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Fünfter Teil

Die Erfinder

25. Im alten Nest

Die Gesellenherberge im ›Goldenen Hecht‹ sah kaum anders aus als vor vier Jahren nach dem Sturm bei Elchingen. Die Stube wimmelte von Franzosen. Sie waren hochmütiger als damals, und es war klüger, ihnen aus dem Weg zu gehen, so weit man konnte. Der Marschall Massena hatte vor drei Tagen im Baumstark Quartier bezogen, und der Krieg war wieder da mit all seinem Tumult und Schrecken. Kaum fand Berblinger ein Plätzchen in einer Fensternische, wo er, den Ranzen unter dem Kopf, von dem er unter dem Stadttor zu früh Abschied genommen hatte, die Nacht zubringen konnte. Zwei Handwerksburschen aus Franken teilten den Winkel mit ihm und schimpften laut über die schlechten Zeiten, in denen der geschickteste Fechtbruder tagelang umsonst Türklinken putzen mußte. Nur die besten Meister hätten noch Arbeit, denn an Festlichkeiten ließen es die Franzosen nicht fehlen und die Ulmer wenigstens machten mit. Wenn man nur vollends ganz französisch wäre wie die drunten im Rheinland! Es war eine schlechte Nacht, die erste wieder in der alten Heimat.

Am andern Morgen zogen zwei Brigaden Infanterie und ein Dragonerregiment ab, ins Bayrische, den Österreichern entgegen. Man konnte sich wenigstens wieder rühren, und nachdem die Kriegsaussichten und die Aufführung der durchziehenden Franzosen besprochen war, wurde in den meisten Werkstätten auch schon erzählt, daß Bockelhardts Prätle wieder da und geradewegs von Wien gekommen sei. So erklärt sich's, daß schon gegen Mittag der Zunftmeister Knöppel seinen Lehrbuben in dein Goldenen Hecht schickte und fragen ließ, ob der Berblinger nicht bei ihm nach Arbeit umschauen wolle; er wäre ihm nicht unwillkommen. Der aber spürte noch zuviel vom Wanderleben in den Gliedern, hatte sich in ein leer gewordenes Franzosenbett gelegt, wollte tüchtig ausschlafen und sich dann vor allem in der Stadt umschauen, ob sie noch am alten Fleck stünde und wer von seinen Leuten noch am Leben wäre. Die drei Wanderjahre kamen ihm vor wie dreißig, soviel hatte er gesehen und erlebt. Er ließ deshalb für die Nachfrage höflich danken; er werde nach Handwerksbrauch vorsprechen, sei's nicht heut, sei's morgen. »Na, der tut ja mächtig dick mit seinem Wiener Ranzen«, meinte Knöppel, als ihm sein Bub die Antwort brachte. »Sapperlot, das war anders in meinen Tagen, wenn der Obermeister fragen ließ.«

Etliche Stunden später ging Berblinger über den Münsterplatz nach der Herbelgasse. Er hatte sich herausgebürstet und sah so frisch und blank aus wie der fescheste kleine Wiener. Nicht jeder kam so von der Wanderschaft zurück. Leute, die ihm begegneten, grüßten ihn höflich; sie kannten ihn sichtlich nicht mehr. Aber auch Ulm war nicht ganz das alte: der schöne steinerne ›Ölberg‹ auf dem Münsterplatz war verschwunden; er hatte den Franzosen bei ihren Paraden zu sehr im Weg gestanden. Die Türen des ›Kirchles‹ neben dem Gymnasium standen weit offen; im Innern sah es jämmerlich aus, denn es war ein Heu- und Strohmagazin geworden. Die Gassenknechtshütte hinter dem Münster war abgebrochen, wahrscheinlich weil auch die Gassenknechte verschwunden waren und dafür Polizeisoldaten Ordnung hielten. Dagegen sah der graugelbe Münsterturm noch ebenso ernst und ruhig auf das fremde Treiben zu seinen Füßen herab wie vor Jahren; auch das Häuschen neben dem Südwesteingang des Münsters zeigte noch seine grünen Vorhängchen. Er warf ihm halb beklommen einen Blick zu; jedenfalls nach dem Abendläuten wollte er auch dort vorsprechen. Dann war er sicher, den guten Pestilenziarius bei seiner Chronik anzutreffen. Sie würden sich so viel zu erzählen haben, daß ihm fast bange wurde. Bange? Warum?

Auch am Taubengäßchen ging er vorüber, ohne sich aufzuhalten; doch sah er, daß es sich verändert hatte. In dem düsteren Winkel schien es heller geworden zu sein. Auch dort wollte er sich später, vielleicht erst morgen, zeigen. Bockelhardts konnten warten, und wer weiß, ob er Gretle finden würde. Gretle! Es wurde ihm immer schwüler zumute, halb Sehnsucht, halb Angst. Sie war die beste von allen, denen er begegnet war, das war keine Frage – und doch: so hatte er sich sein Wiederkommen vor vier Jahren nicht vorgestellt. Oh, dieses Wandern!

Nun bog er in die Herbelgasse ein: es war schicklich, daß er sich zuerst dem Onkel vorstellte. Dort schien alles beim alten zu sein; selbst der messingene Türklopfer, der Fisch mit dem Schwanz im Maul, glänzte so hell wie damals, als er zum erstenmal mit seiner Mutter dem Onkel unter dem Tor begegnete. Oben in der Wohnstube traf er seine Bäschen, die wunderbar schlanke junge Damen geworden waren; denn vor vier Jahren hatten sie noch Reifröcke getragen und sahen aus wie stattliche Fäßchen, und jetzt standen sie vor ihm in langen glatten französischen Kleidern, wie zwei Tannen. Sie knicksten tief und zierlich. Kaum aber hatte Berblinger, den Hut in der Linken, die Rechte auf die Brust gelegt, seine feinste Wiener Verbeugung ausgeführt, so schrie Fräulein Käthe, die Ältere, gut ulmerisch auf, faßte sich aber rasch und rief:

»Mon Dieu, mon Dieu, c'est le cousin!«

»Mais oui! – Heiden alle Welt, der Brechtle! der Brechtle!« rief noch lauter die Jüngere und schüttelte ihn kräftig bei der Hand. »Aber wie siehst du aus! Wie der feinste Herr!«

Die Mädchen lachten aus vollem Hals, drehten ihn hin und her, um ihn von allen Seiten zu betrachten, und hatten bald den alten Ton mit kleinen Variationen wiedergefunden, der Berblinger keineswegs behagte. Aber wie konnte er sich helfen zwei jungen Damen gegenüber, die ihn von jeher in ähnlicher Weise hin und her gedreht hatten.

Papa, sagte Käthe, werde wohl gleich heimkommen. Er sei bei dem Herrn königlichen Kommissarius, dem Baron von Gravenreuth, der ihn öfter holen lasse als den Bürgermeister.

»Aber ist's denn wirklich so schön in Wien, wie Lucinde behauptet?« unterbrach sie Lottchen. »Es muß wohl wahr sein. Ihr kommt ja beide heim, daß euch niemand mehr kennt. So könntest du in jede Gesellschaft gehen, wenn du – wenn man nicht wüßte, daß du – wenn – wenn –«

Sie errötete, aber mehr aus Zorn als aus Verlegenheit; denn die Schwester hatte ihr einen kräftigen Rippenstoß gegeben. Dann erzählte sie, daß Hans auf Besuch bei den Baldingers sei, um Lucinde, deren Geburtstag heute gefeiert werde, einen Blumenstrauß zu bringen. Hans habe sie auch von Wien zurückgebracht, woraus noch allerlei werden könne. Lucinde sei freilich furchtbar stolz zurückgekommen und wolle zum mindesten einen Erzherzog haben. Ja, küß de Mulle, blas Gerste! Brechtle kenne sie ja und habe ihrem Ali das Leben gerettet; es sei zu komisch gewesen. Das müsse er einmal erzählen. Aber trotz allem, das neue Brokatkleid, das sie mitgebracht habe, sei einfach entzückend. Ob Brechtle morgen auf die Redoute im Hirsch komme? Es sei die letzte in der Saison.

Das schwatzhafte Lottchen erhielt einen zweiten Rippenstoß von der ernsteren Schwester, die es für nötig hielt, anzudeuten, wo und was Brechtle war. Wie konnte die gedankenlose Lotte darauf verfallen, einen Schneider zur Redoute einzuladen. Der schwesterliche Stoß wurde diesmal so geschickt und kräftig geführt, daß ein kleines nicht allzu freundliches Gefecht auszubrechen drohte; man brauchte sich ja vor Brechtle nicht zu genieren. Da aber in diesem Augenblick der Rat die Zimmertür öffnete, trat plötzlicher Waffenstillstand ein. Die Schwestern küßten dem Papa nicht ohne Feierlichkeit die Hand und stellten dann kichernd Herrn Berblinger vor, der sich vor dem Herrn Onkel ehrerbietig verneigte.

Dieser war sichtlich betroffen. Er war beträchtlich wohlbeleibter und wie es schien um ebensoviel hochmütiger geworden und gab dem Neffen den kleinen Finger. »Na, Brechtle, Kleider machen Leute!« sagte er halb lachend, jedoch nicht unfreundlich. »Du scheinst etwas gelernt zu haben in der Fremde. Sapperlot! Du siehst aus wie eins der Herrchen von den Geschlechtern. Das laß dir sagen: bei mir zu Haus brauchst du dich nicht auf die geschniegelten Hinterbeine zu stellen; wir kennen uns. Aber trotzdem, es freut mich, daß du nicht wie ein regelrechter Stromer heimkommst. Wie oft haben sie dich wegen polizeiwidrigen Fechtens an den Ohren gehabt? Na, das ist jetzt vorbei, und wenn du zu Haus zu schneidern anfängst, will ich selbst versuchen, was du draußen gelernt hast. Donnerwetter, ja, das will ich. Mit dem Bockelhardt ist es sowieso zu Ende, seitdem ihm das Haus abgebrannt ist. Das hielt ihn noch. Überhaupt!«

Berblinger sagte, daß er dies mit Bedauern höre.

»Na, verhätschelt hat er dich nicht und du kannst ihm dankbar dafür sein«, meinte der Onkel. »Wenn du bei deinem Flickschneider Arbeit nehmen willst, findest du ihn in der Ofengabel hinter dem Wirtstisch. Dahin kommt's mit den alten guten Geschäften, wenn die Jungen nichts taugen. Merk dir's, wenn du einmal ein altes gutes Geschäft hast und Weib und Kind. Du wirst ja bald genug daran denken, vermut' ich. Na adieu! Ich muß zum Herrn Baron von Gravenreuth wegen der neuen Kriegssteuerumlage. Überhaupt!«

›Schon wieder!‹ dachte Berblinger und war froh, als er den blanken Klopfer an der Haustür in der Hand hatte, um sie zu schließen. Es war ihm in Wien unmerklich etwas von dem Respekt verlorengegangen, den ihm der Obermeister der Schifferzunft früher eingeflößt hatte, so groß er jetzt vor ihm stehen mochte. Auch war es hohe Zeit, den Pestilenziarius aufzusuchen; denn es dämmerte schon, und aus den schwarzen Schatten des Münsters blinzelten die kleinen Fenster des traulichen Häuschens in die Nacht hinaus wie zwei freundliche Augen, die ihn begrüßen und ihm winken wollten.

Das war ein andrer Empfang! Der Pestilenziarius saß in der Tat vor seiner Chronik. Er trug jetzt einen grünen, unförmlichen Augenschirm, den er selbst angefertigt hatte, und glich mehr als je einer großen Eule mit einem gewaltigen grünen Schnabel. Er war gealtert, und seine Knie zitterten, als er sich erhob, um seinen Gast zu begrüßen, den er sofort erkannt hatte. Doch auch er staunte über die Veränderung, die mit seinem alten Zögling vor sich gegangen war.

»Ein Herr! Ein ausgemachter feiner Herr!« rief er von Zeit zu Zeit, nicht ohne Stolz. »Na, schaden kann's nichts, wenn du sonst der alte geblieben bist, und dafür wird unser Herrgott gesorgt haben, hoff 'ich.«

Auf diese Andeutung ließ sich jedoch Berblinger vorläufig nicht ein. Er mußte sich auf das Bett setzen, da der zweite Stuhl des ihm so wohlbekannten Hausgerätes mittlerweile ein Bein verloren hatte. Es war von einem Franzosen ausgerissen worden, der es nötig hatte, um sein Wachtfeuer vor der Tür anzuzünden, berichtete Krummacher, indem er den brauchbaren Stuhl ans Bett rückte und sich niederließ. Dann begannen beide zu erzählen, was sie mittlerweile erlebt hatten.

Berblingers Bericht war mehr geographischer Natur. Intimeren Fragen wich er so geflissentlich aus, daß manchmal ein Schatten über das vor Freude und Freundlichkeit strahlende Gesicht Krummachers flog, bis er selbst ins Erzählen kam. Die Jahre waren an Ulm und den Ulmern nicht ereignislos vorübergegangen! Leider; denn Gutes hatte er nicht zu berichten. Einquartierung über Einquartierung, allerdings von Freunden, den Franzosen, aber sie waren oft schlimmer, als wenn es Feinde gewesen wären. Fast war es nicht mehr zu ertragen. Alles schien über Ulm zu kommen, um hier Rasttag zu halten. Welche der alten, guten Familien von den Geschlechtern zugrunde gerichtet seien, lasse sich noch gar nicht feststellen. Die Leute hungerten insgeheim, solange es angehe.

Seufzend schlug Krummacher seine Chronik auf: »Nun kommt wieder, was wir vor drei Jahren in knapp sechs Monaten an Quartierlasten zu tragen hatten. Sieh her, Brechtle; da hab' ich's schwarz auf weiß: achtzehnhundertneunundneunzig Generalstage, achtzehntausendfünfundzwanzig Stabsoffiziers-, hundertzwanzigtausendundsechzig andre Offiziers- und einemillioneneinhundertdreißigtausendfünfhundertdreiundfünfzig Unteroffiziers- und Gemeine-Tage, die die Stadt zweimillionendreihundertzwanzigtausend Gulden gekostet haben! Dabei soll man leben und nicht Hungers sterben; denn wer soll die Steuern bezahlen, wenn wir tot sind? Das nächste Mal, wenn du mich wieder besuchst, hat auch mein zweiter Stuhl keine Beine mehr; dann können wir beide aufs Bett sitzen, wenn kein Franzose drin liegt. Das haben wir vom großen Kaiser, der uns befreite. In der guten alten Zeit hatten wir auch Kriege genug, aber nichts dergleichen. Meistens schlugen sie sich Hunderte von Meilen weit weg die Köpfe blutig, und kamen sie näher, so waren's ein paar tausend Mann, mit denen sich reden ließ.«

Endlich war das Kriegsthema erschöpft, das in jenen Tagen alles andre zu verschlingen drohte, und sie kamen auf Ulmer Geschichte und Geschichten: »Ja, Schwarzmann, der Schlaumeier, war der einzige, der seinen Nutzen aus dem Krieg zog. Was er an Material die Donau hinunterzuschaffen hatte, war unglaublich. Und sie zahlten gut, die Franzosen, allerdings aus unsern Taschen. Er war aber auch überall hinterher, der Herr Onkel – unermüdlich, namentlich seit der Kurfürst König und der Freiherr von Gravenreuth königlicher Generalkommissar für den oberen Donaukreis geworden ist. Er verstand es, die hohen Herren zu behandeln. Wollte der Bürgermeister etwas haben, so mußte er dem Herrn Onkel einen Besuch abstatten. Es war, als ob die Stadt von den Schiffern regiert würde. Aber für den einen, dem es gutging, konnte man ein Dutzend aufzählen, die zugrunde gingen. Die Zeit schonte die vornehmsten Geschlechter nicht mehr. – Bockelhardt? Das ist auch einer, mit dem es zu Ende ging. Ein Franzose, den er im Quartier hatte, zündete ihm mit seiner eignen Tabakspfeife das Bett an, und mit dem Bett verbrannte das ganze Haus. Ein Glück für das Taubengäßchen, daß es eine windstille Nacht war, aber Bockelhardts Kräfte waren dem Unglück nicht gewachsen. Jetzt lebt er als armer Flickschneider in der Schwilmengasse, wenn er nicht in der Ofengabel sitzt und politisiert. Unter den Meistem im ›Wilden Mann‹ hat er sein Ansehen verloren.«

»Und Gretle?« fragte Berblinger halblaut.

»Endlich!« rief der Pestilenziarius. »Ich dachte, es würde deine erste Frage sein. Hast du alles vergessen in kaum vier Jahren? Du hättest sie leichtlich verlieren können.«

»In dem Brand?« fragte der Schneider mit gesenktem Kopf und klopfendem Herzen.

»Nein; aber ihr Franzose – dein Franzose sollte ich sagen – wollte sie mit Gewalt heiraten, und es war der beste Kerl, der je seine Muskete in Ulm an den Nagel hing. Schreiner ist er, und zum Soldaten taugte er nicht mehr, nachdem sein Schädel wieder zusammengeklebt war. Aber einen braven Mann für ein gutes Mädle hätte er noch immer abgegeben, und beinah' wäre ein zweites Unglück daraus entstanden. Du brachst ihm den Schädel, sie das Herz, sagte er, sobald er soviel Deutsch verstand; denn sie wollte nicht. Sie dachte an dich, mehr – ich fürcht', ich fürcht' – als du an sie.«

Berblinger wagte nicht, seinen alten Freund anzusehen. Lügen, ihn belügen – nein, das wollte er nicht.

»Ein zweites Mädchen wie sie ist in Ulm in meinen Tagen nicht gewachsen«, fuhr Krummacher wehmütig fort. »Der Spitaldoktor Bühler wollte nichts davon hören, daß sie je wieder aus dem Lazarett herauskomme, und verlangte von der Stadt, sie anzustellen, regelrecht anzustellen – ein Frauenzimmer! – was seit Menschengedenken nie geschehen ist. Und er setzte es durch. In den Tagen nach der Elchinger Schlacht war sie nicht mit Gold aufzuwägen, und das gilt noch heute.«

»Ist sie hier?« fragte der Schneider fast tonlos. Sein Herz schlug nicht heftiger, aber sein Gewissen regte sich gewaltig.

»Seit Februar ist sie in Geislingen. Auch weiß ich nicht, ob und wann sie wiederkommt«, antwortete Krummacher. »Dort lagen zweihundert russische Gefangene, unter denen der Typhus ausbrach; nun liegt die halbe Stadt danieder. Dorthin haben sie sie geholt und dort bleibt sie, solang es nötig ist. Sie hießen sie Schwester, als ob sie katholisch wäre, und haben schon hier im Lazarett ein Sprichwort erfunden: ›Wo Gretle sich zeigt, werden die Leute gesund oder gehen in den Himmel.‹ Es ist etwas Wahres daran.«

»Ich kann's glauben«, sagte Berblinger, langsam jedes Wort herauswürgend. »Ich glaub's, wenn ich daran denke, was wir in Bockelhardts Hühnerstall erlebt haben. Ich bin ihrer nicht wert.«

»Brechtle, ich fürchte, du lügst nicht«, seufzte der Magister. Dann saßen beide fünf Minuten lang schweigend nebeneinander.

»Das Wandern, das Wandern«, stöhnte Krummacher endlich. »Ich glaube, sie hängt noch an dir, und wie ich's ihr beibringe, wenn sie zurückkommt, weiß ich selbst nicht.«

»Verzeihen Sie mir! Helfen Sie mir!« bat Berblinger. In seinem Ton lag etwas wie Seelenangst. Es war ja nicht das Wandern, das wußte er wohl; aber wie konnte er seinem Freunde sagen, was es war?

»Kein Mensch kann für sein Herz«, sagte Krummacher langsam, wie wenn er alten Erinnerungen nachginge. »Es ist böse von Jugend auf. Wenn ich nur wüßte, wie ich's ihr beibringe!«

»Vielleicht –«, stotterte Berblinger, – »vielleicht kann ich –«

»Du kannst nichts tun, armer Bub«, unterbrach ihn der Magister. »Du kannst nichts als ehrlich sein. Des Menschen Herz ist böse von Jugend auf. – Was ist jetzt dein Plan?«

Wieder trat eine Pause ein; dann raffte sich Berblinger gewaltsam zusammen, wie wenn er etwas Körperliches von sich abschüttelte, und mit einer finsteren Entschlossenheit, die der Ältere früher nie an dem Jungen bemerkt hatte, antwortete er endlich:

»In Arbeit will ich gehen, Meister werden, sobald sich's tun läßt. Vielleicht borgt mir der Onkel das Geld dazu, sonst bring' ich's wohl auch anderswo zusammen.«

»Dafür will ich sorgen«, versetzte Krummacher; »er ist nicht immer zugeknöpft, und es muß ihm daran gelegen sein, daß hier in der Stadt seiner Schwester Sohn eher ein tüchtiger Meister als ein verlotterter Geselle wird. Ich glaube, das bringen wir fertig. Und wer weiß, hast du dich einmal wieder an die Ulmer Luft gewöhnt, so siehst du auch wieder, was gut für Leib und Seele ist. Tu nichts zu rasch; laß dir Zeit.«

Berblinger erwiderte nichts; was sollte er auch sagen? Konnte er Herz und Sinne um vier Jahre jünger machen? Konnte die Zeit helfen, die soviel verdorben hatte? Nach einer Pause fragte er, um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben:

»Und was macht unser Freund droben, der Turmwart?«

»Versprich mir eins, Brechtle«, fuhr der Pestilenziarius auf, »du hast mir's schon einmal versprochen; laß den in Ruh! Wir stehen nicht wie früher. Wüßt' ich gewiß, daß er verrückt wäre, hätt' ich ihn nicht im Stich gelassen. Er ist keine Gesellschaft mehr für dich und mich.«

»Aber...« begann Berblinger; Krummacher ließ ihn jedoch nicht weitersprechen und fuhr halb lachend fort:

»Denkst du noch manchmal an die alten Kindereien, den Ikarus und dergleichen, was Gott verhüten möge, so geh' zu deinem Freund Zeller, der Professor am Gymnasium geworden ist.«

»Hier?« rief Berblinger freudig.

»Hier in Ulm. Das ist der Mann, der dir den Kopf zurechtsetzen wird; ich kann's nicht, und der alte Lombard verdreht ihn dir nur noch mehr.«

»Aber –«

»Kein aber! Ich weiß, was ich weiß, und es gibt Dinge unter der Sonne, die wir nicht anrühren sollen. Du hast mir schon einmal versprochen, den Mann nicht aufzusuchen, und es war nicht dein Schaden. Tu's noch einmal; laß ihn in Ruh, bis du Meister geworden bist. Du brauchst all deine Zeit und deinen Kopf dazu. Später kannst du selber sehen, was dort oben zu sehen ist. Ich versteh's nicht, aber es hat nichts zu tun mit dem ehrlichen Handwerk. Versprich's!«

»Meinethalben, bis ich Meister bin«, sagte Berblinger, unbehaglich lächelnd. »Ich weiß, Sie meinen es gut. Dann aber habe ich meine Freiheit verdient und will sie haben.«

»So soll es sein«, bekräftigte Krummacher beruhigt. »Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu, sagte mein Vater, als sie mich zum Pestilenziarius machten. Das wird beim Handwerk wohl auch so sein.«

»Nicht immer«, lachte Berblinger, indem er aufstand und sich zwang, lustig auszusehen. »Gute Nacht, Herr Magister! Wie mich's freute, Sie so wohl wiedergefunden zu haben. Bleiben Sie mein alter treuer Freund, der Sie zeitlebens gewesen sind, und lassen Sie mich nicht auf böse Wege geraten.«

»Das muß ein andrer besorgen, Brechtle, und du selbst. Es freut auch mich, daß du wieder hier bist, aber ich kann heute nicht mit dir lachen. Das macht wohl das Alter, oder die Franzosenwirtschaft, oder –«

Er stockte und sah Berblinger dabei so wehmütig an, daß auch dem alle Lust verging; es war ohnehin kein ehrliches Lachen gewesen. O dieses Wandern! –

Draußen warf jetzt der Mond den schwarzen Schatten des Turms über den Münsterplatz. Er betrachtete ihn eine Zeitlang in trüber, nachdenklicher Stimmung: Wie anders hatte er sich das alles vorgestellt, als er in Wien an seine Rückkehr nach Ulm dachte! Was tun? Sollte er den Abend mit Gesellen und Handwerksburschen vertrinken, die er in der Herberge gefunden hätte? Nie war er hierzu weniger aufgelegt gewesen. Er schlug deshalb nicht den Weg nach dem ›Goldenen Hecht‹ ein, sondern ging in umgekehrter Richtung durch das Taubengäßchen. Kaum konnte er dort seinen Augen trauen. In der Reihe der düsteren Häuser war eine klaffende Lücke, durch die der Mond einen Streifen grellen Lichts in den finsteren Winkel warf. Bockelhardts Haus war bis auf den Grund niedergerissen. Ein Berg schwarzen Gebälks lag in dem verwüsteten Garten. Hier hatte er drei qualvolle Jahre seiner Jugend zugebracht. Dort hinten hatte der Hühnerstall gestanden, in dem er die schwersten und unvergeßlichsten Stunden jener drei Jahre durchlebt hatte. Gotthilf, Gretle! alles verschwunden, tot, verbrannt. Nur die Erinnerung war noch lebendig, lebendiger als seit langer Zeit, und brannte.

Finsterer, als er eingetreten, verließ er das Gäßchen wieder; eine böse, gewollte Gleichgültigkeit hatte ihn gepackt. Erst zögernden Schrittes, dann immer schneller schlich er auf der Schattenseite der breiten Straße dem Frauentor zu. Er vermied es, nach der ›Sammlung‹ hinüberzusehen, wo seine Mutter gewohnt hatte. Die Stiftung war ja überdies vor zwei Jahren aufgehoben worden. Nur wenige Leute, nicht ein Fuhrwerk begegnete ihm in der totenstillen Straße. Aus der Ferne verkündete die ihm noch wohlbekannte Stimme eines alten Nachtwächters, daß es neun Uhr und Zeit sei, Feuer und Licht zu bewahren. Jetzt stand er dem großen Baldingerschen Haus gegenüber. Drei Fenster im zweiten Stock waren dort noch erleuchtet. Im Schatten des gegenüberliegenden Gebäudes lehnte er sich an die Mauer und sah unverwandt nach dem einzelnen Fenster an der rechten Ecke des Hauses. Das mußte ihr Fenster sein. Es tat den Dienst, obgleich es das der Küche war.

Tolle Gedanken wogten durch sein Gehirn. Er wußte, daß es tolle Gedanken waren, aber er konnte ihrer nicht Herr werden; er versuchte dies kaum. Der Besuch beim Pestilenziarius hatte ihm diesmal nicht gutgetan. Ein starrköpfiger, heißblütiger Widerspruch war in ihm erwacht und wuchs und wuchs, je länger er zu dem Fenster hinaufsah. Wie ein Mühlrad drehte sich's in seinem Kopf – immer dasselbe: Wie schön sie war! wie sie lächeln konnte! Wie sie den alten Schwindler, den Uhrmacher, angelächelt hatte! War es wirklich nicht denkbar, was er noch immer nicht zu denken wagte? Hatte die Liebe nicht schon Größeres gewagt und gewonnen?

Während es derart in ihm wallte und wogte, öffnete sich das schwarze Haustor drüben. Man hörte das Knarren durch die ganze stille Gasse. Ein großer, stattlicher Mann trat heraus und ging, vergnüglich vor sich hin pfeifend, die mondhelle Häuserreihe entlang der Donau- und Herbelgasse zu. Berblinger konnte sich nicht täuschen: es war sein Vetter Hans. Mußte der überall auftauchen, wo er ihn am wenigsten gern sah? Wie er ihn haßte, den eingebildeten, rohen Dummkopf!

Auch er verließ jetzt seinen Posten und ging nach dem ›Goldenen Hecht‹. Dort traf er nur die zwei Handwerksburschen von gestern und einen Gesellen von Glöcklen, dem zweiten Zunftmeister, mit denen er ein Glas Ulmer Bier mehr trank, als er in Wien getrunken hätte.

»Wie kreuzfidel der Berblinger aus Wien zurückgekommen ist!« sagten die drei, als sie sich in später Stunde trennten. – Nein, es war kein guter Anfang gewesen, dieser erste Tag in der alten Heimat!

 

Schon der zweite Tag war besser. Berblinger erwachte mit dem Entschluß, den Sperling in der Hand festzuhalten, ehe er nach dem Falken auf dem Dach griff, und dabei seine eignen Wege zu gehen. Am Nachmittag fand er Arbeit bei Meister Glöcklen, der ihm schon in früheren Tagen freundlich gesinnt war und ihn auch jetzt mit sichtlichem Vergnügen aufnahm. Sie fanden beide ihre Rechnung dabei. Als Berblinger seinen Onkel zum zweitenmal besuchte, bestellte dieser bei Glöcklen einen blauen Frack mit vergoldeten Knöpfen, den ihm sein Neffe als das neueste Festkleid feinster Herren aus dem wohlhabenden Wiener Bürgerstand empfohlen hatte. Das war ja gerade, was Schwarzmann brauchte. Er wollte nicht ganz französisch gehen, ehe das Kriegsglück endgültig entschieden hatte; die Schlacht von Aspern war ihm in den Magen gefahren. Allerdings wollte er nach der Schlacht von Wagram den Wiener Frack wieder abbestellen, er war aber bereits fertig und, wie seine Töchter erklärten, so entzückend ausgefallen, daß er hiervon Abstand nahm und hoffte, ihn mit der nötigen Vorsicht doch gelegentlich tragen zu können. Man konnte ja nicht wissen – auch der große Napoleon, das hatte man jetzt doch gesehen, war nicht schlechterdings unbesiegbar.

Krummacher hatte den Onkel in seiner vorsichtigen Art gründlich bearbeitet, ohne daß dieser es merkte; der Frack half mit, und schließlich legte auch noch der Vetter Staatsrat, Herr von Baldinger, ein Wort für den Plan ein: Berblinger sollte so bald als tunlich Meister werden. Ein Brief des neuerdings wieder hochgeachteten Obermeisters der Schifferzunft an den Schneider, Herrn Knöppel, räumte einige formale Schwierigkeiten aus dem Weg, die aus den alten Zunftregeln hervorgehen sollten: eigentlich hätte Berblinger, da er keines Meisters Sohn war, vier Jahre wandern sollen, und dazu fehlten volle fünf Monate. Das konnte jedoch ausgeglichen werden, wenn er sich dazu verstand, zu den siebenundzwanzig Kleidungsstücken, die das zunftgerechte Meisterstück der Schneider ausmachten, ein Offizierskleid für die Ulmer Stadtmiliz in Gestalt einer österreichischen Generalsuniform oder ein Zivilfestkleid für einen Geheimen Staatsrat nach dem letzten Regensburger Reichstagsmuster anzufertigen. Berblinger erklärte sich hierzu bereit. Die drei Prüfungsmeister wurden in der nächsten Quartalsitzung vor offener Lade gewählt; es waren Knöppel, Glöcklen und Bockelhardt, dem man trotz gewichtiger Gegengründe als Berblingers altem Meister die Ehre antun wollte. Sie waren doch einmal eine hochgeachtete Schneidersfamilie gewesen, die Bockelhardts! So durfte der Geselle schon vier Monate nach seiner Rückkehr vor Obermeister Knöppel seinen Mutgroschen einlegen, indem er sich nach Handwerksgebrauch mit den Worten vorstellte: »Gott willkommen, Herr Meister, ich hab' etwas zu sagen.«

»Ich danke Euch, Gott willkommen«, antwortete der Meister. »Sprecht mit Bescheidenheit, wie sich einem ehrlichen Gesellen geziemet.«

»So mit Gunst! Alldieweilen ich meine Zeit ehrlich verwandert habe, so will ich mich bei einem ehrbaren Handwerk niederlassen und nach Handwerksgebrauch meine Mutung tun. Wie ein andrer Ehrlicher vor mir getan, will ich auch tun.«

Worauf Knöppel sich erhob und feierlich erwiderte: »Nun mögen wir hören, wie Ihr Euer Meisterstück mit Materie beweisen wollet«, und sodann der Geselle anzugeben hatte, wieviel von der ›Materie‹ er zu jedem der siebenundzwanzig Stücke bedürfe. Dies wurde ihm von den Meistern vorgemessen, die bei jedem Stück erklärten, ob es als gut, mittel oder verdorben anzusehen sei, und solches in einen Catalogum eintrugen. Darauf folgte der Tag, an dem der Geselle im Beisein der drei Prüfungsrichter jedes Stück aufzuzeichnen hatte, wozu ihm die Zeit von morgens vier bis abends fünf Uhr gegeben wurde. Dann konnte er mit der Anfertigung der siebenundzwanzig Stücke beginnen, wobei er täglich von den Prüfungsmeistern besucht wurde, die – nach Handwerksgebrauch – schweigend und kopfschüttelnd die fortschreitende Arbeit beobachteten und jedesmal auf Kosten des Gesellen einen Krug Söflinger zu sich nahmen. All das ging seinen gewohnten Weg, wie es Berblinger zu Haus und auf der Wanderschaft schon oft genug gesehen hatte. Nach drei Wochen war das übliche Werk beendet; nur noch das Prachtstück fehlte, mit dem er die fünf Monate seiner Wanderzeit auszugleichen hatte, das Festkleid für einen Geheimen Staatsrat. Lachend erklärte Herr von Baldinger, sich als Versuchskaninchen stellen zu wollen. Er habe den Berblinger von jeher gern gehabt, und seitdem er von seiner Tochter höre, daß der brave Geselle das Familienvieh, den Ali, gerettet habe, sei er dem kleinen Schneider einen Gegendienst schuldig. Er möge nur vorsprechen und Maß nehmen.

So kam für Berblinger wieder eine jener Stunden, die, wenn sie vorüber waren, ihm mehr wie ein Traum als wie greifbare Wirklichkeit erschienen. Diesmal sagte der Staatsrat nicht: »Mach's Maul auf, Bub!« Seine Begrüßung war freundlich, fast herzlich; aber Berblinger empfand es kaum. Er wußte, daß sie im Nebenzimmer war, und daher kam es wohl, daß der Staatsrat nur lachend fragte, ob er den ›Tatterich‹ habe. Sie mußte dies gehört haben, denn sie lachte auch; das scharfe, silberhelle Lachen, das er so wohl kannte und das ihm so wohl und weh zugleich tat wie nichts in der Welt. Da biß er sich in die Lippen, daß sie fast bluteten, und nahm sein Maß; ruhig und geschäftsmäßig genug, wie ein tapferes Schneiderlein, das er trotz aller Anfechtung sein Leben lang gewesen ist.

Kaum war er fertig, so trat auch sie ein, um ihn zu begrüßen. Da war das Lächeln wieder, das ihm alle Gedanken durcheinanderwirbelte, so daß er nur ein Gefühl hatte – Liebe, Liebe! zum Sterben, zum Vonsinnenkommen! Sie merkte zum Glück noch immer nichts davon oder tat wenigstens so, rief Ali, vor seinem Retter aufzuwarten, was Ali zu tun sich weigerte. Dafür erhielt er einen kleinen Klaps und wurde für diesen mit einem Ausbruch von Zärtlichkeit getröstet, der Berblinger ins Herz schnitt. Es war mehr Glück als Verstand, daß er die phantasievollen Ideen für seine wichtigste Arbeit unverwirrt nach Haus brachte und die Weste nicht nach den Maßen der Beinkleider zuschnitt.

Ein weiteres Glück war, daß er in der folgenden Woche keine Zeit hatte, nutzlosen Träumen nachzuhängen. Wirkliche harte Arbeit mit ihrem Segen erhielt ihn bei leidlicher Vernunft. Neben seinem Meisterstück mußte er für die nahe Zukunft sorgen, vor allem eine kleine Werkstatt mieten und ausstatten. Hierbei ging ihm der alte, stets halb betrunkene Bockelhardt mit rührendem Eifer an die Hand. Wein und Bier hatten den sinkenden Mann weich gemacht. Er war jetzt stolz auf seinen einstigen Lehrjungen, der von ihm kaufte, was an Werkzeug noch brauchbar war. Der Alte wollte später nur noch auf die Stör gehen und brauchte nicht mehr, als was ein Handkorb faßte. Dann war eine kleine Junggesellenwirtschaft einzurichten, deren Hauptsorgen ihm Glöcklens Schwägerin, eine achtbare Witwe, abzunehmen bereit war, wozu Meister Glöcklen beifällig nickte. War auch die Frau Schwägerin schon etwas reiferen Alters: Gescheiteres könnte ja nicht passieren, als wenn die zwei schließlich eine Dummheit machten, natürlich in Ehren. Endlich mußte er sich in aller Stille – denn die Meister sahen dies sehr ungern – die ersten Bestellungen für den Anfang seines Geschäfts sichern. Dies gelang über Erwarten. Der alte Brechtle oder Prächtle – beide Formen seines Namens waren noch nicht vergessen – hatte mehr Freude in Ulm, als er ahnte. Manche glaubten auch dem Onkel einen Gefallen zu tun, wenn sie im Spätherbst eine billige Sommerhose bestellten, und rechneten auf entsprechende Gegenleistungen. Geld erhielt er von Schwarzmann ohne Schwierigkeit, seitdem dieser ein förmliches Schuldenbüchlein für seinen Neffen angelegt hatte, kurz alles ging glatt und rasch seinem Ziel entgegen. Man sprach in der Stadt schon jetzt vom neuen Wiener Schneider, was allerdings den Zunftmeister Knöppel, der vor vierzig Jahren auch in Wien gewesen war, schwer ärgerte.

So kam der große Tag heran, an dem Bockelhardts Prätle zum Meister gesprochen werden sollte. Das Meisterstück war untadelig ausgefallen und in der oberen Zunftstube im ›Wilden Mann‹ aufgelegt, in der Mitte das reich verbrämte Festkleid des Geheimen Staatsrats, bei dem der Jungmeister seiner Phantasie freien Lauf gelassen hatte. Trotzdem bestand Knöppel, eigensinniger als gewöhnlich, auf jedem der halbvergessenen Gebräuche, die in seiner Jugend üblich gewesen waren. Berblinger mußte sich's gefallen lassen, drei Tage vor der Hauptfestlichkeit als Jungmeister vor offener Lade zurückgewiesen zu werden, und demütig bitten, die Herren Meister möchten mit ihm Geduld haben, worauf eine zweite Prüfung der siebenundzwanzig Teile des Meisterstücks vorgenommen wurde. Knöppel wollte noch immer da und dort zunftwidrige Schnitte und Stiche sehen, aber Glöcklen und Bockelhardt überstimmten ihn, und bei näherer Besichtigung des geheimrätlichen Staatskleids mußte endlich auch der gestrenge Obermeister zugeben, daß Berblinger würdig war, als Meister in die Zunft aufgenommen zu werden.

Wieder versammelte man sich vor offener Lade. Fünfundsechzig von achtzig Meistern, eine stattliche Schar, erschienen schon dem Rat Schwarzmann zulieb, der einen Ehrenplatz am Tisch der Vorsitzenden erhalten hatte. Auch der Magister Krummacher war geladen worden; man wußte, daß er als eine Art Vizevater Berblingers anzusehen war. Solch hohe Gäste hatte das Handwerk nicht jeden Tag zu empfangen. Um den Tisch, auf dem das Meisterstück ausgebreitet lag, drängten sich kopfschüttelnd und kopfnickend die Zunftgenossen und ließen jedes Stück von Hand zu Hand gehen, bis die Glocke des Obermeisters Ordnung und Ruhe in den Tumult brachte. Am Haupttisch hinter der Lade saßen die drei Zunftmeister und der Zunftschreiber in ihren Mänteln. Knöppel erhob sich und begann:

»Mit Verlaub und Gunst, ihr günstigen Meister von der ehrbaren Zunft der Schneider. Gott geb' euch besser Glück!«

»Dank dir, Gott willkommen!« antwortete der Chor.

»So mit Gunst, daß ich rede«, fuhr der Zunftmeister fort. »Albrecht Ludwig Berblinger, Bürger der weltberühmten Stadt Ulm und ehrlich Kind ehrsamer Eltern, so bei dem ehrsamen Meister Bockelhardt dahier in der Lehre gewest, auch seine Zeit verwandert nach Handwerksgebrauch, auch den Mutgroschen erlegt und sein Meisterstück angefertigt, auch erstmals abgewiesen worden nach Handwerksgebrauch und Sitte, meldet sich vor offener Lade zum andernmal, und alldieweil besagter Berblinger erfüllet, was einem ehrlichen Gesellen geziemet zu tun und zu lassen, so frage ich euch, günstige Meister allesamt, ob der Gesell' soll gerufen werden?«

Ein einstimmiges ›Ja‹ war die Antwort, worauf Berblinger vor den Tisch trat und sich tief verneigte. Knöppel aber begann aufs neue:

»Ich, der Obermeister der ehrsamen Zunft der Schneider in der weltberühmten Stadt Ulm, biet' Euch, Albrecht Ludwig Berblinger, Gott willkommen. Mit Gunst. Weil Ihr Euer Meisterstück mit Materie erwiesen habt, auch niemand nichts gegen Euch weiß vorzubringen, sei es ob Eurer Geburt, sei es ob Eures anhero geführten Lebens, so will ich kraft meines tragenden Amtes, das mir vom Großen und Kleinen Rat dieser weltberühmten Stadt Ulm anvertrauet, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Euch zum Meister gesprochen haben. So möget Ihr Euer ehrsam Handwerk treiben zur Ehre der ehrsamen Zunft, zu Nutz und Frommen dieser Stadt. Auch möget Ihr nichts tun noch lassen, als was Handwerksgebrauch gewest ist seit unsrer Vorvordern Zeit. Von wegen der drei heimlichen Artikel habe ich Euch zuvor belehrt und befragt und habt Ihr gelobt, sie treulich zu halten. So möge dies alles der dreieinige Gott gesegnen. Amen.«

Damit reichte er Berblinger über die Lade weg die Hand. Dasselbe taten die zwei andern Meister, von denen namentlich Bockelhardt tief bewegt schien. Dieser wollte die Hand seines alten Lehrlings fast nicht mehr loslassen. Denn er hatte als Vorbereitung auf das zu erwartende Meisteressen in der unteren Wirtsstube schon etwas mehr getrunken, als er zu führen vermochte, was mit der Zeit wenig genug geworden war. Dann kamen auch alle übrigen Meister heran und begrüßten den neuen Genossen, wobei jeder je nach seiner Art ein ernsthaftes oder spaßhaftes Sprüchlein beifügte, die meisten aber darauf hinwiesen: es sei hohe Zeit, daß nunmehr Meister Berblinger sich nach einer Meisterin umsehe. Unter allgemeinem Tumult wurde die Lade geschlossen, nachdem sich ein Teil der Meister bereits davongeschlichen hatte, um sich in der Wirtsstube einen geeigneten Platz für die Hauptfeierlichkeit des Tages, das Meisteressen, zu sichern.

Es verlief in großartigem Stil. Berblinger zeigte sich als gewandter und liebenswerter Wirt. Dem Herbergsvater war wohlbekannt, daß der Beutel des Rats Schwarzmann hinter Küche und Keller stand und daß der Herr Rat, wenn er einmal A gesagt hatte, auch B zu sagen wußte. Er saß ja selbst oben an der Tafel, zwischen Knöppel und Bockelhardt. Bald wogte ein Gefühl molliger Behaglichkeit durch die große, niedere Stube, in der niemand mehr die Not der Zeit zu fühlen schien. Ein Gericht drängte das andre: geröstete Schnecken und gebackene Froschschenkel, Ochsenfleisch und Kalbsbraten, Forellen und Hechte, Schweinsohren und Kalbshaxen, Gänse mit Schneiderfleck, Blutwurst und Sauerkraut, Schweinsbraten mit prägelte Spätzle, Torten und Kuchen – eine erstaunliche Speisefolge ohne papierene Voranzeige, die jede freudige Überraschung vernichtet und völlig unnötig war, da sich die Mehrzahl der Herren Meister jeder Anforderung an ihre Verdauungskraft gewachsen fühlten. Kein Kaiser des alten deutschen Reichs – das erkannte jeder mit vollem Munde an – hätte königlicher speisen können. Bier begann in Strömen zu fließen; Fäßchen um Fäßchen rollte mit freundlichem Donnergetöse in den Saal. Der große Zunfthumpen, ein riesiger Fingerhut, machte mit Burgunder gefüllt ruhelos die Runde, Neckar und Donau kämpften in friedlichem, aber immer lauterem Wettstreit um die Gunst der Herren Meister.

Anfänglich hörte man nur das Klappern von Messern und Gabeln, von Krugdeckeln und klingenden Gläsern. Bald aber summte ein wirres Reden, Lachen und Rufen durch den Saal, von Zeit zu Zeit unterbrochen von kurzen Trinksprüchen, deren uralte Witze stets aufs neue Stürme des Gelächters entfesselten. Immer toller wurde die Heiterkeit, immer dicker und dumpfiger die Luft. Jener eigentümliche und schöne Zug der Ulmer, eine derbe Selbstironie, die in der Verehrung des Ulmer Spatzen ihren bezeichnendsten Ausdruck findet, machte sich auch im Kreis der Herren Schneidermeister geltend. Nachdem die Lieder zum Ruhm des Handwerks durchgesungen waren, kamen auch andre an die Reihe, in denen sich seine Komik in kecken Sprüngen erging. Es gab Meister, die aus der Gesellenzeit her das Meckern so gut verstanden, daß man sie, wenn sie unter den Tisch krochen, von wirklichen Ziegenböcken nicht unterscheiden konnte, und gegen das Ende der Festlichkeit, als schon die Polizeistunde herannahte, wurde ein Preis- und Wettmeckern daraus, das die Nachbarschaft in Schrecken setzte. Schließlich erinnerte einer der Lautesten – nur solche vermochten sich noch verständlich zu machen –, daß ein alter, würdiger Brauch schon lange nicht mehr geübt worden sei und der Vergessenheit entrissen werden müsse – der hölzerne Bocksritt. Vergeblich protestierte der sonst für alles Alte schwärmende Zunftmeister. Er mußte seinen Nachbar und Gast, den würdigen Obermeister der Schiffer, ob der etwas geräuschvollen Zeremonie um Verzeihung bitten und der Sache ihren Lauf lassen. Sämtliche Anwesende setzten sich ritt- und rücklings auf ihre Stühle, faßten deren hohe Rückenlehnen mit beiden Händen und begannen, einer hinter dem andern, um die Festtafel zu hüpfen. Das ganze Haus dröhnte und zitterte, als der Festzug zur Türe hinaus- und die Treppe hinaufstürmte, um in dem nur vom Mondlicht erhellten Obersaal der Lade die schuldige Ehrerbietung zu erweisen. Von Zeit zu Zeit brach einer der Reiter krachend zusammen. Als die wilde Schar ins Speisezimmer zurückkehrte, war nur noch die Hälfte beritten und eine Tischordnung kaum mehr herzustellen; aber es war auch nicht nötig, denn es wußte niemand mehr, wo und wie er sitzen sollte.

Berblinger hatte sich anfänglich mit Erfolg bemüht, an dem derbfröhlichen Treiben teilzunehmen, und zu Ehren des Handwerks einen Trinkspruch ausgebracht, von dem die Ruhigeren noch nach Jahren sprachen. Damals, sagten sie, war der Berblinger noch ein Mann. Er habe sie stolz darauf gemacht, Schneider zu sein. Je lauter aber der Tumult wurde, um so stiller wurde er. Die Erschlaffung, die ihn überkam, hatte eine andre Ursache als die harte Arbeit der letzten Wochen und die Aufregung des Tags: das Ziel war erreicht; er konnte jetzt an etwas andres denken, und alte, halb unterdrückte Gedanken stiegen in ihm auf. War er dazu bestimmt, sein Leben lang den Bocksritt mitzumachen?

Schon vor einer Stunde, als die Festverwirrung ihren Anfang nahm, hatte sich Krummacher fast schüchtern an ihn herangemacht und drückte ihm die Hand.

»Nun bist du Meister, Brechtle«, sagte er. »Weiter hat es noch niemand gebracht. Sei's zufrieden.«

Berblinger schüttelte sich.

»Nun bin ich frei«, antwortete er, »und Ihnen dank' ich's.«

»Nicht mir, nicht mir!« wehrte Krummacher. »Das dankt jeder nur sich selbst und seinem Herrgott. Sieh, daß du frei bleibst.«

Berblinger gab den Händedruck zurück. War es der Wein – er mußte ja mehr trinken, als er gewohnt war – oder war es ein andres dumpfes, dunkles Gefühl, wie wenn er vor einer Gewalt stünde, der niemand entrinnen kann: es war ihm, als ob er von dem guten Pestilenziarius wieder einmal Abschied nehmen müsse. Aber das war ja Unsinn. Es war doch wohl der Wein.

Der Saal hatte sich zur Hälfte geleert, Schwarzmann war längst aufgebrochen, auch Knöppel und Glöcklen waren verschwunden. Bockelhardt lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief: der junge Meister konnte jetzt selbst gehen, ohne daß es jemand bemerkte, und fand Krummacher vor der Haustüre, auf ihn wartend. Sie gingen zusammen über den Weinhof und die Kronengasse hinauf, gegen das Münster. Auch der Pestilenziarius war etwas erregter als gewöhnlich und sprach von alten Zeiten, von dem kleinen Brechtle, mit dem er mensa dekliniert hatte, von seiner Mutter, und wie alles vergänglich sei, Leid und Freud', Liebe und Haß, Hoffnung und Verzweiflung. Darin liege des Menschen Glück, denn über all dem hinaus sei Friede, Freiheit und Friede.

Nur halb hörte ihm Berblinger zu, ein zufälliges Wort hatte ihn gepackt. Freiheit. Er fühlte, daß es keinen rechten Sinn gab, namentlich heute nicht. Aber auch der Pestilenziarius mußte es ja zugeben. Er war Meister, er war frei!

Vor Krummachers Häuschen trennten sie sich; es mochte Mitternacht vorüber sein. Der Ältere ging zur Ruhe, der Jüngere bog um die Südwestecke des Münsterturms, um nach dem ›Goldenen Hecht‹ zu kommen, wo er seit Monaten ein Stübchen gemietet hatte, in dem er heute zum letztenmal übernachten wollte. Er war erstaunt, im Mesnerhäuschen noch Licht und die Türe halb offen stehen zu sehen. Der geistliche Schuster war auch einer von denen, die nicht allzu regelmäßig zu Bett zu gehen pflegten. Berblinger warf einen Blick in das kleine Gemach. Der alte Mann, der an der Wand lehnte und zu überlegen schien, ob es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben, erkannte ihn sofort. Er schien in keiner Weise überrascht zu sein und eine Zwischenzeit von vier, fünf Jahren völlig vergessen zu haben.

»Brechtle«, sagte er stockend, »Besuche machen?«

Berblinger fuhr blitzartig ein Gedanke durch den Kopf, und dann summte er weiter wie der Kehrreim eines Lieds: Ich bin frei, ich bin frei!

»Ist der Turmwart oben?« fragte er.

»Wo wird er sein?« antwortete der Mesner. »Guckt noch immer mehr nach den Sternen als nach der Stadt. Kocht Teufelssalben – verrückter als je.«

»Wollt Ihr mich hinaufgehen lassen?« fragte der Schneider.

,›Hab' ich dir's einmal gewehrt?« brummte der Schuster und fing an, sich auszuziehen. »Nimm die Laterne und laß mich in Ruh.«

Berblinger überflog ein leiser Schauder, als ob er fühlte, daß ihn sein Schicksal packte. Er nahm die Laterne, die am alten Platz auf dem Fenstersims stand, und schlüpfte durch das Hinterpförtchen der Stube in das Innere des Münsterbaus.

»Bin ich nicht frei?« wiederholte er sich, während er in dem Gemäuer die ersten zwanzig Stufen hastig emporstieg. Dann ging er langsamer, aber festen Schritts weiter. Er wußte, daß er bis hinauf Herz und Lungen zu schonen hatte.


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