die weiser sein wollten als der Schöpfer. Ein junger Stadtvikar benutzte diese Auffassung in seiner Nachmittagspredigt so wirkungsvoll, daß viele hofften, Berblinger werde von seiten des Konsistoriums aufgefordert werden, von seinem wahnwitzigen Treiben abzulassen. In seine Projekte und Arbeiten vertieft, merkte er von all dem nicht viel, und nur der Lehrjunge, der sich überall seines Meisters tapfer annahm und andre Lehrbuben aufzuklären versuchte, kam mehrere Male schwer verprügelt nach Hause: ein unzweideutiges Symbol der allgemeinen Mißstimmung, die sich gegen seinen Meister richtete.

Von Woche zu Woche hatte er auf einen Erfolg gehofft, der die endgültige Lösung des Problems bringen sollte. Verbrauchte Versuchsmodelle lagen haufenweise auf dem Speicher, die Flügel nahmen immer größere Abmessungen, kühnere Formen an, ohne daß ein wesentlicher Fortschritt zu bemerken war. Zwanzig, dreißig Pfund vermochte er mit seinem Flügelschlag zu heben, sein eignes Körpergewicht aber noch lange nicht. Auch das letztere suchte er zu vermindern, und der Hunger, der unter seinem Dach eingezogen war, drohte ihn wirksam zu unterstützen, aber zum Ziel konnte er auf diesem Wege nicht gelangen, denn er fühlte sehr bald, daß er sich der Kräfte beraubte, die er zum Flügelschlagen bedurfte. Alles, was er erreicht hatte, war, daß seine Haushälterin davonlief und ihr Schwager Glöcklen ihm einen Besuch abstattete, um ihm in erregter Auseinandersetzung die Freundschaft zu kündigen. Es war der letzte Verteidiger, den er in der Zunft besessen hatte, denn sein beständig betrunkener alter Lehrmeister, der ihm mit Begeisterung anhing, konnte nicht mehr mitzählen.

Die jüngsten Versuche waren sogar schlechter ausgefallen als die vorangegangenen, was daher rühren mochte, daß der beschränkte Raum auf dem Speicher den freien Gebrauch der immer größer werdenden Flügel verhinderte. Als echter Erfinder war Berblinger nie verlegen, Gründe für einen Mißerfolg anzugeben, die das Wesentliche der Erfindung nicht berührten. Er kam nun auf den Gedanken, seine Proben bei Nacht außerhalb des Hauses an dem Seil vorzunehmen, das in jedem größeren Ulmer Haus jener Zeit dazu diente, Brennholz von der Straße auf den Speicher zu ziehen, und das über eine Rolle läuft, die an einem weit hinaus ragenden Balken über der höchsten Fensterluke des Dachgiebels hängt. Zum erstenmal aber weigerte sich Fränzle, der die Windevorrichtung bedienen sollte, zu gehorchen. Der Junge hatte im Traume seinen Meister zerschmettert auf dem Straßenpflaster liegen sehen und war laut heulend aufgewacht. Das wollte er wachend nicht noch einmal erleben.

Aber auch dies war nicht das Schlimmste. Am frühen Morgen war ein Amtsgerichtsdiener erschienen, den er schon im Taubengäßchen kennengelernt hatte, und brachte ihm die bündige Mitteilung, daß er abends wiederkommen und achtundvierzig Gulden abholen werde. Diese Summe war er dem Kaufmann Sprengel in der Hafengasse schuldig, von dem er seit einem Jahr Fischbein bezog, das er bei verschiedenen Flugmaschinen verbrauchte. Seitdem die ganze Stadt wußte, wie es mit Berblinger stand, war der Mann ängstlich geworden und hatte ihn schließlich verklagt. Da auch andre Forderungen für Kaliko und Seidenstoffe eingeklagt seien, erklärte der Gerichtsdiener gutmütig lachend, werde er wohl morgen die Pfändung vornehmen müssen, wenn am Abend das Geld nicht bereitliege. Dabei sah er sich neugierig in der Werkstatt und den Nebenstuben um, schüttelte dann aber den Kopf bedenklich. Für sechs Paar Flügel war ein Käufer nicht leicht zu finden, und das übrige wirr umherliegende Material flößte ebenso geringes Vertrauen ein. Was sonst noch im Haus war, mochte kaum fünfundzwanzig Gulden wert sein. »Aber so oder so, die Sache ist anhängig und muß ihren Verlauf nehmen, Herr Berblinger«, schloß der wohlwollende Gerichtsvollzieher; »ich würde Ihnen freundschaftlich raten, sich um Geld umzusehen.« Als ob seit Wochen dies nicht des armen Berblingers Hauptnebenbeschäftigung gewesen wäre.

Nach dem sogenannten Mittagessen, das, seit sich die Wirtschafterin zurückgezogen hatte, Fränzle allein kochte – es bestand gewöhnlich aus einer Schüssel Kartoffeln, dem nötigen Salz und einem Krug Wasser, überstieg demnach die Kochkunst des Lehrlings nur unbedeutend –, verschwand der Junge, ohne ein Wort zu sagen. »Auch der!« dachte Berblinger, als er es bemerkte und sich in dem Winkel seines Arbeitstisches zurechtsetzte, wo er über die nächsten Verbesserungen der in Arbeit befindlichen Flugmaschine nachzudenken pflegte. Dort konnte er stundenlang sitzen, fast ohne sich zu rühren. Dann plötzlich sprang er manchmal auf, schrie laut: »Das ist's; so muß es gehen!« rannte nach dem Speicher hinauf und sah nach, ob der neue Gedanke mit dem vorhandenen alten Material verwirklicht werden konnte. Heute kam es nicht zum Aufspringen. Er hatte nicht einmal an eine neue Flügelform, oder an einen neuen Mechanismus, die Flügel zu bewegen, oder an eine Einrichtung, sie widerstandslos zu heben, oder an ein neues, leichteres und stärkeres Material, aus dem sie herzustellen wären, oder an eines der hundert andern Dinge gedacht, die einem Erfinder durch den Kopf gehen, der mit seinem Problem noch zwischen der Welt der Gedanken und der der Wirklichkeit hängt. Er dachte nicht einmal an die bevorstehende Pfändung und was dann werden sollte. Zum erstenmal drückte ihn eine fieberische, blutleere, hoffnungslose Entmutigung zu Boden. Hatten die Leute recht? War er wirklich der Narr, von dem sie sich erzählten?

Es war nahezu Nacht, als der Lehrbub die Treppe heraufstolperte. Er grüßte nicht und ging auf den Zehen mit einem wichtigen, fast pfiffigen Ausdruck in dem dünnen altklugen Gesichtchen nach dem andern Ende des Arbeitstisches. Dort griff er in seine Taschen und schien sehr beschäftigt zu sein. Berblinger sah ihm anfänglich schweigend und ohne Aufmerksamkeit zu.

Der Junge legte in kleinen abgezählten Häufchen Geld – bares Geld auf den Tisch. Zuerst dreißig Kreuzer, dann einen Gulden, dann machte er mit der Schneiderkreide, die auf dem Tisch lag, sehr energisch eine Null auf das braune Brett, daneben legte er ein paar Blättchen engbeschriebenes Papier, dann kamen drei Gulden, dann fünf und zuletzt ein größeres Häufchen Kronentaler und zwei Dukaten, die zusammen wohl fünfzig Gulden wert sein mochten.

Jetzt sprang Berblinger auf. Der Kleine aber winkte ihm geheimnisvoll. Er hatte eins der alten Märchen im Kopf, das Gretle am Herd im Taubengäßchen zu erzählen pflegte, und wollte das gute Hutzelmännchen spielen. Mit einer gewissen Feierlichkeit sagte er, der Reihe nach auf die Häufchen deutend:

»Einen schönen Gruß von meiner Mutter; einen schönen Gruß vom Gretle; keinen schönen Gruß vom Herrn Onkel Schwarzmann« – dabei deutete er auf die Null –; »einen schönen Gruß vom Herrn Professor Zeller« – das waren die Papierchen –; »einen schönen Gruß vom Herrn Pestilenziarius; einen schönen Gruß vom Herrn von Baldinger und den allerschönsten Gruß vom Lombard auf dem Münsterturm!«

Dann begann er zu erzählen, während Berblinger leise zitternd – er hatte etwas Fieber – Feuer schlug und die Lampe anzündete.

Er habe es nicht mit ansehen können, sagte der Junge, daß man dem Meister die Flügel pfände, denn er rechne ja selber darauf, später einmal ein paar kleine zu bekommen; so habe er sich auf den Weg gemacht, um Hilfe zu suchen. Zuerst sei er nach Haus gelaufen. Der Vater sei im Wirtshaus gewesen, aber die Mutter läge krank im Bett, und Gretle, die ein ganz feines Fräulein geworden, sei bei ihr auf Besuch: den Frauen habe er seine Not zuerst geklagt. Die Mutter habe ihm dreißig Kreuzer gegeben, Gretle den Gulden – alles, was sie hatten. Die Mutter habe gesagt, wahrscheinlich werde sie der Vater durchprügeln, wenn er heimkomme, aber sie mache sich nichts daraus; er sei in der letzten Zeit recht schwach geworden. Den Prätle habe sie gern gehabt seit dem Christtag im Hühnerstall. Der habe ihr gutgetan fürs ganze Leben und sei wohl dreißig Kreuzer wert.

»Die zwei Häuflein machen nicht viel«, fuhr der Lehrbube eifrig fort, »aber Gretle sagte mir, zu wem ich gehen solle; das brachte all das andre Geld. Der dritte Haufen, die Null, ist vom Herrn Onkel Schwarzmann. Er wollte mich die Treppe hinunterwerfen, ist aber nicht halb flink genug. Der Professor Zeller gab mir die Papierchen; es seien seine neuesten Berechnungen über den Menschenflug, und der Meister möge die Sache getrost aufgeben, es werde nie gehen. Streng nach der Wissenschaft sollten auch die Vögel nicht fliegen können, sagte er. Dann ging ich zum Herrn Pestilenziarius. Der war noch freundlicher und gab mir drei Gulden. Er habe nicht mehr, und Sie sollen doch um Gottes Barmherzigkeit willen vernünftig werden und auf dem Boden bleiben wie andre Menschenkinder. Das alles war noch lange nicht genug; so ging ich zu Herrn Staatsrat Baldinger. Bei dem traf ich den jungen Herrn Georg, den sie in den Magistrat gewählt haben. Der alte Herr lachte und sagte, das letzte Staatskleid sei nicht zum besten ausgefallen; man merke wohl, daß der Meister aus dem Häuschen sei, aber da schicke er zehn Gulden, und der junge Herr sagte, sie sollen nur weiter fliegen; es werde mit der Zeit schon gehen. Aber es war immer noch nicht genug. So blieb nichts übrig, als auf den Münsterturm zu steigen. Davor war mir angst, denn den Herrn Lombard hab' ich nicht gekannt, und zu Hexenmeistern geht niemand gern. Es war aber wie die Geschichte vom zuckrigen Häuschen. Ich fand ihn in einem Dampf, daß mir zuerst der Atem ausging; er aber war ganz freundlich, ließ sich alles erzählen und holte dann aus einem Topf Dukaten und Kronentaler – fünfzig Gulden! So kann man sich die Hexenmeister gefallen lassen.«

Berblinger wußte nicht, was er mit seinem Lehrbuben anfangen sollte. Er packte ihn an beiden Ohren, hob ihn in die Höhe, daß er schrie, und drückte ihm einen Kuß auf die Stirne. Das war völlig gegen Handwerksgebrauch, aber es schien ihm in diesem Augenblick alles dermaßen aus Rand und Band, daß es auf etwas mehr oder weniger nicht ankam. Dann nahm er den Gulden, der von Gretle kam, und befahl Franz, so schnell als möglich vier Würste, einen Laib Brot und einen Krug Bier herbeizuschaffen. Sie wollten vor allen Dingen festlich zu Nacht essen, was seit Monaten nicht mehr vorgekommen war.

Eben als sie sich zu ihrem lukullischen Mahl niedersetzten, kam der Amtsgerichtsdiener Stöckle und sah erstaunt, wie sich das Blättchen gewendet hatte. Berblinger zählte ihm achtundvierzig Gulden auf den Tisch und lud ihn ein, Platz zu nehmen. Der Mann ließ sich nicht lange bitten, verzehrte zwei der vier Würste und schlug vor, noch einen Krug Bier holen zu lassen, was auch geschah. Der kleine Exzeß war Berblinger und seinem Jungen von Herzen zu gönnen. Seit vier Wochen hatten sie sich fast ausschließlich von Hoffnungen genährt, die noch immer nicht in Erfüllung gehen wollten. Als auch der zweite Krug zur Hälfte geleert war, wurde der Gast überaus mitteilsam, sah sich aufmerksam überall um und fragte nach diesem und jenem, zum Beispiel, woher eigentlich all das Fischbein komme. Berblinger sagte, er habe es, wie man ja wisse, vom Kaufmann Spengler in der Hafengasse, dieser erhalte es aus Antwerpen und dort beziehe man's von englischen Händlern. Ähnlich sei es mit den Bambusstäben und dem Kaliko. Das sei eben das Schöne des Welthandels, daß man alles bekomme, was man brauche, ob es in Söflingen oder in China wachse.

Stöckle, sichtlich ein ebenso wißbegieriger als intelligenter Mann, zog ein schmutziges Taschenbuch hervor und notierte sich dies. Beim Abschied zählte er noch einmal die achtundvierzig Gulden, die er einzukassieren hatte, drückte Berblinger wohlwollend die Hand, lobte das Goldene-Ochsen-Bier und versprach, wahrscheinlich schon nächste Woche wiederzukommen.

»Denn sehen Sie, Meister«, erklärte er, »die hohen Behörden haben die Weisung erhalten, all das schlechte englische Zeug, das noch im Land ist, zu verbrennen, um damit ein für allemal aufzuräumen. Es darf nichts von den Malefiz-Engländern mehr ins Land kommen. Das heißen die Herren, die die Sache besser verstehen als Ihr und ich, Kontinualsperre oder ähnlich und ist eine neuerfundene nachbarlich-friedliche Art, Krieg zu führen. Kostet kein Blut und zwackt den Feind trotzdem nicht schlecht. Seine Majestät der Kaiser Napoleon, mit dem wir intim befreundet sind, hat den Wunsch ausgesprochen, daß wir das auch einmal probieren sollten. Gut, wir probieren's, und nächsten Freitag wird auf dem Kienlesberg ein Freudenfeuer veranstaltet werden, in dem alles, was brennbar und englisch ist, in Flammen aufgehen soll. Ich bin seit zwei Wochen an der Arbeit, ein amtliches Inventar zu machen. Ersatz? Ist nicht. Das könnt Ihr zu den Kriegskosten schlagen, die in diesem Jahr leidlich genug ausgefallen sind. Es wird einen Hauptspaß geben auf dem Kienlesberg. Euer Fischbein und Bambus und Kaliko werden wohl auch mitspielen; da dürft Ihr nicht fehlen. Adjes, Meister! Fliegt uns nur nicht davon, eh' alle Rechnungen geregelt sind.«

Berblinger hörte ihn die Haustüre unten zuschlagen. Dann warf er sich angekleidet auf sein Bett. Ehe er sich gegen die Wand drehte, rief er den Lehrjungen und sagte zu ihm:

»Fränzle, nimm die dreißig Kreuzer und einen Gulden dazu. Bring sie deiner Mutter – heut noch. Es ist doch alles hin.«


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